Sonntag, 29. März 2020

Thoughts - "... hier gibt es heute nichts zu sehen!"

Liebe Rum Gemeinde,

heute lest ihr einen der vermutlich kuriosesten Beiträge, die ich je für BAT geschrieben habe, dadurch nämlich, dass ihr vor allem einen Beitrag nicht lest, den ich zwischendurch für heute geplant hatte einzuwerfen. Ihr seid verwirrt? Zurecht!



Anfang der Woche habe ich getan, was ich häufig tue. Ich habe zwei neue Samples erhalten und diese dementsprechend auch verkostet (s. Bild). Sie haben mir nicht sonderlich gut gefallen, was ich in einer Ankündigung zu den betreffenden Rums auch kurz und in einem Satz verlautbaren habe lassen, und eine Vorstellung hier auf BAT war, getreu meiner Philosophie, dementsprechend nicht vorgesehen. Als aber erst, mit einem stupiden Hinweis auf das noch nicht erreichte Release-Datum, quasi negiert wurde, dass ich die Rums überhaupt im Glas hatte und nachdem am nächsten Tag unter viel Tamm Tamm dann in einer Weise auf die Marketing-Kacke gehauen wurde, dass es mich wirklich geschüttelt hat, war schließlich der Punkt fast erreicht, an dem ich mich für einen kurzen Moment dazu entschlossen hatte, die Rums hier doch vorzustellen und sie als das zu entlarven was sie sind: absoluter Durchschnitt, der sich in seiner grundsätzlichen Qualität zwar natürlich von Señor Popo und Konsorten abhebt, der darüber hinaus aber keinen fortgeschrittenen Connaisseur auch nur im Ansatz hinter dem Ofen hervor locken kann. Rum im Bereich zwischen 75 und 80 von 100 Punkten, der aber angepriesen wurden wie High End. Ihr wisst: normal lest ihr hier nur von Rums, wenn sie mich wirklich begeistern, oder wenn sie zumindest eine gewisse Relevanz oder einen Erkenntnis-Gewinn mit sich bringen. Und es benötigt schon ein wahnsinniges BS-Level bei gleichzeitig suggerierter hoher Qualität, um mich da von meinem Weg abzubringen. Die letzten die das geschafft hatten, waren Rom Deluxe mit ihrem 10er DOK. Wofür auch immer die 10 stand... *hand meets forehead*. Damals konnte ich einfach nicht anders, als dazu deutliche Worte zu finden. 

Jetzt, Anfang/Mitte der heute ausgehenden Woche, juckte es mir auf ähnliche Weise in den Fingern und ich hatte schon eine ziemlich ausformulierte Version eines Manifests des Unmuts in den Laptop gehauen, zum Posten bereit, bevor ich sehr abrupt stoppte. Warum? Weil ich, wie ich es auch drehte und wendete, doch zu dem Schluss kam, dass das den betreffenden Rums a) mehr Aufmerksamkeit und Bühne eingebracht hätte als sie momentan genießen und erst recht als sie verdienen und b), sich mein Unmut ja auch weniger gegen die Rums selbst richtete (die Rums selbst liefern genau das, was die Eckdaten versprechen), als vielmehr gegen ihr Marketing, das wesentlich besseren Rum suggeriert als meines Erachtens wirklich drin ist. Und letztlich habe ich es auch deshalb bleiben lassen und mich stattdessen zu diesem kurzen Text hier entschlossen, um zu demonstrieren, dass es immer eine Alternative zum "Veröffentlichen"-Button gibt. Weil ich denke, dass es manchmal auch einfach besser ist die Klappe nicht ganz so weit aufzureißen, als sich in die Riege derer einzureihen, bei denen ich mir doch gewünscht hätte, sie hätten es ebenfalls bleiben lassen.

