Sonntag, 17. Januar 2021

Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore 1962

Liebe Rum Gemeinde,

Legenden-Zeit auf Barrel Aged Thoughts! Und das bedeutet heute nicht weniger, als dass ich mir den ältesten Jahrgang ansehen werde, den ich innerhalb der Cadenhead's Cask Strength Serie kenne. Gleichzeitig ist das entsprechende Bottling auch nach dem Abfülldatum eines der ältesten aus dieser Serie, das mir bekannt ist: wir sprechen über den Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore aus dem Jahr 1962 (!), abgefüllt im Dezember 1998 mit 62,9% vol.! 



Legende! Ein einziges Wort nur, mit dem aber doch automatisch so viele weitere Worte gleichzeitig mitschwingen: Mythos. Ehrfurcht. Seltenheit. Historie. Das Besondere. Qualität! Man könnte hier nahtlos mit weiteren Begriffen anschließen und sie alle könnten letzten Endes aber doch nur anreißen, was alles im Raum steht, wenn wir über diese einzigartige Abfüllung sprechen. Bis vor wenigen Monaten kam "Mythos" dem ganzen wohl am nächsten. Denn bis zu dem Moment in dem ich die Flasche im Schweizer Rum Rarities Shop fand, hatte niemand den ich kenne diesen Rum je in flüssiger Form zu Gesicht bekommen. Der einzige Beweis für die Existenz eines solchen Bottlings mit dem Mark VNL fand sich seit vielen Jahren auf der Seite "Peter's Rumlabel" eines tschechischen Liebhabers. Daraus ergaben sich auch sämtliche bekannte Daten für diesen Rum. Einen weiteren, mit nur 30 Jahren Reife noch jüngeren, VNL kannte man darüber hinaus aus Dave Brooms Rum Buch von 2003, sofern dieser denn überhaupt existiert. Denn ich glaube, dass es sich dabei eher um einen Schreibfehler im Buch handelt und es auch hier ebenfalls um die 36 jährige Version geht. Warum? Nun, ganz einfach, für den 30 YO VNL wird im Broom ein Alkoholgehalt von 62,9% vol. angegeben, also exakt der gleiche den nachweislich auch der 36 YO hat. Zwar schließt es sich natürlich nicht aus, dass es bei beiden einfach der gleiche Wert ist, aber es ist, insbesondere durch die sechs Jahre längere Reifezeit, schon extrem unwahrscheinlich. Dazu kommt, dass es (vom ominösen 30 YO VNL abgesehen, der schon 1992/93 abgefüllt worden sein müsste) bisher keine mir bekannte Cadenhead Cask Strength Abfüllungen aus der Zeit von vor 1995 gibt (da gab es definitiv einen 1964er PM), und das, obwohl ich seit ca. zehn Jahren sämtliche Bottlings von Cadenhead zusammentrage. Klar, das sind sämtlichst Hinweise, keine Beweise, aber sie wiegen für mich schon sehr stark. Alles in allem gehe ich stark davon aus, dass die Cask Strength Linie erst 1995 gestartet wurde und es das 30 YO VNL Bottling niemals gab und Broom den 36 YO meinte. Somit wäre dies dann letztlich auch das erste und einzige weltweit mir bekannte Bottling, das je das Mark VNL getragen hat. Und niemand den ich kenne, da schlage ich dann wieder den Bogen zu meiner Ausgangslage und dem Begriff des Mythos, hatte davon jemals etwas probiert. 

Im Frühjahr 2020 allerdings fand ich diese Flasche dann bei Rum Rarities und konnte meinen Augen kaum trauen. Ein Freund kaufte die Flasche direkt und sie wurde unter Rum Liebhabern im Freundeskreis geteilt. Somit entstand erstmals überhaupt die Chance das Mark VNL kennenzulernen, was schon auch insofern spannend war, als dass es von Cadenhead keinen anderen vergleichbar alten Demerara Rum gibt, der via Column Still gebrannt worden sein soll. Ansonsten schafften es immer nur die Pot Still Demeraras aus wahlweise der Versailles oder der Port Mourant Still nach Europa. Dieser hier soll nun aber aus einer Column Still von Enmore kommen. Das klingt nun erstmal wieder nach munterem Demerara-Rätselraten, allerdings müsste es sich dabei dann tatsächlich auch um die EHP Still von Enmore handeln, denn die weiteren noch existierenden Brenn-Apparate von denen wir heute noch wissen, dass sie zu dieser Zeit existierten, standen zum entsprechenden Zeitpunkt entweder bei Uitvlugt oder bei Diamond. Albion und Blairmont waren 1962 ebenfalls noch aktiv und könnten Column Stills betrieben haben, allerdings würde dann wiederum die Angabe Enmore nicht passen. Enmore hingegen übernahm meines Wissens nach keine weitere Column Still (lediglich im Jahr 1978 die Versailles Still), wobei mir noch nicht ganz klar ist, wie das nach der Schließung von Albion lief. Marco schreibt in seinem Demerara Artikel, dass auch Albion durch Uitvlugt übernommen wurde, allerdings frage ich mich, mit welcher Wooden Column Still (die einzige solche Still die ich kenne ist die EHP bei Enmore, bzw. inzw. Diamond) sie in den Jahren 1983, 1986, 1989 und 1994 bei Uitvlugt gebrannt haben sollen. Doch das ist ein ganz anderes Thema und ich schweife ab. Sollten also die Angaben Enmore und Column Still stimmen, so sollte es eines der ganz, ganz wenigen und seltenen EHP-Destillate sein, die kontinental reifen durften. Da gibt es ansonsten nämlich nahezu nichts! Geschätzte 99,9% aller kontinental gereiften Bottlings auf denen Enmore steht, entstammen der Versailles Still. Einzige andere Möglichkeit: eine weitere, unbekannte Column Still, die es 1962 noch gab, von der wir heute aber nichts mehr wissen. Das wird wohl aber niemals mehr vollständig zu ergründen sein, weswegen ich mich nun auch wieder zurück ins Hier und Jetzt begebe ;-) 

