Sonntag, 24. November 2019

RA Jamaica Rum "Trelawny Double Cask" 1998/2000

Liebe Rum Gemeinde,

nachdem wir uns schon vorletzte Woche auf Jamaica so wohl gefühlt haben, habe ich beschlossen, noch ein wenig länger zu bleiben und euch einen Rum vorzustellen, den ich euch schon seit Wochen unbedingt näher bringen möchte: den RA Jamaica Rum "Trelawny Double Cask" 1998/2000!



Im Sinne der Transparenz möchte ich gerne darauf hinweisen, dass mir, anders als auf meinem Blog üblich, dieser Rum von der Heinz Eggert Spirituosen Manufaktur (HEB-RA) kostenlos für eine Review zur Verfügung gestellt wurde. Es wurde sich seitens des Abfüllers meine ehrliche Meinung gewünscht, aber Verpflichtungen gleich welcher Art sind daraus nicht entstanden. Weder erwartet man eine positive Bewertung, noch bin ich in irgendeiner Weise verpflichtet den Rum überhaupt vorzustellen. Das passiert gänzlich auf freiwilliger Basis. Da ich mich mit HEB-RA allerdings im regelmäßigen Austausch befinde und eine große gegenseitige Wertschätzung besteht, weiß man dort zugegebener Maßen wohl so ein wenig um meinen Geschmack. ;-) Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass mich Rums aus diesem Hause begeistern. Im Grunde genommen, hat das alles ja sogar bereits im Jahr 2012 durch den LPS Long Pond 2nd Release 1993 seinen Anfang genommen. Aber ich komme ab...

















Genug also der Förmlichkeiten und des Schwelgens in Erinnerungen, kommen wir lieber zum heutigen Rum! Denn der ist es wahrlich wert, sich einmal genauer mit ihm auseinander zu setzen, denn wir haben es dabei mit nicht weniger als einer Vermählung der zwei unter Rum-Nerds wohl beliebtesten Destillerien Jamaicas zu tun, Hampden und Long Pond.

Dabei beim Release-Start des Trelawny Double Cask auf dem GRF:
Dominik (RA), Marius (SCR) & ich 
Das verwendete Hampden-Fass stammt aus dem Jahr 1998 und war aber keines aus jenem Batch, welches auch bei anderen Unabhängigen Abfüllern bereits erschien. Während die Hampden 1998 üblicherweise nämlich Rums mit dem Hampden-Mark HLCF sind, ist dieser hier ein C<>H, also ein Rum mit wesentlich höherem Estergehalt (Bei Fragen zu Hampden, den Marks, Estern, etc.: klicke hier!). Das macht ihn zu einer krassen und leider wohl auch einzigartigen Ausnahme. Denn die ca. 50 Liter, die der Hampden-Anteil des Double Casks ausmacht waren die letzten aus den 1998er Beständen bei RA.
Das zweite zum Einsatz gekommene Fass ist ein Long Pond aus dem Jahr 2000. Dabei handelte es sich um ein Fass des Batches, aus welchem auch die anderen Long Pond 2000 am Markt stammen. Das Mark wird von Main, also vom Broker, nur mit JMLW angegeben, was sehr sicher für Jamaica Main Long Pond Wedderburn steht. Geschmacklich passt diese Definition auf alle Fälle und da sich Main nicht selten auch an den tatsächlichen Marks orientiert und es mit IRW und VRW zwei Wedderburn Marks gibt, die eben jenes W enthalten, ist davon auszugehen, dass 1 + 1 auch hier = 2 ergibt.
Beide Fässer lagen jeweils für sich bis 2018 in ihrem ursprünglichen Fass, ehe man sie seitens RA in einem separaten Hogshead-Fass miteinander vermählt und noch ein weiteres Jahr hat reifen lassen. Im August 2019 füllte man den Rum dann schließlich mit einem Alkoholgehalt von 51,9% vol. zu 225 Flaschen a 0,5 Liter ab und stellte ihn auf dem 9th German Rum Festival offiziell vor. Dort gewann der Rum in seiner Kategorie gar die Goldmedaille. Ich muss zwar ehrlich gestehen, dass ich solchen Awards keine allzu große Bedeutung beimesse, aber nichts desto weniger habe ich mich vor allem für Dominik und das gesamte RA-Team natürlich sehr gefreut, denn verdient war's allemal! 



Verkostung des RA Jamaica Rum "Trelawny Double Cask" 1998/2000:

Preis: zu Ausgabe lag der Rum bei ca. 45,- Euro. Das war, im Jahr 2019, für einen Rum mit solchen Eckdaten nicht weniger als ein absolutes Schnäppchen! Inzwischen muss man auf dem Secondary Market eher schon über 60,- Euro dafür ausgeben.

