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Sonntag, 14. Februar 2021

Gardel Distillery: The Lost (but still unsung) Rhum

Liebe Rum Gemeinde,

heute möchte ich mich nach längerer Zeit einmal wieder meiner heimlichen Liebe der letzten Jahre widmen, die meines Erachtens noch viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte: Gardel! Doch bevor ich euch in den nächsten Wochen noch einige der besten Rums dieser verschwundenen und bisher wenig beachteten Destillerie vorstelle, u.a. kommen diese von Cadenhead, Silver Seal und Moon Import, habe ich heute zunächst noch etwas Theorie für euch!

Source: lantenne.com

Rund um den Globus bekommen Connaisseure inzwischen leuchtende Augen, wenn von Old Demerara RumHampden, Long Pond oder Caroni die Rede ist. Längst sind Abfüllungen aus diesen (teils auch bereits seit langem geschlossenen) Destillerien keine Geheimtipps unter Nerds mehr, sondern extrem gesucht und daher auch preislich leider durch die Decke gegangen. Bei Caroni ist dafür, neben der Tatsache, dass Luca Gargano sich in besonderer Weise dafür eingesetzt hat der Welt zu zeigen, welch großartiger Stoff dort produziert wurde, in nicht unerheblichem Maße dessen Status als Lost Distillery verantwortlich, nachdem die Brennerei anfangs des Jahrtausendes geschlossen wurde und somit kein Rum mehr nachproduziert werden kann. So weit, so nachvollziehbar. Doch heute möchte ich euch mit Gardel auf Guadeloupe eine weitaus weniger bekannte Destillerie vorstellen, die durchaus beweist, dass eine Schließung allein noch lange nicht automatisch auch mit Jahrzehnte darüber hinaus reichendem Ruhm einher gehen muss. Einer Destillerie, die beweist, welch eine Sonderstellung Caroni in diesem Punkt in der Rum Welt also tatsächlich innehat, eine Sonderstellung, die eben ganz eng mit dem Namen Luca Gargano verknüpft ist, der wie kein zweiter das Talent besitzt, Menschen für Rum zu begeistern. Gardel beweist viel mehr, dass eine Schließung im Rum Bereich im Normalfall dann doch eher dazu führt, dass eine Destillerie und ihr Rum ganz unromantisch und ohne großen Ruhm einfach mit der Zeit vergessen werden und von den Landkarten dieser Welt verschwinden. Unzählige Destillerien hat dieses Schicksal bereits ereilt. 

Ich entdeckte Gardel für mich dann auch, wie zum Beweis, eher durch großen Zufall und ein schon im Jahr 2002 abgefülltes The Secret Treasures Bottling im vergangenen Frühjahr 2019. Nun könnte man meinen, dass da möglicherweise ein Stil einfach nur an mir vorbeigegangen ist, nicht an der Allgemeinheit, aber ich erlebe seither und wann immer ich Menschen von Gardel vorschwärme, dann doch immer wieder die gleichen fragenden Gesichter. Kaum jemand mit dem ich bisher sprach hatte schon einmal von Gardel gehört. Nur wenige konnten mit dem Namen zumindest etwas anfangen, hatten ihn immerhin schon einmal irgendwo gehört. Noch weniger hatten schon mal einen Gardel im Glas. Allerdings waren sämtliche meiner Rum Freunde, denen ich dann einmal einen Gardel eingeschenkt habe, im Anschluss restlos geflasht! Trotzdem ist Gardel alles andere als populär oder gar Trend und das wiederum heißt auch, dass zu Gardel ungleich weniger Informationen zu finden sind, als zu den meisten anderen und wesentlich gefragteren Destillerien. Auch bei den Zugriffszahlen meiner Reviews zu Gardel Rums war das deutlich zu merken, dass sie deutlich unter denen von bekannteren Rums lagen. Das Interesse an Gardel war bisher also, sagen wir mal, um es positiv zu formulieren, ausbaufähig. Dennoch wage ich den Versuch, euch Gardel heute einmal etwas näher zu bringen und den Schleier, der die ehemalige Brennerei umgibt, zumindest ein wenig zu lüften. Denn um eines direkt vorweg zu nehmen: im Gegensatz zu vielem anderen eher unbekannterem was uns die Rum Welt da draußen noch bietet, was zwar sicher nicht schlecht, für mich aber weit weg ist vom absoluten High End Niveau, gehört Gardel, zumindest in seiner Spitze, für ohne Zweifel zu den fünf besten und interessantesten Destillerien die ich insgesamt kenne! Sie steht für mich zweifelsohne in einer Reihe mit Caroni, Hampden oder den alten Demerara Rums (zugegeben, als ganzes gesehen)! 


1. Standort:

Gardel war eine Destillerie in der gleichnamigen Siedlung Gardel, die zur Gemeinde Le Moule gehört, gelegen im Osten der zu Guadeloupe gehörenden Insel Grand Terre und nur unweit der letzten noch Rum produzierenden Destillerie auf der Insel, nämlich Damoiseau. Guadeloupe ist seit dem 19. März 1946 französisches Übersee-Departement und somit heute Teil der EU. Gardel als solches existiert, anders als z.B. Caroni, allerdings nach wie vor und ist einer der größten Produzent von Zuckerrohr der gesamten Karibik. Die Zucker-Fabrik ist also, im Gegensatz zur Destillerie, noch aktiv, lediglich die Brennapparate wurden vor vielen Jahren demontiert. 