Und das heißt für mich, dass ich nun quasi direkt an den Rum übergebe, für den die eingangs erwähnten Schagworte so sehr zutreffen, wie auf nur wenige andere Rums: Mythos. Ehrfurcht. Seltenheit. Historie. Das Besondere. Und Qualität? Gerade letzteres werde ich mir nun genau anschauen und mir dabei alle Mühe geben, durch die erstgenannten Begriffe nicht allzu sehr die Objektivität zu verlieren. Viel Spaß euch beim Lesen!



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Verkostung des Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore 1962:

Preis: unbezahlbar.

Alter: von 1962 bis Dezember 1998 reifte der Rum stolze 36 (!) Jahre lang im Fass.

Lagerung: unbekannt. Wahrscheinlich ist, dass er aus den alten Cadenhead Beständen stammte, die noch direkt in Guyana erworben und dann in Europa kontinental gereift wurden. Sehr wahrscheinlich ist er auch gefärbt.

Fassnummer: unbekannt.

Angel's Share: keine Angabe.

Alkoholstärke: 62,9% vol. Alkohol weist der Rum auch nach 36 Jahren im Fass noch immer auf. Dies entspricht, wie es bei der Cadenhead's Cask Strength Serie der Name schon inkludiert, der Fassstärke. 

Destillationsverfahren: angegeben ist eine Column Still der Enmore Distillery. Dies könnte natürlich die bekannte Wooden Coffey Still (EHP) sein. Möglich wäre aber auch eine fehlerhafte Angabe, da es überaus untypisch war, dass im Column Still Verfahren gebrannte Batches nach Europa kamen. 

Mark: VNL - die Bedeutung dieses Marks liegt leider komplett im dunkeln. 

Farbe: sehr dunkel, im Glas leuchtendes Mahagoni.

Viskosität: der Rum beißt sich regelrecht am Glas fest, mutet zähflüssig und schon beinahe wie Grafschafter Zuckerrüben-Sirup oder Balsamico Essig an. Eine phänomenale Optik!

Nase:
 ich lasse den Rum per se erst einmal über eine Stunde im abgedeckten Ballonglas atmen, da er aus einer erst vor kurzem geöffneten Flasche stammt und somit noch nahezu keine Chance hatte, in der Flasche zu oxidieren (der Rum wurde direkt nach dem Öffnen in kleine Sampleflaschen umgefüllt). Bei der zweiten Verkostung lasse ich ihn wiederum ca. 30 Minuten unabgedeckt im Freien stehend atmen, was ich in diesem Fall als beinahe noch intensiver empfand. Dann bekomme ich dafür aber jeweils auch einen Rum, der mich zunächst einmal vollkommen überwältigt! Der Rum ist alt und, auch wenn das immer so abgedroschen klingt, das merkt man auch! Ein überaus reifes, komplexes, dichtes Konzentrat von Bouquet strömt mir in die Nase und verhindert erstmal, dass ich dazu überhaupt irgendwas notieren kann, denn der Rum fordert mich ungemein und man möchte von ihm auch gefordert werden. Dementsprechend bin ich hier zunächst vor allem ganz viel am Riechen und dabei, dieses Gewitter an Eindrücken das da auf mich einprasselt zu erfassen und versuche es irgendwie einzuordnen. Das ist gar nicht so einfach, weil ich einfach noch nichts wirkliches vergleichbares im Glas hatte, auch wenn ich mich durchaus stark an alte Lemon Harts aus den 1960s z.B. erinnert fühle (Tak Gregers!). Am deutlichsten habe ich wohl Assoziationen zu Melasse und karamellisierten Rohrzucker, was wohl eindeutig für eine Färbung des Rums spricht. Dahinter habe ich aber auch reichlich Gewürze (Pfeffer!), frisches Zuckerrohr, Möbelpolitur, Eichenholz und Tannine. Teilweise habe ich auch Assoziationen zu Rums wie dem REV, allerdings dürfte das wohl tatsächlich von der Gemeinsamkeit der Färbung her rühren, was zeigt, dass diese doch deutlich geschmacksgebender war und ist, als oft vermutet wird. Nach ca. drei bis vier Stunden im Glas (abgedeckt) legt der Rum nach nochmals an Intensität zu und gibt weitere Facetten preis, so dass sich eine lange und intensive Beschäftigung mit ihm schon wirklich sehr lohnt. Wenig bis gar nicht präsent zeigt sich übrigens der mit 62,9% vol. doch schon recht ordentliche Alkoholgehalt. Das ist schon beachtlich! 

