Sonntag, 19. Januar 2020

J. Wray & Nephew Special Reserve 12 YO Jamaica Rum

Liebe Rum Gemeinde,

vor einigen Monaten habe ich euch sehr umfangreich vom legendären J. Wray & Nephew Jamaica Rum 17 YO aus den 1940er Jahren berichtet. Etwas in dessen Schatten, gehörten aber auch noch einige andere Rums zum Portfolio des legendären Produzenten und einen dieser Rums stelle ich euch heute vor. Es geht dabei um den kleinen Bruder, den Special Reserve 12 YO, abgefüllt vermutlich in den 1960er Jahren.



Manchmal gehört eben auch ein wenig Glück dazu! Ja, eine doch sehr allgemeine Floskel, das gebe ich zu, aber im konkreten Fall findet sie nun einmal ihre Anwendung, schlicht, weil ich nicht ohne ein paar glückliche Fügungen an diese äußerst seltene Abfüllung gekommen wäre. Um die Geschichte der Flasche kurz zu umreißen: nach allem was ich weiß fand sie über eine Dame, die sie vor langer Zeit von einer Seereise mit nach Hause brachte, zu Gastronom und Bottler Christian Nagel (Our Rum & Spirits / Gasthaus im Brühl) und von diesem zu Raritäten-Kenner Rene van Hoven. Letzterer öffnete die Flasche in meinem Beisein auf der Cologne Spirits 2018, wo ich dann auch direkt den ersten Dram dieses besonderen Tropfens erstehen konnte. Im letzten Jahr kündigte Rene dann den Verkauf von einigen seiner Schätze an und ich erinnerte mich natürlich sofort an diesen J. Wray & Nephew und fragte an, ob auch diese Flasche verkäuflich sei. Das war sie glücklicherweise und so steht sie nun bei mir. Vielen Dank!

Label des J. Wray & Nephew Jamaica Rum 12 YO 


Über die Abfüllung selbst ist leider nicht besonders viel bekannt. Klar ist lediglich, dass sie vom Labeldesign her noch in etwa einigen Abfüllungen aus den 1940er und 1950er Jahren entspricht (auch ein 15 Jahre alter Rum von J. Wray & Nephew, der Ersatz Trader Vics im Mai Tai für den aufgebrauchten 17 YO, hatte ein solch designtes Label), allerdings eher aus den 1960er Jahren stammen dürfen. Dafür sprechen das Label, als auch die Flasche selbst. Zweifelsfrei ist, dass die Flasche ursprünglich aus den USA stammt und für deren Markt vorgesehen war. So ist der Inhalt mit 4/5 Quart (0,75 Liter) und einem Alkoholgehalt von 86 Proof (43% vol.) angegeben. Als Importeur ist Schieffelin & Co angegeben, eine 1794 gegründete Firma, die sich über einige Umwege heute im Besitz des Spirituosen-Multis Diageo befindet.

Ein paar weitere Informationen zu J. Wray & Nephew Ltd. findet ihr hier!


Im heutigen Tasting werde ich den 12 YO natürlich, zumindest in der Nase, auch mit seinem 17 jährigen berühmten Bruder vergleichen. Da der jüngere der beiden nicht oxidiert ist, ist vom Gaumen heute glücklicherweise etwas mehr zu erwarten, als das noch beim 17er der Fall war, aber na klar ist ein direkter Vergleich daher nur eingeschränkt möglich. Dennoch bin ich gespannt auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede. 

J. Wray & Nephew Special Reserve 12 YO Finest Jamaica Rum vs. J. Wray & Nephew 17 YO Jamaica Rum


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Verkostung des J. Wray & Nephew 12 YO Jamaica Rum:

Preis: unbezahlbar.

Alter: der Rum reifte 12 Jahre in Eichenfässern. Da es sich, wie beim 17 YO z.B. auch, um eine Standardabfüllung gehandelt hat, gibt es weder einen angegebenen Jahrgang noch ist bekannt, wann genau der Rum abgefüllt wurde. Die Flasche wurde allerdings schon mehrfach auf die 1960er Jahre datiert.

Lagerung: die Reifung fand komplett auf Jamaica in tropischem Klima statt.

Fassnummern: unbekannt.

Angel's Share: unbekannt. Man kann aber davon ausgehen, dass er entsprechend der tropischen Reifung bei mindestens 50% gelegen hat.  

Alkoholstärke: der Rum weist 43% vol. auf - verdünnte Trinkstärke!

Destillationsverfahren: gebrannt wurde der Rum damals sehr wahrscheinlich noch ausschließlich in Pot Stills. 

Mark: unbekannt.

Farbe: dunkles Mahagoni. 

Viskosität: viele satte, sehr eng und parallel verlaufende Schlieren rinnen an der Glaswand herab. Der Rum mutet für einen so stark verdünnten Rum doch schon sehr fett an. 

Nase: oh ja, da kommt noch ganz viel Old School Feeling rüber! Es besteht direkt und ganz unmittelbar nicht der geringste Zweifel darüber, dass ich es hier mit keinem Jamaicaner aus heutiger Zeit zu tun habe, sondern dass hier ein Destillat aus früheren Tagen vor mir steht. Solche Rums werden heute leider nicht mehr produziert. Die Nase stellt sich wunderbar tief und kräftig ein, ein volles, sehr typisches Rum Aroma kommt mir entgegen. Alkoholische Schärfe empfinde ich zu keinem Zeitpunkt. Insgesamt macht der Rum einen sehr vegetalen Eindruck. Ich habe viele pflanzliche Komponenten, wie frisch geschnittenes Geäst, Moos, Jägermeister, etwas Leder, karamellisierten Zucker, aber auch etwas Birne. Dazu kommt ganz dezent Menthol und einiges an Holz, aber eher in modriger Art und Weise, also schon gut feucht. Die Verwandtschaft zum 17 YO J. Wray & Nephew ist da, etwa wenn sie mich entfernt an Rums aus Gardel erinnern, aber beide Rums weisen doch auch schon erhebliche Unterschiede zueinander auf. So empfand ich den 17 YO als wesentlich komplexer, den 12er dagegen als etwas intensiver. Beide Rums faszinieren mich in der Nase allerdings ungemein, so dass ich wirklich dankbar bin, dass ich die Möglichkeit habe solche Vergleiche ziehen zu können, das ist wirklich grandios! 

Gaumen: zunächst machen sich am Gaumen mal die 43% vol. bemerkbar, allerdings nicht positiv. Leider ist die Verdünnung diesem ansonsten erst einmal sehr delikat anmutenden Tropfen nicht besonders bekommen und die Frage, wie solch ein Rum wohl mit 50% vol. oder mehr geschmeckt hätte drängt sich einem in geradezu wehmütiger Weise auf. Es ist wirklich ein Jammer, dass damals wie heute häufig eine derartige Menge Wasser in solch hochklassige Spirituosen gekippt und deren Genuss damit massiv beschnitten wird. Leider haben das bisher noch immer vor allem die unabhängigen Abfüller begriffen, so dass die Originalabfüller da nach wie vor Nachholbedarf haben. Das ist sehr schade! Ansonsten fallen meine Eindrücke sehr gut aus, ich empfinde den Rum grundsätzlich als überaus gelungen. Ich habe wiederum Parallelen zu Gardel. Frische und Fruchtigkeit wechseln sich ab mit Muff und vegetalen Eindrücken. Im Hintergrund finde ich dazu noch etwas leicht blumig-pafümiertes. Was mir eben fehlt, ist so ein wenig die Konsistenz. Selbst wenn man ihn lange im Mund behält, mag der Rum nicht wirklich cremig werden. Da hat der Alkoholgehalt wirklich Schaden angerichtet. Etwas besser wird es, wenn man sehr große Schlücke nimmt. Dann fällt die Verdünnung insgesamt auch weniger ins Gewicht.

