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Sonntag, 14. Februar 2021

Gardel Distillery: The Lost (but still unsung) Rhum

Liebe Rum Gemeinde,

heute möchte ich mich nach längerer Zeit einmal wieder meiner heimlichen Liebe der letzten Jahre widmen, die meines Erachtens noch viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte: Gardel! Doch bevor ich euch in den nächsten Wochen noch einige der besten Rums dieser verschwundenen und bisher wenig beachteten Destillerie vorstelle, u.a. kommen diese von Cadenhead, Silver Seal und Moon Import, habe ich heute zunächst noch etwas Theorie für euch!

Source: lantenne.com

Rund um den Globus bekommen Connaisseure inzwischen leuchtende Augen, wenn von Old Demerara RumHampden, Long Pond oder Caroni die Rede ist. Längst sind Abfüllungen aus diesen (teils auch bereits seit langem geschlossenen) Destillerien keine Geheimtipps unter Nerds mehr, sondern extrem gesucht und daher auch preislich leider durch die Decke gegangen. Bei Caroni ist dafür, neben der Tatsache, dass Luca Gargano sich in besonderer Weise dafür eingesetzt hat der Welt zu zeigen, welch großartiger Stoff dort produziert wurde, in nicht unerheblichem Maße dessen Status als Lost Distillery verantwortlich, nachdem die Brennerei anfangs des Jahrtausendes geschlossen wurde und somit kein Rum mehr nachproduziert werden kann. So weit, so nachvollziehbar. Doch heute möchte ich euch mit Gardel auf Guadeloupe eine weitaus weniger bekannte Destillerie vorstellen, die durchaus beweist, dass eine Schließung allein noch lange nicht automatisch auch mit Jahrzehnte darüber hinaus reichendem Ruhm einher gehen muss. Einer Destillerie, die beweist, welch eine Sonderstellung Caroni in diesem Punkt in der Rum Welt also tatsächlich innehat, eine Sonderstellung, die eben ganz eng mit dem Namen Luca Gargano verknüpft ist, der wie kein zweiter das Talent besitzt, Menschen für Rum zu begeistern. Gardel beweist viel mehr, dass eine Schließung im Rum Bereich im Normalfall dann doch eher dazu führt, dass eine Destillerie und ihr Rum ganz unromantisch und ohne großen Ruhm einfach mit der Zeit vergessen werden und von den Landkarten dieser Welt verschwinden. Unzählige Destillerien hat dieses Schicksal bereits ereilt. 

Ich entdeckte Gardel für mich dann auch, wie zum Beweis, eher durch großen Zufall und ein schon im Jahr 2002 abgefülltes The Secret Treasures Bottling im vergangenen Frühjahr 2019. Nun könnte man meinen, dass da möglicherweise ein Stil einfach nur an mir vorbeigegangen ist, nicht an der Allgemeinheit, aber ich erlebe seither und wann immer ich Menschen von Gardel vorschwärme, dann doch immer wieder die gleichen fragenden Gesichter. Kaum jemand mit dem ich bisher sprach hatte schon einmal von Gardel gehört. Nur wenige konnten mit dem Namen zumindest etwas anfangen, hatten ihn immerhin schon einmal irgendwo gehört. Noch weniger hatten schon mal einen Gardel im Glas. Allerdings waren sämtliche meiner Rum Freunde, denen ich dann einmal einen Gardel eingeschenkt habe, im Anschluss restlos geflasht! Trotzdem ist Gardel alles andere als populär oder gar Trend und das wiederum heißt auch, dass zu Gardel ungleich weniger Informationen zu finden sind, als zu den meisten anderen und wesentlich gefragteren Destillerien. Auch bei den Zugriffszahlen meiner Reviews zu Gardel Rums war das deutlich zu merken, dass sie deutlich unter denen von bekannteren Rums lagen. Das Interesse an Gardel war bisher also, sagen wir mal, um es positiv zu formulieren, ausbaufähig. Dennoch wage ich den Versuch, euch Gardel heute einmal etwas näher zu bringen und den Schleier, der die ehemalige Brennerei umgibt, zumindest ein wenig zu lüften. Denn um eines direkt vorweg zu nehmen: im Gegensatz zu vielem anderen eher unbekannterem was uns die Rum Welt da draußen noch bietet, was zwar sicher nicht schlecht, für mich aber weit weg ist vom absoluten High End Niveau, gehört Gardel, zumindest in seiner Spitze, für ohne Zweifel zu den fünf besten und interessantesten Destillerien die ich insgesamt kenne! Sie steht für mich zweifelsohne in einer Reihe mit Caroni, Hampden oder den alten Demerara Rums (zugegeben, als ganzes gesehen)! 


1. Standort:

Gardel war eine Destillerie in der gleichnamigen Siedlung Gardel, die zur Gemeinde Le Moule gehört, gelegen im Osten der zu Guadeloupe gehörenden Insel Grand Terre und nur unweit der letzten noch Rum produzierenden Destillerie auf der Insel, nämlich Damoiseau. Guadeloupe ist seit dem 19. März 1946 französisches Übersee-Departement und somit heute Teil der EU. Gardel als solches existiert, anders als z.B. Caroni, allerdings nach wie vor und ist einer der größten Produzent von Zuckerrohr der gesamten Karibik. Die Zucker-Fabrik ist also, im Gegensatz zur Destillerie, noch aktiv, lediglich die Brennapparate wurden vor vielen Jahren demontiert. 

Source: researchgate.net


Auf einer Karte Guadeloupes, auf der sämtliche noch aktiven Destillerien des französischen Übersee-Departements verzeichnet sind, fehlt Gardel folgerichtig bereits. Die Nähe zu Damoiseau ist hingegen gut zu erkennen:

Source: rumporter.com



2. Geschichte und allgmeine Informationen:

Viel ist es leider tatsächlich nicht, was wir wissen. As gesichert gilt aber, dass Gardel im Jahr 1870 vom sog. "Zuckerbaron", dem Générale Sucrière, gegründet wurde und seither und noch bis heute Zucker produziert. Von 1870 bis 1992, insgesamt also 122 Jahre lang, wurde dort auch Rum gebrannt, allerdings wurde laut Bristol Spirits in jenem Jahr deren Column Still demontiert und damit das Kapitel Rum bei Gardel für immer geschlossen. Ob es zu einem früheren Zeitpunkt überhaupt noch andere Stills dort gegeben hat ist vollkommen unklar, aber laut Bristol endet die Geschichte des Rums von Gardel auf jeden Fall ultimativ in 1992. Die tschechische Seite "Peter's Rum Labels" zitiert Bristol Spirits dazu wie folgt aus der Zeit um 2003:

"Sadly, although the Gardel estate still produces sugar, its column or patent still, made it's last drop of rhum in 1992 - and this is it [ie. Classic Rum of Bristol Spirits Limited]. In that year, after 122 years of continuous production, the still was demolished."

Leider funktioniert der Link, der auf der Seite als Quelle angegeben wird inzwischen nicht mehr, allerdings halte ich das Zitat für vertrauenswürdig, da an dieser Stelle seit vielen, vielen Jahren mit viel Akribie Informationen gesammelt werden und ich mich auch daran erinnere, dass die Seite vor ca. 10 Jahren noch aufrufbar war, als ich mich in meiner Anfangszeit viel durch dieses schon damals sehr umfangreiche Archiv klickte. Nicht zuletzt auf Grund dieser Information aber dürfte 1992 wohl der letzte Jahrgang der Destillerie gewesen sein. Vereinzelt gibt es zwar unabhängige Abfüllungen aus 1998 die laut Label aus Gardel stammen, allerdings müssen es sich dabei, folgt man der obigen Auffassung, definitiv um Labelfehler halten und diese Rums jeweils von Damoiseau/ Bellevue kommen. Das liegt auch insofern nahe, als dass 1998 für Damoiseau/ Bellevue ein unglaublich starker Jahrgang mit hohem Output war. Dennoch sind geschmackliche Ähnlichkeiten und Parallelen von Gardel und Damoiseau teilweise nicht von der Hand zu weisen (man probiere z.B. die 1991er Originalabfüllung von Damoiseau), weswegen ich vereinzelte Hinweise, dass man bei Damoiseau teilweise noch heute mit Melasse der Zuckerproduktion bei Gardel arbeitet, als sehr stichhaltig empfinde. 