In diesem Sinne: "Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es heute nichts zu sehen!" ;-) 


Bis demnächst,
(dann natürlich auch wieder mit flüssigem Content!)
Flo

Sonntag, 22. März 2020

Velier HP Heavy Trinidad Rum 17 YO Caroni 1994

Liebe Rum Gemeinde,

nachdem es hier zuletzt um brandneue Releases wie den RA 25 YO REV 1994 ging, ist heute wieder Legenden-Zeit! Das Sample stand bereits seit langem bei mir und noch länger habe ich mich auf die Verkostung dieses Tropfens gefreut. Heute kommt also mal wieder ein Caroni aus einem meiner absoluten Lieblings-Jahrgänge der geschlossenen Destillerie: es geht ins Jahr 1994!



Wer meine Aktivität bei Facebook in den einschlägigen Rum Gruppen aufmerksam verfolgt, dem ist möglicherweise vor einigen Wochen ein Foto aufgefallen, das nahezu die gesamte Caroni 1994 Range im Glas zeigte. Crosstasting! Einige Rums aus 1994 habe ich hier auf BAT schon verkostet, aber einige fehlten bisher auch noch komplett. Diese Lücke wird nun geschlossen, indem ich euch zunächst heute den 17 jährigen High Proof von Velier vorstelle, dessen Label glaube ich fast jeder schon mal irgendwo gesehen hat, und in Kürze dann auch den Full Proof dazu hinterher schiebe, der nach meinem Empfinden eher weniger bekannt und verbreitet ist. Und zum krönenden Abschluss, das könnte aber noch einige Zeit dauern, möchte ich dann auch noch eine hier bereits vorgestellte und weniger gut bewertete Abfüllung nochmals besprechen und quasi rehabilitieren. Doch jetzt erstmal ins Jahr 2011, als mit dem 17 YO High Proof der allererste Velier Caroni aus 1994 erschien. 

Es ist, ich riss das eben bereits kurz an, eines der wohl ikonischsten Label aus der gesamten Caroni Range von Velier: das Portrait des Manns mit Strohhut, der mit stolzem aber freundlichen Blick auf Trinidad Zuckerrohr erntet. Für mich ganz persönlich ist dieses Label eines der tollsten, die für die Serie je ausgewählt wurden! Ich weiß, das ist schon auch sehr subjektives Gefühl, aber wohl kaum ein anderes Label bringt einem die Karibik gefühlt so nahe, weil eben eine Art direkte Begegnung stattfindet. Wer das jetzt alles für ganz großen BS und über-emotionales Gerede hält, der möge bitte zum Review vor scrollen, ich habe sogar Verständnis dafür, wenn euch das so ergeht, aber eventuell fühlt sich der eine oder andere da draußen ja ähnlich eingefangen wie ich, weiß was ich meine und teilt meine Leidenschaft dafür. Freilich reicht ein schönes Label allein noch nicht, um mich für einen Rum zu begeistern, das ist klar, und da kennt ihr mich glaube ich auch hinreichend, wohl aber um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Das hat der Rum an dieser Stelle definitiv bereits geschafft und deshalb sehen wir uns jetzt an, was er im Glas kann!

Für mehr Informationen zu Caroni im Allgemeinen: einmal hier klicken



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Verkostung des Velier 17 YO HP Caroni 1994:

Preis: der Ausgabepreis wird 2011 bei ca. 60,- bis 80,- Euro gelegen haben. Heute kostet eine Flasche ca. 400,- bis 500,- Euro. 

Alter: von 1994 bis 2011 reifte der Rum 17 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand von 1994 bis 2008 auf Trinidad und von 2008 bis 2011 bei DDL in Guyana statt.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden 23 Fässer verwendet und 7142 Flaschen abgefüllt. Damit zählt diese Abfüllung bereits zu den auflagestärksten überhaupt unter den Velier Caronis, was auch erklärt, warum man ihn noch relativ häufig in freier Wildbahn sieht.  

Angel's Share: ohne Angaben. Anhand anderer Abfüllungen muss aber von mindestens 70% ausgegangen werden, eher mehr. 