Abgang: nussig, vegetal, ich habe auch ein wenig geschnittenes Geäst. Insgesamt eher unspektakulär und nicht besonders langanhaltend.

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Fazit: früher war einiges anders, aber bei weitem nicht alles besser! Ja, das Profil dieser alten Rums ist definitiv etwas besonderes, sehr außergewöhnliches und in Teilen auch unwiederbringliches, aber die starke Verdünnung verhindert leider ebenso oft einen ungetrübten Genuss und gerade ich persönlich stehe mit Wasser im Rum leider sehr auf Kriegsfuß. Unverdünnt oder zumindest wesentlich weniger drastisch verdünnt wäre dieser Rum ein ganz, ganz großer, der es sicher spielend über die 90 Punkte geschafft hätte. So aber ist er "nur" sehr gut. Davon abgesehen ist der J. Wray & Nephew Special Reserve 12 YO Jamaica Rum natürlich auch und vor allem eine flüssige Geschichtsstunde, und ich habe das Schulfach Geschichte seinerzeit geliebt. Insofern kann und möchte ich, von der enormen Verdünnung abgesehen, also auch gar nichts weiteres negatives zu diesem Rum ins Feld führen und bin froh, diese besondere Abfüllung in meinem Bestand zu wissen. Dementsprechend möchte ich jedem dem sich die Möglichkeit eröffnet solch alte Tropfen mal ins Glas zu bekommen empfehlen, diese dann auch unbedingt wahrzunehmen. Nicht jeder alte Tropfen ist ein Knaller, aber einige sind es definitiv wert gekostet zu werden und der heutige Rum gehört definitiv dazu! Ein herzliches Dankeschön geht abschließend in die Niederlande an Rene, der mir die Flasche überließ. Get well soon!

-85/100-

Bis demnächst
Flo

Sonntag, 29. Dezember 2019

My Top 10 Rums 2010 - 2019

Liebe Rum Gemeinde,

nachdem ich euch in den letzten Tagen bereits mit auf eine Reise durch das vergangene Jahrzehnt genommen und, so denke ich, klar gemacht habe, wie elementar sich die gesamte Rum Szene in den letzten zehn Jahren verändert hat, möchte ich das ganze heute mit meiner ganz persönlichen Top 10 der vergangenen Dekade krönen: den zehn für mich besten oder manchmal auch einfach nur prägendsten Rums der 2010er Jahre! 



Wenn wir also über die Highlights des gesamten Jahrzehntes sprechen, dann muss eines dabei zunächst klar sein: die erste Hälfte des Jahrzehntes war, in der Breite, deutlich ärmer an Highlights als die zweite, auch wenn sich das in meinen Top 10 und damit in der Spitze so nicht widerspiegeln wird. Erschien in den Jahren bis 2013 ca. eine Top-Abfüllung, so erhielt diese von der damals noch kleinen Szene noch um einiges mehr Aufmerksamkeit als in den Jahren danach, als hochklassige Abfüllungen immer normaler bis irgendwann gar fast alltäglicher wurden. Dementsprechend anders wurden einige Bottlings seinerzeit dafür aber auch wahrgenommen und eingeordnet, bzw. legten den Grundstein für spätere Entwicklungen. Ich werde das im einzelnen aber entsprechend erläutern. 



10. Rum Albrecht LPS Jamaica Rum 17 YO Long Pond 1993 - 53% vol.

Gleich der erste Rum in unserem Ranking ist genau solch ein spezieller Fall. Würde beispielsweise ein tropisch gereifter LPS 17 YO heute erscheinen, so wäre das Echo sicher noch immer entsprechend und ein Interesse sicher vorhanden, aber ein solches Bottling wäre heute nicht mehr bahnbrechend und der Rum sicher nicht zwingend ein Kandidat für eine Bestenliste der Dekade. 2012, bei Erscheinen war das noch vollkommen anders. High Ester Jamaica Rum mit über 50% vol.?! Da konnte man schon mal ausrasten! Denn das war selten, extrem selten! Dazu kam der Rum  mit einem Preis von ca. 40,- (!!) Euro um die Ecke! Schon damals war den meisten, die da schon aktiv waren klar: ein so guter Rum mit einem solch gigantischen Preis-Leistungs-Verhältnis (Value for Money) wird vermutlich nie wieder kommen und sie sollten in diesem Punkt auch Recht behalten. Dieses Bottling war in jeder Hinsicht einmalig und kam in einer Zeit, in der noch fast niemandem klar war, wie richtungsweisend genau dieser Rum später noch einmal sein würde. Denn er ist einer der ganz, ganz wenigen Rums, der tropisch gereift wurde UND direkt vom Bottler in der Karibik erworben wurde. Ich habe das nicht gecheckt, aber ich glaube, das können ansonsten nur Velier und -mit Abstrichen- Bristol Spirits von sich behaupten. Zukunftsmusik im Jahr 2012 in wirklich extrem guter Qualität - keine Frage, dass dieser Rum in die Top 10 musste! 

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9. Duncan Taylor Jamaica Rum 22 YO Hampden 1990 - 52,9% vol.

Und direkt der zweite Rum aus der ersten Hälfte des Jahrzehnts. Er kam ca. ein Jahr nach dem LPS auf den Markt und war einer der allerersten Hampden mit höherem Ester-Mark als LROK, der mit mehr als 50% vol. erschien. Zwar bedeuteten auch die ca. 53% vol. noch eine Reduzierung des Alkoholgehalts um fast 10% vol., aber der Qualitätsgewinn war dennoch ganz offensichtlich. Dazu konnte der Jahrgang 1990 mit diesem Bottling seinen Ausnahmestatus endgültig zementieren, den er mit dem Berry Bros. 1990 bereits mehr als angedeutet hatte. Mit einem Preis von ca. 110,- Euro war der Rum zudem kein Schnäppchen mehr, zumindest für damalige Verhältnisse. Mit dem Übertreten der damals magischen 100,- Euro Grenze setzte der Abfüller durchaus auch in dieser Hinsicht ein Ausrufezeichen. Für mich ganz persönlich stellte der Duncan Taylor Hampden 1990 damals aber vor allem aus einem anderen Grund eine echte Zäsur dar: endlich ein unabhängiger Abfüller neben Cadenhead, der Hampden nicht bis auf 46% vol. herunter verdünnte! Das gab es bis dahin nicht! Der Hampden war zudem Teil einer heute legendären ersten Serie an Abfüllungen, aus der es auch noch eine weitere Abfüllung in diese Liste geschafft und eine diese nur knapp verfehlt hat. Schade, dass in dieser enormen Qualität danach nie wieder etwas hinterher kam bei Duncan Taylor. Der Hampden Jahrgang 1990 allerdings sollte seinen absoluten Höhepunkt erst noch erleben. Doch dazu später in dieser Liste... 

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8. Samaroli Jamaica Rum 21 YO Hampden 1993 - 65% vol.

Und direkt wieder die erste Hälfte der Dekade, auch wenn dieser Rum für mich gefühlt schon beinahe eher zur zweiten Hälfte zählt, denn mit seinem Ausgabepreis von über 200,- Euro wies er bereits ein typisches Merkmal späterer Jahre auf, indem man nicht nur die 100,- Euro Grenze nahm, sondern auch direkt die 200,- Euro. Für mich damals ein unverschämt hoher Preis, den ich nicht zu zahlen bereit war. Kontrovers dürfte für viele aber auch die Platzierung des Samarolis in diesem Ranking sein, denn den würden sicher die meisten höher erwarten, bzw. selbst auch höher platzieren. Warum? Nun, weil er glaube ich für alle die es nicht unbedingt mit dem Jahrgang 1990 halten schlicht der beste Hampden aller Zeiten ist. Für mich ist es aber immerhin noch der zweitbeste Hampden. Mit schwarzer Flasche und wirklich schickem Label, auch das soll nicht unerwähnt bleiben, machte das Bottling zudem auch äußerlich richtig was her. Eine Sonderstellung nimmt der Rum aber auch deshalb ein, weil es eines der ganz wenigen Abfüllungen von Samaroli ist, die wirklich und unzweifelhaft zu den absolut besten aller Zeiten zählen. Ansonsten kam von dort leider auch sehr viel Durchschnitt. Mir fällt kein einziger weiterer Samaroli ein, der es bei mir auch nur in die Top 50 der letzten Jahre schaffen würde - das ist bezeichnend! 