Gegründet wurde die Zuckerfabrik und Brennerei Gardel, wie eingangs erwähnt, im Jahr 1870 in Grande-Terre's Moule vom „Générale Sucrière“, dem „Zuckerbaron“. Es ist heute eine der größten Zuckerraffinerien der Welt und die einzige aktive auf Guadeloupe. Gardel besitzt eine 934 Hektar große Zuckerrohrplantage und arbeitet mit mehr als 2.500 Zuckerrohrbauern auf Guadeloupe zusammen. Mit seinen fünf modernen dampfbetriebenen Mühlen verarbeitet Gardel das gesamte Zuckerrohr der Hauptinsel (jährlich: 600.000 Tonnen), um verschiedene Sorten Zucker (60.000 Tonnen), Melasse (25.000 Tonnen), Biomasse / Bagasse (180.000 Tonnen), Ethanol und einst auch R(h)um zu produzieren. Aus welchen Gründen auch immer, das kann ich leider nicht nachvollziehen, wurde die Column Still Gardels 1992 demontiert. Seitdem gilt Gardel als Lost Distillery. 


3. Destillation und Stil:

Gardel produzierte seine Rums, zumindest jene die noch bekannt sind, im Column Still Verfahren und auf der Basis von Melasse. Auf diversen Labeln wird zwar von Rhum Agricole gesprochen, also von Rhum auf der Basis von frisch gepresstem Zuckerrohrsaft, doch die Sensorik spricht da eine doch sehr eindeutige Sprache zugunsten von Melasse. Zu den Brennapparaten selbst, der Fermentation oder gar verschiedenen Marks lässt sich im Netz zu meinem Bedauern überhaupt nichts herausfinden und ich kam auch mit diversen Anfragen im französischsprachigen Raum leider nicht weiter. Nirgends sind die Informationen zu Gardel spärlicher als in diesem Punkt. 


Einige Flaschen Gardel aus einer 2020er FT



4. Bekannte Jahrgänge:

Im Gegensatz zu Hampden, Long Pond oder Caroni gibt es aus der Gardel Distillery nur äußerst wenig bekannte Jahrgänge, von denen sogar einer noch unbestätigt ist, nämlich das Vintage 1973, und einer, der Jahrgang 1998, ein fälschlich als Gardel gelabelter Jahrgang von Bellevue/Damoisseau ist. Im Jahr 2021 erschien nochmal ein gänzlich neuer Jahrgang, als Spirit of Rum mit Dirk Becker einen Gardel aus 1983 in die Flasche brachten. Dieser reifte unglaubliche 38 Jahre im Fass, davon 17 unter der tropischen Sonne Guadeloupes. Diese Info ist überaus spannend, denn vieles spricht dafür, dass unter diesem Gesichtspunkt sämtlich Rums von Gardel im Jahr 2000 nach Europa kamen. Das ergäbe auch Sinn, da kein Gardel Bottling für die Zeit vor 2000 bekannt ist.

Gardel Vintage

Bottlings

Style

Still Type

Comments

1973

Compagnie Des Indes „KAIMAN“ - 46% vol. (Part)

?

Pot- & Column Still

Not confirmed by the bottler

1977

Silver Seal 32 YO Gardel – 50,8% vol.

Rhum Agricole

?

but certainly molasses based

1982

Cadenhead Cask Strength 18 YO Gardel – 57,2% vol.

Rhum Agricole

Column Still

but certainly molasses based

Cadenhead Cask Strength 20 YO Gardel – 57,8% vol.

Rhum Agricole

Column Still

but certainly molasses based

Moon Import 18 YO Gardel – 46% vol.

Rhum Agricole

Pot Still

but certainly molasses based & Column Still

1983

Spirit of Rum 38 YO Gardel – 46,6% vol.

?

Column Still

certainly molasses based

1989

The Secret Treasures 13 YO Gardel – 42% vol.

?

?

certainly molasses based

The Secret Treasures 14 YO Gardel – 42% vol.

?

?

certainly molasses based

1992

Bristol Classic Rum 10 YO Gardel – 46% vol.

?

Column Still

certainly molasses based

Douglas Laing „Caribbean Reserve“ 9 YO Gardel – 46% vol.

?

?

certainly molasses based

Moon Import 11 YO Gardel – 46% vol.

Rhum Agricole

Pot Still

but certainly molasses based & Column Still

The Secret Treasures 11 YO Gardel – 42% vol.

?

?

certainly molasses based

1998

Alchemist 10 YO Gardel – 46% vol.

?

?

Most certainly Bellevue/Damoisseau and molasses based

Port Royal 10 YO Gardel – 46% vol.

?

?

Most certainly Bellevue/Damoisseau and molasses based

Renegade 11 YO Gardel – 46% vol.

?

?

Most certainly Bellevue/Damoisseau and molasses based


4.1. Sämtliche, mir bekannten Abfüllungen die definitiv aus Gardel stammen:

- Bristol Spirits Guadeloupe Rum 10 YO Gardel 1992 - 46% vol. (Ex-French Cask)
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 57,2% vol.
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 20 YO Gardel 1982 - 57,8% vol.
- Caribbean Reserve Guadeloupe Rum 9 YO Gardel 1992 - 46% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 46% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 9 YO Gardel 1992 - 46% vol.
- Silver Seal Guadeloupe Rum 32 YO Gardel 1977 - 50,8% vol.
- Spirit of Rum Guadeloupe Rum 38 YO Gardel 1983 - 46,6% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 13 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 11 YO Gardel 1992 - 42% vol.


5. Rums aus Gardel, die ich bereits im Glas hatte:

- Bristol Spirits Guadeloupe Rum 10 YO Gardel 1992 - 46% vol. (Ex-French Cask)
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 57,2% vol.
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 20 YO Gardel 1982 - 57,8% vol.
- Caribbean Reserve Guadeloupe Rum 9 YO Gardel 1992 - 46% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 46% vol.
- Silver Seal Guadeloupe Rum 32 YO Gardel 1977 - 50,8% vol.
- Spirit of Rum Guadeloupe Rum 38 YO Gardel 1983 - 46,6% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 13 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 11 YO Gardel 1992 - 42% vol.


Meine aktuellen Top 5 Rums aus Gardel: 

- Cadenhead Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 57,2% vol.
- Cadenhead Guadeloupe Rum 20 YO Gardel 1982 - 57,8% vol.
- Silver Seal Guadeloupe Rum 32 YO Gardel 1977 - 50,8% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 46% vol.
- Spirit of Rum Guadeloupe Rum 38 YO Gardel 1983 - 46,6% vol.




Quellenverweise:

- https://www.erudit.org/en/journals/bshg/2015-n171-bshg02057/1032943ar/


Sonntag, 17. Januar 2021

Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore 1962

Liebe Rum Gemeinde,

Legenden-Zeit auf Barrel Aged Thoughts! Und das bedeutet heute nicht weniger, als dass ich mir den ältesten Jahrgang ansehen werde, den ich innerhalb der Cadenhead's Cask Strength Serie kenne. Gleichzeitig ist das entsprechende Bottling auch nach dem Abfülldatum eines der ältesten aus dieser Serie, das mir bekannt ist: wir sprechen über den Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore aus dem Jahr 1962 (!), abgefüllt im Dezember 1998 mit 62,9% vol.! 