Alter: der Hampden-Bestandteil reifte von 1998 bis 2018 und der Long Pond-Anteil von 2000 bis 2018 im Eichenfass. In einem gemeinsamen Fass reiften sie miteinander vermählt dann nochmals ein Jahr weiter bis zur Abfüllung 2019.

Lagerung: beide Fässer lagen die gesamte Zeit der Lagerung über in kontinentalem Klima.

Fassnummer: #1 ; die Abfüllung ist 225 Flaschen stark. 

Angel's Share: unbekannt.

Alkoholstärke: der Double Cask weist einen Alkoholgehalt von 51,9% vol. - Full Proof!

Destillationsverfahren: beide Rums wurden in einer Pot Still destilliert.

Mark: C<>H (Hampden) und JMLW (Long Pond) gibt RA in einer Info-Schrift an. Letzteres steht wohl für Jamaica Main Long Pond Wedderburn. Somit ist das Destillerie-eigene Mark vermutlich IRW oder VRW. 

Farbe: in der Flasche noch kräftig kurkuma-golden, kommt der Rum im Glas dann in einem blassen Goldton daher, der für ca. 20 Jahre kontinental gereifte Rums als durchaus üblich zu bezeichnen ist. 

Viskosität: der Rum bildet eher unregelmäßige und weite Schlieren an der Glaswand und fließt recht träge an ihr zurück.

Nase: ja, kein Zweifel, in welche Richtung das heute geht - Jamaica Time! Mich empfängt eine sehr volle und reichhaltige Ester-Nase, die eindeutig auf die Hampden Distillery hinweist. Vom Long Pond Anteil bemerke ich zunächst einmal gar nichts, was aber angesichts der ungleichen Estergehalte beider Rums auch nicht sonderlich verwunderlich ist. C<>H ist ein sehr dominantes Mark mit hohem Wiedererkennungswert. Und doch kann ich nicht leugnen, dass das hier schon auch etwas eigenes ist, denn auf einen reinen C<>H würde ich sicher ebenso wenig tippen, einfach, da es dem Rum dafür etwas an Tiefe und Intensität fehlt, die dieses Mark auszeichnen. Da nimmt ihm der Long Pond also schon einiges, ohne darüber aber wirklich aktiv aufzufallen oder in Erscheinung zu treten. Der Alkoholgehalt ist mit 51,9% vol. sehr entspannt, daher ist etwaige Schärfe hier auch kein Thema. Im Bouquet finde ich Ester in Form von Flüssigklebstoffen, sowie gegrillte Ananas,  Bananen, die Säure von Zitrusfrüchten und auch etwas Eiche. Alles in allem ist das zwar nicht sonderlich spektakulär, aber ich habe alles im Glas versammelt, was für mich einen guten und soliden Jamaicaner aus Trelawny ausmacht. Da meine Sympathien hier zu Hampden tendieren hätte mich da natürlich der C<>H pur und unvermählt auch interessiert.

Gaumen: am Gaumen ist die Verwirrung dann zunächst einmal groß. War in der Nase noch ganz klar der Hampden alles dominierend, so habe ich jetzt das Gefühl, dass es der Long Pond ist, der sich in den Vordergrund versucht zu spielen, so sehr wie das bei einem derart starken Gegenpart wie dem Hampden eben möglich erscheint. Der Rum brennt kurz, aber nicht unangenehm auf der Zunge, der Alkohol ist super eingebunden, der Rum total smooth, das macht Laune. Für meinen persönlichen Geschmack könnte der Double Cask zwar noch ein wenig potenter daher kommen, aber der leicht dünne Eindruck währt nur kurz. Er geht dann ins vollmundige und cremige über, was mir wieder sehr gefällt. An Assoziationen habe ich Bananen, gegrillte Ananas, etwas erdiges, Bourbon Vanille und Eiche. Der Rum kann sich insgesamt nicht so richtig entscheiden, ob er letztlich doch eher ein Hampden war oder nicht doch ein Long Pond. 

Abgang: gewohnt lang, wenn auch nicht so ewig, wie man es z.B. von reinen Hampden Rums kennt. Im Vergleich zu anderen Stilen zeigt sich hier aber immer noch ein gewaltiger Vorsprung.