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7. Velier Heavy Trinidad Rum 23 YO Caroni 1996 "The Last" - 61,9% vol.

Der einzige Rum aus diesem Jahr, der es in die Bestenliste der Dekade geschafft hat, ist ein Caroni! Zudem ist es der erste in dieser Liste, der nicht aus Jamaica stammt, meiner Lieblingsinsel. Ja, das ist für viele möglicherweise etwas eintönig, aber keine Angst, es folgen auch noch weitere Ausflüge zu anderen Ländern. Der "Last Caroni" aus diesem Jahr war für mich ohne jeden Zweifel der beste Rum des Jahres 2019 und damit zugleich nochmal eine echte Überraschung, denn weder hatte ich damit gerechnet, dass nochmal ein solch guter Caroni auf den Markt kommen würde, noch hatte ich zu hoffen gewagt, dass das in derart großer Auflage nochmal passieren würde. Wahr wurde es dennoch und so war die Freude natürlich umso größer! Doch wo Licht ist, ist immer auch Schatten und so schwang mit diesem Rum natürlich auch die Gewissheit mit, dass hier gleichzeitig auch eine Ära bald zu Ende gehen wird. Caroni in größerer Auflage sind seitens Velier nicht mehr zu erwarten und die wenigen Flaschen die noch kommen, werden schwer zu bekommen sein. Die Preise werden darüber hinaus weiterhin steigen, so dass für viele selbst die 390,- Euro Ausgabepreis für den "Last" schon wie eine Aufforderung zum Kauf klangen. Perverse Verhältnisse, gerade mit Blick auf die Preisentwicklung über die gesamten letzten zehn Jahre gesehen, aber Caroni wird nun einmal nicht wieder kommen und die Nachfrage ist riesig. 

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6. Isla Del Ron Jamaica Rum 30 YO Long Pond 1982 - 56,2% vol.

Der Isla Del Ron Long Pond 1982 ist ein Rum, der mich heute mehr denn je fasziniert, denn er symbolisiert wie kaum eine andere Abfüllung den Übergang von der Rumwelt wie sie früher war, vor dem großen Boom, hin zu dem, wie wir sie heute kennen. Es handelt sich dabei nämlich einerseits um eines der allerletzten Bottlings eines alten Long Ponds aus den 1980ern und gleichzeitig aber auch um eine der ersten Abfüllungen der neuen unabhängigen Abfüller, die sich ab 2012 ca. herauskristallisierten, vielfach aus der damals bereits bestehenden Szene aus unabhängigen Whisky-Abfüllern. Das war auch hier der Fall, denn hinter Isla Del Ron steht der deutsche IB Malts of Scotland mit Sitz in Paderborn, zu dessen Premieren-Abfüllungen dieser 1982er Long Pond damals gehörte. Ähnlich wie Duncan Taylor startete auch Malts of Scotland mit riesigen Ausrufezeichen und ließ dann aber leider ziemlich nach. Neben dem Long Pond zählten auch ein 1988er Enmore, ein 2000er Mount Gay und ein 1998er Sancti Spiritus zum Portfolio. Die späteren Abfüllungen erreichten dieses Niveau meines Erachtens aber nicht mehr, und wenn, dann nur sehr vereinzelt. Schade. Nichts desto weniger gehört der 1982er meines Erachtens in jede Bestenliste, wenn wir über das vergangene Jahrzehnt sprechen. Für mich ein Ausnahme-Rum, den ich mir sehr wünschen würde, nochmal im Regal stehen zu haben. Die 130,- Euro Ausgabepreis waren damals eine echte Ansage. Aus heutiger Sicht war der Preis hingegen ein kompletter Witz!

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5. Duncan Taylor Barbados Rum 25 YO WIRD/Rockley 1986 - 52,7% vol.

Der nächste Ausflug, der nicht nach Jamaica geht und der einzige Barbadier, der es in meine Liste geschafft hat. Warum nur der eine, werden nun viele fragen. Ja, aus Barbados kommen viele tolle Rums, aber die allermeisten der anderen Rockley aus 1986 wurden bereits in den beiden vorherigen Jahrzehnten, also in den 1990er und 2000er Jahren abgefüllt, weswegen sie hier nicht auftauchen, und die wenigen Mount Gay, die mir wirklich gefielen, konnten in der Qualität nicht an jene Rums heranreichen, die sich hier heute noch so tümmeln. Daher ist Barbados leider ein wenig unterrepräsentiert, ja, aber ich hoffe noch immer darauf, dass seitens WIRD/Ferrand der Rockley-Style noch einmal ein Revival erfährt und es damit in einigen Jahren wieder mehr Barbadier in die Bestenlisten schaffen. Momentan sieht das leider eher mau aus. Mit dem 25 Jahre alten Duncan Taylor WIRD erschien dafür allerdings ein absolutes Highlight im Jahr 2012 und damit im relevanten Zeitraum. Er gehörte zur bereits angesprochenen ersten Welle an Duncan Taylor Releases und dieses war in dieser Hinsicht das beste von ihnen, sogar noch vor dem Hampden. Rockley gehört zu den für mich besten Stilen überhaupt beim Rum und es ist schade, dass er so in Vergessenheit geriet in den letzten Jahren. Alle, die erst später zum Rum kamen haben da echt was verpasst: simply the best Barbados rum ever! Der Ausgabepreis von ca. 90,- Euro treibt einem heute die Tränen in die Augen...  

PS: es handelt sich bei diesem Rum um den einzigen, der bisher kein Review auf BAT erfahren hat. Das liegt daran, dass das Review bei Erscheinen des Rums von Marco kam und bei mir die Reviews der Rockleys erst für das Jahr 2020 geplant sind. Aber auch dieser Rum wird hier noch besprochen werden! 



4. Velier Heavy Trinidad Rum 20 YO Caroni 1992 "Hangar" - 60,21% vol.

Trinidad und Caroni die Zweite! Schon 2012 erschienen, kam dieser Rum allerdings erst sehr viel später wirklich zu Ehren, nämlich im Zuge des allgemeinen und gesamten Aufstieg Veliers und damit Caronis zu einer der beliebtesten Destillerien überhaupt. Dann allerdings hat der "Hangar" so richtig reingehauen! Die Rums zählen zum so genannten Guyana Stock, also jenen Rums, die ab 2008 in Guyana bei DDL lagerten. Und 1992 gehört gleichzeitig zu den besten, aber eben auch seltensten Jahrgängen von Caroni. Gerade einmal vier verschiedene Abfüllungen hat Velier herausgebracht und auch von anderen IB gibt es meines Wissens nach keinen anderen reinen 1992er Caroni. Kein Wunder, dass diese Rums extrem gesucht sind. Der damalige Ausgabepreis von vermutlich nicht einmal 100,- Euro ist heute kaum noch zu glauben, angesichts der Tatsache, dass er Sammlern als auch Genießern in den nächsten Jahren ziemlich sicher bald mehr als das zehnfache dessen wert sein wird. Verrückt, aber diese Abfüllung ist nun mal wirklich "leider geil"!

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3. Velier Heavy Trinidad Rum 20 YO Caroni 1996 "Kirsch SC" - 62,4% vol.

