Sonntag, 5. Juli 2020

RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994

Liebe Rum Gemeinde,

in den letzten Wochen verdichteten sich bereits die Hinweise auf einige neue Releases lange tropisch gereifter Rums, die nicht von Velier kommen, doch nun wird es ganz konkret: als erster dieser unabhängigen Abfüller bringt die Heinz Eggert GmbH unter dem Label Rum Artesanal (RA) ein Small Batch Release eines 25 Jahre tropisch gereiften New Yarmouth Jamaica Rums aus 1994 an den Start!


Doch erst einmal der Reihe nach! Um zu verstehen inwieweit dies etwas besonderes ist, muss man sich die Marktlage der letzten Jahre vor Augen führen. Hier zeigt sich, dass zum einen tropisch gereifte Rums grundsätzlich erst einmal rar sind, zum anderen aber Velier unter den unabhängigen Abfüllern mehr oder weniger das Monopol auf tropisch gereifte Rums inne hat. Durch diese Tatsache schufen sie sich über Jahre eine Ausnahme-Stellung am Markt! Denn alle anderen unabhängigen Abfüller waren und sind mehr oder weniger auf Scheer ( und die dazugehörige Main Rum Company (MRC)) und andere Broker angewiesen, die Rum meist als frischen Bulk bekommen und dann in Europa kontinental reifen lassen, weshalb sich die IB im Wesentlichen aus dem gleichen Pool an Fässern bedienen. Diese Tatsache führt dazu, dass bei den Abfüllern normalerweise die immer gleichen Jahrgänge und Batches der selben Destillerien gebottled werden und Überraschungen eher selten sind. Velier hingegen kann seinen Kunden seit vielen Jahren Rum offerieren, den man in dieser Form sonst nirgendwo sonst bekommt. Denn weder werden bestimmte Marks bisher von europäischen Bulkhändlern geführt, noch ist das Angebot an tropisch gereiftem Rum in größerem Maßstab vorhanden. An der Stelle ist Velier der Konkurrenz in puncto direkte Kontakte in die Karibik etc. einfach voraus. Daraus ergibt sich die Situation, dass es zu deren Produkten niemals direkte und vergleichbare Konkurrenz-Bottlings gibt. Niemand sonst hat einen tropisch gereiften <>H Hampden oder 1996er HTR Caroni. Zu Bottlings der anderen IB hingegen gibt es fast immer vergleichbare Bottlings, denn einen kontinental gereiften Hampden 2000 oder einen Caroni 1997 hatte schon fast jeder im Portfolio. Man möge mich an der Stelle nicht falsch verstehen, ich möchte hier keine generelle Höher- oder Geringstellung einer Reifung vornehmen, es geht mir rein um die Situation am Markt und die Tatsache, dass die Konkurrenz jeweils nicht vergleichbar ist. Bei den meisten IB ist sie groß, bei Velier nicht vorhanden. Doch während das bisher als sehr zementiert galt, tut sich aktuell etwas, zumindest mal für einen kleinen Augenblick.



Denn wie es der Zufall so will, hat sich ein Jamaicanischer Broker vor einiger Zeit dazu entschlossen sich von seinem Stock oder zumindest einem Teil davon zu trennen und damit 100% tropisch gereiften Jamaica Rum verschiedener Destillerien in Umlauf gebracht, der bisher nicht abrufbar war. Dem Vernehmen nach verkaufte der Broker seinen Stock an J. Wray & Nephew, die diese Fässer ihrerseits wiederum an Velier als auch Scheer/MRC verkauften. Durch die Releases verschiedener IBs ergibt sich inzwischen auch langsam ein Bild, welche Fässer dieser Stock beinhaltete. So bringt Silver Seal z.B. in Kürze einen 1984er Monymusk auf den Markt und Hidden Spirits wird einen Monymusk 1995 bringen. Beide Jahrgänge waren auch schon bei Velier zu bestaunen (EMB 1995), bzw. werden es noch sein (MMW 1984). Wo man bisher demnach noch dachte, dass Velier einmal mehr Exklusiv-Anbieter ist, zeigt sich nun, dass dem nicht vollumfänglich so ist. Hier wird also eine direkte und unmittelbare Vergleichbarkeit gegeben sein, da die Rums aus der gleichen Quelle kommen! So richtig spannend wird es aber erst jetzt, denn verschiedene Abfüller haben auch einen New Yarmouth aus 1994 angekündigt, von denen RA in der kommenden Woche die ersten sein werden, die ein solches Bottling auf den Markt bringen!

