Posts mit dem Label Historisches werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Historisches werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 14. Februar 2021

Gardel Distillery: The Lost (but still unsung) Rhum

Liebe Rum Gemeinde,

heute möchte ich mich nach längerer Zeit einmal wieder meiner heimlichen Liebe der letzten Jahre widmen, die meines Erachtens noch viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte: Gardel! Doch bevor ich euch in den nächsten Wochen noch einige der besten Rums dieser verschwundenen und bisher wenig beachteten Destillerie vorstelle, u.a. kommen diese von Cadenhead, Silver Seal und Moon Import, habe ich heute zunächst noch etwas Theorie für euch!

Source: lantenne.com

Rund um den Globus bekommen Connaisseure inzwischen leuchtende Augen, wenn von Old Demerara RumHampden, Long Pond oder Caroni die Rede ist. Längst sind Abfüllungen aus diesen (teils auch bereits seit langem geschlossenen) Destillerien keine Geheimtipps unter Nerds mehr, sondern extrem gesucht und daher auch preislich leider durch die Decke gegangen. Bei Caroni ist dafür, neben der Tatsache, dass Luca Gargano sich in besonderer Weise dafür eingesetzt hat der Welt zu zeigen, welch großartiger Stoff dort produziert wurde, in nicht unerheblichem Maße dessen Status als Lost Distillery verantwortlich, nachdem die Brennerei anfangs des Jahrtausendes geschlossen wurde und somit kein Rum mehr nachproduziert werden kann. So weit, so nachvollziehbar. Doch heute möchte ich euch mit Gardel auf Guadeloupe eine weitaus weniger bekannte Destillerie vorstellen, die durchaus beweist, dass eine Schließung allein noch lange nicht automatisch auch mit Jahrzehnte darüber hinaus reichendem Ruhm einher gehen muss. Einer Destillerie, die beweist, welch eine Sonderstellung Caroni in diesem Punkt in der Rum Welt also tatsächlich innehat, eine Sonderstellung, die eben ganz eng mit dem Namen Luca Gargano verknüpft ist, der wie kein zweiter das Talent besitzt, Menschen für Rum zu begeistern. Gardel beweist viel mehr, dass eine Schließung im Rum Bereich im Normalfall dann doch eher dazu führt, dass eine Destillerie und ihr Rum ganz unromantisch und ohne großen Ruhm einfach mit der Zeit vergessen werden und von den Landkarten dieser Welt verschwinden. Unzählige Destillerien hat dieses Schicksal bereits ereilt. 

Ich entdeckte Gardel für mich dann auch, wie zum Beweis, eher durch großen Zufall und ein schon im Jahr 2002 abgefülltes The Secret Treasures Bottling im vergangenen Frühjahr 2019. Nun könnte man meinen, dass da möglicherweise ein Stil einfach nur an mir vorbeigegangen ist, nicht an der Allgemeinheit, aber ich erlebe seither und wann immer ich Menschen von Gardel vorschwärme, dann doch immer wieder die gleichen fragenden Gesichter. Kaum jemand mit dem ich bisher sprach hatte schon einmal von Gardel gehört. Nur wenige konnten mit dem Namen zumindest etwas anfangen, hatten ihn immerhin schon einmal irgendwo gehört. Noch weniger hatten schon mal einen Gardel im Glas. Allerdings waren sämtliche meiner Rum Freunde, denen ich dann einmal einen Gardel eingeschenkt habe, im Anschluss restlos geflasht! Trotzdem ist Gardel alles andere als populär oder gar Trend und das wiederum heißt auch, dass zu Gardel ungleich weniger Informationen zu finden sind, als zu den meisten anderen und wesentlich gefragteren Destillerien. Auch bei den Zugriffszahlen meiner Reviews zu Gardel Rums war das deutlich zu merken, dass sie deutlich unter denen von bekannteren Rums lagen. Das Interesse an Gardel war bisher also, sagen wir mal, um es positiv zu formulieren, ausbaufähig. Dennoch wage ich den Versuch, euch Gardel heute einmal etwas näher zu bringen und den Schleier, der die ehemalige Brennerei umgibt, zumindest ein wenig zu lüften. Denn um eines direkt vorweg zu nehmen: im Gegensatz zu vielem anderen eher unbekannterem was uns die Rum Welt da draußen noch bietet, was zwar sicher nicht schlecht, für mich aber weit weg ist vom absoluten High End Niveau, gehört Gardel, zumindest in seiner Spitze, für ohne Zweifel zu den fünf besten und interessantesten Destillerien die ich insgesamt kenne! Sie steht für mich zweifelsohne in einer Reihe mit Caroni, Hampden oder den alten Demerara Rums (zugegeben, als ganzes gesehen)! 


1. Standort:

Gardel war eine Destillerie in der gleichnamigen Siedlung Gardel, die zur Gemeinde Le Moule gehört, gelegen im Osten der zu Guadeloupe gehörenden Insel Grand Terre und nur unweit der letzten noch Rum produzierenden Destillerie auf der Insel, nämlich Damoiseau. Guadeloupe ist seit dem 19. März 1946 französisches Übersee-Departement und somit heute Teil der EU. Gardel als solches existiert, anders als z.B. Caroni, allerdings nach wie vor und ist einer der größten Produzent von Zuckerrohr der gesamten Karibik. Die Zucker-Fabrik ist also, im Gegensatz zur Destillerie, noch aktiv, lediglich die Brennapparate wurden vor vielen Jahren demontiert. 

Source: researchgate.net


Auf einer Karte Guadeloupes, auf der sämtliche noch aktiven Destillerien des französischen Übersee-Departements verzeichnet sind, fehlt Gardel folgerichtig bereits. Die Nähe zu Damoiseau ist hingegen gut zu erkennen:

Source: rumporter.com



2. Geschichte und allgmeine Informationen:

Viel ist es leider tatsächlich nicht, was wir wissen. As gesichert gilt aber, dass Gardel im Jahr 1870 vom sog. "Zuckerbaron", dem Générale Sucrière, gegründet wurde und seither und noch bis heute Zucker produziert. Von 1870 bis 1992, insgesamt also 122 Jahre lang, wurde dort auch Rum gebrannt, allerdings wurde laut Bristol Spirits in jenem Jahr deren Column Still demontiert und damit das Kapitel Rum bei Gardel für immer geschlossen. Ob es zu einem früheren Zeitpunkt überhaupt noch andere Stills dort gegeben hat ist vollkommen unklar, aber laut Bristol endet die Geschichte des Rums von Gardel auf jeden Fall ultimativ in 1992. Die tschechische Seite "Peter's Rum Labels" zitiert Bristol Spirits dazu wie folgt aus der Zeit um 2003:

"Sadly, although the Gardel estate still produces sugar, its column or patent still, made it's last drop of rhum in 1992 - and this is it [ie. Classic Rum of Bristol Spirits Limited]. In that year, after 122 years of continuous production, the still was demolished."

Leider funktioniert der Link, der auf der Seite als Quelle angegeben wird inzwischen nicht mehr, allerdings halte ich das Zitat für vertrauenswürdig, da an dieser Stelle seit vielen, vielen Jahren mit viel Akribie Informationen gesammelt werden und ich mich auch daran erinnere, dass die Seite vor ca. 10 Jahren noch aufrufbar war, als ich mich in meiner Anfangszeit viel durch dieses schon damals sehr umfangreiche Archiv klickte. Nicht zuletzt auf Grund dieser Information aber dürfte 1992 wohl der letzte Jahrgang der Destillerie gewesen sein. Vereinzelt gibt es zwar unabhängige Abfüllungen aus 1998 die laut Label aus Gardel stammen, allerdings müssen es sich dabei, folgt man der obigen Auffassung, definitiv um Labelfehler halten und diese Rums jeweils von Damoiseau/ Bellevue kommen. Das liegt auch insofern nahe, als dass 1998 für Damoiseau/ Bellevue ein unglaublich starker Jahrgang mit hohem Output war. Dennoch sind geschmackliche Ähnlichkeiten und Parallelen von Gardel und Damoiseau teilweise nicht von der Hand zu weisen (man probiere z.B. die 1991er Originalabfüllung von Damoiseau), weswegen ich vereinzelte Hinweise, dass man bei Damoiseau teilweise noch heute mit Melasse der Zuckerproduktion bei Gardel arbeitet, als sehr stichhaltig empfinde. 

