Freitag, 1. Mai 2026

The Virtues -Chastity- Hampden Jamaica Rum 1983

Liebe Rum Gemeinde,

Früher als ursprünglich geplant haben Distilia und Rob Bauer den neuesten Teil ihrer Virtues-Serie releast. Und da es sich dabei um nicht weniger als einen richtig alten, kontinental gereiften Old School Hampden handelt, war mein Interesse dementsprechend schnell geweckt!


Doch der Reihe nach: schon die gemeinsame "Sins"-Serie, deren Long Pond 1983 ich vor nicht ganz zwei Jahren als bislang letzten Rum überhaupt hier auf BAT auch besprochen habe, war für Distilia und Rob Bauer ein Riesenerfolg! Das Konzept war dabei klar: maximale Qualität ohne Kompromisse und bei jeder der gewählten Spirituosengattungen potenziellen Benchmark-Stoff in die Flasche zu bringen. Das ganze konzeptionell verknüpft mit den sieben Todsünden und einem dazu mehr als passenden Packaging, das Robs Leidenschaften für Spirituosen als auch Kunst zusammen brachte. Und so lag es nach den sieben Todsünden (von denen uns die Jungs eine aber noch schuldig sind ;-) nahe, sich nun den sieben Tugenden zu widmen: The Virtues!

Auch diese Serie umfasst inzwischen bereits vier Bottlings (den Hampden eingerechnet) und sie steht dem Vorgänger in nichts nach. Das wiederum liegt nicht zuletzt auch an einer exzellenten Arbeitsteilung: mit Rob Bauer ist einer der ganzheitlichsten Spirituosenkenner der Szene für die Fassauswahl verantwortlich. Ich kenne glaube ich keinen zweiten, der derart viele verschiedene Spirituosen auf diesem Level durchgespielt hat wie ihn. Dass der Pool an Spirits aus denen er dabei wählen kann wiederum absolut High End ist, dafür steht der polnische Abfüller Distilia, der sich neben Velier in den letzten Jahren zu einem der wahrscheinlich einflussreichsten Independent Bottlern überhaupt entwickelt hat. Kurz: für den Hampden, den ich heute besprechen möchte und der übrigens den Untertitel Chastity, also Keuschheit, trägt, ist ein absolutes Dreamteam verantwortlich! Dieser Umstand ließ im Vorfeld zum einen meine Vorfreude auf das Bottling extrem steigen, zum anderen aber auch nahm er mir einen gewissen Teil einer nicht unerheblichen Skepsis die damit einher ging, denn der Hampden kommt mit gerade einmal 48,7% vol. daher. Eigentlich ist das nicht gerade ein Wert der mich sonderlich zuversichtlich stimmt, denn es ist kein Geheimnis, dass ich Hampden brachial und gerne oberhalb der 60% vol. Marke bevorzuge. Aber wenn Rob das Ding ausgewählt hat, dann kann da eigentlich nichts schief gehen! 

Und noch etwas ließ mich aufhorchen. Denn auch wenn die 1983er Hampden des Marks HGML die bisher so gebottled wurden zweifelsohne von hoher Qualität waren, so kamen sie für mich mit ihren 35 Jahren und mehr im Fass nie an die jüngeren 1990er Hampden des Marks C<>H heran. In diesem 1983er Hampden jedoch steckt nicht nur HGML eben jenes Jahrgangs, sondern auch noch ein nicht unerheblicher Anteil an C<>H des Jahrgangs 1982, vermählt im Fass zu Beginn der Reifung Anfang der 1980er Jahre. Mit 1983 steht aber natürlich der jüngste Part auf dem Label. Inwiefern sich der C<>H Anteil im Rum bemerkbar machen wird, werden wir uns gleich anschauen. Um das ganze noch besser einordnen zu können habe ich mit dem RA Hampden 1983 die bisherige Jahrgangsreferenz und mit dem TRC 26 YO Hampden 1990 meine bisherige C<>H als auch Hampden Benchmark parallel verkostet. Und bevor wir damit dann jetzt auch starten, vorher noch ein kurzer Disclaimer:

Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich ein Sample zur Verkostung dieses Rums, sowie zu Fotozwecken, gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 











Verkostung des The Virtues -Chastity- Hampden Jamaica Rum 1983:

Preis: die unverbindliche Preisempfehlung für den Hampden liegt bei 1050€. Der offizielle Releasetermin war ursprünglich der 28. Mai 2026.  Da Leben aber das ist was passiert wenn du Pläne machst, ist der Rum bereits jetzt erhältlich.

Alter: der Rum reifte von offiziell Dezember 1983 bis März 2026 für insgesamt 42 Jahre im Fass. 

Lagerung: keine Angaben. Vermutlich reifte er aber über weite Teile, wenn nicht sogar die gesamte Zeit seiner Reifung in Europa. 

Fassnummer: #9 - es handelt sich demzufolge um ein Single Cask. Dieses ergab noch 210 Flaschen a 0,7 Liter.

Angel's Share: unbekannt. Auf Grund des, auch für das Alter des Rums, geringen Alkoholgehalts kann man aber darauf schließen, dass er ungewöhnlich hoch ausfiel.

Alkoholstärke: der Rum kommt noch mit sehr smoothen 48,7% vol. daher. 

Destillationsverfahren: der Rum wurde bei Hampden mit einer Double Retort Pot Still gebrannt.

Mark: HGML & C<>H

Farbe: wunderschönes, leuchtend goldenes Stroh! Für 42 Jahre im Fass ist der Rum ungewöhnlich hell, selbst für einen kontinental gereiften Rum.