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Fazit: das beste aus beiden Welten funktioniert, aber auch nur bedingt! Insgesamt merkt man doch, dass hier zwar zwei Rums miteinander vermählt wurden und diese auch zueinander gefunden haben, aber man merkt auch, dass es nicht ein Rum ist. Sie sind nicht miteinander verschmolzen. Ich bleibe da so ein wenig bei meinem Eindruck, den ich schon in der Nase gewonnen hatte, dass mich der C<>H solo wohl sehr interessiert hätte und auch noch mehr interessiert hätte als dieser Blend. Versteht mich nicht falsch, der Rum ist gut, ohne Diskussion, er bringt alles mit was ich an kräftigen Jamaicanern einfach liebe, aber er ist meines Erachtens nicht ganz rund und daher eben auch "nur" gut. Pur würde er vermutlich selten bis gar nicht in meinem Glas landen, einfach weil die Konkurrenz in meinem Sampleschrank so unglaublich groß ist und ich vermutlich immer irgendwo einen Rum finden würde, der mich in diesem Augenblick mehr reizen würde. ABER, und da kommt jetzt ein riesen großes Aber: der Rum bringt nichts desto weniger eine unfassbare grundsätzliche Qualität mit und das zu einem wirklich unschlagbaren Preis in diesen Zeiten! Wir sprechen hier über ~20 Jahre in Europa gereiften Rum aus Hampden und Long Pond für unter 100,- Euro auf den Liter gesehen! Soll heißen: das Preis-Leistungsverhältnis ist hier nicht einfach nur top, sondern es fliegt geradezu aus den Angeln! Das ist im Grunde vollkommen unrealistisch! So, und dann kommt noch dazu, dass ich das ganze ja auch noch als Jamaica-Nerd beurteile, der aus diesen beiden Destillerien wohl schon nahezu alles gesehen hat, was man sehen musste, das muss man mit bedenken. Soll heißen: auf wen das nicht zutrifft, und das werden da draußen doch eher die meisten sein, der kann und wird hier pur sehr wohl auch seinen Spaß haben! Und wisst ihr was ich mit dem Rum mache? Ich mixe mir damit ein paar richtig geile Drinks zum schmalen Kurs! Denn das ist endlich mal wieder ein richtig guter Jamaicaner für einen Preis, der einen bedenkenlos zum Shaker greifen lassen kann! Wann hatten wir denn das zuletzt? Ich erinnere mich gerade nicht. Unterm Strich kann man also einzig konstatieren, dass es so ziemlich niemanden gibt, der mit diesem Rum zu diesem Preis auch nur irgendetwas falsch machen kann! Auch das weiß ich nicht, wann ich das zuletzt hatte... Bleibt mir nur mich bei dir, Dominik, nochmal dafür zu bedanken und begierig zu warten, bis die nächsten Releases am Start sind.

-85/100-

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 10. November 2019

The Hampden "Great House" Jamaican Rum

Liebe Rum Gemeinde,

mit dem Hampden "Great House" hat eine weitere sog. Originalabfüllung der Hampden Estate die europäischen Shops erreicht, nachdem man im letzten Jahr mit den beiden Premieren-Rums mit 46% und 60% vol. schon gut vorgelegt hatte. Mit der kolportierten Limitierung auf 3.066 Flaschen und einem optisch wirklich ansprechenden Packaging schwingt zudem erstmals auch ein Hauch von Exklusivität mit.


Bereits auf dem 9th German Rum Festival am 1. September konnte ich einen neuen Rum aus Hampden probieren, der es mir spontan sehr angetan hatte. Daniele Biondi schenkte mir den Inhalt eines unbeschrifteten Sample-Fläschchens ins Glas und ich war vor allem sehr überrascht als er meinte, dass es sich dabei um einen Blend handele, der zum größten Teil aus Rums des Marks OWH bestünde, also dem ester-ärmsten Mark, das Hampden herstellt. Denn so, sprich ester-arm, kam mir der Rum überhaupt nicht vor, kamen doch eindeutig starke Ester durch. Letztlich erfuhr ich von Daniele, dass sich auch ein kleiner Anteil Rum eines höheren Marks darin befindet, aber das war für mich an dieser Stelle dennoch ein Ausrufezeichen, denn meine Berührungspunkte mit OWH waren bis dahin sehr überschaubar. Leider klang es in Berlin noch so, als sei es eher unrealistisch, dass wir genau diesen Rum letztlich auch abgefüllt zu kaufen bekämen, aber schon bald erreichten mich unerwartet positive Rückmeldungen und schließlich die Bestätigung, dass es den Rum als Hampden "Great House" nun auch in Europa bald zu kaufen geben würde. Das ist, zu meiner großen Freude, nun passiert!





