Gaumen:
 auch am Gaumen empfinde ich den Alkohol als extrem gut eingebunden. Hier brennt nichts fies oder fällt anderweitig negativ auf. Bei einem Rum mit über 60% vol. habe ich das wahrlich nicht alle Tage! Frisch am Gaumen fällt mir zunächst vor allem das ungewöhnliche Mundgefühl auf, welches mich -passend zur Optik- tatsächlich eher an einen Balsamico Essig als an Rum erinnert. Er ist nicht so körperreich und dickflüssig, wie er im Glas noch anmutet. Es folgt der Eindruck einer wunderschönen, sehr feinen natürlichen Süße wie ich sie an dieser Stelle bei Rums sehr gerne mag! Dazu habe ich zu Beginn heftige Melasse, gepaart mit einer enormen Fruchtigkeit, die in der Folge ins trockenere übergeht und mich dann an eine Holzpolitur und trockenes Holz denken lässt, wie ich es häufiger bei tropisch gereiften Rums mit starkem Column Still Anteil vorfinde und mich deshalb an einen solchen erinnert. Je länger man den Rum allerdings am Gaumen verweilen lässt, desto bitterer und tanniniger mutet er auch an. Hier muss man für sich selbst die Balance finden, da sie dem Rum hier meines Erachtens ein wenig abgeht, bzw. ich glaube, dass ein paar Jahre weniger Reife diesem Fass Rum sicher besser getan hätten, als es die gesamten 36 Jahre taten. Das geht letzten Endes dann natürlich auch zu Lasten der Komplexität, da vieles was vielleicht mal da war nun von Tanninen überlagert wird. Dennoch ist das ein sehr, sehr guter Rum!

Abgang: sehr, sehr trocken, aber nicht bitter. Für einen Demerara Rum verschwindet der Rum hingegen verhältnismäßig schnell.

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Fazit:
 ein Rum, der klar auf der dunklen Seite steht und seine Jugend lange hinter sich hat! Das Attribut mag sich langsam abnutzen heute, aber der Stoff ist nicht weniger als legendär! Bis wir ihn gefunden haben hielt ich ihn schon fast für eine Art Einhorn, das nur in unser aller Fantasie besteht, weil er, anders als nahezu jedes andere bekannte Bottlings auf dieser Welt, in all den Jahren niemals irgendwo zu erspähen war. Nun ist der Vorhang zu einem der letzten unbekannten Akte der modernen Rum Geschichte gefallen und ich gehöre zu den wenigen, die einen freien Blick auf die Bühne bekommen konnte - pure Magie! Dementsprechend war es auch ein toller und besonderer Anlass, diese Flasche überhaupt zu öffnen und ich erinnere mich an nur wenige Bottle-Openings, bei denen eine größere Spannung in der Luft lag, während die Flasche gleichzeitig auch versampled und verteilt wurde. Eine der tollsten Erinnerungen aus 2020, die nun, unter den aktuell leider wieder nötigen Vorgaben und Geboten, auch schon wieder sehr weit weg anmutet. Dass ich bisher im Fazit allerdings noch kaum etwas über den Rum selbst gesagt habe wird Bände sprechen, mag jetzt vielleicht der eine oder andere glauben, aber ich denke das liegt tatsächlich in erster Linie daran, dass das Event um die Flasche und die ganze Historie mal mindestens auf einer Ebene mit dem reinen, nüchternen sensorischen Erlebnis stehen und es ist mir wichtig, auch dieses zu würdigen. Denn meines Erachtens kommt es oft und in ganz, ganz hohem Maße mehr darauf an, wann und mit wem man genießt als darauf was man genießt (vorausgesetzt, dass ein gewisses, gehobeneres Niveau gegeben ist). Nichts desto weniger darf daneben selbstverständlich nicht untergehen, dass wir hier und heute auch über einen sehr guten Rum sprechen, wenn auch meiner Meinung nach nicht über einen, den ich als überragend bezeichnen würde! Denn meines Erachtens kann der Rum in der Nase deutlich mehr als am Gaumen und wie aus der Review bereits deutlich hervorging, empfinde ich ihn nicht als auf den Punkt gereift und behaupte, dass weniger Jahre im Fass beim VNL mehr gewesen wären. Klar, bei so viel Nebengeräuschen habe ich mich natürlich auch ganz besonders darum bemüht möglichst genau hinzusehen und mich nicht der reinen Magie eines solch besonderen Bottlings hinzugeben, aber ich denke schon, dass ich auch ohne all dies nicht unbedingt sensorisch geflasht gewesen wäre. Vielleicht liegt mir allerdings auch einfach die kontinentale Reifung bei den Column Still Demeraras nicht so sehr wie die tropische. Das war bei den Pot Still Demeraras bisher wiederum genau anders herum und auch sonst erinnere ich mich an nur wenige kontinental gereifte Column Still Rums, die mich sonderlich in ihren Bann gezogen hätten. Aber all das spielt am Ende doch nur eine untergeordnete Rolle, angesichts dessen überhaupt die Möglichkeit zur Verkostung gehabt zu haben! Living, liquid history! Und insofern vergebe ich zwar ganz nüchtern die Punkte für den Rum selbst, das Erlebnis insgesamt und die empfundene Demut zu den wenigen zu gehören, denen es vergönnt war einmal einen VNL im Glas zu haben, kann ich nur und muss ich auch davon losgelöst betrachten. 

-88/100-

Bis demnächst,
Flo



Sonntag, 10. Januar 2021

The Whisky Jury 23 YO Jamaica Rum "Mden" 1997

Liebe Rum Gemeinde,

eigentlich dachte ich ja, dass wir das Jahr 2020 nun hinter uns gelassen und über alles gesprochen hätten, was dieses unglaubliche Jahr so mit sich gebracht hat. Doch einen hab ich noch... 


Es ist, als würde uns das letzte Jahr sagen wollen: "Falls ihr geglaubt habt, 2020 alles gesehen zu haben, dann schnallt euch lieber an!" Das gilt ganz offensichtlich und für jeden sichtbar natürlich im weltpolitischen Sinn, aber auch in unserer kleinen Rum-Blase passt der Satz dieser Tage ganz gut. Denn in meiner ersten Review in 2021 möchte ich mit euch über einen Rum sprechen, der noch im alten Jahr 2020 abgefüllt und vorgestellt wurde, der aber erst jetzt, im Januar, allmählich die europäischen Connaisseure erreicht hat: den 23 Jahre alten "Mden" Jamaica Rum aus dem Jahrgang 1997!

