Sonntag, 14. Juli 2019

1423 S.B.S. Trinidad Rum 25 YO Caroni 1993

Liebe Rum Gemeinde,

für mich vollkommen unerwartet, muss ich mich heute allerdings doch noch einmal umdrehen, zurückblicken und den Caroni Jahrgang 1993 noch einmal betrachten. Der aktuelle Caroni von 1423 S.B.S. lässt mir da keine echte Wahl...





Der Jahrgang 1993, ich hatte es im Review zum Velier aus gleichem Jahrgang erläutert, ist kein klassischer der Destillerie. Anders als aus 1994, 1996 oder 1998 gibt es hier nicht unzählige verschiedene Abfüllung von unabhängigen Abfüllern von A bis Z, sondern es gab nur einige wenige Bottlings. Von denen, auch das hatte ich erwähnt, hat mich bisher kein einziges abgeholt. Entweder erkannte man Caroni schon gar nicht mehr, oder aber der Stil war überhaupt nicht meines. Trauriger Höhepunkt für mich war eine Bristol Abfüllung für 1423 World Class Spirits vor ein paar Jahren, die ich einfach nur richtig schlecht fand! Der einzige Caroni aus 1993 der mir ad hoc einfiel, den ich noch nicht im Glas hatte war der neue von 1423, der ein Schwesterfass des unsäglichen Bristols sein soll und der den vieldeutigen Beinamen "The Beast" erhalten hat (an irgendwas erinnert mich das....😏). Da es Stimmen gab, sowohl positive als auch negative, die die Abfüllung in die gleiche Richtung verorteten wie den Bristol, wollte ich eigentlich nicht einmal mehr unbedingt probieren und so war dieser Jahrgang bei mir eigentlich durch.  Dann allerdings ergab sich durch Zufall an einem tollen Abend doch noch die Gelegenheit zu probieren und ich wurde überrascht. Der gefiel mir gar nicht schlecht. Weil ich zu diesem Zeitpunkt aber auch schon einige Rums im Glas hatte, vertagte ich ein umfangreicheres Tasting auf später. Heute bekommt ihr dementsprechend meine frischen Eindrücke dieses Rums und ich bin selbst gespannt, inwieweit ich an diesem Abend richtig lag, oder ich vielleicht doch schon ein paar Rums zu viel im Glas hatte.😉 Vielen lieben Dank nochmal an Chris für das Sample!😃



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Verkostung des 1423 S.B.S. Trinidad Rum 25 YO Caroni 1993:

Preis: der Ausgabepreis liegt bei ca. 300,- Euro. Etwa dort liegt auch aktuell noch der Marktwert, auch wenn er vielfach schon vergriffen ist. 

Alter: von 1993 bis 2019 reifte der Rum 25 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand von 1993 bis 2008 auf Trinidad statt und von 2008 bis 2019 in Europa. Somit lag der Rum 15 Jahre in tropischem Klima und weitere 10 Jahre unter kontinentalen Einflüssen.

Fassnummer: unbekannt. Es wurden 239 Flaschen abgefüllt 

Angel's Share: ohne Angaben. 

Alkoholstärke: Fassstärke! Der Rum kommt mit 50,1% vol. daher.

Destillationsverfahren: unklar. Laut Label eine Column Still, aber hier gibt es aus meiner Sicht weiterhin noch keine zu 100% gesicherten Angaben. 

Mark: unbekannt. Die bisherigen 1993 waren Light Rums oder Blended Rums. Beim heutigen Rum ist das nicht definiert. 

Farbe: seeeeehr dunkel! In der Flasche geht der Rum nahezu ins schwarze, im Glas ist er minimal heller. Hier schimmert er sehr dunkelbraun-rötlich.  

Viskosität: ...