Alkoholstärke: High Proof - der Rum hat eine Trinkstärke von 52% vol.

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR - Heavy Trinidad Rum

Farbe: Mahagoni, minimal heller als sein Pendant, der Full Proof. Im Vergleich bemerkt man die Verdünnung. 

Viskosität: der Rum bildet weite Kronen an der Glaswand und läuft dann in weiten und regelmäßigen Schlieren ins Glas zurück.

Nase: WOW! UNfassbar gute Nase! Mir steht hier erst einmal wirklich der Mund offen, so sehr haut mich diese Nase augenblicklich um! Ich liebe die Caroni HTR Nasen ja grundsätzlich sehr und die sind eigentlich auch bei allen besseren Velier phänomenal, soweit nichts besonderes, aber das hier ist nochmal eine andere Liga! Alles, wirklich ALLES was Caroni ausmacht, wenn man auf die tropisch gereiften Top-Jahrgänge von Velier steht, finde ich in dieser Nase und zwar ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde irgendwie danach suchen zu müssen! Kennt ihr diese Momente im Kino, wenn eine Szene so sagenhaft gut ist, dass man am liebsten aufstehen und Beifall klatschen möchte? So ungefähr müsst ihr euch das gerade vorstellen bei mir. Ich habe mir zum direkten Vergleich den 17 YO Full Proof aus 1994 daneben gestellt, zu dem ich euch dann in Kürze auch etwas mehr erzählen werde. Der hat das in der Nase auch alles, aber viel konzentrierter, verwobener, nicht ganz so leicht zugänglich. Hier allerdings ist das ein Feuerwerk, für aller Augen sichtbar! Von dreckigen Komponenten wie Lösungsmittel, Holzlack, Teer und verbranntem Gummi, über fruchtige Parts von Mango und Papaya, bis hin zu würzigem Anis und wunderbar eingebundenen Tanninen, die hier bei nur 17 Jahren Reifezeit noch sehr viel dezenter auftreten als bei späteren 1994er Caronis, finde ich hier nahezu alles wieder! Reif, ausgewogen, komplex, voll und reichhaltig kommt dieser Caroni daher. Dass sich der Alkoholgehalt in keiner Weise negativ bemerkbar macht, brauche ich vermutlich nicht zusätzlich erwähnen. Extraklasse!

Gaumen: am Gaumen bemerkt man die Verdünnung auf 52% vol. dann ad hoc doch sehr. Der Rum ist nicht im klassischen Sinne verwässert, aber auch nicht mehr weit davon weg! Kleinere Schlücke machen hier nicht so viel Spaß wie üblich bei stärkeren Rums, da muss man das Glas schon ordentlich ansetzen. Der Alkohol sticht oder brennt hier nahezu überhaupt nicht, insofern lässt der Rum größere Schlücke auch gut zu. Geschmacklich allerdings zieht sich die enorme Klasse dieses Rums auch am Gaumen durch! Keine Fehlnote, nichts was irgendwie stören würde! Ich habe auch hier Heavy Caroni-Guyana Stock-typische dreckige als auch süße, fruchtige und würzige Parts, die in guter Ballance zueinander stehen. Peripher kommt immer wieder diese extrem geile Caroni-Anis-Lack-Note mit tollem, natürlich-süßen Touch durch. Ja, schwer zu beschreiben. Aber das ist wirklich extrem gut! Dieser Rum wäre perfekt in der Extra Strong Reihe gewesen! 

Abgang: warm und dreckig-fruchtig geht der Rum nach unten. Dann trockener werdend. Wenn es hier etwas zu kritisieren gäbe, dann dass der Rum auf Grund seiner Verdünnung etwas zu kurz am Gaumen verweilt, aber das ist schon Jammern auf hohem Niveau!