Und damit beginnt das Jahr 2021 gleichsam mit einer Fehleinschätzung meinerseits. Denn als der Rum im letzten Monat allmählich auf Facebook auftauchte und publik wurde, da tauchten natürlich auch die ersten Fragen dazu auf: "Mden"? Jamaica 1997? Was kann das sein? Nun, in meiner ersten Vermutung ignorierte ich sowohl den offensichtlichen phonetischen Verweis auf die Hampden Distillery als auch den durchaus selbstbewussten Hinweis "Jamaican Funk Alert" bewusst, da es aus 1997 bis dahin keinen bekannten Hampden Jahrgang gab und tippte auf Monymusk - die einzige Brennerei auf Jamaica, die bis zu diesem Zeitpunkt definitiv Monymusk Rums an europäische Broker verkauft hatte. Sollte es aus 1997 auch Hampden nach Großbritannien geschafft haben, so hielt ich es nach meiner bisherigen Erfahrung mit der Verkaufspolitik der Main Rum Company für äußerst unwahrscheinlich, dass da in 23 Jahren vorher noch nie etwas aufgetaucht wäre. Mir fällt da auch ad hoc kein weiteres, vergleichbares Beispiel ein. Wir sahen es bei REV und KFM, dass Jahrgänge auch mal extrem lange abtauchen können, aber es erschien doch jeder von ihnen in vergleichbar jungen Jahren doch schon mal irgendwann auf der Bildfläche. Im Falle des Hampden Jahrgangs 1997 war das anders und so erlebte ich hier eine handfeste Überraschung! Wo aber eine Überraschung lauert, ist die nächste manchmal nicht fern und so war die Verwunderung groß, als es aus Kreisen des Abfüllers "The Whisky Jury" schon bald hieß, dass es sich bei dem Hampden gar um einen C<>H handele, also mein persönliches Lieblingsmark und auch das Lieblingsmark vieler von euch da draußen, wenn ich mir teilweise so die Reaktionen auf bestimmte Releases anschaue. Plötzlich der erste Hampden aus 1997,... dann ein C<>H... bis zuletzt klang das für mich alles irgendwie doch viel zu schön und zu abenteuerlich um auch wahr zu sein und so blieb bis zum ersten Sip dieses Tropfens doch eine Menge Rest-Skepsis um die ganze Story. Ob der Rum diese ersticken konnte? Wir sehen es uns gleich an, wenn ich den "Mden" dem 22 YO Duncan Taylor Hampden 1990 mit 52,9% vol. gegenüber stelle, der ein dazu vergleichbares Alter und einen ähnlichen Alkoholgehalt aufweist. Ich bin gespannt!

Doch noch ein paar Worte zum Abüller: The Whisky Jury scheint mir ein noch sehr junger Abfüller zu sein, was sie auch auf ihrer Website so formulieren. Da die Chronik des Bottlers als erste Abfüllung einen 24 Jahre alten Ben Nevis aus 1995 nennt, ist man also offensichtlich auch erst seit 2019 aktiv. Der "Mden" ist allerdings die bereits 12. Abfüllung des Bottlers insgesamt und die erste Rum Abfüllung im Portfolio. Das erklärt wohl auch, warum ich von den Jungs (und Mädels?) bisher noch nie zuvor gehört habe. Seinen Sitz hat der IB in Mechelen, Belgien und man betont in der eigenen Vorstellung das Streben nach Qualität und kokettiert gleichzeitig mit einem Platzen der Whiskyblase. 

Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich weder ein Sample zur Verkostung dieses Rums, noch die 0,7 Liter Flasche gratis erhielt ;-) Beides ist, von Neugierde getrieben, aus eigener Tasche finanziert. :-)

The Whisky Jury 23 YO "Mden" 1997 vs. Duncan Taylor 22 YO Hampden 1990


Verkostung des The Whisky Jury 23 YO Jamaica Rum "Mden" 1997:

Preis: für meine Flasche habe ich 196,- Euro bezahlt. Ob das die UVP war, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall war der Preis eher niedrig, gemessen an dem was uns hier erwarten soll. 

Alter: von Februar 1997 bis November 2020 durfte der Rum insgesamt 23 Jahre im Fass reifen. 

Lagerung: ich gehe ganz stark von Continental Aging aus, also einer Reifung in Europa über die gesamte Zeit. 

Fassnummer: die Fassnummer ist eine Bottler-interne Fassnummer und lautet Twj-Ha-01, was wohl für "The Whisky Jury Hampden 01" stehen dürfte. Das Fass ergab 241 Flaschen a 0,7 Liter, die einzeln und handschriftlich durchnummeriert sind. 

Angel's Share: keine Angabe.

Alkoholstärke: der Rum kommt mit 55,6% vol. daher. Ein Verweis auf die Fassstärke fehlt, der Rum könnte also auch minimal verdünnt sein. 

Destillationsverfahren: der Rum entstammt einer Double Retort Pot Still. 

Mark: C<>H (Continental Diamond Hampden)

Farbe: kräftiges, goldenes Stroh. Der Duncan Taylor daneben wirkt deutlich blasser!

Viskosität: der Rum fließt relativ zügig und in engen, parallel zueinander verlaufenden Schlieren die Glaswand hinunter. 