Viskosität: der Rum beißt sich beim Schwenken im Blenders Glas geradezu fest und liegt wie ein fetter, öliger Film über dem Glas. Satte, fette Schlieren fließen zäh an der Glaswand herab und künden bereits von einem über die Maßen öligen Rum.

Nase:
 sehr Hampden! Sehr geil! Eine überaus reichhaltige, frische und schon beinahe jugendlich anmutende Nase holen mich direkt dort ab, wo ich mich bei Hampden am liebsten aufhalte: im Bereich der High Ester! Dass hier C<>H am Start ist, darüber besteht nicht der geringste Zweifel. Ich habe direkt ein Potpourri aus einem prall gefüllten Obstkorb mit sehr viel gegrillter Ananas, flambierten Bananen und Zitronen, sowie den typischen mediterranen Einschlägen von Antipasti und Chorizzo. Dazu kommen aber, destillerietypisch, natürlich auch noch Lacke, Lösungsmittel, Klebstoffe und feuchte Erde. Das Fass spielt vordergründig eine eher untergeordnete Rolle, denn Noten vom Eichenholz oder Vanille nehme ich eher dezent wahr. Der Rum wirkt nicht, wie man ihn nach 42 Jahren im Fass erwarten würde. Viele andere Rums sind nach einer derart langen Zeit im Fass längst verholzt. Und selbst bei den beiden Rums daneben, beim RA und beim TRC ist der Fasseinschlag spürbar ausgeprägter, und das obwohl insbesondere der TRC ja nochmal deutlich jünger ist. Dass man es hier aber nicht mit einem jugendlichen Rum zu tun hat merkt man wiederum dennoch sofort, denn sämtliches grobe und ungestüme, wie man es bei jungen Hampden findet, dieses wirklich brachiale, das hat das Fass über die vielen Jahre merklich geschliffen. Und das wirkt sich natürlich auch auf die Einbindung des Alkoholgehalts aus, denn diesen, in Form von alkoholischer Schärfe, nehme ich schlicht nicht wahr. Dieser Hampden ist der vermutlich smootheste und entspannteste den ich je im Glas hatte!

Gaumen: tja, und hier wird's jetzt natürlich richtig spannend! 48,7% vol. incoming und die Frage, die sich vermutlich einige an dieser Stelle stellen: kann das reichen? Und ja, am Gaumen bemerkt man den geringen Alkoholgehalt deutlich weniger als ich befürchtet hatte. Da ich bei Hampden einfach auch sehr auf dieses brachiale stehe, habe ich den geringen ABV im Vorfeld als möglichen Knackpunkt für mich und diesen Rum gesehen - als den Punkt, der mir vor der Verkostung die größten Falten auf der Stirn bereitet hat und von dem ich am meisten gespannt war, wie sich das letztlich im Destillat zeigen würde. Und ich bin angenehm überrascht, wie gut das gelungen ist. Der Rum hat immer noch jede Menge Power, schießt aus allen Lagen die geballte Ladung Ester ab und geht quasi direkt ins adstringierende über und zeigt sich am Gaumen dann überaus cremig. Das ist ganz großes Kino! Allerdings muss man dazu sagen, dass ich größere Schlücke genommen habe. Wirklich deutlich größere Schlücke als die, die ich bei einer Verkostung sonst nehme. Danach verlangt der Rum eindeutig! Denn bei kleineren Schlücken, wie ich sie sonst nehme, mutet der Rum deutlich wässriger an und kommt auch mit einem etwas unangenehmen Säureeinschlag daher, was bei größeren Schlücken einfach überhaupt nicht auftritt und dann dementsprechend Spaß macht.
Nachdem die Adstringenz nachlässt ist dann der Moment gekommen, an dem der Rum seine wohl größten Stärken auf ganzer Linie auszuspielen beginnt: denn die Eindrücke am Gaumen setzen sich einfach zu einer wirklich wunderbaren, großen Sinfonie zusammen, um da auch ein gern genutztes Bild vom Rob selbst zu bemühen. Ich habe deutliche Assoziationen zu Humus, zu Zitronen und natürlich gegrillter Ananas und flambierter Banane. Dazu kommt frisch geschnittenes Geäst und auch etwas nussiges, vegetales. Insgesamt also nichts, was man bei Hampden nicht auch erwarten würde, aber es wird eben überaus smooth und derart rund und balanciert dargeboten, dass es eine wahre Freude ist! Da ist nicht ein Fehlton, nichts was den Genuss irgendwie trüben könnte. Der Alkohol ist vermutlich so gut eingebunden wie selten zuvor bei einem Rum. Wahnsinn!

Abgang: gegrillte Ananas, frisch geschnittenes Geäst, Antipasti, aber schon auch ein merklicher Einschlag vom Fass dominieren den -comme toujours, Hampden- ewig langen Abgang. 