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Fazit: ein außergewöhnlich guter Caroni, dafür, dass er nur 52% vol. hat, vermutlich sogar der beste überhaupt mit so geringem Alkoholgehalt! Absoluter Flash-Moment war natürlich die Nase. Solche First Flash Momente, in denen es mich vor Begeisterung richtig in den Sessel drückt, habe ich normalerweise nur bei Hampden, aber hier war das auch gegeben. Und nach dem ersten Flash ist der zweite Moment dann auch schon: "Verdammt, ich brauche eine ganze Flasche davon!". Der dritte Moment ist dann folgerichtig der sehr ernüchternde Blick auf's Preisschild. Preis und Verfügbarkeit sind es die etwas dagegen haben, dass man diesen Tropfen als Everyday Sipper bei sich zu stehen hat, dazu wäre er nämlich bestens geeignet. Und: im Grunde ist DIESER Caroni für mich derjenige, den ich einem Neuling hinhalten müsste, wenn man ihm klar machen wollte, warum so unfassbar viel Geld für diese Rums ausgegeben wird. Ohne einen Schluck trinken zu müssen, würde der Groschen hier sofort fallen, eben weil insbesondere die Nase so absolut hervorragend ist! Der Gaumen leidet na klar etwas unter der Verdünnung, was am Ende eine noch höhere Bewertung verhindert, aber da gibt es ja zum Glück auch noch den Full Proof! Im Teil zum Gaumen sagte ich es bereits, aber ich möchte es auch hier im Fazit nochmal festhalten: dieser Rum wäre der absolute König der Extra Strong Reihe gewesen, in die er mit seinem geringen Alkoholgehalt gut reingepasst hätte!

-94/100-

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 15. März 2020

RA Jamaica Rum 10 YO New Yarmouth 2009

Liebe Rum Gemeinde,

nachdem der letzte Woche hier vorgestellte RA Guyana Rum 25 YO Enmore REV 1994 wie eine Bombe eingeschlagen hat und am vergangenen Freitag blitzschnell ausverkauft war, möchte ich euch heute auch schon die nächste Abfüllung aus der Frühjahrs-Release-Welle von RA vorstellen, einen zehn Jahre alten Jamaica Rum aus der New Yarmouth Destillerie aus dem Jahr 2009!



Ihr Lieben, ich muss gestehen: ja, eigentlich wollte ich zu New Yarmouth längst schon mal etwas bringen hier auf BAT, denn es gab da ja schon ein paar sehr gute Vertreter des Jahrgangs 2005, beispielsweise von CDI und vor allem von 1423. Kommt auch noch! Versprochen! Nun hat Rum Artesanal aber als meines Wissens nach erster Abfüller einen New Yarmouth aus dem Jahr 2009 an den Start geschickt und dementsprechend werde ich diesen heute dann auch etwas gesondert behandeln und noch nicht allzu detailliert auf Vergleiche zum 2005er Batch eingehen. Leider habe ich, auf Grund dessen, dass Zeit bei mir zuletzt häufiger Mangelware war, zu New Yarmouth bisher noch nicht wirklich viel an Background Informationen recherchiert, was wohl auch mit ein Grund dafür war, dass die 2005er hier noch nicht besprochen wurden. Der andere Grund ist, dass mich der Rum um den es heute geht schon auch ziemlich überrascht hat, wenn gleich ich dazu an dieser Stelle noch nicht zu viel verraten möchte. Da ich euch aber auch nicht ganz "unbewaffnet" mit Wissen in das Review schicken mag, werde ich euch hier einen kurzen Abriss zu New Yarmouth darlegen:


New Yarmouth - ein kurzer Überblick:

