heute kommt dann selbstverständlich auch die letzte der vier neuen Jamaica Rum-Abfüllungen von Velier zur Verkostung, welche alle von National Rums of Jamaica Ltd. stammen und in der Long Pond Distillery gebrannt wurden: es ist der älteste der vier Rums, der 15 YO Long Pond TECA 2003!
Innswood und Clarendon sind jeweils vergleichbar junge Destillerien, die erst um die Mitte des 20. Jahrhundert herum ihren Betrieb aufnahmen. Die Geschichte Innswoods war eine recht kurze, denn man produzierte nur von 1959 bis 1992 Rum. Danach wurden hier nur noch die Räumlichkeiten genutzt, z.B. für die Lagerung und das Blending der Rums.
[1] Die Geschichte Clarendons beginnt entweder im Jahr 1938 oder 1949. Hier wird bis heute Rum produziert, u.a. auch der Rum, den wir als Monymusk kennen und der auf das Monymusk Estate zurückgeht, dessen Historie wiederum schon über 200 Jahre zurückreicht. Clarendon gehört allerdings nur zu 73% zu NRJ. Die restlichen 27% gehören Diageo, dem weltgrößten Spirituosen-Konglomerat, was wiederum dazu führt, dass ca. 90% des gesamten Outputs von Clarendon an Diageo gehen.
[2] Die dritte der Destillerien im Bunde ist die im Parish Trelawny gelegene Long Pond Distillery, und nun wird es spannend. Nicht nur, weil die Geschichte Long Ponds wesentlich länger und geschichtsträchtiger ist und bereits im Jahr 1753 beginnt, als die Familie Reid die Destillerie und ihr Anwesen begründeten
[3], sondern vor allem deshalb, weil Long Pond quasi das jamaikanische Äquivalent zur Diamond Destillerie in Guyana ist. Wie Diamond in Guyana, so hat auch Long Pond auf Jamaica im Laufe der Jahrzehnte (und vielleicht sogar Jahrhunderte) immer wieder verschiedene Destillerien oder aber zumindest ihre Destillierapparate oder auch nur deren Stile übernommen und stellt deshalb heute sehr viele verschiedene Rums her, die auch bei Long Ponds durch die so genannten Marks unterschieden werden. Zwar kennt Jamaica Rum bereits im Grundsatz eine Einteilung seiner Rums in vier verschiedene Stile, die sich am Estergehalt der Rums richten, allerdings unterscheidet da auch jede Destillerie auch noch einmal für sich selbst. Die vier allgemeinen Jamaica Stile sind:
| Jamaican Ester Mark: | Ester (gr/hlpa) |
| Common Clean | 80-150 |
| Plummer | 150-200 |
| Wedderburn | 200-300 |
| Continental Flavoured | 700-1600 |
Long Pond unterscheidet seine Stile nicht nur in vier verschiedene Stile, sondern in insgesamt zwölf! Diese wiederum können dann, meist, einem der vier übergeordneten Jamaica Stiele zugeordnet werden, wobei Long Pond auch Marks führt, die einen Estergehalt aufweisen sollen, welcher keinem der vier Stile zuzurechnen ist. Das trifft unter anderem auf CRV und CQV zu, aber auch auf LPS und STC
🖤E.
Der Rum über den wir heute sprechen trägt das Mark TECA, welches in seiner Bedeutung leider nicht sicher entschlüsselt ist.
| Long Pond Mark | Ester Level (gr/hlpa) |
| CRV | 0-20 |
| CQV | 20-50 |
| LRM | 50-90 |
| ITP/LSO | 90-120 |
| HJC/LIB | 120-150 |
| IRW/VRW | 150-250 |
| HHHS/OCLP | 250-400 |
| LPS | 400-550 |
| STC🖤E | 550-700 |
| TECA | 1200-1300 |
| TECB | 1300-1400 |
| TECC | 1500-1600 |
Long Pond / Tilston:
In den letzten Wochen habe ich mit dem
13 YO Cambridge bzw. dem
12 YO Vale Royal bereits zwei Rums vorgestellt, deren Stile definitiv jeweils aus einer verlorenen Destillerie stammen, sowie mit dem
TECC auch einen Rum, welcher zwar nominell aus Long Pond stammt, also einer aktiven Brennerei, bei dem jedoch der Verdacht besteht, dass auch er im Stile einer geschlossenen Destillerie daherkommt. Denn
Luca Gargano vermutet, dass TE jeweils für Tilston Estate steht, eine weitere ehemalige Brennerei Jamaicas, die schon bereits im 18. Jahrhundert existierte
[4]. Für den Rum um den es heute geht, den TECA, gilt das selbe. Da sich die Historien der beiden Rums, TECA und TECC, auf Grund der Verwandtschaft der beiden Marks gleichen, übernehme ich den Part aus der TECC-Review an dieser Stelle und passe ihn lediglich dort wo es nötig ist an den heutigen Rum an. Das betrifft vor allem den letzten Abschnitt, bevor die Verkostung startet.