Nase:
 nach ca. einer Stunde im Glas empfängt mich eine wirklich volle, kräftige und sehr ausbalancierte Hampden-Nase aus dem Lehrbuch. Jeder Zweifel darüber ob es sich bei dem Stoff wirklich um das handelt was kolportiert wurde, ist ab der ersten Sekunde passe - inklusive der Frage nach dem Mark! Ja, das hier ist sehr eindeutig C<>H! Der Duncan Taylor daneben bestätigt das ganze dann auch noch einmal, wenn gleich es das an dieser Stelle schon fast nicht mehr bedurft hat. Ganz stark! Der Alkohol ist hervorragend in die Nase eingebunden und ist weder zu dezent, so dass einem etwas fehlt, noch sticht er unangenehm - Drinking Strength! Der Duncan Taylor daneben wirkt da deutlich schwächer. Und anders als der Duncan Taylor mit seinen 22 Jahren kommt beim TWJ durchaus auch schon sehr gereift daher, da hat der Jahrgang 1990 einst noch ein eher jünger anmutendes Bild abgegeben. Dazu passt auch das optische Bild, was beide Rums abgeben (s. Farbe). Der "Mden" hat Power und schleudert einem die Ester nur so entgegen, aber es ist nicht ganz die Brachialität, die beispielsweise der 26 Jahre alte TRC damals noch hatte! Die Parallelen zum 30 jährigen sind stärker. In der Nase habe ich dementsprechend erst einmal ganz viel Klebstoffe und Lösungsmittel, die von einem tollen, C<>H-typischen Obstkorb mit gegrillter Ananas begleitet werden. Dazu gibt's jede Menge Marzipan, Vanille, Humus, Zitrusfrüchte und einen mediterranen Touch von Antipasti. Als wirklich ungewöhnlich präsent empfinde ich die Note vom Holz des Fasses, was ich bei Hampden sonst erst von noch älteren Kalibern, wie eben dem 30 YO TRC 1990, kenne. Well done!  

Gaumen: hätte es nach der Nase noch Zweifel ob des Inhalts im Glas gegeben haben, was natürlich nicht der Fall war, so wären diese spätestens jetzt am Gaumen definitiv und sämtlichst ausgeräumt gewesen - Hampden C<>H at its best! Der Rum kommt im ersten Moment wahnsinnig adstringierend daher, so dass es einem die Mundschleimhäute wirklich fies zusammenzieht. Der Rum füllt in Rekordzeit die gesamte Mundhöhle mit intensivem Hampden-Flavour. Der Alkohol zeigt sich an der Stelle durchaus präsent, aber nicht unangenehm oder stechend und ist hier wirklich grandios und außergewöhnlich gut eingebunden für einen High Ester Hampden Rum. Ich würde aber wohl sogar auf eine leichte Verdünnung tippen. Zwar fehlt hier jeder Touch einer wässrigen Note, aber ich würde den Rum in Fassstärke noch etwas konzentrierter erwarten als es hier der Fall ist. Ganz im Gegensatz dazu merkt man dem Duncan Taylor im Quervergleich die Beigabe von Wasser hingegen auf jeden Fall an. Das war für 2012 zwar ein deutlicher Sprung zu den bis dahin üblichen 46% vol., aber verglichen mit heutigen Fassstärken hat der Duncan Taylor da einfach das Nachsehen. Der "Mden" seinerseits kommt mit viel Kraft, aber wiederum nicht brachial daher, zumindest für jemanden wie mich, der schon viele Hampden im Glas hatte. Einen Einsteiger wiederum würde der Tropfen vielleicht umhauen. Möglicherweise fehlt mir zu einer Beurteilung dieses Punktes inzwischen die Distanz zu solchen Tropfen. Mir ist das alles einfach sehr vertraut und es bedarf wirklich einiges, um mich in dieser Hinsicht noch zu verblüffen. Mit zunehmender Verweildauer am Gaumen wird der Rum immer cremiger, öliger und geradezu schmeichelnd. Auch bietet er eine beeindruckende wie typische Aromen-Vielfalt. Ich assoziiere eine Menge gegrillte Ananas, sehr mediterrane Noten, dazu deutlich Humus, sowie Zitronen und Chorizo, als auch Tannine vom Fass. Der Duncan Taylor wiederum kann da meines Erachtens nicht mithalten und muss sich unerwartet deutlich geschlagen geben.  

Abgang: nicht ganz der ewige Hampden-Abgang wie man das von 1990 teilweise kennt, aber na klar sehr lang! Gegrillte Ananas, Toffee und frisch geschnittenes Geäst verweilen noch eine Zeit lang am Gaumen, werden dann schwächer und flammen dennoch immer wieder auf, auch Stunden später noch! 

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Fazit:
 es fällt mir immer schwerer, an dieser Stelle bei High Ester Hampdens mit über 20 Jahren Reifezeit und über 55% vol. Alkohol noch irgendetwas zu sagen, was ich nicht schon viele Male zu vergleichbaren Rums ebenfalls gesagt habe. Etwas besonderes war es heute natürlich sicher, da es sich um einen Rum gehandelt hat, den ich nicht kommen gesehen habe. 1997 habe ich nicht erwartet, aber dafür hat mich die Premiere dieses Jahrgangs durchaus angesprochen. Gewiss, die Abfüllung wird an der Vormachtstellung des 26 jährigen TRC 1990 und des Samaroli 1993 Full Proof nicht rütteln, aber sie kommt diesem Zirkel insgesamt doch sehr viel näher als vieles anderes, was in der Vergangenheit so veröffentlicht wurde und damit war nicht zwingend zu rechnen. Insofern kann ich dem Team von The Whisky Jury zu diesem Tropfen nur herzlich gratulieren - ein sehr gelungenes Debüt! Dementsprechend gespannt dürfen wir nun aber natürlich sein, was da noch alles nachkommt: sowohl von The Whisky Jury als auch aus dem Jahrgang 1997 von Hampden! Denn es würde mich wirklich sehr überraschen, wenn da nicht noch ein paar Fässer mehr liegen. Da gilt die alte Grundregel: Batches fallen nicht vom Himmel, was so viel heißt wie "Wo ein Fass ist, da sind auch mehrere". Und auch großartig finde ich, dass trotz dessen, dass man sich, wenn man schon lange dabei ist, normalerweise ziemlich genau ausrechnen kann was es alles so gibt und was noch möglich ist, man hier doch von Zeit zu Zeit noch überrascht werden kann! So kommt keine Langeweile auf und auch die "alten Hasen" haben ab und zu nochmal was zu entdecken! Vielen Dank dafür!