Und dieses ist gleich in mehrerlei Hinsicht extrem interessant! Denn zum einen, und dazu muss ich leider spoilern, dass der Rum ein Appleton Profil hat, sind RA damit die allerersten, die einen lange gereiften Rum aus dem Hause J. Wray & Nephews anbieten, der aus Produktionen stammt, die ziemlich sicher für die Blendung der Appleton Rums vorgesehen war und zum anderen ist ja bereits bekannt, dass Velier auch u.a. einen 1994er Appleton am Start haben wird, weshalb sich natürlich auch hier die Frage aufdrängt, ob die Fässer vergleichbar sind. Momentan spricht noch vieles dagegen, da RA das Brennverfahren mit Column Still angibt, während Luca Gargano 100% Pot Still Appletons offerieren wird, die auch direkt von Appleton stammen und nicht den Umweg über New Yarmouth gegangen sein sollen. Aber letzten Endes wird die Frage freilich erst beantwortet werden können, wenn Luca seine Rums released hat, da zur abschließenden Klärung ein direkter Vergleich beider Rums nötig ist, der aktuell eben noch nicht vollzogen werden kann. So oder so, spannend finde ich diese Gesamt-Entwicklung allemal!


Insofern kann man Eggert/RA und auch Dominik an dieser Stelle nur zu diesem besonderen Coup gratulieren, und darum möchte ich auch gar nicht weiter drum herum reden, sondern dem 25 Jahre alten Rum Artesanal New Yarmouth 1994 die Bühne überlassen und direkt zur Verkostung übergehen. Bedanken möchte ich mich allerdings zuvor noch für die zu Foto- und Verkostungszwecken erhaltene Flasche, dies sei auch zum Zwecke der Transparenz an dieser Stelle gerne erwähnt. Auf meine sensorische Wahrnehmung hat dieser Prozess selbstverständlich keinerlei Auswirkungen. So, und nun: Action!


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Verkostung des RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994:

Preis: für 149,90 Euro kann eine Flasche 0,5 Liter bezogen werden. 

Alter: der Rum wurde im November 1994 destilliert und im Juni 2020 abgefüllt. Damit ist er mehr als 25 Jahre alt. 

Lagerung: die Fässer lagerten die gesamten >25 Jahre über auf Jamaica. 

Fassnummern: die Fässer #203 und #204 ergaben zusammen 709 Flaschen a 0,5 Liter. 

Angel's Share: keine gesicherten Angaben möglich, da Fässer gleicher Produktion in den Tropen immer wieder zusammen geschüttet werden, damit der Verlust nicht noch größer wird als ohnehin schon. Dadurch sind Single Casks tropisch gereifter Rums keine Single Casks im eigentlichen Sinne. Die Angabe eines Angel's Shares ist also nur möglich, wenn man die ursprünglich vorhandene Menge an Fässern kennt, die zum betreffenden Batch geführt haben. 

Alkoholstärke: stolze 67,7% vol. weist der Rum nach 25 Jahren tropischer Reifung noch auf - Barrel Proof! 

Destillationsverfahren: laut Backlabel wurde der Rum auf einer Column Still gebrannt. 

Mark: auf den Fässern befindet sich das Mark NYE / CS C.

Farbe: tiefes Mahagoni. 

Viskosität: leider ist das bei den Glencairn Gläsern nicht gut zu beobachten, da verläuft schon alles ziemlich ineinander. Im Ballonglas zeigt er aber weite, parallele Schlieren, die anfangs träge und dann doch recht zügig am Glas zurücklaufen. 

