Posts mit dem Label Thoughts werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Thoughts werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 29. März 2020

Thoughts - "... hier gibt es heute nichts zu sehen!"

Liebe Rum Gemeinde,

heute lest ihr einen der vermutlich kuriosesten Beiträge, die ich je für BAT geschrieben habe, dadurch nämlich, dass ihr vor allem einen Beitrag nicht lest, den ich zwischendurch für heute geplant hatte einzuwerfen. Ihr seid verwirrt? Zurecht!



Anfang der Woche habe ich getan, was ich häufig tue. Ich habe zwei neue Samples erhalten und diese dementsprechend auch verkostet (s. Bild). Sie haben mir nicht sonderlich gut gefallen, was ich in einer Ankündigung zu den betreffenden Rums auch kurz und in einem Satz verlautbaren habe lassen, und eine Vorstellung hier auf BAT war, getreu meiner Philosophie, dementsprechend nicht vorgesehen. Als aber erst, mit einem stupiden Hinweis auf das noch nicht erreichte Release-Datum, quasi negiert wurde, dass ich die Rums überhaupt im Glas hatte und nachdem am nächsten Tag unter viel Tamm Tamm dann in einer Weise auf die Marketing-Kacke gehauen wurde, dass es mich wirklich geschüttelt hat, war schließlich der Punkt fast erreicht, an dem ich mich für einen kurzen Moment dazu entschlossen hatte, die Rums hier doch vorzustellen und sie als das zu entlarven was sie sind: absoluter Durchschnitt, der sich in seiner grundsätzlichen Qualität zwar natürlich von Señor Popo und Konsorten abhebt, der darüber hinaus aber keinen fortgeschrittenen Connaisseur auch nur im Ansatz hinter dem Ofen hervor locken kann. Rum im Bereich zwischen 75 und 80 von 100 Punkten, der aber angepriesen wurden wie High End. Ihr wisst: normal lest ihr hier nur von Rums, wenn sie mich wirklich begeistern, oder wenn sie zumindest eine gewisse Relevanz oder einen Erkenntnis-Gewinn mit sich bringen. Und es benötigt schon ein wahnsinniges BS-Level bei gleichzeitig suggerierter hoher Qualität, um mich da von meinem Weg abzubringen. Die letzten die das geschafft hatten, waren Rom Deluxe mit ihrem 10er DOK. Wofür auch immer die 10 stand... *hand meets forehead*. Damals konnte ich einfach nicht anders, als dazu deutliche Worte zu finden. 

Jetzt, Anfang/Mitte der heute ausgehenden Woche, juckte es mir auf ähnliche Weise in den Fingern und ich hatte schon eine ziemlich ausformulierte Version eines Manifests des Unmuts in den Laptop gehauen, zum Posten bereit, bevor ich sehr abrupt stoppte. Warum? Weil ich, wie ich es auch drehte und wendete, doch zu dem Schluss kam, dass das den betreffenden Rums a) mehr Aufmerksamkeit und Bühne eingebracht hätte als sie momentan genießen und erst recht als sie verdienen und b), sich mein Unmut ja auch weniger gegen die Rums selbst richtete (die Rums selbst liefern genau das, was die Eckdaten versprechen), als vielmehr gegen ihr Marketing, das wesentlich besseren Rum suggeriert als meines Erachtens wirklich drin ist. Und letztlich habe ich es auch deshalb bleiben lassen und mich stattdessen zu diesem kurzen Text hier entschlossen, um zu demonstrieren, dass es immer eine Alternative zum "Veröffentlichen"-Button gibt. Weil ich denke, dass es manchmal auch einfach besser ist die Klappe nicht ganz so weit aufzureißen, als sich in die Riege derer einzureihen, bei denen ich mir doch gewünscht hätte, sie hätten es ebenfalls bleiben lassen.

In diesem Sinne: "Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es heute nichts zu sehen!" ;-) 


Bis demnächst,
(dann natürlich auch wieder mit flüssigem Content!)
Flo

Mittwoch, 25. Dezember 2019

A Decade of Rum: 2010 - 2019

Liebe Rum Gemeinde,

ich wünsche euch ein frohes Fest und möchte euch zu diesem Anlass gerne mitnehmen auf eine kleine Zeitreise! Denn dieser Tage neigt sich nicht nur einmal mehr ein Jahr dem Ende entgegen, sondern ein ganzes Jahrzehnt. Der Übergang von den 2010er Jahren in die 2020er Jahre wird kalendarisch vollzogen und ich möchte diesen Anlass dazu nutzen, einmal auf die Rum-Szene innerhalb der letzten zehn Jahre und damit der ausgehenden Dekade zurückzublicken. Denn zu behaupten, dass sich hier viel getan hätte, wäre noch eine massive Untertreibung! 



Die Rum-Szene wächst!

Zunächst muss ich an dieser Stelle sagen, dass ich das ausgesprochen große Glück hatte, diese Zeit nahezu vollständig aktiv miterlebt haben zu dürfen, da ich bereits entsprechend früh den Einstieg ins Thema gefunden habe. Und tatsächlich sind wir genau damit dann auch schon beim ersten Aspekt, auf den ich unbedingt eingehen muss, denn schon diese Tatsache macht mich innerhalb der Rum Szene, zumindest im Kreise der Connaisseure, zu einem echten Exoten. Warum? Ganz einfach, weil die aller, aller wenigsten, die sich heute mit Single Cask- und Cask Strength Rum auseinandersetzen und sich zu eben jenem Kreise von Connaisseuren zählen, von sich behaupten können zu Beginn des Jahrzehnts schon dabei gewesen zu sein. Ich erinnere mich, dass, als ich 2011 so richtig auf den Geschmack gekommen bin, es hier in Deutschland gerade mal eine kleine Hand voll Menschen gab, die öffentlich Gefallen an den richtig guten Tropfen, abseits der oft flachen, verwechselbaren und gesüßten (ja, kommen wir auch noch zu) Rums fanden. Die allermeisten derer entsprangen der Cocktailszene und so blieb unsere Gruppe damals erst einmal eine ziemliche Randerscheinung, die sich in einem Chatroom eines schon damals vollkommen aus der Zeit gefallenen und nicht mehr gepflegten Cocktail-Forums regelmäßig traf und zusammen Rums verkostete oder über eben jenen Rum philosophierten, den wir noch heute so sehr lieben. Wenn man nach den damals in unserer kleinen Clique gefragten Rums googlete, wie beispielsweise den Cadenheads Cask Strength Abfüllungen oder den Rums von Bristol Spirits, dann fand man in den allermeisten Fällen: nichts. Keine Blogs, die sich umfassend mit dem Thema auseinander setzten, kein breit gefächertes Angebot, eine nur begrenzte Auswahl an Shops mit einer noch stärker begrenzten Auswahl an Rums. Die guten Tropfen der unabhängigen Abfüller waren nur selten darunter. Und auch wenn man über den Tellerrand blickte, nach Europa und in die Welt, so fand man eher keine Mitstreiter, die den eigenen Geschmack zu teilen schienen. Und überhaupt schien Deutschland noch so ziemlich das einzige Land zu sein, in dem man die ganzen guten Rums überhaupt irgendwie bekommen konnte. Wenn ich ebay Frankreich, Italien oder Großbritannien durchsuchte nach Jamaica Rum, dann fand ich Appleton, manchmal noch Coruba oder Sangster's - das war's!



Bei so geringen Möglichkeiten und Chancen mit der Materie in Berührung zu kommen, war es also gewissermaßen pures Glück, dass ich eine der wenigen Gelegenheiten erfassen konnte, in diese Szene reinzurutschen und dafür bin ich bis heute sehr dankbar. Damals allerdings war es auch immer wieder frustrierend, denn in mir war ein immenser Drang das eigene Wissen immer mehr zu erweitern und das war, gelinge gesagt, schwierig. Es zeichnete sich bei Hampden beispielsweise ab, dass sich die einzelnen Abfüllungen im Estergehalt voneinander unterschieden, aber in welcher Weise, wie das definiert war, woran man das erkennen konnte... zu all dem gab es damals noch keinerlei Informationen. Es gab die Mark-Angaben auf den Cadenhead-Labeln, die das damals als einzige gemacht haben. Das wars! Das aber weiterzuverfolgen, Informationen zu sammeln, zu sortieren, daraus Schlüsse zu ziehen, das Wissen zu erweitern... eine unfassbar aufwendige Arbeit damals! Heute bin ich dafür dankbar, denn ich glaube, ich hätte vieles niemals so sehr verinnerlicht, wenn ich es einfach irgendwo mit ein paar Klicks hätte nachschlagen können, aber damals habe ich das oft verflucht. Nichts desto weniger, wir leisteten damals echte Pionier-Arbeit und auch deshalb haben Leo, Marco und ich damals auch Barrel Aged Thoughts ins Leben gerufen, um all diesen Informationen eine Plattform zu geben, Wissen zu speichern und weitergeben zu können und das macht mich heute definitiv auch stolz.
Ergattert 2012 in München beim Whiskyshop tara:
Bristol Jamaica Blend für 125,- Euro
Die Saat war also in der Erde, aber ehe die Früchte unserer Arbeit damals geerntet wurden verging noch einiges an Zeit. Die Gruppe an Conaisseuren wuchs langsam aber sicher und mit der Zeit wuchs auch die Bereitschaft, mehr Geld für Rum auszugeben (auch dazu gleich noch mehr). Auf diesem Wege gewann der Abfüller Velier ab 2012 sehr schnell an Bedeutung, der danach das Jahrzehnt prägen sollte wie kein anderer sonst, nicht einmal annähernd. Bis dahin kauften wir in der Mehrzahl alte Bottlings längst vergangener Tage, zum Teil noch abgefüllt in den 1990er Jahren, etwa von Cadenhead und Bristol, die man mit etwas geschickter Suche zu diesem Zeitpunkt auch noch häufig finden und ergattern konnte. So genannte Shopleichen gab es reichlich und wir kauften diese noch ganz bequem und zu Preisen, die heute wie ein Witz anmuten. Das war dann ab 2013 ca. vorbei. Die Rum Szene wuchs plötzlich immer schneller, auch Europaweit und Weltweit. Plötzlich kamen z.B. auch die Menschen in Frankreich auf den Geschmack, die sich bis dahin sehr auf den Agricole konzentriert hatten, dessen Originalabfüllungen in ihrer Qualität denen aus anderen Ländern um Längen voraus waren! Velier wurde immer bedeutender, und als die Demerara Bottlings nicht mehr zu bekommen waren und im Preis massiv stiegen, wurde sich auch über Caroni hergemacht, welches bis dahin ein doch eher stiefmütterliches Dasein fristete. Auch hier stiegen die Preise dann horrend und die Zeitspannen, innerhalb derer neue Bottlings ausverkauft waren wurden immer kürzer bis hin zu wenigen Minuten oder Sekunden. Heute ist also vieles anders. In die Szene hineinrutschen? Alles gar kein Problem mehr! Via facebook landet man da inzwischen direkt in den einschlägigen Gruppen und kommt dann, wenn man persönlich denn möchte, auch mit dem guten Stoff in Kontakt. Dabei ist es heute auch egal, aus welchem Land man kommt. Die Szene ist international aufgestellt. Häufig treffen sich Menschen rund um den Erdball zum Thema Rum auf inzwischen unzähligen Messen. 2010 gab es das UK Rumfest und dann ganz neu das Rum Fest in Berlin. Heute dürften die Messen in Paris, London, Rom und Spa zu den wichtigsten zählen, auf denen regelmäßig Rums präsentiert werden, die es z.B. noch gar nicht im Handel gibt. Die Masse an Connaisseuren ist riesig, größer, als ich es mir noch vor 10 Jahren hätte vorstellen können, und ich bin stolz sagen zu können, dass ich mit BAT definitiv auch einen eigenen, begünstigenden Anteil daran hatte, der diese Entwicklung mit ermöglicht hat.


