Montag, 1. Juni 2020

Velier Demerara Rum 27 YO Skeldon 1978

Liebe Rum Gemeinde,

heute kommt nicht weniger als eine absolute Legende auf den Tisch, nicht wenige würden wohl sogar sagen die Legende: der Skeldon 1978 von Velier, ein 27 Jahre alter Demerara Rum! Auf die Besprechung genau dieses Tropfens habe ich mich dementsprechend auch schon lange gefreut!

© E.H.


Ich glaube, um es direkt frei heraus zu sagen, dass wir uns heute ganz viel drum herum reden sparen können. Wenn die Begriffe Skeldon und Velier in einem Atemzug fallen, dann weiß mutmaßlich jeder den ich zur unmittelbaren Zielgruppe dieses kleinen Blogs zählen würde, worum es geht. Erklärungen unnötig. Legenden-Zeit! Schon im Review zum Skeldon 2000 und zum Skeldon 1973 habe ich einige Worte über diese ehemalige Destillerie verloren, deren Stil allerdings bis heute erhalten werden konnte. Inwieweit dieser noch jenem originalen Skeldon-Style aus den aktiven Tagen der Destillerie entspricht kann heute freilich niemand mehr mit absoluter Gewissheit sagen, schließlich war bei Skeldon (gegründet zwischen 1802 und 1834) bereits im Jahr 1960 schon Schicht im Schacht. Beurteilen können wir lediglich noch das Erbe Skeldons, welches mich bisher, ihr werdet es in den Reviews nachlesen können, nicht restlos überzeugen konnte. Da es über den heute vorgestellten Rum hinaus keinerlei länger gereiften Stoff im Skeldon Style gibt, ist das dementsprechend sogar schon so etwas wie die letzte Chance für Skeldon, doch noch bei mir zu punkten ;-)

© E.H.
Ob er das schafft, werden wir gleich sehen. Ohne jeden Zweifel outstanding sind aber definitiv schon einmal die Randdaten! Da ist zum einen der Preis. Über 5.000, eher 6.000,- (!) Euro müsste man für eine Flasche dieses Rums inzwischen auf den Tisch legen, das ist einfach nur krass! Denn von zwei Single Cask Demeraras abgesehen (von ihnen gab es zu Ausgabe kaum mehr als 50 Flaschen), die preislich im Bereich eines Mittelklasse-Neuwagens liegen dürften, zählen die Skeldons wohl zu den preisintensivsten Abfüllungen von Velier. Die preisliche Seite ist allerdings nur die eine, die der Qualität eine andere. Denn gerade dem Skeldon 1978 wird tatsächliche auch eine herausragende Qualität nachgesagt. Nicht wenige Demerara Freaks und auch Luca Gargano selbst geben diese Abfüllung als ihren Lieblingsrum an! Und schließlich, wie es sich für eine legendäre Abfüllung gehört, kommt auch der Skeldon 1978 mit einer interessanten Anekdote am Rande daher. Im 1978er Jahrgang steckt nämlich auch ein kleiner Anteil 1973er Rum, wohl, wie Luca von Yesu Persaud erfahren hat, weil die 1978er Fässer nicht mehr ganz voll waren. Da habe man sie einfach leicht aufgefüllt. Damals kein ganz ungewöhnlicher Vorgang und im Rahmen von Details, für die sich in dieser Zeit noch niemand wirklich interessierte. Heute sähe das vermutlich anders aus. Abgefüllt wurden am Ende jedenfalls noch 688 Flaschen Rum mit einem Alkoholgehalt von 60,4% vol.., der mindestens 27 lange Jahre tropisch reifen durfte.