Und noch einmal, ein letztes Mal, Trinidad und Caroni! Dreimal im Ranking vertreten und dreimal hochverdient! Wir nähern uns nun auch insgesamt der absoluten Spitze, bzw. wir haben sie hiermit bereits erreicht, denn alle Rums in meinen Top 3, mit diesem angefangen, kommen bei mir auf sagenhafte 98 von 100 Punkten! Wahnsinn! Im Jahr 2015 begann Velier damit, diversen Shops und/oder Händlern in Europa und der Welt Single Cask Abfüllungen zuzuteilen. Im Jahr 2016 wurde diese Ehre auch dem Deutschen Partner "Kirsch Whisky" zuteil und diese bekamen dann auch direkt das meines Erachtens absolute Highlight in der neueren Geschichte von Caroni. Eine Abfüllung, ein Fass, bei dem wirklich alles stimmte! Mit 220,- Euro ca. war der Ausgabepreis zwar auch für damalige Verhältnisse nicht von schlechten Eltern, allerdings musste man nur wenige Tage nach dem Ausverkauf auf ebay und anderen Plattformen schon ein vielfaches dessen bezahlen. Dieses Bottling markierte, zumindest hier in Deutschland, in dieser Hinsicht auch einen Wendepunkt, denn zumindest gefühlt war das DIE Abfüllung, ab der es dann preislich richtig eskalierte. Danach gab es kaum noch Schnäppchen und die Zeit in der man Velier Caroni gemütlich shoppen konnte gehörte endgültig der Vergangenheit an. 

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2. Velier Old Demerara Rum 25 YO Albion 1986 - 60,6% vol.

Platz 2 geht an die letzte Jamaica-Ausnahme und in ein Land, das in dieser Liste bisher noch gar nicht auftauchte: Guyana! Dargereicht wird dieser Demerara Rum, wie könnte es anders sein, vom italienischen Abfüller Velier, der mit insgesamt vier Abfüllungen auch der meist vertretene in dieser Top-Liste ist. Klar, zumindest einer der alten Demeraras von Velier musste hier mit rein und es ist der Albion 1986! Albion, das ist kein Geheimnis, gehört zu den Stilen, die mir trotz dessen, dass mich Guyana Rum im Allgemeinen nicht so sehr begeistert, doch sehr geflasht hat und die ich ziemlich schnell nennen möchte und muss, wenn es um meine Lieblingsrums geht. Der 1986er ist von den Albion die ich kenne (alle, bis auf 1989) der für mich mit Abstand beste und er fiel glücklicherweise in dieses Jahrzehnt, so dass ich ihn hier auch listen darf. Finde ich ihn besser als den Kirsch, weil ich ihn auf 2 statt 3 habe? Nein, nicht wirklich, aber für das Ranking hatte der Albion vielleicht dann doch den Demerara Bonus, denn der Faszination dieser Demerara Reihe, die auch die Grundlage für den Mythos Velier sind, kann man sich nur extrem schwer entziehen, auch wenn ich persönlich viele dieser Rums bei weitem nicht so hoch ranke wie viele andere. Aber dieser Albion gilt zurecht als einer der besten Rums aller Zeiten, nicht nur dieses Jahrzehnts. Ein absolutes Meisterwerk! Über Preise zu reden macht hier leider so wenig Sinn wie bei keinem anderen Rum in diesem Ranking, außer vielleicht dem Duncan Taylor Rockley, den ebenso nachvollziehbar kaum jemand überhaupt mal zum Verkauf anbietet... 

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1. The Rum Cask Jamaica Rum 26 YO Hampden 1990 - 61,9% vol.

Platz 1, und ja, das ist extrem subjektiv, geht natürlich an den 1990er Hampden von The Rum Cask, der für mich den endgültigen Wiedereinstieg in die Rum Szene markierte, nachdem ich mir 2015/16 eine kleine Auszeit genommen hatte. Nein, auch diesen Rum würde ich rein qualitativ nicht über den Albion oder den Kirsch stellen wollen, aber was der Demerara Bonus beim Albion gegenüber dem Kirsch war, ist hier die Tatsache, dass Hampden meine erste Liebe ist und ich an dieser Abfüllung auch noch meinen Anteil hatte und damit emotional extrem an das Teil gebunden bin. Ausgangslage für dieses Bottling war anno 2013 eine Art Wunschliste, die ich den Jungs von The Rum Cask zukommen ließ, auf dem der Jahrgang 1990 von Hampden mit Priorität 1 ganz oben auf der Liste stand. Über drei Jahre später meldete sich Jens dann bei mir mit der Nachricht, dass man einen eben solchen Rum nun gefunden und gekauft habe. Schon nach dem ersten Probieren des Fass-Samples war ich ganz aus dem Häuschen, denn das war nicht mehr und nicht weniger als der für mich beste Hampden, der je das Licht der Welt erblickt hat! 26 Jahre Reife, so lange wie damals kein anderer Hampden vor ihm, dazu in Fassstärke, was es aus 1990 zuvor auch noch nicht gegeben hatte... ein geniales Fass ohne jede Fehlnote und ohne, dass irgendwas gefehlt hätte... für mich der König aus Hampden und (gemeinsam mit dem Kirsch und dem Albion!) der Rum des Jahrzehnts! 

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Epilog: 

Das waren sie also, meine Highlights des vergangenen Jahrzehnts! Zehn großartige Rums, alle würdig, dass man sie bei sich im Schrank stehen hat (auch wenn das auch mir bei weitem nicht bei allen gelingen konnte). Und natürlich gibt es einige Rums, die in Punkten sicher auch noch besser abgeschnitten hätten als einige aus der Liste, aber wer möchte denn noch drei weitere Caroni oder Hampden in der Liste sehen? Es ging mir schon auch darum, das Jahrzehnt ein wenig abzubilden und noch einmal aufzuzeigen, was uns alles bewegt und so richtig begeistert hat. Leider liegt es in der Natur der Sache, dass eine Top 10 da ja aber auch nur begrenzt Platz bietet. Als ich Ideen gesammelt habe, waren da noch eine Menge anderer Namen, die es ebenfalls verdient haben, hier noch einmal Erwähnung zu finden. Da wären z.B. die großartigen Bottlings von A.D. Rattray, allen voran der Monymusk 1986 (den ich eher für einen Long Pond halte) und der Pampero 1992 aus dem Islay Fass, den ich für die beste Pampero Abfüllung aller Zeiten halte! Aber auch der Mount Gay 2000 und der Versailles 1985 aus der ersten Duncan Taylor Serie waren echte Highlights. Der Versailles verfehlte meine Top 10 nur denkbar knapp! Und wo wir es schon von Mount Gay haben... gerade im vergangenen Jahr kamen da mit dem Kintra 18 YO und dem The Rum Cask 19 YO die meines Erachtens besten Mount Gay überhaupt. Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollen die zum Teil wirklich großartigen Bottlings von Savanna, allen voran natürlich der 10 YO HERR aus 2006, der zum 60. Jubiläum von LMDW im Jahr 2016 erschien. Und nicht zuletzt gefällt mir auch die Habitation Velier Serie wahnsinnig gut, aus der z.B. der Jamaica Hampden HGML 9 YO ebenfalls nicht sehr weit weg von dieser Top 10 gewesen ist. Und, wenn ich schon dabei bin und ich meine Highlights des Jahrzehnts nennen darf, dann möchte ich natürlich auch noch einmal unseren Letter of Marque DOK in Erinnerung bringen. Nein, der war rein geschmacklich sicher kein Kandidat für die Top 10, auch wenn ich ihn sehr gut finde, aber es war ein echtes Highlight, einen solch extremen Stil mit zu entdecken und dabei geholfen zu haben, ihn der Welt zugänglich zu machen. Es war mir und uns allen eine Ehre!