Nase: "The Beast", hat 1423 seinen Caroni ganz offensiv getauft, und diesem Beinamen wird er in der Nase auch bereits in den ersten Augenblicken gerecht. Sehr, sehr intensiver Rum! Heftig! Find ich das gut? Weiß ich noch nicht! Aber langweilig wird es heute ganz sicher nicht! Bisher war 1993 überhaupt nicht mein Fall, aber dieser hier hat auf jeden Fall "was". Ja, Erinnerungen an den Bristol Caroni 1993 für 1423 kommen hoch und auch den Velier erkenne ich entfernt wieder, aber hier gefällt mir das viel besser. Ich tippe tatsächlich mal auf einen Heavy Type Caroni, womit er der erste aus 1993 seiner Art wäre, der mir bekannt ist. Die Nase ist, wie schon erwähnt, wahnsinnig intensiv! Hoch konzentriert, unglaublich tief, reichhaltig, dreckig und komplex erscheint die Nase nach einiger Zeit des Atmens im Ballonglas. Alkoholische Schärfe ist vorhanden, aber meines Erachtens nur unwesentlich. Daran, dass es sich hier um einen Caroni handelt besteht nicht für eine Sekunde irgendein Zweifel. Ich finde natürlich die üblichen Assoziationen wie Teer, verbranntes Gummi, scharfe Lösungsmittel, trockenes Holz und Tannine wieder, aber gerade letztere nehmen hier auf jeden Fall einen Sonderstatus ein. Der Rum hat richtig Holz abbekommen! Zu viel? Ich bin sicher, dass das einige oder gar viele wohl so sehen würden. Sehe ich das so? Erneut bin ich unsicher! Für den Moment fasziniert mich, glaube ich, vor allem diese Extremität. Gemeinsam mit einer feinen Süße ist das aber definitiv sehr spannend. 

Gaumen: die 50,1% vol. erscheinen am Gaumen zunächst einmal erstaunlich dünn. Ich hätte auf eine Verdünnung mit Wasser getippt. Gleichzeitig hat der Rum aber auch gut Zug in Form von alkoholischer Schärfe. Das ist nicht so vollkommen aus dem Gleichgewicht gerissen wie beim Bristol, insbesondere, da der Alkohol sich nicht unangenehm gibt, aber andere Jahrgänge können das auf jeden Fall besser. Ist diese Phase durch und hat es sich der Rum im Mundraum erst einmal bequem gemacht, folgt eine schöne Süße in Kombination mit ganz viel 100% Caroni Flavour. Sehr extrem! Teer, Lösungsmittel, verbranntes Gummi... da ist alles dabei! Je länger der Caroni aber am Gaumen verweilt, desto stärker kommen auch die Tannine durch und machen deutlich, dass der Rum wirklich lange im Fass gelegen hat. Das geht hier dann bis ins Erlebnis von Bitterschokolade mit über 90% Kakao-Anteil, wenn man sich traut, ihn lange genug im Mund zu behalten. Der Rum wird dementsprechend immer bitterer und trockener, bis er irgendwann zu drohen scheint, wie Staub am Gaumen zu zerfallen.

Abgang: ein langer Abgang. Caroni-typische Noten und starke Tannine geleiten den Rum hinab.

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Fazit: vor mir steht tatsächlich der einzige Caroni aus 1993, der mir zusagt, was ihn wiederum gleichermaßen zu einem echten Exoten unter den Non-Velier-Caroni macht, denn da gibt es nicht viele, mit denen ich wirklich etwas anfangen kann. Er ist für Caroni durchaus stiltypisch, teilweise mutet er sogar so etwas wie über-typisch an, ohne dabei aber allzu sehr unter jenen Schwächen zu leiden, unter denen der Bristol für 1423 gelitten hat. Zwar schlägt sich ein höherer Alkoholgehalt auch hier nicht unbedingt in einem stabilen Körper nieder, aber er ist zumindest vorhanden, der Alkohol sticht nicht unangenehm und der Rum schmeckt über weite Strecken einfach gut. Das war beim Bristol leider noch ganz anders. Nichts desto trotz wird es gegen stärkere Konkurrenz auch für den S.B.S. schwierig sich zu behaupten, wenn ich dann an Spitzen-Caronis von Velier denke, weswegen er für mich am Ende dann auch nicht in die absoluten Spitzenplätze vordringen kann. Aber er schafft es zumindest mal, die Fahne für seinen Jahrgang hochzuhalten und, gemessen am heutigen Gesamt-Preisniveau, seinen Ausgabepreis wenigstens annähernd zu rechtfertigen, zumindest meiner Meinung nach. Denn die wirklich guten Caroni gibt es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, inzwischen ja auch kaum noch unter 300,- Euro und jene Ausnahmen hat man nicht selten bereits in ausreichender Menge im Schrank stehen. Persönlich habe ich dennoch vom Kauf einer ganzen Flasche abgesehen, auch wenn er mir gefallen hat, einzig: man kann einfach nicht mehr alles kaufen was man gut findet. Klingt also dennoch nach Kaufempfehlung? Jain! So sehr ich gut mit ihm klar komme, aber anderen könnte der Caroni deutlich zu extrem, zu holzlastig, zu bitter sein. Das muss man schon mögen, weswegen hier auch noch deutlicher als sonst also vielmehr die klare Empfehlung rausgeht, den S.B.S. unbedingt selbst zu probieren und ihn nicht rein auf Basis einer Empfehlung zu kaufen.

