Sonntag, 30. August 2020

Barbados, Rockley 1986 - Silver Seal vs. Duncan Taylor

Liebe Rum Gemeinde,

seit Ewigkeiten möchte ich mich heute einmal wieder mit dem alten Rockley Style von Barbados auf BAT beschäftigen, der über all die Jahre eine heimliche Liebe von mir war und noch immer ist. Es gibt, da sind sich nahezu alle einig, die ich zur engen Nerd-Szene in Deutschland zähle, aus Barbados keinen besseren Rum als jenen so genannten Rockley Style aus der West Indies Rum Distillery, der so viel mehr zu bieten hat als alles andere was aus Blackrock selbst, aber auch von den weiteren Destillerien Barbados' kommt.



Es war ein kalter Spätnachmittag im November 2011, als ich zum ersten Mal das Ladengeschäft von Andreas Schwarz in Preetz betrat. Ich hatte im Netz herausgefunden, dass es hier ganz in meiner Nähe ein Geschäft gibt, welches weit mehr Rum im Sortiment führt als (selbst gut sortierte) Supermärkte und so machte ich mich dorthin auf den Weg, nicht wissend, was mich erwarten sollte. Ich war zu jener Zeit noch ganz am Anfang meiner Rum Laufbahn und hatte außer Jamaica Rum noch nicht viel gesehen. Diese hatten es mir seinerzeit sofort angetan und auf diesen lag dementsprechend auch mein Augenmerk, als ich mich im Geschäft umsah. Mit Herrn Schwarz kam ich direkt ins Gespräch und es stellten sich zwei Dinge schnell heraus: zum einen nämlich, dass weder Andreas Schwarz ein gewöhnlicher Händler, noch ich ein gewöhnlicher Kunde war. Denn es war sowohl er auf seinem Gebiet weit kompetenter, als ich das bis dahin je irgendwo im Handel erlebt hätte, noch zeigte ich an den (damals wie heute) üblichen Verkaufsschlagern Zacapa oder Diplomatico auch nur das geringste Interesse. So stimmte die Chemie also direkt.

Lieber wollte ich Jamaica Rums. Am besten in Fassstärke. Kein leichtes Unterfangen damals! Und so ergab es sich, dass Herr Schwarz mir eine Abfüllung zeigte, die ich bis heute als bahnbrechend in Erinnerung habe: es stand noch eine Flasche Cadenhead's Cask Strength BRS (Rockley) Barbados Rum 16 YO Blackrock 1986 ganz oben links in seinem Regal! Ein Ladenhüter (auch, wenn sich das heute niemand mehr vorstellen kann)! Ich war sofort sehr interessiert, denn alte Cadenheads Bottlings waren (und sind es bis heute) ein Synonym für Qualität. Glücklicherweise kann man bei Andreas Schwarz fast alles an Rums was er im Verkauf hat auch probieren, so auch diesen. Also rein damit ins Glas und: *BÄÄÄM*! "Was zur Hölle ist das denn für ein geiler Scheiß?!" Das oder etwas ähnliches müssen meine ersten Gedanken dazu gewesen sein. So viel Kraft, so viel Flavour, aber gleichzeitig ohne dieses so brutale eines Jamaicaners... Unfassbares Erlebnis, bis heute vermutlich eines der schönsten im Rum Bereich überhaupt, weil es so unerwartet kam! Später wurden diese Momente rar, weil einen mit zunehmender Erfahrung immer weniger komplett überraschen kann, weil man so vieles schon kennt, aber damals war sowas noch möglich. Das erste Mal Rockley, ohne jede Erwartung, ohne jedes Wissen, was da gleich kommt. Die Flasche habe ich selbstverständlich sofort eingepackt (für 80,- Euro damals eine durchaus nicht ganz günstige Anschaffung) und meine Liebe für Rockley war geboren. In der Folge hielten der damals noch sehr kleine Kreis an Nerds und ich unsere Augen nach solchen Rums offen. Bezeichnender Weise wurde dann aber nur noch ein Rum überhaupt released, der es mit dieser Cadenhead-Abfüllung aufnehmen konnte, nämlich der Duncan Taylor WIRD 1986 im Jahr 2012. Diesen konnte kein Rockley vor oder nach ihm bisher toppen, was auch daran lag, dass danach so gut wie nichts mehr überhaupt auf den Markt kam.