Legende! Ein einziges Wort nur, mit dem aber doch automatisch so viele weitere Worte gleichzeitig mitschwingen: Mythos. Ehrfurcht. Seltenheit. Historie. Das Besondere. Qualität! Man könnte hier nahtlos mit weiteren Begriffen anschließen und sie alle könnten letzten Endes aber doch nur anreißen, was alles im Raum steht, wenn wir über diese einzigartige Abfüllung sprechen. Bis vor wenigen Monaten kam "Mythos" dem ganzen wohl am nächsten. Denn bis zu dem Moment in dem ich die Flasche im Schweizer Rum Rarities Shop fand, hatte niemand den ich kenne diesen Rum je in flüssiger Form zu Gesicht bekommen. Der einzige Beweis für die Existenz eines solchen Bottlings mit dem Mark VNL fand sich seit vielen Jahren auf der Seite "Peter's Rumlabel" eines tschechischen Liebhabers. Daraus ergaben sich auch sämtliche bekannte Daten für diesen Rum. Einen weiteren, mit nur 30 Jahren Reife noch jüngeren, VNL kannte man darüber hinaus aus Dave Brooms Rum Buch von 2003, sofern dieser denn überhaupt existiert. Denn ich glaube, dass es sich dabei eher um einen Schreibfehler im Buch handelt und es auch hier ebenfalls um die 36 jährige Version geht. Warum? Nun, ganz einfach, für den 30 YO VNL wird im Broom ein Alkoholgehalt von 62,9% vol. angegeben, also exakt der gleiche den nachweislich auch der 36 YO hat. Zwar schließt es sich natürlich nicht aus, dass es bei beiden einfach der gleiche Wert ist, aber es ist, insbesondere durch die sechs Jahre längere Reifezeit, schon extrem unwahrscheinlich. Dazu kommt, dass es (vom ominösen 30 YO VNL abgesehen, der schon 1992/93 abgefüllt worden sein müsste) bisher keine mir bekannte Cadenhead Cask Strength Abfüllungen aus der Zeit von vor 1995 gibt (da gab es definitiv einen 1964er PM), und das, obwohl ich seit ca. zehn Jahren sämtliche Bottlings von Cadenhead zusammentrage. Klar, das sind sämtlichst Hinweise, keine Beweise, aber sie wiegen für mich schon sehr stark. Alles in allem gehe ich stark davon aus, dass die Cask Strength Linie erst 1995 gestartet wurde und es das 30 YO VNL Bottling niemals gab und Broom den 36 YO meinte. Somit wäre dies dann letztlich auch das erste und einzige weltweit mir bekannte Bottling, das je das Mark VNL getragen hat. Und niemand den ich kenne, da schlage ich dann wieder den Bogen zu meiner Ausgangslage und dem Begriff des Mythos, hatte davon jemals etwas probiert. 

Im Frühjahr 2020 allerdings fand ich diese Flasche dann bei Rum Rarities und konnte meinen Augen kaum trauen. Ein Freund kaufte die Flasche direkt und sie wurde unter Rum Liebhabern im Freundeskreis geteilt. Somit entstand erstmals überhaupt die Chance das Mark VNL kennenzulernen, was schon auch insofern spannend war, als dass es von Cadenhead keinen anderen vergleichbar alten Demerara Rum gibt, der via Column Still gebrannt worden sein soll. Ansonsten schafften es immer nur die Pot Still Demeraras aus wahlweise der Versailles oder der Port Mourant Still nach Europa. Dieser hier soll nun aber aus einer Column Still von Enmore kommen. Das klingt nun erstmal wieder nach munterem Demerara-Rätselraten, allerdings müsste es sich dabei dann tatsächlich auch um die EHP Still von Enmore handeln, denn die weiteren noch existierenden Brenn-Apparate von denen wir heute noch wissen, dass sie zu dieser Zeit existierten, standen zum entsprechenden Zeitpunkt entweder bei Uitvlugt oder bei Diamond. Albion und Blairmont waren 1962 ebenfalls noch aktiv und könnten Column Stills betrieben haben, allerdings würde dann wiederum die Angabe Enmore nicht passen. Enmore hingegen übernahm meines Wissens nach keine weitere Column Still (lediglich im Jahr 1978 die Versailles Still), wobei mir noch nicht ganz klar ist, wie das nach der Schließung von Albion lief. Marco schreibt in seinem Demerara Artikel, dass auch Albion durch Uitvlugt übernommen wurde, allerdings frage ich mich, mit welcher Wooden Column Still (die einzige solche Still die ich kenne ist die EHP bei Enmore, bzw. inzw. Diamond) sie in den Jahren 1983, 1986, 1989 und 1994 bei Uitvlugt gebrannt haben sollen. Doch das ist ein ganz anderes Thema und ich schweife ab. Sollten also die Angaben Enmore und Column Still stimmen, so sollte es eines der ganz, ganz wenigen und seltenen EHP-Destillate sein, die kontinental reifen durften. Da gibt es ansonsten nämlich nahezu nichts! Geschätzte 99,9% aller kontinental gereiften Bottlings auf denen Enmore steht, entstammen der Versailles Still. Einzige andere Möglichkeit: eine weitere, unbekannte Column Still, die es 1962 noch gab, von der wir heute aber nichts mehr wissen. Das wird wohl aber niemals mehr vollständig zu ergründen sein, weswegen ich mich nun auch wieder zurück ins Hier und Jetzt begebe ;-) 

Und das heißt für mich, dass ich nun quasi direkt an den Rum übergebe, für den die eingangs erwähnten Schagworte so sehr zutreffen, wie auf nur wenige andere Rums: Mythos. Ehrfurcht. Seltenheit. Historie. Das Besondere. Und Qualität? Gerade letzteres werde ich mir nun genau anschauen und mir dabei alle Mühe geben, durch die erstgenannten Begriffe nicht allzu sehr die Objektivität zu verlieren. Viel Spaß euch beim Lesen!



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Verkostung des Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore 1962:

Preis: unbezahlbar.

Alter: von 1962 bis Dezember 1998 reifte der Rum stolze 36 (!) Jahre lang im Fass.

Lagerung: unbekannt. Wahrscheinlich ist, dass er aus den alten Cadenhead Beständen stammte, die noch direkt in Guyana erworben und dann in Europa kontinental gereift wurden. Sehr wahrscheinlich ist er auch gefärbt.

Fassnummer: unbekannt.

Angel's Share: keine Angabe.

Alkoholstärke: 62,9% vol. Alkohol weist der Rum auch nach 36 Jahren im Fass noch immer auf. Dies entspricht, wie es bei der Cadenhead's Cask Strength Serie der Name schon inkludiert, der Fassstärke. 

Destillationsverfahren: angegeben ist eine Column Still der Enmore Distillery. Dies könnte natürlich die bekannte Wooden Coffey Still (EHP) sein. Möglich wäre aber auch eine fehlerhafte Angabe, da es überaus untypisch war, dass im Column Still Verfahren gebrannte Batches nach Europa kamen. 

Mark: VNL - die Bedeutung dieses Marks liegt leider komplett im dunkeln. 

Farbe: sehr dunkel, im Glas leuchtendes Mahagoni.

Viskosität: der Rum beißt sich regelrecht am Glas fest, mutet zähflüssig und schon beinahe wie Grafschafter Zuckerrüben-Sirup oder Balsamico Essig an. Eine phänomenale Optik!