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Fazit:
 mit einem Wort? Opulent! Ein wirklich außergewöhnlicher Rum, selbst für Hampden-Verhältnisse. Meine Hampden Benchmarks kamen bisher samt und sonders aus der brachialen Ecke: TRC 1990, RA 1989, Nobilis 1993. Sehr hoher Estergehalt und deutlich über 60% vol. Deutlich gereift, aber noch nicht rund. Der Chastity Hampden 1983 fällt da, bis auf den Estergehalt, erst einmal auffallend aus dem Rahmen und tatsächlich eignen sich die Rums deshalb auch nicht wirklich für einen Vergleich. Und doch sind eben diese Rums genau die Liga in der der neue Hampden spielt und weswegen ich den TRC z.B. auch crossgetasted habe: weil ich ein face to face mit meiner Benchmark wollte. Für mich bleibt er, der 26 jährige TRC Hampden 1990, letztlich ganz vorne, aber die Präferenz ist minimal. Beide ergänzen sich eher, als dass sie in Konkurrenz zueinander stehen. Denn so sehr ich auch auf dieses brachiale eines TRC z.B. stehe, aber es sorgt am Ende auch dafür, dass man sich einen solchen Rum unterm Strich eher selten mal einschenkt. Und da hat man das entspannte Easy Sippin' nun mal einfach mit dem Virtues, der noch dazu auch zu größeren Schlücken einlädt. Dem entgegen steht dann wiederum eigentlich nur noch der Preis, der wirklich happig ist! Nicht, dass dieser nicht gerechtfertigt wäre, insbesondere wenn man sich die Bestände an alten Rums bei Main anschaut, die immer mehr in Richtung nicht mehr vorhanden tendieren. Was wir hier gerade erleben sind also die letzten Reste aus einer Zeit, die so vermutlich nie wieder kommen wird, der letzte Akt alter, lange gereifter Old School Hampden, und die Broker wissen das. Und doch sind 1050,- Euro einfach eine richtig dicke Stange Geld, das auch erstmal in die Brieftasche kommen muss. Wenn das aber der Fall ist, darf man sich über einen wirklich herausragenden Tropfen freuen! So, und ganz kurz noch, bevor wir zur finalen Wertung kommen: ich habe die Bewertung des Virtues Hampden 1983 genutzt und endlich mal in weiten Teilen meine Wertungen zu den meisten auf BAT besprochenen Hampden angeglichen, da sie nach meinem heutigen Dafürhalten in der Vergangenheit fast durchgängig zu hoch ausfielen. Der von mir am höchsten bewertete Hampden, der 26 YO TRC 1990, liegt jetzt bei 95/100 Punkten. Der Nobilis 1993 liegt bei 93/100 Punkten und der heute parallel verkostete RA 1983 bei 90/100. Mit Blick auf die Wertung für den Virtues Hampden 1983 bleiben dann auch glaube ich keine Fragen mehr offen ;-)
 
-94/100-



PS: da ich in den letzten Monaten und Jahren immer mehr Texte lese die ganz offensichtlich von KI wie Chat GPT o.ä. geschrieben oder mindestens bearbeitet wurden und ich dessen mehr als überdrüssig bin, hatte ich selbst einfach mal wieder Bock drauf was zu schreiben - garantiert zu 100% mit natürlicher Intelligenz! :-)

Donnerstag, 29. August 2024

The Sins - Avarice- Long Pond Jamaica Rum 1983

Liebe Rum Gemeinde,

dieses sind die ersten Zeilen auf BAT seit fast zwei Jahren und nachdem meine letzte Review dementsprechend lange zurück liegt und ich -Stand heute- auch für die nächsten Monate, bzw. Jahre, nicht damit rechne, dass sich die Frequenz meiner Verkostungen wieder erhöht, muss ich im Vorfeld direkt festhalten, dass die heutige Review des The Sins -Avarice- Long Pond 1983 leider als Ausnahme zu meiner Inaktivität verstanden werden muss und nicht als Rückkehr zu regelmäßigen Beiträgen von mir. Ich weiß, dass ich eine Wiederaufnahme meiner schreiberischen Aktivität in der Vergangenheit durchaus angedeutet und mir auch vorgenommen hatte, aber die Realität wird auch weiterhin eine andere sein. Dies nur gleich zu Beginn, da sich die Frage ansonsten sicherlich schnell gestellt hätte. 



Wenn ich jetzt aber diese Ausnahme mache und aus völliger Inaktivität über einen Rum schreiben möchte, dann muss dieser Rum ja aber schon etwas sehr besonderes sein, oder? Normalerweise hätte ich es jetzt erstmal mit Franz Beckenbauer gehalten und gesagt: "Schaun mer mal!", aber einen Spannungsbogen künstlich aufzubauen ergibt hier glaube ich keinen Sinn. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern und viele in der Community da draußen haben den Rum auch schon mal u.a. im Rahmen von Festivals im Glas gehabt und auch der Plattform Rum X kann es entnommen werden, dass der Rum um den es heute geht keiner von der Stange ist und auch bisher durch die Bank überzeugt hat. Nun möchte ich mir gerne selbst ein Bild machen und lasse euch daran teilhaben. Allerdings: auch wenn ich selbstverständlich meinen guten Geschmack nicht verloren habe und auch weiterhin im privaten Rahmen Rum trinke, so ist mir aber die Routine an der Tastatur durchaus verloren gegangen. Für eine Review benötigte ich vor einigen Jahren mit Sicherheit etwa 10 Stunden im Schnitt, schließlich hing oft ja auch einiges an Recherche dran, die zu vielen Beiträgen im Vorfeld betrieben werden wollte. Würde ich heute eine Review in diesem Umfang schreiben, wäre ich vermutlich für Wochen eingebunden. Diese Zeit habe ich nicht mehr und so wird der heutige Beitrag um einiges kompakter werden als es Reviews in früheren Tagen waren. Und dementsprechend wird es hier ohne große Vorinformationen mehr oder weniger direkt ins Tasting gehen. Nur so viel: der Rum wurde von Distilia abgefüllt und für die Auswahl des Fasses aus dem Distilia Fasslager und die Gestaltung des Labels war der Rob verantwortlich. Den wiederum muss ich hier aber glaube ich ohnehin niemandem mehr vorstellen, oder? Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand meinen Blog kennt, aber noch nie etwas von Rob gehört hat. Und falls doch, dürft ihr gerne mal nach Whisky Digest, Grape of the Art oder dem Armagnac Festival in Stuttgart googlen ;-) 

Wer mehr über die Destillerie Long Pond erfahren möchte, der kann gerne in meinem Beitrag von 2018 ein wenig stöbern, auch wenn dieser an der einen oder anderen Stelle möglicherweise schon nicht mehr aktuell ist.

Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich ein Sample zur Verkostung dieses Rums, sowie zu Fotozwecken, gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 


Verkostung des The Sins -Avarice- Long Pond Jamaica Rum 1983:

Preis: die unverbindliche Preisempfehlung für den 1983er Long Pond wird bei 850€ liegen und Release ist am 29. August 2024.  

Alter: von 1983 bis Februar 2024 durfte der Rum 40 Jahre im Fass reifen. 

Lagerung: keine Angabe. Vermutlich reifte er aber über weite Teile, wenn nicht sogar die gesamte Zeit seiner Reifung in Europa. 

Fassnummer: #1134 - es handelt sich folglich um ein Single Cask. Dieses ergab noch 203 Flaschen a 0,7 Liter.

Angel's Share: unbekannt.  

Alkoholstärke: der Rum kommt mit entspannten 51,6% vol. daher. 

Destillationsverfahren: der Rum entstammt einer Pot Still von Long Pond.

Mark: keine Angaben.

Farbe: leuchtend goldenes Stroh! Eine wunderschöne Farbe und typisch für ein kontinental gereiftes Destillat. 

Viskosität: enge, aber wenig parallel fließende Schlieren ziehen sich an der Glaswand herunter. 

Nase:
 Stunning! Eine wirklich fantastische Nase begrüßt mich hier nach fast zwei Jahren auf dem Blog zurück. Jamaica, ich bin zuhause - aber sowas von! Für einen Long Pond kommt die Nase ungewöhnlich intensiv und beinahe schon extrem daher. Um nicht zu sagen: ich bin gedanklich erst einmal bei Hampden! Da steckt einiges an Estern drin, die den Rum mit Lösungsmitteln und Klebstoff bereichern, die dabei aber nicht nur die Herzen von Freunden von High Ester Rums höher schlagen lassen, sondern auch jene derer, denen der Schlag in die Fresse von Hampden deutlich zu plump ist. Denn dieser Rum ist einfach richtig gut! Man findet hier, nachdem der Rum einige Zeit im Glas atmen durfte, vieles, was man von einem guten, alten Old School Long Pond erwartet, denn neben seiner Kraft, bringt er auch die für alte Long Pond so typischen feinen und filigranen Noten mit. Wer alte Rum Nations, den Silver Seal 1986, den Isla del Ron 1982 oder vergleichbare Kandidaten im Glas hatte, der wird beim Sins -Avarice nicht umhin kommen in Nostalgie zu verfallen, denn Assoziationen in diese Richtungen muss man ebenso wenig lange suchen wie die Ester. Allerdings kommen diese hier ausgeprägter daher als bei anderen 80s Long Ponds. Gemeinsam haben sie hingegen wieder, dass man keinerlei alkoholische Schärfe in der Nase hat, die 51,6% kommen richtig smooth. Selbst wenn ich meine Nase ins Glas halte und tief einatme brennt da nichts! Allerdings ergibt ein peripheres Nosing natürlich deutlich mehr Sinn und den olfaktorischen Blick frei auf die vielen Noten und Assoziation die in diesem Rum stecken. Da sind neben den erwähnten Lösungsmitteln und Klebstoffen auch ein vegetaler Einschlag, der mich an Stroh und frisch geschnittenes Geäst denken lässt. Dazu gesellen sich gegrillte Ananas, Zitrusfrüchte, Apfel, Banane, Vanille und dunkle Erde. Eine sanfte Note vom Eichenholz des Fasses ist ebenfalls dabei, allerdings beeindruckt es mich sehr, wie wenig ausgeprägt diese nach 40 Jahren der Reife ist. Klar, kontinentale Reife ist ein komplett anderer Schnack als tropische Reife, aber auch nach vier Jahrzehnten in Europa sind Rums nicht selten auch schon mal verholzt. Davon ist der Long Pond sehr weit entfernt!

Gaumen: der Eindruck den ich in der Nase hatte setzt sich am Gaumen nahtlos fort! Geil! Unfassbar gut! Ein richtig schön schwerer, komplexer, öliger und mundfüllender Jamaicaner, der mich auch hier erst einmal wieder an Hampden erinnert, allerdings auch an die tropisch gereiften High Ester Long Ponds, nur eben durch die kontinentale Reife in eine vollkommen andere Richtung entwickelt! Auch das Profil vom Gordon & MacPhail Long Pond 1941 kommt mir in den Sinn. Ein sehr, sehr dichter Rum, total konzentriert und richtig schön ölig. Wo die Nase für ihre 40 Jahre noch fast jugendlich daher kam, verleugnet der Gaumen sein Alter sehr viel weniger. Hier kommt das Eichenholz richtig schön durch und geht mit Anklängen von Gewürzen, insbesondere Nelke und Anis stechen für mich heraus, frischer Erde und der Süße und Säure von tropischen Früchten ein sehr schönes Aromenspiel ein, bei dem keine eine andere Komponente erschlägt. Allerdings komme ich immer wieder nicht an dem Gedanken vorbei, dass das hier doch ein 1983er Hampden HGML ist, der durch die 40 Jahre im Fass zu bisher wenig gekannter Milde geführt hat. Allerdings hatte ich auch schon ewig keinen solchen Rum mehr im Glas, weswegen ich mir in der zweiten Tasting Session einen RA 1983er Hampden daneben gestellt habe und hier verflog mein anfänglicher Hampden-Gedanke doch recht schnell. Die Ester beim Avarice sind krass, aber bei den Hampden aus gleichem Jahr ist das doch alles nochmal ne andere Nummer. Im direkten Vergleich ist der Rum als Long Pond zweifelsfrei zu erkennen. 