Auffällig finde ich, dass wenn man eine solche Liste mit den besten Rums aus den 2000er Jahren, also des vorherigen Jahrzehnts, erstellen würde, dass man dann sehr viel Cadenhead und Bristol in dieser Liste finden würde, die im abgelaufenen Jahrzehnt aber nur noch eine Nebenrolle gespielt haben. Stattdessen wurde die Zeit dominiert von Velier und vielen kleineren neuen unabhängigen Abfüllern, die es vor zehn Jahren im Rum Business noch gar nicht gegeben hat, wie Duncan Taylor, A.D. Rattray, Isla Del Ron oder The Rum Cask. Auch ist es ein großer Erfolg, dass alle Top 10 Rums ganz selbstverständlich mit über 50% vol. daher kommen. Im vorherigen Jahrzehnt wäre es kaum möglich gewesen, Rums mit 46% vol. zu übergehen, aber in den 2010er Jahren gab es sie nahezu gar nicht mehr. Wirklich außerordentlich froh bin ich darüber, dass Rum Albrecht, bzw. Heinz Eggert, die den LPS im Ranking hatten, inzwischen als RA (Rum Artesanal) seit ca. zwei Jahren wieder sehr aktiv sind und gerade eine Menge darin investieren auch in zehn Jahren wieder mindestens einen Rum in dieser Liste platzieren zu können. 
Aber auch bei den Destillerien gab es diesen Wandel. Wir haben in den 2010er Jahren wirklich auch noch einige Perlen vergangener Tage bekommen, die es so und in dieser Form danach nicht noch einmal gab und wohl auch nie wieder geben wird. Die goldene Ära lange gereifter Long Ponds aus den 1970er und 1980er Jahren ging zu Ende, die letzten alten Demerara von Velier erschienen und Rockley erlebte seinen vorläufigen Schluss- und Höhepunkt. Da gingen definitiv goldene Zeitalter des Rums vorüber. Klar ist aber auch: die zweite Hälfte der 2010er Jahre erlebten in der Breite eine Explosion an Qualität, die in den Jahren davor so nicht vorstellbar waren und die ich persönlich auch nicht für möglich gehalten hätte. Natürlich, einige alte Stile wurden schmerzlich vermisst, ich habe sie gerade noch einmal benannt, dafür aber betraten Destillerien die Bühne, die zuvor nicht oder nur kaum bekannt waren. Rums aus Fiji begannen die Connaisseure zu begeistern, die ersten Abfüllungen von Worthy Park erschienen, Savanna wurde groß und plötzlich kamen sogar Lebenszeichen aus New Yarmouth! DDL begann damit, seine Rums auch ungesüßt und außerhalb der El Dorado Serie selbst abzufüllen, wenn auch noch nicht annähernd so erfolgreich wie Velier das gelungen war. Aber es geht voran! Die Rumwelt lebt, ist im Wandel und wir können heute nur begrenzt vorhersagen, was wir wohl in zehn Jahren in solchen Listen finden werden. Die ersten fast 20 Jahre tropisch gereiften Hampden werden wir dann gesehen haben, aber ob sie an die alten Hampden heranreichen oder diese vielleicht auch übertreffen werden? Wer weiß. Auch einen 25 YO Wothy Park wird es geben... das könnte extrem geil werden! Projekte in Grenada werden Früchte tragen... Savanna wird eine der begehrtesten Destillerien überhaupt werden... Caroni werden weiterhin erscheinen... nur zu welchen Preisen, und in welcher Qualität? Es wird noch mehr tropisch gereifte Long Pond und Monymusk geben... und, und, und... 

Ich freu' mich drauf und wünsche euch einen guten Rutsch ins neue Jahr 2020! 

Bis dahin,
Flo

Mittwoch, 25. Dezember 2019

A Decade of Rum: 2010 - 2019

Liebe Rum Gemeinde,

ich wünsche euch ein frohes Fest und möchte euch zu diesem Anlass gerne mitnehmen auf eine kleine Zeitreise! Denn dieser Tage neigt sich nicht nur einmal mehr ein Jahr dem Ende entgegen, sondern ein ganzes Jahrzehnt. Der Übergang von den 2010er Jahren in die 2020er Jahre wird kalendarisch vollzogen und ich möchte diesen Anlass dazu nutzen, einmal auf die Rum-Szene innerhalb der letzten zehn Jahre und damit der ausgehenden Dekade zurückzublicken. Denn zu behaupten, dass sich hier viel getan hätte, wäre noch eine massive Untertreibung! 



Die Rum-Szene wächst!

Zunächst muss ich an dieser Stelle sagen, dass ich das ausgesprochen große Glück hatte, diese Zeit nahezu vollständig aktiv miterlebt haben zu dürfen, da ich bereits entsprechend früh den Einstieg ins Thema gefunden habe. Und tatsächlich sind wir genau damit dann auch schon beim ersten Aspekt, auf den ich unbedingt eingehen muss, denn schon diese Tatsache macht mich innerhalb der Rum Szene, zumindest im Kreise der Connaisseure, zu einem echten Exoten. Warum? Ganz einfach, weil die aller, aller wenigsten, die sich heute mit Single Cask- und Cask Strength Rum auseinandersetzen und sich zu eben jenem Kreise von Connaisseuren zählen, von sich behaupten können zu Beginn des Jahrzehnts schon dabei gewesen zu sein. Ich erinnere mich, dass, als ich 2011 so richtig auf den Geschmack gekommen bin, es hier in Deutschland gerade mal eine kleine Hand voll Menschen gab, die öffentlich Gefallen an den richtig guten Tropfen, abseits der oft flachen, verwechselbaren und gesüßten (ja, kommen wir auch noch zu) Rums fanden. Die allermeisten derer entsprangen der Cocktailszene und so blieb unsere Gruppe damals erst einmal eine ziemliche Randerscheinung, die sich in einem Chatroom eines schon damals vollkommen aus der Zeit gefallenen und nicht mehr gepflegten Cocktail-Forums regelmäßig traf und zusammen Rums verkostete oder über eben jenen Rum philosophierten, den wir noch heute so sehr lieben. Wenn man nach den damals in unserer kleinen Clique gefragten Rums googlete, wie beispielsweise den Cadenheads Cask Strength Abfüllungen oder den Rums von Bristol Spirits, dann fand man in den allermeisten Fällen: nichts. Keine Blogs, die sich umfassend mit dem Thema auseinander setzten, kein breit gefächertes Angebot, eine nur begrenzte Auswahl an Shops mit einer noch stärker begrenzten Auswahl an Rums. Die guten Tropfen der unabhängigen Abfüller waren nur selten darunter. Und auch wenn man über den Tellerrand blickte, nach Europa und in die Welt, so fand man eher keine Mitstreiter, die den eigenen Geschmack zu teilen schienen. Und überhaupt schien Deutschland noch so ziemlich das einzige Land zu sein, in dem man die ganzen guten Rums überhaupt irgendwie bekommen konnte. Wenn ich ebay Frankreich, Italien oder Großbritannien durchsuchte nach Jamaica Rum, dann fand ich Appleton, manchmal noch Coruba oder Sangster's - das war's!