Nase:
 ich lasse den Rum per se erst einmal über eine Stunde im abgedeckten Ballonglas atmen, da er aus einer erst vor kurzem geöffneten Flasche stammt und somit noch nahezu keine Chance hatte, in der Flasche zu oxidieren (der Rum wurde direkt nach dem Öffnen in kleine Sampleflaschen umgefüllt). Bei der zweiten Verkostung lasse ich ihn wiederum ca. 30 Minuten unabgedeckt im Freien stehend atmen, was ich in diesem Fall als beinahe noch intensiver empfand. Dann bekomme ich dafür aber jeweils auch einen Rum, der mich zunächst einmal vollkommen überwältigt! Der Rum ist alt und, auch wenn das immer so abgedroschen klingt, das merkt man auch! Ein überaus reifes, komplexes, dichtes Konzentrat von Bouquet strömt mir in die Nase und verhindert erstmal, dass ich dazu überhaupt irgendwas notieren kann, denn der Rum fordert mich ungemein und man möchte von ihm auch gefordert werden. Dementsprechend bin ich hier zunächst vor allem ganz viel am Riechen und dabei, dieses Gewitter an Eindrücken das da auf mich einprasselt zu erfassen und versuche es irgendwie einzuordnen. Das ist gar nicht so einfach, weil ich einfach noch nichts wirkliches vergleichbares im Glas hatte, auch wenn ich mich durchaus stark an alte Lemon Harts aus den 1960s z.B. erinnert fühle (Tak Gregers!). Am deutlichsten habe ich wohl Assoziationen zu Melasse und karamellisierten Rohrzucker, was wohl eindeutig für eine Färbung des Rums spricht. Dahinter habe ich aber auch reichlich Gewürze (Pfeffer!), frisches Zuckerrohr, Möbelpolitur, Eichenholz und Tannine. Teilweise habe ich auch Assoziationen zu Rums wie dem REV, allerdings dürfte das wohl tatsächlich von der Gemeinsamkeit der Färbung her rühren, was zeigt, dass diese doch deutlich geschmacksgebender war und ist, als oft vermutet wird. Nach ca. drei bis vier Stunden im Glas (abgedeckt) legt der Rum nach nochmals an Intensität zu und gibt weitere Facetten preis, so dass sich eine lange und intensive Beschäftigung mit ihm schon wirklich sehr lohnt. Wenig bis gar nicht präsent zeigt sich übrigens der mit 62,9% vol. doch schon recht ordentliche Alkoholgehalt. Das ist schon beachtlich! 

Gaumen:
 auch am Gaumen empfinde ich den Alkohol als extrem gut eingebunden. Hier brennt nichts fies oder fällt anderweitig negativ auf. Bei einem Rum mit über 60% vol. habe ich das wahrlich nicht alle Tage! Frisch am Gaumen fällt mir zunächst vor allem das ungewöhnliche Mundgefühl auf, welches mich -passend zur Optik- tatsächlich eher an einen Balsamico Essig als an Rum erinnert. Er ist nicht so körperreich und dickflüssig, wie er im Glas noch anmutet. Es folgt der Eindruck einer wunderschönen, sehr feinen natürlichen Süße wie ich sie an dieser Stelle bei Rums sehr gerne mag! Dazu habe ich zu Beginn heftige Melasse, gepaart mit einer enormen Fruchtigkeit, die in der Folge ins trockenere übergeht und mich dann an eine Holzpolitur und trockenes Holz denken lässt, wie ich es häufiger bei tropisch gereiften Rums mit starkem Column Still Anteil vorfinde und mich deshalb an einen solchen erinnert. Je länger man den Rum allerdings am Gaumen verweilen lässt, desto bitterer und tanniniger mutet er auch an. Hier muss man für sich selbst die Balance finden, da sie dem Rum hier meines Erachtens ein wenig abgeht, bzw. ich glaube, dass ein paar Jahre weniger Reife diesem Fass Rum sicher besser getan hätten, als es die gesamten 36 Jahre taten. Das geht letzten Endes dann natürlich auch zu Lasten der Komplexität, da vieles was vielleicht mal da war nun von Tanninen überlagert wird. Dennoch ist das ein sehr, sehr guter Rum!

Abgang: sehr, sehr trocken, aber nicht bitter. Für einen Demerara Rum verschwindet der Rum hingegen verhältnismäßig schnell.

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Fazit:
 ein Rum, der klar auf der dunklen Seite steht und seine Jugend lange hinter sich hat! Das Attribut mag sich langsam abnutzen heute, aber der Stoff ist nicht weniger als legendär! Bis wir ihn gefunden haben hielt ich ihn schon fast für eine Art Einhorn, das nur in unser aller Fantasie besteht, weil er, anders als nahezu jedes andere bekannte Bottlings auf dieser Welt, in all den Jahren niemals irgendwo zu erspähen war. Nun ist der Vorhang zu einem der letzten unbekannten Akte der modernen Rum Geschichte gefallen und ich gehöre zu den wenigen, die einen freien Blick auf die Bühne bekommen konnte - pure Magie! Dementsprechend war es auch ein toller und besonderer Anlass, diese Flasche überhaupt zu öffnen und ich erinnere mich an nur wenige Bottle-Openings, bei denen eine größere Spannung in der Luft lag, während die Flasche gleichzeitig auch versampled und verteilt wurde. Eine der tollsten Erinnerungen aus 2020, die nun, unter den aktuell leider wieder nötigen Vorgaben und Geboten, auch schon wieder sehr weit weg anmutet. Dass ich bisher im Fazit allerdings noch kaum etwas über den Rum selbst gesagt habe wird Bände sprechen, mag jetzt vielleicht der eine oder andere glauben, aber ich denke das liegt tatsächlich in erster Linie daran, dass das Event um die Flasche und die ganze Historie mal mindestens auf einer Ebene mit dem reinen, nüchternen sensorischen Erlebnis stehen und es ist mir wichtig, auch dieses zu würdigen. Denn meines Erachtens kommt es oft und in ganz, ganz hohem Maße mehr darauf an, wann und mit wem man genießt als darauf was man genießt (vorausgesetzt, dass ein gewisses, gehobeneres Niveau gegeben ist). Nichts desto weniger darf daneben selbstverständlich nicht untergehen, dass wir hier und heute auch über einen sehr guten Rum sprechen, wenn auch meiner Meinung nach nicht über einen, den ich als überragend bezeichnen würde! Denn meines Erachtens kann der Rum in der Nase deutlich mehr als am Gaumen und wie aus der Review bereits deutlich hervorging, empfinde ich ihn nicht als auf den Punkt gereift und behaupte, dass weniger Jahre im Fass beim VNL mehr gewesen wären. Klar, bei so viel Nebengeräuschen habe ich mich natürlich auch ganz besonders darum bemüht möglichst genau hinzusehen und mich nicht der reinen Magie eines solch besonderen Bottlings hinzugeben, aber ich denke schon, dass ich auch ohne all dies nicht unbedingt sensorisch geflasht gewesen wäre. Vielleicht liegt mir allerdings auch einfach die kontinentale Reifung bei den Column Still Demeraras nicht so sehr wie die tropische. Das war bei den Pot Still Demeraras bisher wiederum genau anders herum und auch sonst erinnere ich mich an nur wenige kontinental gereifte Column Still Rums, die mich sonderlich in ihren Bann gezogen hätten. Aber all das spielt am Ende doch nur eine untergeordnete Rolle, angesichts dessen überhaupt die Möglichkeit zur Verkostung gehabt zu haben! Living, liquid history! Und insofern vergebe ich zwar ganz nüchtern die Punkte für den Rum selbst, das Erlebnis insgesamt und die empfundene Demut zu den wenigen zu gehören, denen es vergönnt war einmal einen VNL im Glas zu haben, kann ich nur und muss ich auch davon losgelöst betrachten. 

-88/100-


Bis demnächst,
Flo



Sonntag, 11. Oktober 2020

Velier & Cadenhead Diamond SVW - Tropical vs. Continental Aging

Liebe Rum Gemeinde,

nach der Demerara-Legende KFM in der letzten Woche möchte ich heute mit euch einen Quervergleich anstellen auf den ich mich schon lange gefreut habe! Nachdem ein glücklicher Zufall die Möglichkeit dazu eröffnet hat, teste ich zwei Demerara Rums aus der Diamond Destillerie gegeneinander, die sich in ihren Randdaten nahezu gleichen, nur dass einer in den Tropen und einer in Europa gereift wurde!


Was liegt heute an? 

Klar, über die Unterschiede zwischen tropischer und kontinentaler Reifung ist in den vergangenen Monaten und Jahren schon viel gesagt worden und den allermeisten sind diese inzwischen auch, mindestens im Groben, bekannt. Nicht zuletzt durfte das auch bereits die breite Öffentlichkeit bestaunen, nachdem Velier und E&A Scheer im letzten Jahr in Co-Produktion das Monymusk-Set auf den Markt gebracht haben. Allerdings, und da setze ich an, griff dieser Vergleich in meinen Augen in Teilen zu kurz, denn meines Erachtens profitiert Rum einfach in ganz grundverschiedener und unterschiedlicher Art und Weise von bestimmter Art der Reifung. So sahen nicht wenige sogar die kontinental gereiften Monymusks vorne und auch bei Hampden vertrete ich ja z.B. auch selbst bekannter Maßen die These, dass ihnen kontinentale Lagerung unterm Strich besser zu Gesicht stehen.