Angebot und Preise steigen!

Nachdem ich aufgezeigt habe, in welch kaum zu überblickenden Ausmaß die Nachfrage an qualitativ hochwertigem Rum in den letzten zehn Jahren gestiegen ist, weil nämlich die Anzahl an Connaisseuren immer größer wurde und noch immer wird, liegt es nahe, dass sich das auch auf das Angebot an Rum ausgewirkt hat und letztlich dann auch auf die Preise des angebotenen Rums. Und auch hier müssen letztendlich dann schon beinahe Superlative bemüht werden, um die Entwicklung einigermaßen darzustellen. Wenn ich an meine Anfangszeit in der Szene zurückdenke, dann habe ich bei einigen Rums direkt noch immer die Preise vor Augen, die, das ist vielleicht unumgänglich, teils bis heute auch noch immer eine Art Kompass für mich darstellen, anhand dessen ich für mich abwäge, als wie günstig oder wie teuer ich einen Rum empfinde. Die Cadenhead's Cask Strength Bottlings z.B., die damals, zumindest unter Nerds, sehr gefragt waren, weil es ansonsten kaum etwas anderes in Fassstärke auf dem Markt zu kaufen gab, kosteten meist so um die 50,- Euro, außer die älteren Rums mit ca. 20 Jahren Reife und mehr. Die Rums von Bristol Spirits, die zwar verdünnt, qualitativ aber meist auch immer in der Top Liga spielten, waren dagegen schon etwas teurer, aber auch hier kosteten sehr alte Rums meist nicht wesentlich mehr als hundert Euro. Zum Vergleich: da fangen die guten Rums heute inzwischen oft erst an!
Kostete 2012 noch 25,- Euro: PM aus 1988
Wenn ich heute Menschen die erst später zur Rum-Szene dazu stießen erzähle, dass wir vor einigen Jahren noch viele alte Bristol Abfüllungen für Preise zwischen 25,- und 40,- Euro gekauft haben, können die das häufig gar nicht glauben. Doch wie immer, wenn etwas beinahe zu schön erscheint um wahr zu sein, gibt es ja häufig noch einen Haken und den gibt es auch hier. Das Angebot nämlich bestand damals nicht selten aus Altbeständen von vor fünfzehn bis zwanzig Jahren abgefüllten Bottlings, die noch immer erhältlich waren, weil Bristol und Cadenheads z.B. einen Markt belieferten, den es so damals noch gar nicht gab. Sie waren ihrer Zeit voraus. Das führte dazu, dass z.B. diese beiden Abfüller zu jener Zeit schon gar nicht mehr so produktiv waren, wie sie das noch viele Jahre zuvor waren. Wir kauften damals vielfach Reste. Aktuelle Bottlings waren seltener. Und wenn etwas kam, dann meist verdünnte Rums mit ca. 46% vol.. Und an der Stelle muss ich dann aber mal eindeutig eine Lanze für jene Bottler von einst brechen, zu denen Cadenhead und Bristol damals auch beispielsweise Samaroli oder Velier/Luca Gargano zählten. Sie alle sahen die Qualität und das unglaubliche Potenzial das Rum hatte, Jahre bevor es dazu überhaupt eine breite Käuferschicht gab. Das ist wirklich sehr außergewöhnlich. Angebot ohne Nachfrage. Dementsprechend waren damals aber natürlich auch die Preise im Keller. Und obwohl auch die Velier Abfüllungen damals aus heutiger Sicht überhaupt nicht teuer waren, so wurden sie lange Zeit dennoch eher wenig beachtet unter den Connaisseuren, da es Fassstärke Demerara auch von Cadenhead gab und diese viel günstiger waren und sich für Caroni überhaupt niemand interessierte (ich habe Skeldon noch für ca. 100-150,- Euro bei Old Whisky gesehen! - aber nicht gekauft...). Hierbei ist zu beachten, dass es zu diesem Zeitpunkt für das Alleinstellungsmerkmal Veliers, die tropische Reifung, noch keinerlei Gefühl und Bewusstsein gab. Das waren nichts weiter als Randnotizen und so wurden diese damals häufig noch wenig beachtet und das Geld eher in günstigere Bottlings gesteckt. Erst mit der Zeit wurden die alten Demeraras von Velier und die geschmackliche Besonderheit der tropischen Reifung entdeckt. Hier ist vor allem das Jahr 2013 zu nennen, als Velier durch DDL vom Nachschub abschnitten wurde. Nun ging es relativ schnell und der italienische Abfüller startete seinen beispiellosen Siegeszug, hin zum zweifellos bedeutendsten und einflussreichsten Bottler der 2010er Jahre, im Zuge dessen dann auch die geschlossene Destillerie Caroni noch zu ihrem späten Ruhm kam.

Einer der besten der alten Velier Demeraras: Albion 1986! 
Neue Abfüller betraten ab 2012 den Markt... 


Parallel dazu wurde auch an anderer Stelle bemerkt, dass zu Rum plötzlich eine Nachfrage bestand und so begannen auch vermehrt andere unabhängige Abfüller damit, zumeist aus dem Whisky-Segment, Rum anzubieten. Zu nennen sind hier A.D. Rattray, Duncan Taylor, The Whisky Agency, The Rum Cask oder Isla Del Ron, die, im Gegensatz zu vielen der schon früher aktiven Bottler wie Berry Bros. & Rudd, Murray McDavid oder den hier schon mehrfach genannten (Bristol, ...) aber auch die Zeichen der Zeit bereits so weit erkannten, dass sie nicht nur ebenfalls Rum anboten, sondern noch weiter gingen und diesen in Fassstärke auf den Markt brachten. The Rum Cask gingen dabei sogar soweit, dass sie mich damals im Jahr 2013 mit an Bord holten, einerseits um selbst stärker in die Materie zu kommen (die Jungs kamen ebenfalls aus der Whisky Ecke) und andererseits, um sich bei der Fass-Auswahl helfen zu lassen, damit man den Geschmack und den gewachsenen Anspruch der Connaisseure möglichst genau treffen konnte. Daraus resultierten die "Recommended by Barrel Aged Thoughts" Bottlings. Mitwirken zu können bei Bottlings... nicht mehr allein hoffen zu müssen, dass was gutes kommt... Einfluss nehmen zu können, es ein Stück weit selbst in der Hand zu haben... Wunschlisten an den Abfüller weitergeben zu dürfen... Das war sehr außergewöhnlich und bei vielen Stilen kam das damals einer Sensation gleich, was heute so normal wirkt. Es kann sich im Jahr 2019 ja kaum noch einer die immer währende Ernüchterung vorstellen, die mich überkam, wenn wieder mal ein neuer Hampden erschien und dabei die immer gleichen verwässerten 46% vol. aufwies.
Heute hat sich das glücklicherweise radikal und zum guten gewandelt! Natürlich hat das aber alles seinen Preis. Die Nachfrage stieg immer mehr, das Angebot zog nach und kam den Wünschen der Connaisseuren dabei immer mehr entgegen. Das ließ auch die Preise stiegen, zumal Rum, äquivalent zum Whisky, von einigen als Spekulationsobjekt entdeckt wurde. Letzteres betraf und betrifft insbesondere die Demerara- und Caroni-Abfüllungen Veliers, die in dieser Form einzigartig und unerreicht sind und in der Form auch nicht mehr reproduzierbar. Aber natürlich strahlte das auf den gesamten Markt ab, weswegen die einst magische Grenze von hundert Euro, über die man nur für ganz besondere Sachen drüber ging, heute fast schon eher als die Grenze zum Einstieg in den guten Stoff bezeichnet werden muss, während für die sehr besonderen Sachen dann gerne auch mal 300-500,- Euro aufgerufen werden. Das wiederum sind Summen, die wurden vor zehn Jahren für genau drei Bottlings aufgerufen, die mir spontan einfallen: den Gordon & MacPhail Long Pond 1941 Jamaica Rum, den Black Tot und den El Dorado 25 YO. Zwei davon waren dieses Geld aus heutiger Sicht locker wert, aber gekauft habe ich damals leider keinen der beiden. Beim 1941er bereue ich das sehr!
Meine erste Flaschenteilung (2011)
Ein herrliches Zeugnis über die Veränderung legen auch Flaschenteilungen ab. Zu Beginn des Jahrzehnts nämlich, waren Flaschenteilungen noch eher selten. Das lag vor allem daran, dass für jeden mehr als genug ganze Flaschen da waren und auch daran, dass diese erschwinglich waren. Nicht zuletzt lag das aber auch in der verschwindend kleinen Zahl an Connaisseuren begründet, so dass Teilungen schwerer zustande kamen. Auch das wurde ab 2012/2013 erst mehr. Heute hingegen sind Flaschenteilungen oft der einzige Weg überhaupt dieses oder jenes überhaupt einmal probieren zu können, da man an eine ganze Flasche entweder nicht dran kommt oder sich diese auch nicht immer leisten kann. Längst reicht das Geld bei den allermeisten von uns nicht mehr dafür, sich jeden Rum kaufen zu können der rauskommt und manche Rums sind da auch ganz individuell einfach zu teuer, wenn sie mal eben ein paar hundert Euro kosten. Und so laufen heute täglich unzählige Teilungen auf verschiedenen Netzwerken. Wahnsinn!