Bei so geringen Möglichkeiten und Chancen mit der Materie in Berührung zu kommen, war es also gewissermaßen pures Glück, dass ich eine der wenigen Gelegenheiten erfassen konnte, in diese Szene reinzurutschen und dafür bin ich bis heute sehr dankbar. Damals allerdings war es auch immer wieder frustrierend, denn in mir war ein immenser Drang das eigene Wissen immer mehr zu erweitern und das war, gelinge gesagt, schwierig. Es zeichnete sich bei Hampden beispielsweise ab, dass sich die einzelnen Abfüllungen im Estergehalt voneinander unterschieden, aber in welcher Weise, wie das definiert war, woran man das erkennen konnte... zu all dem gab es damals noch keinerlei Informationen. Es gab die Mark-Angaben auf den Cadenhead-Labeln, die das damals als einzige gemacht haben. Das wars! Das aber weiterzuverfolgen, Informationen zu sammeln, zu sortieren, daraus Schlüsse zu ziehen, das Wissen zu erweitern... eine unfassbar aufwendige Arbeit damals! Heute bin ich dafür dankbar, denn ich glaube, ich hätte vieles niemals so sehr verinnerlicht, wenn ich es einfach irgendwo mit ein paar Klicks hätte nachschlagen können, aber damals habe ich das oft verflucht. Nichts desto weniger, wir leisteten damals echte Pionier-Arbeit und auch deshalb haben Leo, Marco und ich damals auch Barrel Aged Thoughts ins Leben gerufen, um all diesen Informationen eine Plattform zu geben, Wissen zu speichern und weitergeben zu können und das macht mich heute definitiv auch stolz.
Ergattert 2012 in München beim Whiskyshop tara:
Bristol Jamaica Blend für 125,- Euro
Die Saat war also in der Erde, aber ehe die Früchte unserer Arbeit damals geerntet wurden verging noch einiges an Zeit. Die Gruppe an Conaisseuren wuchs langsam aber sicher und mit der Zeit wuchs auch die Bereitschaft, mehr Geld für Rum auszugeben (auch dazu gleich noch mehr). Auf diesem Wege gewann der Abfüller Velier ab 2012 sehr schnell an Bedeutung, der danach das Jahrzehnt prägen sollte wie kein anderer sonst, nicht einmal annähernd. Bis dahin kauften wir in der Mehrzahl alte Bottlings längst vergangener Tage, zum Teil noch abgefüllt in den 1990er Jahren, etwa von Cadenhead und Bristol, die man mit etwas geschickter Suche zu diesem Zeitpunkt auch noch häufig finden und ergattern konnte. So genannte Shopleichen gab es reichlich und wir kauften diese noch ganz bequem und zu Preisen, die heute wie ein Witz anmuten. Das war dann ab 2013 ca. vorbei. Die Rum Szene wuchs plötzlich immer schneller, auch Europaweit und Weltweit. Plötzlich kamen z.B. auch die Menschen in Frankreich auf den Geschmack, die sich bis dahin sehr auf den Agricole konzentriert hatten, dessen Originalabfüllungen in ihrer Qualität denen aus anderen Ländern um Längen voraus waren! Velier wurde immer bedeutender, und als die Demerara Bottlings nicht mehr zu bekommen waren und im Preis massiv stiegen, wurde sich auch über Caroni hergemacht, welches bis dahin ein doch eher stiefmütterliches Dasein fristete. Auch hier stiegen die Preise dann horrend und die Zeitspannen, innerhalb derer neue Bottlings ausverkauft waren wurden immer kürzer bis hin zu wenigen Minuten oder Sekunden. Heute ist also vieles anders. In die Szene hineinrutschen? Alles gar kein Problem mehr! Via facebook landet man da inzwischen direkt in den einschlägigen Gruppen und kommt dann, wenn man persönlich denn möchte, auch mit dem guten Stoff in Kontakt. Dabei ist es heute auch egal, aus welchem Land man kommt. Die Szene ist international aufgestellt. Häufig treffen sich Menschen rund um den Erdball zum Thema Rum auf inzwischen unzähligen Messen. 2010 gab es das UK Rumfest und dann ganz neu das Rum Fest in Berlin. Heute dürften die Messen in Paris, London, Rom und Spa zu den wichtigsten zählen, auf denen regelmäßig Rums präsentiert werden, die es z.B. noch gar nicht im Handel gibt. Die Masse an Connaisseuren ist riesig, größer, als ich es mir noch vor 10 Jahren hätte vorstellen können, und ich bin stolz sagen zu können, dass ich mit BAT definitiv auch einen eigenen, begünstigenden Anteil daran hatte, der diese Entwicklung mit ermöglicht hat.


Angebot und Preise steigen!

Nachdem ich aufgezeigt habe, in welch kaum zu überblickenden Ausmaß die Nachfrage an qualitativ hochwertigem Rum in den letzten zehn Jahren gestiegen ist, weil nämlich die Anzahl an Connaisseuren immer größer wurde und noch immer wird, liegt es nahe, dass sich das auch auf das Angebot an Rum ausgewirkt hat und letztlich dann auch auf die Preise des angebotenen Rums. Und auch hier müssen letztendlich dann schon beinahe Superlative bemüht werden, um die Entwicklung einigermaßen darzustellen. Wenn ich an meine Anfangszeit in der Szene zurückdenke, dann habe ich bei einigen Rums direkt noch immer die Preise vor Augen, die, das ist vielleicht unumgänglich, teils bis heute auch noch immer eine Art Kompass für mich darstellen, anhand dessen ich für mich abwäge, als wie günstig oder wie teuer ich einen Rum empfinde. Die Cadenhead's Cask Strength Bottlings z.B., die damals, zumindest unter Nerds, sehr gefragt waren, weil es ansonsten kaum etwas anderes in Fassstärke auf dem Markt zu kaufen gab, kosteten meist so um die 50,- Euro, außer die älteren Rums mit ca. 20 Jahren Reife und mehr. Die Rums von Bristol Spirits, die zwar verdünnt, qualitativ aber meist auch immer in der Top Liga spielten, waren dagegen schon etwas teurer, aber auch hier kosteten sehr alte Rums meist nicht wesentlich mehr als hundert Euro. Zum Vergleich: da fangen die guten Rums heute inzwischen oft erst an!
Kostete 2012 noch 25,- Euro: PM aus 1988
Wenn ich heute Menschen die erst später zur Rum-Szene dazu stießen erzähle, dass wir vor einigen Jahren noch viele alte Bristol Abfüllungen für Preise zwischen 25,- und 40,- Euro gekauft haben, können die das häufig gar nicht glauben. Doch wie immer, wenn etwas beinahe zu schön erscheint um wahr zu sein, gibt es ja häufig noch einen Haken und den gibt es auch hier. Das Angebot nämlich bestand damals nicht selten aus Altbeständen von vor fünfzehn bis zwanzig Jahren abgefüllten Bottlings, die noch immer erhältlich waren, weil Bristol und Cadenheads z.B. einen Markt belieferten, den es so damals noch gar nicht gab. Sie waren ihrer Zeit voraus. Das führte dazu, dass z.B. diese beiden Abfüller zu jener Zeit schon gar nicht mehr so produktiv waren, wie sie das noch viele Jahre zuvor waren. Wir kauften damals vielfach Reste. Aktuelle Bottlings waren seltener. Und wenn etwas kam, dann meist verdünnte Rums mit ca. 46% vol.. Und an der Stelle muss ich dann aber mal eindeutig eine Lanze für jene Bottler von einst brechen, zu denen Cadenhead und Bristol damals auch beispielsweise Samaroli oder Velier/Luca Gargano zählten. Sie alle sahen die Qualität und das unglaubliche Potenzial das Rum hatte, Jahre bevor es dazu überhaupt eine breite Käuferschicht gab. Das ist wirklich sehr außergewöhnlich. Angebot ohne Nachfrage. Dementsprechend waren damals aber natürlich auch die Preise im Keller. Und obwohl auch die Velier Abfüllungen damals aus heutiger Sicht überhaupt nicht teuer waren, so wurden sie lange Zeit dennoch eher wenig beachtet unter den Connaisseuren, da es Fassstärke Demerara auch von Cadenhead gab und diese viel günstiger waren und sich für Caroni überhaupt niemand interessierte (ich habe Skeldon noch für ca. 100-150,- Euro bei Old Whisky gesehen! - aber nicht gekauft...). Hierbei ist zu beachten, dass es zu diesem Zeitpunkt für das Alleinstellungsmerkmal Veliers, die tropische Reifung, noch keinerlei Gefühl und Bewusstsein gab. Das waren nichts weiter als Randnotizen und so wurden diese damals häufig noch wenig beachtet und das Geld eher in günstigere Bottlings gesteckt. Erst mit der Zeit wurden die alten Demeraras von Velier und die geschmackliche Besonderheit der tropischen Reifung entdeckt. Hier ist vor allem das Jahr 2013 zu nennen, als Velier durch DDL vom Nachschub abschnitten wurde. Nun ging es relativ schnell und der italienische Abfüller startete seinen beispiellosen Siegeszug, hin zum zweifellos bedeutendsten und einflussreichsten Bottler der 2010er Jahre, im Zuge dessen dann auch die geschlossene Destillerie Caroni noch zu ihrem späten Ruhm kam.