Über den "Great House" erfuhren wir inzwischen, dass die verwendeten Rums wohl aus zwei verschiedenen Batches stammen: einmal zu ca. 80% aus Rums des Marks OWH aus dem Jahrgang 2012 und zum anderen wohl aus ca. 20% <>H aus dem Jahr 2016. Damit wäre der Blend insgesamt noch ein ziemlich junger und vor allem einer, den es in dieser Form so noch nicht gegeben hat und die bisherige Range also optimal ergänzt. Nicht ganz klar ist, wie Hampden selbst dieses Abfüllung nun eigentlich sieht. Ursprünglich, so scheint es, war das Bottling rein als Distillery Edition gedacht, also als Abfüllung, die es nur bei Hampden selbst zu kaufen geben würde. Dann hieß es, der Rum sei darüber hinaus auch für Messen und besondere Anlässe vorgesehen und schließlich wurde klar, dass er auch die ganz normalen Shopsysteme in ausreichender Menge erreichen wird. Offiziell ist von einer Limitierung auf 3.066 Flaschen die Rede, allerdings erscheint mir diese Anzahl an Flaschen fast ein bisschen niedrig dafür, dass es ihn inzwischen wirklich überall problemlos zu kaufen gab oder auch vielfach noch gibt. Der offizielle Ausgabepreis liegt in Deutschland bei 85,- Euro, allerdings war und ist er hier und da auch etwas günstiger zu haben. Mein Dank heute geht, wie so oft, an den Freddy, der die Flasche in größerer Runde geteilt hat!

In besonderer Weise muss ich tatsächlich heute das Packaging vorab loben. Da haben sie sich ernsthaft nicht lumpen lassen und der Einfluss von Velier und Luca Gargano auf Hampden Estate ist, sagen wir es einmal so, "spürbar". ;-) Aber das ist ausschließlich positiv zu verstehen, der Rum ist wirklich schick und das Prinzip der schwarzen Flasche geht auch hier einmal mehr voll auf, insbesondere im Kontrast zum weißem Label... doch, der sorgt schon für ein gewisses "Haben wollen"-Gefühl, das muss man einfach anerkennen.  Dazu eine toll designte Box und mit dem Great House Thema zieht sich da auch konzeptionell merklich ein roter Faden durch das ganze Bottling. Man kann sich die Flasche letztlich regelrecht vorstellen in diesem prachtvollen Anwesen, dem sie gewidmet ist und da hat man es dementsprechend einfach geschafft, mit dem Rum auch wieder einmal eine eigene kleine Geschichte zu erzählen und diese zu verkaufen. Das kann Velier wie niemand sonst am Markt und nicht zuletzt deshalb stehen sie jetzt aktuell dort wo sie stehen. Was der Rum im Glas kann, also dort wo es am Ende immer noch zählt, das sehen wir uns im Folgenden an!


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Verkostung des The Hampden "Great House" Jamaican Rum:

Preis: der Ausgabepreis liegt offiziell bei 85,- Euro in Deutschland, allerdings ist der Rum zum Teil auch günstiger zu haben. In Frankreich und Italien wurde er für 89,- Euro releast.

Alter: mutmaßlich enthält der Great House Rums der Jahrgänge 2012 (OWH) und 2016 (<>H).

Lagerung: der Rum reifte während der gesamten Zeit seiner Lagerung auf Jamaica bei Hampden in tropischem Klima.

Fassnummern: unbekannt. 

Angel's Share: keine Angaben.

Alkoholstärke: High Proof - der Rum kommt mit 59% vol. daher.

Destillationsverfahren: der Rum entstammt einer oder mehrerer der vier Double Retort Pot Stills von Hampden.

Mark: laut Auskunft von Daniele Biondi enthält der Blend Rums der Marks OWH (ca. 80%) und <>H (ca. 20%).

Farbe: dunkles, intensives Gold. 

Viskosität: ungleichmäßige, aber eng parallel verlaufende Schlieren fließen zügig an der Glaswand herunter.