Veränderter Anspruch... 

Anno 2010: Meine allererste Rum-Bestellung... 🙈 
Richtig guter Rum... vor ca. zehn Jahren konnte einem dazu auf der Straße nahezu niemand eine Antwort geben. Am ehesten wären wohl noch die Namen Bacardi oder Havana Club gefallen. Fragte man dann in Insider-Kreisen nach, so gab es da im Normalfall dann aber nur eine Antwort: Zacapa! Wer vor zehn Jahren meinte, sich wirklich mit Rum auszukennen, der landete bei den Bast-Flaschen aus Guatemala und wähnte sich angekommen im Rum-Olymp. Und auf dem Weg dahin, es soll ja Step by Step gehen, führte dann kein Weg an Diplomatico, Millonario, Centenario und Pyrat vorbei. Diese Marken sagten aber den meisten Menschen damals noch nichts und zu kaufen gab es diese zumeist auch nur im Netz. Wenn ich sehe, dass ich diese heute auch vielfach im Supermarkt bekomme, dann wird mir dann immer erst so richtig klar, wie sehr Rum heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wie Mainstream er geworden ist, im Vergleich zu damals. Angefangen habe auch ich mit diesen Rums, das kann und möchte ich nicht leugnen. Wahr ist aber auch, dass ich ziemlich schnell durch Rums wie Appleton V/X und dann einen Hampden von Cadenhead gemerkt habe, was wirklich gutes Zeug ist, und wo ich in Bezug auf Rum stehe. Ziemlich offensichtlich war schon damals, auch wenn das zu diesem Zeitpunkt noch nicht offiziell bekannt war, dass die Hersteller bei den ganzen so genannten Süßrum-Marken nachgeholfen haben, zumindest mal mit Zucker. Denn diese Rums waren derart süß, dass klar war, dass eine solche Menge Zucker kein Destillat nach dem Brennvorgang noch enthalten kann. Und ja, das habe ich auch damals durchaus schon offensiv angesprochen, beispielsweise in diversen Foren, allerdings ist das zu diesem Zeitpunkt noch auf ziemlich taube Ohren gestoßen. Viele wollten es nicht wissen, sahen ihre Lieblingsrums diffamiert und ja, ich gebe es zu, ich bin damals auch nicht gerade diplomatisch vorgegangen. Das lag daran, dass ich den guten und ehrlichen Rum durch diese Etikettenschwindelei beleidigt sah und ich nicht verstehen konnte, dass nicht noch mehr Menschen das offensichtliche zu sehen bereit waren, geschweige denn sich ebenfalls darüber aufregten. Ich wollte Aufklärungsarbeit leisten, Menschen den ehrlichen Rum näher bringen. Bis Mitte des Jahrzehnts etwa stieß ich damit mehrheitlich auf Ablehnung. Dann kamen die ersten offiziellen Messergebnisse aus Skandinavien und später der ganzen Welt, die endlich in Zahlen bewiesen, was längst klar war: die meisten der originalabgefüllten Rums sind gesüßt! Wie sehr gesüßt, hat dann aber zum Teil sogar mich anfangs noch überrascht. Derartige Mengen hielt ich eigentlich für undenkbar. Auch fand ich es krass, dass selbst Marken wie El Dorado hier keine Ausnahme darstellten. Von nun an galt Zucker im Rum als Tatsache, die nicht nur von ein paar Nerds proklamiert wurde, sondern die bewiesen war. Und mit einigen Jahren Verzögerung setzte nun auch, endlich, eine Welle der Empörung ein. Diese reichte so weit, dass ich heute Menschen kennenlerne, die sich zwar kaum mit Rum auskennen, aber dennoch im Wissen stehen, dass da nachgeholfen wird. Da hat sich also in nur wenigen Jahren wirklich wahnsinnig viel getan! Heute sehe ich selbst das Thema indes lockerer als andere und deutlich lockerer als damals. Das Wissen ist da. Es ist an breiter Basis vorhanden. Und das ist mir wichtig. Ich möchte niemandem vorschreiben, was er trinken soll. Erlaubt ist, was schmeckt. Einzig: ich bin, und an der Stelle rigoros wie eh und je, ganz klar für eine Pflicht zur lückenlosen und eindeutigen Deklarierung! Wenn Zucker oder andere Stoffe zugegeben wurden, dann gehört dies als zusätzliche Angabe auf's Label, ohne Wenn und Aber! Und es freut mich zu sehen, dass wir auch in dieser Hinsicht immer weiter Fortschritte beobachten dürfen. Da läuft bereits vieles in die richtige Richtung und das ist gut so!


Tropisch oder kontinental? Das ist hier die Frage!

Anno 2012: 17 YO tropisch gereifter Long Pond von RA, 
sechs Jahre bevor Velier im Jahr 2018 seine Long Pond-
Serie startete 
Das große Thema zum Ende des Jahrzehnts ist ganz sicher jenes der Reifung, genauer gesagt dem Ort der Reifung. Zu Beginn des Jahrzehnts hat dieses Thema noch im Grunde niemanden interessiert. Rum reifte, wenn er Original abgefüllt wurde, in der Karibik, und wenn er von unabhängigen Abfüllern kam, dann kontinental - bis auf wenige Ausnahmen, wie der LPS Long Pond Single Rum 1993 von RA bewies, was aber bei Release 2012 ebenfalls nicht wirklich interessierte. In meinem Review von einst habe ich den Ort der Reifung z.B. zwar erwähnt, das allerdings wie beiläufig, nicht um den Rum herauszuheben. Es war erst einmal ein simpler Fakt, an dem sich aber niemand gestoßen hat. Niemand fragte nach Angel's Share, niemand fragte nach geschmacklichen Unterschieden. Das änderte sich erst, je stärker der Abfüller Velier an Bedeutung gewann. Luca Gargano ist weniger klassischer Rum Nerd, denn italienischer Lebemann mit Hang zur Karibik und zum Rum. Soll heißen: für ihn ist Rum nicht nur Ware, sondern auch Lebensart und Lebensgefühl. Große Teile seines Lebens verbrachte er in der Karibik und baute sich Netzwerke auf, von denen er, auch wirtschaftlich natürlich, bis heute profitiert. Für ihn gibt es Rum nur und ausschließlich aus der Karibik und alles andere fühlt sich für ihn, vollkommen unabhängig von der Qualität, falsch an. Daher plädiert er seit vielen Jahren für eine ausschließlich tropische Reifung von Rums und argumentiert in dieser Frage bisweilen auch sehr radikal bis sogar dorthin, dass Rums, die an anderer Stelle gelagert wurden, gar keine Rums entsprechender Produktionsstätten mehr seien. Letzteres geht mir und anderen dann aber doch entschieden zu weit. Denn obwohl seine Demeraras und Caronis bewiesen, dass man mit tropischer Lagerung in geschmacklich vollkommen neue Dimensionen vorstoßen kann, so zeigt sich gerade bei Hampden z.B., dass die Ergebnisse nach kontinentaler Reifung bisweilen noch überzeugender sind als jene durch tropische Sonne. Nichts desto weniger ist abzusehen, dass genau dieses Thema auch die nächsten Jahre des neuen Jahrzehnts noch beschäftigen wird und auch sehr unter dem Einfluss neuer nationaler (und vielleicht auch internationaler?) Gesetzgebungen stehen wird. Wenn GI-Gesetze inkraft treten, dann wird das Auswirkungen auf die gesamte Rum-Szene haben, die in vollem Ausmaß jetzt noch gar nicht abzusehen sind. Auf der einen Seite ist dabei natürlich verständlich, dass die Destillerien gemerkt haben, auf was für Schätzen sie teilweise sitzen und nun natürlich möglichst viel vom Kuchen selbst abbekommen möchten. Aber auf der anderen Seite bleibt natürlich der fade Beigeschmack, dass man dort eben vor allem auch gemerkt hat, wie wenig Zeit, Geld und Mühe man letztlich selbst in sein teures Gut investiert hat, wodurch es erst möglich wurde, dass andere, sprich europäische Broker und Bottler, das Potenzial entdeckten und nutzten. Dabei sollte man genau jenen sehr dankbar sein, denn nicht selten haben sie den guten Ruf ganzer Destillerien erst errichtet, die man, ohne die unabhängigen Abfüller, heute gar nicht kennen würde. Dazu zählen beispielsweise Long Pond oder Hampden, aber auch andere Destillerien, die nie selbst Rum abgefüllt, sondern diesen immer nur als Bulk verkauft hatten. Ich kann verstehen, dass man seine Strategien da nun ändert, aber liebe Destillerien und auch lieber Luca, versucht da jetzt bitte keine Geschichte umzuschreiben. Kontinentale Reifung IST Teil der Geschichte von Rum, die sich in diesem Punkt nun einmal erheblich von Whisky oder Cognac unterscheidet, und alles andere wäre nichts als Revisionismus. Ich denke, dass beide Formen der Reifung ihre Vorzüge und Nachteile in sich tragen und dass es hier kein richtig und kein falsch gibt. Beide haben ihre Berechtigung und sollten friedlich nebeneinander co-existieren, ohne, dass eines über das andere gestellt werden sollte. Aber wie gesagt: diese Frage wird uns wohl noch einige Jahre beschäftigen...