Abgang: nach hinten heraus kommt die Eichenholznote vollends zum tragen, was man bei einem 40 Jahre alten Rum aber auch erwarten darf und möchte. Sie nimmt darüber hinaus noch einiges an Gewürzen mit, Anis ist da wieder dabei, aber auch immer noch diese leckere Süße von Früchten. Dazu ist der Abgang ewig lang. Ganz großes Kino! 

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Fazit:
 nach all der Zeit, die ich zwar nicht abstinent verbracht habe, in der ich aber sehr wohl deutlich weniger Rum getrunken habe als noch bis ins Jahr 2021, war es für mich deutlich schwieriger diesen grandiosen Rum zu besprechen als es das noch vor einigen Jahren war. Aber es hat sich mehr als gelohnt! Was für ein Brett! Benchmark Stoff? Mit Sicherheit! Mir fällt aus Long Pond so spontan wenig ein, was da mitgehen kann. Der Gordon & MacPhail 1941 natürlich und die ganz alten Vertreter aus den 1970s und 1980s, die auch alle nochmal ein Stück mehr Schmeichler waren, aber sie waren auch fast alle verdünnt und somit ging da für mich auch immer sehr viel Genuss flöten. Das ist hier anders! Der Rum kommt in seiner Fassstärke und ist aber durch die entspannten 51,6% vol. dennoch kein Alkohol-Hammer. Ich würde beim Avarice Long Pond 1983 sogar von einem wirklich perfekten Jamaicaner sprechen, der das beste aus allen Bereichen in sich vereint. Er ist richtig schön esterig, aber er ist auch filigran, gediegen und gesetzt. Am Ende müssen wir -na klar- noch über den Preis sprechen. 850,- Euro sind eine heftige Stange Geld, insbesondere in der aktuellen Zeit, in der der große Rush erst einmal ausgesetzt scheint und nicht mehr jeder Preis für jeden Rum blind bezahlt wird. Und dennoch glaube ich, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis bei diesem Rum am Ende stimmt und der Rum auch fair bepreist ist. Denn mit diesen Kern-Daten hat er natürlich auch einen USP, denn wo bekommt man sonst einen 40 (!) Jahre alten Long Pond in dieser Qualität? Und was kostet nochmal ein G&M 1941, der am Ende inzwischen auch "nur" noch 18 Jahre älter ist? ;-) Nuff said. 
-95/100-


Sonntag, 30. Oktober 2022

The Rum Cask Jamaica Rum 12 YO Hampden DOK 2009

Liebe Rum Gemeinde,

fast drei Monate sind seit meiner letzten Review vergangen und wiederum ca. zwei Jahre sind ins Land gegangen, seit es das letzte Mal eine "Recommended by Barrel Aged Thoughts" Abfüllung von The Rum Cask gab. Mit dem Release am Freitag und diesem Posting heute geht beides mehr oder weniger zeitgleich an den Start, was nicht zuletzt auch mit einem ganz persönlichen Jubiläum auf diesem Blog zu tun hatte...  



Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren, am 26. Oktober 2012 war es, da ging das allererste Review auf Barrel Aged Thoughts online! Ein Monymusk-Crosstasting zwischen dem Bristol 1976 und dem A.D. Rattray 1986 war das damals. Zehn Jahre, das sind, je nach Blickwinkel und Relation, ein Wimpernschlag in der Geschichte oder auch eine halbe Ewigkeit. Zumindest in Bezug auf die internationale Rum Community kann man bei zehn Jahren aber glaube ich schon von einem ganz ordentlichen Zeitumfang sprechen, bedenkt man nur, wie wenige derer die heute dabei sind es auch damals schon waren und in welchem Maße sich die Rum Landschaft seither verändert hat. In der Rum Welt liegen zwischen 2012 und 2022 meines Erachtens nicht weniger als Welten, was ich hier und vor allen Dingen hier auch einmal in zwei gesonderten Beiträgen zum Thema "A Decade of Rum: 2010 - 2019" dargestellt habe! Die Etablierung der Fassstärke, die Schaffung eines Bewusstseins für die Unterschiede zwischen kontinentaler und tropischer Reifung und eine teils komplette Umkehr des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage sind dafür die wohl augenscheinlichsten Beispiele. Diese zehn Jahre waren nicht zuletzt aber auch für mich persönlich wahnsinnig ereignisreiche Jahre. Als ich mit BAT startete, startete ich parallel auch in meine Ausbildung. Meine Tochter war damals gerade zwei Jahre alt, heute steckt sie schon in der Pubertät. Ich verlor das Hobby teils aus den Augen und fand aber auch jedes Mal dort hin zurück. 