Doch wie sieht das ganze beim Demerara Rum aus? Ihr ahnt es, heute möchte ich insbesondere der tropischen Reifung eine Bühne bieten, und eine ungleich größere und imposantere, als sie sie durch die Monymusk erfahren hat! Denn es geht mit dem Demerara Rum an nicht weniger als an das Herz des Erfolgs von Velier! Die Pre-2000 Rums aus Guyana waren und sind bis heute -neben Caroni- das stärkste Plädoyer, das je für tropische Reifung gehalten wurde! Genauer gesagt geht es zum Auftakt dazu in die Diamond Distillery, ihres Zeichens die letzte verbliebene Destillerie in Guyana. Von hier möchte ich zwei Rums mit sehr ähnlichen Eckdaten miteinander vergleichen. Es geht dabei zum einen um den Velier Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1996 mit 64,6% vol. und zum anderen um den Cadenhead Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1987 mit 63% vol.. Ihr seht, die Rums gleichen sich in Destillerie, Mark (Stil), Alter und Alkoholgehalt nahezu gänzlich. Die Unterschiede bestehen lediglich im Jahrgang und in der Art der Reifung [Unterschiede in der Destillation, Coffey Still vs. Pot Still, die man den Labeln entnehmen könnte, beruhen allerdings auf einem Labelfehler von Cadenheads. Auch dieser Rum stammt aus der Coffey Still]. Möglich wurde dieser Vergleich, das soll nicht unerwähnt bleiben, da ein guter Freund an eine Flasche des Cadenhead gekommen ist, der wohl zu den seltensten Cadenhead Demeraras überhaupt zählen dürfte. Wir konnten uns zumindest beide nicht daran erinnern, ihn zuvor je irgendwo gesehen zu haben. Er tauchte, bis er ihn in einem Shop gefunden hat, nicht einmal in meiner sehr umfangreichen Liste von Cadenhead Rums auf. Und wie es der Zufall so wollte, hat eben dieser Rum vergleichbare Randdaten zu einem der Demeraras von Velier, der in den Tropen reifte. Tja, und wenn der Zufall schon an die Tür klopft, dann sollte man eben auch aufmachen und insofern lest ihr nun gleich diesen Quervergleich!


Zu den Abfüllungen selbst kann noch gesagt werden, dass es sich bei dem Velier um eine Abfüllung fünf tropisch gereifter Fässer Diamond 1996 SVW handelt, die in Full Proof und mit einem Alkoholgehalt von 64,6% vol. im Februar 2011 abgefüllt wurde. Die genaue Flaschenanzahl ist mir hier leider nicht bekannt, ebenso wenig wie der Angel's Share, den Velier erst bei späteren Bottlings immer angegeben hat. Der Cadenhead dagegen ist eine Single Cask Abfüllung eines kontinental gereiften Diamond SVW aus dem Jahr 1987, die 2003 in Fassstärke (63% vol.) auf die Flasche gebracht wurde. Auch hier ist weder eine genaue Flaschenanzahl noch der Angel's Share bekannt. 

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Velier Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1996: 

Optisch und im Glas wird ein Unterschied beider Rums schon einmal offenkundig. Der Velier kommt in einem schönen, ansprechenden Mahagoni daher und reiht sich damit nahtlos ein in all die tropisch gereiften Vertreter aus dem Hause Velier, seinen es Demerara oder auch Caroni Rums.
In der Nase setzt sich dieser Eindruck dann auch mehr oder weniger unvermindert fort, denn es ist vor allem diese Form der Alterung, dieses intensive, dunkle, tanninige, dabei aber auch süße, fruchtige und reife, das tropische Reifung grundsätzlich ausstrahlt und dabei immer auch an andere Demeraras oder auch Caronis erinnert. Und doch bin ich durchaus erstaunt an dieser Stelle, denn für 15 Jahre im Fass ist dieser Rum wirklich schon außerordentlich reif. Der Alkohol ist wenig präsent, die 64,6% vol. sind sehr gut ins Destillat eingebunden. Böses Stechen und ähnliches habe ich fast gar nicht. Ich habe dafür Klebstoffe und scharfe Lösungsmittel im Bouquet, karamellisierten Rohrzucker, dazu eine richtig schöne Süße und eine ganz ausgeprägte Fruchtigkeit, etwa von Banane, Mango und Papaya. Dazu immer wieder Melasse und holzige Noten mit Kokos, etwas Vanille und Anis. Das ganze ist dabei wahnsinnig komplex. Immer wieder geht die Nase zum Glas und immer wieder finde ich neue Komponenten, die ich zuvor so nicht wahrgenommen hatte oder nun verändert wahrnehme. Ich könnte da noch Stunden weiter erzählen. Ein Kunstwerk. Die Nase ist für mich auf den Punkt und durchaus eine der besten, die ich kenne.
Am Gaumen habe ich zu Beginn dann eine schöne natürliche Süße, aber auch ein leichtes Stechen und Brennen des Alkohols, der erst einmal gebändigte werden möchte. Dennoch ist das ganze super eingebunden und der Rum sehr schön adstringierend. Die Mundschleimhäute ziehen sich regelrecht zusammen, der Diamond wirkt dann kurz sehr trocken, bevor er letztlich ins cremige übergeht und mit einer sensationellen Mundfülle daherkommt. Wahnsinn! Der Blick ist nun frei auf einen tollen und reich gefüllten Obstkorb, der kombiniert wird mit Kokosflocken, einer schönen, kräftigen aber nie überlagernden Holznote, viel Holzlack, wie ich ihn auch bei Caroni häufiger finde, frisch geschnittenem Geäst,  einem medizinischen Touch, leichtem Tabak, schöner Würze und einer guten Portion Nelke. Sehr, sehr geil und ein mehr als stimmiges Gesamtbild! 
Im Abgang habe ich dann noch frisch geschnittenes Geäst, wieder ordentlich Nelke und dann einen deutlichen medizinschen Touch, der ins bittere geht. Sehr lang anhaltend. 

-96/100-

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Cadenhead Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1987:

Der Cadenhead kommt im Vergleich zum Velier wesentlich heller daher. Keine Frage, die kontinentale Reifung wird optisch sehr deutlich. Kam der Velier noch im Mahagoni-Gewand daher, ist es beim Cadenhead eher kräftig goldenes Stroh. Leichte Bräune deutet der Rum maximal an, aber auch nur, wenn man es denn sehen möchte.
Drängten sich die Unterschiede optisch bereits auf, so werden sie in der Nase mehr als nur offensichtlich. Wir sprechen hier über nicht weniger als über einen Unterschied wie den zwischen Tag und Nacht! Die 63% vol. sind präsenter als es die 64,6% vol. beim Velier waren, allerdings würde ich auch hier von einer guten Einbindung sprechen. Ansonsten geht es von nun aber aber in eine komplett andere Richtung. Ich habe beim Cadenhead deutlich weniger Intensität, der ganze Rum kommt weniger warm daher und, trotz des identischen Alters, auch deutlich jünger als der Velier. Parallelen zu anderen Rums sehe ich per se erst einmal nicht, am ehesten vielleicht zu den Providence Estate Rums aus Trinidad von Cadenhead. Das ganze wirkt, wohlwollend formuliert, subtil, oder, böse gesagt, flach. Ich habe auch hier leichte Lösungsmittel-Noten, aber nicht so schön stimmig, wie das beim Velier der Fall war. Ansonsten finde ich etwas frisch geschnittenes Geäst, schöne Vanille, grasige Noten, leichten Pfeffer, etwas Anis und peripher nach hinten heraus auch etwas Holz. Süße und Fruchtigkeit aber, also das womit der Velier eben trumpfen konnte, gehen dem Cadenhead z.B. vollkommen ab. Da wird der Unterschiede im Reifeverfahren sehr deutlich. 
Am Gaumen setzen sich die Unterschiede beider Rums nahtlos fort. Hier bietet der Cadenhead gefühlt sogar noch weniger als in der Nase, kann überhaupt nicht glänzen. Positiv fällt allenfalls die Einbindung des Alkoholgehalts auf, die gelungen ist, aber ansonsten offeriert der Cadenhead dem Genießer keinerlei Gründe sich den Rum ins Glas zu schenken. An Assoziationen habe ich etwas Vanille, eine sogar ziemlich präsente Note vom Holz, das ganze kommt trocken daher und aber eben auch sehr eindimensional. Mit einem großen Schluck hat man auch schon alles gesehen.
Im Abgang sieht es ähnlich aus. Trocken mit ein wenig Holz, dazu leichter Pfeffer und das ist es dann auch schon gewesen. Schade.