Einer der besten der alten Velier Demeraras: Albion 1986! 
Neue Abfüller betraten ab 2012 den Markt... 


Parallel dazu wurde auch an anderer Stelle bemerkt, dass zu Rum plötzlich eine Nachfrage bestand und so begannen auch vermehrt andere unabhängige Abfüller damit, zumeist aus dem Whisky-Segment, Rum anzubieten. Zu nennen sind hier A.D. Rattray, Duncan Taylor, The Whisky Agency, The Rum Cask oder Isla Del Ron, die, im Gegensatz zu vielen der schon früher aktiven Bottler wie Berry Bros. & Rudd, Murray McDavid oder den hier schon mehrfach genannten (Bristol, ...) aber auch die Zeichen der Zeit bereits so weit erkannten, dass sie nicht nur ebenfalls Rum anboten, sondern noch weiter gingen und diesen in Fassstärke auf den Markt brachten. The Rum Cask gingen dabei sogar soweit, dass sie mich damals im Jahr 2013 mit an Bord holten, einerseits um selbst stärker in die Materie zu kommen (die Jungs kamen ebenfalls aus der Whisky Ecke) und andererseits, um sich bei der Fass-Auswahl helfen zu lassen, damit man den Geschmack und den gewachsenen Anspruch der Connaisseure möglichst genau treffen konnte. Daraus resultierten die "Recommended by Barrel Aged Thoughts" Bottlings. Mitwirken zu können bei Bottlings... nicht mehr allein hoffen zu müssen, dass was gutes kommt... Einfluss nehmen zu können, es ein Stück weit selbst in der Hand zu haben... Wunschlisten an den Abfüller weitergeben zu dürfen... Das war sehr außergewöhnlich und bei vielen Stilen kam das damals einer Sensation gleich, was heute so normal wirkt. Es kann sich im Jahr 2019 ja kaum noch einer die immer währende Ernüchterung vorstellen, die mich überkam, wenn wieder mal ein neuer Hampden erschien und dabei die immer gleichen verwässerten 46% vol. aufwies.
Heute hat sich das glücklicherweise radikal und zum guten gewandelt! Natürlich hat das aber alles seinen Preis. Die Nachfrage stieg immer mehr, das Angebot zog nach und kam den Wünschen der Connaisseuren dabei immer mehr entgegen. Das ließ auch die Preise stiegen, zumal Rum, äquivalent zum Whisky, von einigen als Spekulationsobjekt entdeckt wurde. Letzteres betraf und betrifft insbesondere die Demerara- und Caroni-Abfüllungen Veliers, die in dieser Form einzigartig und unerreicht sind und in der Form auch nicht mehr reproduzierbar. Aber natürlich strahlte das auf den gesamten Markt ab, weswegen die einst magische Grenze von hundert Euro, über die man nur für ganz besondere Sachen drüber ging, heute fast schon eher als die Grenze zum Einstieg in den guten Stoff bezeichnet werden muss, während für die sehr besonderen Sachen dann gerne auch mal 300-500,- Euro aufgerufen werden. Das wiederum sind Summen, die wurden vor zehn Jahren für genau drei Bottlings aufgerufen, die mir spontan einfallen: den Gordon & MacPhail Long Pond 1941 Jamaica Rum, den Black Tot und den El Dorado 25 YO. Zwei davon waren dieses Geld aus heutiger Sicht locker wert, aber gekauft habe ich damals leider keinen der beiden. Beim 1941er bereue ich das sehr!
Meine erste Flaschenteilung (2011)
Ein herrliches Zeugnis über die Veränderung legen auch Flaschenteilungen ab. Zu Beginn des Jahrzehnts nämlich, waren Flaschenteilungen noch eher selten. Das lag vor allem daran, dass für jeden mehr als genug ganze Flaschen da waren und auch daran, dass diese erschwinglich waren. Nicht zuletzt lag das aber auch in der verschwindend kleinen Zahl an Connaisseuren begründet, so dass Teilungen schwerer zustande kamen. Auch das wurde ab 2012/2013 erst mehr. Heute hingegen sind Flaschenteilungen oft der einzige Weg überhaupt dieses oder jenes überhaupt einmal probieren zu können, da man an eine ganze Flasche entweder nicht dran kommt oder sich diese auch nicht immer leisten kann. Längst reicht das Geld bei den allermeisten von uns nicht mehr dafür, sich jeden Rum kaufen zu können der rauskommt und manche Rums sind da auch ganz individuell einfach zu teuer, wenn sie mal eben ein paar hundert Euro kosten. Und so laufen heute täglich unzählige Teilungen auf verschiedenen Netzwerken. Wahnsinn!


Veränderter Anspruch... 

Anno 2010: Meine allererste Rum-Bestellung... 🙈 
Richtig guter Rum... vor ca. zehn Jahren konnte einem dazu auf der Straße nahezu niemand eine Antwort geben. Am ehesten wären wohl noch die Namen Bacardi oder Havana Club gefallen. Fragte man dann in Insider-Kreisen nach, so gab es da im Normalfall dann aber nur eine Antwort: Zacapa! Wer vor zehn Jahren meinte, sich wirklich mit Rum auszukennen, der landete bei den Bast-Flaschen aus Guatemala und wähnte sich angekommen im Rum-Olymp. Und auf dem Weg dahin, es soll ja Step by Step gehen, führte dann kein Weg an Diplomatico, Millonario, Centenario und Pyrat vorbei. Diese Marken sagten aber den meisten Menschen damals noch nichts und zu kaufen gab es diese zumeist auch nur im Netz. Wenn ich sehe, dass ich diese heute auch vielfach im Supermarkt bekomme, dann wird mir dann immer erst so richtig klar, wie sehr Rum heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wie Mainstream er geworden ist, im Vergleich zu damals. Angefangen habe auch ich mit diesen Rums, das kann und möchte ich nicht leugnen. Wahr ist aber auch, dass ich ziemlich schnell durch Rums wie Appleton V/X und dann einen Hampden von Cadenhead gemerkt habe, was wirklich gutes Zeug ist, und wo ich in Bezug auf Rum stehe. Ziemlich offensichtlich war schon damals, auch wenn das zu diesem Zeitpunkt noch nicht offiziell bekannt war, dass die Hersteller bei den ganzen so genannten Süßrum-Marken nachgeholfen haben, zumindest mal mit Zucker. Denn diese Rums waren derart süß, dass klar war, dass eine solche Menge Zucker kein Destillat nach dem Brennvorgang noch enthalten kann. Und ja, das habe ich auch damals durchaus schon offensiv angesprochen, beispielsweise in diversen Foren, allerdings ist das zu diesem Zeitpunkt noch auf ziemlich taube Ohren gestoßen. Viele wollten es nicht wissen, sahen ihre Lieblingsrums diffamiert und ja, ich gebe es zu, ich bin damals auch nicht gerade diplomatisch vorgegangen. Das lag daran, dass ich den guten und ehrlichen Rum durch diese Etikettenschwindelei beleidigt sah und ich nicht verstehen konnte, dass nicht noch mehr Menschen das offensichtliche zu sehen bereit waren, geschweige denn sich ebenfalls darüber aufregten. Ich wollte Aufklärungsarbeit leisten, Menschen den ehrlichen Rum näher bringen. Bis Mitte des Jahrzehnts etwa stieß ich damit mehrheitlich auf Ablehnung. Dann kamen die ersten offiziellen Messergebnisse aus Skandinavien und später der ganzen Welt, die endlich in Zahlen bewiesen, was längst klar war: die meisten der originalabgefüllten Rums sind gesüßt! Wie sehr gesüßt, hat dann aber zum Teil sogar mich anfangs noch überrascht. Derartige Mengen hielt ich eigentlich für undenkbar. Auch fand ich es krass, dass selbst Marken wie El Dorado hier keine Ausnahme darstellten. Von nun an galt Zucker im Rum als Tatsache, die nicht nur von ein paar Nerds proklamiert wurde, sondern die bewiesen war. Und mit einigen Jahren Verzögerung setzte nun auch, endlich, eine Welle der Empörung ein. Diese reichte so weit, dass ich heute Menschen kennenlerne, die sich zwar kaum mit Rum auskennen, aber dennoch im Wissen stehen, dass da nachgeholfen wird. Da hat sich also in nur wenigen Jahren wirklich wahnsinnig viel getan! Heute sehe ich selbst das Thema indes lockerer als andere und deutlich lockerer als damals. Das Wissen ist da. Es ist an breiter Basis vorhanden. Und das ist mir wichtig. Ich möchte niemandem vorschreiben, was er trinken soll. Erlaubt ist, was schmeckt. Einzig: ich bin, und an der Stelle rigoros wie eh und je, ganz klar für eine Pflicht zur lückenlosen und eindeutigen Deklarierung! Wenn Zucker oder andere Stoffe zugegeben wurden, dann gehört dies als zusätzliche Angabe auf's Label, ohne Wenn und Aber! Und es freut mich zu sehen, dass wir auch in dieser Hinsicht immer weiter Fortschritte beobachten dürfen. Da läuft bereits vieles in die richtige Richtung und das ist gut so!