Source: researchgate.net


Auf einer Karte Guadeloupes, auf der sämtliche noch aktiven Destillerien des französischen Übersee-Departements verzeichnet sind, fehlt Gardel folgerichtig bereits. Die Nähe zu Damoiseau ist hingegen gut zu erkennen:

Source: rumporter.com



2. Geschichte und allgmeine Informationen:

Viel ist es leider tatsächlich nicht, was wir wissen. As gesichert gilt aber, dass Gardel im Jahr 1870 vom sog. "Zuckerbaron", dem Générale Sucrière, gegründet wurde und seither und noch bis heute Zucker produziert. Von 1870 bis 1992, insgesamt also 122 Jahre lang, wurde dort auch Rum gebrannt, allerdings wurde laut Bristol Spirits in jenem Jahr deren Column Still demontiert und damit das Kapitel Rum bei Gardel für immer geschlossen. Ob es zu einem früheren Zeitpunkt überhaupt noch andere Stills dort gegeben hat ist vollkommen unklar, aber laut Bristol endet die Geschichte des Rums von Gardel auf jeden Fall ultimativ in 1992. Die tschechische Seite "Peter's Rum Labels" zitiert Bristol Spirits dazu wie folgt aus der Zeit um 2003:

"Sadly, although the Gardel estate still produces sugar, its column or patent still, made it's last drop of rhum in 1992 - and this is it [ie. Classic Rum of Bristol Spirits Limited]. In that year, after 122 years of continuous production, the still was demolished."

Leider funktioniert der Link, der auf der Seite als Quelle angegeben wird inzwischen nicht mehr, allerdings halte ich das Zitat für vertrauenswürdig, da an dieser Stelle seit vielen, vielen Jahren mit viel Akribie Informationen gesammelt werden und ich mich auch daran erinnere, dass die Seite vor ca. 10 Jahren noch aufrufbar war, als ich mich in meiner Anfangszeit viel durch dieses schon damals sehr umfangreiche Archiv klickte. Nicht zuletzt auf Grund dieser Information aber dürfte 1992 wohl der letzte Jahrgang der Destillerie gewesen sein. Vereinzelt gibt es zwar unabhängige Abfüllungen aus 1998 die laut Label aus Gardel stammen, allerdings müssen es sich dabei, folgt man der obigen Auffassung, definitiv um Labelfehler halten und diese Rums jeweils von Damoiseau/ Bellevue kommen. Das liegt auch insofern nahe, als dass 1998 für Damoiseau/ Bellevue ein unglaublich starker Jahrgang mit hohem Output war. Dennoch sind geschmackliche Ähnlichkeiten und Parallelen von Gardel und Damoiseau teilweise nicht von der Hand zu weisen (man probiere z.B. die 1991er Originalabfüllung von Damoiseau), weswegen ich vereinzelte Hinweise, dass man bei Damoiseau teilweise noch heute mit Melasse der Zuckerproduktion bei Gardel arbeitet, als sehr stichhaltig empfinde. 

Gegründet wurde die Zuckerfabrik und Brennerei Gardel, wie eingangs erwähnt, im Jahr 1870 in Grande-Terre's Moule vom „Générale Sucrière“, dem „Zuckerbaron“. Es ist heute eine der größten Zuckerraffinerien der Welt und die einzige aktive auf Guadeloupe. Gardel besitzt eine 934 Hektar große Zuckerrohrplantage und arbeitet mit mehr als 2.500 Zuckerrohrbauern auf Guadeloupe zusammen. Mit seinen fünf modernen dampfbetriebenen Mühlen verarbeitet Gardel das gesamte Zuckerrohr der Hauptinsel (jährlich: 600.000 Tonnen), um verschiedene Sorten Zucker (60.000 Tonnen), Melasse (25.000 Tonnen), Biomasse / Bagasse (180.000 Tonnen), Ethanol und einst auch R(h)um zu produzieren. Aus welchen Gründen auch immer, das kann ich leider nicht nachvollziehen, wurde die Column Still Gardels 1992 demontiert. Seitdem gilt Gardel als Lost Distillery. 


3. Destillation und Stil:

Gardel produzierte seine Rums, zumindest jene die noch bekannt sind, im Column Still Verfahren und auf der Basis von Melasse. Auf diversen Labeln wird zwar von Rhum Agricole gesprochen, also von Rhum auf der Basis von frisch gepresstem Zuckerrohrsaft, doch die Sensorik spricht da eine doch sehr eindeutige Sprache zugunsten von Melasse. Zu den Brennapparaten selbst, der Fermentation oder gar verschiedenen Marks lässt sich im Netz zu meinem Bedauern überhaupt nichts herausfinden und ich kam auch mit diversen Anfragen im französischsprachigen Raum leider nicht weiter. Nirgends sind die Informationen zu Gardel spärlicher als in diesem Punkt. 


Einige Flaschen Gardel aus einer 2020er FT



4. Bekannte Jahrgänge:

Im Gegensatz zu Hampden, Long Pond oder Caroni gibt es aus der Gardel Distillery nur äußerst wenig bekannte Jahrgänge, von denen sogar einer noch unbestätigt ist, nämlich das Vintage 1973, und einer, der Jahrgang 1998, ein fälschlich als Gardel gelabelter Jahrgang von Bellevue/Damoisseau ist. Im Jahr 2021 erschien nochmal ein gänzlich neuer Jahrgang, als Spirit of Rum mit Dirk Becker einen Gardel aus 1983 in die Flasche brachten. Dieser reifte unglaubliche 38 Jahre im Fass, davon 17 unter der tropischen Sonne Guadeloupes. Diese Info ist überaus spannend, denn vieles spricht dafür, dass unter diesem Gesichtspunkt sämtlich Rums von Gardel im Jahr 2000 nach Europa kamen. Das ergäbe auch Sinn, da kein Gardel Bottling für die Zeit vor 2000 bekannt ist.

Gardel Vintage

Bottlings

Style

Still Type

Comments

1973

Compagnie Des Indes „KAIMAN“ - 46% vol. (Part)

?

Pot- & Column Still

Not confirmed by the bottler

1977

Silver Seal 32 YO Gardel – 50,8% vol.

Rhum Agricole

?

but certainly molasses based

1982

Cadenhead Cask Strength 18 YO Gardel – 57,2% vol.

Rhum Agricole

Column Still

but certainly molasses based

Cadenhead Cask Strength 20 YO Gardel – 57,8% vol.

Rhum Agricole

Column Still

but certainly molasses based

Moon Import 18 YO Gardel – 46% vol.

Rhum Agricole

Pot Still

but certainly molasses based & Column Still

1983

Spirit of Rum 38 YO Gardel – 46,6% vol.

?