Der heute vorgestellte Silver Seal ist, von einer Japan-Abfüllung, die leider wirklich nicht gut und auch nur äußerst schwer erhältlich war abgesehen, der erste abgefüllte 1986er Rockley seit dem Duncan Taylor 2012! Das ist acht Jahre her und damit länger, als sich die allermeisten da draußen überhaupt zur Rum Szene dazu zählen, die in den letzten Jahren um viele 100% im Vergleich zu damals gewachsen ist. Dementsprechend sind zwei Faktoren festzuhalten. Zum einen haben wir es dadurch schon fast mit einer gefühlten Premiere zu tun, zum anderen ist der gute Stoff aber ja auch mit gealtert und inzwischen schon stolze 33 Jahre alt und für 80,- Euro, wie der Cadenhead damals, nicht mehr zu haben. Im Gegenteil, ca. 600,- (!) Euro muss man inzwischen hinlegen, wenn man eine der Flaschen kaufen möchte, die Max Righi in diesem Sommer abgefüllt hat. Ob er das wert ist? Nun, diese Frage wird im Grunde sehr einfach im Fazit zu beantworten sein. Wenn es ihm gelingt den Duncan Taylor zu schlagen, dann durchaus, denn für diesen muss man inzwischen mehr als diese 600,- Euro auf den Tisch legen. Also sehen wir uns den Guten jetzt einmal genauer an!


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Vergleich der beiden Rockley Barbados Rums aus 1986 - Silver Seal 33 YO vs. Duncan Taylor 25 YO:

Preis: der Ausgabepreis für den Silver Seal bei Whisky Antique (gehört Max Righi, der gleichzeitig Inhaber von Silver Seal ist) liegt bei 603,90 Euro. Derzeit ist der zu diesem Kurs auch noch erhältlich. Der Duncan Taylor kostete damals ca. 90,- bis 110,- Euro ca. Heute kostet eine Flasche eher 800,- bis 1000,- Euro.

Alter: von Dezember 1986 bis Anfang 2020 reifte der Silver Seal 33 Jahre lang im Eichenfass. Der Duncan Taylor wurde schon im November 2012 abgefüllt und war somit zu diesem Zeitpunkt 25 (bzw. fast 26) Jahre alt.

Lagerung: die Reifung fand in beiden Fällen mutmaßlich vollständig in Europa statt.

Fassnummern: Silver Seal gibt als Fassnummer die #20 an, allerdings dürfte es sich dabei ausschließlich um eine interne Zählung handeln, was meinen Verdacht bestätigt, dass der Abfüller vermutlich keine bis kaum noch Fässer lagernd hat, sondern neue Bottling unmittelbar zuvor von Brokern erworben werden. Ergeben hat das Fass noch 179 Flaschen a 0,7 Liter, sowie 15 Magnum Flaschen. Duncan Taylor gab damals die Fassnummer #16 an, welches noch 244 Flaschen a 0,7 Liter ergab.

Angel's Share: unbekannt. Er dürfte aber bei jeweils ca. 30 bis 40% liegen. 

Alkoholstärke: der Silver Seal kommt mit einem Alkoholgehalt von 58,8% vol. um die Ecke. Diese dürften der Fassstärke nach 33 Jahren im Fass entsprochen haben. Der Duncan Taylor wies noch 52,7% vol. auf, was bedeutet, dass er wohl um mindestens 10% vol. "beraubt" wurde. 

Destillationsverfahren: Pot Still.

Mark: BRS (Rockley)

Farbe: dunkles, goldenes Stroh beim Silver Seal, minimal aber merklich kräftiger als der Duncan Taylor. 

Viskosität: unregelmäßige aber parallele Schlieren fließen beim Silver Seal langsam und zähflüssig an der Glaswand herunter. Beim Duncan Taylor sieht es ähnlich, aber etwas öliger aus. Zudem fließen hier die Schlieren schneller.