Tropisch oder kontinental? Das ist hier die Frage!

Anno 2012: 17 YO tropisch gereifter Long Pond von RA, 
sechs Jahre bevor Velier im Jahr 2018 seine Long Pond-
Serie startete 
Das große Thema zum Ende des Jahrzehnts ist ganz sicher jenes der Reifung, genauer gesagt dem Ort der Reifung. Zu Beginn des Jahrzehnts hat dieses Thema noch im Grunde niemanden interessiert. Rum reifte, wenn er Original abgefüllt wurde, in der Karibik, und wenn er von unabhängigen Abfüllern kam, dann kontinental - bis auf wenige Ausnahmen, wie der LPS Long Pond Single Rum 1993 von RA bewies, was aber bei Release 2012 ebenfalls nicht wirklich interessierte. In meinem Review von einst habe ich den Ort der Reifung z.B. zwar erwähnt, das allerdings wie beiläufig, nicht um den Rum herauszuheben. Es war erst einmal ein simpler Fakt, an dem sich aber niemand gestoßen hat. Niemand fragte nach Angel's Share, niemand fragte nach geschmacklichen Unterschieden. Das änderte sich erst, je stärker der Abfüller Velier an Bedeutung gewann. Luca Gargano ist weniger klassischer Rum Nerd, denn italienischer Lebemann mit Hang zur Karibik und zum Rum. Soll heißen: für ihn ist Rum nicht nur Ware, sondern auch Lebensart und Lebensgefühl. Große Teile seines Lebens verbrachte er in der Karibik und baute sich Netzwerke auf, von denen er, auch wirtschaftlich natürlich, bis heute profitiert. Für ihn gibt es Rum nur und ausschließlich aus der Karibik und alles andere fühlt sich für ihn, vollkommen unabhängig von der Qualität, falsch an. Daher plädiert er seit vielen Jahren für eine ausschließlich tropische Reifung von Rums und argumentiert in dieser Frage bisweilen auch sehr radikal bis sogar dorthin, dass Rums, die an anderer Stelle gelagert wurden, gar keine Rums entsprechender Produktionsstätten mehr seien. Letzteres geht mir und anderen dann aber doch entschieden zu weit. Denn obwohl seine Demeraras und Caronis bewiesen, dass man mit tropischer Lagerung in geschmacklich vollkommen neue Dimensionen vorstoßen kann, so zeigt sich gerade bei Hampden z.B., dass die Ergebnisse nach kontinentaler Reifung bisweilen noch überzeugender sind als jene durch tropische Sonne. Nichts desto weniger ist abzusehen, dass genau dieses Thema auch die nächsten Jahre des neuen Jahrzehnts noch beschäftigen wird und auch sehr unter dem Einfluss neuer nationaler (und vielleicht auch internationaler?) Gesetzgebungen stehen wird. Wenn GI-Gesetze inkraft treten, dann wird das Auswirkungen auf die gesamte Rum-Szene haben, die in vollem Ausmaß jetzt noch gar nicht abzusehen sind. Auf der einen Seite ist dabei natürlich verständlich, dass die Destillerien gemerkt haben, auf was für Schätzen sie teilweise sitzen und nun natürlich möglichst viel vom Kuchen selbst abbekommen möchten. Aber auf der anderen Seite bleibt natürlich der fade Beigeschmack, dass man dort eben vor allem auch gemerkt hat, wie wenig Zeit, Geld und Mühe man letztlich selbst in sein teures Gut investiert hat, wodurch es erst möglich wurde, dass andere, sprich europäische Broker und Bottler, das Potenzial entdeckten und nutzten. Dabei sollte man genau jenen sehr dankbar sein, denn nicht selten haben sie den guten Ruf ganzer Destillerien erst errichtet, die man, ohne die unabhängigen Abfüller, heute gar nicht kennen würde. Dazu zählen beispielsweise Long Pond oder Hampden, aber auch andere Destillerien, die nie selbst Rum abgefüllt, sondern diesen immer nur als Bulk verkauft hatten. Ich kann verstehen, dass man seine Strategien da nun ändert, aber liebe Destillerien und auch lieber Luca, versucht da jetzt bitte keine Geschichte umzuschreiben. Kontinentale Reifung IST Teil der Geschichte von Rum, die sich in diesem Punkt nun einmal erheblich von Whisky oder Cognac unterscheidet, und alles andere wäre nichts als Revisionismus. Ich denke, dass beide Formen der Reifung ihre Vorzüge und Nachteile in sich tragen und dass es hier kein richtig und kein falsch gibt. Beide haben ihre Berechtigung und sollten friedlich nebeneinander co-existieren, ohne, dass eines über das andere gestellt werden sollte. Aber wie gesagt: diese Frage wird uns wohl noch einige Jahre beschäftigen...


Epilog:

Ihr seht... die gesamte Rum Szene hat sich in den vergangenen zehn Jahren so stark verändert wie zuvor noch nie. Sie ist, zumindest wenn wir den High Quality Bereich nehmen, im Grunde sogar erst in dieser Zeit wirklich entstanden. Wer diese Zeit in Gänze miterlebt hat, der kann sich eigentlich nur immer wieder verwundert die Augen reiben. Selbst dieser Text, ich hoffe, möglichst viele von euch haben ihn auch in Gänze lesen können, gibt all das nur sehr unzureichend wieder und sicher habe ich das eine oder andere auch vergessen. Gerne dürft ihr mir schreiben, wenn es etwas gibt, was eine Erwähnung noch auf jeden Fall verdient hätte.

Die Tage werden ich euch dann hier noch meine Top Rums des letzten Jahrzehnts präsentieren, denn meine Top Rums aus 2019 werdet ihr in Kürze an anderer Stelle noch zu lesen bekommen. Da werden ich aber noch nicht zu viel verraten.

Bis dahin und ein frohes Weihnachtsfest,
Flo