Column Still

certainly molasses based

1989

The Secret Treasures 13 YO Gardel – 42% vol.

?

?

certainly molasses based

The Secret Treasures 14 YO Gardel – 42% vol.

?

?

certainly molasses based

1992

Bristol Classic Rum 10 YO Gardel – 46% vol.

?

Column Still

certainly molasses based

Douglas Laing „Caribbean Reserve“ 9 YO Gardel – 46% vol.

?

?

certainly molasses based

Moon Import 11 YO Gardel – 46% vol.

Rhum Agricole

Pot Still

but certainly molasses based & Column Still

The Secret Treasures 11 YO Gardel – 42% vol.

?

?

certainly molasses based

1998

Alchemist 10 YO Gardel – 46% vol.

?

?

Most certainly Bellevue/Damoisseau and molasses based

Port Royal 10 YO Gardel – 46% vol.

?

?

Most certainly Bellevue/Damoisseau and molasses based

Renegade 11 YO Gardel – 46% vol.

?

?

Most certainly Bellevue/Damoisseau and molasses based


4.1. Sämtliche, mir bekannten Abfüllungen die definitiv aus Gardel stammen:

- Bristol Spirits Guadeloupe Rum 10 YO Gardel 1992 - 46% vol. (Ex-French Cask)
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 57,2% vol.
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 20 YO Gardel 1982 - 57,8% vol.
- Caribbean Reserve Guadeloupe Rum 9 YO Gardel 1992 - 46% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 46% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 9 YO Gardel 1992 - 46% vol.
- Silver Seal Guadeloupe Rum 32 YO Gardel 1977 - 50,8% vol.
- Spirit of Rum Guadeloupe Rum 38 YO Gardel 1983 - 46,6% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 13 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 11 YO Gardel 1992 - 42% vol.


5. Rums aus Gardel, die ich bereits im Glas hatte:

- Bristol Spirits Guadeloupe Rum 10 YO Gardel 1992 - 46% vol. (Ex-French Cask)
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 57,2% vol.
- Cadenhead Cask Strength Guadeloupe Rum 20 YO Gardel 1982 - 57,8% vol.
- Caribbean Reserve Guadeloupe Rum 9 YO Gardel 1992 - 46% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 46% vol.
- Silver Seal Guadeloupe Rum 32 YO Gardel 1977 - 50,8% vol.
- Spirit of Rum Guadeloupe Rum 38 YO Gardel 1983 - 46,6% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 13 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989 - 42% vol.
- The Secret Treasures Guadeloupe Rum 11 YO Gardel 1992 - 42% vol.


Meine aktuellen Top 5 Rums aus Gardel: 

- Cadenhead Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 57,2% vol.
- Cadenhead Guadeloupe Rum 20 YO Gardel 1982 - 57,8% vol.
- Silver Seal Guadeloupe Rum 32 YO Gardel 1977 - 50,8% vol.
- Moon Import Guadeloupe Rum 18 YO Gardel 1982 - 46% vol.
- Spirit of Rum Guadeloupe Rum 38 YO Gardel 1983 - 46,6% vol.




Quellenverweise:

- https://www.erudit.org/en/journals/bshg/2015-n171-bshg02057/1032943ar/


Sonntag, 10. Mai 2020

Old Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989

Liebe Rum Gemeinde,

nachdem ich euch in den letzten Wochen sehr viel aktuellen Stoff präsentiert hab, zuletzt den Velier 22 YO EMB Monymusk 1997, begeben wir uns heute mal wieder auf eine gepflegte kleine Zeitreise. Weder die Destillerie, noch den damaligen unabhängigen Abfüller des heute besprochenen Bottlings gibt es inzwischen (in dieser Form) noch. Die Rede ist vom The Secret Treasures Old Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989!



Nun werden einige natürlich zurecht erstmal einwerfen wollen, dass es diesen Abfüller ja sehr wohl noch gebe, schließlich kämen da ja auch dann und wann noch mal vereinzelt Releases heraus. Das stimmt allerdings nur auf den ersten Blick. Ja, das Label The Secret Treasures of the Caribbean hat die Jahre überdauert und existiert noch, allerdings nicht mehr im Besitz seines Schöpfers, der Fassbind AG aus der Schweiz, sondern als Teil von Haromex. Die Fassbind-Releases stoppten, zumindest im Rum-Bereich, schon 2003.




Aus diesem Jahr stammt auch die heute verkostete Abfüllung der noch viel länger nicht mehr produzierenden Brennerei von Gardel auf Grand Terre (Guadeloupe). Hier gingen, nach allem was ich bisher gesichert weiß, bereits 1992 die Lichter aus, indem man die Brennblase demontierte und man konzentrierte sich fortan gänzlich auf die Produktion von Zucker - leider! Denn wenn die bisher auf BAT verkosteten Gardel Rhums eines schon ganz klar gezeigt haben, dann dass von dort wirklich ganz herausragende Rums stammen! Insbesondere das Cadenhead Release des Jahrgangs 1982 ist hier zu nennen. Es gab aber auch noch eine andere Gardel Abfüllung aus 1989 von The Secret Treasures, die ich hier auf dem Blog ebenfalls letztes Jahr schon einmal besprochen hatte und diese bietet sich der Abfüllung um die es heute geht natürlich natürlich in idealer Weise als Vergleich an, weswegen ich sie dem 14 YO im Tasting natürlich gegenüber stelle. Im Gegensatz zum 2002er Bottling wurde jenes aus 2003 als Single Cask Abfüllung deklariert, was allerdings nicht den Tatsachen entspricht! Denn Fassbind selbst gab auf dem Label die Fassnummern #56, #58 und #116 an, was den Rum zu einer Small Batch Abfüllung macht, die insgesamt mit der stolzen Auflage  von 1529 Flaschen daher kam. Gleich geblieben ist allerdings leider der enorm geringe Alkoholgehalt von nur 42% vol., die wohl damals sehr viel mehr dem Zeitgeist entsprochen haben als das heute der Fall ist, wo Abfüllungen in Fassstärke eher dem Standard entsprechen. Doch nichts desto trotz hatte mich der 13 YO im letzten Jahr sehr positiv überrascht und ich bin gespannt, wie sich das beim ein Jahr länger gereiften Bruder darstellen wird.