© E.H.
Und ich denke, um noch einmal den Bogen zum Preis zu spannen, so etwas (also 25 Jahre tropische Reife und mehr) werden wir in Zukunft nicht mehr allzu oft erleben dürfen. Bei Demerara Rum -Stand 2020- vermutlich gar nicht mehr, da DDL nicht das geringste Interesse daran hat, diese Qualitäten zugänglich zu machen. Dort regiert nach dem Abgang von Yesu Persaud ein Alleinherrscher namens Profit und einen Rum so lange und in dieser Intensität reifen zu lassen ist alles andere als profitabel. Bei Caroni werden wir es definitiv auch nicht mehr erleben, da Luca alles nach Europa geholt hat und auch kaum noch Fässer übrig sind. Was bleibt dann noch an Stoff, von dem man überhaupt etwas so altes tropisch gelagertes trinken möchte? Jamaica, na klar. Aber da fällt Hampden noch mindestens 20 Jahre raus, selbst wenn man davon absieht, dass Hampden von solch langer Reifung nicht profitiert. Es bleiben Long Pond, Monymusk, Worthy Park und Appleton. Aber was da an Bottlings zu erwarten ist, die hier qualitativ anknüpfen können, kann ich an einer Hand abzählen. Dazu kommt, dass auch hier die Preise noch explodieren werden. Der tropisch gereifte Monymusk 1984 von Velier wird mit einem Ausgabepreis von ca. 1.000,- Euro erwartet. Insofern, relativiert das nicht alles, aber doch einiges an preislichen Eskalationen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, für Stoff, der nie mehr wieder kommt. 


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Verkostung des Velier 27 YO Skeldon 1978:

Preis: der Ausgabepreis lag damals bei geschätzten ca. 120,- Euro. Der heutige Wert einer Flasche liegt bei ca. 5000 bis 6.000,- Euro und mehr. 

Alter: das offizielle Alter beträgt 27 Jahre, nachdem der Rum von April 1978 bis April 2005 in Eichenfässern lag. 

Lagerung: die Fässer lagen von 1978 bis 2005 in Guyana unter der tropischen Sonne. 

Fassnummern: keine Angaben, allerdings waren es insgesamt drei Fässer, die zusammen 688 Flaschen ergaben. 

Angel's Share: unbekannt. Er wird aber, gemessen daran, wie hoch er z.B. beim UF30E ausgefallen ist, bei über 90% gelegen haben. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Skeldon 1978 kommt mit starken 60,4% vol. daher.

Destillationsverfahren: der Rum wurde vermutlich mit der Metal Coffey Still von Blairs gebrannt, somit handelt es sich um einen Column Still Rum. 

Mark: SWR

Farbe: eine unfassbare, schon fast unwirkliche Farbe für einen Rum! Ganz, ganz dunkel, vom braune ins rötliche gehend. Das ganze mutet ein wenig wie Cola, Sirup oder Balsamico Essig an, vor allem, wenn man den Rum ein wenig im Glas schwenkt. Ich erinnere mich nur an einen Rum den ich je im Glas hatte, der das noch getoppt hat, aber diese Erinnerung ist keine positive, daher sei sie blitzschnell wieder vergessen. 

Viskosität: parallele, unregelmäßige Schlieren laufen von der Glaswand hinab, ins Glas zurück. 

Nase: BOAH! Ja, das geht sehr nahe an Perfektion! Oder ist diese hier bereits erreicht oder gar übertroffen? Insgesamt ist das keine Premiere, ich habe den Rum schon das dritte und vierte Mal im Glas, aber es ist im Rahmen der Verkostung für den Blog das erste Mal, dass ich ihn wirklich mal in Ruhe und nur für mich trinke, statt in Gesellschaft. Bei letzterem liegt der Fokus naturgemäß nicht rein auf dem Destillat, was ja auch gut und richtig so ist. Und heute, ich kann das nicht anders formulieren, haut er mich in der Nase gerade sprichwörtlich um! So etwas intensives, reichhaltiges und komplexes sieht man wahrlich nicht alle Tage! Zunächst ist da natürlich auch noch etwas Alkohol, der, wenn man die Nase bis ins Glas führt, auch noch leicht sticht, aber das geht schnell vorüber nach kurzer Zeit des Atmens. Nach schon 30 Minuten ca. ist der Rum voll da! Im Bouquet macht sich zunächst einmal eine herrliche Klebstoffnase bemerkbar, kombiniert mit einer sehr schweren, sirupartige Süße, die wie über dem ganzen Rum im Glas zu schweben scheint. Dazu gesellen sich dunkele Assoziationen zu Kaffee, Espresso und Melasse, aber auch Trockenfrüchten, Tabak, Nelke, dezent Anis, Leder und etwas, was ich medizinisch empfinde. Stets mit dabei ist natürlich die geballte Ladung Tannine vom Fass, die allerdings wirklich top eingebunden sind! Ich empfinde die Nase, trotz der enorm langen Reifezeit, nicht als verholzt. Immer und immer wieder führe ich das Glas zur Nase und kann mich an diesem sagenhaften Bouquet einfach nicht satt riechen. Immer wieder entdeckt man neue Facetten dieses schönen Tropfens. Das ist schon, wie der gesamte Rum bis hier hin, sehr außergewöhnlich und die Erwartungen an den Gaumen sind gerade ins grenzenlose geschossen. 