Nase: nach ca. einer Stunde des Atmens habe ich eine volle, reichhaltige, komplexe, warme und eindeutig zu Appleton Rums tendierende Nase! Der Alkohol ist hervorragend eingebunden, ich habe keinerlei Schärfe in der Nase. Im Gegenteil, selbst wenn ich die Nase direkt ins Glas halte kann ich problemlos tief einatmen. Wenn ich das mache, strömt mir ein unglaubliches Bouquet entgegen. Wow, in diesem Potpourri ist alles drin! Ich habe minimale Ester mit seinen Klebstoffen und Lösungsmitteln und dazu fruchtige Anklänge von z.B. grünem Apfel, Mango oder Papaya, aber auch einen stark würzigen Part mit Pfeffer und Muskatnuss. Darüber hinaus habe ich leicht nussige Assoziationen. Ich finde eine natürliche Süße, die mich an Rosinen und vor allem sehr dominant an Karamell erinnert, ebenso wie deutliche Einflüsse vom Holz in Form von Tanninen oder Bourbon Vanille. Die deutlichste Assoziation dazu ist, wie gesagt, Appleton, aber würde ich blind probieren, könnte ich sicher auch auf einen Demerara Rum tippen. Das ist ganz stark und großes Tennis! 

Gaumen: am Gaumen gibt sich der Rum zunächst noch etwas biestiger als in der Nase. Der bellt nicht nur, der beißt auch zu! Hier machen sich die nahezu 68% vol. schon bemerkbar und man muss den Tropfen im Mund erstmal bändigen. Erinnerungen an Velier Demerara Rums kommen hier auf, bei denen mir das auch häufig auffällt. Tropisch gereifte Rums sind selten die ganz weichen Vertreter. Ansonsten fällt sofort auf, wie sehr mundfüllend dieser Rum ist! Wahnsinn! Nicht in der Form, wie es eine Ester-Bombe a la Hampden ist, sondern ganz anders. Wärmer, weniger explosiv. Dazu gesellt sich etwas Holzlack und diese typische Note tropisch gereifter Rums, die ich bei diesen Vertretern häufig finde. Dazu kommt etwas Süße, Karamell, frisch geschnittenes Geäst und trockeneres Holz. Der Gaumen ist etwas weniger komplex als es die Nase war und deutlich auf der trockeneren Seite stehend. Nach hinten raus ist da sehr viel Anis, was für lange gereifte Rums ja sehr typisch ist. Erinnert hier teilweise auch an alte tropisch gereifte Demerara Rums. 

Abgang: frisch geschnittenes Geäst, Anis, trockener werdend, leichte Bitterkeit, die dann zunimmt. Tannine. Hier kommt das Alter doch zum tragen. Nach hinten heraus Kaffee und Röstaromen. Ansonsten typisch Appleton. Es sind vor allem die Eindrücke an die bekannten Rums dieses Estates, die verbleiben. 

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Small Batch vs. Ur-Sample
Fazit: sehr stark! Insbesondere Appleton Fans und Freunde tropisch gereifter Demerara Rums kommen heute natürlich voll und ganz auf ihre Kosten! Wenn ihr euch da angesprochen fühlt: das ist euer Tag heute! In der Filmbranche hätte man in diesem Zusammenhang wohl von Fan Service gesprochen - bloß, um sich zwischendurch dann doch noch immer mal wieder verwundert die Augen zu reiben, darüber, was da eigentlich gerade passiert. 100% tropisch gereifter Appleton, 25 Jahre alt und das ganze nicht mit 40, nicht mit 43, nicht mit 45% vol., nein, in Fassstärke mit 67,7% vol!! Und das ganze zu einem Preis, den man für einen Rum dieser Kategorie eigentlich schon kaum noch für realistisch gehalten hat. Insofern kommt hier schon genau der Rum um die Ecke geschnellt, auf den viele Connaisseure da draußen schon ziemlich lange gewartet und den sie sich viele Jahre erhofft hatten! Einzig für den doch sehr präsenten Alkoholgehalt gibt es leichte Abzüge. Wäre der Rum weicher, hätte er die 95er Marke geknackt! Aber ich möchte noch einmal herausstellen, dass wir es hier mit dem meines Wissens ersten unabhängig abgefüllten Rum aus dem Hause Appletons zu tun haben, bzw. einem Rum, der so in dieser Form dem Profil nach sicher großer Teil deren Blends ist. Daher noch einmal: Chapeau nach Bad Bevensen, wo man aktuell eine unfassbar gute Performance hinlegt! Freut mich tierisch, dass ihr so steil geht! So. Und nun habe ich Bock auf einen Mai Tai mit diesem Knaller-Rum und bin mal den Shaker holen... ;-) 