-79/100-

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Gesamt-Fazit: 

Ich habe den Vergleich weiter oben schon einmal heran gezogen, aber er passt auch zum abschließenden Fazit oder gar als Kurzfassung dieses Vergleichs wie die Faust auf's Auge: zwei Rums wie Tag und Nacht! 
Mir gefällt das bisweilen schon fast aggressive Verfechten von tropischer Lagerung als die einzig wahre Art und Weise einen Rum reifen zu lassen bekannter Maßen ganz und gar nicht und ich werde nicht müde zu betonen, dass es großartige Rumstile gibt, denen die kontinentale Reifung sogar besser zu Gesicht steht. Allerdings komme ich nicht umhin festzustellen, dass es eben tatsächlich auch die Rums gibt die von tropischer Sonne so sehr profitieren wie kaum andere Rums und, dass eben jene Rums dabei gleichzeitig in qualitative Sphären vorstoßen, die von kaum anderen Rums erreicht werden. Das sind die Heavy Rums aus Caroni, hier werden wir seit Jahren hinreichend mit Beispielen und Gegenüberstellungen (tropisch vs. kontinental) versorgt, die eindeutiger nicht ausfallen könnten, und das sind einige Column Still Rums aus Guyana! Ihr wisst um meine Begeisterung für Skeldon 1978 oder Albion 1986 und in dieser Liga spielt auch der heute verkostete Diamond 1996 SVW! Dass dieser dabei noch sehr viel günstiger zu haben ist als die beiden erstgenannten macht ihn dabei nur noch attraktiver! Dagegen muss ich festhalten, dass der sich dazu parallel im Glas befindliche Cadenhead nicht das geringste bisschen Land sieht. Er ist dabei nicht im klassischen Sinne schlecht, im Gegenteil, denn die Qualität stimmt grundsätzlich. Nein, er ist nur einfach nicht gut. Es ist dabei allerdings auch schwierig, überhaupt kontinental gereifte Column Still Demeraras zu finden, da es fast nur jene aus der Single Wooden Pot Still Versailles' oder der Double Wooden Pot Still Port Mourants in die europäischen Warehouses schaffen, aber alles was ich da bisher im Glas hatte, wusste nicht im geringsten zu überzeugen und hatte nicht annähernd die herausragende Qualität der Veliers! Zu schade also, dass DDL selbst keinerlei Interesse daran hat mehr aus diesen, seinen, Qualitäten herauszuholen und sich zwischen Blends für die Massen und unnötigen Rohrkrepierern mit bunten Labeln verliert! Denn auch und gerade dieser stiefmütterliche Umgang mit dem eigenen State of the Art führte und führt weiterhin dazu, dass die Preise für die alten Velier Bottlings immer weiter anziehen. Nicht zuletzt deshalb aber kann ich nur jedem der da wirklich mal Höhenluft schnuppern möchte empfehlen, sich eben den Diamond 1996 SVW mal genauer anzusehen. Meine Meinung: wenn heute noch einen der High End Velier Demeraras kaufen, dann den! Denn er ist mit seinen ca. 800,- Euro zwar auch schon unmoralisch teuer und wahnsinnig im Preis geklettert in den letzten Jahren, aber er ist auch der einzige der richtig, richtig guten Vertretern dieser Gattung, der aktuell noch unter der magischen Marke von 1k liegt, während alle anderen der ganz wenigen vergleichbar guten oder noch besseren Velier Demeraras (z.B. Skeldon 1978, Diamond 1988, Albion 1986, Uitvlugt 1988, La Bonne Intention 1998) schon sehr, sehr weit über dieser Marke liegen, sogar teils deutlich jenseits der zwei- und der dreitausender Marke! 

Und so geht mein Dank heute natürlich in die Heide und nach Berlin, von wo ich meine Samples bekommen habe, die diese Erfahrung möglich machten. Vielen lieben Dank! Denn ja, die ursprüngliche Verkostung ist schon einige Monate her und fand damals noch mit einem Diamond 1996 Sample statt, bevor ich auf meinen eigenen Rat gehört und mir auf Grund meiner Erfahrung mit dem Diamond 1996 eine ganze Flasche davon gegönnt habe. Es muss ja nicht immer ein Urlaub sein... 


In diesem Sinne: bis demnächst!
Flo



Sonntag, 30. August 2020

Barbados, Rockley 1986 - Silver Seal vs. Duncan Taylor

Liebe Rum Gemeinde,

seit Ewigkeiten möchte ich mich heute einmal wieder mit dem alten Rockley Style von Barbados auf BAT beschäftigen, der über all die Jahre eine heimliche Liebe von mir war und noch immer ist. Es gibt, da sind sich nahezu alle einig, die ich zur engen Nerd-Szene in Deutschland zähle, aus Barbados keinen besseren Rum als jenen so genannten Rockley Style aus der West Indies Rum Distillery, der so viel mehr zu bieten hat als alles andere was aus Blackrock selbst, aber auch von den weiteren Destillerien Barbados' kommt.



Es war ein kalter Spätnachmittag im November 2011, als ich zum ersten Mal das Ladengeschäft von Andreas Schwarz in Preetz betrat. Ich hatte im Netz herausgefunden, dass es hier ganz in meiner Nähe ein Geschäft gibt, welches weit mehr Rum im Sortiment führt als (selbst gut sortierte) Supermärkte und so machte ich mich dorthin auf den Weg, nicht wissend, was mich erwarten sollte. Ich war zu jener Zeit noch ganz am Anfang meiner Rum Laufbahn und hatte außer Jamaica Rum noch nicht viel gesehen. Diese hatten es mir seinerzeit sofort angetan und auf diesen lag dementsprechend auch mein Augenmerk, als ich mich im Geschäft umsah. Mit Herrn Schwarz kam ich direkt ins Gespräch und es stellten sich zwei Dinge schnell heraus: zum einen nämlich, dass weder Andreas Schwarz ein gewöhnlicher Händler, noch ich ein gewöhnlicher Kunde war. Denn es war sowohl er auf seinem Gebiet weit kompetenter, als ich das bis dahin je irgendwo im Handel erlebt hätte, noch zeigte ich an den (damals wie heute) üblichen Verkaufsschlagern Zacapa oder Diplomatico auch nur das geringste Interesse. So stimmte die Chemie also direkt.