Also der Reihe nach und zunächst zu
Long Pond: dessen Geschichte beginnt, wie bereits oben kurz erwähnt, im Jahr 1753 mit der Familie Reid. Ein John Reid Senior ist bis zu seinem Tod im Jahr 1777
[5] vom
UCL als Besitzer von Long Pond vermerkt. Bis ins Jahr 1803 scheint die Destillerie dann von einer Erbengemeinschaft geführt worden zu sein, bevor ein Sir Simon Haughton Clarke 9th Bart. das Estate bis zu seinem Tod 1832 übernahm
[6][7]. Für die Jahre zwischen 1809 und 1832 ist auf Long Pond die Haltung von Sklaven dokumentiert. Jährlich waren es zwischen 209 und 368 Sklaven
[8]. Spätestens im Jahr 1838 war die Sklaverei auf Jamaica allerdings vollständig abgeschafft und anders als viele andere Zuckerfabriken der Insel überlebte Long Pond die sich daraus ergebende Krise in Form eines massiven Rückgangs der Produktion und damit der existierenden Sugar Estates. Für das Jahr 1878 ist dann erstmals der Besitz durch J.B. Sheriff dokumentiert
[9]. Dessen Firma, die J.B. Sheriff & Company Limited, führte Long Pond bis ins Jahr 1953 und übernahm in dieser Zeit einige andere Sugar Estates und Destillerien auf Jamaica. Darunter befinden sich bis 1921,
laut Cyril, Parnassus, Hyde Hall, Steelfield und Etingdon, sowie um 1945 Cambridge, Linton Park, Belmont, Lottery und Water Valley und 1949 schließlich Kinloss
[10]. Schaut man sich die Besitzverhältnisse der einzelnen Estates auf Jamaican Family Search an, z.B. für die Jahre
1878,
1891 oder
1910, so lässt sich erkennen, dass die Estates im Laufe der Jahrzehnte immer wieder die Besitzer wechseln und vor allem, dass die Estates zunehmend im Besitz der selben Menschen sind. So erkennt man beispielsweise immer wieder Parallelen zwischen Cambridge und Steelfield.
Im Jahr 1953 kaufte das kanadische multinationale Konglomerat Seagram Ltd. Long Pond von der J.B. Sheriff & Company Limited
[11]. Seagrams hatte bereits seit 1944 mit Captain Morgan eine eigene Rum Marke am Start und brauchte für diesen nun dringend Kapazitäten. Im Jahr 1955 kaufte Long Pond das benachbarte Vale Royal, welches wiederum vier Jahre später seine Tore schloss und in Long Pond weiterlebte. Mit Vale Royal gemeinsam wurde aus Long Pond Estates dann Trelawny Estates
[12]. Der nächste einschneidende Schritt erfolgte im November 1977, als Trelawny Estates von der jamaicanischen Regierung, der Inselstaat war seit 1962 von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen worden, verstaatlicht wurde. Es folgte mit dem neuen Namen "The National Sugar Company of Long Pond Limited" wiederum eine Umbenennung
[13]. Im Jahr 1993 verkaufte die Regierung Jamaicas Long Pond dann an mehrere Finanzgruppen
[14], bevor es 2006 in National Rums of Jamaica Ltd. (NRJ) eingegliedert wurde, an der die National Sugar Company wiederum zu einem Drittel beteiligt war
[15]. 2009 kaufte die Familie Hussey (Everglade Farms), denen auch das nahegelegene Hampden Estate gehört, die Zuckerfabrik Long Pond, während die Destillerie Long Pond weiter unter dem Dach von NRJ firmiert. Zwischen 2012 und 2017 wurde in Long Pond wegen diverser Probleme kein Rum produziert, doch inzwischen ist die Produktion wieder aufgenommen
[16].