Silver Seal Barbados Rockley 1986 im Glas
Nase: ich lasse beide Rums zunächst einmal eine gute Stunde atmen, bevor ich mich an die Verkostung setze. Dann aber sind beide auch direkt voll da! Der Silver Seal macht zunächst einen kräftigeren Eindruck als der Duncan Taylor, der eher etwas verhaltener und subtiler daher kommt. Dem Silver Seal merkt man auch die über 30 Jahre im Fass direkt an. Nicht negativ, aber eine gute Portion Holz kommt da schon direkt mit, während der Duncan Taylor eher noch diese klassische Rockley-Mischung aus Honig und Rauch aufweist und die in jüngeren Jahren natürlich eher weniger von Tanninen geprägt war. Beide Rums machen einen sehr tiefen, reichhaltigen und komplexen Eindruck und auch der Alkohol ist bei beiden jeweils exzellent eingebunden. So etwas wie alkoholische Schärfe findet für mein Empfinden nicht statt. Es braucht einige Momente und man muss sich so ein wenig an die beiden herantasten, bis sie ihr Bouquet in vollem Umfang offen legen. Der Honig kommt beim Silver Seal immer noch ganz gut durch, auch eine gewisse natürliche Süße ist vorhanden, den Rauch allerdings muss man schon sehr mit der Lupe suchen. Dieser scheint tatsächlich so ein wenig den Tanninen gewichen zu sein. Diese nehmen nämlich durchaus schon eine zentrale Rolle in diesem Orchester an Sinneseindrücken ein, das darüber hinaus auch noch eine sehr prägnante Assoziation zu Leder hervorzurufen vermag, sowie einiges an Vanille und Nelke für mich bereit hält. Erst ganz nach hinten heraus habe ich auch leichte Röstaromen und Rauch. Aber im Vergleich zu jüngeren Vertretern spielt dieser Part wirklich nur eine marginale Rolle. Anders der Duncan Taylor. Das ist an dieser Stelle noch wesentlich mehr klassischer Rockley als wir es nebenan beim Silver Seal sehen. Hier habe ich Rauch, hier habe ich Honig, hier habe ich Leder, hier habe ich alles was das Rockley-Herz begehrt! Einzig: im direkten Vergleich bilde ich mir ein, dass man die Verdünnung spürt. Der Silver Seal ist der zweifelsohne intensivere der beiden! Dieses Phänomen hatte ich ja auch bei den Port Mourants schon beobachtet. Damals fiel das nicht so auf, da es zu den Duncan Taylor Bottlings anno 2012 keine vergleichbare Konkurrenz gab, aber nun, wo es diese Jahrgänge auch noch einmal in Fassstärke gibt, kann man das nicht leugnen. Einen Sieger zu finden fällt mir in der Nase daher zunächst noch schwer, da ich zwar diesen Rockley-Rauch (nicht zu verwechseln mit Islay Rauch z.B.!) extrem feiere, aber gleichzeitig eben auch Tannine und die Intensität einer Fassstärke sehr, sehr, sehr schätze. Nach ca. zwei Stunden allerdings liegt der Silver Seal dann doch vorn in der Nase. Die klar stärkere Intensität und ein schlicht merklich volleres Bouquet geben den Ausschlag. Der Duncan Taylor hingegen retardiert in seiner Entwicklung im Glas und wirkt schließlich schon fast verhalten gegen den Silver Seal.

Duncan Taylor Barbados Rockley 1986 im Glas
Gaumen: am Gaumen macht sich das Plus an Reife beim Silver Seal zunächst kaum bemerkbar und wenn, dann auf keinen Fall negativ! Der Rum hat einen richtig geilen Rockley -Geschmack, wie er im Buche steht! Dieser kommt auch direkt voll heraus, denn alkoholische Schärfe oder ähnliches sind komplett abwesend. Selbst größere Schlücke sind kein Problem, im Gegenteil, hier legt der Rum nochmal zu! Beim Duncan Taylor sieht es tendenziell ähnlich aus, allerdings merkt man diesem zu Beginn seine Verdünnung an. Nicht stark oder gar störend, aber eben merklich. Das verwundert mich vor allem insofern, als dass mir das bisher nie so deutlich auffiel, aber im direkten Vergleich kommt das ganz eindeutig heraus. Der Silver Seal kommt geschmacklich erst einmal richtig schön süß daher, nicht künstlich natürlich, sondern das ist eher wie flüssiger Honig. Richtig genial! Der in der Nase noch so vermisste Rauch ist nun auch am Start und sorgt dafür, dass für Rockley Fans nun wirklich keine Wünsche mehr offen bleiben und diese voll und ganz auf ihre Kosten kommen. Der 33 YO ist wahnsinnig intensiv! Mit zunehmender Verweildauer am Gaumen wird er darüber hinaus cremiger. Nun spielen auch die Tannine mit rein, die sich in Form von toll harmonierenden Röstaromen wunderbar passend ins Destillat mit einbringen. Man muss sich das vorstellen wie eine Art Funkenflug. Immer wieder prasseln kleine Funken in den Rockley hinein und sorgen so für zusätzliche Unterhaltung. Überhaupt passen die Tannine hier richtig gut hin, bringen den Rum nochmal voran und fügen Rockley als Stil noch einmal ein komplett neues Kapitel hinzu, denn die bisherigen Vertreter waren eben sehr viel jünger. Das ganze hat zeitweise was vom Velier Monymusk 1995 oder auch von einigen Worthy Parks. Nach hinten heraus habe ich ordentlich Anis, was ich von vielen lange gereiften Rums kenne. Sehr, sehr schön! Beim Duncan Taylor habe ich gleichsam positive Eindrücke. Hier bekommt man tatsächlich das komplette Rockley-Aromenfeuerwerk! Der Rum spielt seine seit vielen Jahren bekannten Vorzüge von vorne bis hinten aus, kann mit jeder Menge Waldhonig, Rauch, Anis, leichter Banane, Vanille und anderer Gewürze aufwarten. Am Gaumen habe ich hier nicht weniger als einen nahezu perfekten Rum vor mir! Wie der Silver Seal wird auch der Duncan Taylor mit der Zeit immer cremiger und leckerer. Der Rum hat viel Kraft, spielt diese aber sehr viel subtiler aus als beispielsweise Rums aus Jamaica. Judo statt Kickboxen. Dazu kommen auch beim Duncan Taylor schon gute Holznoten und eine dezente, angenehme Bitterkeit. Das Holz ist definitiv super eingebunden, ein richtig geiler Rum!