Gegründet wurde die Zuckerfabrik und Brennerei Gardel, wie eingangs erwähnt, im Jahr 1870 in Grande-Terre's Moule vom „Générale Sucrière“, dem „Zuckerbaron“. Es ist heute eine der größten Zuckerraffinerien der Welt und die einzige aktive auf Guadeloupe. Gardel besitzt eine 934 Hektar große Zuckerrohrplantage und arbeitet mit mehr als 2.500 Zuckerrohrbauern auf Guadeloupe zusammen. Mit seinen fünf modernen dampfbetriebenen Mühlen verarbeitet Gardel das gesamte Zuckerrohr der Hauptinsel (jährlich: 600.000 Tonnen), um verschiedene Sorten Zucker (60.000 Tonnen), Melasse (25.000 Tonnen), Biomasse / Bagasse (180.000 Tonnen), Ethanol und einst auch R(h)um zu produzieren. Aus welchen Gründen auch immer, das kann ich leider nicht nachvollziehen, wurde die Column Still Gardels 1992 demontiert. Seitdem gilt Gardel als Lost Distillery. 


3. Destillation und Stil:

Gardel produzierte seine Rums, zumindest jene die noch bekannt sind, im Column Still Verfahren und auf der Basis von Melasse. Auf diversen Labeln wird zwar von Rhum Agricole gesprochen, also von Rhum auf der Basis von frisch gepresstem Zuckerrohrsaft, doch die Sensorik spricht da eine doch sehr eindeutige Sprache zugunsten von Melasse. Zu den Brennapparaten selbst, der Fermentation oder gar verschiedenen Marks lässt sich im Netz zu meinem Bedauern überhaupt nichts herausfinden und ich kam auch mit diversen Anfragen im französischsprachigen Raum leider nicht weiter. Nirgends sind die Informationen zu Gardel spärlicher als in diesem Punkt. 


Einige Flaschen Gardel aus einer 2020er FT



4. Bekannte Jahrgänge:

Im Gegensatz zu Hampden, Long Pond oder Caroni gibt es aus der Gardel Distillery nur äußerst wenig bekannte Jahrgänge, von denen sogar einer noch unbestätigt ist, nämlich das Vintage 1973, und einer, der Jahrgang 1998, ein fälschlich als Gardel gelabelter Jahrgang von Bellevue/Damoisseau ist. Im Jahr 2021 erschien nochmal ein gänzlich neuer Jahrgang, als Spirit of Rum mit Dirk Becker einen Gardel aus 1983 in die Flasche brachten. Dieser reifte unglaubliche 38 Jahre im Fass, davon 17 unter der tropischen Sonne Guadeloupes. Diese Info ist überaus spannend, denn vieles spricht dafür, dass unter diesem Gesichtspunkt sämtlich Rums von Gardel im Jahr 2000 nach Europa kamen. Das ergäbe auch Sinn, da kein Gardel Bottling für die Zeit vor 2000 bekannt ist.

Gardel Vintage

Bottlings

Style

Still Type

Comments

1973

Compagnie Des Indes „KAIMAN“ - 46% vol. (Part)

?

Pot- & Column Still

Not confirmed by the bottler

1977

Silver Seal 32 YO Gardel – 50,8% vol.

Rhum Agricole

?

but certainly molasses based

1982

Cadenhead Cask Strength 18 YO Gardel – 57,2% vol.

Rhum Agricole

Column Still

but certainly molasses based

Cadenhead Cask Strength 20 YO Gardel – 57,8% vol.

Rhum Agricole

Column Still

but certainly molasses based

Moon Import 18 YO Gardel – 46% vol.

Rhum Agricole

Pot Still

but certainly molasses based & Column Still

1983

Spirit of Rum 38 YO Gardel – 46,6% vol.

?

Column Still

certainly molasses based

1989

The Secret Treasures 13 YO Gardel – 42% vol.

?

?

certainly molasses based

The Secret Treasures 14 YO Gardel – 42% vol.

?

?

certainly molasses based

1992

Bristol Classic Rum 10 YO Gardel – 46% vol.

?

Column Still

certainly molasses based

Douglas Laing „Caribbean Reserve“ 9 YO Gardel – 46% vol.

?

?

certainly molasses based

Moon Import 11 YO Gardel – 46% vol.

Rhum Agricole

Pot Still

but certainly molasses based & Column Still

The Secret Treasures 11 YO Gardel – 42% vol.

?

?

certainly molasses based

1998

Alchemist 10 YO Gardel – 46% vol.

?

?

Most certainly Bellevue/Damoisseau and molasses based

Port Royal 10 YO Gardel – 46% vol.

?

?

Most certainly Bellevue/Damoisseau and molasses based

Renegade 11 YO Gardel – 46% vol.

?

?

Most certainly Bellevue/Damoisseau and molasses based


4.1. Sämtliche, mir bekannten Abfüllungen die definitiv aus Gardel stammen:

- Bristol Spirits Guadeloupe Rum 10 YO Gardel 1992 - 46% vol. (Ex-French Cask)
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 57,2% vol.
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 20 YO Gardel 1982 - 57,8% vol.
- Caribbean Reserve Guadeloupe Rum 9 YO Gardel 1992 - 46% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 46% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 9 YO Gardel 1992 - 46% vol.
- Silver Seal Guadeloupe Rum 32 YO Gardel 1977 - 50,8% vol.
- Spirit of Rum Guadeloupe Rum 38 YO Gardel 1983 - 46,6% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 13 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 11 YO Gardel 1992 - 42% vol.


5. Rums aus Gardel, die ich bereits im Glas hatte:

- Bristol Spirits Guadeloupe Rum 10 YO Gardel 1992 - 46% vol. (Ex-French Cask)
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 57,2% vol.
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 20 YO Gardel 1982 - 57,8% vol.
- Caribbean Reserve Guadeloupe Rum 9 YO Gardel 1992 - 46% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 46% vol.
- Silver Seal Guadeloupe Rum 32 YO Gardel 1977 - 50,8% vol.
- Spirit of Rum Guadeloupe Rum 38 YO Gardel 1983 - 46,6% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 13 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 11 YO Gardel 1992 - 42% vol.


Meine aktuellen Top 5 Rums aus Gardel: 

- Cadenhead Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 57,2% vol.
- Cadenhead Guadeloupe Rum 20 YO Gardel 1982 - 57,8% vol.
- Silver Seal Guadeloupe Rum 32 YO Gardel 1977 - 50,8% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 46% vol.
- Spirit of Rum Guadeloupe Rum 38 YO Gardel 1983 - 46,6% vol.




Quellenverweise:

- https://www.erudit.org/en/journals/bshg/2015-n171-bshg02057/1032943ar/


Sonntag, 31. Januar 2021

RA Barbados Rum 34 YO W.I.R.D. "Rockley Style" 1986

Liebe Rum Gemeinde,

heute ist mal wieder so ein Tag, an dem ich an einer dieser Reviews sitze, bei denen ich vor lauter freudiger Erwartung schon gar nicht mehr weiß, wo genau ich eigentlich anfangen soll. Eine Vorfreude, die schon seit Monaten darauf wartet, sich endlich Bahn brechen zu dürfen und nun ist es endlich so weit: Rockley-Festtagsstimmung auf Barrel Aged Thoughts! 