Nase: ich finde zunächst eine kräftige, intensive, aber nicht unbedingt tiefe und auch nicht brachiale Esternase vor. Das ist für Hampden, dessen Markenzeichen es durchaus ist seine Genießer im positiven Sinne zu erschlagen, erst einmal eher untypisch. Umso mehr erstaunt es, dass das grundsätzliche Profil und die damit einhergehenden Assoziationen im Kontrast dazu allerdings sehr eindeutig Hampden sind! Darin liegt dann auch zugleich der große Unterschied zu einem Produkt aus der eigenen Range. Ich habe mir zum Vergleich nämlich auch die Hampden Estate Originalabfüllung mit 60% vol. daneben gestellt, welche sehr viel weniger dieser typischen Elemente aufweist. Beim Great House aber sind diese vorhanden, ohne, dass der Rum anstregend wirkt. Das gefällt mir, denn bei aller Leidenschaft für Hampden zählen deren Rums meist nicht zu jenen, die es in einem ruhigen Moment in mein Glas schaffen. Zum Potpourri zählen beim Great House ganz klassisch ein schöner Strauß an Estern, Klebstoffnoten, Zitrone, Humus, gegrillte Ananas, überreife Banane, sowie etwas grasiges, aber peripher auch Erdnüsse. Blind würde ich wohl auf einen LROK oder einen verdünnten HLCF tippen. Für eine Art Standardbottling, auch wenn dieses nun limitiert sein soll, ist das sehr bemerkenswert, was ich hier vorfinde! Der Alkoholgehalt macht sich zudem nahezu überhaupt nicht bemerkbar, der Rum ist total smooth.

Gaumen: zunächst fällt mir die leichte Verdünnung auf, wenn auch nicht negativ. Die typische Verwässerungsnote ab dem ersten Tropfen Wasser, unter der Hampden schon so oft litt, bleibt hier glücklicherweise aus. Dafür ist der Rum sofort entspannt zu trinken! Der Rum kommt wunderbar vollmundig, sehr körperreich und intensiv und auch ölig daher und ist ganz eindeutig das, was ich unter einem guten Hampden verstehe. Na klar, ich mag es bei einer meiner Lieblingsdestillerien auch gern noch krasser, das ist bekannt, aber hier gelingt wirklich der Spagat aus Flavour und Power auf der einen Seite und Smoothness auf der anderen Seite! Sehr, sehr gelungen! Der Rum startet am Gaumen erst einmal mit einer schönen, natürlichen Süße und weckt schließlich Assoziationen zu gegrillter Ananas, Antipasti, Zitrone, Chorizo, Anis, Bourbon Vanille und Eichenholz vom Fass. Well ballanced! Alkoholische Schärfe findet man dementsprechend ebenso wenig wie irgendwelche Fehlnoten oder Hinweise darauf, dass dieser Rum gerne noch länger im Fass hätte liegen dürfen. Auch der Säure-Anteil, für viele Hampden Freunde oft ein K.O.-Kriterium, ist extrem ausgewogen. Fast könnte man beim Lesen vielleicht das Gefühl bekommen, dass der Rum langweilig ist. Aber nein, das passt hier nur einfach alles sehr, sehr gut zusammen! Wirklich beeindruckend und bemerkenswert!

Abgang: nicht ewig lang, wie manch andere Hampden in der Vergangenheit, aber doch lange genug, um sich wirklich nachhaltig an diesem tollen Tropfen zu erfreuen. Gegrillte Ananas und Anis begleiten den guten Tropfen in der Hauptsache hinunter.