New Yarmouth ; Source: thelastgreatgreathouseblog.wordpress.com
Wann genau New Yarmouth auf Jamaica gegründet wurde und wann es anfing Rum zu produzieren konnte ich bisher noch nicht gesichert in Erfahrung bringen. Fest steht aber, dass New Yarmouth schon sehr alt ist und seine Geschichte zurück bis ins 18. Jahrhundert reicht und auf die Familien Carver und Ward zurück geht. Somit hat auch diese Destillerie, wie auch z.B. Hampden oder Long Pond, ein schwarzes Kapitel namens "Sklaverei" in seiner Chronik, die erst in den 1830er Jahren abgeschafft wurde. Die Destillerie liegt im Süden Jamaicas, im Parish Clarendon. Im Gegensatz zu Hampden, Long Pond oder Appleton ist New Yarmouth relativ unbekannt und war bis ins Jahr 2017, als CDI als meines Wissens erster unabhängiger Abfüller einen reinen New Yarmouth Rum bottlete, außerhalb von Jamaica im Grunde nur  absoluten Nerds ein Begriff. New Yarmouth produziert Rums mit einem Estergehalt zwischen 95 und 1.600 gr/hlpa und besitzt damit nahezu die gleiche Spannweite an Stilen wie Hampden. Warum der Hampden-Vergleich? Nun, vor allem weil die Rums am Ende wohl am ehesten mit denen aus Hampden zu vergleichen sind.


Hier eine Übersicht über alle Marks von New Yarmouth:

Distillery Mark Explanation Ester (gr/hlpa)
Jamaican Ester Level
NYE / P. New Yarmouth Estate /
P.(lummer?)
95-150 Common Clean
NYE / W. New Yarmouth Estate /
W.(edderburn?)
150-250 Plummer/ Wedderburn
NYE / CR New Yarmouth Estate / CR 250-350 Wedderburn;
Out of Range
NYE / HM New Yarmouth Estate / HM 500-700 Out of Range
NYE / RR New Yarmouth Estate / RR 900-1000 Continental Flavoured
NYE / WM New Yarmouth Estate / WM 1300-1400 Continental Flavoured
NYE / WK New Yarmouth Estate / WK 1500-1600 Continental Flavoured



Anders als bei Hampden lassen sich die Marks bei New Yarmouth noch kaum bis gar nicht auflösen. Um dahinter zu kommen, ist es immer eine Idee sich berühmte Persönlichkeiten der Destillerie, ehemalige Destillerien, die vllt. übernommen wurden, oder Stile der Vergangenheit genauer anzusehen. Häufig finden sich dann Initialen in den Marks wieder. Bei New Yarmouth funktioniert das nicht so einfach. Es gibt in dessen Geschichte die Familien Carver und Ward, es gibt die Estates Rymesbury und Whitney und es finden sich dazu auch Buchstaben in den Marks wieder, aber eindeutig zu zu orten ist da leider noch nichts. Aber das war bei anderen Destillerien früher auch nicht anders und inzwischen ist da vieles aufgelöst. Insofern: so geht es immer los mit der Jagd nach Informationen und insofern bin ich zuversichtlich, da auch noch mehr herauszubekommen. 

New Yarmouth produziert seinen Rum normalerweise ausschließlich für J. Wray & Nephew oder Rum Marken, die von J. Wray & Nephew beliefert werden. So wird z.B. der White Overproof bei New Yarmouth hergestellt und angeblich stammen auch die Coruba Rums von dort. Aber es haben nun auch New Yarmouth der Jahrgänge 2005 und 2009 zu den unabhängigen Abfüllern geschafft und vielleicht kommen da ja sogar noch mehr. Wer weiß. Der Jahrgang 2009, so wird es für den RA angegeben, hat einen Estergehalt von ca. 750 gr/hlpa. Insofern dürfte er entweder das Mark HM oder RR tragen. Genau lässt sich das derzeit leider nicht bestimmen.

Im Sinne der Transparenz sei erwähnt, dass ich ein kostenloses Sample dieses Rums von Dominik (RA) zur Verkostung erhielt. 

Source: Rum Artesanal


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Verkostung des RA Jamaica Rum 10 YO New Yarmouth 2009:

Preis: für 43,95 Euro UVP bekommt man eine 0,5 Liter Flasche dieses Jamaicaners. 