Epilog:

Ihr seht... die gesamte Rum Szene hat sich in den vergangenen zehn Jahren so stark verändert wie zuvor noch nie. Sie ist, zumindest wenn wir den High Quality Bereich nehmen, im Grunde sogar erst in dieser Zeit wirklich entstanden. Wer diese Zeit in Gänze miterlebt hat, der kann sich eigentlich nur immer wieder verwundert die Augen reiben. Selbst dieser Text, ich hoffe, möglichst viele von euch haben ihn auch in Gänze lesen können, gibt all das nur sehr unzureichend wieder und sicher habe ich das eine oder andere auch vergessen. Gerne dürft ihr mir schreiben, wenn es etwas gibt, was eine Erwähnung noch auf jeden Fall verdient hätte.

Die Tage werden ich euch dann hier noch meine Top Rums des letzten Jahrzehnts präsentieren, denn meine Top Rums aus 2019 werdet ihr in Kürze an anderer Stelle noch zu lesen bekommen. Da werden ich aber noch nicht zu viel verraten.

Bis dahin und ein frohes Weihnachtsfest,
Flo

Sonntag, 23. Juni 2019

The Hampden DOKtrine: 6 x Highest Ester Rum!

Liebe Rum Gemeinde,

lange Zeit galt das Mark DOK von Hampden als so etwas wie eine Art unbekannter heiliger Gral. Niemand hatte ihn je gesehen, aber jeder, der sich mit Hampden intensiver auseinander gesetzt hatte, wollte ihn einmal kosten. Etwas beinahe schon mystisches umgab dieses Mark: während die einen an das ultimative Geschmackserlebnis glaubten, waren sich andere schon beinahe sicher, dass ein Rum mit derart hohem Estergehalt nahezu ungenießbar sein müsste. Seit 1,5 Jahren ca. ist der Mythos schließlich Wirklichkeit geworden und wir alle konnten Hampden DOK probieren. Zeit also, 5 der für mich spannendsten DOKs, sowie eine zweifelhafte Neuerscheinung einmal nebeneinander zu verkosten!

Zur Erinnerung: mit dem Mark DOK (Dermot Owen Kelly-Lawson, ein ehemaliger Besitzer Hampdens) bezeichnet Hampden seinen Rum mit dem höchsten legal auf Jamaica möglichen Estergehalt. Die Grenze liegt hier von Gesetzeswegen bei 1600 gr/hlpa nach der Destillation und das Mark DOK bezeichnet dementsprechend Rums mit einem Estergehalt von 1500 - 1600 gr/hlpa. Laut der Klassifizierung der Jamaica Rums im Allgemeinen macht ihn das zu einem Continental Flavoured Rum. Bereits eingangs sprach ich die Kontroverse um DOK an: das Mark galt unter Connaisseuren lange Zeit als das spannendste Geheimnis der Destillerie. Seinen Ursprung hat der Stil nämlich im Rumhandel mit Deutschland im 19. Jahrhundert, weswegen er quasi als Hampden-Essenz angesehen werden kann. Die Frage der Genießbarkeit stand dabei aber immer wieder im Raum. Und da würde ich jetzt, mit sechs gefüllten Gläsern vor mir, einfach sagen: schauen wir mal! 


Die heute verkosteten DOKs:

  • Letter Of Marque Jamaica Rum 8 YO Hampden 2009 - 66,4% vol.
  • Compagnie Des Indes Jamaica Rum 9 YO Hampden 2009 - 60% vol.
  • Hampden Jamaica Rum unaged - ~75% vol.
  • Hampden Jamaica Rum unaged  - 85,6% vol.
  • 1423 S.B.S. Jamaica Rum 6 Months Old 2018 - 59,7% vol.
  • Rom De Luxe Jamaica Rum 3 Months Old 2009 - 85,2% vol.





-------------------------------------------------------------------------------------------------


Letter Of Marque Jamaica Rum 8 YO Hampden 2009 - 66,4% vol.%

Zum Letter Of Marque DOK muss und möchte ich gar nicht mehr viel sagen. Der Rum ist schließlich auch mit mein Baby gewesen und daher wäre alles, was ich hier über ihn sagen könnte noch weniger objektiv als es die Meinung eines einzelnen ohnehin schon immer ist. Kurz die Facts: 8 Jahre kontinentale Reife weist er auf, er kommt in Cask Strength und hatte einen Ausgabepreis von ca. 50,- Euro für 0,5 Liter. Es war seinerzeit die meines Wissens nach erste Abfüllung, bei dem sich das Mark DOK auch auf dem Label eines Rums befand.


Nase: ich habe eine tiefe, ausgewogene, Hampden-typische starke Ester-Nase mit viel Klebstoff, Nagellackentferner, Marzipan und Ananas, aber auch gebackene Banane, Zitrusnoten und etwas Humus sind dabei und ein für seine 8 Jahre auch schon guter Einschlag vom Fass.

Gaumen: brutal schlägt der LOM am Gaumen ein. Bäm! Alkoholische Schärfe, Adstringens, Ester-Flut... der DOK geht die volle Distanz! Wahnsinniger Körper! Ich habe an Eindrücken Ananas, Toffee, altes Holz, Antipasti und eine für mich noch immer ungewöhnliche Reife, für einen nur 8 Jahre kontinental gelagerten Rum.

Abgang: esterige Eindrücke und Ananas begleiten den Rum, auf dem Weg nach unten, später gesellen sich auch Holznoten dazu.

--------------------------------------------------------------

Fazit: ein starker Vertreter seiner Zunft, wenn auch kein ganz überragender. Der Reiz des Bottlings damals lag für mich seinerzeit im Unbekannten. Hampden kann durchaus noch mehr!

-85/100-




Compagnie Des Indes Jamaica Rum 9 YO Hampden 2009 - 60% vol.

Der Compagnie Des Indes DOK ist in dieser Runde, unter jenen Rums die offiziell releast wurden, so ein wenig der unterschätzte. Er führte das Mark DOK nicht auf dem Label, ist aber aus dem gleichen Batch wie der Letter Of Marque oder auch der heute nicht mit verkostete Kintra Hampden 2009 und mit einem Jahr Reife mehr. Mit seinen 60% vol. kommt er allerdings nicht ganz in Fassstärke daher. Der Ausgabepreis lag bei ca. 100,- Euro für 0,7 Liter.


Nase: die Eindrücke vom Letter Of Marque spiegeln sich hier in auffälliger Weise wieder, auch er hat die volle Dröhnung Ester mit all dem Klebstoff, scharfen Lösungsmitteln, Ananas, Bananen, Zitrusnoten und dunkler Erde. Das Fass hat sich hier noch positiver bemerkbar gemacht als beim LOM, denn der Rum kommt in der Nase deutlich runder daher, mutet noch etwas angenehmer an. Insgesamt sind sich beide Rums aber schon sehr, sehr ähnlich.

Gaumen: der Compagnie Des Indes kommt am Gaumen weicher und etwas gnädiger daher, die Verdünnung scheint sich hier positiv bemerkbar zu machen. Adstringens und die volle Ester-Power prägen aber auch hier das Bild am Gaumen. Die Assoziierungen decken sich hingegen nahezu vollständig mit denen beim LOM. Mit zunehmender Verweildauer bemerke ich die Verdünnung, da der Rum am Gaumen nicht ganz so cremig wird wie der LOM.

Abgang: eine riesige Schoko-Toffee-Note habe ich zu Beginn! Danach sind es dann Eindrücke vom Holz und von Antipasti.

--------------------------------------------------------------

Fazit: die Verdünnung hat den Rum in der Nase und in seiner gesamten Zugänglichkeit meines Erachtens gepusht. Nach hinten heraus fehlte dann ganz leicht die Kraft. Unterm Strich sehe ich ihn aber leicht über dem LOM.

-86/100-




Hampden Jamaica Rum unaged - ~75% vol.

Den ungelagerten DOK mit 75% vol. erhielt ich aus ungenannter (aber nicht unbekannter) Quelle. Er wurde leicht verdünnt, hat nicht mehr ganz distillation-strength. Das Sample entstammt keiner releasten Abfüllung.


Nase: hui, hier wird das Tempo dann schon merklich angezogen. Hampden-DNA! Aber das ganze kommt leider auch sehr scharf und stechend daher. Dass das kein Rum in gewöhnlicher Trinkstärke mehr ist fällt sofort auf. Auch er bietet die geballte und vielfach umschriebene Ester-Palette mit allem was dazu gehört, allerdings fehlen natürlich die gelagerten Komponenten vom Fass. So ist dann hinter der Ananas auch schon beinahe Schluss.

Gaumen: der Einschlag erfolgt nicht ganz so brutal wie erwartet, aber er erfolgt. Der Alkohol fordert die Zunge und den Gaumen schon sehr heraus. Hat sich der Sturm gelegt, empfinde ich den Rum allerdings als angenehm, lecker und typisch. Ich habe esterige Eindrücke, viel Ananas und Banane, Traube und dazu Klebstoff, sowie etwas, was mich an Savanna HERR erinnert.

Abgang: es bleiben die Erinnerungen an den HERR und etwas Traube.

--------------------------------------------------------------

Fazit: das ist nicht schlecht, aber auch nichts, was ich, zumal pur und ob der Extremität, häufiger trinken würde. Ich danke dem Spender dennoch, dass ich die Möglichkeit hatte, den Rum zu probieren.

-78/100-




Hampden Jamaica Rum unaged  - 85,6% vol.