Eine Destillerie und ein Mark welches mich in den vergangenen zehn Jahren stets begleitet hat, davon fünf Jahre als bis dahin noch vollkommen unbekanntes Mysterium, ist Hampden DOK. Vor zehn Jahren war es noch vollkommen utopisch, dass dieser Rum Style einmal in dieser Weise gefragt sein würde, wie es heute der Fall ist. Mehr noch, er wurde noch nicht einmal zum Verkauf für Endkunden an irgendeiner Stelle angeboten! DOK war ausschließlich Rum für die Industrie! Auch erinnere ich mich noch gut an das verächtliche Unverständnis von Richard Seale im Jahr 2018, als mit dem Letter of Marque das meines Wissens nach allererste DOK Release in Fassstärke und auch das allererste unter Verweis auf dieses Mark an den Start ging. Er konnte sich mit Blick auf die historische Rolle von High Ester Rums als reines Flavouring Material für Blends nicht vorstellen, dass es tatsächlich Menschen geben könnte, die das pur trinken wollen, eben weil es zu diesem Zweck nie hergestellt wurde. Für ihn war das, als käme jemand auf die Idee, den Cola Sirup bei McDonalds pur zu trinken. Aber eben dieses Bottling, der Letter of Marque, für das sich damals die Blogs Single Cask Rum, RUMBOOM und eben Barrel Aged Thoughts unter dem Dach von The Rum Cask verantwortlich zeigten, ist dann im Grunde auch schon das Stichwort, denn der Rum um den es heute geht stellt den Rest des Fasses von damals dar, der noch viereinhalb Jahre weiter im Lager von TRC und in eben jenem Fass reifen durfte. Diesen Rum füllten die Jungs aus Pirmasens nun ab und nach einer intensiven Verkostung vorab war klar, dass ich diesem Rum gerne meine Empfehlung gebe, erkennbar am goldenen Sticker, der erstmals 2013 zur Anwendung kam und am Gelbbrustara, der seit 2017 diese ausgewählten Bottlings ziert. Was hat es mit den Abfüllungen mit dem Sticker und dem Ara auf sich? Kurz gesagt war diese Kooperation eine simple Win-Win-Situation. The Rum Cask waren damals vor neun Jahren noch neu im Rum Business unterwegs und profitierten von unserem Know How (damals waren wir bei BAT noch zu dritt). Wir verkosteten Fassproben parallel zu den Jungs und teilten mit ihnen unsere Einschätzungen. Und wir wiederum konnten auf diesem Wege Einfluss darauf nehmen, was ein Independent Bottler abfüllt und waren nicht mehr ausschließlich darauf angewiesen, dass die IBs ein glückliches Händchen hatten. Damals lief da nämlich bei den meisten noch ganz viel nach dem Zufallsprinzip und auch unser Geschmack entsprach damals noch einer absoluten Nische, die leider selten bis gar nicht bedient wurde. Wer genaueres dazu erfahren möchte: hier habe ich die Geschichte der Recommended Bottlings detailliert dargelegt.


Für diejenigen, die vielleicht noch neu in der Materie sind, hier an dieser Stelle nochmal kurz ein paar Infos zum Mark DOK, entnommen aus meinem Artikel "Hampden Estate - ein Überblick":

"Der Stil mit dem höchsten Estergehalt überhaupt bei Hampden wird mit dem Mark DOK (Dermot Owen Kelly-Lawson) bezeichnet. Er weist nach der Destillation einen Estergehalt von 1500 bis 1600 gr/hlpa auf und ist laut allgemeiner Jamaica-Klassifizierung ein Continental Flavoured Rum. Von der Main Rum Company wird auch das Mark JMK verwendet, welches für Jamaica Main DOK steht. DOK galt unter Connaisseuren lange Zeit als das spannendste Geheimnis der Destillerie, aber auch, wegen des enorm hohen Estergehalts, als möglicherweise ungenießbar. Seinen Ursprung hat der Stil nämlich im Rumhandel mit Deutschland im 19. Jahrhundert, weswegen er quasi als Hampden-Essenz angesehen werden kann.
Aus der Zeit vor der Schließung Hampdens im Jahr 2003 ist mir kein einziges DOK-Bottling bekannt. Abgefüllt und auf den Markt gebracht wurde ein Hampden DOK meines Wissens nach erstmals im Herbst 2017 durch den niederländischen unabhängigen Abfüller Kintra. Die Angabe, dass es sich um einen DOK handelt befand sich allerdings nicht auf dem Label. Dies passierte erstmals im Frühjahr 2018, als deutsche Rumblogs (darunter auch BAT) in Zusammenarbeit mit dem Abfüller The Rum Cask unter dem Namen Letter of Marque einen solchen Rum der Öffentlichkeit zugänglich machten. Der Estergehalt dieser Rums ist zwar tatsächlich sehr hoch, aber ungenießbar sind die Rums dennoch ganz sicher nicht. Im Gegenteil."

Anders als im April 2018, als der Letter of Marque heraus kam, ist ein Hampden DOK heute natürlich keine absolute Sensation mehr. Viele weitere Bottlings in diese Richtung folgten und unterstrichen, dass DOK unter Freunden des gepflegten Ester-Bombardements durchaus gefragt und gesucht ist. Unverändert blieb hingegen, dass die Erfahrung eines Hampden DOK weiterhin eine wirklich extreme ist! Spannend ist nun also zu beobachten, inwieweit sich das mit zunehmendem Reifegrad ändert, wenn die ganz krassen Spitzen unter dem Einfluss des Fasses so ein wenig Rundungen entwickeln. Der TRC Hampden DOK 2009 kommt mit nun 13 Jahren (das Release war ursprünglich für das Frühjahr geplant und die Label schon gedruckt, daher wird der Rum auf dem Label als 12 YO geführt) schon deutlich reifer daher als er es mit damals acht Jahren tat und ich denke es ist Zeit, zur Verkostung zu schreiten!


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle aber noch erwähnt, dass ich ein Sample und eine Flasche zur Verkostung dieses Rums, sowie zu Fotozwecken, gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 



Verkostung des The Rum Cask Jamaica Rum 12 YO Hampden 2009:

Preis: die unverbindliche Preisempfehlung für den 2009er Hampden lag bei 119,90€ und Release war am 28. Oktober 2022.  

Alter: von Juni 2009 bis Oktober 2022 durfte der Rum insgesamt 13 Jahre im Fass reifen. Da der DOK ursprünglich schon für das Frühjahr 2022 geplant und die Etiketten gedruckt waren, wird das Alter auf der Flasche aber noch mit 12 Jahren angegeben. 