Lieber wollte ich Jamaica Rums. Am besten in Fassstärke. Kein leichtes Unterfangen damals! Und so ergab es sich, dass Herr Schwarz mir eine Abfüllung zeigte, die ich bis heute als bahnbrechend in Erinnerung habe: es stand noch eine Flasche Cadenhead's Cask Strength BRS (Rockley) Barbados Rum 16 YO Blackrock 1986 ganz oben links in seinem Regal! Ein Ladenhüter (auch, wenn sich das heute niemand mehr vorstellen kann)! Ich war sofort sehr interessiert, denn alte Cadenheads Bottlings waren (und sind es bis heute) ein Synonym für Qualität. Glücklicherweise kann man bei Andreas Schwarz fast alles an Rums was er im Verkauf hat auch probieren, so auch diesen. Also rein damit ins Glas und: *BÄÄÄM*! "Was zur Hölle ist das denn für ein geiler Scheiß?!" Das oder etwas ähnliches müssen meine ersten Gedanken dazu gewesen sein. So viel Kraft, so viel Flavour, aber gleichzeitig ohne dieses so brutale eines Jamaicaners... Unfassbares Erlebnis, bis heute vermutlich eines der schönsten im Rum Bereich überhaupt, weil es so unerwartet kam! Später wurden diese Momente rar, weil einen mit zunehmender Erfahrung immer weniger komplett überraschen kann, weil man so vieles schon kennt, aber damals war sowas noch möglich. Das erste Mal Rockley, ohne jede Erwartung, ohne jedes Wissen, was da gleich kommt. Die Flasche habe ich selbstverständlich sofort eingepackt (für 80,- Euro damals eine durchaus nicht ganz günstige Anschaffung) und meine Liebe für Rockley war geboren. In der Folge hielten der damals noch sehr kleine Kreis an Nerds und ich unsere Augen nach solchen Rums offen. Bezeichnender Weise wurde dann aber nur noch ein Rum überhaupt released, der es mit dieser Cadenhead-Abfüllung aufnehmen konnte, nämlich der Duncan Taylor WIRD 1986 im Jahr 2012. Diesen konnte kein Rockley vor oder nach ihm bisher toppen, was auch daran lag, dass danach so gut wie nichts mehr überhaupt auf den Markt kam.

Der heute vorgestellte Silver Seal ist, von einer Japan-Abfüllung, die leider wirklich nicht gut und auch nur äußerst schwer erhältlich war abgesehen, der erste abgefüllte 1986er Rockley seit dem Duncan Taylor 2012! Das ist acht Jahre her und damit länger, als sich die allermeisten da draußen überhaupt zur Rum Szene dazu zählen, die in den letzten Jahren um viele 100% im Vergleich zu damals gewachsen ist. Dementsprechend sind zwei Faktoren festzuhalten. Zum einen haben wir es dadurch schon fast mit einer gefühlten Premiere zu tun, zum anderen ist der gute Stoff aber ja auch mit gealtert und inzwischen schon stolze 33 Jahre alt und für 80,- Euro, wie der Cadenhead damals, nicht mehr zu haben. Im Gegenteil, ca. 600,- (!) Euro muss man inzwischen hinlegen, wenn man eine der Flaschen kaufen möchte, die Max Righi in diesem Sommer abgefüllt hat. Ob er das wert ist? Nun, diese Frage wird im Grunde sehr einfach im Fazit zu beantworten sein. Wenn es ihm gelingt den Duncan Taylor zu schlagen, dann durchaus, denn für diesen muss man inzwischen mehr als diese 600,- Euro auf den Tisch legen. Also sehen wir uns den Guten jetzt einmal genauer an!


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Vergleich der beiden Rockley Barbados Rums aus 1986 - Silver Seal 33 YO vs. Duncan Taylor 25 YO:

Preis: der Ausgabepreis für den Silver Seal bei Whisky Antique (gehört Max Righi, der gleichzeitig Inhaber von Silver Seal ist) liegt bei 603,90 Euro. Derzeit ist der zu diesem Kurs auch noch erhältlich. Der Duncan Taylor kostete damals ca. 90,- bis 110,- Euro ca. Heute kostet eine Flasche eher 800,- bis 1000,- Euro.

Alter: von Dezember 1986 bis Anfang 2020 reifte der Silver Seal 33 Jahre lang im Eichenfass. Der Duncan Taylor wurde schon im November 2012 abgefüllt und war somit zu diesem Zeitpunkt 25 (bzw. fast 26) Jahre alt.

Lagerung: die Reifung fand in beiden Fällen mutmaßlich vollständig in Europa statt.

Fassnummern: Silver Seal gibt als Fassnummer die #20 an, allerdings dürfte es sich dabei ausschließlich um eine interne Zählung handeln, was meinen Verdacht bestätigt, dass der Abfüller vermutlich keine bis kaum noch Fässer lagernd hat, sondern neue Bottling unmittelbar zuvor von Brokern erworben werden. Ergeben hat das Fass noch 179 Flaschen a 0,7 Liter, sowie 15 Magnum Flaschen. Duncan Taylor gab damals die Fassnummer #16 an, welches noch 244 Flaschen a 0,7 Liter ergab.

Angel's Share: unbekannt. Er dürfte aber bei jeweils ca. 30 bis 40% liegen. 

Alkoholstärke: der Silver Seal kommt mit einem Alkoholgehalt von 58,8% vol. um die Ecke. Diese dürften der Fassstärke nach 33 Jahren im Fass entsprochen haben. Der Duncan Taylor wies noch 52,7% vol. auf, was bedeutet, dass er wohl um mindestens 10% vol. "beraubt" wurde. 

Destillationsverfahren: Pot Still.

Mark: BRS (Rockley)

Farbe: dunkles, goldenes Stroh beim Silver Seal, minimal aber merklich kräftiger als der Duncan Taylor. 

Viskosität: unregelmäßige aber parallele Schlieren fließen beim Silver Seal langsam und zähflüssig an der Glaswand herunter. Beim Duncan Taylor sieht es ähnlich, aber etwas öliger aus. Zudem fließen hier die Schlieren schneller.

Silver Seal Barbados Rockley 1986 im Glas
Nase: ich lasse beide Rums zunächst einmal eine gute Stunde atmen, bevor ich mich an die Verkostung setze. Dann aber sind beide auch direkt voll da! Der Silver Seal macht zunächst einen kräftigeren Eindruck als der Duncan Taylor, der eher etwas verhaltener und subtiler daher kommt. Dem Silver Seal merkt man auch die über 30 Jahre im Fass direkt an. Nicht negativ, aber eine gute Portion Holz kommt da schon direkt mit, während der Duncan Taylor eher noch diese klassische Rockley-Mischung aus Honig und Rauch aufweist und die in jüngeren Jahren natürlich eher weniger von Tanninen geprägt war. Beide Rums machen einen sehr tiefen, reichhaltigen und komplexen Eindruck und auch der Alkohol ist bei beiden jeweils exzellent eingebunden. So etwas wie alkoholische Schärfe findet für mein Empfinden nicht statt. Es braucht einige Momente und man muss sich so ein wenig an die beiden herantasten, bis sie ihr Bouquet in vollem Umfang offen legen. Der Honig kommt beim Silver Seal immer noch ganz gut durch, auch eine gewisse natürliche Süße ist vorhanden, den Rauch allerdings muss man schon sehr mit der Lupe suchen. Dieser scheint tatsächlich so ein wenig den Tanninen gewichen zu sein. Diese nehmen nämlich durchaus schon eine zentrale Rolle in diesem Orchester an Sinneseindrücken ein, das darüber hinaus auch noch eine sehr prägnante Assoziation zu Leder hervorzurufen vermag, sowie einiges an Vanille und Nelke für mich bereit hält. Erst ganz nach hinten heraus habe ich auch leichte Röstaromen und Rauch. Aber im Vergleich zu jüngeren Vertretern spielt dieser Part wirklich nur eine marginale Rolle. Anders der Duncan Taylor. Das ist an dieser Stelle noch wesentlich mehr klassischer Rockley als wir es nebenan beim Silver Seal sehen. Hier habe ich Rauch, hier habe ich Honig, hier habe ich Leder, hier habe ich alles was das Rockley-Herz begehrt! Einzig: im direkten Vergleich bilde ich mir ein, dass man die Verdünnung spürt. Der Silver Seal ist der zweifelsohne intensivere der beiden! Dieses Phänomen hatte ich ja auch bei den Port Mourants schon beobachtet. Damals fiel das nicht so auf, da es zu den Duncan Taylor Bottlings anno 2012 keine vergleichbare Konkurrenz gab, aber nun, wo es diese Jahrgänge auch noch einmal in Fassstärke gibt, kann man das nicht leugnen. Einen Sieger zu finden fällt mir in der Nase daher zunächst noch schwer, da ich zwar diesen Rockley-Rauch (nicht zu verwechseln mit Islay Rauch z.B.!) extrem feiere, aber gleichzeitig eben auch Tannine und die Intensität einer Fassstärke sehr, sehr, sehr schätze. Nach ca. zwei Stunden allerdings liegt der Silver Seal dann doch vorn in der Nase. Die klar stärkere Intensität und ein schlicht merklich volleres Bouquet geben den Ausschlag. Der Duncan Taylor hingegen retardiert in seiner Entwicklung im Glas und wirkt schließlich schon fast verhalten gegen den Silver Seal.