-94/100-

In diesem Sinne, bis dahin! 
Flo


Sonntag, 7. Juni 2020

Mai Tai mit Hampden "Great House" Jamaica Rum

Liebe Rum Gemeinde,

still und heimlich hat sich der Sommer nicht nur vor unsere Türen geschlichen, sondern er klopft auch schon in vollen Zügen an. Da Sommerzeit auch immer Cocktail-Zeit und bei mir insbesondere auch Mai Tai-Zeit ist, gibt es heute für euch den Überraschungs-Hit von der Hampden Estate aus Herbst 2019 für euch in meinem Lieblingsdrink: den "Great House" Jamaica Rum!



Mit dem Great House kam ich zum ersten Mal auf dem German Rum Festival im letzten Spätsommer in Kontakt, als Daniele Biondi diesen dort unter der Hand ausschenkte. Ich war, trotz des hohen Anteils am Mark OWH in diesem Blend, sofort begeistert, gefiel mir die Komposition dieses Blends doch wesentlich besser als bei der Hampden Standard-Ausführung. Leider hieß es zunächst, dass die Abfüllung wohl exklusiv für Destillerie-Besichtigungen und Messen sei, allerdings kam er dann glücklicherweise doch noch ganz regulär auf den Markt; limitiert zwar, aber bei 3.066 Flaschen musste man nicht von der schnellen Truppe sein, um etwas ab zu bekommen.

In meiner Pur-Verkostung lautete das Fazit vor allem, dass dem Great House im Grunde genommen gelungen ist, was bei Hampden bisher für mich als undenkbar galt: eine perfekte Standard-Abfüllung zu liefern, die zwar an Individualität, nicht aber gleichzeitig auch an Qualität einbüßt. Die perfekte Standard-Abfüllung also, in einem Rum-Segment, in dem es perfekte Standard-Abfüllungen so gut wie noch gar nicht gibt! Insofern markierte der Great House für mich ganz persönlich tatsächlich eine Zäsur in der Entwicklung des High End Rums und ich hoffe auch, dass wir an genau dieser Stelle auch in den nächsten Jahren noch weitere Fortschritte sehen werden! Denn nein, ich mag die ewigen Vergleiche vom Rum zum Whisky auch nicht unbedingt, aber wenn es etwas gibt was letzterer dem Rum wirklich und ohne jeden Zweifel voraus hat, und da sprechen wir leider noch immer von einem Vorsprung von Lichtjahren, dann sind es Standard-Bottlings ohne Qualitätsverlust im bezahlbaren Rahmen für jedermann. Über die Preisexplosionen sobald es in die Individualität geht brauchen wir in diesem Zusammenhang nicht zu sprechen, aber wer einfach nur einen gescheiten Whisky möchte, der kann in den Supermarkt gehen und findet ihn. Das wünsche ich mir für Rum auch und der Great House war und ist für mich ein wichtiger Schritt, ein Meilenstein, dort hin!

Da die Rums von Hampden für mich seit jeher zu den besten für einen Mai Tai zählen, lag der Gedanke freilich nicht fern, dass es sich bei dem Great House auch um einen super Standard-Rum für den Mai Tai handeln könnte. Ob diese Rechnung aufgeht, werden wir uns gleich ansehen...


Das Rezept meiner Wahl (nach Trader Vic):

  • 6,0 cl Hampden "Great House" Jamaica Rum
  • 1,5 cl Ferrand Dry Curacao 
  • 0,9 cl Meneau Orgeat
  • 0,6 cl J.M. Zuckersirup
  • 3,0 cl Limettensaft (frisch gepresst!)