Ein besonders herzlicher Dank geht zuvor allerdings noch nach Berlin, für die Unterstützung dabei diese Abfüllung aufzutreiben! :-) 



.
Verkostung des The Secret Treasures Old Guadeloupe Rum 14 YO Gardel 1989:

Preis: der Ausgabepreis wird bei ca. 30,- bis 40,- Euro gelegen haben - wenn überhaupt! Das war im Jahr 2003 und damit zu Zeiten, zu denen die wohl wirklich allerwenigsten von uns schon irgendwie mit hochklassigem Rum in Berührung gekommen waren. Heute werden für eine Flasche teilweise über 200,- Euro aufgerufen.

Alter: von 1989 bis 2003 reifte der Rum insgesamt 14 Jahre im Fass. 

Lagerung: unbekannt. Die Farbe, aber auch der Reifegrad des Rums sprechen aber für mindestens eine teilweise Reifung in den Tropen. 

Fassnummern: zum Einsatz kamen die drei Fässer #56, #58 und #116. Sie ergaben insgesamt 1529 Flaschen. 

Angel's Share: unbekannt und stark vom Ort der Reifung abhängig.

Alkoholstärke: der Rum kommt mit sehr, seeeeehr moderaten 42% vol. daher, also noch weniger als der früher oft üblichen Trinkstärke von 46% vol. 

Destillationsverfahren: keine Angaben. Es kann allerdings von einer Patent Still ausgegangen werden. Sie wird auf dem Label von Bristol Spirits erwähnt. 

Mark: mir sind zu Gardel bisher keinerlei Marks bekannt. Cadenhead nennt auf seinen Bottlings RHUM AGRICOLE als Mark, aber das ist letztlich weder ein Mark, noch entspricht das nach allen bisherigen Erkenntnissen den Fakten bei Gardel, denn ich gehe von einem Rhum auf Melassebasis auf, also einem Rhum Traditionell. 

Farbe: dunkles gold, ins bräunliche gehend. Minimal heller als sein ein Jahr Bruder, der 13 YO aus gleichem Batch. 

Viskosität: der Rum bildet einen sehr öligen Film an der Glaswand und läuft in fetten, engen Schlieren am Glas hinab. 

Nase: anders als bei vielen Brettern in Fassstärke ist die Nase bei diesem Rum mehr oder weniger direkt frei zugänglich und sie macht, wiederum anders als die meisten Rums mit höheren Stärken, auch sofort komplett auf. Darin besteht eine der ganz, ganz wenigen Vorteile, vielleicht ist es sogar der einzige, bei so starker Verdünnung. In irgendeiner Weise stechend fällt der Alkoholgehalt erwartungsgemäß gar nicht auf. Das Bouquet von Gardel zu beschreiben, fällt mir nach wie vor schwer. Ich nähere mich dem aber langsam an und würde diesen Grund-Ton, den bisher alle Gardel hatten, in die Richtung von Cola und frischem Zuckerrohr gehend beschreiben, eingehüllt in eine muffige-blumige-pafümierte Wolke und versehen mit Nelken, Aprikosen und karamellisiertem Zucker. Was jetzt natürlich erst einmal widerlich klingt, sollte in Wahrheit aber niemanden abschrecken, denn wenn wir uns all die großen Rum Destillerien anschauen, wie Caroni oder wie Hampden, und sehen, wie diese in ihrem Charakter und ihrer Aromatik beschrieben werden, dann fällt auf, dass das für Außenstehenden selten einladend klingt. Vieles, was zunächst einmal besser klingt hingegen, stellt sich in erschreckender Regelmäßigkeit dagegen ein ums andere mal als langweilig hinaus. Und langweilig, da kann jeder sicher sein, sind die Rhums von Gardel ganz sicher nicht. Der 13 YO, den ich im letzten Jahr hier besprochen hatte, geht -wenig verwunderlich- in eine sehr ähnliche Richtung, hat allerdings noch etwas mehr karamellisierten Zucker im Bouquet und wirkt etwas gesetzter, während dieser 14 YO eher etwas frischer anmutet. 

Gaumen: am Gaumen setzt dann, wie es zu vermuten stand, erst einmal der Wasser-Schock ein. Nein, wie schon beim 13 YO schadet es dem Gardel weit weniger als es manch anderem Rum zugesetzt hätte, aber natürlich wird sofort offenkundig, dass man dem Rum damit keinen wirklichen Gefallen getan hat. Dennoch: trotz aller nerdig-puristischen Vorlieben ist dieser Rum, auch mit nur 42% vol., drinkable - und wie! Geschmacklich ist das, wie bisher eigentlich fast jeder Gardel den ich bislang im Glas hatte, ein absoluter Kracher! Komplett outstanding und mit nichts was ich kenne zu vergleichen, außer entfernt vielleicht alten Jamaica Rums aus den 1940er Jahren. Wieder fällt eine Kombination aus Cola, Zuckerrohrsaft und blumig-muffig-parfümiertem auf, die dazu noch mit ordentlich grünem Apfel und Tanninen aufwarten. Meine Vermutung von tropischer Reife, wenigstens zum Teil, geht auch hier wieder auf, auch wenn es mehr als schwierig wäre, dazu noch gesicherte Hinweise zu erhalten. Im Vergleich zum 13 YO fallen am Gaumen kaum Unterschiede auf, die  beiden Rums sind sich schon sehr, sehr ähnlich.

Abgang: zum Ende hin kommen nochmal ordentlich die Tannine raus, und vom Rum verbleiben mittellang in einer bitter-süßen Weise vor allem die Tannine, sowie natürlich die Gardel-Grundnote. 

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Fazit: mit jedem weiterem Gardel den ich ins Glas bekomme wächst mein Bedauern darüber, dass diese absolut herausragende Brennerei ein viel zu rasches Ende gefunden hat und dass sie, anders als z. B. Caroni, nicht einmal einer größeren Gruppe an Connaisseuren in guter Erinnerung bleibt und ein gefeiertes Andenken hinterließ, da kaum jemand von Gardel überhaupt je gehört hat, geschweige denn deren Rums probiert hat. Diesen anonymen Tod hat Gardel in keiner Weise verdient, denn wie eben bereits angedeutet, gehören diese Rums für mich ohne jeden Zweifel in eine Reihe mit den ganz großen Destillaten dieser Welt: Caroni, alte Demeraras, alte Long Ponds, Hampden, Rockley, Gardel!
Der heute verkostete Secret Treasures aus 1989 gehört nicht zu den allerbesten Rums der Destillerie, auch wenn dieser Jahrgang enormes Potenzial hatte, schlicht, da er zu sehr verdünnt wurde um wirklich ganz oben anzugreifen. Aber trotz alledem kratzt auch dieser TST Gardel, wie schon der Bruder, an der 90 Punkte Marke. Das ist, für einen Rum mit nur 42% vol., dessen Fassstärke noch dazu deutlich höher liegt, eine absolute Sensation und demonstriert so deutlich wie vielleicht nichts anderes sonst die enorme und außergewöhnliche Qualität von Gardel!

-89/100-

Ich wünsche euch nun noch einen schönen Sonntag!

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 13. Oktober 2019

Cadenhead's Guadeloupe Rhum 20 YO Gardel 1982

Liebe Rum Gemeinde,

auch wenn viele von euch diese Woche sicherlich mit einem der neuen Velier Caronis gerechnet haben, so möchte ich meinen Blick heute doch aber lieber nochmal zurückwerfen in die Vergangenheit, genauer gesagt sogar ziemlich weit zurück in die Vergangenheit, denn mit dem Cadenhead's Guadeloupe Rhum 20 YO Gardel 1982 habe ich eine echte Rum-Legende entdeckt, die ich euch keinesfalls länger vorenthalten möchte!



Meine ganz persönliche Geschichte mit dieser Abfüllung aus der lange schon ruhenden Brennerei Gardel von Guadeloupe beginnt schon im März 2018, zur Cologne Spirits, als ich die Möglichkeit hatte die Abfüllung mit Marius von SCR zusammen bei Rene van Hoven am Raritätenstand zu probieren. Wir waren beide ziemlich begeistert von dem guten Tropfen (klick für Marius' Review), auch wenn ich gestehen muss, dass ich ihn danach doch erst einmal für ziemlich genau ein Jahr aus den Augen verloren hatte. Genau ein Jahr später, zur nächsten Cologne Spirits, entdeckte ich die Flasche dann erneut bei Rene am Stand und gönnte mir erneut ein Glas.

Nun schaffte es Gardel endgültig auf meinen Zettel, woraus dann wiederum die Reviews zum Secret Treasures 1989 und zum Bristol 1992 von Gardel im Sommer diesen Jahres resultierten. Mir war klar, dass sie nicht an den Cadenhead heranreichten, zu sehr gereicht an der Stelle eine Verdünnung zum Nachteil, aber die Möglichkeit einer erneuten Verkostung des Cadenhead hatte ich eben erst einmal nicht. Das änderte sich schlagartig, als Rene sich entschloss Teile seiner Sammlung zu verkaufen und ich mir ohne zu zögern den Gardel bei ihm sicherte. Meine Freude war riesig und überglücklich holte ich die Flasche beim Rum Fest in Berlin dann schließlich bei ihm am Stand ab. Doch das ist noch nicht alles, denn, das möchte ich vorab verraten: es ist mir inzwischen ebenfalls gelungen, zwei weitere Gardel Abfüllungen von The Secret Treasures aufzutreiben, eine 14 Jahre alte Abfüllung aus 1989 und einen 11 Jahre alten Rum aus 1992! Beide probierte ich ebenfalls in Berlin im Lebensstern und beide werden hier selbstverständlich ebenfalls noch beizeiten vorgestellt. Doch jetzt soll es erst einmal ausschließlich um den Cadenhead gehen.



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Verkostung des Cadenhead's Guadeloupe Rhum 20 YO Gardel 1982:

Preis: den Ausgabepreis damals vermute ich anhand der Eckdaten zwischen 50,- und 100,- Euro. Rhum aus den französischen Departements hatte schon früher seinen Preis als andere Rhums. 

Alter: der Rum ist 20 Jahre alt, lag von 1982 bis Januar 2003 im Fass.

Lagerung: unklar. Da nicht selten auch gereifte Fässer von den französischen Antillen nach Europa gelangten, ist eine tropische Lagerung möglich, mindestens teilweise. Die Farbe des Rhums spricht klar dafür und ich unterstelle da auch einfach mal, dass nicht gefärbt wurde. Andere Gardel sind ja ebenso dunkel.

Fassnummer: unbekannt.

Angel's Share: keine Angabe

Alkoholstärke: 57,8% vol. - Fassstärke!

Destillationsverfahren: der Rhum wurde via Column Still gebrannt.

Mark: unbekannt.

Farbe: sehr dunkel, im Glas leuchtendes Mahagoni.

Viskosität: der Rum bildet satte, enge, regelmäßige Schlieren am Glas und läuft träge und langsam an der Glaswand herab. Man möchte fast meinen, er haftet am Glas.

Nase: Ohh jahh! :-) Volltreffer! Das Profil, was wir vor allem beim The Secret Treasures 1989 gefunden haben, erkenne ich hier auch direkt wieder und bin, anders kann man es kaum beschrieben, geflasht! Ich bin von Gardel aller spätestens seit eben jenem The Secret Treasures ja wirklich begeistert, aber der hier toppt das direkt noch einmal! Wunderbar warm, kräftig, schwer, tief, dabei aber überhaupt nicht alkoholisch empfängt mich der Rum in der Nase. Ein solch komplexes Aromen-Feuerwerk findet man nicht alle Tage vor und schon jetzt bin ich gespannt, ob es mir auch nur annähernd gelingen wird, in Worten wiederzugeben was mich hier im Glas gerade übermannt! Wie schon beim 1989er ist mein Gefühl schon deutlich, dass das hier in die französische Richtung geht, auch wenn der Rhum sicherlich nicht die klassischen Komponenten eines Agricoles aufweist. Er ist weder so trocken und erdig, noch so "muffig" wie ich den klassischen Agricole empfinde. Stattdessen hat der Gardel etwas unglaublich pafümiertes, was ich so noch bei keiner anderen Destille wahrgenommen habe. Darüber hinaus fällt die fortgeschrittene Reife definitiv auf. Der Rum hat einen tollen, intensiven, aber nicht zu starken Fasseinfluss erhalten, der diesen Rhum schon zu etwas ganz besonderem macht. Ansonsten geht das alles sehr in eine trocken, würzige, aber auch fruchtige Ecke mit überreifen Bananen und Aprikosen, aber auch Eukalyptus und karamellisiertem Zucker. Ein Mega Rum!

Gaumen: der Rum muss kurz gezügelt werden, kommt dann aber sehr mild und wenig scharf daher. Der Alkohol ist hervorragend eingebunden! Der erste Eindruck ist dann erst einmal ganz simpel, nämlich dass dieser Rum unglaublich lecker ist! Die pafümierte Komponente zeigt sich auch am Gaumen stark ausgeprägt und scheint einfach die Signature-Note von Gardel zu sein. Ganz, ganz eigen! Dahinter wird es dann mannigfach. Ich muss gestehen, dass ich hier nur sehr unzureichend wiedergeben und beschrieben kann was ich wahrnehme, zu ungeübt sind meine Sinne auf diesem, für mich ungewohnten, Gebiet! Es gesellen sich auf jeden Fall Tannine vom Holz, etwas nussiges, pflanzliche Assoziationen, sowie eine großzügige Ladung Anis dazu, auch etwas muffiges nehme ich wahr, kann das aber nicht zuordnen. Das ganze kommt auf jeden Fall in einer trocken, würzigen, aber durchaus auch leicht süßen Charakteristik daher und mutet auf mich wahnsinnig komplett an. Es fehlt dem Rum an nichts und es gibt gleichzeitig auch nichts, was mich irgendwie stören würde. Am Gaumen möchte ich, anders als in der Nase, dann doch beinahe wieder an ein Destillat aus frischem Zuckerrohrsaft glauben, aber mir wurde mehrfach berichtet, dass es sich bei den Rhums aus Gardel um Rhums aus Melasse handelt. An anderer Stelle ist das in dieser Form meines Erachtens wiederum auch ebenso wahrzunehmen. Ein Hybrid läge also nahe. Zum Schluss wird der Rum dann immer cremiger und, das hatte ich selten, schon beinahe zu cremig, so dass sich ein Gefühl einstellen kann, als würde der Rum auf der Zunge zerfallen. Da muss man für sich den Absprung schaffen und den Rum rechtzeitig in den Abgang entlassen. Dann aber, ist das hier wirklich perfekter Genuss!

Abgang: im Finish finden sich dann noch einmal, vereinfacht gesagt, alle wesentlichen Merkmale, die den Rum bis hier hin ausgezeichnet haben, an vorderster Front natürlich die pafümierte Signature-Note. Dazu halten die Eindrücke ungewöhnlich lange an. Klasse!

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Fazit: ihr Lieben, auch wenn ich meine Assoziationen zum Rum heute ungewohnt wenig benennen konnte und der Fokus daher auf der reinen Charakterisierung lag, so dürfen keine Missverständnisse darüber aufkommen, dass dieses für mich ohne Wenn und Aber einer der allerbesten Rums ist, die ich je im Glas hatte! Schon beim Secret Treasures 1989 habe ich mich zu der Einschätzung hinreißen lassen, dass dieser Stil in unverdünnter Form das Potenzial für ganz, ganz großes hat und ich fühle mich darin heute mehr als bestätigt! Überrascht hat mich vor allem, dass das Fass trotz der erheblich längeren Lagerung im Vergleich zum Secret Treasures keine Überhand genommen und den Rum nicht verholzt hat, sondern zur Perfektion geschliffen. An diesem Rum gibt es nichts(!), was man hätte besser machen können! Extra-Klasse! Überragend! Der Stil Gardels wird dementsprechend in Intensität, Komplexität und Einzigartigkeit meines Erachtens nur von tropisch gereiften Caroni, Demerara und St. Lucia Rums, sowie von Rockley, Long Pond und Hampden Rums erreicht. Outstanding unique Stuff! Das Bedauern darüber, dass wir solche Rums durch die Demontage der Brennapparate bei Gardel in den 1990er Jahren nie wieder sehen werden, kann ich ebenso wenig gänzlich in Worte fassen, wie meine geschmacklichen Wahrnehmungen und Assoziationen zum Rum.

-96/100-

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 21. Juli 2019

Gardel Distillery: Secret Treasures 1989 vs. Bristol 1992

Liebe Rum Gemeinde,

heute erwartet euch auf BAT einmal wieder ein R(H)UMble! Das habe ich, zumindest gefühlt, länger nicht gemacht und zu den Rums, die ich vorstellen möchte, passt das Format wie angegossen. So let's R(H)UMble! ;-)




Was liegt heute an? 

Die Reise geht heute nach Guadeloupe, genauer gesagt in die seit einigen Jahren geschlossene Gardel Distillery. Die Situation auf Guadeloupe gestaltet sich hinsichtlich seiner Vielfalt an Destillerien ähnlich dramatisch wie die auf vielen anderen karibischen Inseln. Waren es im Jahr 1775, also zum Ende des 18. Jahrhunderts hin, noch über 70 Destillerien, so sind es heute gerade einmal noch eine Hand voll, von denen Damoiseau wohl die bekannteste sein dürfte, alleine auch durch die Vielzahl an unabhängigen Abfüllungen des Jahrgangs 1998. Gardel hingegen gehört, wie eingangs gesagt, zu jenen die es heute nicht mehr gibt. Mehr noch: Gardel dürfte auch insgesamt heute nur noch wenigen Rum Freunden überhaupt bekannt sein, denn es gab kaum Rhums von dort auf dem Markt in Europa zu kaufen. Die wenigen Abfüllungen die es von unabhängigen Abfüllern gab sind seit vielen Jahren vergriffen und es kommt auch schon seit fast 20 Jahren nichts mehr nach. So sind dann folglich auch Informationen zur Destillerie leider echte Mangelware. Laut Rum Company wurde Gardel im Jahr 1870 von einem "Zuckerbaron" gegründet und produziert auch noch bis heute Zucker, allerdings wurden die Brennblasen Gardels in den 1990er Jahren abgebaut. Deswegen dürfte der Jahrgang 1992, aus dem ich heute auch einen Rum verkosten werde, abgefüllt von Bristol Spirits, wohl einer der letzten der Destillerie gewesen sein. Der andere Rhum, der parallel ins Glas kommt, stammt aus dem Jahr 1989 und kommt vom Abfüller Fassbind, die den Rum in ihrer Secret Treasures Linie releast hatten. Nun stellt sich bei mir ja schon automatisch die Frage, wie ich überhaupt dazu komme, Rhum aus den französischen Übersee-Gebieten zu besprechen, wo ich davon doch mal so überhaupt keine Ahnung habe. Was ist da los bei mir? Und tja, was soll ich da sagen, außer: weil sie mir gefallen! Ja, richtig gehört, ich bin, Agricole-Banause hin oder her, doch noch fündig geworden beim Rhum! Zunächst gefiel mir schon der 20 YO Gardel von Cadenhead bei Rene van Hoven am Stand in Köln so gut, dass ich ihn im Jahr darauf dort gleich nochmal getrunken habe. Dann aber konnte ich auch diese beiden hier probieren und, so viel sei vorab verraten, auch diese haben mich nicht enttäuscht. Das brachte Gardel auf meinen Radarschirm und so habe ich mich dazu entschlossen, ihnen hier den Raum zu geben den sie verdienen, denn Gardel hätte größere Bekanntheit durchaus verdient, wie ich finde. 

2 x Gardel Guadeloupe Rhum: The Secret Treasures 13 YO aus 1989 vs. Bristol Spirits Ltd. 10 YO aus 1992






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The Secret Treasures Guadeloupe Rhum 13 YO Gardel 1989: 

Der The Secret Treasures ist der ältere der beiden Rums. Von 1989 reifte der Rhum insgesamt 13 Jahre bis 2002 in Fässern. Ob er tropisch oder kontinental reifen durfte oder ob es eine Mischung aus beiden Wegen war, kann leider nicht mehr wirklich nachvollzogen werden. Die Farbe deutet aber, wenn nicht nachgefärbt wurde, schon sehr stark auf tropische Reifung hin. Der Rhum weist einen Alkoholgehalt von 42% vol. auf. Das ist normalerweise doch eher wenig, bei Rhum Agricole allerdings nicht zwingend ungewöhnlich. Apropos Agricole: die Frage, ob der Rum auf Zuckerrohrsaft oder Melasse basiert, ist leider ebenfalls nicht hinreichend geklärt. Cadenhead gab auf einer Gardel Abfüllung von 1980 "RHUM AGRICOLE" als Mark an, allerdings habe ich das dem Rhum geschmacklich nicht ganz abgenommen. Wie das bei den heutigen Rums aussieht, wird sich zeigen. Die Abfüllung ist inzwischen sicherlich so etwas wie eine kleine Rarität, wenn gleich ich den Wert einer Flasche schlecht schätzen oder beziffern kann. In einem lokalen Shop bekam ich sie allerdings noch zu einem ganz annehmbaren Preis! 

Im Glas fällt mir vor allem erst einmal die für 13 Jahre wirklich außerordentlich dunkle Farbe von Mahagoni auf. Diese unterstützt, wie oben bereits erwähnt, sehr eindeutig meinen Verdacht einer tropischen Reifung. In der Nase ereilt mich dann zu Beginn gleich mal ein richtiger "Wow"-Effekt! Krasser Stoff! Geiler Stoff! Gefällt mir richtig gut! Das mag bei mir sicherlich auch daran liegen, dass ich sonst, für einen Rum Nerd, ungewöhnlich selten nach rechts oder links sehe, da mein Geschmack sehr festgelegt ist und mich selten Rums außerhalb dieses Rahmens noch richtig überraschen und begeistern gleichermaßen können. Hier ist das aber der Fall und ich bin noch immer dabei, meine Sinne zu sortieren. Die Basis-Note dieses Rums ist eine, die ich so bisher gar nicht kenne, die ich allenfalls aber als grundsätzlich agricoleartig beschreiben würde, sprich, ich würde hier schon auf ein Destillat aus frischem Zuckerrohrsaft tippen. Das geht alles in eine würzig-trocken-fruchtige Richtung und da ist auch etwas leicht parfümiertes. Mir fällt es ausgesprochen schwer, einzelne Komponenten wirklich herauszuarbeiten und zu benennen: fremdes Terrain! In jedem Fall hat er aber bereits ordentlich was vom Holz mitbekommen.
Am Gaumen kommt der Rum für seine 42% vol. sehr konsistent daher, eine Verwässerung empfinde ich nicht gravierend, ebenso wenig wie jegliche unangenehme Schärfe. Der Rhum ist vollmundig, so wie es mir gefällt, und dann in erster Linie einmal lecker! Der Grundton, der auch ein bisschen was pafümiertes-muffiges hat, ist wieder vorhanden, aber vor allem fällt mir eine Intensität an Tanninen auf - der Tropfen hat viel Holz gesehen und steht auf der bitteren Seite (bitte nicht negativ verstehen!). Das ganze ist dann auch durchaus komplex und reichhaltig, auch wenn mir hier die Erfahrung fehlt, das entsprechend umfangreich zu benennen. Höchstens Anis könnte ich bestimmen.
Im Abgang wird es dann noch einmal holzig-pafümiert und bitter. Strange, aber angenehm und lecker! Dazu verweilt der Rhum doch recht lange am Gaumen... 

-89/100-


Bristol Spirits Guadeloupe Rhum 10 YO Gardel 1992:

Der zweite der heute verkosteten Rhums kommt von Bristol Spirits Ltd. Es handelt sich dabei um eine alte Abfüllung des Jahrgangs 1992, die im Jahr 2002, nach 10 Jahren Reifung, abgefüllt wurde. Auch beim Bristol ist die Frage ob tropisch oder kontinental gereift wurde ungeklärt. Farblich tendiert aber auch dieser Rhum arg zu tropischer Lagerung, so keine Färbung vorliegt, was aber bei Bristol sehr untypisch wäre. Der Alkoholgehalt beträgt die für Bristol typischen 46% vol., womit er sich unter anderen Rhums französischen Ursprungs in guter Gesellschaft befindet. Die Agricole-Frage warf ich beim Secret Treasures ja bereits in den Raum und auch hier wird uns letzten Endes nur der Geschmack wirklich weiterhelfen können. Auch der Bristol gilt als Rarität, wobei die Abfüllung preislich über dem Pendant von The Secret Treasures liegen dürfte, schon allein weil der Abfüller sehr viel gefragter ist, als es die Rums von The Secret Treasures sind. Ich erhielt von einem geschätzten Berliner Mitglied einer privaten Rum-Runde ein Sample dieses Tropfens und bedanke mich an dieser Stelle nochmal ganz herzlich dafür!

Farblich unterscheidet sich der Bristol erst einmal nicht vom Secret Treasures. Die haben beide dunkles Mahagoni und muten optisch tropisch gereift an. In der Nase erkenne ich grundsätzliche Art-Verwandtschaft, aber beide Rhums unterscheiden sich doch schon auch sehr. Der Bristol hat da in noch so einen Ton drin, den ich irgendwo her kenne und der mir nicht so richtig gut gefällt. Ich habe das Gefühl, da steckt noch irgendwas an Gebäck drin, aber ich komme nicht drauf, was es ist. Holz hat auch der Bristol schon einiges und es geht insgesamt eher in die würzig-trockene Ecke, weniger in die fruchtige. Aber auch hier: einzelne Aromen zu abstrahieren fällt mir bei diesen Rhums ganz schwer!
Am Gaumen machen sich die 4% vol. mehr, die der Bristol gegenüber dem Secret Treasures hat, aus meiner Sicht nicht wirklich bemerkbar, vielleicht minimal, aber das ist in etwa das gleiche Mundgefühl im Hinblick auf die Konsistenz. Auch unter alkoholischer Schärfe leidet der Rhum nicht. Dass es sich um zwei Rhums aus der gleichen Destillerie handelt merkt man nun allerdings noch mehr, gerade im Vergleich. Wieder ist da dieser Eindruck, den ich einem Gebäck zuordne (ohne zu wissen, ob das wirklich stimmt). Mich fuchst das richtig, dass ich nicht drauf komme, was das ist. Ansonsten empfinde ich den Bristol am Gaumen stärker als in der Nase. Die Holzeinflüsse sind da, aber geringer als beim The Secret Treasures. Nach hinten heraus ist da ein wenig Anis, das den Rum dann auch in den Abgang geleitet, gefolgt von einem ordentlichen Anteil an Tanninen. Auch der Bristol zeigt im Finish einiges an Ausdauer, das finde ich gut. 

-86/100-


Fazit: 

Gardel ist anders! Und das meine ich in höchstem Maße positiv. Schade, dass wir wohl niemals eine Renaissance dieser tollen Destillerie erleben werden und uns mit den wenigen Flaschen begnügen müssen, die wir irgendwo auf dem Secondary Market noch von Zeit zu Zeit vielleicht mal finden können. Von den beiden heute verkosteten Rhums hat mir die Abfüllung von The Secret Treasures besser gefallen als die von Bristol Spirits, da sie für mich noch ein wenig mehr dieses besondere und außergewöhnliche hat, das, was ich als "Wow"-Effekt beschrieben hatte. Einfach nur geil und ganz anders als alles was ich sonst kenne! Das ist ein Rhum, an dem rieche ich und es haut mich vollkommen um! Einzig der geringe Alkoholgehalt verhindert eine absolute Top-Bewertung. Zwar ist der Rhum nicht verwässert, da hatte ich ja Entwarnung gegeben, aber wenn der jetzt um die 50% vol. hätte, wäre er vermutlich ein absoluter Killer und über die 95 Punkte Marke geklettert! Der Bristol dagegen hat zwar ebenfalls enorme Qualität, aber nach diesem Rhum suchte ich, nachdem ich den Cadenhead und den The Secret Treasures schon kannte, eben auf Grund deren außergewöhnlicher Qualität. Hätte ich statt der beiden hingegen zuerst den Bristol entdeckt und probiert, wüsste ich nicht, ob ich dann auch davon ausgehend noch nach weiteren Gardels geschaut hätte. Ich denke, das sagt viel aus und definiert die Differenz zwischen beiden Rhums sehr exakt. Überlegen war der Bristol dem Secret Treasures einzig beim Alkoholgehalt.
Spannend war die Erfahrung der Verkostung dieser beiden Rhums für mich aber auch deshalb, weil ich mich vor den Gläsern nochmal wie ein blutiger Anfänger in der Welt des Rums fühlen durfte, mit all den Schwierigkeiten und Hürden, die es so mit sich bringt, wenn man einen Rum beschreiben möchte, das ganze aber kaum in Worte gefasst bekommt. Ich habe es trotzdem getan, auch um euch alle da draußen weiter zu motivieren, den Mut zu haben ebenfalls mit euren Verkostungsnotizen herauszurücken - sei es z.B. auf Facebook oder gar auf einem eigenen Blog. Ich weiß, da zieren sich viele noch, gerade dann, wenn einem keine 47 blumige Assoziationen zu einem Rum durch den Kopf schießen, aber die braucht es aus meiner Sicht auch nicht unbedingt und immer. Als wichtiger empfinde ich die Charakterisierung, und das geht, wie ihr seht, eigentlich fast immer. Daher: nur Mut!

In diesem Sinne: bis demnächst!
Flo