Sonntag, 19. Januar 2020

J. Wray & Nephew Special Reserve 12 YO Jamaica Rum

Liebe Rum Gemeinde,

vor einigen Monaten habe ich euch sehr umfangreich vom legendären J. Wray & Nephew Jamaica Rum 17 YO aus den 1940er Jahren berichtet. Etwas in dessen Schatten, gehörten aber auch noch einige andere Rums zum Portfolio des legendären Produzenten und einen dieser Rums stelle ich euch heute vor. Es geht dabei um den kleinen Bruder, den Special Reserve 12 YO, abgefüllt vermutlich in den 1960er Jahren.



Manchmal gehört eben auch ein wenig Glück dazu! Ja, eine doch sehr allgemeine Floskel, das gebe ich zu, aber im konkreten Fall findet sie nun einmal ihre Anwendung, schlicht, weil ich nicht ohne ein paar glückliche Fügungen an diese äußerst seltene Abfüllung gekommen wäre. Um die Geschichte der Flasche kurz zu umreißen: nach allem was ich weiß fand sie über eine Dame, die sie vor langer Zeit von einer Seereise mit nach Hause brachte, zu Gastronom und Bottler Christian Nagel (Our Rum & Spirits / Gasthaus im Brühl) und von diesem zu Raritäten-Kenner Rene van Hoven. Letzterer öffnete die Flasche in meinem Beisein auf der Cologne Spirits 2018, wo ich dann auch direkt den ersten Dram dieses besonderen Tropfens erstehen konnte. Im letzten Jahr kündigte Rene dann den Verkauf von einigen seiner Schätze an und ich erinnerte mich natürlich sofort an diesen J. Wray & Nephew und fragte an, ob auch diese Flasche verkäuflich sei. Das war sie glücklicherweise und so steht sie nun bei mir. Vielen Dank!

Label des J. Wray & Nephew Jamaica Rum 12 YO 


Über die Abfüllung selbst ist leider nicht besonders viel bekannt. Klar ist lediglich, dass sie vom Labeldesign her noch in etwa einigen Abfüllungen aus den 1940er und 1950er Jahren entspricht (auch ein 15 Jahre alter Rum von J. Wray & Nephew, der Ersatz Trader Vics im Mai Tai für den aufgebrauchten 17 YO, hatte ein solch designtes Label), allerdings eher aus den 1960er Jahren stammen dürfen. Dafür sprechen das Label, als auch die Flasche selbst. Zweifelsfrei ist, dass die Flasche ursprünglich aus den USA stammt und für deren Markt vorgesehen war. So ist der Inhalt mit 4/5 Quart (0,75 Liter) und einem Alkoholgehalt von 86 Proof (43% vol.) angegeben. Als Importeur ist Schieffelin & Co angegeben, eine 1794 gegründete Firma, die sich über einige Umwege heute im Besitz des Spirituosen-Multis Diageo befindet.

Ein paar weitere Informationen zu J. Wray & Nephew Ltd. findet ihr hier!


Im heutigen Tasting werde ich den 12 YO natürlich, zumindest in der Nase, auch mit seinem 17 jährigen berühmten Bruder vergleichen. Da der jüngere der beiden nicht oxidiert ist, ist vom Gaumen heute glücklicherweise etwas mehr zu erwarten, als das noch beim 17er der Fall war, aber na klar ist ein direkter Vergleich daher nur eingeschränkt möglich. Dennoch bin ich gespannt auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede. 

J. Wray & Nephew Special Reserve 12 YO Finest Jamaica Rum vs. J. Wray & Nephew 17 YO Jamaica Rum


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Verkostung des J. Wray & Nephew 12 YO Jamaica Rum:

Preis: unbezahlbar.

Alter: der Rum reifte 12 Jahre in Eichenfässern. Da es sich, wie beim 17 YO z.B. auch, um eine Standardabfüllung gehandelt hat, gibt es weder einen angegebenen Jahrgang noch ist bekannt, wann genau der Rum abgefüllt wurde. Die Flasche wurde allerdings schon mehrfach auf die 1960er Jahre datiert.

Lagerung: die Reifung fand komplett auf Jamaica in tropischem Klima statt.

Fassnummern: unbekannt.

Angel's Share: unbekannt. Man kann aber davon ausgehen, dass er entsprechend der tropischen Reifung bei mindestens 50% gelegen hat.  

Alkoholstärke: der Rum weist 43% vol. auf - verdünnte Trinkstärke!

Destillationsverfahren: gebrannt wurde der Rum damals sehr wahrscheinlich noch ausschließlich in Pot Stills. 

Mark: unbekannt.

Farbe: dunkles Mahagoni. 

Viskosität: viele satte, sehr eng und parallel verlaufende Schlieren rinnen an der Glaswand herab. Der Rum mutet für einen so stark verdünnten Rum doch schon sehr fett an. 