-89/100-


Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 7. Juli 2019

Habitation Velier EMB Jamaica 9 YO Monymusk 2010

Liebe Rum Gemeinde,

Monymusk als das "schwarze Schaf" der Jamaica Rums zu bezeichnen, wäre etwas übertrieben und ganz sicher auch weder fair noch gerechtfertigt. Und doch habe ich, seitdem ich 2011 angefangen habe mich mit Jamaica Rums intensiver auseinanderzusetzen, das Gefühl, dass diese Destillerie unter Connaisseuren sehr deutlich im Schatten von Hampden, Long Pond, Worthy Park oder auch Appleton steht. Heute stelle ich einen Rum vor, der das eindeutige Potenzial dazu hat, solche Sichtweisen langfristig und nachhaltig geradezu umzustoßen!



Der Habitation Velier EMB 2010 ist einer von drei Jamaica Rums, welcher im Rahmen der Habitation Velier Reihe im Frühjahr 2019 von Velier releast wurde. Neben dem Monymusk kamen auch noch ein Hampden HGML aus 2010 und ein Long Pond TECA aus 2005. Wie bisher gewohnt ging der Monymusk dabei, mindestens gefühlt, ein wenig unter neben dem TECA und vor allem dem HGML. Nun mache ich heute schon seit der ersten Zeile keinen wirklichen Hehl daraus, dass für mich bei diesem Rum irgendwas anders ist als bei anderen Monymusk und das möchte ich im Folgenden auch gern erläutern.

Fangen wir zunächst dort an, wo der heutige Rum, zumindest meines Wissens nach, derzeit noch ein absolutes Alleinstellungsmerkmal hat: er ist tropisch gereift. Das ist für einen Monymusk ein Novum! Alles an Rum was uns von dort all die Jahre über unabhängige Abfüller erreichte, wurde in Europa gereift - seien es die ganz alten Monymusk aus 1976 und 1977 oder auch spätere Batches aus den Jahren 1991, 1997, 1998, oder auch aus 2003 oder 2007, um da den Bogen zu neueren Vintages zu spannen. Nun bin ich, bei aller Sympathie für tropische Reife, auch im Jahr 2019 noch kein Dogmatiker und sehe kontinental gereifte Rums nicht minder als solche, die in den Tropen lagen. Es sind eben zwei vollkommen verschiedene Wege, die zu unterschiedlichen (meines Erachtens jeweils sehr guten) Ergebnissen führen. Nun möchte ich der gleich folgenden Verkostung natürlich nicht allzu sehr vorgreifen, aber ich denke im Fall von Monymusk durchaus, dass wir hier heute ein vielleicht doch auch besseres Ergebnis sehen, nicht nur ein anderes, als bei jenen Rums, die Monymusk bei kontinentaler Reife abliefert. Aber dazu gleich mehr.