Der so genannte "Rockley Style" ist ein Rum Stil, der mich schon sehr, sehr lange auf meiner Reise durch die flüssige Kulinarik der Karibik begleitet. Seit einem kalten, ungemütlichen Abend im November 2011, um genau zu sein. In meiner Review zu den beiden 1986er Duncan Taylor und Silver Seal vom letzten Jahr habe ich diese Geschichte um meinen ersten Besuch bei Herrn Andreas Schwarz in Preetz ausführlicher dargelegt. Wer da Zeit und Lust hat, kann sich dieser Lektüre gern noch einmal annehmen. Das würde ich allerdings auch davon ganz abgesehen jedem empfehlen noch einmal zu tun, denn die beiden dort begutachteten Rums sind auch für meinen heutigen Rum die Benchmark, die es zu schlagen gilt. 

Der Duncan Taylor behauptet diese Position im Grunde seit 2012 schon durchgängig für sich. Damals kam dieser mit 25 Jahren in die Flasche und war einer der eher wenigen Rockley, der mit mehr als nur 46% vol. in die Flasche kam. In der Folge hingegen wurde es dann ruhig um den Rockley Style aus 1986 - um nicht zu sagen: mucksmäuschenstill! Denn leider kam da die Jahre danach nämlich nichts mehr wirklich nach (den Jahrgang 2000 sehe ich als qualitativ nicht vergleichbar an), weswegen ich den Stil auch bereits verloren geglaubt hatte. Der Silver Seal hat uns im Sommer 2020 dann wiederum alle überrascht und auch verzaubert. Denn es zeigte sich bei der Verkostung, dass er definitiv dazu in der Lage war den Duncan Taylor herauszufordern. Im Ergebnis schaffte er es zwar nicht ihn zu übertrumpfen, meines Erachtens, aber er hat sich ergänzend und auf Augenhöhe an dessen Seite gestellt, was ich schon sehr beachtlich finde, angesichts der enormen Qualität des Duncan Taylor! Und nun schließlich kommt mit dem Rum Artesanal zu Beginn des Jahres 2021 dann direkt der nächste Rockley, der es sich zutrauen darf, es mit den beiden aufzunehmen! Inwieweit es ihm gelingen wird? Das schauen wir uns gleich an! 


Zum Rockley-Style:

Zuvor allerdings möchte ich noch ein paar Einwürfe zu "Rockley" selbst machen, bzw. eben zum "Rockley"-Style. Denn die Geschichte darum gehört zu den geheimnisvollsten, die die moderne Rumszene zu bieten hat (zumindest, wenn wir das ganze einmal auf die Geheimnisse positiver Konnotation reduzieren). Um diese in ihrer Gesamtheit darzulegen müsste ich nun vermutlich zu weit ausholen und plane das an anderer Stelle auch noch zu tun, daher schaue ich, dass ich heute erst einmal nur die wesentlichsten Punkte herausstelle. 

Zunächst einmal muss ich mit der Annahme aufräumen, es könne sich bei dem Rum um Rum aus einer Rockley Destillerie handeln. Es gab zwar früher eine Rockley Destillerie auf Barbados, aber diese existiert schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Was hingegen noch existiert, ist deren mutmaßliche alte Pot Still, die Rockley Still, die auf einigen Flaschenlabeln auch immer mal wieder angegeben wurde. Diese steht heute bei der West Indies Rum Distillery (W.I.R.D.) auf Barbados - wurde tatsächlich aber seit wiederum vielen Jahrzehnten auch schon nicht mehr genutzt, und zwar auch schon weit vor 1986 nicht mehr. Auch sie scheidet als Urheber für diesen Rum aus. Was also erstmal klingt wie eine dieser Stories aus Guyana, wo oft heute noch mit uralten Brennblasen längst vergangene Stile noch produziert werden, entpuppt sich hier als Trugschluss. Die Frage an dieser Stelle lautet also: wie kam der Name Rockley zum 1986er Batch der W.I.R.D.? Ist es wie bei einigen anderen Guyana Rums z.B., wo heute ebenfalls keine Brennblase mehr existiert und der gesamte Stil durch vollkommen anderes Material hergestellt wird? Oder handelt es sich bei der Namensgebung um reine Willkür, immerhin taucht der Name Rockley erst seit Mitte-Ende der 1990er Jahre überhaupt im Zusammenhang mit Rum der W.I.R.D. auf. Das kann leider noch immer niemand hinreichend beantworten. Zwar wird, was auf die zweite Möglichkeit der modernen Namensfindung zielt, immer wieder John Barrett als Urheber dieses Mythos genannt, aber inwieweit das stimmt, darf doch bezweifelt werden, immerhin stammt die älteste mir bekannte 1986er Abfüllung die den Namen Rockley auf dem Label trägt nicht von Bristol, sondern von Velier. Sie wurde bereits 1997 abgefüllt (sollte laut Label sogar aus der Rockley Distillery stammen) und damit ein Jahr bevor John Barrett unter dem Bristol Logo seinen ersten 1986er abfüllte. 

Weiter muss man sich aber vor allem auch die Frage stellen: um was für Rum handelt es sich bei diesen "Rockleys" eigentlich? Denn wer schon einmal einen "Rockley" und einen herkömmlichen Rum aus der Gregg's Farm Pot Still der W.I.R.D. im Glas hatte der wird sehen: das sind Rums wie Tag und Nacht, gar nicht miteinander vergleichbar! Was also lief bei diesem "Rockley" Style anders? Auch hier müssen wir bedauerlicherweise noch zu großen Teilen im Trüben fischen. Zwar gibt es einige Erklärungsansätze und Theorien, aber bisher leider keinen einzigen hinreichenden Beweis. Das ist zwar einerseits schade, habe ich doch irgendwie immer den Drang so etwas bis ins Detail entschlüsseln zu wollen, aber auf der anderen Seite macht das den Mythos Rockley auch irgendwo aus. Die geläufigen Erklärungsansätze reichen von der Fermentation mit Meerwasser, über die Nutzung eines weiteren Brennapperats (der Vulcan Chamber Still) bis hin zu der Frage, zu welchem Zweck dieser Stil eigentlich hergestellt wurde. Hier wiederum würde ich auf eine ähnliche Nutzung wie bei Hampden oder Caroni tippen, das heißt, dass dieser Stil vielleicht lediglich das Flavouring Material von W.I.R.D. war oder ist und nur aus 1986 und 2000 (sowie vereinzelter noch früherer Jahrgänge) ein eventueller Überschuss einfach nach Europa verkauft wurde. Somit könnte der sog. "Rockley" Style am Ende auch einfach nur die Essenz von W.I.R.D. sein, vergleichbar mit eben den Heavy Rums von Caroni oder Hampden DOK. Und das wiederum hieße, dass vielleicht auch "Rockley" ursprünglich nie zum trinken gedacht war, sondern von Scheer eher für eine Nutzung in der Lebensmittelindustrie eingekauft wurde. Allerdings zeigt es sich gerade im High-End-Bereich von Rum immer wieder, dass vor allem diese Rums, die nie dazu bestimmt waren pur im Glas eines Endverbrauchers zu landen, bei jenen am Ende die Augen stärker zum Leuchten bringen, als es die allermeisten anderen Rums je zu vermögen wissen. 

Und zu guter Letzt ist es möglicherweise noch wichtig zu erwähnen, dass der 1986er Rum aus der W.I.R.D. unter noch weiteren Namen auf dem Label bei diversen IB erschien. Zum Teil wurde die Destillerie auch unter den Namen West Indies Rum Refinery (W.I.R.R.) oder Blackrock Distillery geführt. Solltet ihr also Bajan Rums aus 1986 finden, die einen dieser Namen tragen: nein, das ist nichts anderes, das ist das gleiche Batch! ;-)


Aus Gründen der Transparenz sei, bevor wir nun zur Verkostung selbst kommen, an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich ein Sample zur Verkostung dieses Rums, sowie eine ganze Flasche des Rums zu Fotozwecken gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 

Picture by Dominik Marwede


Verkostung des RA Barbados Rum 34 YO W.I.R.D. "Rockley Style" 1986:

Preis: die unverbindliche Preisempfehlung des Rockley liegt bei 329,90€ / 0,5 Liter.