Nase: oh ja, da kommt noch ganz viel Old School Feeling rüber! Es besteht direkt und ganz unmittelbar nicht der geringste Zweifel darüber, dass ich es hier mit keinem Jamaicaner aus heutiger Zeit zu tun habe, sondern dass hier ein Destillat aus früheren Tagen vor mir steht. Solche Rums werden heute leider nicht mehr produziert. Die Nase stellt sich wunderbar tief und kräftig ein, ein volles, sehr typisches Rum Aroma kommt mir entgegen. Alkoholische Schärfe empfinde ich zu keinem Zeitpunkt. Insgesamt macht der Rum einen sehr vegetalen Eindruck. Ich habe viele pflanzliche Komponenten, wie frisch geschnittenes Geäst, Moos, Jägermeister, etwas Leder, karamellisierten Zucker, aber auch etwas Birne. Dazu kommt ganz dezent Menthol und einiges an Holz, aber eher in modriger Art und Weise, also schon gut feucht. Die Verwandtschaft zum 17 YO J. Wray & Nephew ist da, etwa wenn sie mich entfernt an Rums aus Gardel erinnern, aber beide Rums weisen doch auch schon erhebliche Unterschiede zueinander auf. So empfand ich den 17 YO als wesentlich komplexer, den 12er dagegen als etwas intensiver. Beide Rums faszinieren mich in der Nase allerdings ungemein, so dass ich wirklich dankbar bin, dass ich die Möglichkeit habe solche Vergleiche ziehen zu können, das ist wirklich grandios! 

Gaumen: zunächst machen sich am Gaumen mal die 43% vol. bemerkbar, allerdings nicht positiv. Leider ist die Verdünnung diesem ansonsten erst einmal sehr delikat anmutenden Tropfen nicht besonders bekommen und die Frage, wie solch ein Rum wohl mit 50% vol. oder mehr geschmeckt hätte drängt sich einem in geradezu wehmütiger Weise auf. Es ist wirklich ein Jammer, dass damals wie heute häufig eine derartige Menge Wasser in solch hochklassige Spirituosen gekippt und deren Genuss damit massiv beschnitten wird. Leider haben das bisher noch immer vor allem die unabhängigen Abfüller begriffen, so dass die Originalabfüller da nach wie vor Nachholbedarf haben. Das ist sehr schade! Ansonsten fallen meine Eindrücke sehr gut aus, ich empfinde den Rum grundsätzlich als überaus gelungen. Ich habe wiederum Parallelen zu Gardel. Frische und Fruchtigkeit wechseln sich ab mit Muff und vegetalen Eindrücken. Im Hintergrund finde ich dazu noch etwas leicht blumig-pafümiertes. Was mir eben fehlt, ist so ein wenig die Konsistenz. Selbst wenn man ihn lange im Mund behält, mag der Rum nicht wirklich cremig werden. Da hat der Alkoholgehalt wirklich Schaden angerichtet. Etwas besser wird es, wenn man sehr große Schlücke nimmt. Dann fällt die Verdünnung insgesamt auch weniger ins Gewicht.

Abgang: nussig, vegetal, ich habe auch ein wenig geschnittenes Geäst. Insgesamt eher unspektakulär und nicht besonders langanhaltend.

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Fazit: früher war einiges anders, aber bei weitem nicht alles besser! Ja, das Profil dieser alten Rums ist definitiv etwas besonderes, sehr außergewöhnliches und in Teilen auch unwiederbringliches, aber die starke Verdünnung verhindert leider ebenso oft einen ungetrübten Genuss und gerade ich persönlich stehe mit Wasser im Rum leider sehr auf Kriegsfuß. Unverdünnt oder zumindest wesentlich weniger drastisch verdünnt wäre dieser Rum ein ganz, ganz großer, der es sicher spielend über die 90 Punkte geschafft hätte. So aber ist er "nur" sehr gut. Davon abgesehen ist der J. Wray & Nephew Special Reserve 12 YO Jamaica Rum natürlich auch und vor allem eine flüssige Geschichtsstunde, und ich habe das Schulfach Geschichte seinerzeit geliebt. Insofern kann und möchte ich, von der enormen Verdünnung abgesehen, also auch gar nichts weiteres negatives zu diesem Rum ins Feld führen und bin froh, diese besondere Abfüllung in meinem Bestand zu wissen. Dementsprechend möchte ich jedem dem sich die Möglichkeit eröffnet solch alte Tropfen mal ins Glas zu bekommen empfehlen, diese dann auch unbedingt wahrzunehmen. Nicht jeder alte Tropfen ist ein Knaller, aber einige sind es definitiv wert gekostet zu werden und der heutige Rum gehört definitiv dazu! Ein herzliches Dankeschön geht abschließend in die Niederlande an Rene, der mir die Flasche überließ. Get well soon!

-85/100-

Bis demnächst
Flo

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