Mai Tai mit Hampden "Great House" Jamaica Rum:

Farblich tendiert der Drink ins gold-braune und damit zu einem etwas dunkleren Ton, als man es von vielen Mai Tais mit kontinental gereiften Jamaicanern gewohnt ist, da sowohl der verwendete (tropisch gereifte) Rum eine etwas kräftigere Farbe aufweist, als aber auch der Zuckersirup dunkler ist, als der normale (farblose) Zuckersirup. Damit kommt er dem Original von Trader Vic aber vermutlich sehr nahe. 

Geschmacklich finde ich das zunächst einmal fast schwer zu beschreiben. Auf der einen Seite besitzt der Drink definitiv große, gehobene Klasse, auf der anderen Seite hat er aber so erstmal gar nichts, was ihn unverkennbar auszeichnet oder von anderen Mai Tais mit hervorragenden Hampden Rums abhebt. Es wirkt, als sei der Mai Tai mit dem Great House wie der Querschnitt aller Mai Tais mit den großen Rums aus dem Hause Hampden. Das böse Wort "Durchschnitt" möchte mir beinahe über die Lippen rutschen, aber das würde der Qualität des Drinks nun wirklich nicht entsprechen, ganz im Gegenteil. Und doch liegt tatsächlich ein Hauch von Standard in der Luft, als riefe dieser Drink mir zu: "Du hast einen neuen Haus-Rum für den Mai Tai gefunden!". Und da gehe ich dann auch sehr viel eher mit d'accord als von einem Durchschnitts-Drink zu sprechen. Tatsächlich überrascht bin ich darüber natürlich nicht, zeigte sich der Great House doch damals in der Pur-Verkostung doch schon von quasi genau dieser Seite: High Class, aber ohne das besondere, das Alleinstellungsmerkmal. Aber gerade deshalb oft entspannter, als viele der großen Knaller a la The Rum Cask Hampden 1990. Und das transportiert der Rum in gewisser Weise auch in diesen Mai Tai. Es ist alles da: Kraft, Flavour, Intensität, Ausgewogenheit... aber weder erschlägt es einen, noch kommt irgendwie Langeweile auf. Und das finde ich geil! Fast schon überflüssig zu erwähnen ist es daher vermutlich, dass der Rum weder ein Problem damit hat, sich gegen die Partner im Drink durchzusetzen, noch dass die Partner irgendwie zu kurz kämen. Hier stimmt die Chemie! Mit Schmelzwasser gewinnt der Drink noch etwas dazu, aber der kommt auch schon vom Start weg sehr gut. 


Fazit: wäre der Rum keine limitierte Sonderabfüllung gewesen, bräuchten wir in den nächsten Jahren vermutlich nie wieder über einen Standard Rum für den Mai Tai sprechen! Denn dazu wäre er ansonsten nämlich geradezu perfekt geeignet, weitaus besser als die beiden Standard Hampden Bottlings mit 46, bzw. 60% vol., die für mich dem Wort Durchschnitt sehr viel eher entsprächen. Klar, der Preis von ca. 90,- Euro wäre für einen Mixrum noch immer eine Ansage, aber deutlich günstiger bekommt man Hampden auf hohem Niveau inzwischen auch nicht mehr, wenn überhaupt. Mir fällt da ad hoc gerade zumindest kein Bottling aus der letzten Zeit ein. Insofern bin ich froh, mir davon die eine oder andere Flasche gesichert zu haben, so dass dies sicher nicht mein letzter Mai Tai mit dem Great House war. Und wenn ihr den zuhause stehen und noch keinen Mai Tai damit probiert habt zu mixen, dann probiert das ruhig aus.


Bis demnächst,
Flo

Montag, 1. Juni 2020

Velier Demerara Rum 27 YO Skeldon 1978

Liebe Rum Gemeinde,

heute kommt nicht weniger als eine absolute Legende auf den Tisch, nicht wenige würden wohl sogar sagen die Legende: der Skeldon 1978 von Velier, ein 27 Jahre alter Demerara Rum! Auf die Besprechung genau dieses Tropfens habe ich mich dementsprechend auch schon lange gefreut!

© E.H.