Mein Sample des ungelagerten DOKs in distillation-strength mit 85,6% vol. erhielt ich von einem mir bekannten und lieben Connaisseur aus Dänemark. Auch dieses Sample entstammt in dieser Form keiner bisher releasten Abfüllung.


Nase: ja, okay, so langsam geht es dem Gipfel des Machbaren entgegen. Der Rum kommt sehr angenehm daher, nicht so stechend wie der DOK mit 75% vol., dafür aber noch voller und intensiver im Aroma. Großes Kino! Viel Lösungsmittel und etwas Ananas und Banane habe ich. Aber dieser Rum ist schon ein Ausrufezeichen!

Gaumen: kleine Schlücke sind angesagt, na klar. Und hier wird es nun schon wirklich krass. In mir melden sich Alarm-Rezeptoren, die dafür zuständig sind, uns vor giftigem und ungenießbarem zu schützen. Auf der Zunge bilde ich mir ein, dass sich der Rum gerade versucht durchzuätzen. Die Speichelbildung funktioniert nur noch eingeschränkt, man bekommt den Rum kaum milde "gebissen". Dennoch macht das auf eine perverse Art und Weise irgendwie Spaß. Ist der Alkohol dann weitgehend abgeklungen, was ewig dauert, ist der Rum richtig lecker und aromatisch. Ich habe Ester-Total, Banane, etwas Sahnetoffee und mediterrane Assoziationen. Ein bemerkenswerter Tropfen!

Abgang: Antipasti und etwas Humus begleiten den Hampden nach unten. 

--------------------------------------------------------------

Fazit: Freak-Stoff! Ob sowas wirklich Platz am Markt hätte? Einmalig mit Sicherheit, aber ich glaube, die Möglichkeiten der Anwendung sind hier sehr begrenzt. Und so lecker der Rum irgendwie auch ist, aber nicht mal im Drink kann ich mir vorstellen, dass das richtig gut geht, da er vermutlich zu dominant wäre. Die Grund-Qualität liegt hier eindeutig höher als bei der Probe mit dem 75% Stoff, aber der Alkohol ist omnipräsent.

-82/100-




1423 S.B.S. Jamaica Rum 6 Months Old 2018 - 59,7% vol.

Der 1423 S.B.S. DOK ist eingeschlagen wie zuvor nur der Letter Of Marque, nachdem bekannt wurde, dass es sich hierbei um einen New Make DOK aus 2018 mit lediglich dreimonatiger Reifung in einem PX-Cask handelt. Mit einem Alkoholgehalt von 59,7% vol. ist er, wenn man so will, das "Leichtgewicht" in unserer heutigen Runde. Der Ausgabepreis lag bei ca. 80,- Euro für 0,7 Liter, was für einen nahezu ungelagerten Rum schon eine Ansage war. Und zumindest in meinem Fall war der Preis auch der Grund, warum ich keine Flasche gekauft habe. Mir war er deutlich zu teuer, auch wenn unser nächster und letzter Rum gleich zeigen wird, dass es auch immer noch abgehobener gehen kann.


Nase: es geht mit den Volumenprozenten wieder deutlich nach unten, dafür kommt ein wenig Fass dazu und das nimmt man deutlich wahr! Es wird zwar klar, dass auch dieser DOK noch sehr jung ist, aber das PX-Fass hat hier in nur drei Monaten schon gewirkt. Typisch Hampden, aber mit einem leichten PX-Einschlag kombiniert diese Abfüllung so ein wenig das beste aus beiden Welten, aged als auch unaged. Gefällt mir sehr gut!

Gaumen: nach der Tortur mit den 75, bzw. 85%igen Hampden gleicht dieser DOK hier einem Gaumenschmeichler. Und tatsächlich tut er das nicht nur rein wegen des geringeren Alkoholgehalts, sondern weil die Qualität hier auch richtig gut mitspielt! Ich sehe Ähnlichkeiten zum 85%igen DOK, aber das ganze kommt hier, mit ca. 25% vol. weniger, natürlich ungleich smoother daher. Am Gaumen macht sich das PX-Fass zunächst wenig bemerkbar und so steht vor mir ein doch eher noch klassischer Hampden in sehr bedacht berührter Form. Dann plötzlich, der Rum verweilt schon eine ganze Weile im Mundraum, kommt der Sherry doch noch. Das passt wirklich gut! Allerdings zeigt sich am Gaumen auch, dass der Rum eben wirklich noch nicht alt ist, kann sich, anders als in der Nase, gegen die beiden acht jährigen nicht mehr behaupten.

Abgang: Sherry und Hampden-typische Elemente weisen dem Tropfen den Weg hinab. 

--------------------------------------------------------------

Fazit: hier hat man ganz offensichtlich mit sehr wenig schon sehr viel erreicht. Von den (in diesem Fall fast) ungelagerten DOKs bisher das mit Abstand beste und rundeste Paket! Well done!

-83/100-




Rom De Luxe Jamaica Rum 3 Months Old 2009 - 85,2% vol.

Der Rom De Luxe DOK ist für mich, auf den Punkt gebracht, wohl schon jetzt der ambitionierteste Anwärter auf die Frechheit des Jahres! Bei einem Ausgabepreis von ca. 200,- Euro (!!) und Randdaten zur Abfüllung, deren Inhalt als auch Layout dem Konsumenten auf den ersten Blick eine Fassreife von 10 Jahren suggerieren, macht sich dieser Rum bei mir hochgradig unbeliebt. Die Angaben auf dem Label sind in höchstem Maße irreführend! Mit der "10" wird eine konventionelle Fassreife suggeriert und man gibt sich alle Mühe zu verschleiern, dass es sich hier lediglich um einen ungelagerten Rum mit dreimonatiger Stippvisite in einem Ex-Madeira Cask handelt, für den man aber, Achtung, nochmal, 200,- (!!) Euro haben möchte! Und ich halte es darüber hinaus an der Stelle schon auch für gewagt, bei der Lagerung im Ex-Madeira Fass von einem Finish, also einer Nachreifung, zu sprechen, wo es zuvor aber niemals überhaupt auch nur irgendeine Reifung in anderer Form gegeben hat! Die zehn Jahre im Stahltank sind vollkommen irrelevant, nehmen stilistisch auf dem Label aber den Rahmen einer Fassreife an. Für mich ist diese Abfüllung daher ein Täuschungsversuch und ein Schlag ins Gesicht vieler anderer ehrlich und transparent arbeitenden unabhängigen Abfüller! Entschuldigt, Jungs, aber überteuerte Produkte mit Pseudo-Age-Statements? Genau dafür werden Marken wie Zacapa & Co. seit Jahren stark aus der Rum Szene heraus kritisiert. Zurecht. Musste man wirklich ausgerechnet dort nun anschließen?


Nase: im Vergleich zum 1423 S.B.S. kommt dieser hier wieder schärfer und stechender daher. Das Finish macht sich auch hier bemerkbar, allerdings muss man da durch den dichten Alkohol auch erstmal hinkommen. Das Madeira Cask hat diesem Hampden irgendwas mitgegeben, was mich irritiert und mir auch, gerade im Vergleich zum vorherigen Glas, nicht so gut gefällt. Die geringe Reife des Rums kommt hier ebenfalls viel stärker heraus als beim 1423 DOK.

Gaumen: und zum Abschluss also nochmal voll in die Fresse! Klar, der Alkohol macht sich auch hier bemerkbar, ist aber deutlich besser eingebunden als bei der ungelagerten Version mit 85,6% vol.. Die Reifung im Madeira Cask hat dem Rum sicher schon etwas von seiner Schärfe genommen. Das ist damit zwar weniger brutal als beim 85% unaged DOK, aber dieser gefiel mir geschmacklich besser. Das Finish bringt eine Art Trauben-Einschlag mit rein, was mir weniger gefällt.

Abgang: im Mund bleibt ein ganz unangenehmer Ton zurück, der vermutlich vom Madeira-"Finish" stammt, ergänzt um die typischen Eindrücke von ungelagertem High Ester Rum. 

--------------------------------------------------------------

Fazit: Viel Lärm um doch eher wenig! Mir gefielen alle Rums heute, bis auf den 75%igen unaged DOK, besser als dieser hier.

-78/100-

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Gesamt-Fazit:

"DOK is not for drinking!" ? - Jain! Diese inzwischen schon fast legendäre Aussage, die in erster Linie aber angeblich nur feststellen wollte, dass diese Art Rum weder kreiert wurde, um pur getrunken zu werden, noch dass sie in der Karibik, bzw. auf Jamaica, von den Einheimischen pur genossen wird, schlug hohe Wellen. Aus Sicht eines mitteleuropäischen Rum Snobs allerdings, bieten auch diese Monster extreme Reize und insbesondere durch Fassreife, entstehen hier meines Erachtens durchaus sehr gut genießbare Tropfen. Und doch: dieses Cross-Tasting war in höchstem Maße anstrengend und schon sehr für die Wissenschaft! Ich kann den Compagnie Des Indes, der für mich beste DOK im Feld, pur genießen und auch den knapp dahinter rangierenden Letter Of Marque, also jene beiden, die auch schon acht, bzw. neun, Jahre im Fass gelegen haben und ja, vielleicht auch noch den 1423 S.B.S.. Aber alles dahinter ist mir dann einfach zu extrem. Das kann man trinken, klar, und ich finde das auch in höchstem Maße spannend und für den Moment dann reizvoll, aber ich sehe mich damit nicht in einem Ledersessel sitzend und einfach nur genießend. Da fallen mir viele andere Rums eher ein.