Alter: von Dezember 1986 bis Januar 2021 durfte der Rum insgesamt ziemlich genau 34 Jahre im Fass reifen. 

Lagerung: Continental Aging - der Rum lagerte während der gesamten Zeit seiner Reifung in Europa. 

Fassnummer: die interne Fassnummer lautet #210. Dieses Fass ergab nur noch 162 Flaschen a 0,5 Liter. 

Angel's Share: etwa 58% des Fassinhaltes gingen an die Engel. 

Alkoholstärke: der Rum kommt in Fassstärke daher und weist einen Alkoholgehalt von 53,7 % vol. auf. 

Destillationsverfahren: die offizielle Angabe lautet, dass der Rum im Pot Still Verfahren destilliert wurde. Über die genaue Verfahrensweise herrscht aber große Unklarheit, verschiedene Theorien dazu kursieren (s.o.). 

Mark: BBR (former BRS and WIRR) "Rockley Style"

Farbe: kräftiges, goldenes Stroh.

Viskosität: der Rum verläuft langsam und zähflüssig in eher weiten, regelmäßigen und parallelen Schieren an der Glaswand hinab.

Nase:
 Breathtaking! Absolutely breathtaking! Ca. eine Stunde habe ich das ganze jetzt atmen lassen und kann nur positiv geschockt vor meinem Glas sitzen: denn in diesem finde ich Rockley-Essenz vor! Der Rum hat, verglichen mit dem Duncan Taylor, deutlich an Kraft, Intensität und auch an Reife gewonnen. Trotz dessen, dass beide einen sehr ähnlichen Alkoholgehalt aufweisen, beim Duncan Taylor sind es 52,7, beim RA noch 53,7% vol., kommt der RA deutlich stärker daher, wenn gleich ich größten Wert drauf lege, dass das an dieser Stelle ausschließlich positiv ausgelegt wird (der Alkohol ist hier wirklich fantastisch eingebunden!). Oder mit anderen Worten: die Verdünnung des Duncan Taylor anno 2012 ist deutlich wahrzunehmen, genau wie schon beim Crosstasting gegen den Silver Seal im Sommer! Im Bouquet dominieren beim RA natürlich der Waldhonig in toller Kombination mit einer ordentlichen Portion Rauch, viel Vanille und tatsächlich auch deutlicher Mango. Hier hat der Dominik in seinem Promo-Video also mal voll ins Schwarze getroffen. Chapeau! Über all dem liegt dann auch immer wieder so eine richtig schöne, schwere Süße, etwas, was dem Duncan Taylor imho so ein wenig fehlte, so dass man wirklich schon beinahe das Gefühl bekommt, an einem Glas Honig zu sitzen, in dem ein wenig Anis und andere Gewürze schwimmen, Schiefer, sowie auch etwas an Tanninen. Letztere fallen hier allerdings wesentlich gemäßigter aus als beim Silver Seal, so dass der RA noch einmal mehr klassischer Rockley Style ist, als es der Italiener aus 2020 ist. Das Fass scheint mir hier, in der Nase zumindest, auf den Punkt gereift zu sein! Je länger die Gläser nebeneinander stehen, desto deutlicher manifestiert sich dieser Eindruck. Der Duncan Taylor fällt gegen den RA gar richtig gehend ab, das ist total krass! 

Gaumen:
 am Gaumen macht sich zunächst einmal positiv bemerkbar, dass der Rum schon einiges an Volumenprozenten verloren hat, denn der ist echt smooth! Da brennt wirklich nichts, da zwickt auch nichts, das ist einfach nur richtig entspannt und auch große Schlucke sind problemlos möglich. Das erlebe ich so und in dieser Harmonie nur ganz, ganz selten! Gleichzeitig geht das ja aber nicht mit Verwässerung einher, das stört mich beim Duncan Taylor inzwischen merklich, sondern wirkt komplett natürlich, denn der Rum kommt noch in seiner vollen Stärke daher und das merkt man dementsprechend. Der Silver Seal mit seinen fast 59% vol. hat im direkten Vergleich zwar sogar noch etwas mehr PS unter der Haube, aber die benötigt es hier gar nicht! Der Rum macht unglaublich Spaß, er ist komplex und vor allem sehr mundfüllend. In Windeseile breitet sich dieser geniale Rockley-Geschmack in der gesamten Mundhöhle aus und benetzt alles damit. Ich habe eine tolle Süße am Gaumen, Milch und Honig fließen, alles wirkt wie eine perfekte Liason und der Rum kommt dabei so cremig daher wie ein Sahnebonbon. Es setzt dann eine Menge an Anis und frisch geschnittenem Geäst ein, die mich immer wieder bei kontinental gereiften Pot Still Rums begleitet und die hier durchaus auch sehr schön und eindrucksvoll von der enormen Reife dieses Rums zeugt, ohne, dass es dazu einen ganzen Stapel Holz bedarf. Dazu kommen Stroh, eine leicht feuchte, grasige Note und tolle Mango und Papaya! Die Tannine dagegen sind zwar auch da, halten sich aber verhältnismäßig zurück und ermöglichen auf diese Weise noch einmal ein Rockley-Erlebnis, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr für möglich gehalten hatte! Outstanding!

Abgang: das Finale ist dann letztlich auch genauso grandios wie der gesamte Rum bisher! Es verbleiben merkliche Süße und Honig, sogar etwas Mango und einige Tannine am Gaumen. Die Süße schlägt dann um ins trockene und sogar leicht bittere. Aber für 34 Jahre ist das noch fast jugendlich! Dem Silver Seal ist sein enormes Alter da schon deutlicher anzumerken. Ganz großes Kino! 

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Fazit:
 schon lange vor Erscheinen des Rums war natürlich klar, dass es um diese Abfüllung ein Hauen und Stechen geben wird, denn der Rum ist mit seinen 162 Flaschen einfach verdammt rar und RA ist inzwischen in einer Weise gefragt, wie ich es mir vor einem Jahr noch kaum hätte vorstellen können. Dazu kommt er mit einer UVP von ca. 330,- Euro auf 0,5 Liter auch noch eine ganze Ecke günstiger daher als der Silver Seal mit seinen ca. 600,- Euro auf 0,7 Liter im Sommer. Inzwischen liegt dieser allerdings auch schon bei 900,- bis 1000,- Euro und dementsprechend ist klar, warum es einen solchen Run auf diesen Rum geben wird. Jeder weiß, dass ein solcher Rum in dieser Qualität eher nicht noch einmal wiederkommt und wenn, dann vermutlich kaum zu diesen Preisen. Sollte die Jagd am Ende also nicht von Erfolg gekrönt sein, so kann ich zwar die Enttäuschung am Ende verstehen, aber ich denke, angesichts der Rahmenbedingungen sollte auch klar sein, dass das oft nicht zu vermeiden ist. Und seien wir mal ehrlich, letztlich macht meines Erachtens doch aber gerade dieser Part wiederum auch einen Teil des Reizes solcher Flaschen aus. Zwei Seiten einer Medaille. 