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Fazit: ihr werdet das kennen: auf Messen und Events schmeckt fast jeder Rum wahnsinnig toll! Und nur allzu oft ist es so, dass man Rums, die man zu solchen Gelegenheiten probiert und für gut befunden hat, am Ende und zuhause in Ruhe dann doch gar nicht so toll findet - dieser "beliebte" Klassiker lässt sich auf den Hampden "Great House" allerdings in keiner Weise anwenden! Um ehrlich zu sein mischte sich in meine Euphorie, die ich verspürte als ich hörte, dass der Rum den ich in Berlin so mochte tatsächlich abgefüllt werden würde, auch sofort ein wenig die Angst, an meinen nun hohen Erwartungen zu scheitern. Immer wieder sagte ich mir: cool bleiben, Flo, es war nur ein Messe-Eindruck... aber eben auch einer, der mich nachhaltig beschäftigte. Irgendwas sagte mir, dass ich mich in diesem Rum nicht geirrt haben kann, zu sicher war ich mir bei ihm. Und ich sollte zu meinem großen Glück Recht behalten! Für mich ganz persönlich ist dieser Hampden ein Knaller! Weil er auf der einen Seite alles hat was ich an Hampden mag und charakteristisch finde, das aber auf der anderen Seite in einer Weise transportiert, die mich wesentlich häufiger erreichen kann, als die ganzen Bomben, die zurecht als das Beste zählen, was Hampden je hervorgebracht hat (Stichwort: TRC Hampden 1990; Samaroli Hampden 1993;...). Somit ist diese Abfüllung zwar absolut gesehen nicht die Creme de la Creme der Destillerie, situationsbedingt denke ich hingegen, schlägt sie die meisten dieser Rums an den allermeisten Tagen aber. Oder wie hätte es Peter Lustig ausgedrückt? "Klingt komisch, ist aber so!". Das heißt im Endeffekt, dass hier endlich einmal passiert, was ich von Originalabfüllung, bzw. Standardbottling im Grunde genommen erwarte: volle Qualität, ohne das GANZ besondere, aber auch ohne dabei auch nur irgendwie langweilig oder beliebig zu werden. Diesen Spagat packt der Great House!
Das ganze kommt dann auch noch in einem Packaging daher, was man meines Erachtens als nicht weniger als absolut gelungen bezeichnen kann. Schlicht, schick, auf den Punkt, einem roten Faden folgend, mit kleinen Akzenten und sehr hochwertig anmutend. Kurz: das Teil möchte man nicht zuletzt auch optisch in seiner Bar stehen haben! Bleibt im Grunde nur der Preis. Und ja, der ist nicht ohne. Selbst wenn man den Rum für 80,- Euro bekommen hat, ist das für einen Blend aus sieben und drei Jahre alten Rums, tropische Reifung hin oder her, kein Schnäppchen! Würde ich den Rum dennoch kaufen? Auf jeden Fall! Die gebotene Qualität in Kombination mit dem anspruchsvollen und ansprechenden Packaging, sowie der Limitierung geben das einfach her! Und vom Alter der enthaltenen Rums mal losgelöst fällt mir ad hoc schlicht auch kein besserer Hampden für weniger Geld ein. Also lasst euch da nicht abschrecken. Wer Hampden liebt, der kann hier wirklich nichts falsch machen in meinen Augen! Und wenn das der Weg ist, den Hampden Estate für die Zukunft gedenkt einzuschlagen, dann haben sie dafür meinen Segen. ;-) Great House? Great Rum!

-91/100-

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 3. November 2019

Velier Heavy Trinidad Rum 23 YO "Last Caroni" 1996

Liebe Rum Gemeinde,

viele von euch haben sicherlich lange darauf gewartet und heute soll er dann auch endlich kommen - der "Last Caroni" von Velier. Ob und inwiefern er diesen Namen zurecht trägt, werden wir im Folgenden ergründen und abschließend natürlich vor allem feststellen, was er im Glas kann. Viel Spaß!


Wer die Szenerie um Caroni in den vergangenen Jahren intensiver Beobachtet hat, dem ist vor allem eines immer wieder klar geworden: die Barrel Stocks waren immens groß, nähern sich aber auch mit nicht weniger großen Schritten langsam dem Ende entgegen. Dieses Ende nimmt mit der "Last Caroni" Abfüllung nun auch ganz konkrete Formen an und sorgte unter Enthusiasten natürlich direkt dafür, dass sich die Frage aller Fragen gestellt wurde: ist es das damit jetzt gewesen?
Die Antwort meinerseits darauf kann nur ein klares "Jain"* sein! Zunächst mal sei vorweg genommen, dass natürlich noch weitere Abfüllungen folgen werden. Es werden noch 10 weitere Employee Abfüllungen erscheinen, sowie insgesamt 23 Single Cask Abfüllung, die im Frühjahr in Cognac ausgewählt wurden. Wenn das geschehen ist, sind die Stocks dann tatsächlich nahezu erschöpft (bis auf ein paar ganz wenige Fässer). Dass die Abfüllung aber dennoch den Titel "The Last" trägt liegt daran, dass es a) nie wieder eine Caroni Abfüllung von Velier in auch nur annähernd großer Auflage geben wird, 5.522 Flaschen wurden abgefüllt, und b) daran, dass damit die Serie der offiziellen Releases mit Nummer 38 ("Tasting Gang") und Nummer 39 (eben "The Last") abgeschlossen ist. Das bedeutet letzten Endes, dass zwar grundsätzlich noch Caronis kommen, für den durchschnittlichen Caroni-Fan die Reise aber mehr oder weniger spätestens jetzt zu Ende ist. Alles darüber hinaus hängt jetzt in entscheidender Weise vom Glück ab und/oder aber in noch wesentlich höherem Maße als derzeit vom Gewicht der eigenen Brieftasche. Ich möchte an dieser Stelle noch nicht allzu sehr spoilern, aber ich kann bereits jetzt verraten: für den Abschluss hat Velier hier wirklich nochmal einen Knaller rausgehauen!




