Duncan Taylor Barbados Rockley 1986 im Glas
Gaumen: am Gaumen macht sich das Plus an Reife beim Silver Seal zunächst kaum bemerkbar und wenn, dann auf keinen Fall negativ! Der Rum hat einen richtig geilen Rockley -Geschmack, wie er im Buche steht! Dieser kommt auch direkt voll heraus, denn alkoholische Schärfe oder ähnliches sind komplett abwesend. Selbst größere Schlücke sind kein Problem, im Gegenteil, hier legt der Rum nochmal zu! Beim Duncan Taylor sieht es tendenziell ähnlich aus, allerdings merkt man diesem zu Beginn seine Verdünnung an. Nicht stark oder gar störend, aber eben merklich. Das verwundert mich vor allem insofern, als dass mir das bisher nie so deutlich auffiel, aber im direkten Vergleich kommt das ganz eindeutig heraus. Der Silver Seal kommt geschmacklich erst einmal richtig schön süß daher, nicht künstlich natürlich, sondern das ist eher wie flüssiger Honig. Richtig genial! Der in der Nase noch so vermisste Rauch ist nun auch am Start und sorgt dafür, dass für Rockley Fans nun wirklich keine Wünsche mehr offen bleiben und diese voll und ganz auf ihre Kosten kommen. Der 33 YO ist wahnsinnig intensiv! Mit zunehmender Verweildauer am Gaumen wird er darüber hinaus cremiger. Nun spielen auch die Tannine mit rein, die sich in Form von toll harmonierenden Röstaromen wunderbar passend ins Destillat mit einbringen. Man muss sich das vorstellen wie eine Art Funkenflug. Immer wieder prasseln kleine Funken in den Rockley hinein und sorgen so für zusätzliche Unterhaltung. Überhaupt passen die Tannine hier richtig gut hin, bringen den Rum nochmal voran und fügen Rockley als Stil noch einmal ein komplett neues Kapitel hinzu, denn die bisherigen Vertreter waren eben sehr viel jünger. Das ganze hat zeitweise was vom Velier Monymusk 1995 oder auch von einigen Worthy Parks. Nach hinten heraus habe ich ordentlich Anis, was ich von vielen lange gereiften Rums kenne. Sehr, sehr schön! Beim Duncan Taylor habe ich gleichsam positive Eindrücke. Hier bekommt man tatsächlich das komplette Rockley-Aromenfeuerwerk! Der Rum spielt seine seit vielen Jahren bekannten Vorzüge von vorne bis hinten aus, kann mit jeder Menge Waldhonig, Rauch, Anis, leichter Banane, Vanille und anderer Gewürze aufwarten. Am Gaumen habe ich hier nicht weniger als einen nahezu perfekten Rum vor mir! Wie der Silver Seal wird auch der Duncan Taylor mit der Zeit immer cremiger und leckerer. Der Rum hat viel Kraft, spielt diese aber sehr viel subtiler aus als beispielsweise Rums aus Jamaica. Judo statt Kickboxen. Dazu kommen auch beim Duncan Taylor schon gute Holznoten und eine dezente, angenehme Bitterkeit. Das Holz ist definitiv super eingebunden, ein richtig geiler Rum!

Abgang: ein schöner langer Abgang beim Silver Seal, mit zunächst noch ordentlicher Rest-Süße von Pfirsichen und von Waldhonig, dazu Anis. Erst dann wird der Rum trockener. Röstaromen gesellen sich nochmal dazu, wieder Funkenflug. Geil! Der Duncan Taylor dagegen kommt schon direkt zu Beginn gut tanninig und weniger süß daher als der Silver Seal. Honig und Rauch geben nochmal alles. Auch der Duncan Taylor verbleibt sehr lang, zeigt sich aber durchgehend bitterer und trockener als der Silver Seal.

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Fazit: Zwei mal Rockley 1986, zweimal absolute Weltklasse! So einfach kann es manchmal sein! Der Silver Seal als auch der Duncan Taylor sind (gemeinsam mit dem Rendsburger Bürgermeister Rockley 1986, den man allerdings nicht mehr bekommen wird) sind unstrittig das beste, was Rockley bisher insgesamt je zu bieten hatte und damit natürlich auch gleichzeitig das beste, was die gesamte Insel Barbados bisher je zu Gesicht bekommen hat! Wenn man diese beiden Vertreter dieses so einmaligen Stils im Glas hat, dann fällt es einem schon schwer zu verstehen, warum ansonsten nahezu nur langweiliger, austauschbarer Stoff von Barbados kommt. Und das bezieht sich sowohl auf die anderen Destillerien Barbados', als auch auf die West Indies Rum Distillery selbst, deren üblicher Rum im Vergleich zu den Rockleys leider auch null und gar nichts taugt. Warum W.I.R.D. ausschließlich in den Jahren 1986 und 2000 größere Mengen dieses Stils produziert hat ist leider nicht bekannt, aber es ist definitiv sehr schade! Diese Rums sind die einzigen Bajan Rums, die im absoluten High End Bereich mithalten können! Welcher der beiden heute verkosteten Rums nun der bessere ist, ist für mich schwer zu sagen. Der Silver Seal besticht auf jeden Fall durch seine enorme Intensität, seine Reife und mit dem damit einhergehenden Einfluss der Tannine. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass wer mit Tanninen seine Schwierigkeiten hat unter Umständen beim Duncan Taylor besser aufgehoben wäre. Dieser ist der definitiv stiltypischere Vertreter, der sich vermutlich am Zenit seiner Reifung befunden hat und für Rockley-Puristen schon seit Jahren nicht weniger als der Heilige Gral darstellt. Zurecht! In voller Fassstärke wäre der Duncan Taylor vermutlich nahe an die 100 Punkte Marke herangeklettert. Versteht mich nicht falsch, der Rum ist mitnichten Verwässert, aber ich stehe in aller Regel eben auf keinerlei Zugabe von Wasser und dem Duncan Taylor merkt man diese -wenn auch nur minimal- an. Das nimmt ihm etwas von der Intensität, die mir beim Silver Seal so gefällt, allerdings gleicht er das durch etwas mehr Komplexität, eine perfekte Ballance und totale Ausgewogenheit locker aus. Beide Rums für sich sind einfach der Hammer! Einziges Manko: die Preise und die Verfügbarkeit. Wir befinden uns hier eindeutig im Bereich über 500,- Euro und von beiden Abfüllungen zusammen gab es kaum etwas mehr als 400 Flaschen! Das ist extrem wenig, vor allem im Hinblick darauf, dass vom Duncan Taylor das allermeiste inzwischen ausgetrunken sein dürfte. Wer den Rockley Style richtig geil findet und voll drauf abfährt, dem lege ich eine Investition durchaus nahe, denn wer weiß ob man anders und vor allem günstiger nochmal dran kommt, aber andererseits würde ich auch jedem, der mit Rockley noch nie in Berührung kam auch empfehlen sich erstmal ein Sample zu besorgen. Denn Rockley ist speziell und gilt in Nerd Kreisen als einer der typischsten Vertreter der Kategorie "Love it or Hate it". Ich persönlich zähle, das ist zu guter Letzt keine Überraschung mehr, zu ersterer Gruppe. Ich liebe diesen Stoff!


Silver Seal:
 -95/100-

Duncan Taylor: 
-93/100-*


*Rating wurde nach Crosstasting mit dem Silver Seal 1986 und dem RA 1986 im Januar 2021 um zwei Punkte nach unten korrigiert.


Ein Dank geht abschließend an Malte, der den Silver Seal und an Niki, der den Duncan Taylor geteilt hat. Vielen Dank an euch beide!

Bis demnächst,
Flo