Abgang: ein schöner langer Abgang beim Silver Seal, mit zunächst noch ordentlicher Rest-Süße von Pfirsichen und von Waldhonig, dazu Anis. Erst dann wird der Rum trockener. Röstaromen gesellen sich nochmal dazu, wieder Funkenflug. Geil! Der Duncan Taylor dagegen kommt schon direkt zu Beginn gut tanninig und weniger süß daher als der Silver Seal. Honig und Rauch geben nochmal alles. Auch der Duncan Taylor verbleibt sehr lang, zeigt sich aber durchgehend bitterer und trockener als der Silver Seal.

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Fazit: Zwei mal Rockley 1986, zweimal absolute Weltklasse! So einfach kann es manchmal sein! Der Silver Seal als auch der Duncan Taylor sind (gemeinsam mit dem Rendsburger Bürgermeister Rockley 1986, den man allerdings nicht mehr bekommen wird) sind unstrittig das beste, was Rockley bisher insgesamt je zu bieten hatte und damit natürlich auch gleichzeitig das beste, was die gesamte Insel Barbados bisher je zu Gesicht bekommen hat! Wenn man diese beiden Vertreter dieses so einmaligen Stils im Glas hat, dann fällt es einem schon schwer zu verstehen, warum ansonsten nahezu nur langweiliger, austauschbarer Stoff von Barbados kommt. Und das bezieht sich sowohl auf die anderen Destillerien Barbados', als auch auf die West Indies Rum Distillery selbst, deren üblicher Rum im Vergleich zu den Rockleys leider auch null und gar nichts taugt. Warum W.I.R.D. ausschließlich in den Jahren 1986 und 2000 größere Mengen dieses Stils produziert hat ist leider nicht bekannt, aber es ist definitiv sehr schade! Diese Rums sind die einzigen Bajan Rums, die im absoluten High End Bereich mithalten können! Welcher der beiden heute verkosteten Rums nun der bessere ist, ist für mich schwer zu sagen. Der Silver Seal besticht auf jeden Fall durch seine enorme Intensität, seine Reife und mit dem damit einhergehenden Einfluss der Tannine. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass wer mit Tanninen seine Schwierigkeiten hat unter Umständen beim Duncan Taylor besser aufgehoben wäre. Dieser ist der definitiv stiltypischere Vertreter, der sich vermutlich am Zenit seiner Reifung befunden hat und für Rockley-Puristen schon seit Jahren nicht weniger als der Heilige Gral darstellt. Zurecht! In voller Fassstärke wäre der Duncan Taylor vermutlich nahe an die 100 Punkte Marke herangeklettert. Versteht mich nicht falsch, der Rum ist mitnichten Verwässert, aber ich stehe in aller Regel eben auf keinerlei Zugabe von Wasser und dem Duncan Taylor merkt man diese -wenn auch nur minimal- an. Das nimmt ihm etwas von der Intensität, die mir beim Silver Seal so gefällt, allerdings gleicht er das durch etwas mehr Komplexität, eine perfekte Ballance und totale Ausgewogenheit locker aus. Beide Rums für sich sind einfach der Hammer! Einziges Manko: die Preise und die Verfügbarkeit. Wir befinden uns hier eindeutig im Bereich über 500,- Euro und von beiden Abfüllungen zusammen gab es kaum etwas mehr als 400 Flaschen! Das ist extrem wenig, vor allem im Hinblick darauf, dass vom Duncan Taylor das allermeiste inzwischen ausgetrunken sein dürfte. Wer den Rockley Style richtig geil findet und voll drauf abfährt, dem lege ich eine Investition durchaus nahe, denn wer weiß ob man anders und vor allem günstiger nochmal dran kommt, aber andererseits würde ich auch jedem, der mit Rockley noch nie in Berührung kam auch empfehlen sich erstmal ein Sample zu besorgen. Denn Rockley ist speziell und gilt in Nerd Kreisen als einer der typischsten Vertreter der Kategorie "Love it or Hate it". Ich persönlich zähle, das ist zu guter Letzt keine Überraschung mehr, zu ersterer Gruppe. Ich liebe diesen Stoff!