In Long Pond existieren ganz sicher noch fünf John Dore bzw. Vendome Pot Stills, von denen vier 13.200 Liter fassen, und eine, die 5.600 Liter fasst
[17], sowie mindestens eine Column Still
[18]. Ob, und wenn ja, wieviele und welche von ihnen unter Umständen auch aus früheren Destillerien wie Cambridge oder Vale Royal stammen ist derzeit aber leider noch vollkommen unklar. Auf den Bildern von Cyril und Matt ist aber deutlich zu erkennen, dass einige der Stills schon sehr, sehr alt sein dürften. Hier erhoffe ich mir in den nächsten Jahren und mit zunehmender Aufmerksamkeit für die Destillerie Long Pond noch weitere Erkenntnisse.
Tilston: über Tilston Estate (vereinzelt auch Tilestone oder Tileston) ist leider nur sehr wenig bekannt. Sicher wissen wir, dass Tilston schon bereits im 18. Jahrhundert existierte und in dieser Zeit, bis ins 19. Jahrhundert hinein, von der Familie Simpson geführt wurde: zunächst von John Simpson of Bounty Hall (Senior; ✝1785) und später von John Simpson of Fair Lawn Kent (Junior; ✝1847)
[19]. Letzterer erbte auch Vale Royal von Thomas Pepper Thompson
[20]. Später war Tilston dann im Besitz einer gewissen Miss A. M. Jarrett
[21][22], bevor als Besitzer im Jahr 1910 schließlich ein uns wohl bekannter Mann genannt wird, nämlich Dermot Owen Kelly-Lawson
[23], dem auch Hampden gehörte. Anschließend verliert sich die Spur leider und auch eine Angabe über eine Schließung konnte ich nicht finden. Somit wäre aus meiner Sicht naheliegender, dass Tilston vielleicht ein Teil der Geschichte Hampdens ist, allerdings weist die Geschichte der beiden Destillerien Hampden und Long Pond auch immer wieder Parallelen auf, so dass nicht auszuschließen ist, dass Tilston auch irgendwann noch an Long Pond ging. Wer weiß, vielleicht erfahren wir ja auch hier in den nächsten Jahren noch mehr.

Anders als bei Cambridge und Vale Royal kann ich also auf die Bedeutung der Marks TECA und TECC, nicht wirklich näher eingehen, mit Ausnahme des für das Mark definierten Estergehalts von 1200 - 1300 gr/hlpa. TE könnte, wie gesagt, für Tilston Estate stehen, aber das ist eben mehr als unklar. Für mich ist das Mark insofern etwas besonders, als dass wir zwar schon unzählige Long Ponds aus diversen Jahrgängen, bis zurück in die 1940er Jahre, probieren durften, jedoch mit dem TECC erst einen Rum aus Long Pond bekamen, der einen Estergehalt im Bereich 1000 gr/hlpa und mehr hatte. Bis zum Erscheinen der vier Veliers war der
LPS (Long Pond Special) von Rum Albrecht mit 400 - 550 gr/hlpa in dieser Hinsicht das Maximum. Der jetzt erschienene Cambridge lag mit 550 - 700 gr/hlpa erstmals knapp darüber und der TECC knackte diese Marke sogar deutlich. Nun kommt zum Abschluss der vier also der TECA und auch damit sind bei mir neuerlich Erwartungen verbunden. Beim TECC war es der
DOK als Referenz, beim TECA ist es nun eher das Mark
C<>H von Hampden, welches man da im Hinterkopf hat - mein Lieblings-Mark von Hampden! Bisher sahen wir, dass die Ester bei Long Pond in eine gänzlich andere Richtung gehen als bei Hampden. Letztere sind mit seinem Style da schon sehr, sehr unique, genau wie eben auch Long Pond. Wie also kommt der TECA? Ich bin gespannt und daher geht es nun auch direkt an die Verkostung! Viel Spaß!