Doch kommen wir endlich zum Rum: der König ist tot, es lebe der König! Das erste Mal seit 2012 führt mich definitiv kein Weg daran vorbei einen neuen König des Rockley-Styles auszurufen und es freut mich natürlich sehr, dass diese Ehre ausgerechnet einem RA zuteil wird und damit einem der sympatischsten Bottler-Label, das derzeit am Markt agiert! Einfach nur Extra-Klasse, was dieser Rum bietet und ich kann und möchte mich an dieser Stelle dann im Grunde auch einfach nur noch bei dir, Dominik, und deinem Team dafür bedanken, dass ihr das möglich gemacht und dieses in jeder Hinsicht außergewöhnliche Fass nach Deutschland gebracht habt! Dieser Rockley macht schlicht und ergreifend alles richtig und vereint sämtliche positiven Eigenschaften der bisherigen Referenzen. Der 18 YO Rendsburger hatte ein richtig geiles Profil, kam in Fassstärke daher, war aber alles andere als entspannt! Der Duncan Taylor hatte eine tolle Balance, hatte mehr als die damals üblichen 46% vol., aber es fehlte ihm minimal an Süße und letzten Endes hat ihm die Verdünnung auch nicht gut getan. Der Silver Seal wiederum kam zwar ohne Verdünnung aus und hatte ein recht komplettes Profil, aber die Tannine haben da auch schon ganz schön reingeschlagen. Ihm fehlte so ein wenig das Rockley der alten Tage. Der RA hingegen zieht überall das beste raus und gönnt sich keines der kleinen Makel der anderen Rums, so dass da am Ende natürlich eine Wertung herauskommt, die -zurecht- sehr nahe an der Topwertung ist:

-97/100-

Darüber hinaus musste ich nach dem heutigen Crosstasting auch das Verhältnis zwischen dem Duncan Taylor und dem Silver Seal noch einmal korrigieren und neu bewerten und habe mich dazu entschlossen, den Duncan Taylor leicht abzuwerten, auf dann 93 Punkte. Der Silver Seal verbleibt bei sehr starken 95 Punkten. 


Bis demnächst
Flo





Sonntag, 17. Januar 2021

Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore 1962

Liebe Rum Gemeinde,

Legenden-Zeit auf Barrel Aged Thoughts! Und das bedeutet heute nicht weniger, als dass ich mir den ältesten Jahrgang ansehen werde, den ich innerhalb der Cadenhead's Cask Strength Serie kenne. Gleichzeitig ist das entsprechende Bottling auch nach dem Abfülldatum eines der ältesten aus dieser Serie, das mir bekannt ist: wir sprechen über den Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore aus dem Jahr 1962 (!), abgefüllt im Dezember 1998 mit 62,9% vol.! 



Legende! Ein einziges Wort nur, mit dem aber doch automatisch so viele weitere Worte gleichzeitig mitschwingen: Mythos. Ehrfurcht. Seltenheit. Historie. Das Besondere. Qualität! Man könnte hier nahtlos mit weiteren Begriffen anschließen und sie alle könnten letzten Endes aber doch nur anreißen, was alles im Raum steht, wenn wir über diese einzigartige Abfüllung sprechen. Bis vor wenigen Monaten kam "Mythos" dem ganzen wohl am nächsten. Denn bis zu dem Moment in dem ich die Flasche im Schweizer Rum Rarities Shop fand, hatte niemand den ich kenne diesen Rum je in flüssiger Form zu Gesicht bekommen. Der einzige Beweis für die Existenz eines solchen Bottlings mit dem Mark VNL fand sich seit vielen Jahren auf der Seite "Peter's Rumlabel" eines tschechischen Liebhabers. Daraus ergaben sich auch sämtliche bekannte Daten für diesen Rum. Einen weiteren, mit nur 30 Jahren Reife noch jüngeren, VNL kannte man darüber hinaus aus Dave Brooms Rum Buch von 2003, sofern dieser denn überhaupt existiert. Denn ich glaube, dass es sich dabei eher um einen Schreibfehler im Buch handelt und es auch hier ebenfalls um die 36 jährige Version geht. Warum? Nun, ganz einfach, für den 30 YO VNL wird im Broom ein Alkoholgehalt von 62,9% vol. angegeben, also exakt der gleiche den nachweislich auch der 36 YO hat. Zwar schließt es sich natürlich nicht aus, dass es bei beiden einfach der gleiche Wert ist, aber es ist, insbesondere durch die sechs Jahre längere Reifezeit, schon extrem unwahrscheinlich. Dazu kommt, dass es (vom ominösen 30 YO VNL abgesehen, der schon 1992/93 abgefüllt worden sein müsste) bisher keine mir bekannte Cadenhead Cask Strength Abfüllungen aus der Zeit von vor 1995 gibt (da gab es definitiv einen 1964er PM), und das, obwohl ich seit ca. zehn Jahren sämtliche Bottlings von Cadenhead zusammentrage. Klar, das sind sämtlichst Hinweise, keine Beweise, aber sie wiegen für mich schon sehr stark. Alles in allem gehe ich stark davon aus, dass die Cask Strength Linie erst 1995 gestartet wurde und es das 30 YO VNL Bottling niemals gab und Broom den 36 YO meinte. Somit wäre dies dann letztlich auch das erste und einzige weltweit mir bekannte Bottling, das je das Mark VNL getragen hat. Und niemand den ich kenne, da schlage ich dann wieder den Bogen zu meiner Ausgangslage und dem Begriff des Mythos, hatte davon jemals etwas probiert. 

Im Frühjahr 2020 allerdings fand ich diese Flasche dann bei Rum Rarities und konnte meinen Augen kaum trauen. Ein Freund kaufte die Flasche direkt und sie wurde unter Rum Liebhabern im Freundeskreis geteilt. Somit entstand erstmals überhaupt die Chance das Mark VNL kennenzulernen, was schon auch insofern spannend war, als dass es von Cadenhead keinen anderen vergleichbar alten Demerara Rum gibt, der via Column Still gebrannt worden sein soll. Ansonsten schafften es immer nur die Pot Still Demeraras aus wahlweise der Versailles oder der Port Mourant Still nach Europa. Dieser hier soll nun aber aus einer Column Still von Enmore kommen. Das klingt nun erstmal wieder nach munterem Demerara-Rätselraten, allerdings müsste es sich dabei dann tatsächlich auch um die EHP Still von Enmore handeln, denn die weiteren noch existierenden Brenn-Apparate von denen wir heute noch wissen, dass sie zu dieser Zeit existierten, standen zum entsprechenden Zeitpunkt entweder bei Uitvlugt oder bei Diamond. Albion und Blairmont waren 1962 ebenfalls noch aktiv und könnten Column Stills betrieben haben, allerdings würde dann wiederum die Angabe Enmore nicht passen. Enmore hingegen übernahm meines Wissens nach keine weitere Column Still (lediglich im Jahr 1978 die Versailles Still), wobei mir noch nicht ganz klar ist, wie das nach der Schließung von Albion lief. Marco schreibt in seinem Demerara Artikel, dass auch Albion durch Uitvlugt übernommen wurde, allerdings frage ich mich, mit welcher Wooden Column Still (die einzige solche Still die ich kenne ist die EHP bei Enmore, bzw. inzw. Diamond) sie in den Jahren 1983, 1986, 1989 und 1994 bei Uitvlugt gebrannt haben sollen. Doch das ist ein ganz anderes Thema und ich schweife ab. Sollten also die Angaben Enmore und Column Still stimmen, so sollte es eines der ganz, ganz wenigen und seltenen EHP-Destillate sein, die kontinental reifen durften. Da gibt es ansonsten nämlich nahezu nichts! Geschätzte 99,9% aller kontinental gereiften Bottlings auf denen Enmore steht, entstammen der Versailles Still. Einzige andere Möglichkeit: eine weitere, unbekannte Column Still, die es 1962 noch gab, von der wir heute aber nichts mehr wissen. Das wird wohl aber niemals mehr vollständig zu ergründen sein, weswegen ich mich nun auch wieder zurück ins Hier und Jetzt begebe ;-) 

Und das heißt für mich, dass ich nun quasi direkt an den Rum übergebe, für den die eingangs erwähnten Schagworte so sehr zutreffen, wie auf nur wenige andere Rums: Mythos. Ehrfurcht. Seltenheit. Historie. Das Besondere. Und Qualität? Gerade letzteres werde ich mir nun genau anschauen und mir dabei alle Mühe geben, durch die erstgenannten Begriffe nicht allzu sehr die Objektivität zu verlieren. Viel Spaß euch beim Lesen!



.
Verkostung des Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore 1962:

Preis: unbezahlbar.