Ich glaube, um es direkt frei heraus zu sagen, dass wir uns heute ganz viel drum herum reden sparen können. Wenn die Begriffe Skeldon und Velier in einem Atemzug fallen, dann weiß mutmaßlich jeder den ich zur unmittelbaren Zielgruppe dieses kleinen Blogs zählen würde, worum es geht. Erklärungen unnötig. Legenden-Zeit! Schon im Review zum Skeldon 2000 und zum Skeldon 1973 habe ich einige Worte über diese ehemalige Destillerie verloren, deren Stil allerdings bis heute erhalten werden konnte. Inwieweit dieser noch jenem originalen Skeldon-Style aus den aktiven Tagen der Destillerie entspricht kann heute freilich niemand mehr mit absoluter Gewissheit sagen, schließlich war bei Skeldon (gegründet zwischen 1802 und 1834) bereits im Jahr 1960 schon Schicht im Schacht. Beurteilen können wir lediglich noch das Erbe Skeldons, welches mich bisher, ihr werdet es in den Reviews nachlesen können, nicht restlos überzeugen konnte. Da es über den heute vorgestellten Rum hinaus keinerlei länger gereiften Stoff im Skeldon Style gibt, ist das dementsprechend sogar schon so etwas wie die letzte Chance für Skeldon, doch noch bei mir zu punkten ;-)

© E.H.
Ob er das schafft, werden wir gleich sehen. Ohne jeden Zweifel outstanding sind aber definitiv schon einmal die Randdaten! Da ist zum einen der Preis. Ca. 6.000,- Euro, eher mehr (!) müsste man für eine Flasche dieses Rums inzwischen auf den Tisch legen, das ist einfach nur krass! Denn von zwei Single Cask Demeraras abgesehen (von ihnen gab es zu Ausgabe kaum mehr als 50 Flaschen), die preislich im Bereich eines Mittelklasse-Neuwagens liegen dürften, zählen die Skeldons wohl zu den preisintensivsten Abfüllungen von Velier. Die preisliche Seite ist allerdings nur die eine, die der Qualität eine andere. Denn gerade dem Skeldon 1978 wird tatsächliche auch eine herausragende Qualität nachgesagt. Nicht wenige Demerara Freaks und auch Luca Gargano selbst geben diese Abfüllung als ihren Lieblingsrum an! Und schließlich, wie es sich für eine legendäre Abfüllung gehört, kommt auch der Skeldon 1978 mit einer interessanten Anekdote am Rande daher. Im 1978er Jahrgang steckt nämlich auch ein kleiner Anteil 1973er Rum, wohl, wie Luca von Yesu Persaud erfahren hat, weil die 1978er Fässer nicht mehr ganz voll waren. Da habe man sie einfach leicht aufgefüllt. Damals kein ganz ungewöhnlicher Vorgang und im Rahmen von Details, für die sich in dieser Zeit noch niemand wirklich interessierte. Heute sähe das vermutlich anders aus. Abgefüllt wurden am Ende jedenfalls noch 688 Flaschen Rum mit einem Alkoholgehalt von 60,4% vol., der mindestens 27 lange Jahre tropisch reifen durfte.

© E.H.
Und ich denke, um noch einmal den Bogen zum Preis zu spannen, so etwas (also 25 Jahre tropische Reife und mehr) werden wir in Zukunft nicht mehr allzu oft erleben dürfen. Bei Demerara Rum -Stand 2020- vermutlich gar nicht mehr, da DDL nicht das geringste Interesse daran hat, diese Qualitäten zugänglich zu machen. Dort regiert nach dem Abgang von Yesu Persaud ein Alleinherrscher namens Profit und einen Rum so lange und in dieser Intensität reifen zu lassen ist alles andere als profitabel. Bei Caroni werden wir es definitiv auch nicht mehr erleben, da Luca alles nach Europa geholt hat und auch kaum noch Fässer übrig sind. Was bleibt dann noch an Stoff, von dem man überhaupt etwas so altes tropisch gelagertes trinken möchte? Jamaica, na klar. Aber da fällt Hampden noch mindestens 20 Jahre raus, selbst wenn man davon absieht, dass Hampden von solch langer Reifung nicht profitiert. Es bleiben Long Pond, Monymusk, Worthy Park und Appleton. Aber was da an Bottlings zu erwarten ist, die hier qualitativ anknüpfen können, kann ich an einer Hand abzählen. Dazu kommt, dass auch hier die Preise noch explodieren werden. Der tropisch gereifte Monymusk 1984 von Velier wird mit einem Ausgabepreis von ca. 1.000,- Euro erwartet. Insofern, relativiert das nicht alles, aber doch einiges an preislichen Eskalationen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, für Stoff, der nie mehr wieder kommt. 