Gaumen: Wundervoll! Der Skeldon 1978 gibt sich am Gaumen wahnsinnig vollmundig, ins cremige gehend, sowie angenehm weich. Der Alkohol ist richtig gut eingebunden, sticht nur zu Beginn ganz kurz und zeigt sich im Folgenden dann quasi unsichtbar. Kleinere Schlücke bieten sich preislich an, geschmacklich allerdings sind auch größere Schlücke kein Problem. Alles startet mit einer schönen Mischung aus einer natürlichen Süße und etwas säuerlichem, was mich an kalten Kaffee und Espresso, sowie Salz-Karamell erinnert, die dann übergeht in etwas holziges und fruchtiges von tropischen Früchten, die ich allerdings nicht separieren konnte. Mango vielleicht? Dann wiederum rauscht eine medizinische Komponente heran, die auch einiges an Bitterkeit mitbringt. Zu viel? In einigen Momenten dachte ich ja, in anderen empfand ich es als angenehm. Insofern tendiere ich zu nein, allerdings bewegt sich das unzweifelhaft an der Grenze des Guten, gerade auch mit Blick auf den Skeldon 1973. Besser wird es mit mehr Reifejahren nach dieser Erfahrung definitiv nicht. Nach hinten heraus kommt dann eine geballte Ladung Anis. Die Performance am Gaumen kann mit jener in der Nase nicht ganz mithalten, was angesichts dieser olfaktorischen Sensation tatsächlich zu erwarten war, aber im Gegensatz zum Skeldon 1973 bricht dieser Rum hier nicht qualitativ ein. Ganz, ganz großes Kino! 

Abgang: nach hinten heraus wird das dann schon sehr trocken und bitter mit Anklängen von Anis und Kaffee, zunächst angenehm, aber wenn man ihn zu lange im Mund hatte, dann ist das eher wie Walnüsse, wenn sie bitter werden.  Etwas nussiges, bleibt aber in jedem Fall erhalten, was mir sehr gefällt. Insgesamt allerdings nur ein kurzer bis mittlerer Nachhall. 

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Fazit: mit einem Wort? Opulent! Nichts, aber auch rein gar nichts an diesem Rum steht auch nur entfernt in dem Verdacht in irgendeiner Weise durchschnittlich zu sein. Wiederum alles an diesem Rum ist außergewöhnlich! Ich kenne viele (wenn auch nicht alle) der alten Demerara Rums von Velier, und nach meiner bisherigen Erfahrung und aber auch nach intensivem Austausch mit Menschen, die bei Demerara Rums noch weitaus mehr im Thema sind als ich und auch seltene Tropfen wie den Diamond 1988 schon im Glas hatten, wage ich die Prognose: besser geht es nicht! Und leider wird es auch vergleichbar gut in Zukunft wohl nicht mehr geben. Das ist zwar einerseits schade, macht aber andererseits die seltenen Momente in der man solch legendären Stoff noch mal probieren kann umso besonderer. Der Preis liegt weit jenseits all dessen, worüber man noch in irgendeiner Weise über ein Preis-Leistungs-Verhältnis sprechen könnte und sollte, schon allein, weil im Falle des heutigen Rums selbst eine Sample-Empfehlung bereits dekadent anmutet. Wer die Möglichkeit hat, der wird das geschmacklich eher nicht bereuen und der Rum ist einer, den man am Ende seiner Reise aus meiner Sicht im Glas gehabt haben sollte, aber ich verstehe auch jeden, der da für sich komplett raus ist. Insofern wünsche ich euch nun noch einen schönen Pfingstmontag, unabhängig davon was ihr im Glas habt und verabschiede mich zum ersten (und vermutlich einzigen) Mal mit der Top-Bewertung! 