Der zweite äußerst wichtige Punkt, und ich glaube, dass auch das eine Premiere ist, ist das Mark. Ich habe Rums aller bisherigen Monymusk Batches im Glas gehabt, aber keines davon ähnelte dem, was ich gleich probieren werde. Dementsprechend gehe ich davon aus, dass der Unterschied nicht ausschließlich in der Art der Reife liegt. Das Mark des heutigen Monymusk lautet EMB, was, laut Unterlagen von National Rums of Jamaica, bei Monymusk für Rums mit einem Estergehalt von 240 - 250 gr/hlpa verwendet wird. Velier gibt auf dem Backlabel ein Spektrum von 125 - 280 gr/hlpa an, was den offiziellen Angaben deutlich widerspricht. Eine eindeutige Aussage dazu was da nun genau stimmt kann ich da schwerlich mit Sicherheit treffen, aber für sehr viel wahrscheinlicher halte ich es natürlich, dass die offiziellen Zahlen stimmen werden. Wie dem aber auch immer sei, eines ist klar: der Rum hat einen deutlich höheren Estergehalt als die bisherigen Monymusk, die Europa in all den Jahrzehnten erreichten und das bedeutet natürlich, dass hier neue Facetten der Destillerie zum Vorschein kommen.


Über Bog Estate:

In den Unterlagen von NRJ erfahren wir aber auch noch ein weiteres spannendes und wichtiges Detail. Das Mark EMB bezeichnet nämlich nicht einfach nur eine Ester-Range, sondern es steht darüber hinaus auch noch für Bog Estate, eine im Jahr 1948 geschlossene Destillerie auf Jamaica, die früher in Clarendon, im Süden der Insel, stand. Eine weitere Lost Distillery also, die hier wieder ans Licht kommt! Nach einem Brand vor einigen Jahren scheinen vom ehemaligen Anwesen leider nur noch Ruinen übrig zu sein, aber hier erhält man dennoch ein paar Eindrücke. Was die Geschichte von Bog Estate angeht bin ich, um ehrlich zu sein, noch ein wenig irritiert. Anders als bei anderen historischen Brennereien auf Jamaica sind die Angaben die ich gefunden habe, unter anderem zu ehemaligen Vorbesitzern und zur Gründung der Destillerie, extrem widersprüchlich, weswegen ich hier mit Infos leider noch geizen muss. Festzustehen scheint nur, dass der Stil von damals bewahrt wurde, ähnlich wie wir es bei Vale RoyalCambridge oder Tilston schon im Fall von Long Pond gesehen haben, und heute eben bei Monymusk gebrannt wird. Es handelt sich dabei, laut NRJ, um einen Medium Pot Still Rum, der im Wedderburn Style daher kommt. Und wie sich dieser Stil letztendlich im Glas macht, das sehen wir jetzt!


Verkostung des HabitationVelier Jamaica Rum 9 YO Monymusk 2010:

Preis: die Preise für eine Flasche unterschieden sich zum Teil. Meist wurden zwischen 90,- und 110,- Euro aufgerufen.  

Alter: von 2010 bis 2019 reifte der Monymusk insgesamt 9 Jahre in Fässern. 

Lagerung: die Fässer lagerten bei Monymusk, wurden also komplett tropisch gereift. 

Fassnummern: unbekannt, ebenso wie die genaue Anzahl an Fässern oder Flaschen.  

Angel's Share: >64% sind in 9 Jahren Reifung verdunstet. 

Alkoholstärke: 62% vol. - High Proof.

Destillationsverfahren: der Rum entstammt einer Single Retort Pot Still von Monymusk.

Mark: EMB, das Mark des alten Bog Estate. 

Farbe: tiefes, kräftiges gold-braun, ins Mahagoni gehend. 

Viskosität: es bilden sich nur vereinzelt Tropfen am Glasrand, eine Schlierenbildung findet unregelmäßig und in eher weiten Abständen statt. Nicht sehr fotogen. ;-) 