Insgesamt 24 Fässer Heavy Trinidad Rum (HTR) aus dem Jahrgang 1996 des so genannten Guyana Stock von Caroni gingen in der Abfüllung "Last Caroni" auf. Das heißt, dass die Fässer zu jenen wenigen zählen, die ab 2008 bei DLL in Guyana lagerten und nicht, wie die meisten anderen, weiter auf Trinidad. Diese Fässer haben die Fassnummern #56xx. Eine derart große Anzahl an Fässern bedeutet natürlich, dass das Bottling größer ausfällt als viele Abfüllungen zuletzt und auch als alle Bottlings, die jetzt noch kommen werden: ganze 5.522 Flaschen wurden mit einem Alkoholgehalt von 61,9% vol. abgefüllt. Der Angel's Share beträgt, wie bei solch alten, tropisch gereiften Rums üblich, >85%. Zum Guyana Stock von Caroni, regelmäßigen Lesern erzähle ich damit nichts neues, habe ich persönlich ein ganz besonderes Verhältnis, denn weite Teile meiner Favoriten-Range stammen aus genau diesem Stock. Vorneweg seien natürlich der 20 YO Full Proof aus 1992 und das Single Cask für Kirsch Whisky genannt, aber auch der gesamte restliche Jahrgang aus 1992 und 1994 ist für mich einfach State of the Art. Und insofern schürt der "Last Caroni" da natürlich schon auch enorme Erwartungen, die er so auch hoffentlich erfüllen kann, auch wenn das sehr schwer werden wird. Das Foto des Labels zeigt übrigens die Two Column Blairs Still Caronis aus dem Jahr 1964, fotografiert von Fredi Marcarini kurz vor der Verschrottung. Oft hört man, es handele sich bei dieser Still um die Esperanza Single Column Still, die Caroni in 1957 übernommen hat, aber insbesondere auf dem Originalfoto (das Label ist eine geschnittene Variante) erkennt man, dass es sich um eine Zwei-Säulen Anlage handelt.



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Verkostung des Velier FP Heavy Trinidad Rum 23 YO "The Last Caroni" 1996:

Preis: der offizielle Ausgabepreis beträgt 390,- Euro. In einigen Shops kostet er aber schon bereits deutlich mehr, einige wenige Shops haben ihn allerdings auch deutlich günstiger, nämlich für 350,- Euro ca. angeboten. 

Alter: von 1996 bis 2019 reifte der Rum 23 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand von 1996 bis 2008 auf Trinidad statt. Anschließend war der Rum von 2008 bis 2019 bei DDL in Guyana eingelagert, so dass er zu 100% unter tropischen klimatischen Bedingungen reifte.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden aber insgesamt 24 Fässer zu 5.522 Flaschen abgefüllt.

Angel's Share: >85% gingen an die Engel. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum kommt mit 61,9% vol. daher.

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: dunkles, goldbraunes Mahagoni. 

Viskosität: der Rum läuft fett und in engen, gleichmäßigen Schlieren zügig die Glaswand herunter.

Nase: nach über einer Stunde des Atmens empfängt mich eine wunderbar warme, tiefe, reichhaltige, reife und komplexe Nase, bei der der Alkoholgehalt, wie schon beim "Tasting Gang", extrem gut eingebunden ist. Gleichzeitig wird sofort deutlich, dass ich es mit einem äußerst stiltypischen Vertreter des 1996er Caroni Guyana Stocks zu tun habe: das Kirsch Single Cask lässt ganz lieb grüßen! Mich empfangen zunächst einmal viele Klebstoffe und Lösungsmittel. Ebenfalls sehr präsent habe ich Gewürze wie Anis und einen hohen Anteil an Tanninen vom Fass. Diese sind sehr viel präsenter als z.B. im Tasting Gang, stehen dem Bouquet aber ausgezeichnet. Die für die Guyana Stock typische Süße von reifen bis überreifen Früchten ist vorhanden, fällt aber etwas dezenter aus, als ich es von anderen, vergleichbaren Caroni kenne, was sicherlich auch am fortgeschrittenen Alter liegt. Und natürlich, das darf nicht fehlen, ist auch ausreichend Platz für die schweren und dreckigen Komponenten im Potpourri, als da wären Teer, verbranntes Gummi oder Holzlack. Kurz: dieser Caroni hat in der Nase alles, was ich an Caroni und speziell am Guyana Stock liebe! Ganz dezent im Background kommt auch etwas Menthol heraus. Insgesamt steht der Rum auf einer etwas trockeneren Seite als ich das bisher von vergleichbaren Kandidaten kannte, aber er ist ja auch nochmal drei Jahre älter als z.B. der Kirsch.