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Verkostung des Velier 27 YO Skeldon 1978:

Preis: der Ausgabepreis lag damals bei geschätzten ca. 120,- Euro. Der heutige Wert einer Flasche liegt bei ca. 6.000,- Euro und mehr. 

Alter: das offizielle Alter beträgt 27 Jahre, nachdem der Rum von April 1978 bis April 2005 in Eichenfässern lag. 

Lagerung: die Fässer lagen von 1978 bis 2005 in Guyana unter der tropischen Sonne. 

Fassnummern: keine Angaben, allerdings waren es insgesamt drei Fässer, die zusammen 688 Flaschen ergaben. 

Angel's Share: unbekannt. Er wird aber, gemessen daran, wie hoch er z.B. beim UF30E ausgefallen ist, bei über 90% gelegen haben. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Skeldon 1978 kommt mit starken 60,4% vol. daher.

Destillationsverfahren: der Rum wurde vermutlich mit der Metal Coffey Still von Blairs gebrannt, somit handelt es sich um einen Column Still Rum. 

Mark: SWR

Farbe: eine unfassbare, schon fast unwirkliche Farbe für einen Rum! Ganz, ganz dunkel, vom braune ins rötliche gehend. Das ganze mutet ein wenig wie Cola, Sirup oder Balsamico Essig an, vor allem, wenn man den Rum ein wenig im Glas schwenkt. Ich erinnere mich nur an einen Rum den ich je im Glas hatte, der das noch getoppt hat, aber diese Erinnerung ist keine positive, daher sei sie blitzschnell wieder vergessen. 

Viskosität: parallele, unregelmäßige Schlieren laufen von der Glaswand hinab, ins Glas zurück. 

Nase: BOAH! Ja, das geht sehr nahe an Perfektion! Oder ist diese hier bereits erreicht oder gar übertroffen? Insgesamt ist das keine Premiere, ich habe den Rum schon das dritte und vierte Mal im Glas, aber es ist im Rahmen der Verkostung für den Blog das erste Mal, dass ich ihn wirklich mal in Ruhe und nur für mich trinke, statt in Gesellschaft. Bei letzterem liegt der Fokus naturgemäß nicht rein auf dem Destillat, was ja auch gut und richtig so ist. Und heute, ich kann das nicht anders formulieren, haut er mich in der Nase gerade sprichwörtlich um! So etwas intensives, reichhaltiges und komplexes sieht man wahrlich nicht alle Tage! Zunächst ist da natürlich auch noch etwas Alkohol, der, wenn man die Nase bis ins Glas führt, auch noch leicht sticht, aber das geht schnell vorüber nach kurzer Zeit des Atmens. Nach schon 30 Minuten ca. ist der Rum voll da! Im Bouquet macht sich zunächst einmal eine herrliche Klebstoffnase bemerkbar, kombiniert mit einer sehr schweren, sirupartige Süße, die wie über dem ganzen Rum im Glas zu schweben scheint. Dazu gesellen sich dunkele Assoziationen zu Kaffee, Espresso und Melasse, aber auch Trockenfrüchten, Tabak, Nelke, dezent Anis, Leder und etwas, was ich medizinisch empfinde. Stets mit dabei ist natürlich die geballte Ladung Tannine vom Fass, die allerdings wirklich top eingebunden sind! Ich empfinde die Nase, trotz der enorm langen Reifezeit, nicht als verholzt. Immer und immer wieder führe ich das Glas zur Nase und kann mich an diesem sagenhaften Bouquet einfach nicht satt riechen. Immer wieder entdeckt man neue Facetten dieses schönen Tropfens. Das ist schon, wie der gesamte Rum bis hier hin, sehr außergewöhnlich und die Erwartungen an den Gaumen sind gerade ins grenzenlose geschossen. 