Nase: eine schöne, deutliche und kräftige Ester-Nase empfängt mich schon nach kurzer Zeit des Atmens im Glencairn Glas. Wow, das gefällt mir richtig gut! Voll und reichhaltig kommt das alles daher, man möchte mit der Nase immer wieder zum Glas. Alkoholische Schärfe ist nahezu gar nicht präsent. Was rieche erinnert mich dann auch erstmal so gar nicht an Monymusk, wie ich es kenne. Ob das an der tropischen Reife liegt oder daran, dass hier möglicherweise ein Mark gebottlet wurde, was es bei anderen UA bisher noch nicht gegeben hat? Ich vermute beides, denn so kenne ich die Destillerie bisher einfach nicht. Gefällt mir sehr, sehr gut! Im Bouquet finde ich die typischen Lösungsmittel und Lacke der Ester, dazu Anklänge von Tabak, Anis, Leder und Holz. Überhaupt steht der Rum sehr auf der trockenen und gereiften Seite. Für 9 Jahre, und selbst für tropische Verhältnisse, ist das hier ein dickes Ausrufezeichen! Eine natürliche Süße schwingt nur ganz dezent mit und fruchtige Komponenten finde ich nahezu gar nicht und wenn, dann sehr undefiniert. Mich erinnert das ganze mehr an einen gereiften Long Pond als an Monymusk! Sehr geil!

Gaumen: der Rum legt sich in der Mundhöhle sofort weich und cremig auf die Zunge. Dann brennt er kurz etwas, aber nicht wild, und ist dann einfach lecker! ... aber auch schon ganz schön bitter! Das wäre wohl meine erste Kurzbeschreibung. Ich bin schon angetan, ihr merkt das sicher bereits. Monymusk kommt am Gaumen jetzt etwas mehr durch, leichte Buttersäure ist wahrzunehmen, aber auch hier ist das ganz weit weg von den Monymusk, die wir bisher so gesehen haben. Das ist alles viel näher an Long Pond dran. Hier fühle ich mich wiederum leicht an den TECA erinnert, allerdings in erheblich moderaterer Form. Wenn ich hier von einer Erinnerung spreche, dann ziele ich da keinesfalls auf eine direkte Vergleichbarkeit. Holz spielt auch am Gaumen eine große Rolle, der Rum hat klare Bitterkeit an Bord, und man merkt ihm seine enorme Reife deutlich an. Niemals würde ich blind wohl auf einen neun Jahre alten Rum tippen. Auch die Farbe demonstriert ja etwas ganz anderes. Wahnsinn! Einzig: der Rum ist wirklich sehr trocken, sehr auf der würzig-bitteren Seite, ganz viel Anis ist auch dabei, so dass für tropische Früchte fast keinerlei Raum bleibt. Da fehlt ihm so ein wenig die letzte Dimension, die ihn für mich dann nahe in die Richtung von Perfektion rücken würde. 

Abgang: viel Holz, dadurch bitter, aber noch nicht unangenehm, und Anis-Anklänge fahren mit. Das macht Spaß. Der Nachklang hält mittellang an. 

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Fazit: Velier vermag uns auch im Jahr 2019 weiter zu entertainen und zu überraschen und bringt mit Rums wie diesem etwas bisher so nicht da gewesenes. Vielen Dank dafür! Ich für mich ganz persönlich sehe hier großes Potenzial, die Popularität Monymusks deutlich zu erhöhen, denn der Rum ist für mich ein echtes Brett und das zu einem, für heutige Verhältnisse, durchaus auch sehr fairen Preis. Denn zum einen sind gute Rums unter und um 100,- Euro herum leider selten geworden, zum anderen aber wirkt der Rum über weite Strecken deutlich älter. Und: er steht einem Long Pond z.B. wirklich in kaum etwas mehr nach, meiner Meinung nach! Ein Bottling, das deshalb tatsächlich wie Wasser auf die Mühlen aller Verfechter von Tropical Aging wirkt, das kann man nicht anders sagen. Und ich kann selbst auch nur hoffen, dass in Zukunft noch weitere solcher Rums uns Connaisseure erreichen, denn es zeigt sich hier deutlich, dass Monymusk sehr viel mehr kann, als das was wir bislang zu sehen bekamen. Allen, die Monymusk auf Grundlage genau dieser bisherigen Erfahrungen vielleicht schon abgehakt haben empfehle ich darum mit Nachdruck, bei dieser Abfüllung doch nochmal genauer hinzuschauen. Es lohnt sich wirklich, der kann ganz viel! Ich kaufe inzwischen wirklich selten von einer Abfüllung noch ganze Flaschen, setze fast ausschließlich auf Samples, aber von diesem habe ich mir ein Groß-Sample gegönnt!

