Posts mit dem Label Blackrock Distillery werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Blackrock Distillery werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 31. Januar 2021

RA Barbados Rum 34 YO W.I.R.D. "Rockley Style" 1986

Liebe Rum Gemeinde,

heute ist mal wieder so ein Tag, an dem ich an einer dieser Reviews sitze, bei denen ich vor lauter freudiger Erwartung schon gar nicht mehr weiß, wo genau ich eigentlich anfangen soll. Eine Vorfreude, die schon seit Monaten darauf wartet, sich endlich Bahn brechen zu dürfen und nun ist es endlich so weit: Rockley-Festtagsstimmung auf Barrel Aged Thoughts! 


Der so genannte "Rockley Style" ist ein Rum Stil, der mich schon sehr, sehr lange auf meiner Reise durch die flüssige Kulinarik der Karibik begleitet. Seit einem kalten, ungemütlichen Abend im November 2011, um genau zu sein. In meiner Review zu den beiden 1986er Duncan Taylor und Silver Seal vom letzten Jahr habe ich diese Geschichte um meinen ersten Besuch bei Herrn Andreas Schwarz in Preetz ausführlicher dargelegt. Wer da Zeit und Lust hat, kann sich dieser Lektüre gern noch einmal annehmen. Das würde ich allerdings auch davon ganz abgesehen jedem empfehlen noch einmal zu tun, denn die beiden dort begutachteten Rums sind auch für meinen heutigen Rum die Benchmark, die es zu schlagen gilt. 

Der Duncan Taylor behauptet diese Position im Grunde seit 2012 schon durchgängig für sich. Damals kam dieser mit 25 Jahren in die Flasche und war einer der eher wenigen Rockley, der mit mehr als nur 46% vol. in die Flasche kam. In der Folge hingegen wurde es dann ruhig um den Rockley Style aus 1986 - um nicht zu sagen: mucksmäuschenstill! Denn leider kam da die Jahre danach nämlich nichts mehr wirklich nach (den Jahrgang 2000 sehe ich als qualitativ nicht vergleichbar an), weswegen ich den Stil auch bereits verloren geglaubt hatte. Der Silver Seal hat uns im Sommer 2020 dann wiederum alle überrascht und auch verzaubert. Denn es zeigte sich bei der Verkostung, dass er definitiv dazu in der Lage war den Duncan Taylor herauszufordern. Im Ergebnis schaffte er es zwar nicht ihn zu übertrumpfen, meines Erachtens, aber er hat sich ergänzend und auf Augenhöhe an dessen Seite gestellt, was ich schon sehr beachtlich finde, angesichts der enormen Qualität des Duncan Taylor! Und nun schließlich kommt mit dem Rum Artesanal zu Beginn des Jahres 2021 dann direkt der nächste Rockley, der es sich zutrauen darf, es mit den beiden aufzunehmen! Inwieweit es ihm gelingen wird? Das schauen wir uns gleich an! 


Zum Rockley-Style:

Zuvor allerdings möchte ich noch ein paar Einwürfe zu "Rockley" selbst machen, bzw. eben zum "Rockley"-Style. Denn die Geschichte darum gehört zu den geheimnisvollsten, die die moderne Rumszene zu bieten hat (zumindest, wenn wir das ganze einmal auf die Geheimnisse positiver Konnotation reduzieren). Um diese in ihrer Gesamtheit darzulegen müsste ich nun vermutlich zu weit ausholen und plane das an anderer Stelle auch noch zu tun, daher schaue ich, dass ich heute erst einmal nur die wesentlichsten Punkte herausstelle. 

Zunächst einmal muss ich mit der Annahme aufräumen, es könne sich bei dem Rum um Rum aus einer Rockley Destillerie handeln. Es gab zwar früher eine Rockley Destillerie auf Barbados, aber diese existiert schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Was hingegen noch existiert, ist deren mutmaßliche alte Pot Still, die Rockley Still, die auf einigen Flaschenlabeln auch immer mal wieder angegeben wurde. Diese steht heute bei der West Indies Rum Distillery (W.I.R.D.) auf Barbados - wurde tatsächlich aber seit wiederum vielen Jahrzehnten auch schon nicht mehr genutzt, und zwar auch schon weit vor 1986 nicht mehr. Auch sie scheidet als Urheber für diesen Rum aus. Was also erstmal klingt wie eine dieser Stories aus Guyana, wo oft heute noch mit uralten Brennblasen längst vergangene Stile noch produziert werden, entpuppt sich hier als Trugschluss. Die Frage an dieser Stelle lautet also: wie kam der Name Rockley zum 1986er Batch der W.I.R.D.? Ist es wie bei einigen anderen Guyana Rums z.B., wo heute ebenfalls keine Brennblase mehr existiert und der gesamte Stil durch vollkommen anderes Material hergestellt wird? Oder handelt es sich bei der Namensgebung um reine Willkür, immerhin taucht der Name Rockley erst seit Mitte-Ende der 1990er Jahre überhaupt im Zusammenhang mit Rum der W.I.R.D. auf. Das kann leider noch immer niemand hinreichend beantworten. Zwar wird, was auf die zweite Möglichkeit der modernen Namensfindung zielt, immer wieder John Barrett als Urheber dieses Mythos genannt, aber inwieweit das stimmt, darf doch bezweifelt werden, immerhin stammt die älteste mir bekannte 1986er Abfüllung die den Namen Rockley auf dem Label trägt nicht von Bristol, sondern von Velier. Sie wurde bereits 1997 abgefüllt (sollte laut Label sogar aus der Rockley Distillery stammen) und damit ein Jahr bevor John Barrett unter dem Bristol Logo seinen ersten 1986er abfüllte. 

Weiter muss man sich aber vor allem auch die Frage stellen: um was für Rum handelt es sich bei diesen "Rockleys" eigentlich? Denn wer schon einmal einen "Rockley" und einen herkömmlichen Rum aus der Gregg's Farm Pot Still der W.I.R.D. im Glas hatte der wird sehen: das sind Rums wie Tag und Nacht, gar nicht miteinander vergleichbar! Was also lief bei diesem "Rockley" Style anders? Auch hier müssen wir bedauerlicherweise noch zu großen Teilen im Trüben fischen. Zwar gibt es einige Erklärungsansätze und Theorien, aber bisher leider keinen einzigen hinreichenden Beweis. Das ist zwar einerseits schade, habe ich doch irgendwie immer den Drang so etwas bis ins Detail entschlüsseln zu wollen, aber auf der anderen Seite macht das den Mythos Rockley auch irgendwo aus. Die geläufigen Erklärungsansätze reichen von der Fermentation mit Meerwasser, über die Nutzung eines weiteren Brennapperats (der Vulcan Chamber Still) bis hin zu der Frage, zu welchem Zweck dieser Stil eigentlich hergestellt wurde. Hier wiederum würde ich auf eine ähnliche Nutzung wie bei Hampden oder Caroni tippen, das heißt, dass dieser Stil vielleicht lediglich das Flavouring Material von W.I.R.D. war oder ist und nur aus 1986 und 2000 (sowie vereinzelter noch früherer Jahrgänge) ein eventueller Überschuss einfach nach Europa verkauft wurde. Somit könnte der sog. "Rockley" Style am Ende auch einfach nur die Essenz von W.I.R.D. sein, vergleichbar mit eben den Heavy Rums von Caroni oder Hampden DOK. Und das wiederum hieße, dass vielleicht auch "Rockley" ursprünglich nie zum trinken gedacht war, sondern von Scheer eher für eine Nutzung in der Lebensmittelindustrie eingekauft wurde. Allerdings zeigt es sich gerade im High-End-Bereich von Rum immer wieder, dass vor allem diese Rums, die nie dazu bestimmt waren pur im Glas eines Endverbrauchers zu landen, bei jenen am Ende die Augen stärker zum Leuchten bringen, als es die allermeisten anderen Rums je zu vermögen wissen. 

Und zu guter Letzt ist es möglicherweise noch wichtig zu erwähnen, dass der 1986er Rum aus der W.I.R.D. unter noch weiteren Namen auf dem Label bei diversen IB erschien. Zum Teil wurde die Destillerie auch unter den Namen West Indies Rum Refinery (W.I.R.R.) oder Blackrock Distillery geführt. Solltet ihr also Bajan Rums aus 1986 finden, die einen dieser Namen tragen: nein, das ist nichts anderes, das ist das gleiche Batch! ;-)


Aus Gründen der Transparenz sei, bevor wir nun zur Verkostung selbst kommen, an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich ein Sample zur Verkostung dieses Rums, sowie eine ganze Flasche des Rums zu Fotozwecken gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 

Picture by Dominik Marwede


Verkostung des RA Barbados Rum 34 YO W.I.R.D. "Rockley Style" 1986:

Preis: die unverbindliche Preisempfehlung des Rockley liegt bei 329,90€ / 0,5 Liter.

Alter: von Dezember 1986 bis Januar 2021 durfte der Rum insgesamt ziemlich genau 34 Jahre im Fass reifen. 

Lagerung: Continental Aging - der Rum lagerte während der gesamten Zeit seiner Reifung in Europa. 

Fassnummer: die interne Fassnummer lautet #210. Dieses Fass ergab nur noch 162 Flaschen a 0,5 Liter. 

Angel's Share: etwa 58% des Fassinhaltes gingen an die Engel. 

Alkoholstärke: der Rum kommt in Fassstärke daher und weist einen Alkoholgehalt von 53,7 % vol. auf. 

Destillationsverfahren: die offizielle Angabe lautet, dass der Rum im Pot Still Verfahren destilliert wurde. Über die genaue Verfahrensweise herrscht aber große Unklarheit, verschiedene Theorien dazu kursieren (s.o.). 

Mark: BBR (former BRS and WIRR) "Rockley Style"

Farbe: kräftiges, goldenes Stroh.

Viskosität: der Rum verläuft langsam und zähflüssig in eher weiten, regelmäßigen und parallelen Schieren an der Glaswand hinab.

Nase:
 Breathtaking! Absolutely breathtaking! Ca. eine Stunde habe ich das ganze jetzt atmen lassen und kann nur positiv geschockt vor meinem Glas sitzen: denn in diesem finde ich Rockley-Essenz vor! Der Rum hat, verglichen mit dem Duncan Taylor, deutlich an Kraft, Intensität und auch an Reife gewonnen. Trotz dessen, dass beide einen sehr ähnlichen Alkoholgehalt aufweisen, beim Duncan Taylor sind es 52,7, beim RA noch 53,7% vol., kommt der RA deutlich stärker daher, wenn gleich ich größten Wert drauf lege, dass das an dieser Stelle ausschließlich positiv ausgelegt wird (der Alkohol ist hier wirklich fantastisch eingebunden!). Oder mit anderen Worten: die Verdünnung des Duncan Taylor anno 2012 ist deutlich wahrzunehmen, genau wie schon beim Crosstasting gegen den Silver Seal im Sommer! Im Bouquet dominieren beim RA natürlich der Waldhonig in toller Kombination mit einer ordentlichen Portion Rauch, viel Vanille und tatsächlich auch deutlicher Mango. Hier hat der Dominik in seinem Promo-Video also mal voll ins Schwarze getroffen. Chapeau! Über all dem liegt dann auch immer wieder so eine richtig schöne, schwere Süße, etwas, was dem Duncan Taylor imho so ein wenig fehlte, so dass man wirklich schon beinahe das Gefühl bekommt, an einem Glas Honig zu sitzen, in dem ein wenig Anis und andere Gewürze schwimmen, Schiefer, sowie auch etwas an Tanninen. Letztere fallen hier allerdings wesentlich gemäßigter aus als beim Silver Seal, so dass der RA noch einmal mehr klassischer Rockley Style ist, als es der Italiener aus 2020 ist. Das Fass scheint mir hier, in der Nase zumindest, auf den Punkt gereift zu sein! Je länger die Gläser nebeneinander stehen, desto deutlicher manifestiert sich dieser Eindruck. Der Duncan Taylor fällt gegen den RA gar richtig gehend ab, das ist total krass! 

Gaumen:
 am Gaumen macht sich zunächst einmal positiv bemerkbar, dass der Rum schon einiges an Volumenprozenten verloren hat, denn der ist echt smooth! Da brennt wirklich nichts, da zwickt auch nichts, das ist einfach nur richtig entspannt und auch große Schlucke sind problemlos möglich. Das erlebe ich so und in dieser Harmonie nur ganz, ganz selten! Gleichzeitig geht das ja aber nicht mit Verwässerung einher, das stört mich beim Duncan Taylor inzwischen merklich, sondern wirkt komplett natürlich, denn der Rum kommt noch in seiner vollen Stärke daher und das merkt man dementsprechend. Der Silver Seal mit seinen fast 59% vol. hat im direkten Vergleich zwar sogar noch etwas mehr PS unter der Haube, aber die benötigt es hier gar nicht! Der Rum macht unglaublich Spaß, er ist komplex und vor allem sehr mundfüllend. In Windeseile breitet sich dieser geniale Rockley-Geschmack in der gesamten Mundhöhle aus und benetzt alles damit. Ich habe eine tolle Süße am Gaumen, Milch und Honig fließen, alles wirkt wie eine perfekte Liason und der Rum kommt dabei so cremig daher wie ein Sahnebonbon. Es setzt dann eine Menge an Anis und frisch geschnittenem Geäst ein, die mich immer wieder bei kontinental gereiften Pot Still Rums begleitet und die hier durchaus auch sehr schön und eindrucksvoll von der enormen Reife dieses Rums zeugt, ohne, dass es dazu einen ganzen Stapel Holz bedarf. Dazu kommen Stroh, eine leicht feuchte, grasige Note und tolle Mango und Papaya! Die Tannine dagegen sind zwar auch da, halten sich aber verhältnismäßig zurück und ermöglichen auf diese Weise noch einmal ein Rockley-Erlebnis, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr für möglich gehalten hatte! Outstanding!

Abgang: das Finale ist dann letztlich auch genauso grandios wie der gesamte Rum bisher! Es verbleiben merkliche Süße und Honig, sogar etwas Mango und einige Tannine am Gaumen. Die Süße schlägt dann um ins trockene und sogar leicht bittere. Aber für 34 Jahre ist das noch fast jugendlich! Dem Silver Seal ist sein enormes Alter da schon deutlicher anzumerken. Ganz großes Kino! 

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Fazit:
 schon lange vor Erscheinen des Rums war natürlich klar, dass es um diese Abfüllung ein Hauen und Stechen geben wird, denn der Rum ist mit seinen 162 Flaschen einfach verdammt rar und RA ist inzwischen in einer Weise gefragt, wie ich es mir vor einem Jahr noch kaum hätte vorstellen können. Dazu kommt er mit einer UVP von ca. 330,- Euro auf 0,5 Liter auch noch eine ganze Ecke günstiger daher als der Silver Seal mit seinen ca. 600,- Euro auf 0,7 Liter im Sommer. Inzwischen liegt dieser allerdings auch schon bei 900,- bis 1000,- Euro und dementsprechend ist klar, warum es einen solchen Run auf diesen Rum geben wird. Jeder weiß, dass ein solcher Rum in dieser Qualität eher nicht noch einmal wiederkommt und wenn, dann vermutlich kaum zu diesen Preisen. Sollte die Jagd am Ende also nicht von Erfolg gekrönt sein, so kann ich zwar die Enttäuschung am Ende verstehen, aber ich denke, angesichts der Rahmenbedingungen sollte auch klar sein, dass das oft nicht zu vermeiden ist. Und seien wir mal ehrlich, letztlich macht meines Erachtens doch aber gerade dieser Part wiederum auch einen Teil des Reizes solcher Flaschen aus. Zwei Seiten einer Medaille. 

Doch kommen wir endlich zum Rum: der König ist tot, es lebe der König! Das erste Mal seit 2012 führt mich definitiv kein Weg daran vorbei einen neuen König des Rockley-Styles auszurufen und es freut mich natürlich sehr, dass diese Ehre ausgerechnet einem RA zuteil wird und damit einem der sympatischsten Bottler-Label, das derzeit am Markt agiert! Einfach nur Extra-Klasse, was dieser Rum bietet und ich kann und möchte mich an dieser Stelle dann im Grunde auch einfach nur noch bei dir, Dominik, und deinem Team dafür bedanken, dass ihr das möglich gemacht und dieses in jeder Hinsicht außergewöhnliche Fass nach Deutschland gebracht habt! Dieser Rockley macht schlicht und ergreifend alles richtig und vereint sämtliche positiven Eigenschaften der bisherigen Referenzen. Der 18 YO Rendsburger hatte ein richtig geiles Profil, kam in Fassstärke daher, war aber alles andere als entspannt! Der Duncan Taylor hatte eine tolle Balance, hatte mehr als die damals üblichen 46% vol., aber es fehlte ihm minimal an Süße und letzten Endes hat ihm die Verdünnung auch nicht gut getan. Der Silver Seal wiederum kam zwar ohne Verdünnung aus und hatte ein recht komplettes Profil, aber die Tannine haben da auch schon ganz schön reingeschlagen. Ihm fehlte so ein wenig das Rockley der alten Tage. Der RA hingegen zieht überall das beste raus und gönnt sich keines der kleinen Makel der anderen Rums, so dass da am Ende natürlich eine Wertung herauskommt, die -zurecht- sehr nahe an der Topwertung ist:

-97/100-

Darüber hinaus musste ich nach dem heutigen Crosstasting auch das Verhältnis zwischen dem Duncan Taylor und dem Silver Seal noch einmal korrigieren und neu bewerten und habe mich dazu entschlossen, den Duncan Taylor leicht abzuwerten, auf dann 93 Punkte. Der Silver Seal verbleibt bei sehr starken 95 Punkten. 


Bis demnächst
Flo





Sonntag, 30. August 2020

Barbados, Rockley 1986 - Silver Seal vs. Duncan Taylor

Liebe Rum Gemeinde,

seit Ewigkeiten möchte ich mich heute einmal wieder mit dem alten Rockley Style von Barbados auf BAT beschäftigen, der über all die Jahre eine heimliche Liebe von mir war und noch immer ist. Es gibt, da sind sich nahezu alle einig, die ich zur engen Nerd-Szene in Deutschland zähle, aus Barbados keinen besseren Rum als jenen so genannten Rockley Style aus der West Indies Rum Distillery, der so viel mehr zu bieten hat als alles andere was aus Blackrock selbst, aber auch von den weiteren Destillerien Barbados' kommt.



Es war ein kalter Spätnachmittag im November 2011, als ich zum ersten Mal das Ladengeschäft von Andreas Schwarz in Preetz betrat. Ich hatte im Netz herausgefunden, dass es hier ganz in meiner Nähe ein Geschäft gibt, welches weit mehr Rum im Sortiment führt als (selbst gut sortierte) Supermärkte und so machte ich mich dorthin auf den Weg, nicht wissend, was mich erwarten sollte. Ich war zu jener Zeit noch ganz am Anfang meiner Rum Laufbahn und hatte außer Jamaica Rum noch nicht viel gesehen. Diese hatten es mir seinerzeit sofort angetan und auf diesen lag dementsprechend auch mein Augenmerk, als ich mich im Geschäft umsah. Mit Herrn Schwarz kam ich direkt ins Gespräch und es stellten sich zwei Dinge schnell heraus: zum einen nämlich, dass weder Andreas Schwarz ein gewöhnlicher Händler, noch ich ein gewöhnlicher Kunde war. Denn es war sowohl er auf seinem Gebiet weit kompetenter, als ich das bis dahin je irgendwo im Handel erlebt hätte, noch zeigte ich an den (damals wie heute) üblichen Verkaufsschlagern Zacapa oder Diplomatico auch nur das geringste Interesse. So stimmte die Chemie also direkt.

Lieber wollte ich Jamaica Rums. Am besten in Fassstärke. Kein leichtes Unterfangen damals! Und so ergab es sich, dass Herr Schwarz mir eine Abfüllung zeigte, die ich bis heute als bahnbrechend in Erinnerung habe: es stand noch eine Flasche Cadenhead's Cask Strength BRS (Rockley) Barbados Rum 16 YO Blackrock 1986 ganz oben links in seinem Regal! Ein Ladenhüter (auch, wenn sich das heute niemand mehr vorstellen kann)! Ich war sofort sehr interessiert, denn alte Cadenheads Bottlings waren (und sind es bis heute) ein Synonym für Qualität. Glücklicherweise kann man bei Andreas Schwarz fast alles an Rums was er im Verkauf hat auch probieren, so auch diesen. Also rein damit ins Glas und: *BÄÄÄM*! "Was zur Hölle ist das denn für ein geiler Scheiß?!" Das oder etwas ähnliches müssen meine ersten Gedanken dazu gewesen sein. So viel Kraft, so viel Flavour, aber gleichzeitig ohne dieses so brutale eines Jamaicaners... Unfassbares Erlebnis, bis heute vermutlich eines der schönsten im Rum Bereich überhaupt, weil es so unerwartet kam! Später wurden diese Momente rar, weil einen mit zunehmender Erfahrung immer weniger komplett überraschen kann, weil man so vieles schon kennt, aber damals war sowas noch möglich. Das erste Mal Rockley, ohne jede Erwartung, ohne jedes Wissen, was da gleich kommt. Die Flasche habe ich selbstverständlich sofort eingepackt (für 80,- Euro damals eine durchaus nicht ganz günstige Anschaffung) und meine Liebe für Rockley war geboren. In der Folge hielten der damals noch sehr kleine Kreis an Nerds und ich unsere Augen nach solchen Rums offen. Bezeichnender Weise wurde dann aber nur noch ein Rum überhaupt released, der es mit dieser Cadenhead-Abfüllung aufnehmen konnte, nämlich der Duncan Taylor WIRD 1986 im Jahr 2012. Diesen konnte kein Rockley vor oder nach ihm bisher toppen, was auch daran lag, dass danach so gut wie nichts mehr überhaupt auf den Markt kam.

Der heute vorgestellte Silver Seal ist, von einer Japan-Abfüllung, die leider wirklich nicht gut und auch nur äußerst schwer erhältlich war abgesehen, der erste abgefüllte 1986er Rockley seit dem Duncan Taylor 2012! Das ist acht Jahre her und damit länger, als sich die allermeisten da draußen überhaupt zur Rum Szene dazu zählen, die in den letzten Jahren um viele 100% im Vergleich zu damals gewachsen ist. Dementsprechend sind zwei Faktoren festzuhalten. Zum einen haben wir es dadurch schon fast mit einer gefühlten Premiere zu tun, zum anderen ist der gute Stoff aber ja auch mit gealtert und inzwischen schon stolze 33 Jahre alt und für 80,- Euro, wie der Cadenhead damals, nicht mehr zu haben. Im Gegenteil, ca. 600,- (!) Euro muss man inzwischen hinlegen, wenn man eine der Flaschen kaufen möchte, die Max Righi in diesem Sommer abgefüllt hat. Ob er das wert ist? Nun, diese Frage wird im Grunde sehr einfach im Fazit zu beantworten sein. Wenn es ihm gelingt den Duncan Taylor zu schlagen, dann durchaus, denn für diesen muss man inzwischen mehr als diese 600,- Euro auf den Tisch legen. Also sehen wir uns den Guten jetzt einmal genauer an!


.
Vergleich der beiden Rockley Barbados Rums aus 1986 - Silver Seal 33 YO vs. Duncan Taylor 25 YO:

Preis: der Ausgabepreis für den Silver Seal bei Whisky Antique (gehört Max Righi, der gleichzeitig Inhaber von Silver Seal ist) liegt bei 603,90 Euro. Derzeit ist der zu diesem Kurs auch noch erhältlich. Der Duncan Taylor kostete damals ca. 90,- bis 110,- Euro ca. Heute kostet eine Flasche eher 800,- bis 1000,- Euro.

Alter: von Dezember 1986 bis Anfang 2020 reifte der Silver Seal 33 Jahre lang im Eichenfass. Der Duncan Taylor wurde schon im November 2012 abgefüllt und war somit zu diesem Zeitpunkt 25 (bzw. fast 26) Jahre alt.

Lagerung: die Reifung fand in beiden Fällen mutmaßlich vollständig in Europa statt.

Fassnummern: Silver Seal gibt als Fassnummer die #20 an, allerdings dürfte es sich dabei ausschließlich um eine interne Zählung handeln, was meinen Verdacht bestätigt, dass der Abfüller vermutlich keine bis kaum noch Fässer lagernd hat, sondern neue Bottling unmittelbar zuvor von Brokern erworben werden. Ergeben hat das Fass noch 179 Flaschen a 0,7 Liter, sowie 15 Magnum Flaschen. Duncan Taylor gab damals die Fassnummer #16 an, welches noch 244 Flaschen a 0,7 Liter ergab.

Angel's Share: unbekannt. Er dürfte aber bei jeweils ca. 30 bis 40% liegen. 

Alkoholstärke: der Silver Seal kommt mit einem Alkoholgehalt von 58,8% vol. um die Ecke. Diese dürften der Fassstärke nach 33 Jahren im Fass entsprochen haben. Der Duncan Taylor wies noch 52,7% vol. auf, was bedeutet, dass er wohl um mindestens 10% vol. "beraubt" wurde. 

Destillationsverfahren: Pot Still.

Mark: BRS (Rockley)

Farbe: dunkles, goldenes Stroh beim Silver Seal, minimal aber merklich kräftiger als der Duncan Taylor. 

Viskosität: unregelmäßige aber parallele Schlieren fließen beim Silver Seal langsam und zähflüssig an der Glaswand herunter. Beim Duncan Taylor sieht es ähnlich, aber etwas öliger aus. Zudem fließen hier die Schlieren schneller.

Silver Seal Barbados Rockley 1986 im Glas
Nase: ich lasse beide Rums zunächst einmal eine gute Stunde atmen, bevor ich mich an die Verkostung setze. Dann aber sind beide auch direkt voll da! Der Silver Seal macht zunächst einen kräftigeren Eindruck als der Duncan Taylor, der eher etwas verhaltener und subtiler daher kommt. Dem Silver Seal merkt man auch die über 30 Jahre im Fass direkt an. Nicht negativ, aber eine gute Portion Holz kommt da schon direkt mit, während der Duncan Taylor eher noch diese klassische Rockley-Mischung aus Honig und Rauch aufweist und die in jüngeren Jahren natürlich eher weniger von Tanninen geprägt war. Beide Rums machen einen sehr tiefen, reichhaltigen und komplexen Eindruck und auch der Alkohol ist bei beiden jeweils exzellent eingebunden. So etwas wie alkoholische Schärfe findet für mein Empfinden nicht statt. Es braucht einige Momente und man muss sich so ein wenig an die beiden herantasten, bis sie ihr Bouquet in vollem Umfang offen legen. Der Honig kommt beim Silver Seal immer noch ganz gut durch, auch eine gewisse natürliche Süße ist vorhanden, den Rauch allerdings muss man schon sehr mit der Lupe suchen. Dieser scheint tatsächlich so ein wenig den Tanninen gewichen zu sein. Diese nehmen nämlich durchaus schon eine zentrale Rolle in diesem Orchester an Sinneseindrücken ein, das darüber hinaus auch noch eine sehr prägnante Assoziation zu Leder hervorzurufen vermag, sowie einiges an Vanille und Nelke für mich bereit hält. Erst ganz nach hinten heraus habe ich auch leichte Röstaromen und Rauch. Aber im Vergleich zu jüngeren Vertretern spielt dieser Part wirklich nur eine marginale Rolle. Anders der Duncan Taylor. Das ist an dieser Stelle noch wesentlich mehr klassischer Rockley als wir es nebenan beim Silver Seal sehen. Hier habe ich Rauch, hier habe ich Honig, hier habe ich Leder, hier habe ich alles was das Rockley-Herz begehrt! Einzig: im direkten Vergleich bilde ich mir ein, dass man die Verdünnung spürt. Der Silver Seal ist der zweifelsohne intensivere der beiden! Dieses Phänomen hatte ich ja auch bei den Port Mourants schon beobachtet. Damals fiel das nicht so auf, da es zu den Duncan Taylor Bottlings anno 2012 keine vergleichbare Konkurrenz gab, aber nun, wo es diese Jahrgänge auch noch einmal in Fassstärke gibt, kann man das nicht leugnen. Einen Sieger zu finden fällt mir in der Nase daher zunächst noch schwer, da ich zwar diesen Rockley-Rauch (nicht zu verwechseln mit Islay Rauch z.B.!) extrem feiere, aber gleichzeitig eben auch Tannine und die Intensität einer Fassstärke sehr, sehr, sehr schätze. Nach ca. zwei Stunden allerdings liegt der Silver Seal dann doch vorn in der Nase. Die klar stärkere Intensität und ein schlicht merklich volleres Bouquet geben den Ausschlag. Der Duncan Taylor hingegen retardiert in seiner Entwicklung im Glas und wirkt schließlich schon fast verhalten gegen den Silver Seal.

Duncan Taylor Barbados Rockley 1986 im Glas
Gaumen: am Gaumen macht sich das Plus an Reife beim Silver Seal zunächst kaum bemerkbar und wenn, dann auf keinen Fall negativ! Der Rum hat einen richtig geilen Rockley -Geschmack, wie er im Buche steht! Dieser kommt auch direkt voll heraus, denn alkoholische Schärfe oder ähnliches sind komplett abwesend. Selbst größere Schlücke sind kein Problem, im Gegenteil, hier legt der Rum nochmal zu! Beim Duncan Taylor sieht es tendenziell ähnlich aus, allerdings merkt man diesem zu Beginn seine Verdünnung an. Nicht stark oder gar störend, aber eben merklich. Das verwundert mich vor allem insofern, als dass mir das bisher nie so deutlich auffiel, aber im direkten Vergleich kommt das ganz eindeutig heraus. Der Silver Seal kommt geschmacklich erst einmal richtig schön süß daher, nicht künstlich natürlich, sondern das ist eher wie flüssiger Honig. Richtig genial! Der in der Nase noch so vermisste Rauch ist nun auch am Start und sorgt dafür, dass für Rockley Fans nun wirklich keine Wünsche mehr offen bleiben und diese voll und ganz auf ihre Kosten kommen. Der 33 YO ist wahnsinnig intensiv! Mit zunehmender Verweildauer am Gaumen wird er darüber hinaus cremiger. Nun spielen auch die Tannine mit rein, die sich in Form von toll harmonierenden Röstaromen wunderbar passend ins Destillat mit einbringen. Man muss sich das vorstellen wie eine Art Funkenflug. Immer wieder prasseln kleine Funken in den Rockley hinein und sorgen so für zusätzliche Unterhaltung. Überhaupt passen die Tannine hier richtig gut hin, bringen den Rum nochmal voran und fügen Rockley als Stil noch einmal ein komplett neues Kapitel hinzu, denn die bisherigen Vertreter waren eben sehr viel jünger. Das ganze hat zeitweise was vom Velier Monymusk 1995 oder auch von einigen Worthy Parks. Nach hinten heraus habe ich ordentlich Anis, was ich von vielen lange gereiften Rums kenne. Sehr, sehr schön! Beim Duncan Taylor habe ich gleichsam positive Eindrücke. Hier bekommt man tatsächlich das komplette Rockley-Aromenfeuerwerk! Der Rum spielt seine seit vielen Jahren bekannten Vorzüge von vorne bis hinten aus, kann mit jeder Menge Waldhonig, Rauch, Anis, leichter Banane, Vanille und anderer Gewürze aufwarten. Am Gaumen habe ich hier nicht weniger als einen nahezu perfekten Rum vor mir! Wie der Silver Seal wird auch der Duncan Taylor mit der Zeit immer cremiger und leckerer. Der Rum hat viel Kraft, spielt diese aber sehr viel subtiler aus als beispielsweise Rums aus Jamaica. Judo statt Kickboxen. Dazu kommen auch beim Duncan Taylor schon gute Holznoten und eine dezente, angenehme Bitterkeit. Das Holz ist definitiv super eingebunden, ein richtig geiler Rum!

Abgang: ein schöner langer Abgang beim Silver Seal, mit zunächst noch ordentlicher Rest-Süße von Pfirsichen und von Waldhonig, dazu Anis. Erst dann wird der Rum trockener. Röstaromen gesellen sich nochmal dazu, wieder Funkenflug. Geil! Der Duncan Taylor dagegen kommt schon direkt zu Beginn gut tanninig und weniger süß daher als der Silver Seal. Honig und Rauch geben nochmal alles. Auch der Duncan Taylor verbleibt sehr lang, zeigt sich aber durchgehend bitterer und trockener als der Silver Seal.

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Fazit: Zwei mal Rockley 1986, zweimal absolute Weltklasse! So einfach kann es manchmal sein! Der Silver Seal als auch der Duncan Taylor sind (gemeinsam mit dem Rendsburger Bürgermeister Rockley 1986, den man allerdings nicht mehr bekommen wird) sind unstrittig das beste, was Rockley bisher insgesamt je zu bieten hatte und damit natürlich auch gleichzeitig das beste, was die gesamte Insel Barbados bisher je zu Gesicht bekommen hat! Wenn man diese beiden Vertreter dieses so einmaligen Stils im Glas hat, dann fällt es einem schon schwer zu verstehen, warum ansonsten nahezu nur langweiliger, austauschbarer Stoff von Barbados kommt. Und das bezieht sich sowohl auf die anderen Destillerien Barbados', als auch auf die West Indies Rum Distillery selbst, deren üblicher Rum im Vergleich zu den Rockleys leider auch null und gar nichts taugt. Warum W.I.R.D. ausschließlich in den Jahren 1986 und 2000 größere Mengen dieses Stils produziert hat ist leider nicht bekannt, aber es ist definitiv sehr schade! Diese Rums sind die einzigen Bajan Rums, die im absoluten High End Bereich mithalten können! Welcher der beiden heute verkosteten Rums nun der bessere ist, ist für mich schwer zu sagen. Der Silver Seal besticht auf jeden Fall durch seine enorme Intensität, seine Reife und mit dem damit einhergehenden Einfluss der Tannine. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass wer mit Tanninen seine Schwierigkeiten hat unter Umständen beim Duncan Taylor besser aufgehoben wäre. Dieser ist der definitiv stiltypischere Vertreter, der sich vermutlich am Zenit seiner Reifung befunden hat und für Rockley-Puristen schon seit Jahren nicht weniger als der Heilige Gral darstellt. Zurecht! In voller Fassstärke wäre der Duncan Taylor vermutlich nahe an die 100 Punkte Marke herangeklettert. Versteht mich nicht falsch, der Rum ist mitnichten Verwässert, aber ich stehe in aller Regel eben auf keinerlei Zugabe von Wasser und dem Duncan Taylor merkt man diese -wenn auch nur minimal- an. Das nimmt ihm etwas von der Intensität, die mir beim Silver Seal so gefällt, allerdings gleicht er das durch etwas mehr Komplexität, eine perfekte Ballance und totale Ausgewogenheit locker aus. Beide Rums für sich sind einfach der Hammer! Einziges Manko: die Preise und die Verfügbarkeit. Wir befinden uns hier eindeutig im Bereich über 500,- Euro und von beiden Abfüllungen zusammen gab es kaum etwas mehr als 400 Flaschen! Das ist extrem wenig, vor allem im Hinblick darauf, dass vom Duncan Taylor das allermeiste inzwischen ausgetrunken sein dürfte. Wer den Rockley Style richtig geil findet und voll drauf abfährt, dem lege ich eine Investition durchaus nahe, denn wer weiß ob man anders und vor allem günstiger nochmal dran kommt, aber andererseits würde ich auch jedem, der mit Rockley noch nie in Berührung kam auch empfehlen sich erstmal ein Sample zu besorgen. Denn Rockley ist speziell und gilt in Nerd Kreisen als einer der typischsten Vertreter der Kategorie "Love it or Hate it". Ich persönlich zähle, das ist zu guter Letzt keine Überraschung mehr, zu ersterer Gruppe. Ich liebe diesen Stoff!


Silver Seal:
 -95/100-

Duncan Taylor: 
-93/100-*


*Rating wurde nach Crosstasting mit dem Silver Seal 1986 und dem RA 1986 im Januar 2021 um zwei Punkte nach unten korrigiert.


Ein Dank geht abschließend an Malte, der den Silver Seal und an Niki, der den Duncan Taylor geteilt hat. Vielen Dank an euch beide!

Bis demnächst,
Flo

Donnerstag, 9. Februar 2017

Forgotten Thoughts: Barbados, Blackrock Distillery: Cadenhead's BBR 11 YO vs. Cadenhead's BRS 16 YO

Werte Rum-Gemeinde,

lange war es ruhig hier auf Barrel Aged Thoughts, aber nun wacht der Blog aus seinem langen Winterschlaf wieder auf. Ja, ich habe mich rar gemacht in der Rum-Welt. Der Spaß an der Freunde war lange verschwunden, und so widmete ich mich anderen schönen und wichtigen Dingen des Lebens. Diese wiederum machten es möglich, mir den Spaß auch an diesem schönen Hobby wiederzufinden, und so geht es hier also weiter. 
Leider schied Marco schon vor längerer Zeit aus diesem tollen Blog aus und zog es vor, den Weg alleine weiterzugehen. Das Ergebnis ist mit Barrel Aged Mind ein neuer erstklassiger Blog in der Rum Welt. Alles Gute auch an dieser Stelle noch einmal!
Mit Marco verschwanden hier auch die Reviews des Landes Barbados, weswegen ich heute mit einem Bajan Review beginne, welches ich schon vor langer Zeit verfasst habe. Da Marco damals für Barbados und Guyana und ich für Jamaica zuständig war, wurde es allerdings nie veröffentlicht. Deshalb: Forgotten Thoughts
Nachdem bei mir bisher ausschließlich Rums aus Jamaica dran waren, gibt es also heute erstmals zwei Rums aus Barbados pur zu verkosten, die aus der Blackrock Distillery auf Barbados stammen!

Cadenhead BRS Rockley 16 YO und Cadenhead BBR Blackrock 11 YO

Mit der Blackrock Distillery verhält es sich ähnlich, wie mit der Long Pond Estate oder der Monymusk Distillery auf Jamaica, sie füllt nämlich keinen Rum unter eigenem Label ab, sondern verkauft den Großteil des Rums an unabhängige Abfüller, was auch bei unseren beiden heutigen Rums geschehen ist.
Die südwestlich auf Barbados gelegene West Indies Rum Distillery, oder auch Blackrock Distillery (nach dem Ort Blackrock) hat nach der Schließung von Rockley Distillery deren Still oder zumindest einen ihrer Destillationsapparate übernommen, die Rockley Still. Wie man heute weiß, ist diese aber nicht für die Rums aus 1986 und 2000 verantwortlich, da sie lange Zeit vorher schon außer Betrieb gestellt war. Das heißt, unsere heutigen Rums stammen aus einer Pot Still aus WIRD/Blackrock (Mark: BBR/BRS).
Rums im so genannten "Rockley Style" (die Bezeichnung beruht höchstwahrscheinlich von John Barrett her, hat aber mit Rockley, wie gesagt, nichts zu tun) unterscheiden sich grundlegend von allen anderen Rums, die ansonsten auf Barbados hergestellt werden. Während die Rums von Foursquare (R.L. Seales) bspw. eher einen Rum mit leichtem bis mittleren Körper ergeben, erhält man bei "Rockley" einen Rum mit mittlerem bis fast schwerem Körper, so dass das ganze auch schon mal eher Richtung Jamaica gehen kann, als dorthin, wo die meisten wohl am ehesten einen Barbadier vermuten würden. "Rockley" Rum hat nichts mit den anderen Rums aus Blackrock gemein, oder gar mit Doorly's XO, Cockspur oder Plantation X.O. zu tun! Wer nun aber an eine Jamaica-Kopie denkt, oder gar an Jamaicaner für Arme, der irrt wiederum. Die Rums von dort haben ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stil, den nicht nur Marco, sondern auch ich sehr schätze und den ich nun anhand zweier großartiger Rums hier auch näher betrachten möchte.

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Die beiden Rums im Vergleich:

Preis: für den Cadenhead's BBR musste man ca. 50 Euro einkalkulieren. Für einen Rum diesen Alters in Fassstärke sehr fair. Der BRS kostete ca. 70 Euro. Beide sind aber nirgends mehr zu bekommen, bzw. wenn, dann mal mit Glück in einem Fachgeschäft ohne Onlineshop vor Ort.

Alter: der BBR reifte von Juni 2000 bis März 2012 und reifte damit 11 volle Jahre im Fass. Beim BRS waren es 16 Jahre, von 1986 bis zum Juni 2003.

Alkoholstärke: beide Rums wurden in Fassstärke abgefüllt. Der BBR hat einen Alkoholgehalt von 59,1% vol., der BRS ist mit 67,7% vol. etwas stärker.

Destillationsverfahren: beide Rums wurden im Pot Still Verfahren destilliert, das gibt Cadenhead jeweils auf der Flasche an.

Farbe: hier zeigen die beiden Rums im Glas keinen Unterschied. Beide haben eine klare, goldene, strohige, helle Farbe. In der gefüllten Flasche ist der BRS allerdings ein ganz klein wenig dunkler.

Viskosität: der BBR zeigt sich im Glas ölig und satt, er beißt sich regelrecht am Glasrand fest. Enge Schlieren laufen am Glasrand herunter. Der BRS wirkt hier etwas filigraner, die Glaswand ist dünner benetzt und die Schlieren verlaufen weiter als beim BBR.

Nase: beim BBR nehme ich zunächst eine leicht rauchige Note wahr und auch die Anwesenheit alkoholischer Schärfe fällt im ersten Moment auf. Dahinter dann deutliche Bourbon Vanille, weitere Gewürze, die mich an Weihnachten denken lassen. Nach einiger Zeit zeigt sich dann auch eine angenehme leichte Süße, die sich mit Toffee und Karamell paart.
Der BRS mutet im ersten Moment etwas süßer, aber auch reifer an. Alkoholische Schärfe ist auch hier vorhanden, hält sich insgesamt aber auch bei diesem Rum zurück. Die Bourbon Vanille des BBR finde ich auch hier, allerdings kommt bei diesem Rum auch noch eine deutliche Honignote dazu, die mit der Bourbon Vanille einher geht. Hinzu gesellen sich einige Ester, die mich kurz an Jamaica denken lassen. Und: beim BRS zeigt sich noch etwas mehr Holz als beim BBR.

Gaumen: zu Beginn beim BBR eine schöne Süße, die mich erneut an Weihnachten denken lässt, allerdings ist es dieses Mal Weihnachtsgebäck. Der Eindruck aus der Nase, bezüglich der alkoholischen Schärfe, setzt sich hier nicht ganz fort, sie ist vorhanden, hält sich aber wirklich in Grenzen. Der Rum lässt mich an Creme Brulee denken, dahinter etwas deutlich grasiges. Ein wenig Holz kommt nun durch, wobei dieses bei diesem Rum definitiv nicht die Hauptrolle spielt. Es drängt sich nicht auf, aber der Rum ist deshalb keinesfalls allzu jugendlich, frisch oder zu wenig gereift. Ein hervorragendes Fass! Ganz am Ende meine ich einen Hauch Anis wahrzunehmen. Der Rum ist schön mundfüllend und zeigt sich am Gaumen ebenso ölig, wie er sich schon im Glas zeigte.
Der BRS wirkt sofort etwas älter als der BBR, hat mehr Holz abbekommen. Es zeigt sich aber ebenso sehr, dass beide aus einer gemeinsamen Destillerie stammen, das können sie nicht leugnen. Das Weihnachtsgebäck zeigt sich hier ebenfalls und auch bei diesem Rum ist eine gewisse Süße da, aber auch hier spielt sie nicht zu sehr hinein; dezent und dadurch perfekt. Die alkoholische Schärfe kommt hier minimal mehr zum Tragen als beim BBR. Der Rum ist für einen barbadischen Rum wirklich esterreich, sogar deutlich mehr Ester, als der BBR, ein Umstand, der ihn während des Genusses gedanklich immer wieder nach Jamaica rückt. Gefallen haben mir seine ölige Konsistenz im Mund, genauso wie der BBR ist der BRS wirklich mundfüllend.

Abgang: Dezentes, frisch geschlagenes Holz + Gras beim BBR, nochmals die Bourbon Vanille aus der Nase. Im Hintergrund habe ich Röst-Noten. Der Eindruck insgesamt ist hier ein angenehm trockener. Einzig: er könnte etwas länger sein, sich mehr am Gaumen festbeißen.
Der Abgang des BRS ist noch etwas trockener als der des 11 YO BBR, aber gemeinsam haben sie wieder die Bourbon Vanille, die sich als Signatur der Blackrock Distillery erweist, beide Rums kommen nicht ohne aus. Ein längerer Abgang als beim BBR!

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Cadenhead BBR 11 YO (2000 - 2012), 59,1% vol. 
Fazit: zwei Hochkaräter, zwei Legenden, aus Barbados! Die Insel hat, wie eingangs erwähnt, in Bezug auf Rum, zwei Gesichter: einmal der Rum des leichten bis mittleren Stils, vor allem aus der Destillerie Foursquare, Rum, der eine breitere Masse begeistern kann, wie man es z.B. beim Plantation Barbados XO sieht. Zum anderen aber auch der Rum eines mittleren bis schweren Stils aus kupfernen Pot Stills, darunter unsere heutigen Rums, die stilistisch deutlich eher an Jamaica heranreichen, als an jenes andere Gesicht des Rums von Barbados. Ich persönlich finde den schwereren Stil deutlich spannender. Zwei Vertreter dieses Stils habe ich heute verkostet und dabei viel Vergnügen gehabt. Im Kern waren sich die Beiden nicht unähnlich. Dass ich zwei Rums einer Destillerie im Glas hatte, war deutlich zu merken, auch wenn sie durchaus auch Unterschiede aufwiesen.
Einen klaren Favoriten konnte ich objektiv nicht ausmachen. Der BBR war im Vergleich spannender, vielschichtiger, komplexer als der BRS 16 YO. Dieser ging klar eher in die Richtung Jamaica, was sicher an seinem sehr hohen Estergehalt liegt. Das gefiel mir, auf Grund meiner Vorliebe für Jamaica sehr gut, war mir im Vergleich höchstens eine Spur zu wenig eigen. Ich möchte hier daher keinen der beiden Rums abwerten, das sind zwei hervorragende Rums, an denen ich viel Spaß hatte, immer noch habe und auch weiterhin haben werde.
Beim BRS steckt natürlich seine Exklusivität besonders im Kopf und das bekommt man auch beim Trinken nicht ausgeblendet. Möchte ich auch garnicht, das ist für mich ein Teil des Genusses. Der BBR dagegen hatte es da natürlich etwas schwerer, umso höher ist es aber auch anzusiedeln, dass er sich ohne diesen Teil Geschichte gleichermaßen durchsetzen konnte. 50 Euro kostete der BBR 11 YO mit 59,1% vol. und ich finde, das Geld war er wert. Beide gibt es leider nicht mehr zu kaufen, was wirklich schade ist. 

Bis demnächst, 
Flo