-100/100-

Ein Dank geht zum Schluss noch an den Urheber der Label-Bilder, von dem ich auch das Sample erhalten habe. Vielen lieben Dank für diese tolle Erfahrung!

Bis demnächst,
Flo


Sonntag, 17. Mai 2020

Moon Import Trinidad Rum Caroni 1967 & 1969

Liebe Rum Gemeinde,

heute habe ich zweimal flüssige Geschichte für euch! Moon Import füllte bereits lange vor Velier zwei Caroni aus sehr alten Jahrgängen ab, die ich euch gern vorstellen möchte. 



Was liegt heute an? 

Zwei sehr seltene Schätze von Moon Import warten heute auf mich. Caroni aus den 1960er Jahren! Rums aus einer Zeit vor der goldenen Velier-Ära. Beide Caroni lagerten je 20 Jahre im Fass, der eine ist aus dem Jahrgang 1967, der andere aus 1969 und kamen mit 46% vol. auf die Flasche. Beide Vintages wurden dementsprechend auch schon in den 1980er Jahren abgefüllt und stehen allerdings nicht unbedingt in dem Ruf geschmacklich besonders beeindruckend zu sein, aber ich werd's ja gleich sehen.

Ein Dank geht einmal nach Wilhelmshaven, wo ich u. a. diese zwei Rums probieren konnte. Vielen lieben Dank! 


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Moon Import Trinidad Rum 20 YO Caroni 1967: 

Im Glas kommt der 1967er erst einmal sehr ansprechend golden braun daher und unterscheidet sich damit farblich kaum von den diversen Veliers späterer Jahrgänge.
In der Nase setzt dann aber blitzartig die Ernüchterung ein! Das hat mal so gar nichts, und zwar nicht im geringsten, mit dem zu tun, was wir im Allgemeinen unter Caroni verstehen. Die meisten Blended Caroni hatten dagegen im Vergleich krasse Noten von Teer und verbranntem Gummi. Ich tue mich schwer damit, das Bouquet zu beschreiben, weil da einfach fast nichts zu finden ist. Ganz leichter Rum, definitiv Light Trinidad Rum! Ganz schwache Ankläge von Vanille und etwas Einflüsse vom Fass sind da, aber der frisch destillierte Rum muss einem Vodka gleichgekommen sein. Mit etwas Standzeit kommt noch ein wenig mehr rüber, aber nicht viel.
Am Gaumen fällt zunächst auf, dass die Verdünnung den Rum nicht zu sehr verwässert hat. Der Alkohol ist nahezu gar nicht präsent, der Rum aber auch nicht. Ich fühle mich an den Caroni 1988 von Velier erinnert, allerdings nochmal schwächer als dieser. Das ist einfach kein Rum, den zu trinken es sich meines Erachtens lohnen würde, wenn nicht so extrem viel an Geschichte daran hängen würde. So aber kommt man als Fan von Caroni nicht wirklich darum herum. Im Abgang passiert dann folglich auch nicht mehr viel, der Rum ist quasi sofort weg. 