-92/100-


Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 30. Juni 2019

Rhum Barbancourt Three Stars Haiti (Vintage 1955)

Liebe Rum Gemeinde,

hoch spannendes aus schon längst vergangenen Tagen habe ich heute für euch aus Haiti am Start! Durch einen glücklichen Zufall bin ich nämlich an eine alte Abfüllung vom Barbancourt Three Stars aus 1955 gekommen und ich bin sehr gespannt, wie er mir mundet!



Haiti... Barbancourt... Agricole... ! ... das ist normalerweise mal so überhaupt nicht meine Rum-Gegend. Die Berührungspunkte bisher waren marginal und wenn, dann auch stets eher wenig aufregend. Die Fläschchen habe ich bei einer günstigen Gelegenheit vor allem deshalb mitgenommen, weil sie ganz offensichtlich sehr alt waren und so mein Interesse weckten. Von daher hatte ich mich bislang aber auch nicht so sehr damit befasst, wie ich es beispielsweise mit Jamaica getan habe. Das führte folglich dazu, dass ich mir erst einmal die Geschichte der Destillerie angesehen und mit doch einiger Freude festgestellt habe, dass es sich bei Barbancourt noch um ein waschechtes Familienunternehmen handelt, dessen Geschichte bis ins Jahr 1862 zurückzuverfolgen ist und inzwischen bereits in der fünften, bzw. sechsten, Generation geführt wird! Damit ist Barbancourt eines der ältesten Unternehmen Haitis und dessen Rhum ein echter Exportschlager.


Zu Rhum Barbancourt:

Gründer dieses traditionsreichen Rhum Maison ist Dupré Barbancourt. Er führte die Firma von seiner Gründung, Ende 1862, bis zu seinem Tod im Jahr 1907 und damit über die ersten 45 Jahre. Er stammte ursprünglich aus der Cognac-Region Charente in Frankreich, bevor er nach Haiti kam, und begann damit, aus frischem Zuckerrohrsaft Rhum zu destillieren. Dabei brachte er sein Know How aus der Produktion von Cognac mit ein, in dem er Produktionsweisen übernahm und damit sehr gute Qualitäten herzustellen im Stande war. Nach seinem Tod im Jahr 1907 übernahm die Frau Dupré Barbancourts das Unternehmen, Nathalie Gardère. Sie führte Barbancourt insgesamt 21 Jahre lang bis zu ihrem Tod 1928 und wiederum ihr Neffe übernahm, Paul Gardère. Paul half seiner Tante zuvor schon im Unternehmen, stand dann für 18 Jahre an der Spitze der Destillerie und übergab im Jahr 1946, mit seinem Tod, an seinen Sohn Jean Gardère. Dieser wiederum sollte bei Barbancourt eine Ära prägen, denn er führte die Firma stolze 44 Jahre lang und damit aus der Nachkriegszeit bis ins ausgehende 20. Jahrhundert! In diese Zeit fiel eine Umsiedlung der Zuckerrohrfelder innerhalb Haitis ins Plain of the Cul-de-Sac, was dazu führte, dass man zwar zwischen 1949 und 1952 keinen Rhum produzieren, die Kapazitäten aber insgesamt vergrößern konnte. Das machte den Schritt von einer kleinen, regionalen Destillerie zu einer großen weltweit erfolgreichen Rhum-Marke möglich. 1990 übernahm dann Jeans Sohn Thierry Gardère das Steuer. Damit einher ging, soweit ich es richtig verstanden habe an diversen Stellen, auch eine Veränderung bei der Produktion, nämlich die Umstellung von traditionellen, schweren Pot- auf moderne und effektivere aber auch leichtere Column Stills. Thierry führte Barbancourt bis zu seinem Tod 2017, also auch insgesamt 27 Jahre lang, und hatte während seiner Ägide unter anderem mit den Konsequenzen des schweren Erdbebens vom Januar 2010 zu kämpfen, bei dem nicht nur Teile des Lagerbestands zerstört wurden, sondern vor allem auch Mitarbeiter der Destillerie starben oder ihre Häuser verloren. Erst im Mai des selben Jahres, also fünf Monate später, nahm man die Produktion wieder auf. Mit Delphine Nathalie Gardère steht seit 2017 erstmals seit 1928 wieder eine Frau an der Spitze der Firma. Sie ist die Tochter Thierry Gardères, was bedeutet, dass die Firma ununterbrochen, seit 157 Jahren, ausschließlich in Familienhand ist. Davor ziehe ich ehrlich den Hut!

Der Rhum um den es heute im Speziellen geht ist einer, der, laut Eric Witz, aus dem Jahr 1955 stammt. Auf dem Etikett ist zwar noch der Name Paul Gardères zu lesen, der ja bis 1946 am Ruder war, aber eine Prägung am Boden der Flasche verweist wohl auf das Jahr 1955. Wie gut, dass es Menschen gibt, die sich mit der Historie von Flaschen so gut auskennen, dass sie einem dabei helfen können sie zu datieren, denn da war ich am Ende dann doch leicht überfragt. Vielen lieben Dank dafür! Das heißt für den Rhum wiederum, dass er entweder aus der Produktion kurz nach der Umsiedlung stammen und noch recht jung sein müsste, oder aber schon einige Zeit länger gereift war und noch aus Beständen von vor der Umsiedlung stammt.  Vielleicht komme ich in dieser Frage ja wiederum geschmacklich etwas weiter. Ansonsten ist nur bekannt, dass es sich um die so genannte Three Stars Abfüllung Barbancourts handelt, die laut neueren Angaben eine Reife von vier Jahren ausdrücken, aber da weiß ich nicht, wie lange das schon fest so gehandhabt ist. Ansonsten bietet das Label nicht viele Anhaltspunkte, mit Ausnahme vielleicht noch der vielen Medaillen, die der Rhum damals gewonnen hat. Das kennen wir so oder ähnlich ja auch von anderen traditionsreichen Marken. So. Und nun bin ich gespannt, wie das Teil schmeckt!





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Verkostung des Rhum Barbancourt Three Stars Haiti aus 1955:


Preis: ich denke, der Rum war einst nicht sehr teuer. Ob Sammler heute große Summen für diese Rums legen, weiß ich nicht. 

Alter: NAS - neuere Three Stars werden mit einer Reifezeit von vier Jahren angegeben, aber ob das auch 1955 schon so war, weiß ich nicht. 

Lagerung: die Fässer werden bei Barbancourt tropisch gereift worden sein. 

Fassnummern: unbekannt - es hat sich um eine massenhaft produzierte Standardabfüllung gehandelt. 

Angel's Share: unbekannt, aber im Rahmen der tropischen Verhältnisse. 

Alkoholstärke: der Alkoholgehalt wird mit 86° Proof angegeben, also 43% vol.

Destillationsverfahren: damals wurde noch mit Pot Stills destilliert. 

Mark: unbekannt.

Farbe: braun, dunkler Bernstein. 

Viskosität: es bilden sich eng aneinander liegende kleine Tröpfchen an der Glaswand, die dann in schnellen, engen und regelmäßigen Schlieren zurücklaufen.

Nase: der Rum muss im Blender's Glass erst noch ein wenig atmen, bevor sich mir die Nase in Gänze offenbart und der Alkohol verflogen ist. Dann allerdings habe ich einen Rhum vor mir, der mich vor allem erst einmal zu überraschen vermag. Das scheint richtig guter Stoff zu sein! Nicht furchtbar schwer, aber auch kein Leichtgewicht. Die Nase kommt tief, voll und reichhaltig daher, wenn auch nicht zwingend komplex. An die Barbancourt von heute, die ich vor einigen Jahren mal im Glas hatte, erinnert mich da wenig. Klar, der Stil ist kein brachialer, wie bei Jamaica oder den Heavy Type Caroni, aber er hat Charakter und erinnert spontan an Blended Caroni. Dass es sich um einen Agricole handelt, hätte ich dagegen nicht vermutet. Da sich Agricole bislang allerdings immer sehr eindeutig als solcher zu erkennen gegeben hat im Glas, frage ich mich gerade, ob es sich bei dieser Abfüllung nicht eventuell um einen Melasse Rhum handeln könnte. Ansonsten erinnert mich das Bouquet eben wirklich sehr an Blended Caronis, also dem Mix aus Heavy und Light Types. Da sind viele grasige Eindrücke und Zuckerrohr, dazu auch schon eine schöne Holznote, aber eben auch die dreckigeren Komponenten aus Teer und verbranntem Gummi. In einem Blindtasting würde ich den Rum wohl dort verorten... In der Nase legt der Rum für mich einen starken Auftritt hin!