Silver Seal:
 -95/100-

Duncan Taylor: 
-95/100-


Nutzer der Rum Tasting Notes App finden die Rums hier:

Silver Seal Barbados Rum 33 YO W.I.R.D. 1986

Duncan Taylor Barbados Rum 25 YO W.I.R.D. 1986


Ein Dank geht abschließend an Malte, der den Silver Seal und an Niki, der den Duncan Taylor geteilt hat. Vielen Dank an euch beide!

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 23. August 2020

Silver Seal Demerara Rum 30 YO Uitvlugt 1989

Liebe Rum Gemeinde,

ich bin mal wieder auf Abwegen und folge der Spur von gutem Demerara Rum, wobei Abwege vielleicht nicht einmal mehr ganz die treffende Bezeichnung ist - denn diese Nebenpfade entwickeln sich inzwischen mehr und mehr zu echten Hauptstraßen. Ja, ich bin über die letzten Monate zu einem kleinen Fan dieser Rums geworden, gleich wohl das längst nicht auf alle Stile zutrifft.



Zutreffend ist das allerdings ganz eindeutig, wenn wir über alte, lang gereifte Port Mourants sprechen, so wie heute. Die Rums aus den 1970er Jahren, zu vorderst natürlich die Jahrgänge 1974 und 1975, habe ich in den letzten Monaten immer mehr zu schätzen gelernt und so lag es nahe, dass ich mich auch bei anderen Rums langsam begann durchzuprobieren. Positiv aufgefallen war mir dabei auch eine Abfüllung von Duncan Taylor aus dem Jahr 2012, nämlich der Uitvlugt 1989 aus einer Pot Still. Das wiederum heißt: in Wahrheit haben wir es nicht mit einem Uitvlugt Rum zu tun, sondern eben mit einem aus Port Mourant, dessen alte Still, die Double Wooden Pot Still, zum Zeitpunkt der Destillation bei Uitvlugt stand. Da es die einzige Pot Still war die sich zu diesem Zeitpunkt dort befand besteht über die Herkunft des Rums also auch keinerlei Unklarheit. Duncan Taylor, das sei an dieser Stelle noch erwähnt, hat damals, 2012, mit einer Wahnsinns-Rum Serie für Furore gesorgt und auf sich Aufmerksam gemacht. Neben dem Uitvlugt erschienen unter anderem auch noch ein Hampden 1990, ein Rockley 1986 und ein Versailles 1985. Diese Rums sind sämtlichst Legenden! Seitdem ging die Kurve dieses Abfüllers, mindestens im Rum Bereich, allerdings auch wieder steil nach unten. Es kommt kaum etwas nach und wenn, dann passiert das nicht annähernd in dieser Qualität. Schade!




