-68/100-


Moon Import Trinidad Rum 20 YO Caroni 1969:

Die Anmutung im Glas ist der des 1967ers sehr ähnlich. Dunkles, ins braune übergehendes Gold.
In der Nase setzen sich die Parallelen beider Rums dann zu meinem Bedauern fort. Ein Hauch von nichts schwebt durch den Raum. Mit viel Fantasie habe ich zarte Vanille, etwas leicht pfeffriges und dezent ein wenig Holz vom Fass. Das ist es dann aber auch leider schon gewesen. Wie der 1967er muss auch dieses ein Light Type oder maximal noch ein Blended Caroni gewesen sein, bzw. Aged Vodka. Meinen Geschmack trifft das leider so gar nicht. Auch hier profitiert die Nase aber von ein wenig Standzeit im Glas.
Geschmacklich gefällt mir der 1969 etwas besser als der 1967, er geht noch etwas mehr in Richtung Blended Caroni a la Blended 1988, aber wirklich gut finde ich auch diesen nicht. Verwässerung oder zu präsenter Alkohol sind auch beim 1969er  natürlich kein Thema, aber das reist es nicht raus. Vom geschichtlichen Wert abgesehen ist das kein Rum, den ich in meinem Glas bräuchte. Der Abgang ist unspektakulär und der Rum mit dem letzten Schluck auch direkt weg. 

-70/100-


Fazit: 

Die beiden Rums waren eine schöne und auch spannende Erfahrung und ich kann auf meiner imaginären Bucket-List der Rums die ich mal probieren möchte zwei weitere Haken machen, aber die Rums haben mich weder abgeholt noch gar geflasht. Wäre ich nicht vorgewarnt gewesen, hätte ich vermutlich von einer riesen Enttäuschung gesprochen. Denn rein geschmacklich ist das nichts was man braucht und selbst ein Antigua von Velier bringt da mehr rüber. Insgesamt steht die Erkenntnis, dass das stilistisch in die Richtung der Island Blends a la White Magic geht. Das ist also ganz weit weg von dem, was wir gemeinhin mit Caroni assoziieren. Dennoch: wer Caroni in all seinen Facetten erfassen möchte, der sollte beide Vintages zumindest mal im Glas gehabt haben.

In diesem Sinne: bis demnächst!
Flo

Sonntag, 10. Mai 2020

Old Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989

Liebe Rum Gemeinde,

nachdem ich euch in den letzten Wochen sehr viel aktuellen Stoff präsentiert hab, zuletzt den Velier 22 YO EMB Monymusk 1997, begeben wir uns heute mal wieder auf eine gepflegte kleine Zeitreise. Weder die Destillerie, noch den damaligen unabhängigen Abfüller des heute besprochenen Bottlings gibt es inzwischen (in dieser Form) noch. Die Rede ist vom The Secret Treasures Old Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989!



Nun werden einige natürlich zurecht erstmal einwerfen wollen, dass es diesen Abfüller ja sehr wohl noch gebe, schließlich kämen da ja auch dann und wann noch mal vereinzelt Releases heraus. Das stimmt allerdings nur auf den ersten Blick. Ja, das Label The Secret Treasures of the Caribbean hat die Jahre überdauert und existiert noch, allerdings nicht mehr im Besitz seines Schöpfers, der Fassbind AG aus der Schweiz, sondern als Teil von Haromex. Die Fassbind-Releases stoppten, zumindest im Rum-Bereich, schon 2003.




Aus diesem Jahr stammt auch die heute verkostete Abfüllung der noch viel länger nicht mehr produzierenden Brennerei von Gardel auf Grand Terre (Guadeloupe). Hier gingen, nach allem was ich bisher gesichert weiß, bereits 1992 die Lichter aus, indem man die Brennblase demontierte und man konzentrierte sich fortan gänzlich auf die Produktion von Zucker - leider! Denn wenn die bisher auf BAT verkosteten Gardel Rhums eines schon ganz klar gezeigt haben, dann dass von dort wirklich ganz herausragende Rums stammen! Insbesondere das Cadenhead Release des Jahrgangs 1982 ist hier zu nennen. Es gab aber auch noch eine andere Gardel Abfüllung aus 1989 von The Secret Treasures, die ich hier auf dem Blog ebenfalls letztes Jahr schon einmal besprochen hatte und diese bietet sich der Abfüllung um die es heute geht natürlich natürlich in idealer Weise als Vergleich an, weswegen ich sie dem 14 YO im Tasting natürlich gegenüber stelle. Im Gegensatz zum 2002er Bottling wurde jenes aus 2003 als Single Cask Abfüllung deklariert, was allerdings nicht den Tatsachen entspricht! Denn Fassbind selbst gab auf dem Label die Fassnummern #56, #58 und #116 an, was den Rum zu einer Small Batch Abfüllung macht, die insgesamt mit der stolzen Auflage  von 1529 Flaschen daher kam. Gleich geblieben ist allerdings leider der enorm geringe Alkoholgehalt von nur 42% vol., die wohl damals sehr viel mehr dem Zeitgeist entsprochen haben als das heute der Fall ist, wo Abfüllungen in Fassstärke eher dem Standard entsprechen. Doch nichts desto trotz hatte mich der 13 YO im letzten Jahr sehr positiv überrascht und ich bin gespannt, wie sich das beim ein Jahr länger gereiften Bruder darstellen wird.