Der Sieger im Cross-Tasting, ich hatte es gerade ja schon fallen gelassen, ist für mich der Compagnie Des Indes. Die Unterschiede zu unserem Letter Of Marque sind marginal, aber sie sind da und so führen die beiden das Feld für mich an. Dahinter sehe ich den 1423 S.B.S., der für mich sogar die beste Nase im Gesamtfeld und damit gar wortwörtlich die Nase vorn hatte. Er hatte erst am Gaumen dann gegenüber den beiden länger gereiften Rums das Nachsehen. Auf Platz 4 sehe ich den 85,6%igen ungelagerten DOK in distillation-strength, der zwar extrem eskalierte, für mich dann aber am Ende schon auch ein Stück zu weit von Genuss im eigentlichen Sinne geht. Den letzten Platz teilen sich der Rom De Luxe und der 75%ige unaged DOK. Beim Rom De Luxe störte mich einfach die Eigennote und der 75%ige ist für meinen Geschmack etwas zu unballanciert. Ein letztes Wort gerne noch zum Rom De Luxe: zunächst wollte ich diesen Rum eigentlich komplett boykottieren, habe mich aber letztlich dagegen entschieden, um meiner Verärgerung über ihn, siehe oben, hier auf BAT eine Plattform geben zu können, denn das war mir ein Bedürfnis!

Die Empfehlung freilich spricht sich heute eigentlich von selbst aus: der Compagnie Des Indes! Er ist der einzige aus der Runde, der mir gefallen hat, der mir sogar auch am besten gefallen hat und auch noch zu einem einigermaßen humanen Kurs erhältlich ist. Zwar empfand ich auch dessen Preis schon sehr hoch, da ich durch Letter Of Marque weiß, was Main für die Fässer haben wollte, aber das ist zumindest noch guten Gewissens vertretbar. Der Letter Of Marque wäre, zum Ausgabepreis, mein Preis-Leistungs-Sieger gewesen, aber das galt ja nur für nicht einmal 30 Minuten. Insofern ist es dann der wohl unterschätzte CDI, bei dem ich mich frage, warum es ihn noch auf dem Markt gibt, wo für den LOM teilweise vollkommen irre Summen auf dem Secondary Market aufgerufen als auch bezahlt werden.

Bedanken möchte ich mich abschließend bei den Jungs, die immer wieder unermüdlich Flaschenteilungen auf die Beine stellen, sowie bei den edlen Spendern, die sich jetzt hoffentlich angesprochen fühlen, der beiden unaged DOKs. Vielen Dank an alle, die dieses Tasting möglich gemacht haben!

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 6. Januar 2019

BAT: Bewertungssytem / Scoring

Liebe Rum Gemeinde,

ich habe Gedanken in die Richtung eines Bewertungssystems in meinem Jahresrückblick bereits angesprochen und mich abschließend meiner Überlegungen nun ebenfalls dazu entschlossen, die hier vorgestellten Rums am Ende meiner Verkostung auch zu bewerten. Zwar sehe ich noch immer nicht alle Schwächen eines Scoring-Systems, allen voran des 100er-Scoring Systems, behoben, allerdings hat sich diese Art der Bewertung international inzwischen derart etabliert, dass es für Menschen aus vielen Ländern der Erde, die sich für Rum interessieren, nun mehr möglich ist, eine solche Wertung einzuordnen, ohne sich zuvor allzu intensiv mit den Individualitäten eines solchen Rankings zu beschäftigen. Diese Möglichkeit möchte daher auch ich meinen Lesern in Zukunft geben und deshalb die Rums anhand der bekannten Skala von 0-100 Punkten bewerten.


In meinen FAQ stand bis zum heutigen Tag:
"Ich kann einer Punktewertung vor allem aus zwei Gründen nicht viel abgewinnen:
Erstens, weil man kaum verhindern kann, dass Reviews dann von außen sehr gerne genau darauf reduziert werden. Das ist nicht nur schade, sondern auch unfair dem Rezensenten gegenüber. Das hat, ohne arrogant klingen zu wollen, auch etwas mit dem eigenen Anspruch zu tun. Verzichtet man auf die Punktevergabe, so bleibt dem Leser nichts anderes übrig als mehr oder weniger das ganze Review oder zumindest mal das gesamte Fazit zu lesen. Man verhindert, dass man unfreiwillig reduziert wird und geht sicher, dass man tatsächlich vermittelt, was man vermitteln wollte. Genau das ist mein Anspruch und ich möchte diesem gerecht werden. Ich vermeide bewusst die Möglichkeit, dass der Leser weniger bekommt als ihm zusteht.  
Und zweitens sind Punkte etwas extrem subjektives. Sie sagen einzig etwas darüber aus, wie gut oder schlecht ich als Rezensent den Rum empfand, nicht aber darüber, wie viel ihr Leser mit dem Rum anfangen könnt. Und darum, dass ihr als Leser etwas damit anfangen könnt geht es mir als Rezensenten doch letztendlich. Da kommt dann wieder mein eigener Anspruch ins Spiel. Und mein Anspruch ist, dass der Leser hinterher mehr über sich selbst in Bezug auf den Rum weiß als über mich und den Rum. Siehe dazu auch vorangegangene Frage."

Das möchte ich nicht nur einfach aus den FAQ entfernen, sondern darauf Bezug nehmen und die Änderung meiner Meinung gerne offen vertreten.
Dabei gilt es für mich festzuhalten, dass sich meine Meinung im Grundsatz nicht wesentlich verschoben hat. Ich sehe eine Benotung nach wie vor kritisch, allerdings hinterfrage ich auch permanent meine Positionen und habe ich mich dazu entschlossen, verstärkt an eure Eigenverantwortung als meine Leser zu appellieren, anstatt, dass ich euch in gewisser Hinsicht bevormunde. Ja, ich habe einen nicht unwesentlichen Anspruch beim Schreiben meiner Reviews und Texte und ja, ich befürchte, dass ein Teil meiner Arbeit am Ende nicht bei allen ankommen könnte, wenn eine Note darunter steht. Aber ich denke, dass ich besser damit beraten bin mich darauf zu verlassen, dass die, die meine Arbeit wertschätzen, sich auch weiterhin die Zeit nehmen und die Mühe machen werden meine Reviews von vorne bis hinten zu lesen, weil sie sonst nach wie vor das beste verpassen würden, als damit, mich einer einheitlichen und internationalen Vergleichbarkeit gänzlich zu entziehen. Dieser Blog ist ein Angebot an euch alle da draußen. Dieses Angebot war denke ich bisher nicht schlecht und ich sehe die zusätzliche Benotung daher auch als genau das: als ein zusätzliches, weiteres Angebot, nicht als einen Ersatz oder eine Alternative. Denn ich möchte doch betonen, dass die Review und nicht zuletzt das Fazit nach wie vor die Haupt-Aussagekraft in meiner Arbeit zukommen sollen und werden, von denen die Note nicht losgelöst betrachtet werden sollte. Denn nochmal: letztere dient ausschließlich dazu, die Beurteilung einfacher in Relation und Verhältnis zu sowohl anderen Bloggern als auch vor allen Dingen zu sich selbst setzen zu können und aus diesem Grund habe ich mich auch, trotz aller Schwächen, für die Skala von 0 bis 100 Punkte entschieden.

Dementsprechend habe ich mich dazu entschlossen, das Rad nicht neu zu erfinden und orientiere mich bei der Bewertungsskala von 0-100, wie auch mein Kollege Marius, stark an der Skala, wie sie die Rumaniacs oder auch mein ehemaliger Blogpartner Marco von BAM in leicht abweichender Variante verwenden. Ich erlaube mir daher ebenfalls hier und da ein paar eigene Formulierungen, auch, weil ich möglichst klare, nachvollziehbare und, so weit wie möglich, auch überprüfbare Abstufungen vornehmen möchte. Ein Scoring-System ist für mein Empfinden mehr als nur ein reines Ranking, welches die Rums letztlich nur im Verhältnis betrachtet. Ein Rum sollte nicht deshalb 92 Punkte bekommen, weil er besser als einer mit 91 aber nicht ganz so gut wie einer mit 93 Punkten ist, sondern ein Rum sollte 92 Punkte bekommen, weil er exakt dieses oder jenes Kriterium dafür erfüllt. Eine universelle Lösung dazu habe ich bislang leider auch nicht gefunden, und aus genau diesem Grund ist es eben auch so wichtig, dass man das Review als ganzes sieht, damit bei einer etwaigen schlechteren Beurteilung vielleicht auch klar wird, wo genau der Rum möglicherweise an Punkten eingebüßt hat und warum. Nur auf so kann man für sich selbst am Ende dann auch brauchbare Schlüsse ziehen.


Die Bewertungs-Skala:

PunkteRumaniacsBarrel Aged Thoughts
100Exceptional Rums, MinorityPerfekter Rum.
95 - 99Exceptional Rums, MinorityAbsolute Legenden des Rums. Nahezu perfekt. Keine wahrzunehmenden Fehler.
90 - 94Exceptional Rums, MinorityExtrem hohe, seltene Qualität. Nahezu fehlerfrei.
85 - 89Highly recommended Rums, Special Ones, ExcellentSehr gute Rums mit kleinen Schwächen.
80 - 84Recommended Rums / Quite goodGute Rums, aber mit Schwächen.
75 - 79Better than AverageÜberdurchschnittliche Rums, aber mit deutlichen Schwächen.
70 - 74Below AverageUnterdurchnittliche Rums
50 - 69Not very goodZum Mixen Rum-betonter Drinks noch geeignet.
30 - 49Not very goodNur noch zum Mixen von Drinks ohne höheren Anspruch geeignet.
1 – 29Not very goodWürde ich weder kaufen noch verwenden. Ungenießbar.