-93/100-


PS: Nutzer der Rum Tasting Notes App finden diese Abfüllung auch hier:



Bis demnächst
Flo

Sonntag, 3. Januar 2021

Interview mit Caroni-Buch Autor Steffen Mayer (Stefano Caroni)



Liebe Rum Gemeinde,

ich habe hier auf BAT und auch an anderer Stelle ja bereits mehrfach angeschnitten, dass es da draußen jemanden gibt, der seit geraumer Zeit an einem Buch über eine Lost Distillery arbeitet, die viele von uns vermutlich als ihre Lieblings-Brennerei angeben würden: die Caroni Destillerie auf Trinidad! Nun ist die Zeit gekommen, euch den Mann näher vorzustellen, dessen Buch-Projekt ich nun bereits seit zwei Jahren mit Begeisterung begleite. Herzlich Willkommen, Steffen Mayer!


Zum Autor:

Der gebürtige Hohenloher und Rum-Liebhaber Steffen Mayer, den viele sicher auch unter seinem Facebook Pseudonym "Stefano Caroni" kennen, arbeitet in seiner neuen Heimat im schönen Allgäu bereits seit geraumer Zeit und mit großer Akribie an einem viersprachigen (DE/ENG/FRA/IT) Fachbuch zum Thema Caroni Rum! Durch zahlreiche, erfolgreich absolvierte Triathlons in der Vergangenheit ist ihm eine starke Ausdauer und ein langer Atem gegeben, die es jeweils ebenso benötigt um ein solches Buchprojekt zu stemmen. Einst ein wahrer Workaholic, setzt Steffen heute stattdessen ganz bewusst auf Entschleunigung und darauf, vor allem seiner Leidenschaft für das Thema Caroni zu folgen und darin sein enormes Energielevel umzusetzen. Darüber lernte ich Steffen schließlich vor ziemlich genau zwei Jahren kennen und ich erinnere mich noch gut an unsere erste Begegnung in einem Restaurant in Hamburg im Rahmen der Hansespirit 2019, bei der mir Steffen große Teile seiner bisherigen Recherchen vorlegte und diese mich sehr zu beeindrucken vermochten. Anschließend trafen wir uns auch noch weitere Male, u.a. in Berlin und bei mir zuhause im Rahmen einer Interview Reise von Steffen zu Thomas Krüger von Krüger's Whiskygalerie. Doch lassen wir ihn am besten selbst ein wenig zu seinem Buch erzählen!


Das Interview:


Steffen, wann bist du das allererste Mal mit Rum im Allgemeinen und mit Caroni im Besonderen in Kontakt gekommen und wie kam es dann zur Buch Idee?

Steffen: Hallo Flo, das erste Mal, dass ich mit Rum in Kontakt kam, war im Jahr 2013, als ich zwischen zwei Terminen Zeit hatte und in Göttingen bummeln war. Ich wollte mir eigentlich einen Whisky kaufen, doch ein besonderer Spirituosen Händler empfahl mir, einen Rum zu probieren. In seinen Augen, so sagte er es damals, sei es die meist unterschätzte Spirituose überhaupt. Er verkaufte mir daraufhin einen Plantation XO 20th Anniversary in der alten Version mit der bauchigen Flasche. 
Geöffnet habe ich die Flasche aber erst im Jahr 2015 in unserer neuen Wohnung in Oberstaufen und war begeistert. Die Flasche war schnell leer und ich wollte daraufhin eine neue kaufen. Ich musste etwas suchen, da sich das Flaschendesign geändert hatte. Da ich lieber im stationären Handel kaufe, ging ich zu einem Händler in unserer Region. Dieser verlangte beinahe das Doppelte für die Flasche als im Internet, das verärgerte mich sehr und ich beschloss die Flasche doch im Internet zu kaufen. Meine „schwäbischen Gene“ sorgten dann dafür, dass ich noch eine weitere Flasche dazu bestellte, damit der Versand kostenlos war. Ich beschäftigte mich etwas mit den Bewertungen und entschied mich für eine Flasche Bristol Caroni 1996. Diese öffnete ich dann wieder erst ein Jahr später, als mein Schwager, ein Whiskysammler, meinte: „Steffen mach mal was Gutes auf“. Da der Caroni Rum die einzige Flasche war, die nicht offen war, öffnete ich diese. Mein Schwager war sofort begeistert und meinte: „ein Hammer Stoff – was kostet denn so ein Rum“? Ich sagte zu ihm, es wären so um die 60,00 Euro gewesen, aber er solle kurz warten, ich würde es googlen. Zu meinem Erstaunen kostete die Flasche weit über 100,00 Euro - ich fragte mich, warum die auf einmal so teuer war und begann zu recherchieren. Im Netz gab es viele widersprüchliche Aussagen. Trotzdem erkannte ich das Potential und legte mir einige Flaschen zu. Im Jahr 2017 habe ich weitere Flaschen bei Jens Gehlert von Limited-Whisky.de bestellt und sie persönlich bei ihm abgeholt. Wir unterhielten uns über Caroni Rum und ich sagte zu ihm: „Ich glaube ich schreibe ein Buch darüber, denn im Netz stehen so viele Sachen die gar nicht stimmen“. Jens war früher Verleger und bekräftigte mich sehr in dieser Idee.