Ein besonders herzlicher Dank geht zuvor allerdings noch nach Berlin, für die Unterstützung dabei diese Abfüllung aufzutreiben! :-) 



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Verkostung des The Secret Treasures Old Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989:

Preis: der Ausgabepreis wird bei ca. 30,- bis 40,- Euro gelegen haben - wenn überhaupt! Das war im Jahr 2003 und damit zu Zeiten, zu denen die wohl wirklich allerwenigsten von uns schon irgendwie mit hochklassigem Rum in Berührung gekommen waren. Heute werden für eine Flasche teilweise über 200,- Euro aufgerufen.

Alter: von 1989 bis 2003 reifte der Rum insgesamt 14 Jahre im Fass. 

Lagerung: unbekannt. Die Farbe, aber auch der Reifegrad des Rums sprechen aber für mindestens eine teilweise Reifung in den Tropen. 

Fassnummern: zum Einsatz kamen die drei Fässer #56, #58 und #116. Sie ergaben insgesamt 1529 Flaschen. 

Angel's Share: unbekannt und stark vom Ort der Reifung abhängig.

Alkoholstärke: der Rum kommt mit sehr, seeeeehr moderaten 42% vol. daher, also noch weniger als der früher oft üblichen Trinkstärke von 46% vol. 

Destillationsverfahren: keine Angaben. Es kann allerdings von einer Patent Still ausgegangen werden. Sie wird auf dem Label von Bristol Spirits erwähnt. 

Mark: mir sind zu Gardel bisher keinerlei Marks bekannt. Cadenhead nennt auf seinen Bottlings RHUM AGRICOLE als Mark, aber das ist letztlich weder ein Mark, noch entspricht das nach allen bisherigen Erkenntnissen den Fakten bei Gardel, denn ich gehe von einem Rhum auf Melassebasis auf, also einem Rhum Traditionell. 

Farbe: dunkles gold, ins bräunliche gehend. Minimal heller als sein ein Jahr Bruder, der 13 YO aus gleichem Batch. 

Viskosität: der Rum bildet einen sehr öligen Film an der Glaswand und läuft in fetten, engen Schlieren am Glas hinab. 

Nase: anders als bei vielen Brettern in Fassstärke ist die Nase bei diesem Rum mehr oder weniger direkt frei zugänglich und sie macht, wiederum anders als die meisten Rums mit höheren Stärken, auch sofort komplett auf. Darin besteht eine der ganz, ganz wenigen Vorteile, vielleicht ist es sogar der einzige, bei so starker Verdünnung. In irgendeiner Weise stechend fällt der Alkoholgehalt erwartungsgemäß gar nicht auf. Das Bouquet von Gardel zu beschreiben, fällt mir nach wie vor schwer. Ich nähere mich dem aber langsam an und würde diesen Grund-Ton, den bisher alle Gardel hatten, in die Richtung von Cola und frischem Zuckerrohr gehend beschreiben, eingehüllt in eine muffige-blumige-pafümierte Wolke und versehen mit Nelken, Aprikosen und karamellisiertem Zucker. Was jetzt natürlich erst einmal widerlich klingt, sollte in Wahrheit aber niemanden abschrecken, denn wenn wir uns all die großen Rum Destillerien anschauen, wie Caroni oder wie Hampden, und sehen, wie diese in ihrem Charakter und ihrer Aromatik beschrieben werden, dann fällt auf, dass das für Außenstehenden selten einladend klingt. Vieles, was zunächst einmal besser klingt hingegen, stellt sich in erschreckender Regelmäßigkeit dagegen ein ums andere mal als langweilig hinaus. Und langweilig, da kann jeder sicher sein, sind die Rhums von Gardel ganz sicher nicht. Der 13 YO, den ich im letzten Jahr hier besprochen hatte, geht -wenig verwunderlich- in eine sehr ähnliche Richtung, hat allerdings noch etwas mehr karamellisierten Zucker im Bouquet und wirkt etwas gesetzter, während dieser 14 YO eher etwas frischer anmutet. 