Die bekannten Schwächen der Skala von 0-100:

Ich war, seit dem ich Rum genieße, immer ein Freund der 10er-Skala. Ein Rum mit 5-6 Punkten war nicht dolle, aber das war noch immer eine gute, durchschnittliche Bewertung und vor allem hieß das keinesfalls, dass der Rum untrinkbar war. Rums für 20-30,- Euro mit dieser Bewertung haben wir durchaus als Preis-Leistungs-Verhältnis-Knaller gesehen. Durchschnittlicher Genuss zu günstigen Konditionen. Adaptiert man diese Einordnung jedoch auf die 100er Skala, was mathematisch wenig komplex scheint, dann landet man bei 50-60 Punkten. Und hier wird es dann auch schon spannend, denn was bedeuten jetzt 50-60 Punkte? Laut des Scoring-Systems der Rumaniacs beispielsweise bedeutet alles unter 70 Punkten: "nicht sehr gut". Laut Marco, meinem ehemaligen Partner, von Barrel Aged Mind bedeutet das einen Rum "mit vielen Fehlern die den Genuss behindern". Im Alko-Blog heißt es dazu sogar: "Mittelmäßige Spirituose. Nicht unbedingt schlecht, aber viel kann man nicht erwarten.". Nicht, dass der Alko-Blog für mich unbedingt eine Referenz darstellt, aber es zeigt doch auf, wie deutlich unterschiedlich die Skala zum Teil ausgelegt wird und wie schwankend die Interpretation sein kann, zumindest auf dem Papier, von "nicht sehr gut" bis "mittelmäßig". Denn nun kommen wir zur eigentlichen Schwäche, nämlich der realen Interpretation. Und da erlebe ich es, dass de facto jede Bewertung eines Rums unter 80 Punkten eine quasi Vernichtung des Rums darstellt. Aus 5-6 Punkten werden plötzlich also eher 70-80 Punkte. Letzten Endes bedeutet das daher nicht weniger, als dass sich die Bewertung hochwertiger Rums eigentlich nur innerhalb einer 20er bis maximal einer 30er Skala abspielt. Alles darunter fällt nahezu weg. 


Mögliche Verbesserungen:

Der Gedanke dahinter ist für mich zwar nachvollziehbar, denn ganz offensichtlich möchte man auch schlechten, aber trinkbaren Rum von grauenhaftem anderweitigen Fusel abgrenzen, so dass schlechter Wodka mehr oder weniger im Bereich dessen liegt, was für hochwertige Rums gar nicht genutzt wird. Das finde ich gut und sinnvoll, um tatsächlich das gesamte Spektrum abbilden zu können, aber ich wäre da eher ein Befürworter dessen, dass man für derlei die Skala dann nach unten, also noch unter Null, in den negativen Bereich erweitert, so dass im oberen, im positiven Bereich auch nur Rums liegen, die positive Eigenschaften haben. Ein grausiger Wodka könnte dann bei -40  Punkten liegen, anstatt bei +10 Punkten. Klar, das wäre letztlich nur eine Verschiebung der Koordinaten, aber mir gefiele es dennoch einfach besser, positives im positiven Bereich zu bewerten und negatives im negativen Bereich. Derzeit liegt dann eben auch der negative noch im positiven Bereich.
Wäre ich motiviert, ein solches Wertungs-System zu konzipieren? Ja, ich denke, dass wäre ich auf jeden Fall, allerdings bin ich auch Realist genug um zu wissen, dass ich damit nicht ein absolut etabliertes System umstoßen werde. Klar, ich könnte dieses System nur für mich selbst ausarbeiten, eine Skala von -50 bis +50 bauen und anhand dieser Skala für mich bewerten. Aber dann fiele genau das wieder weg, worum es mir dabei doch eigentlich geht, nämlich die internationale Vergleichbarkeit. Dann bewerte ich einen Top Rum mit 48 Punkten, aber um zu erkennen, was das bedeutet, müsste man sich intensiv mit meinem Scoring-System auseinander gesetzt haben und genau das wäre dann nicht Sinn der Sache. 


Meine Intention:

Ein Leser soll, egal aus welchem Land er kommt und unabhängig davon, wie gut der Google-Übersetzer funktioniert wissen, wo ich den Rum in Zahlen ausgedrückt, sehe. Bewerte ich einen Rum mit 90 Punkten, dann weiß man inzwischen rund um den Globus, dass das guter Stoff zu sein scheint. Und hier wiederum kommt mir einer meiner Grundsätze entgegen, nämlich, dass ich fast ausschließlich über Rum schreibe, der mir gefällt, nicht über solchen, der mir nicht gefällt. Viele Blogger bilden eine breite Palette an verschiedener Qualität ab und verreißen schlechten Rum dann dementsprechend auch. Ich werde manchmal gefragt, warum ich fast alles positiv bewerte und kaum sage, wenn mir ein Rum nicht gefällt und antworte dann immer genau das. Ich spreche kaum über das was mir nicht gefällt. Ausnahmen tauchen eigentlich nur dann auf, wenn Rums in mein Beuteschema passen, wenn sie Talk of the Town sind, mich aber enttäuschen. Dann bilde ich das gelegentlich auch ab. Aber zumeist halte ich mich doch an den Rum der mir gefällt und daher werde ich mit dem Bewertungsbereich, ab dem ich die 100er Skala besonders kritisch sehe, tendenziell wenig in Kontakt und damit auch nicht in Konflikt kommen. Das ermöglicht es mir, diese Wertung auch guten Gewissens für Barrel Aged Thoughts einführen zu können und in Zukunft werdet ihr die Skala jederzeit abrufbar an einer Leiste oben am Header finden. 


Abschließende Gedanken:

Marco Freyer, mein ehemaliger Partner auf diesem Blog und Betreiber von Barrel Aged Mind, hat sich vor einigen Jahren ebenfalls mit der Frage nach der Benotung von Rums beschäftigt und in vielen seiner Fragen und Bedenken erkenne ich durchaus auch eigene Gedanken wieder, die ich mir mache. Insbesondere ein acht Punkte umfassender Schlüssel dazu, wie Bewertungen unter Berücksichtigung der eigenen Vorlieben zustande kommen hat mich sehr inspiriert, weswegen ich mir daran ein Beispiel nehmen und euch ebenfalls gerne kurz darlegen möchte, was mich bei der Bewertung meiner Rums maßgeblich beeinflussen wird.


  • Meine Bewertungen entsprechen meiner persönlichen Meinung und meinem Geschmack. Sie sind subjektiv zu betrachten.  
  • Ich habe eine Vorliebe für Rums des britischen Stils, vor allem für die Rums aus Jamaica, für die ehemalige Caroni Distillery auf Trinidad und für die Rums aus der barbadischen West Indies Rum Distillery, die unter dem Namen "Rockley" bekannt wurden.
  • Neben meiner Vorliebe für Rums des britischen Stils ist es meinen regelmäßigen Lesern ebenso bekannt, dass ich eine tendenzielle Abneigung gegenüber Rums des spanischen oder des französischen Stils hege. Dies wird sich in meinen Bewertungen möglicherweise widerspiegeln. Sollte ich das Gefühl haben, einen Rhum oder einen Ron aus diesen Gründen nicht fair bewerten zu können, halte ich mir die Option offen, auf eine Bewertung in Punkten auch gänzlich zu verzichten. 
  • Ich stehe auf den Mai Tai und andere tolle Drinks mit Rum und manchmal stelle ich Rums vor, die darin funktionieren, pur aber nicht. Hier sollte die Benotung also ganz besonders in Zusammenhang mit dem Fazit betrachtet werden. 
  • Rums, die künstlich nachgesüßt oder gar mit anderen Zusätzen versehen wurden, entsprechen nicht meinem Geschmack. Ihr werdet sie hier daher tendenziell auch nicht finden. Sollte das einmal doch so sein, so könnte die Note entsprechend ausfallen.
  • Und natürlich kann ich auch an dieser Stelle nur nochmal betonen, dass die Benotung nicht grundsätzlich vom Review gelöst werden kann und sollte. Das wäre nicht in meinem Sinne. 


Für die früher hier auf BAT verkosteten Rums bedeutet die Einführung des Bewertungssystems, dass ich sie nachträglich benoten werde, zumindest dort, wo mir das noch möglich ist. Das ist dann der Fall, wenn ich noch Samples habe oder, in Ausnahmefällen, wenn ich den Rum häufiger im Glas hatte und ihn gut kenne. Einige Rums aber, gerade solche, bei denen die Verkostung schon viele Jahre zurückliegt, werde ich nicht mehr fair bewerten können und das deshalb auch lassen.

In Kürze wird dann hier auch das erste Review in 2019 erscheinen, welches dann auch bereits eine Bewertung erhalten wird.

Bis dahin,
Flo

HINWEIS: in einer früheren Version dieses Artikels habe ich einen Schlüssel zur Berechnung der Gesamtpunktzahl am Ende verwendet, mit der Marke von 70 Punkten als Basis. In der Praxis hat sich das allerdings als wenig tauglich erwiesen, so dass ich diese Idee schnell wieder verworfen habe und es nunmehr nur noch eine Gesamtpunktzahl am Ende geben wird. 

Sonntag, 11. Juni 2017

Thoughts - Ausverkäufe und Auswüchse

Liebe Rum Gemeinde,

im März ging noch ein kollektiver Aufschrei durch die Szene, als ein Rum, seinerzeit war es der The Rum Cask Jamaica Rum 26 YO Hampden 1990, innerhalb von nur drei Tagen ausverkauft war.
Dass das aber nur die vergleichsweise harmlose Spitze eines momentan stetig wachsenden Eisbergs ist, war zwar innerhalb der engeren Rumszene ein offenes Geheimnis, spielte sich insgesamt aber eher konspirativ ab. Neu ist, dass diese Vorgänge die Oberfläche erreichen und derzeit auch für jedermann immer mehr offenbar werden. Denn der Newsletter eines bekannten deutschen Onlineshops zeigte Anfang der Woche, ungewohnt offen, eindrucksvoll und beispielhaft, wie weit die Praktiken vieler Connaisseure und/oder Anleger inzwischen geschritten sind, wenn ein Rum in einem Shop schon ausverkauft ist, noch bevor er das Shopsystem von Innen gesehen hat. *1 

Im Newsletter des Shops heißt es wörtlich:
"Eigentlich sollte das "Highlight" dieses Rum-Angebotes ein 30 Jahre alter Jamaica-Rum aus der Long Pond-Distillery sein...allerdings hat kurz vor Erscheinen dieses Angebotes ein Kunde alle verfügbaren Flaschen davon gekauft (Schöne Grüsse an Herrn H. aus HH)."