Gaumen: ist der Rum im Mund, legt sich erst einmal eine wirklich herrliche Süße, kombiniert mit diesem für 1996 oft so typischen Holzlack und poliertem Holz auf den Gaumen. Es ist tatsächlich auch genau diese Note, die ich am Kirsch so absolut genial finde und umso mehr freue ich mich, sie auch hier so präsent vorzufinden. Der Alkoholgehalt ist gut eingebunden! Ich habe bei kleinen Schlücken nahezu keinerlei alkoholische Schärfe am Gaumen, nur zu Beginn bretzelt der Rum dann kurz auf der Zunge. Bei großen Schlücken sieht das freilich schon ein wenig anders aus, dann wird es auch sehr adstringierend, aber das ist insgesamt schon große Klasse! Dazu kommt der Rum auch sehr ölig daher, was ich sehr mag. Die typischen Caroni Assoziationen lassen dann natürlich ebenfalls nicht lange auf sich warten. Ich habe einiges an Teer, Lack, verbranntem Fahrradschlauch oder Motoröl, aber doch sehr viel weniger brachial anmutend, als z.B. bei den Jahrgängen 1998 oder 2000. Das hier ist eleganter, gediegener, leckerer und für mich wesentlich besser. Es gesellen sich Anis dazu und reichlich Tannine. Der Rum steht sehr auf der gereiften, trockenen Seite und hat auch immer wieder mal leichte Bitter-Kicks mit drin, die ich spannend finde. Die drei Jahre mehr zum Kirsch sind zu spüren. Sie gehen leicht zu Lasten der Fruchtigkeit, was den Kirsch für mich nochmal ein wenig kompletter erscheinen lies. Nichts desto trotz bleibt hier für einen Fan dieses Stils quasi kein Wunsch unerfüllt. Genialer Rum!

Abgang: sehr langanhaltend. Ich habe Tannine, Anis und etwas Holzlack während der Rum geht. Danach klingt der Rum dann ewig aus, bekommt nochmal kurz etwas Menthol mit rein, wird dabei immer trockener und tendiert dann in eine schon sehr ausgeprägte Bitterkeit.

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Fazit: ich fange einmal mit dem negativen an, denn das ist schnell erledigt: der Rum, das lässt sich nicht verheimlichen, ist sicherlich schon minimal über den Zenit. Mir gefiel das Kirsch Single Cask, gerade im direkten Vergleich, noch einmal besser. Das ist so! Letzten Endes sind das dann aber auch nur Nuancen. Die Unterschiede sind minimal und der Rum befindet sich noch immer auf einem vergleichbaren, also absolutem Spitzen-Niveau. Und so nah heran wie der "Last Caroni" kommt dem Kirsch keine andere offizielle Abfüllung, mit Ausnahme vielleicht vom Mittelstück der LMDW-Trilogie. Insofern muss es wirklich als größtes Glück bezeichnet werden, dass uns Velier hier noch ein letztes mal etwas vergleichbares zum Kirsch in großer Auflage an die Hand gegeben hat und ich kann nur für jeden von euch hoffen, dass ihr euch dementsprechend eingedeckt habt. Etwas vergleichbares wird wohl nicht mehr kommen - und wenn, dann auf keinen Fall in dieser Auflage und vermutlich auch nicht mehr zu diesen Kursen. Diese werden nur noch nach oben gehen! Ich lasse mich daher zu der Aussage hinreißen, dass wer auch noch in Jahrzehnten Caroni auf höchstem Niveau trinken möchte, dafür aber noch nicht ausreichend vorgesorgt hat und jetzt aktuell hingegen auf ungenutztem Kapital sitzt,  alles falsch gemacht hat. Hier ist Weichenstellen für die Zukunft angesagt und es ist nicht unwahrscheinlich, dass es dafür bereits in Kürze schon zu spät sein könnte. Wer in drei Jahren feststellt, dass der Vorrat doch zu klein ist, der wird seinen Fehler ziemlich sicher nicht mehr preislich vergleichbar korrigieren können. Natürlich, das ist mir bewusst, ist so etwas auch immer eine Frage der individuellen Möglichkeiten, und mit 390,- Euro war der "Last Caroni" sicher kein Schnäppchen im herkömmlichen Sinne. Ich bin allerdings sicher, dass er sich perspektivisch noch als eines erweisen wird. Mein abschließender Dank geht heute an den Freddy (bester Mann!), für alles! :-)

-96/100-

Bis demnächst,
Flo


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*for international readers: "Jain" is a non-official german word and means "yes and no"