Lagerung: unbekannt. Vermutlich reifte er aber über die gesamte Zeit seiner Reifung in Europa. 

Fassnummer: #18 - es handelt sich folglich um den Rest des Fasses vom Letter of Marque DOK. Dieser entsprangen nun noch einmal ca. 120 Flaschen a 0,5 Liter + einiges an Samples.

Angel's Share: unbekannt.  

Alkoholstärke: der Rum kommt, wie bei TRC üblich, in Fassstärke daher und weist einen Alkoholgehalt von 64,5 % vol. auf. 

Destillationsverfahren: der Rum entstammt einer Double Retort Pot Still. 

Mark: DOK (Dermot Owen Kelly-Lawson)

Farbe: blass goldenes Stroh.

Viskosität: enge, dünne, parallele Schlieren fließen an der Glaswand herab und verweisen auf einen eher jungen Rum. 

Nase:
 die Erinnerungen und Parallelen zum Letter of Marque sind natürlich unübersehbar! Insbesondere im Crosstasting der beiden nebeneinander wird das deutlich, allerdings bringt der TRC natürlich schon einiges mehr an Reife und Holz mit, was ich als äußerst positiv empfinde. Er ist so gesehen runder, aber selbstverständlich noch immer so ungestüm, wie man es von einem Hampden DOK erwartet. Der Alkoholgehalt ist merklich hoch, aber nicht unangenehm störend. Nach ca. 20 Minuten kommt der Rum dann gar und gar smooth daher und von alkoholischer Schärfe bleibt gar nichts mehr übrig. Assoziationen zu flüssigem Klebstoff, Lösungsmitteln, Marzipan, gegrillter Ananas, gebackener Banane, nasser Erde, Zitrone, Antipasti und geräuchertem Schinken, wie ich sie beim LOM hatte finde ich auch im TRC wieder, aber eben in deutlich fortgeschrittenem Stadium. Ich meine, man darf man nicht vergessen, dass der Rum zwar schon viereinhalb Jahre älter, aber nun mal auch erst dreizehn Jahre alt ist.

Gaumen: ... und da scheppert's auch direkt! Wumms! Wie ein Schnellzug gegen ein Fahrrad schlägt der Rum am Gaumen ein und verursacht ein absolutes Ester-Inferno! Denn auch hier kann man im Grunde alles an Eindrücken wiedergeben, was auch beim LOM schon Phase war, nur, dass das ganze nun eben deutlich harmonischer daherkommt, wenn man sich zu diesem Wort bei so etwas wie einem DOK denn durchringen kann. Der Rum ist dementsprechend unfassbar mundfüllend und wahnsinnig adstringierend. Es zieht einem regelrecht die Schleimhäute zusammen. Der Säure-Anteil ist Mark-bedingt hoch. Natürlich merkt man dem Rum auch die Fassstärke an, aber ich empfinde diese hier als passend und würde sie dementsprechend auch nicht missen wollen. Der Alkohol ist super eingebunden und britzelt nur zu Beginn etwas auf der Zunge (wobei man mit größeren Schlucken durchaus vorsichtig sein sollte). Danach kommt dann auch dementsprechend einfach nur noch Flavour! Ein Bombardement an Estern, gegrillter Ananas, reichlich Obst, Toffee, Antipasti und etwas erdig-muffigem finde ich am Gaumen ebenso wie deftige Chorizo. Die Komplexität die mir beim LOM noch etwas gefehlt hat finde ich hier schon sehr viel eher, auch wenn dieser Rum natürlich auch noch keine zwanzig Jahre oder älter ist. Beim LOM empfand ich den Reifegrad damals als schon beinahe ausreichend, allerdings bleibt insbesondere im Quervergleich kein Zweifel darüber, dass der TRC um einiges ausgewogener auftritt und ihm das mehr als gut zu Gesicht steht. Ein Brett! 

Abgang: Hampden typisch verweilt der Rum nun schon sehr viel deutlicher am Gaumen und begleitet mich bis zum nächsten Morgen. Gegrillte Ananas kommt immer wieder, dazu Toffee und Antipasti. Hier zeigt sich der Reife-Zugewinn beim TRC deutlich! 