Egon, Stefan, Flo und Steffen (v.l.n.r.) beim 9th GRF 2019 in Berlin
Picture by Johnny Drejer


Jetzt sitzt du ja bereits seit über zwei Jahren am Buch - in Vollzeit! Als wir uns Anfang 2019 kennenlernten, rechnetest du damit im Herbst 2019 zum 9. German Rum Fest fertig zu sein. Nun schreiben wir das Jahr 2021 und du sitzt noch immer am Buch. Kannst du uns den Umfang deines Buches grob skizzieren?

Steffen: Das liegt daran, dass mein erster Gedanke für das Buch eine Art „Collectors Guide“ für Caroni Rum war, mit vielen Bildern der ganzen Abfüllungen. Die Geschichte von Caroni sollte eine untergeordnete Rolle spielen. Doch egal wohin ich kam, wurde ich genau nach dieser gefragt. Deshalb begann ich damit mir aktuelle Literatur über Rum zu besorgen und musste feststellen, dass diese sehr oberflächlich war. Ich knüpfte über das Internet viele Kontakte im Bereich Rum und beschäftigte mich mit alter Literatur über die Herstellung von Rum. Das Ganze machte ich 24/7, da ich Ende 2016 meinen Job gekündigt hatte. Es wurde zu meiner Passion ein Buch zu schreiben, das auf Fakten basierend erläutert, was zum Untergang der Caroni Destillerie geführt hat. Aber noch viel wichtiger war mir, für jeden verständlich zu erläutern, was Caroni so einzigartig macht. Dafür muss man verstehen wie Rum hergestellt wird und was bei Caroni anders gemacht wurde. Die letzten 2 Jahre habe ich mich nahezu nur mit diesem Thema auseinander gesetzt. In der Zwischenzeit weiß ich, für ein gutes Buch braucht man Zeit - und keinen Zeitdruck. Der Leser wird mehr Informationen über Caroni erhalten, als er sich erhofft hat. Alles über die Fermentation, bis hin zu der Frage welche Hefe bei Caroni verwendet wurde. Welchen Einflüssen der Rum unterlegen hat und mit welchen Destillationsmethoden er hergestellt wurde. Welche Marks es bei Caroni außer LTR und HTR gab und wie diese hergestellt wurden. Ob es Flaschen mit falschen Marks gibt oder anderen fehlerhaften Angaben? Was ist mit den über 18.000 Fässern passiert…





Das klingt überaus beeindruckend und vor allem vielversprechend! Nachdem du dich dementsprechend mit Caroni und seinen Geheimnissen derart intensiv auseinander gesetzt hast... wird es dir also tatsächlich möglich sein zu erklären, warum um alles in der Welt der Rum von Caroni so schmeckt wie er eben schmeckt und warum es kaum etwas vergleichbares dazu gibt?

Steffen: Diese Frage beantworte ich ganz klar mit JA!



Das ist eine Ansage! Dürfen wir dementsprechend auch davon ausgehen, dass vieles bisheriges Wissen durch dich in deinem Buch widerlegt werden wird und wenn ja, möchtest du ein paar grobe Einblicke darin geben welche Bereiche das betreffen wird?

Steffen: Ob vieles Wissen in meinem Buch widerlegt wird, das glaube ich eher nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass sich die Sichtweise vieler Rumliebhaber verändern wird. Zum heutigen Zeitpunkt muss ich feststellen, dass der Fermentation relativ wenig Beachtung geschenkt wird und in der Szene ein regelrechter Destillationsfetisch herrscht. Wenn die Destillation der Höhepunkt ist, wie kann es dann sein, dass zum Beispiel ein Hampden OWH und ein Hampden DOK ein so unterschiedliches Geschmacksprofil haben? In diesem Punkt möchte mir, glaube ich, kaum jemand widersprechen, dass dies rein mit der Fermentation zusammen hängt. Ich möchte noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass die Fermentation mindestens 80% Einfluss auf das Endprodukt hat. Ist die Fermentation schlecht, kann der beste Destillateur, mit dem besten Equipment, keinen guten Rum mehr herstellen. Diese Aussage hält natürlich nur dann Stand, wenn der Rum zum Schluss nicht mit einer Multi-Column auf 97,0% vol. gebrannt wird. Ich wünsche mir, dass wir weg von einem Destillationsfetisch hin zu einem Fermentationsfetisch kommen. Leider sieht ein Bild von einer Pot Still besser auf einem Flaschenlabel aus, als ein Bild von einem blubbernden Fermenter …hahaha.



Ja, das klingt plausibel. Du wirst bei deinem Projekt u.a. auch von Luca Gargano unterstützt, der in der neueren Geschichte von Caroni ja nicht nur eine bedeutende, sondern vielleicht sogar die zentralste Rolle überhaupt einnimmt. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Luca? 