Alter: von Dezember 2009 bis März 2020 durfte der Rum im Eichenfass reifen.

Lagerung: der Rum kam als frischer Bulk nach Großbritannien und lagerte dementsprechend die gesamte Zeit der Reifung über in kontinentalem Klima.

Fassnummer: #190 ergab insgesamt 289 Flaschen zu je 0,5 Liter.

Angel's Share: ca. 11% gingen an glückliche Engel! 

Alkoholstärke: mit 66,9% vol. haben wir hier ein echtes Fassstärke-Brett vor uns!

Destillationsverfahren: der Rum stammt aus einer Pot Still.

Mark: das Main Mark lautet JNY, allerdings zählt dieses nicht zu den offiziellen Marks von New Yarmouth. Laut des angegebenen Ester-Gehalts müsste das Original-Mark entweder NYE / HM lauten, oder aber NYE / RR.

Farbe: kräftiges, dunkles, goldenes Stroh.

Viskosität: der Rum bildet unregelmäßige, fette Schlieren an der Glaswand.

Nase: leicht stechender Alkohol zu Beginn, aber nicht unangenehm, zumal nicht bei einem Rum mit fast 67% vol.! Ich habe sofort sehr kräftige Ester in der Nase, die mit ihrem ganzen Klebstoff und Desinfektionsmittel direkt und unweigerlich an Hampden erinnert. Blind würde ich vielleicht wohl auch auf Hampden tippen, denn ich empfinde beide Stile als sehr, sehr ähnlich. Bewusst verkostet zeigen sich nach einiger Zeit allerdings auch Assoziationen, z.B. welche zu Keksteig, die ich mit Hampden nicht in Verbindung bringe und die somit verraten, dass es sich um keinen Rum von dort handelt. Zudem hat der Rum nicht ganz diese Intensität, mit der Hampden immer wieder ums Eck biegt und welche sie durch ihren einzigartigen Fermentationsprozess erreichen. Dennoch: ich glaube nicht, dass ich das Blind erkennen würde, was unterstreicht, dass wir hier allenfalls über Nuancen sprechen, die auch bewusst nur über einen großen Erfahrungsschatz in diesem Bereich auseinander gehalten werden können. Im Bouquet finde ich ein Potpourri an vielen Zitrusnoten, Marzipan, Vanille, Humus, Banane und etwas parfümiertem. Ihr merkt auch hier: das klingt alles nicht weit weg von Hampden und gefällt mir wirklich gut! Zumal mit zunehmender Zeit im Glas die doch noch recht jugendliche und frische Anmutung, die der Rum zu Beginn noch hat, einem eher vollen, reichhaltigen und ausgewogenen Eindruck weicht. Für "nur" zehn Jahre auf dem Kontinent finde ich das schon extrem stark! Der Rum ist in der Nase nicht der komplexeste, aber auch das hat er mit vielen Hampden gemein!