Alter: von 1962 bis Dezember 1998 reifte der Rum stolze 36 (!) Jahre lang im Fass.

Lagerung: unbekannt. Wahrscheinlich ist, dass er aus den alten Cadenhead Beständen stammte, die noch direkt in Guyana erworben und dann in Europa kontinental gereift wurden. Sehr wahrscheinlich ist er auch gefärbt.

Fassnummer: unbekannt.

Angel's Share: keine Angabe.

Alkoholstärke: 62,9% vol. Alkohol weist der Rum auch nach 36 Jahren im Fass noch immer auf. Dies entspricht, wie es bei der Cadenhead's Cask Strength Serie der Name schon inkludiert, der Fassstärke. 

Destillationsverfahren: angegeben ist eine Column Still der Enmore Distillery. Dies könnte natürlich die bekannte Wooden Coffey Still (EHP) sein. Möglich wäre aber auch eine fehlerhafte Angabe, da es überaus untypisch war, dass im Column Still Verfahren gebrannte Batches nach Europa kamen. 

Mark: VNL - die Bedeutung dieses Marks liegt leider komplett im dunkeln. 

Farbe: sehr dunkel, im Glas leuchtendes Mahagoni.

Viskosität: der Rum beißt sich regelrecht am Glas fest, mutet zähflüssig und schon beinahe wie Grafschafter Zuckerrüben-Sirup oder Balsamico Essig an. Eine phänomenale Optik!

Nase:
 ich lasse den Rum per se erst einmal über eine Stunde im abgedeckten Ballonglas atmen, da er aus einer erst vor kurzem geöffneten Flasche stammt und somit noch nahezu keine Chance hatte, in der Flasche zu oxidieren (der Rum wurde direkt nach dem Öffnen in kleine Sampleflaschen umgefüllt). Bei der zweiten Verkostung lasse ich ihn wiederum ca. 30 Minuten unabgedeckt im Freien stehend atmen, was ich in diesem Fall als beinahe noch intensiver empfand. Dann bekomme ich dafür aber jeweils auch einen Rum, der mich zunächst einmal vollkommen überwältigt! Der Rum ist alt und, auch wenn das immer so abgedroschen klingt, das merkt man auch! Ein überaus reifes, komplexes, dichtes Konzentrat von Bouquet strömt mir in die Nase und verhindert erstmal, dass ich dazu überhaupt irgendwas notieren kann, denn der Rum fordert mich ungemein und man möchte von ihm auch gefordert werden. Dementsprechend bin ich hier zunächst vor allem ganz viel am Riechen und dabei, dieses Gewitter an Eindrücken das da auf mich einprasselt zu erfassen und versuche es irgendwie einzuordnen. Das ist gar nicht so einfach, weil ich einfach noch nichts wirkliches vergleichbares im Glas hatte, auch wenn ich mich durchaus stark an alte Lemon Harts aus den 1960s z.B. erinnert fühle (Tak Gregers!). Am deutlichsten habe ich wohl Assoziationen zu Melasse und karamellisierten Rohrzucker, was wohl eindeutig für eine Färbung des Rums spricht. Dahinter habe ich aber auch reichlich Gewürze (Pfeffer!), frisches Zuckerrohr, Möbelpolitur, Eichenholz und Tannine. Teilweise habe ich auch Assoziationen zu Rums wie dem REV, allerdings dürfte das wohl tatsächlich von der Gemeinsamkeit der Färbung her rühren, was zeigt, dass diese doch deutlich geschmacksgebender war und ist, als oft vermutet wird. Nach ca. drei bis vier Stunden im Glas (abgedeckt) legt der Rum nach nochmals an Intensität zu und gibt weitere Facetten preis, so dass sich eine lange und intensive Beschäftigung mit ihm schon wirklich sehr lohnt. Wenig bis gar nicht präsent zeigt sich übrigens der mit 62,9% vol. doch schon recht ordentliche Alkoholgehalt. Das ist schon beachtlich! 

Gaumen:
 auch am Gaumen empfinde ich den Alkohol als extrem gut eingebunden. Hier brennt nichts fies oder fällt anderweitig negativ auf. Bei einem Rum mit über 60% vol. habe ich das wahrlich nicht alle Tage! Frisch am Gaumen fällt mir zunächst vor allem das ungewöhnliche Mundgefühl auf, welches mich -passend zur Optik- tatsächlich eher an einen Balsamico Essig als an Rum erinnert. Er ist nicht so körperreich und dickflüssig, wie er im Glas noch anmutet. Es folgt der Eindruck einer wunderschönen, sehr feinen natürlichen Süße wie ich sie an dieser Stelle bei Rums sehr gerne mag! Dazu habe ich zu Beginn heftige Melasse, gepaart mit einer enormen Fruchtigkeit, die in der Folge ins trockenere übergeht und mich dann an eine Holzpolitur und trockenes Holz denken lässt, wie ich es häufiger bei tropisch gereiften Rums mit starkem Column Still Anteil vorfinde und mich deshalb an einen solchen erinnert. Je länger man den Rum allerdings am Gaumen verweilen lässt, desto bitterer und tanniniger mutet er auch an. Hier muss man für sich selbst die Balance finden, da sie dem Rum hier meines Erachtens ein wenig abgeht, bzw. ich glaube, dass ein paar Jahre weniger Reife diesem Fass Rum sicher besser getan hätten, als es die gesamten 36 Jahre taten. Das geht letzten Endes dann natürlich auch zu Lasten der Komplexität, da vieles was vielleicht mal da war nun von Tanninen überlagert wird. Dennoch ist das ein sehr, sehr guter Rum!

Abgang: sehr, sehr trocken, aber nicht bitter. Für einen Demerara Rum verschwindet der Rum hingegen verhältnismäßig schnell.

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Fazit:
 ein Rum, der klar auf der dunklen Seite steht und seine Jugend lange hinter sich hat! Das Attribut mag sich langsam abnutzen heute, aber der Stoff ist nicht weniger als legendär! Bis wir ihn gefunden haben hielt ich ihn schon fast für eine Art Einhorn, das nur in unser aller Fantasie besteht, weil er, anders als nahezu jedes andere bekannte Bottlings auf dieser Welt, in all den Jahren niemals irgendwo zu erspähen war. Nun ist der Vorhang zu einem der letzten unbekannten Akte der modernen Rum Geschichte gefallen und ich gehöre zu den wenigen, die einen freien Blick auf die Bühne bekommen konnte - pure Magie! Dementsprechend war es auch ein toller und besonderer Anlass, diese Flasche überhaupt zu öffnen und ich erinnere mich an nur wenige Bottle-Openings, bei denen eine größere Spannung in der Luft lag, während die Flasche gleichzeitig auch versampled und verteilt wurde. Eine der tollsten Erinnerungen aus 2020, die nun, unter den aktuell leider wieder nötigen Vorgaben und Geboten, auch schon wieder sehr weit weg anmutet. Dass ich bisher im Fazit allerdings noch kaum etwas über den Rum selbst gesagt habe wird Bände sprechen, mag jetzt vielleicht der eine oder andere glauben, aber ich denke das liegt tatsächlich in erster Linie daran, dass das Event um die Flasche und die ganze Historie mal mindestens auf einer Ebene mit dem reinen, nüchternen sensorischen Erlebnis stehen und es ist mir wichtig, auch dieses zu würdigen. Denn meines Erachtens kommt es oft und in ganz, ganz hohem Maße mehr darauf an, wann und mit wem man genießt als darauf was man genießt (vorausgesetzt, dass ein gewisses, gehobeneres Niveau gegeben ist). Nichts desto weniger darf daneben selbstverständlich nicht untergehen, dass wir hier und heute auch über einen sehr guten Rum sprechen, wenn auch meiner Meinung nach nicht über einen, den ich als überragend bezeichnen würde! Denn meines Erachtens kann der Rum in der Nase deutlich mehr als am Gaumen und wie aus der Review bereits deutlich hervorging, empfinde ich ihn nicht als auf den Punkt gereift und behaupte, dass weniger Jahre im Fass beim VNL mehr gewesen wären. Klar, bei so viel Nebengeräuschen habe ich mich natürlich auch ganz besonders darum bemüht möglichst genau hinzusehen und mich nicht der reinen Magie eines solch besonderen Bottlings hinzugeben, aber ich denke schon, dass ich auch ohne all dies nicht unbedingt sensorisch geflasht gewesen wäre. Vielleicht liegt mir allerdings auch einfach die kontinentale Reifung bei den Column Still Demeraras nicht so sehr wie die tropische. Das war bei den Pot Still Demeraras bisher wiederum genau anders herum und auch sonst erinnere ich mich an nur wenige kontinental gereifte Column Still Rums, die mich sonderlich in ihren Bann gezogen hätten. Aber all das spielt am Ende doch nur eine untergeordnete Rolle, angesichts dessen überhaupt die Möglichkeit zur Verkostung gehabt zu haben! Living, liquid history! Und insofern vergebe ich zwar ganz nüchtern die Punkte für den Rum selbst, das Erlebnis insgesamt und die empfundene Demut zu den wenigen zu gehören, denen es vergönnt war einmal einen VNL im Glas zu haben, kann ich nur und muss ich auch davon losgelöst betrachten. 