Steffen:
Luca habe ich schon ein paarmal getroffen. Doch für ein Interview habe ich mir sehr lange Zeit gelassen. Denn um die richtigen Fragen stellen zu können, muss man tief in der Materie drin sein. Mir war klar, dass man sich mit Luca Gargano nie auf Augenhöhe unterhalten kann, da er sein Leben lang in diesem Bereich tätig war. Doch im September 2020 war ich mir sicher für Luca gewappnet zu sein und besuchte ihn in Genua. Was ich dort erleben durfte war für einen Caroni Enthusiasten wie mich unglaublich. Luca nahm sich für mich 4 Tage Zeit, er ließ viele Leute warten, um mit mir über das Thema Caroni zu philosophieren. Es war mir stellenweise peinlich, wenn ich merkte es wartet ein Geschäftstermin schon eine Stunde auf ihn und Luca darauf beharrte unser Gespräch erst zu Ende zu führen. Ich werde den ersten Tag nie vergessen, als er mir einen blauen Ordner aushändigte und meinte: „Hier ist der gesamte Schriftverkehr mit Rudy Moore, das kannst du alles abfotografieren. Aber als erstes gebe ich dir mal alle Rechnungen von den Caroni Fässern die ich gekauft habe.“ Ich war fassungslos, denn Transparenz ist sonst nicht gerade die Stärke dieser Branche. Luca erzählte mir Geschichten, da habe ich dreimal gefragt: „Darf ich wirklich darüber schreiben?“ und er meinte nur: „Klar, das ist die Wahrheit und über die kann man immer schreiben.“ Ich kann mich vor Lucas Offenheit nur verneigen.

Luca Gargano mit Steffen Mayer in Genua 2020


Erhältst du auch Unterstützung weiterer unabhängiger Abfüller, die viele Caroni abgefüllt haben, wie z.B. John Barrett aus England, der ja ebenfalls in größerem Stil bei den Auktionen damals zugeschlagen hat?

Steffen: John Barrett hat Fässer mit Caroni Rum erworben, aber nicht bei der Auktion im Jahr 2008. Ihn habe ich bereits 2018 angeschrieben. Dies war zu einem Zeitpunkt als ich noch bei weitem nicht dieses Fachwissen und Detailwissen zu Caroni hatte wie heute. Auf jeden Fall hat er damals das Interview unter einem fadenscheinigen Argument abgelehnt. Ich habe über verschiedene Personen aus seinem Umfeld versucht an Informationen von ihm zu kommen, stellenweise auch ohne dass er wusste, dass die Frage von mir kam – meistens kam keine Antwort oder er hat es als Fragen von Fanatikern abgetan. Insgesamt behaupte ich, dass John Barrett ein sehr introvertierter Mensch ist, der nicht gerne Fragen zu seinen Abfüllungen beantwortet. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass ich ihn im nächsten Jahr besuchen werde. 



Das ist schade, aber dann hoffe ich für dich und für uns Leser, dass es dir an der Stelle noch gelingen wird, einen Zugang zu finden. Für dein Buch war 2020 aber auch noch eine Reise nach Trinidad geplant, die sich auf Grund der weltweiten Pandemie bislang aber noch nicht ergeben hat. Was versprichst du dir von deinem Besuch dort?

Steffen:
Covid-19 ist schrecklich. Für mein Buch war es Fluch und Segen zugleich. Meine Reise nach Trinidad im April 2020 wurde storniert. Das war ein echter Schock für mich, denn für Trinidad besteht seit diesem Zeitpunkt bis heute ein Einreiseverbot. Doch ich habe schnell festgestellt, dass die Leute dort auch isoliert waren und Interviews mit mir als willkommene Abwechslung angesehen haben. Personen die nie reden wollten, waren auf einmal bereit ein Interview zu geben. Dies führte dazu, dass das Jahr 2020 mein produktivstes war. Trotzdem ist es mir wichtig nach Trinidad zu reisen, denn einen Autoren der selber nie vor Ort war über was er schreibt, würde ich persönlich nicht ernst nehmen. Des Weiteren weiß ich sehr genau, welche Unterlagen noch vor Ort zu bekommen sind, die die letzten Lücken schließen. Es gibt auch in Trinidad Sammler von Rum, die noch viele alte Abfüllungen vom lokalen Markt haben, die ich noch fotografieren muss. Doch nicht nur Trinidad ist für mich wichtig, sondern auch viele Länder in Europa. Denn ich möchte mit allen unabhängigen Abfüllern die Caroni Rum abgefüllt haben ein persönliches Interview führen. Viele Etiketten haben nur unzureichende Informationen und ich empfinde es auch als äußerst interessant dem Leser mehr über den jeweiligen Abfüller zu erzählen. Auch hinter ihnen stecken oft interessante Geschichte. Ich möchte behaupten, dass jeder unabhängige Abfüller der etwas auf sich hält einen Caroni Rum abgefüllt hat und daher hat das Buch den Zusatznutzen eine kleine Enzyklopädie der unabhängigen Rumabfüller zu werden. Dazu sind noch über 80 Interviews nötig und die Pandemie kann mich hierbei noch ganz schön ausbremsen. Trotzdem ist es mein Ziel, Ende 2021 dieses Projekt abzuschließen!



Darauf freue ich mich und freuen wir uns alle sehr! Vielen Dank für deine Zeit und die überaus spannenden Einblicke in deine großartige Arbeit!






Bild 1: Steffen Mayer in seiner Heimat im Allgäu

Bild 2: Steffen Mayer 

Bild 3: Egon, Stefan, Flo und Steffen in Berlin beim bis dato letzten GRF 2019 - Picture by Johnny Drejer

Bild 4: Samples von Originalabfüllungen die ich mit Steffen zusammen in diesem Jahr verkosten werde.

Bild 5: Original Sample von Rum Distillers of Trinidad & Tobago aus dem Jahr 2005 bei Velier in Genua, von einer der begehrtesten Velier Abfüllungen überhaupt.

Bild 6: Steffen Mayer mit Luca Gargano bei Velier in Genua im September 2020

Bild 7: Dieses Bild entstand im Dezember 2004 durch Fredi Marcarini, der 2020 leider verstorben ist, und wurde von Luca Gargano zur Verfügung gestellt. Es zeigt wie einige der letzten Abfüllungen vom Caroni Stallion Puncheon für den lokalen Markt abgefüllt wurden.

Bild 8: Ein altes Caroni Dark Jewel Flaschenlabel