Gaumen: am Gaumen bemerke ich dann zunächst vor allem erst einmal zwei Faktoren, die die Nase noch sehr gut versteckt, bzw. eingebunden hat: einmal sein noch jugendliches Alter und zum anderen sein extrem hoher Alkoholgehalt. Ich habe zunächst einen größeren Schluck genommen und der ballert ganz schön rein! Hui, ja, da hat's richtig gescheppert kurz! Vor allem zeigt sich der Rum in der Folge mal adstringierend ohne Ende. Das habe ich in der Form schon länger nicht mehr erlebt! Es zieht mir regelrecht die Mundschleimhäute zusammen und legt den ganzen Mundraum trocken, so dass die Speichelproduktion natürlich in vollen Touren anläuft. Dementsprechend dauert es doch einige Zeit, bis der Rum gezügelt werden kann und dann sanft auf der Zunge liegt. Ich empfehle hier also eindeutig eher kleinere Schlücke, dann wird es nämlich recht entspannt, bei größeren dagegen sonst wirklich heftig. Der Alkoholgehalt, auch wenn man da gerade einen anderen Eindruck gewinnen konnte, ist meines Erachtens extrem gut ins Destillat eingebunden. Klar, 67% vol. sind kein Kindergeburtstag, aber ich kenne genug Rums, die im Vergleich auch bei kleinen Schlücken und diesem Alkoholgehalt noch gut brennen. Der New Yarmouth erinnert auch am Gaumen in allem sehr an Hampden, vielleicht sogar noch einen Ticken mehr als in der Nase. Das ist schon eine extrem nahe Verwandtschaft! Mit zunehmender Zeit am Gaumen wird der Rum dann trockener und bitterer und bekommt einen Macadamia-Touch. Auch hier finde ich das Ergebnis nicht zuletzt im Hinblick darauf sehr bemerkenswert, als dass der Rum eben "nur" zehn Jahre kontinental gereift wurde, man ihm dies aber nicht zwingend anmerkt. Im Gegenteil, für mich wirkt der Rum stellenweise sogar extrem ausgereift, gerade, weil ich bei diesen Highest Ester Vertretern auch wirklich keine Reifung bis zum im wahrsten Sinne des Wortes bitteren Ende brauche. Nein, der wirkt schon sehr auf den Punkt!

Abgang: der Abgang gestaltet sich trocken, bitter und weniger an Jamaica erinnernd, wie man das beispielsweise von Hampden kennt. Diese Endlos-Abgänge, kombiniert mit den immer wiederkehrenden nachhallenden Einschlägen am Gaumen bekommt in dieser Form so niemand anderes hin bisher. Hier zeigt der Rum vermutlich die größte Eigenständigkeit im Vergleich zu Hampden, dann nämlich, wenn mich der Abgang ein wenig an Weizenbier erinnert.

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Fazit: New Yarmouth ist für mich bisher der Stil, der Hampden mit Abstand am nächsten kommt! Dass das überhaupt möglich sein könnte hielt ich lange Zeit tatsächlich für unmöglich, aber der Beweis steht vor mir. Nun ist das mit Ähnlichkeiten ja allerdings auch immer so eine Sache, selbst bei Ähnlichkeiten zu Erstrebenswertem. Warum New Yarmouth, wenn die Ähnlichkeit so groß und die Versorgungslage mit Hampden bestens ist und in Zukunft sicher auch noch besser wird? Aktuell spricht, insbesondere für die heute besprochene RA Abfüllung gilt das in höchstem Maße, sicherlich noch der Preis für New Yarmouth, da diese eher unbekannte Destillerie noch nicht vollkommen überhyped ist, während die Preise für Hampden immer weiter nach oben schießen. Sollte sich das ändern, fürchte ich aber, könnte mir bei New Yarmouth so ein wenig das Alleinstellungsmerkmal fehlen. Schon bei den 2005ern hatte ich schnell dieses Empfinden eines One Trick Ponys. Die Rums sind hervorragend, fesseln mich aber unter Umständen nicht sehr lange! Dieser New Yarmouth aus 2009 kommt da ein wenig anders daher, auch, weil er noch etwas jünger ist. Hier kann ich mir, gerade ob des Preises, leckere Mai Tais sehr gut vorstellen und glaube, dass der Rum auch nicht selten dazu genutzt werden dürfte. In jedem Fall bieten RA hier wohl unbestritten einen, wenn nicht sogar schon DEN, PLV-High Ester-Jamaicaner des Jahres! Zu diesem Kurs kann man da mal so gar nichts falsch machen, so man ihn denn noch bekommt, denn mein Gefühl sagt mir, dass der ähnlich begehrt war und ist wie der REV - zurecht! Ich gehe nicht davon aus, dass man einen Rum dieses Profils in Zukunft noch einmal zu einem solch starken Preis bekommen wird! 

-90/100-

Bis demnächst,
Flo



Quellenhinweise: