Sonntag, 27. Januar 2019

Velier FP Heavy Trinidad Rum 17 YO Caroni 1996

Liebe Rum Gemeinde,

heute habe ich eine Abfüllung von Caroni für euch zur Verkostung, die ich euch bereits im Frühjahr des letzten Jahres versprochen habe: das 30th Release aus dem Jahrgang 1996, welches 17 Jahre in den Tropen reifte und auf stolze 63% vol. kommt. Im April 2018 probierte ich das 31st Release, die High Proof Version, und war weniger begeistert. Damals versprach ich, den Vergleich zur Full Proof Abfüllung zu ziehen, sobald ich ihn ins Glas bekomme. Und dank Nicolas Kröger aus der Bar Wagemut in Berlin ist das  nun soweit, denn er hat die Abfüllung dort zur Verkostung stehen und mir für dieses Review freundlicherweise eine Probe zur Verfügung gestellt! Vielen Dank dafür!



Doch wir schauen zunächst noch einmal kurz zurück auf das 31st Release: zusammengefasst konnte man sagen, dass es dem Rum aus meiner Sicht etwas an Anspruch und Vielschichtigkeit fehlte, um auch einen Caroni-Liebhaber wie mich hinreichend abzuholen, bzw. vor allem auch um den enormen Preisen die da inzwischen aufgerufen werden auch gerecht zu werden. Denn das muss man ja immer auch im Verhältnis sehen. Es gibt einige Rums, wie eben auch das 31st Release, die sind zwar gut, aber eben meines Erachtens keine 300,- Euro gut, so dass ich nicht jede preisliche Entwicklung auch immer gleichermaßen sensorisch nachvollziehen kann. Insbesondere in der Nase und im Finish fehlte ihm da nämlich doch einiges, so dass der 21 YO Extra Strong für ca. 200,- Euro an der Stelle die meines Erachtens deutlich cleverere Wahl ist, wenn man es nicht ganz so extrem mag.

Das 30th Relase hingegen, die Abfüllung, um die es heute geht, kommt mit 63% vol. daher und stammt unter Umständen auch aus anderen Fassbeständen. Denn es ist meines Wissens nach noch immer nicht hinreichend klar, ob sich Full- und High Proof einzig im Alkoholgehalt unterscheiden, das 31st Release also ein verdünntes 30th Release ist, oder ob auch gänzlich andere Fässer zur Abfüllung gekommen sind. Letzteres nehme ich aber nach einigen Versuchen mit gezielter Verdünnung an, so dass ich heute prinzipiell erst einmal von einem anderen Rum ausgehe.
Der Rum wurde im Jahr 1996 auf Trinidad bei Caroni gebrannt und anschließend dort in Fässer abgefüllt und auch gelagert. Im Jahr 2003 gingen bei Caroni (1975) final die Lichter aus und letzten Endes kam es zum Verkauf der restlichen Fassbestände, bei denen sich unter anderem Luca Gargano und Velier einen beträchtlichen Anteil sichern konnten. Nach einer 17 jährigen Reifung, an deren Ende der Rum eine Fassstärke von noch 63% vol. aufwies, wurden insgesamt 1460 Flaschen bei einem Angel's Share von >80% abgefüllt. Auch wenn die Anzahl der Fässer nicht angegeben wurde, so können wir doch von ca. fünf Fässern ausgehen, wenn man grob mit etwas unter 300 Flaschen pro Fass rechnet, was wiederum bedeutet, dass während der 17 Jahre der Reife ca. 20 von 25 Fässern verdunstet sind.

Soweit die Theorie, kommen wir nun aber zum wichtigsten, der Verkostung!

Velier 17 YO Caroni 30th Release 1996 Full Proof vs. Velier 17 YO Caroni 31st Release 1996 High Proof

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Verkostung des Velier 17 YO FP Caroni 1996:

Preis: der Ausgabepreis im Jahr 2013 wird bei ca. 60,- bis 80,- Euro gelegen haben, vermute ich. Im Jahr 2019 kostet eine Flasche ca. 400,- bis 500,- Euro. 

Alter: von 1996 bis 2013 reifte der Rum 17 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Fässer des Rums reiften von 1996 bis 2013 auf Trinidad.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden insgesamt 1460 Flaschen abgefüllt 

Angel's Share: > 80%

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum kommt mit 63% vol. daher.

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: Mahagoni, dunkles Bernstein. 

Viskosität: gleichmäßige, releativ enge Schlieren laufen zügig an der Glaswand herunter, zurück ins Glas.

Nase: starke, dicht verwobene Nase. Den hohen Alkoholgehalt merkt man ihm deutlich an. Immer wieder sticht der Rum in der Nase, auch nach ca. einer Stunde noch, so dass ich meine Nase häufig wieder zurückziehen und mich auf das periphere Nosing beschränken muss. Im Vergleich dazu ist das 31st Release, das ich zum Vergleich parallel verkoste, doch deutlich milder und gefälliger. Schließlich mach aber auch der Full Proof noch auf und gibt dann einen Heavy Type Caroni par excellence preis, der noch sehr viel dreckiger daher kommt, als das bei vielen 1996er Caronis der Fall ist, die noch ein paar Jahre länger im Fass lagen. Hier steckt schon noch sehr viel Ursprünglichkeit der Destillerie drin. Dementsprechend habe ich im Bouquet dann auch Teer und Holzlack, Petroleum, Schrottplatz, Eichenholz, ein wenig Rosine und ganz hinten und nur minimal auch etwas Menthol. Letzterer Ton ist beim High Proof daneben wesentlich intensiver und dominanter ausgeprägt, allerdings sind sich beide Rums schon auch im Grundsatz recht ähnlich. Ich ziehe die Nase vom Full Proof aber vor, bewerte diese etwas besser als die des High Proof. 

Gaumen: Zu Beginn habe ich deutlich die schon beinahe unverwechselbare 1996er Caroni-Süße, die hier sehr präsent ausfällt und wirklich klasse kommt! Als nächstes fällt mir auf, dass der Rum deutlich weniger scharf daher kommt als erwartet. Für 63% vol. ist das tatsächlich außerordentlich smooth. Etwas kitzeln auf der Zunge habe ich, aber das gehört ja dazu und wird von mir hier auch als sehr stimmig empfunden. Der erste Eindruck ist also definitiv der eines äußerst leckeren Tropfens, zumal er wirklich auch sehr vollmundig daher kommt! Mit der zweiten Welle kommen dann bittere Noten vom Fass daher, Holzaromen verschiedener Art. Für 17 Jahre Reife, im Vergleich zu anderen Velier Caroni, ist das auch durchaus schon ein eher dominanter Fasseinschlag. Über seinen Zenit ist der Rum aber auf keinen Fall. Ganz im Gegenteil, ich glaube, er ist kurz davor. Im Vergleich zum High Proof fällt eine geringere Fruchtigkeit auf. Tatsächlich sind sich beide Rums aber sehr ähnlich. 

Abgang: frisches, geschnittenes Holz , Anis und aber auch leicht spanisch. Lang anhaltend.

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Fazit: das 30th Release ist eine etwas stärkere, anspruchsvollere, 1996-typischere und damit für mich eben auch bessere Version des 31st Release, was ihn auf jeden Fall einen Schritt weiter dahin bringt, seinen doch auch enormen Preis im Gegensatz zum High Proof zu rechtfertigen. Allerdings werden für die Full Proof Version oft noch einmal über 100,- Euro mehr aufgerufen und dieser Umstand sorgt letztlich wiederum dafür, dass ich mich auch hier sehr schwer damit tue, eine direkte Verbindung zwischen Geschmack und Marktwert herzustellen. Anders als beim High Proof kann ich an dieser Stelle nicht den 21er Extra Strong als Alternative anführen, den steckt das 30th Release in die Tasche, aber ich würde wohl sehr viel eher das 34th Release kaufen, welches mit teilweise 230,- Euro doch noch vergleichbar moderat daher kommt. Dieses ist zwar auch nicht unmittelbar vergleichbar, da drei Jahre länger gereift und leicht geringerer Alkoholgehalt, aber die Qualität ist vergleichbar hoch und das Preis-Leistungs-Verhältnis definitiv hervorragend und um ein vielfaches treffender als jenes beim 30th Release, zumindest aus der Sicht eines Connaisseurs im Jahr 2019! Zum damaligen Ausgabepreis aber war das hingegen ein absoluter Top-Rum! Leider, sind diese Preise heute nicht mehr vorstellbar. Abschließend gilt mein Dank noch einmal Nicolas Kröger und auch an den Johannes, für die Vermittlung! Vielen Dank euch beiden!

-92/100-

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 20. Januar 2019

Velier FP Heavy Trinidad Rum 20 YO Caroni 1998 - Dennis "X" Gopaul

Liebe Rum Gemeinde,

einige von euch haben vielleicht schon etwas länger drauf gewartet. In meinem Jahresrückblick 2018 waren die Flaschen darüber hinaus schon einmal bereits zu sehen und nun beginne ich auch endlich mit der Verkostung: die Rede ist von den Velier Caroni Employees!



Die Employee-Serie ist, nach den regulären Releases (bisher 1st bis 37th Release), der Extra Strong-Linie (bisher 12 YO bis 21 YO) und den Single Casks (bisher 14 Fässer), die vierte und vielleicht auch schon letzte größere Caroni-Serie, die Velier im Jahr 2018 gestartet hat, denn die Fass-Reserven neigen sich immer weiter und unweigerlich dem Ende entgegen. In einem Interview mit meinem Kollegen "Roger Caroni" berichtete Luca Gargano, dass Velier von ursprünglich 1600 Fässern inzwischen über insgesamt nur noch 142 Fässer Caroni Rum verfügt, wobei alleine 700 Fässer wohl auch dem Angels Share zum Opfer gefallen sind. Von 142 Fässern beinhalten sieben Fässer noch Caroni aus dem Jahrgang 1994, der aber laut Luca Gargano nicht für die Employee-Serie berücksichtigt werden wird. Für diese werden ausschließlich Caronis der Jahrgänge 1996, 1998 und 2000 verwendet.




















Aus den Jahren 1996 und 1998 stammen auch die beiden ersten Abfüllungen der Serie. Den Anfang wird heute der Caroni für Dennis "X" Gopaul machen, dem also eine der beiden ersten Abfüllungen dieser neuen Serie gewidmet und welcher auch auf dem Label der Abfüllung zu sehen ist. "X", so scheint es mir nach der Lektüre des oben bereits erwähnten Interviews, war anscheinend eine Art Spitzname des Employees. Auf dem Backlabel der Abfüllung erfahren wir, dass Dennis Gopaul von 1988 bis 2003, demnach bis zur Abwicklung von Caroni (1975), bei Caroni gearbeitet hat, also stolze 15 Jahre.
Die Idee zu der Employee-Serie kam Luca Gargano, laut des Interviews, während er über die Caroni Destillerie recherchierte und dazu, mit der Hilfe von Rudy Moore, dem ehemaligen Insolvenzverwalter Caronis, zu dem Luca Gargano seit der Zeit, als er die Caroni Stocks erwarb, auch mit den ehemaligen Arbeitern der Destillerie in Kontakt trat. Auf diese Weise erhielt einerseits Luca Gargano einige Einblicke in die damalige Arbeit bei Caroni und die Arbeiter wiederum erfuhren ein wenig über den aktuellen Hype um Caroni, von dem auf Trinidad selbst bis dahin kaum etwas bekannt war. Jeder der ehemaligen Arbeiter bekommt darüber hinaus eine Flasche mit seinem jeweiligen Konterfei auf dem Label, sowie ein Honorar für die Foto-Session mit Fredi Marcarini.
Gerüchten zur Folge sind insgesamt 16 verschiedene Employee-Bottlings geplant. Bei aller Romantik, der auch ich immer wieder geneigt bin zu verfallen, darf man darüber allerdings nicht das Ausmaß vergessen, welches die Schließung damals für die Employees hatte. Insgesamt 9.000 Caroni Employees verloren direkt ihre Arbeit und geschätzte weitere ca. 11.000 Menschen auf Trinidad verloren ihre Existenzgrundlage, weil sie zwar nicht bei Caroni (1975) angestellt, ihre Jobs aber letztlich von der Existenz des Unternehmens abhängig waren. Dazu mehr in einem separaten Artikel.

Die Auswahl der jeweiligen Fässer für die Abfüllung nahm Luca Gargano mit Hilfe meines Blog-Kollegen Olivier Scars von Who Rhum The World vor, dem die Ehre zu Teil wurde, hier seine Expertise mit einbringen zu können. Meinen Glückwunsch!

Best of Caroni 1998: Velier 20 YO Dennis "X" Gopaul & Cadenhead HTR 18 YO



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Verkostung des Velier 20 YO FP Caroni 1998 Dennis "X" Gopaul:

Preis: der Ausgabepreis lag bei 370,- Euro. Inzwischen bekommt man die Abfüllung aber nur noch wenn, dann mit einem Aufpreis zu ca. 450,- Euro. 

Alter: von 1998 bis 2018 reifte der Rum 20 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Fässer des Rums reiften von 1998 bis 2018 auf Trinidad.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden insgesamt 1151 Flaschen abgefüllt 

Angel's Share: > 78%

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum kommt mit 69,5% vol. daher.

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: dunkles Bernstein, Mahagoni. 

Viskosität: es bilden sich langsam kleine Tröpfchen an der Glaswand, die dann peu a peu träge und gemächlich in engen Schlieren am Glas herunterlaufen.

Nase: Puh, das wird heute wieder etwas dauern! Die 69,5% vol. machen sich klar und deutlich bemerkbar, die Nase ist zunächst komplett dicht und verwoben und der Alkohol sticht brutal. Über das periphere Nosing ist allerdings bereits erkannbar, dass es sich doch um einen stiltypischen 1998er Caroni zu handeln scheint. Der Cadehead HTR 18 YO aus 1998, den ich mir heute als Referenz daneben gestellt habe, bestätigt diesen Eindruck. Dieser ist allerdings deutlich weniger scharf in der Nase. Nach ca. einer Stunde macht die Nase dann auf und gibt einen Caroni frei, der mir spontan richtig gut gefällt! Ui! Ich bin nicht der allergrößte Fan des Jahrgangs 1998, das muss ich zugeben, aber dieser hier hat was. Er hat nicht ganz so extrem dieses fleischige, das der Cadenhead und andere 1998er z.B. haben, dafür hat er etwas mehr Holzlack als das bei 1998 üblich ist und auch ein wenig Süße. Ich finde im Bouquet außerdem einiges an Eichenholz und Gewürzen. Der Alkohol bleibt davon abgesehen aber zu jeder Zeit präsent. Auch nach über zwei Stunden ist deutlich, dass ein Rum von weit über 60% vol. vor mir steht. Extrem, aber gut! Dazu gesellt sich nach ca. zweieinhalb Stunden auch noch eine leichte Süße dazu. Ein Rum, der lange Zeit im Glas benötigt, der einen für die Geduld aber auch fürstlich belohnt. 

Gaumen: den ersten Schluck nehme ich nach ca. zwei Stunden des Atmens im Glas und habe als erstes eine sehr präsente fruchtige Süße zu Beginn, die mich leicht überrascht bei einem 1998er Caroni. Gleichzeitig setzt ein ordentliches aber kurzes Brennen ein, das ich allerdings nicht unangenehm empfinde, zumindest nicht bei kleineren Schlücken. Bei größeren Schlücken dagegen ist das schon ein kleiner Kampf! Der Gedanke, der sich dann festsetzt ist vor allem erstmal: lecker! Bittere Töne vom Holz schlagen durch. Holzlack und Süße bleiben präsent, dazu gesellen sich dunkle, dreckigere Töne, aber sie dominieren den Rum nicht so stark, wie das bei anderen Caronis der Fall ist. Der Cadenhead HTR ist im Vergleich dann z.B. auch sehr viel weniger süß und dafür etwas dreckiger als der Velier Employee. Letztlich bleibe ich bei lecker, der gefällt mir auch am Gaumen wirklich gut! Der Rum hat eine doch merklich stärkere Komplexität als der Cadenhead und ist, nicht zuletzt durch den süßen Part, um einiges vielschichtiger.

Abgang: Holzlack und frisch abgeschnittenes Geäst, trocken und bitter werdend. Eher unspektakulär.

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Fazit: der Velier Caroni Dennis "X" Gopaul hat hier für mich im Duell der beiden 1998er die Nase vorn. Beides sind ausgezeichnete Rums, aber der Velier überzeugt mich durch die zusätzliche Ebene der Süße doch noch eine Spur mehr, was ihn für mich auch zum besten Caroni aus 1998 macht - eine wirklich hervorragende Fassauswahl, Olivier! Gleichzeitig war dieser Rum auch eine positive und schöne Überraschung, denn ich hatte eigentlich nicht erwartet, dass mich nochmal ein 1998er Caroni derart begeistern könnte. Hier würde mich interessieren, aus welchem Monat in 1998 die Fässer stammten. Denn aus dem Dezember-Batch, welches ich bisher für das beste aus 1998 hielt, können sie nicht stammen, da sie schon im Herbst 2018 releast wurden und die Altersangabe von 20 Jahren tragen.  Eventuell gab es hier also weitere Batches.
Der einzige Haken an diesem tollen Rum ist der horrende Preis. Schon die 370,- Euro zu Ausgabe taten weh, aber inzwischen werden ja sogar noch größere Summen aufgerufen. Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, woher diese Preise rühren und auch darüber, dass das gemessen an den Preisvorstellungen anderer Abfüller und im Verhältnis zu deren Qualität dann wieder alles sehr relativ ist, aber mir fällt es schwer bei Preisen deutlich über 300,- Euro noch mitzugehen. Somit freut es mich, den Rum einmal im Glas gehabt zu haben und bedanke mich bei Kenneth dafür, dass er mir mit seiner Flaschenteilung die Möglichkeit dazu gegeben hat, aber von einer ganzen Flasche habe ich abgesehen.

-93/100-

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 13. Januar 2019

Velier Demerara Rum 25 YO Albion 1986

Liebe Rum Gemeinde,

der Jahreswechsel ist durch und ihr seid alle hoffentlich gut ins neue Jahr 2019 hereingerutscht - das bedeutet also, dass dies der erste Rum ist, der in diesem Jahr auf BAT verkostet wird. Und dementsprechend habe ich mir da mit dem Albion 1986 auch gleich mal eine echte Granate für euch rausgesucht! Let's go!



Moment mal?! Erst Scoring, nun Demerara Rum?! Auf BAT?! Alles neu in 2019?! Ja, zugegebener Maßen bin ich grundsätzlich kein besonders großer Fan der Rums aus Guyana und dementsprechend waren diese bisher auch durch mich hier nicht vertreten. Das war bis 2015 immer der Part von Leo oder Marco und blieb im Anschluss daran, nach Leos Ausstieg und Marcos Umzug, leider verwaist. Leider, da ich weiß, dass viele von euch da draußen sehr auf Demeraras abfahren, aber ich kann mich nur schwer konstruktiv zu einem Stil äußern, der mir selbst nicht zusagt. Warum dann aber der Albion? Ganz einfach: der Albion-Stil ist die berühmte Ausnahme von der Regel! Dieser Stil gefällt mir nämlich ganz hervorragend.

Doch zunächst zum Rum selbst: beim Thema Albion muss ich ein klein wenig weiter ausholen, denn grundsätzlich haben wir es dabei mit einer Destillerie in Guyana zu tun, die es schon seit bereits fünfzig Jahren nicht mehr gibt, seit 1968 nämlich, und die dementsprechend auch gar nicht mehr unmittelbar für den heutigen Rum verantwortlich ist, gar nicht mehr verantwortlich sein kann. Wie der Name Albion dennoch auf das Label gelangen konnte? Nun, bei Albion handelt es sich, vereinfacht gesagt, inzwischen nicht mehr um eine aktive Brennerei, sondern nur noch um deren mutmaßlichen damaligen Stil, der als solcher auch über die Jahrzehnte noch namentlich erhalten blieb und in Form von Marks weiterhin zum Repertoire verschiedener Destillerien in Guyana gehörte und möglicherweise auch nach wie vor gehört. Das ist durchaus nicht ungewöhnlich für Demerara Rum, denn inzwischen existiert mit der Diamond Distillery nur noch eine einzige Destillerie in Guyana, aber es gibt trotzdem noch viele verschiedene Stile die auch namentlich bekannt sind und die auch immer wieder von unabhängigen Abfüllern auf die Flasche gebracht werden. Weitere Beispiele sind Port Mourant oder Enmore, die auch beide Schnittpunkte mit der Geschichte Albions haben.

Der Stil Albion wird durch die Marks AN und AW bezeichnet. Ob diese auch schon zu aktiven Zeiten Albions (1802/1803 bis 1968) verwendet wurden, oder nachträglich von späteren Destillerien zur Differenzierung und Unterscheidung von ihren hauseigenen Rums eingeführt wurden, weiß ich nicht. Laut Marco Freyer wurde der ursprüngliche Rum von Albion möglicherweise bereits in einer hölzernen Coffey Still gebrannt, während es gleichzeitig aber auch Hinweise gibt, dass in Albion in den Jahren vor der Schließung auch mit der Double Wooden Pot Still von Port Mourant destilliert wurde, welche sich zu diesem Zeitpunkt, in den 13 Jahren zwischen der Schließung Port Mourants im Jahr 1955 und der Schließung Albions im Jahr 1968, dort befunden haben soll. Unklar scheint mir dagegen, warum die Still von Port Mourant nach 1968 zu Uitvlugt ging, während das stilistische Erbe Albions anschließend bei Enmore produziert wurde, denn für alle neuzeitlichen Albions wird eine Wooden Coffey Still als Quelle angegeben, und da stand die letzte ihrer Art in Guyana eben in Enmore (bis auch dieses 1994 geschlossen wurde). Für unseren heutigen Rum bedeutet das also, dass es sich ganz genau betrachtet um einen Enmore Rum handelt, der im Jahr 1986 in der EHP Still im alten Stile Albions gebrannt wurde. Da wiederum ein Stil Albions nachgeahmt wurde, der wohl zwischen 1955 und 1968 mit der Double Wooden Pot Still von Port Mourant erzeugt wurde, trägt der Rum das Mark AW und nicht das Mark AN, welches wohl eher für den ursprünglicheren Stil stand.  Hinweise darauf, dass einer der ursprünglichen Brennapparate von Albion die Zeit der Destillerie Albion überdauert haben könnte, gibt es nicht. Eine solche Still war an keinem der Rums, die wir heute als Albions kennen, in irgendeiner Weise beteiligt. Lediglich der Geschmack soll an den Rum angelehnt sein, wie er damals produziert wurde. Hinreichend nachzuvollziehen ist das aber leider nicht mehr. Das Fass, in welchem der Rum lag trug die Nummer #10546 und lag vermutlich mindestens bis zur Schließung Enmores 1994 dort. Anschließend wanderten die Stills aus Enmore nach Uitvlugt, von wo sie Ende 1999 nach Diamond kamen. Ob das auch für die Fässer galt oder ob alte Lagerhallen aus Enmore möglicherweise weitergenutzt wurden, entzieht sich aber meiner Kenntnis. Spätestens ab dem Jahr 2000 lag dann aber wohl alles bei Diamond. 2011 wurde der Rum dann mit einem Alkoholgehalt von 60,6% vol. abgefüllt.
Wer da noch tiefer in die Materie einsteigen möchte, dem empfehle ich die Lektüre dieses Artikels zu Demerara Rum.

Zum ganz persönlichen Gossip gehört es, dass ich zu diesem Tropfen auf der Cologne Spirits 2018 am Stand von Rene van Hoven gekommen bin, wo es den Albion zu einem, für heutige Verhältnisse, unfassbar fairen Preis zu probieren gab. Von den insgesamt vier Albions, die es in Fassstärke gibt, war dies, nach dem 25 YO Albion AN 1983 und dem 17 YO Albion AN 1994, der insgesamt dritte für mich. Und um den Rum auch einmal ganz in Ruhe für den Blog, und damit für euch, verkosten zu können, konnte ich gar ein kleines Sample für zu Hause erwerben. Vielen Dank noch einmal an Rene!






Verkostung des Velier 25 YO Albion 1986:

Preis: der Ausgabepreis wird bei ca. 120 Euro gelegen haben. Heute hingegen wird es nicht einmal reichen, eine Null hinten dran zuhängen. Kaum irgendwo hat der Preiswahnsinn so zugeschlagen wie bei den Full Proof Demeraras von Velier.

Alter: der Rum ist 25 Jahre alt und reifte von 1986 bis 2011 im Einzelfass.

Lagerung: die Reifung fand von 1986 bis 2011 bei DDL in Guyana statt.

Fassnummer: #10546

Angel's Share: unbekannt. Er wird aber, gemessen daran, wie hoch er bei vergleichbaren Rums ausfällt, bei über 85% gelegen haben. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum hat eine Fassstärke von 60,6% vol.

Destillationsverfahren: der Albion entstammt einer Wooden Coffey Still.

Mark: AW

Farbe: wunderbares tief braunes Kupfer, Mahagoni. 

Viskosität: satte, fette und breite Schlieren bilden sich an der Glaswand, die schnell an der Glaswand herunterlaufen. Wahnsinnig ölig!

Nase: Boah! Was für eine Nase! Sehr, sehr voll und reichhaltig. Tief. Komplex. Was für eine Bombe! Das hohe Alter und die tropische Reife merkt man dem Rum sofort an. Alkoholische Schärfe habe ich, nach ca. 45 Minuten des Atmens, kaum. Das Bouquet ist überaus üppig und erinnert mich spontan an sehr alte, tropisch gereifte Caroni. Ich habe zu Beginn eine deutliche Klebstoffnote (Pritt-Stift) und dahinter eine herrliche, natürliche Süße, die mich an Rosinen und andere Trockenfrüchte erinnert. Dazu kommen auch Karamell und Toffee. Danach gesellen sich dann sowas wie Holzlack, Petroleum, Terpentin und etwas Metallisches dazu, was mich an dieser Stelle besonders an die Caroni erinnert. Dahinter donnern dann aber auch schon die Tannine heran, und das gewaltig! Jetzt habe ich ganz viel Eichenholz vom Fass dabei, allerdings super integriert. Der Rum ist nicht verholzt, überhaupt nicht! Peripher erhasche ich Leder und Anis. Wow! Ich könnte ewig an diesem Rum herumschnüffeln.

Gaumen: mhmmm! Ein wunderbar gesetztes Destillat! Die alkoholische Schärfe blitzt nur zu Beginn kurz auf und macht dann Platz für Rum-Flavor ohne Ende. Der Albion ist vollmundig, wunderbar cremig und auch dezent adstringent. Das folgende Aromenfeuerwerk wird von einer schönen Süße eingeleitet, der eine unfassbar geile Holznote mit Earl Grey Tee und Anis folgt. Süße und Bitterkeit gehen hier in einer sehr, sehr gewinnbringenden Liaison zusammen. Mit dabei ist auch Teer, der mich wiederum sehr an Caroni erinnert, sowie etwas medizinisch anmutendes. Darauf folgt eine tolle Spur Nelke, die in den Abgang führt.

Abgang: Holzlack und Eichenholz satt! Dazu kommen Anis und Nelke. Trocken, bitter, aber nicht unangenehm bitter. Der Albion 1983 z.B. war in puncto Bitterkeit sehr viel intensiver. Das ist ganz große Klasse!

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Fazit: ich bin wahrlich kein ausgewiesener Fan von Demerara Rum und selbiges gilt auch für viele Rums aus Column Stills... und doch zählt dieser Albion für mich zu den wirklich allerbesten Rums, die es jemals für bares Geld zu kaufen gab! Es ist dieser eine Stil, der für mich ganz persönlich nicht nur die Ausnahme von der Regel in Bezug auf Demerara Rums markiert, sondern der darüber hinaus auch so einiges in den Schatten stellt, was bei mir generell schon auch einen sehr hohen Stellenwert genießt. Sollte ich meine persönlichen Top 5 Rums überhaupt benennen müssen, so wäre dieser Rum also sehr wahrscheinlich dabei. Mein Favorit unter den Demerara Rums ist er selbsterklärend ohnehin und auch mein Favorit unter den Albions, die ich bisher im Glas hatte (AN 1983 FP, AW 1986 FP & AN 1994 FP) ist ganz klar und eindeutig der Albion 1986. Er ist darüber hinaus eine Demonstration dessen, was tropische Reife kann und wir können denke ich alle nur hoffen, dass uns eines Tages seitens DDL wieder die Möglichkeit eröffnet wird, solche Rums erneut kaufen und trinken zu können* - ein Ausnahme-Tropfen, mehr als würdig hier auf BAT den Jahresauftakt und das erste große Ausrufezeichen im neuen Jahr zu setzen!

-97/100-


*das heutige Review entstand, noch bevor die Ankündigung draußen war, dass es von DDL im Rahmen der El Dorado Rare Collection demnächst eine Albion-Abfüllung aus dem Jahr 2004 (und auch einen Skeldon aus 2000) geben wird. Das feiere ich natürlich sehr und bin schon gespannt wie nur irgendwie, wie sich diese neuen Rums machen werden. Nach Möglichkeit stelle ich euch die Tropfen dann auch vor.

Ich wünsche euch allen an dieser Stelle nun noch einmal einen entspannten Start ins Jahr, wünsche euch gutes Gelingen bei all euren Vorhaben und Vorsätzen, seien sie vielleicht auch noch so ambitioniert, und wie immer natürlich auch ein glückliches Händchen auf der Jagd nach flüssigen Schätzen. Das werden wir alle wohl auch in diesem Jahr wieder brauchen.

Bis dahin,
Flo

Sonntag, 6. Januar 2019

BAT: Bewertungssytem / Scoring

Liebe Rum Gemeinde,

ich habe Gedanken in die Richtung eines Bewertungssystems in meinem Jahresrückblick bereits angesprochen und mich abschließend meiner Überlegungen nun ebenfalls dazu entschlossen, die hier vorgestellten Rums am Ende meiner Verkostung auch zu bewerten. Zwar sehe ich noch immer nicht alle Schwächen eines Scoring-Systems, allen voran des 100er-Scoring Systems, behoben, allerdings hat sich diese Art der Bewertung international inzwischen derart etabliert, dass es für Menschen aus vielen Ländern der Erde, die sich für Rum interessieren, nun mehr möglich ist, eine solche Wertung einzuordnen, ohne sich zuvor allzu intensiv mit den Individualitäten eines solchen Rankings zu beschäftigen. Diese Möglichkeit möchte daher auch ich meinen Lesern in Zukunft geben und deshalb die Rums anhand der bekannten Skala von 0-100 Punkten bewerten.


In meinen FAQ stand bis zum heutigen Tag:
"Ich kann einer Punktewertung vor allem aus zwei Gründen nicht viel abgewinnen:
Erstens, weil man kaum verhindern kann, dass Reviews dann von außen sehr gerne genau darauf reduziert werden. Das ist nicht nur schade, sondern auch unfair dem Rezensenten gegenüber. Das hat, ohne arrogant klingen zu wollen, auch etwas mit dem eigenen Anspruch zu tun. Verzichtet man auf die Punktevergabe, so bleibt dem Leser nichts anderes übrig als mehr oder weniger das ganze Review oder zumindest mal das gesamte Fazit zu lesen. Man verhindert, dass man unfreiwillig reduziert wird und geht sicher, dass man tatsächlich vermittelt, was man vermitteln wollte. Genau das ist mein Anspruch und ich möchte diesem gerecht werden. Ich vermeide bewusst die Möglichkeit, dass der Leser weniger bekommt als ihm zusteht.  
Und zweitens sind Punkte etwas extrem subjektives. Sie sagen einzig etwas darüber aus, wie gut oder schlecht ich als Rezensent den Rum empfand, nicht aber darüber, wie viel ihr Leser mit dem Rum anfangen könnt. Und darum, dass ihr als Leser etwas damit anfangen könnt geht es mir als Rezensenten doch letztendlich. Da kommt dann wieder mein eigener Anspruch ins Spiel. Und mein Anspruch ist, dass der Leser hinterher mehr über sich selbst in Bezug auf den Rum weiß als über mich und den Rum. Siehe dazu auch vorangegangene Frage."

Das möchte ich nicht nur einfach aus den FAQ entfernen, sondern darauf Bezug nehmen und die Änderung meiner Meinung gerne offen vertreten.
Dabei gilt es für mich festzuhalten, dass sich meine Meinung im Grundsatz nicht wesentlich verschoben hat. Ich sehe eine Benotung nach wie vor kritisch, allerdings hinterfrage ich auch permanent meine Positionen und habe ich mich dazu entschlossen, verstärkt an eure Eigenverantwortung als meine Leser zu appellieren, anstatt, dass ich euch in gewisser Hinsicht bevormunde. Ja, ich habe einen nicht unwesentlichen Anspruch beim Schreiben meiner Reviews und Texte und ja, ich befürchte, dass ein Teil meiner Arbeit am Ende nicht bei allen ankommen könnte, wenn eine Note darunter steht. Aber ich denke, dass ich besser damit beraten bin mich darauf zu verlassen, dass die, die meine Arbeit wertschätzen, sich auch weiterhin die Zeit nehmen und die Mühe machen werden meine Reviews von vorne bis hinten zu lesen, weil sie sonst nach wie vor das beste verpassen würden, als damit, mich einer einheitlichen und internationalen Vergleichbarkeit gänzlich zu entziehen. Dieser Blog ist ein Angebot an euch alle da draußen. Dieses Angebot war denke ich bisher nicht schlecht und ich sehe die zusätzliche Benotung daher auch als genau das: als ein zusätzliches, weiteres Angebot, nicht als einen Ersatz oder eine Alternative. Denn ich möchte doch betonen, dass die Review und nicht zuletzt das Fazit nach wie vor die Haupt-Aussagekraft in meiner Arbeit zukommen sollen und werden, von denen die Note nicht losgelöst betrachtet werden sollte. Denn nochmal: letztere dient ausschließlich dazu, die Beurteilung einfacher in Relation und Verhältnis zu sowohl anderen Bloggern als auch vor allen Dingen zu sich selbst setzen zu können und aus diesem Grund habe ich mich auch, trotz aller Schwächen, für die Skala von 0 bis 100 Punkte entschieden.

Dementsprechend habe ich mich dazu entschlossen, das Rad nicht neu zu erfinden und orientiere mich bei der Bewertungsskala von 0-100, wie auch mein Kollege Marius, stark an der Skala, wie sie die Rumaniacs oder auch mein ehemaliger Blogpartner Marco von BAM in leicht abweichender Variante verwenden. Ich erlaube mir daher ebenfalls hier und da ein paar eigene Formulierungen, auch, weil ich möglichst klare, nachvollziehbare und, so weit wie möglich, auch überprüfbare Abstufungen vornehmen möchte. Ein Scoring-System ist für mein Empfinden mehr als nur ein reines Ranking, welches die Rums letztlich nur im Verhältnis betrachtet. Ein Rum sollte nicht deshalb 92 Punkte bekommen, weil er besser als einer mit 91 aber nicht ganz so gut wie einer mit 93 Punkten ist, sondern ein Rum sollte 92 Punkte bekommen, weil er exakt dieses oder jenes Kriterium dafür erfüllt. Eine universelle Lösung dazu habe ich bislang leider auch nicht gefunden, und aus genau diesem Grund ist es eben auch so wichtig, dass man das Review als ganzes sieht, damit bei einer etwaigen schlechteren Beurteilung vielleicht auch klar wird, wo genau der Rum möglicherweise an Punkten eingebüßt hat und warum. Nur auf so kann man für sich selbst am Ende dann auch brauchbare Schlüsse ziehen.


Die Bewertungs-Skala:

PunkteRumaniacsBarrel Aged Thoughts
100Exceptional Rums, MinorityPerfekter Rum.
95 - 99Exceptional Rums, MinorityAbsolute Legenden des Rums. Nahezu perfekt. Keine wahrzunehmenden Fehler.
90 - 94Exceptional Rums, MinorityExtrem hohe, seltene Qualität. Nahezu fehlerfrei.
85 - 89Highly recommended Rums, Special Ones, ExcellentSehr gute Rums mit kleinen Schwächen.
80 - 84Recommended Rums / Quite goodGute Rums, aber mit Schwächen.
75 - 79Better than AverageÜberdurchschnittliche Rums, aber mit deutlichen Schwächen.
70 - 74Below AverageUnterdurchnittliche Rums
50 - 69Not very goodZum Mixen Rum-betonter Drinks noch geeignet.
30 - 49Not very goodNur noch zum Mixen von Drinks ohne höheren Anspruch geeignet.
1 – 29Not very goodWürde ich weder kaufen noch verwenden. Ungenießbar.



Die bekannten Schwächen der Skala von 0-100:

Ich war, seit dem ich Rum genieße, immer ein Freund der 10er-Skala. Ein Rum mit 5-6 Punkten war nicht dolle, aber das war noch immer eine gute, durchschnittliche Bewertung und vor allem hieß das keinesfalls, dass der Rum untrinkbar war. Rums für 20-30,- Euro mit dieser Bewertung haben wir durchaus als Preis-Leistungs-Verhältnis-Knaller gesehen. Durchschnittlicher Genuss zu günstigen Konditionen. Adaptiert man diese Einordnung jedoch auf die 100er Skala, was mathematisch wenig komplex scheint, dann landet man bei 50-60 Punkten. Und hier wird es dann auch schon spannend, denn was bedeuten jetzt 50-60 Punkte? Laut des Scoring-Systems der Rumaniacs beispielsweise bedeutet alles unter 70 Punkten: "nicht sehr gut". Laut Marco, meinem ehemaligen Partner, von Barrel Aged Mind bedeutet das einen Rum "mit vielen Fehlern die den Genuss behindern". Im Alko-Blog heißt es dazu sogar: "Mittelmäßige Spirituose. Nicht unbedingt schlecht, aber viel kann man nicht erwarten.". Nicht, dass der Alko-Blog für mich unbedingt eine Referenz darstellt, aber es zeigt doch auf, wie deutlich unterschiedlich die Skala zum Teil ausgelegt wird und wie schwankend die Interpretation sein kann, zumindest auf dem Papier, von "nicht sehr gut" bis "mittelmäßig". Denn nun kommen wir zur eigentlichen Schwäche, nämlich der realen Interpretation. Und da erlebe ich es, dass de facto jede Bewertung eines Rums unter 80 Punkten eine quasi Vernichtung des Rums darstellt. Aus 5-6 Punkten werden plötzlich also eher 70-80 Punkte. Letzten Endes bedeutet das daher nicht weniger, als dass sich die Bewertung hochwertiger Rums eigentlich nur innerhalb einer 20er bis maximal einer 30er Skala abspielt. Alles darunter fällt nahezu weg. 


Mögliche Verbesserungen:

Der Gedanke dahinter ist für mich zwar nachvollziehbar, denn ganz offensichtlich möchte man auch schlechten, aber trinkbaren Rum von grauenhaftem anderweitigen Fusel abgrenzen, so dass schlechter Wodka mehr oder weniger im Bereich dessen liegt, was für hochwertige Rums gar nicht genutzt wird. Das finde ich gut und sinnvoll, um tatsächlich das gesamte Spektrum abbilden zu können, aber ich wäre da eher ein Befürworter dessen, dass man für derlei die Skala dann nach unten, also noch unter Null, in den negativen Bereich erweitert, so dass im oberen, im positiven Bereich auch nur Rums liegen, die positive Eigenschaften haben. Ein grausiger Wodka könnte dann bei -40  Punkten liegen, anstatt bei +10 Punkten. Klar, das wäre letztlich nur eine Verschiebung der Koordinaten, aber mir gefiele es dennoch einfach besser, positives im positiven Bereich zu bewerten und negatives im negativen Bereich. Derzeit liegt dann eben auch der negative noch im positiven Bereich.
Wäre ich motiviert, ein solches Wertungs-System zu konzipieren? Ja, ich denke, dass wäre ich auf jeden Fall, allerdings bin ich auch Realist genug um zu wissen, dass ich damit nicht ein absolut etabliertes System umstoßen werde. Klar, ich könnte dieses System nur für mich selbst ausarbeiten, eine Skala von -50 bis +50 bauen und anhand dieser Skala für mich bewerten. Aber dann fiele genau das wieder weg, worum es mir dabei doch eigentlich geht, nämlich die internationale Vergleichbarkeit. Dann bewerte ich einen Top Rum mit 48 Punkten, aber um zu erkennen, was das bedeutet, müsste man sich intensiv mit meinem Scoring-System auseinander gesetzt haben und genau das wäre dann nicht Sinn der Sache. 


Meine Intention:

Ein Leser soll, egal aus welchem Land er kommt und unabhängig davon, wie gut der Google-Übersetzer funktioniert wissen, wo ich den Rum in Zahlen ausgedrückt, sehe. Bewerte ich einen Rum mit 90 Punkten, dann weiß man inzwischen rund um den Globus, dass das guter Stoff zu sein scheint. Und hier wiederum kommt mir einer meiner Grundsätze entgegen, nämlich, dass ich fast ausschließlich über Rum schreibe, der mir gefällt, nicht über solchen, der mir nicht gefällt. Viele Blogger bilden eine breite Palette an verschiedener Qualität ab und verreißen schlechten Rum dann dementsprechend auch. Ich werde manchmal gefragt, warum ich fast alles positiv bewerte und kaum sage, wenn mir ein Rum nicht gefällt und antworte dann immer genau das. Ich spreche kaum über das was mir nicht gefällt. Ausnahmen tauchen eigentlich nur dann auf, wenn Rums in mein Beuteschema passen, wenn sie Talk of the Town sind, mich aber enttäuschen. Dann bilde ich das gelegentlich auch ab. Aber zumeist halte ich mich doch an den Rum der mir gefällt und daher werde ich mit dem Bewertungsbereich, ab dem ich die 100er Skala besonders kritisch sehe, tendenziell wenig in Kontakt und damit auch nicht in Konflikt kommen. Das ermöglicht es mir, diese Wertung auch guten Gewissens für Barrel Aged Thoughts einführen zu können und in Zukunft werdet ihr die Skala jederzeit abrufbar an einer Leiste oben am Header finden. 


Abschließende Gedanken:

Marco Freyer, mein ehemaliger Partner auf diesem Blog und Betreiber von Barrel Aged Mind, hat sich vor einigen Jahren ebenfalls mit der Frage nach der Benotung von Rums beschäftigt und in vielen seiner Fragen und Bedenken erkenne ich durchaus auch eigene Gedanken wieder, die ich mir mache. Insbesondere ein acht Punkte umfassender Schlüssel dazu, wie Bewertungen unter Berücksichtigung der eigenen Vorlieben zustande kommen hat mich sehr inspiriert, weswegen ich mir daran ein Beispiel nehmen und euch ebenfalls gerne kurz darlegen möchte, was mich bei der Bewertung meiner Rums maßgeblich beeinflussen wird.


  • Meine Bewertungen entsprechen meiner persönlichen Meinung und meinem Geschmack. Sie sind subjektiv zu betrachten.  
  • Ich habe eine Vorliebe für Rums des britischen Stils, vor allem für die Rums aus Jamaica, für die ehemalige Caroni Distillery auf Trinidad und für die Rums aus der barbadischen West Indies Rum Distillery, die unter dem Namen "Rockley" bekannt wurden.
  • Neben meiner Vorliebe für Rums des britischen Stils ist es meinen regelmäßigen Lesern ebenso bekannt, dass ich eine tendenzielle Abneigung gegenüber Rums des spanischen oder des französischen Stils hege. Dies wird sich in meinen Bewertungen möglicherweise widerspiegeln. Sollte ich das Gefühl haben, einen Rhum oder einen Ron aus diesen Gründen nicht fair bewerten zu können, halte ich mir die Option offen, auf eine Bewertung in Punkten auch gänzlich zu verzichten. 
  • Ich stehe auf den Mai Tai und andere tolle Drinks mit Rum und manchmal stelle ich Rums vor, die darin funktionieren, pur aber nicht. Hier sollte die Benotung also ganz besonders in Zusammenhang mit dem Fazit betrachtet werden. 
  • Rums, die künstlich nachgesüßt oder gar mit anderen Zusätzen versehen wurden, entsprechen nicht meinem Geschmack. Ihr werdet sie hier daher tendenziell auch nicht finden. Sollte das einmal doch so sein, so könnte die Note entsprechend ausfallen.
  • Und natürlich kann ich auch an dieser Stelle nur nochmal betonen, dass die Benotung nicht grundsätzlich vom Review gelöst werden kann und sollte. Das wäre nicht in meinem Sinne. 


Für die früher hier auf BAT verkosteten Rums bedeutet die Einführung des Bewertungssystems, dass ich sie nachträglich benoten werde, zumindest dort, wo mir das noch möglich ist. Das ist dann der Fall, wenn ich noch Samples habe oder, in Ausnahmefällen, wenn ich den Rum häufiger im Glas hatte und ihn gut kenne. Einige Rums aber, gerade solche, bei denen die Verkostung schon viele Jahre zurückliegt, werde ich nicht mehr fair bewerten können und das deshalb auch lassen.

In Kürze wird dann hier auch das erste Review in 2019 erscheinen, welches dann auch bereits eine Bewertung erhalten wird.

Bis dahin,
Flo

HINWEIS: in einer früheren Version dieses Artikels habe ich einen Schlüssel zur Berechnung der Gesamtpunktzahl am Ende verwendet, mit der Marke von 70 Punkten als Basis. In der Praxis hat sich das allerdings als wenig tauglich erwiesen, so dass ich diese Idee schnell wieder verworfen habe und es nunmehr nur noch eine Gesamtpunktzahl am Ende geben wird.