Gaumen: Wundervoll! Der Skeldon 1978 gibt sich am Gaumen wahnsinnig vollmundig, ins cremige gehend, sowie angenehm weich. Der Alkohol ist richtig gut eingebunden, sticht nur zu Beginn ganz kurz und zeigt sich im Folgenden dann quasi unsichtbar. Kleinere Schlücke bieten sich preislich an, geschmacklich allerdings sind auch größere Schlücke kein Problem. Alles startet mit einer schönen Mischung aus einer natürlichen Süße und etwas säuerlichem, was mich an kalten Kaffee und Espresso, sowie Salz-Karamell erinnert, die dann übergeht in etwas holziges und fruchtiges von tropischen Früchten, die ich allerdings nicht separieren konnte. Mango vielleicht? Dann wiederum rauscht eine medizinische Komponente heran, die auch einiges an Bitterkeit mitbringt. Zu viel? In einigen Momenten dachte ich ja, in anderen empfand ich es als angenehm. Insofern tendiere ich zu nein, allerdings bewegt sich das unzweifelhaft an der Grenze des Guten, gerade auch mit Blick auf den Skeldon 1973. Besser wird es mit mehr Reifejahren nach dieser Erfahrung definitiv nicht. Nach hinten heraus kommt dann eine geballte Ladung Anis. Die Performance am Gaumen kann mit jener in der Nase nicht ganz mithalten, was angesichts dieser olfaktorischen Sensation tatsächlich zu erwarten war, aber im Gegensatz zum Skeldon 1973 bricht dieser Rum hier nicht qualitativ ein. Ganz, ganz großes Kino! 

Abgang: nach hinten heraus wird das dann schon sehr trocken und bitter mit Anklängen von Anis und Kaffee, zunächst angenehm, aber wenn man ihn zu lange im Mund hatte, dann ist das eher wie Walnüsse, wenn sie bitter werden.  Etwas nussiges, bleibt aber in jedem Fall erhalten, was mir sehr gefällt. Insgesamt allerdings nur ein kurzer bis mittlerer Nachhall. 

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Fazit: mit einem Wort? Opulent! Nichts, aber auch rein gar nichts an diesem Rum steht auch nur entfernt in dem Verdacht in irgendeiner Weise durchschnittlich zu sein. Wiederum alles an diesem Rum ist außergewöhnlich! Ich kenne viele (wenn auch nicht alle) der alten Demerara Rums von Velier, und nach meiner bisherigen Erfahrung und aber auch nach intensivem Austausch mit Menschen, die bei Demerara Rums noch weitaus mehr im Thema sind als ich und auch seltene Tropfen wie den Diamond 1988 schon im Glas hatten, wage ich die Prognose: besser geht es nicht! Und leider wird es auch vergleichbar gut in Zukunft wohl nicht mehr geben. Das ist zwar einerseits schade, macht aber andererseits die seltenen Momente in der man solch legendären Stoff noch mal probieren kann umso besonderer. Der Preis liegt weit jenseits all dessen, worüber man noch in irgendeiner Weise über ein Preis-Leistungs-Verhältnis sprechen könnte und sollte, schon allein, weil im Falle des heutigen Rums selbst eine Sample-Empfehlung bereits dekadent anmutet. Wer die Möglichkeit hat, der wird das geschmacklich eher nicht bereuen und der Rum ist einer, den man am Ende seiner Reise aus meiner Sicht im Glas gehabt haben sollte, aber ich verstehe auch jeden, der da für sich komplett raus ist. Insofern wünsche ich euch nun noch einen schönen Pfingstmontag, unabhängig davon was ihr im Glas habt und verabschiede mich zum ersten (und vermutlich einzigen) Mal mit der Top-Bewertung! 

-100/100-

Ein Dank geht zum Schluss noch an den Urheber der Label-Bilder, von dem ich auch das Sample erhalten habe. Vielen lieben Dank für diese tolle Erfahrung!

Bis demnächst,
Flo