Gaumen: am Gaumen macht sich schon bemerkbar, dass der Rum mit 43% vol. doch eher vergleichsweise leicht daher kommt. Das ist schon ein ungewohntes Mundgefühl, wenn man sonst fast nur noch diese Fassstärke-Monster trinkt. Dafür sind größere Schlücke möglich. Von einer Verwässerung würde ich aber noch nicht sprechen. Was ihm etwas an Konsistenz fehlt, macht er an Fülle und Komplexität am Gaumen aber schnell wieder wett! Halleluja! Das ist ein richtig guter Rum! Ich nehme ihm den Agricole nun etwas eher ab, auch wenn das immer noch weit weg ist von dem, was ich da bisher so kannte. Blended Caroni könnte nach wie vor gut hinkommen! Der Rum hat hier viele vegetale Eindrücke, grasiges, Zuckerrohr, geschnittenes Geäst und auch eine ordentliche Holznote. Ich lege mich einfach mal fest und behaupte, dass das, wenn 1955 tatsächlich stimmt, dann auf jeden Fall Stoff von vor dem Umzug der Zuckerrohrfelder ist. Ich glaube nicht, dass es sich hier um nur drei Jahre junge Rums handelt. Nimmt man größere Schlücke wird der Rum auch ordentlich adstringierend. Das macht richtig Spaß! Zum Ende hin werden die pflanzlichen Eindrücke mehr und ich glaube wieder vermehrt an einen Agricole. 

Abgang: hier bleibt ein leicht medizinischer Touch und etwas sprittiges, wobei ich mir irgendwie fast sicher bin, dass das auch zum Teil Alterserscheinungen des Rums sind, denn dieser Eindruck passt erstens eher nicht zum bisherigen Auftritt des Rums und zweitens habe ich dahinter auch noch Rest-Anklänge, die sehr viel besser dazu passen.

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Fazit: richtig guter Stoff! Ich weiß ja, dass frühere Abfüllungen von heutigen teils erheblich abweichen, sei es in Stil als auch in Qualität, aber das hier ist heute schon eine Ansage gewesen! Ich bin schwer beeindruckt! Da hat Barbancourt ja mal richtig geilen Rum hergestellt, der in mir zusätzlich die Frage aufwirft, inwieweit Caroni nicht doch auch anderswo herzustellen wäre, denn die groben Ähnlichkeiten sind schon da! Davon ausgehend, dass die damals nicht unbedingt einen Heavy Barbancourt herstellen wollten, um 70 Jahre später irgendwelche Nerds zu beeindrucken, vermute ich, dass Kopf und Schwanz des Destillats großzügig abgeschnitten wurden, und hier vor allem das Herz zum Zuge kam. Wären sie hier damals also "großzügiger" beim Schneiden gewesen, wer weiß, was dabei am Ende rausgekommen wäre... Leider sind die heutigen Abfüllungen mit dieser Qualität nicht mehr zu vergleichen. Bei der Punktevergabe habe ich mich deshalb heute extrem schwer getan, weil auch Nostalgie mitschwingt. Ich versuche fair zu bleiben und denke aber, bei nur leicht höherem Alkoholgehalt und ohne die Alterserscheinungen im Finish wäre sicher noch mehr drin gewesen! Aber auch so sind es noch:

-89/100-



Ich hoffe, mein kleiner Ausflug in die Vergangenheit hat euch gefallen! Wir sehen uns dann hier demnächst wieder. 

Bis dahin,
Flo