Gaumen: am Gaumen setzt dann, wie es zu vermuten stand, erst einmal der Wasser-Schock ein. Nein, wie schon beim 13 YO schadet es dem Gardel weit weniger als es manch anderem Rum zugesetzt hätte, aber natürlich wird sofort offenkundig, dass man dem Rum damit keinen wirklichen Gefallen getan hat. Dennoch: trotz aller nerdig-puristischen Vorlieben ist dieser Rum, auch mit nur 42% vol., drinkable - und wie! Geschmacklich ist das, wie bisher eigentlich fast jeder Gardel den ich bislang im Glas hatte, ein absoluter Kracher! Komplett outstanding und mit nichts was ich kenne zu vergleichen, außer entfernt vielleicht alten Jamaica Rums aus den 1940er Jahren. Wieder fällt eine Kombination aus Cola, Zuckerrohrsaft und blumig-muffig-parfümiertem auf, die dazu noch mit ordentlich grünem Apfel und Tanninen aufwarten. Meine Vermutung von tropischer Reife, wenigstens zum Teil, geht auch hier wieder auf, auch wenn es mehr als schwierig wäre, dazu noch gesicherte Hinweise zu erhalten. Im Vergleich zum 13 YO fallen am Gaumen kaum Unterschiede auf, die  beiden Rums sind sich schon sehr, sehr ähnlich.

Abgang: zum Ende hin kommen nochmal ordentlich die Tannine raus, und vom Rum verbleiben mittellang in einer bitter-süßen Weise vor allem die Tannine, sowie natürlich die Gardel-Grundnote. 

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Fazit: mit jedem weiterem Gardel den ich ins Glas bekomme wächst mein Bedauern darüber, dass diese absolut herausragende Brennerei ein viel zu rasches Ende gefunden hat und dass sie, anders als z. B. Caroni, nicht einmal einer größeren Gruppe an Connaisseuren in guter Erinnerung bleibt und ein gefeiertes Andenken hinterließ, da kaum jemand von Gardel überhaupt je gehört hat, geschweige denn deren Rums probiert hat. Diesen anonymen Tod hat Gardel in keiner Weise verdient, denn wie eben bereits angedeutet, gehören diese Rums für mich ohne jeden Zweifel in eine Reihe mit den ganz großen Destillaten dieser Welt: Caroni, alte Demeraras, alte Long Ponds, Hampden, Rockley, Gardel!
Der heute verkostete Secret Treasures aus 1989 gehört nicht zu den allerbesten Rums der Destillerie, auch wenn dieser Jahrgang enormes Potenzial hatte, schlicht, da er zu sehr verdünnt wurde um wirklich ganz oben anzugreifen. Aber trotz alledem kratzt auch dieser TST Gardel, wie schon der Bruder, an der 90 Punkte Marke. Das ist, für einen Rum mit nur 42% vol., dessen Fassstärke noch dazu deutlich höher liegt, eine absolute Sensation und demonstriert so deutlich wie vielleicht nichts anderes sonst die enorme und außergewöhnliche Qualität von Gardel!

-89/100-

Ich wünsche euch nun noch einen schönen Sonntag!

Bis demnächst,
Flo