Ich möchte das an dieser Stelle nicht werten, das würde auch niemanden weiterbringen, wohl aber möchte ich den Informationswert dieses Vorgangs festhalten. Denn dieser offenbart eben, wie realitätsfern es im Jahr 2017 sein kann, stark limitierte Rums noch bequem auf herkömmliche Weise kaufen zu wollen. Und wie das Beispiel aus dem Newsletter zeigt, passiert das inzwischen auch bei Rums, die eine eher großzügige Limitierung haben (hier waren es 800 Flaschen) und noch dazu sündhaft teuer (~230 Euro für 0,5 Liter) sein können. Das sind alles keine Garantien mehr dafür, dass der Vorrat, auch der eines solchen Rums, einige Zeit vorhält.
Die daraus resultierenden Konsequenzen sind, dass andere Connaisseure nachziehen müssen, ihre Methoden anpassen müssen, wenn, ja wenn sie auch weiterhin an derlei Abfüllungen partizipieren wollen. Denn nur damit wir uns in dieser Frage richtig verstehen: mir gefällt das nicht! Ich überlege immer mehr und noch genauer, wie ich selbst mich innerhalb dieses Systems definiere und wie und wo ich mich positionieren möchte.
Ich bin darüber hinaus nämlich auch nicht der Typ, da kommen wir dann zu einem weiteren der jüngsten Auswüchse der Szene, der große Lust dazu verspürt sich in irgendwelche kilometerlangen Vorbestelllisten für die Rums eines renommierten italienischen unabhängigen Abfüllers mit schwarzen Flaschen einzutragen in der Hoffnung, auf Platz 1374 noch eine Chance auf eine Flasche zu haben, da auch sie die Shops nie erreichen oder wenn, dann nur kurz (und über die nicht mehr nachzuvollziehenden Preise für diese Abfüllungen haben wir da dann ja noch gar nicht gesprochen). Ich kaufe gerne Rum, gerne guten Rum und ich kaufe auch teuren Rum. Und ja, wir reden da von Luxuskonsum. Aber was ist das denn für ein Luxus-Kauferlebnis, bei dem mir als Käufer keinerlei Respekt mehr gezollt wird, bei dem ich als Käufer auch jeden Respekt vor mir selbst verliere und meine Würde an den F5 Button abtrete? Das ist mir in Gänze zuwider und ich kann all jenen, die es da ähnlich halten wie ich nur mit auf den Weg geben: lasst euch nicht irre machen und glaubt bitte bloß nicht, dass ihr in irgendeinem Abhängigkeitsverhältnis steckt! Es gibt auch eine sehr lohnenswerte Rumwelt jenseits von Genua. Vielleicht nicht immer in schwarzen Flaschen, aber es gibt sie. Man muss sich nur frei davon machen können, dem Prestige zu erliegen, die Rums haben zu wollen, für die alle Welt momentan bereit zu sein scheint, so viel Kohle zu zahlen. Der Kopf kann und soll manchmal bei einigen schönen und besonderen Abfüllungen auch mittrinken. Ohne wäre es langweilig! Aber ab und zu darf man den auch gefahrlos dazu benutzen, rational zu hinterfragen, Verhältnisse abzuwägen, sich selbst in Bezug zu seiner Umwelt zu setzen und über den Tellerrand zu blicken. Gier frisst Hirn, heißt es oft. Und das stimmt auch... oft. In diesem Sinne: bleibt kritisch, genießt wo ihr könnt und lasst es auch bleiben, wo ihr es nicht mehr könnt. Dann läuft der Rest von ganz alleine.

Habt einen schönen Restsonntag, eine zufriedene und erfolgreiche Woche und demnächst ist dann hier auch wieder ein schöner Rum am Start.

Bis dahin,
Flo

*1 Wie mir glaubhaft dargelegt wurde, schaffte es der im zitierten Newsletter betreffende Rum doch bis ins Shopsystem (wenn auch nur sehr, sehr kurz) des betreffenden Shops. Demnach ist die Darstellung im Newsletter in diesem konkreten Detail nicht zutreffend. Unberührt davon bleibt jedoch natürlich die Hauptaussage des Textes, dass es für den gewünschten Rum bereits zu spät sein kann, wenn man nach Erhalt des Newsletters den Shop aufsucht. 

Sonntag, 26. März 2017

Thoughts...

Liebe Rum-Gemeinde,

ja, was war da denn los?! 

  • Am Freitag Abend, zum Auftakt der Messe in Nürnberg, haben The Rum Cask ihren Jamaica Rum Hampden 1990 26 YO im Shop platziert. 
  • Am frühen Sonntag Morgen, vor also genau einer Woche, habe ich mein Review zu eben diesem Rum veröffentlicht.
  • Am Dienstag Mittag (!) erreichte mich die Nachricht, die 270 Flaschen seien nun restlos ausverkauft.



Wir reden hier also von einem Ausverkauf in unter vier Tagen eines Rums, der nicht von Velier stammt, von dem es 270 Flaschen gegeben hat und von dem jede einzelne 170 Euro (!) gekostet hat. Das sprengt alles bisher da gewesene!

Zum Vergleich: die beiden 16 und 17 YO Hampden von TRC aus dem 1998er Batch (die beiden stammen zusammen auch aus nur einem Fass) waren eineinhalb Jahre (!) verfügbar, bei einem Flaschenpreis von 50 Euro. Und die waren auch schon sehr, sehr gut und gehörten zu den besten Hampden Rums die ich kenne. Selten gutes PLV! Dennoch war er lange verfügbar. 
Ja, klar, Hampden 1990 in Fassstärke hat eine Alleinstellung. Aber 3,5 Tage? Mich hat das, ehrlich gesagt, ziemlich erschrocken und fassungslos gemacht. Und dann nachdenklich...

Ja, ich habe den Rum hier auf BAT über alle Maße gut bewertet. Mir blieb da, angesichts der enormen Qualität, auch nichts anderes übrig. Aber wenn das dazu führt, dass eine Abfüllung anschließend sofort weg ist, noch bevor ihn ein Großteil meiner Leserschaft überhaupt probieren konnte, dann ist das sehr schade und auch nicht das, was ich als den Sinn meines Schaffens bezeichnen würde.

Was also war da los? Ich weiß, dass einige Leute 20 Flaschen und mehr versucht haben zu bestellen. Der Abfüller hat sich dagegen wo sie konnten gewehrt und diese Bestellungen abgelehnt, damit mehr Menschen in den Genuss des Rums kommen konnten, aber alleine der Versuch zeigt ja, dass Investoren auch mehr und mehr den Rum Markt heimzusuchen scheinen. Keine schöne Entwicklung. Denn sie führt dazu, dass es bei allen interessanteren Abfüllungen in Zukunft unmöglich sein wird, sie zunächst zu probieren um sich dann anschließend für oder gegen den Kauf einer Abfüllung zu entscheiden. Man muss also sofort kaufen. Die Erfahrungen der letzten Woche werden einige beim nächsten Mal dazu verleiten, noch schneller zuzuschlagen. Was daraus dann wiederum in Bezug auf die Verfügbarkeit künftiger Bottlings resultiert, muss ich glaube ich nicht erläutern.
Wie schon gesagt: keine schöne Entwicklung, die ich da auf uns zukommen sehe. Kaum ein Connaisseur möchte das (und die kleine Einschränkung resultiert auch rein aus der Intention, nicht für alle sprechen zu wollen und zu können). Sie schädigt einen für mich elementaren Teil des Genusses, denn das gemütliche Probieren und Abwägen und vielleicht nochmal gegen Probieren gehörte für mich immer dazu. Wenn uns der Markt nun aber zu reinen Hamsterkäufern formt, verkommen wir Connaisseure zwangsläufig irgendwann alle zu An- und Verkäufern, denn einige der Abfüllungen, die man (vor-)eilig gekauft hat (kaufen musste?), werden einem unter Umständen letztlich doch nicht zusagen. Also weg damit. Teurer, natürlich, als im Einkauf. Ist ja ausverkauft die Abfüllung. Und es machen ja alle so. Der Gewinn, den man gemacht hat, investiert man dafür an anderer Stelle, wo man vielleicht leer ausgegangen ist, man geschmacklich aber eher dabei gewesen wäre. Heißt: es wird eine Preisschraube immer weiter hochgedreht, bei der am Ende nur noch diejenigen mitkommen, die finanziell über den Dingen stehen. Das wäre überaus schade, da Rum meines Erachtens dieser elitäre Touch überhaupt nicht steht. Den darf er gerne weiterhin Whisky oder Cognac überlassen.

Ja, ich bin da sehr idealistisch und offenbar nur wenig realistisch. Die Freiheit nehme ich mir aber gerade. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass wenn jeder nicht mehr kaufen würde als das was er selbst zum Trinken und Genießen braucht, auch heute noch jede Abfüllung auf dem Markt um einiges länger vorhalten würde. Nicht mehr ansatzweise so lange wie noch vor einigen Jahren, aber doch so lang, dass ein großer Teil der Connaisseure nicht leer ausgeht. Meine Meinung dazu wird Investoren freilich nicht abschrecken, aber ich habe diese Woche mehrfach darüber nachgedacht, dass meine Meinung zu den Rums ihnen hilft. Ich unterstütze mit jedem guten Review für einen Rum auch die Leute, die damit nur Kasse machen wollen. Und ich habe durchaus auch darüber nachgedacht, ob ich das möchte, oder ich mich diesem Missbrauch nicht lieber entziehen möchte.
Es kam für mich letztlich aber nicht in Frage, von diesen Leuten mein Wirken hier abhängig zu machen. Hingegen werde ich Artikel in Zukunft vielleicht subtiler schreiben. Und ich werde Artikel eventuell auch zeitlich versetzter schreiben. Aber ich werde schreiben! 

Bis demnächst also wieder,
Flo


PS: inzwischen sind auch sämtliche Samples des Rums ausverkauft! Obwohl diese, auf die 0,5 Liter Flasche gerechnet, preislich noch einmal deutlich höher lagen.