-88/100-


Bis demnächst,
Flo



Sonntag, 11. Oktober 2020

Velier & Cadenhead Diamond SVW - Tropical vs. Continental Aging

Liebe Rum Gemeinde,

nach der Demerara-Legende KFM in der letzten Woche möchte ich heute mit euch einen Quervergleich anstellen auf den ich mich schon lange gefreut habe! Nachdem ein glücklicher Zufall die Möglichkeit dazu eröffnet hat, teste ich zwei Demerara Rums aus der Diamond Destillerie gegeneinander, die sich in ihren Randdaten nahezu gleichen, nur dass einer in den Tropen und einer in Europa gereift wurde!


Was liegt heute an? 

Klar, über die Unterschiede zwischen tropischer und kontinentaler Reifung ist in den vergangenen Monaten und Jahren schon viel gesagt worden und den allermeisten sind diese inzwischen auch, mindestens im Groben, bekannt. Nicht zuletzt durfte das auch bereits die breite Öffentlichkeit bestaunen, nachdem Velier und E&A Scheer im letzten Jahr in Co-Produktion das Monymusk-Set auf den Markt gebracht haben. Allerdings, und da setze ich an, griff dieser Vergleich in meinen Augen in Teilen zu kurz, denn meines Erachtens profitiert Rum einfach in ganz grundverschiedener und unterschiedlicher Art und Weise von bestimmter Art der Reifung. So sahen nicht wenige sogar die kontinental gereiften Monymusks vorne und auch bei Hampden vertrete ich ja z.B. auch selbst bekannter Maßen die These, dass ihnen kontinentale Lagerung unterm Strich besser zu Gesicht stehen.


Doch wie sieht das ganze beim Demerara Rum aus? Ihr ahnt es, heute möchte ich insbesondere der tropischen Reifung eine Bühne bieten, und eine ungleich größere und imposantere, als sie sie durch die Monymusk erfahren hat! Denn es geht mit dem Demerara Rum an nicht weniger als an das Herz des Erfolgs von Velier! Die Pre-2000 Rums aus Guyana waren und sind bis heute -neben Caroni- das stärkste Plädoyer, das je für tropische Reifung gehalten wurde! Genauer gesagt geht es zum Auftakt dazu in die Diamond Distillery, ihres Zeichens die letzte verbliebene Destillerie in Guyana. Von hier möchte ich zwei Rums mit sehr ähnlichen Eckdaten miteinander vergleichen. Es geht dabei zum einen um den Velier Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1996 mit 64,6% vol. und zum anderen um den Cadenhead Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1987 mit 63% vol.. Ihr seht, die Rums gleichen sich in Destillerie, Mark (Stil), Alter und Alkoholgehalt nahezu gänzlich. Die Unterschiede bestehen lediglich im Jahrgang und in der Art der Reifung [Unterschiede in der Destillation, Coffey Still vs. Pot Still, die man den Labeln entnehmen könnte, beruhen allerdings auf einem Labelfehler von Cadenheads. Auch dieser Rum stammt aus der Coffey Still]. Möglich wurde dieser Vergleich, das soll nicht unerwähnt bleiben, da ein guter Freund an eine Flasche des Cadenhead gekommen ist, der wohl zu den seltensten Cadenhead Demeraras überhaupt zählen dürfte. Wir konnten uns zumindest beide nicht daran erinnern, ihn zuvor je irgendwo gesehen zu haben. Er tauchte, bis er ihn in einem Shop gefunden hat, nicht einmal in meiner sehr umfangreichen Liste von Cadenhead Rums auf. Und wie es der Zufall so wollte, hat eben dieser Rum vergleichbare Randdaten zu einem der Demeraras von Velier, der in den Tropen reifte. Tja, und wenn der Zufall schon an die Tür klopft, dann sollte man eben auch aufmachen und insofern lest ihr nun gleich diesen Quervergleich!


Zu den Abfüllungen selbst kann noch gesagt werden, dass es sich bei dem Velier um eine Abfüllung fünf tropisch gereifter Fässer Diamond 1996 SVW handelt, die in Full Proof und mit einem Alkoholgehalt von 64,6% vol. im Februar 2011 abgefüllt wurde. Die genaue Flaschenanzahl ist mir hier leider nicht bekannt, ebenso wenig wie der Angel's Share, den Velier erst bei späteren Bottlings immer angegeben hat. Der Cadenhead dagegen ist eine Single Cask Abfüllung eines kontinental gereiften Diamond SVW aus dem Jahr 1987, die 2003 in Fassstärke (63% vol.) auf die Flasche gebracht wurde. Auch hier ist weder eine genaue Flaschenanzahl noch der Angel's Share bekannt. 

-------------------------------------------------------------------------------------------------


Velier Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1996: 

Optisch und im Glas wird ein Unterschied beider Rums schon einmal offenkundig. Der Velier kommt in einem schönen, ansprechenden Mahagoni daher und reiht sich damit nahtlos ein in all die tropisch gereiften Vertreter aus dem Hause Velier, seinen es Demerara oder auch Caroni Rums.
In der Nase setzt sich dieser Eindruck dann auch mehr oder weniger unvermindert fort, denn es ist vor allem diese Form der Alterung, dieses intensive, dunkle, tanninige, dabei aber auch süße, fruchtige und reife, das tropische Reifung grundsätzlich ausstrahlt und dabei immer auch an andere Demeraras oder auch Caronis erinnert. Und doch bin ich durchaus erstaunt an dieser Stelle, denn für 15 Jahre im Fass ist dieser Rum wirklich schon außerordentlich reif. Der Alkohol ist wenig präsent, die 64,6% vol. sind sehr gut ins Destillat eingebunden. Böses Stechen und ähnliches habe ich fast gar nicht. Ich habe dafür Klebstoffe und scharfe Lösungsmittel im Bouquet, karamellisierten Rohrzucker, dazu eine richtig schöne Süße und eine ganz ausgeprägte Fruchtigkeit, etwa von Banane, Mango und Papaya. Dazu immer wieder Melasse und holzige Noten mit Kokos, etwas Vanille und Anis. Das ganze ist dabei wahnsinnig komplex. Immer wieder geht die Nase zum Glas und immer wieder finde ich neue Komponenten, die ich zuvor so nicht wahrgenommen hatte oder nun verändert wahrnehme. Ich könnte da noch Stunden weiter erzählen. Ein Kunstwerk. Die Nase ist für mich auf den Punkt und durchaus eine der besten, die ich kenne.
Am Gaumen habe ich zu Beginn dann eine schöne natürliche Süße, aber auch ein leichtes Stechen und Brennen des Alkohols, der erst einmal gebändigte werden möchte. Dennoch ist das ganze super eingebunden und der Rum sehr schön adstringierend. Die Mundschleimhäute ziehen sich regelrecht zusammen, der Diamond wirkt dann kurz sehr trocken, bevor er letztlich ins cremige übergeht und mit einer sensationellen Mundfülle daherkommt. Wahnsinn! Der Blick ist nun frei auf einen tollen und reich gefüllten Obstkorb, der kombiniert wird mit Kokosflocken, einer schönen, kräftigen aber nie überlagernden Holznote, viel Holzlack, wie ich ihn auch bei Caroni häufiger finde, frisch geschnittenem Geäst,  einem medizinischen Touch, leichtem Tabak, schöner Würze und einer guten Portion Nelke. Sehr, sehr geil und ein mehr als stimmiges Gesamtbild! 
Im Abgang habe ich dann noch frisch geschnittenes Geäst, wieder ordentlich Nelke und dann einen deutlichen medizinschen Touch, der ins bittere geht. Sehr lang anhaltend. 