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Fazit:
 ich muss ja gestehen, dass das Thema DOK für mich eigentlich schon sehr durch war. Man bekam dazu in den letzten Jahren einiges geboten und das mystische, das diesen Stil lange umgab, ging so ein wenig verloren. Jeder, der da im Thema steckt kennt inzwischen Hampden DOK. Und dennoch hatte der LOM Stoff von damals mit noch einmal viereinhalb Jahren Reife on top auf Grund der persönlichen Verbindung seinen Reiz für mich, war dieses Fass doch etwas sehr besonderes für mich. Daher traf es sich auch vorzüglich, dass dieses Release und das zehnjährige Jubiläum von BAT so zusammenfielen, schließlich war nicht nur dieser DOK ein wichtiger Wegbegleiter während all der Jahre, sondern auch die Zusammenarbeit mit Jens und TRC währt insgesamt nun schon neun dieser zehn Jahre. Daher repräsentierte diese Abfüllung in gewisser Weise alles, wofür der Blog aus meiner Sicht immer stand: Nerd-Stoff, Neugierde, der unermüdliche Antrieb euch da draußen für eben jenen Stoff zu begeistern und zu gewinnen und über diesen Weg meinen Teil dazu beizutragen, dass solche Bottlings (anders als zum Start von BAT, als wir sehr auf dem Trockenen saßen) überhaupt möglich sind.
Mit der steigenden Nachfrage stieg im Laufe der Jahre aber auch nicht nur das Angebot, sondern es stiegen auch kontinuierlich die Preise. Und das Preisleistungs-Verhältnis bei diesem DOK fällt mir offen gestanden auch schwer zu beurteilen. Ich weiß ja noch, zu welchem Kurs der LOM damals kam. Und da das Fass folglich bereits 2018 gekauft war, kamen seit dem im Grunde nur Lagerkosten und geringfügig Schwund an Liquid dazu, die einen Preis von über 100% mehr im Vergleich zu damals sicher nicht notwendig gemacht haben. Das schmeckt nicht jedem und ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass ich derlei Kritik nicht nachvollziehen könnte. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich jeden Händler verstehen kann, der keine Lust mehr hat dabei zuzusehen, wie Bottlings innerhalb von Minuten ausverkauft werden und wenig später auf Rum Auctioneer  etc. zu deutlich höheren Kursen weggehen. Die Kunst liegt meines Erachtens dementsprechend darin, einerseits diejenigen, die ihre Flaschen wirklich noch aufmachen und den Stoff lieben nicht zu verprellen und andererseits den Flippern die Taschen nicht vollkommen widerstandslos zum eigenen Nachteil voll zu machen. Ob da ein Gleichgewicht gelungen ist, muss jeder mit sich ausmachen und darauf basierend eine Kaufentscheidung fällen, aber ich finde, wie erläutert, für beide Seiten Argumente und glaube, dass es der Markt auch ein Stück weit richtet. Beispiele für Bottlings, die wie Blei in den Regalen liegen findet man schließlich zuhauf und der heute verkostete Rum gehört mit einer Verweildauer von ein paar Minuten im Shop am Freitag definitiv nicht dazu. 

-ohne Score-Wertung-


Der TRC - DOK im Mai Tai:

Und ja, wenn schon denn schon! Der Mai Tai war für mich und auch auf diesem Blog hier schon immer eine Herzensangelegenheit und so komme ich gar nicht daran vorbei, schon gar nicht zum zehn jährigen, auch diesen High Ester Rum in meinem Lieblingsdrink auszuprobieren. Ich gebe zu, mein persönlicher Geschmack hat sich da in den letzten Jahren etwas verschoben, dahingehend, dass mir gemäßigtere Jamaica Rums im Mai Tai etwas besser gefallen, aber der Versuchung eines Hampden DOK mit dreizehn Jahren Reifezeit in diesem Tiki Klassiker kann ich natürlich nicht widerstehen. 



Das Rezept meiner Wahl (nach Trader Vic):

  • 6,0 cl The Rum Cask Jamaica Rum 12 YO Hampden DOK 2009
  • 1,5 cl Ferrand Dry Curacao 
  • 1,0 cl Meneau Orgeat
  • 0,5 cl J.M. Zuckersirup
  • 3,8 cl Limettensaft (frisch gepresst!)


Die Anmutung im Glas ist gewohnt und vertraut, der Drink ist sehr hell und ein wenig ins milchige gehend, wie immer, wenn ich den Mai Tai mit eher jungen, kontinental gereiften Hampden zubereite. 

Geschmacklich dann, wie schon in der Pur-Verkostung, die absolute Explosion! Sehr, sehr geil! Ein absolut intensiver, dabei aber smoother, fruchtiger Mai Tai, eine absolute Aromenbombe! Während ich den Mai Tai mit dem Letter of Marque noch eher in einer Kombination gemixt habe, sprich diesem einen noch etwas reiferen Rum an die Seite gestellt habe um mehr Tiefgang und Komplexität in den Drink zu bringen hat das der TRC defintiv nicht nötig. Zwar merkt man auch hier, dass der Rum im Drink keine zwanzig Jahre alt ist, aber dieses etwas farblose (im wahrsten Sinne) hat er nicht mehr. Wer mal einen Mai Tai mit ungereiftem Rum probiert hat, der weiß was ich meine. Bei denen sieht man das natürlich am deutlichsten. Der hohe Alkoholgehalt des Mai Tai bereitet keinerlei Probleme, er lässt sich sehr entspannt trinken. Natürlich profitiert er auch nochmal etwas von der Verwässerung, was für mich aber ein eher positiver Aspekt ist, heißt dies doch vor allem, dass man sich mit dem Genuss auch länger Zeit lassen kann, ohne Sorge haben zu müssen, dass der Drink durch zu viel Schmelzwasser in seiner Qualität merklich einbüßt. Alle Zutaten harmonieren miteinander und machen, was sie im Mai Tai zu machen haben: der Rum steht im Vordergrund, die anderen Zutaten setzen ihn in Szene, ohne von ihm erschlagen zu werden. Wunderbar! 

Fazit: 

Kann man machen! Klar, den Diskurs darüber ob Rums mit einem solchen Preisschild in einen Drink gehören führe ich, seit ich Rums mit diesen Preisschildern in eben jenen Drinks vermixe. Aber ich stehe da absolut zu meiner Haltung, dass ein Drink wie der Mai Tai einen Mehrwert für einen Rum wie den DOK darstellt, weswegen es für mich keinen Grund gibt es nicht zu tun. Noch dazu kommen leider immer weniger Rums auf den Markt, deren Preisschild mir merklich besser gefällt und die aber eine vergleichbare Qualität wie die hier dargebotene zu bieten haben. Da haben sich die Zeiten einfach geändert, ein Nerd Stoff wie dieser fliegt eben nicht mehr unter dem Radar und man kann eben nicht alles haben. Gäbe es diesen Markt in der Form nicht, käme auch der Stoff nicht in den Handel. Insofern bin ich da mit allem fein! Wird wieder gemixt! 


Bis demnächst
Flo