-96/100-

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Cadenhead Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1987:

Der Cadenhead kommt im Vergleich zum Velier wesentlich heller daher. Keine Frage, die kontinentale Reifung wird optisch sehr deutlich. Kam der Velier noch im Mahagoni-Gewand daher, ist es beim Cadenhead eher kräftig goldenes Stroh. Leichte Bräune deutet der Rum maximal an, aber auch nur, wenn man es denn sehen möchte.
Drängten sich die Unterschiede optisch bereits auf, so werden sie in der Nase mehr als nur offensichtlich. Wir sprechen hier über nicht weniger als über einen Unterschied wie den zwischen Tag und Nacht! Die 63% vol. sind präsenter als es die 64,6% vol. beim Velier waren, allerdings würde ich auch hier von einer guten Einbindung sprechen. Ansonsten geht es von nun aber aber in eine komplett andere Richtung. Ich habe beim Cadenhead deutlich weniger Intensität, der ganze Rum kommt weniger warm daher und, trotz des identischen Alters, auch deutlich jünger als der Velier. Parallelen zu anderen Rums sehe ich per se erst einmal nicht, am ehesten vielleicht zu den Providence Estate Rums aus Trinidad von Cadenhead. Das ganze wirkt, wohlwollend formuliert, subtil, oder, böse gesagt, flach. Ich habe auch hier leichte Lösungsmittel-Noten, aber nicht so schön stimmig, wie das beim Velier der Fall war. Ansonsten finde ich etwas frisch geschnittenes Geäst, schöne Vanille, grasige Noten, leichten Pfeffer, etwas Anis und peripher nach hinten heraus auch etwas Holz. Süße und Fruchtigkeit aber, also das womit der Velier eben trumpfen konnte, gehen dem Cadenhead z.B. vollkommen ab. Da wird der Unterschiede im Reifeverfahren sehr deutlich. 
Am Gaumen setzen sich die Unterschiede beider Rums nahtlos fort. Hier bietet der Cadenhead gefühlt sogar noch weniger als in der Nase, kann überhaupt nicht glänzen. Positiv fällt allenfalls die Einbindung des Alkoholgehalts auf, die gelungen ist, aber ansonsten offeriert der Cadenhead dem Genießer keinerlei Gründe sich den Rum ins Glas zu schenken. An Assoziationen habe ich etwas Vanille, eine sogar ziemlich präsente Note vom Holz, das ganze kommt trocken daher und aber eben auch sehr eindimensional. Mit einem großen Schluck hat man auch schon alles gesehen.
Im Abgang sieht es ähnlich aus. Trocken mit ein wenig Holz, dazu leichter Pfeffer und das ist es dann auch schon gewesen. Schade.

-79/100-

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Gesamt-Fazit: 

Ich habe den Vergleich weiter oben schon einmal heran gezogen, aber er passt auch zum abschließenden Fazit oder gar als Kurzfassung dieses Vergleichs wie die Faust auf's Auge: zwei Rums wie Tag und Nacht! 
Mir gefällt das bisweilen schon fast aggressive Verfechten von tropischer Lagerung als die einzig wahre Art und Weise einen Rum reifen zu lassen bekannter Maßen ganz und gar nicht und ich werde nicht müde zu betonen, dass es großartige Rumstile gibt, denen die kontinentale Reifung sogar besser zu Gesicht steht. Allerdings komme ich nicht umhin festzustellen, dass es eben tatsächlich auch die Rums gibt die von tropischer Sonne so sehr profitieren wie kaum andere Rums und, dass eben jene Rums dabei gleichzeitig in qualitative Sphären vorstoßen, die von kaum anderen Rums erreicht werden. Das sind die Heavy Rums aus Caroni, hier werden wir seit Jahren hinreichend mit Beispielen und Gegenüberstellungen (tropisch vs. kontinental) versorgt, die eindeutiger nicht ausfallen könnten, und das sind einige Column Still Rums aus Guyana! Ihr wisst um meine Begeisterung für Skeldon 1978 oder Albion 1986 und in dieser Liga spielt auch der heute verkostete Diamond 1996 SVW! Dass dieser dabei noch sehr viel günstiger zu haben ist als die beiden erstgenannten macht ihn dabei nur noch attraktiver! Dagegen muss ich festhalten, dass der sich dazu parallel im Glas befindliche Cadenhead nicht das geringste bisschen Land sieht. Er ist dabei nicht im klassischen Sinne schlecht, im Gegenteil, denn die Qualität stimmt grundsätzlich. Nein, er ist nur einfach nicht gut. Es ist dabei allerdings auch schwierig, überhaupt kontinental gereifte Column Still Demeraras zu finden, da es fast nur jene aus der Single Wooden Pot Still Versailles' oder der Double Wooden Pot Still Port Mourants in die europäischen Warehouses schaffen, aber alles was ich da bisher im Glas hatte, wusste nicht im geringsten zu überzeugen und hatte nicht annähernd die herausragende Qualität der Veliers! Zu schade also, dass DDL selbst keinerlei Interesse daran hat mehr aus diesen, seinen, Qualitäten herauszuholen und sich zwischen Blends für die Massen und unnötigen Rohrkrepierern mit bunten Labeln verliert! Denn auch und gerade dieser stiefmütterliche Umgang mit dem eigenen State of the Art führte und führt weiterhin dazu, dass die Preise für die alten Velier Bottlings immer weiter anziehen. Nicht zuletzt deshalb aber kann ich nur jedem der da wirklich mal Höhenluft schnuppern möchte empfehlen, sich eben den Diamond 1996 SVW mal genauer anzusehen. Meine Meinung: wenn heute noch einen der High End Velier Demeraras kaufen, dann den! Denn er ist mit seinen ca. 800,- Euro zwar auch schon unmoralisch teuer und wahnsinnig im Preis geklettert in den letzten Jahren, aber er ist auch der einzige der richtig, richtig guten Vertretern dieser Gattung, der aktuell noch unter der magischen Marke von 1k liegt, während alle anderen der ganz wenigen vergleichbar guten oder noch besseren Velier Demeraras (z.B. Skeldon 1978, Diamond 1988, Albion 1986, Uitvlugt 1988, La Bonne Intention 1998) schon sehr, sehr weit über dieser Marke liegen, sogar teils deutlich jenseits der zwei- und der dreitausender Marke! 

Und so geht mein Dank heute natürlich in die Heide und nach Berlin, von wo ich meine Samples bekommen habe, die diese Erfahrung möglich machten. Vielen lieben Dank! Denn ja, die ursprüngliche Verkostung ist schon einige Monate her und fand damals noch mit einem Diamond 1996 Sample statt, bevor ich auf meinen eigenen Rat gehört und mir auf Grund meiner Erfahrung mit dem Diamond 1996 eine ganze Flasche davon gegönnt habe. Es muss ja nicht immer ein Urlaub sein... 


In diesem Sinne: bis demnächst!
Flo