Doch zurück zum Jahrgang 1989 von Uitvlugt/Port Mourant. Dieses ähnelt den alten PMs aus den 1970er Jahren in vielerlei Hinsicht. Zum einen natürlich im geschmacklichen Stil, zum anderen haben sie aber auch die Färbung gemeinsam, die schon bei der Befüllung des Fasses stattgefunden hat. Während der Uitvlugt mit seinen 23 Jahren im Fass aber natürlich noch bedeutend jünger daher kam als viele der Rums aus den 1970er Jahren, diese waren fast sämtlichst 30 Jahre oder älter zum Zeitpunkt ihrer Abfüllung, hat der heute vorgestellte Rum von Silver Seal in dieser Hinsicht aufgeholt. Dieser hat im Oktober letzten Jahres ebenfalls die 30 Jahre vollgemacht und eignet sich daher durchaus schon, um nun deutlichere Parallelen zu den 70s zu ziehen und zu schauen, inwieweit sich das auch praktisch annähert. Daher galt diesem Bottling natürlich meine besondere Aufmerksamkeit, als ich vor ein paar Monaten hörte, dass ein solches wohl erscheinen wird, denn weitere 1989er PMs blieben nach dem Duncan Taylor Bottling in der Folge aus.

Im Juli diesen Jahres ist das nun auch endlich passiert und wie es zu erwarten war, war der PM auch sehr schnell ausverkauft. Neben einer Anzahl von gerade einmal 206 Flaschen insgesamt ist dies allerdings wohl auch der Tatsache zu verdanken, dass er mit seinem Ausgabekurs von ca. 350,- Euro ein für Silver Seal Verhältnisse fast schon phänomenales Preis-Leistungs-Verhältnis hatte, gerade im Vergleich zu seinen Brüdern in der 2020er Release Serie. Für den Rockley 1986, noch ein Duncan Taylor 2012 Bottling, an das Silver Seal angeschlossen hat, muss man schon ca. 600,- Euro hinlegen und für den tropisch gereiften Monymusk 1984 dann sogar schon fast 1000,- Euro. Dagegen mutete der PM dann natürlich sehr erschwinglich an. Ein österreichischer Shop führt den Rum kurze Zeit sogar noch für ca. 320,- Euro, was vermutlich der günstigste Preis für diesen Rum gewesen ist. Ja, das ist immer noch sehr viel Geld, aber was man Silver Seal wirklich lassen muss, und das machen sie seit jeher besser als andere: sie liefern ein verdammt hochwertiges Packaging! Diese Boxen sind schon a la bonheur, das muss man wirklich sagen. Es heißt so oft es käme auf den Inhalt an, und ja, das stimmt auch, gleichwohl bin ich auf diesem Qualitätslevel aber auch ein Fan davon, wenn man einer Flasche diese Qualität auch unmissverständlich ansieht! Insofern: well done! Ansonsten lässt sich sagen, dass der Silver Seal Uitvlugt 1989, anders als der 2012er Duncan Taylor, unverdünnt und in Fassstärke in die Flasche kam und noch immerhin einen Alkoholgehalt von 55,8% vol. aufweist. Das wiederum demonstriert uns eindrucksvoll, dass der Duncan Taylor damals doch schon sehr viel mehr verdünnt wurde, als ich lange Zeit dachte. Denn dieser hatte damals schon nur noch 54,9% vol., trotz sieben Jahre kürzerer Reifung. Er müsste demnach wohl noch original über 60% vol. gehabt haben in 2012. Und inwieweit sich diese und noch weitere Unterschiede direkt und im Vergleich bemerkbar machen, das sehen wir uns jetzt an!



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Verkostung des Silver Seal Demerara Rum 30 YO Uitvlugt 1989:

Preis: der Ausgabepreis bei Whisky Antique (gehört Max Righi, der gleichzeitig Inhaber von Silver Seal ist) lag bei ca. 350,- Euro. In einem Shop in Österreich war er für kurze Zeit aber auch für ca. 320,- Euro zu haben. Er war allerdings zuvor schon bei Whisky Antique ausverkauft, so dass er inzwischen nur noch auf dem Secondary zu haben ist.

Alter: von Oktober 1989 bis Anfang 2020 reifte der Rum 30 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand mutmaßlich vollständig in Europa statt. Die dunklere Farbe kommt durch die Färbung, die einige Demerara Rums traditionell erhalten.

Fassnummern: Silver Seal gibt als Fassnummer die #7 an, allerdings dürfte es sich dabei ausschließlich um eine interne Zählung handeln, was meinen Verdacht bestätigt, dass der Abfüller vermutlich keine bis kaum noch Fässer lagernd hat, sondern neue Bottling unmittelbar zuvor von Brokern erworben werden. Ergeben hat das Fass noch 206 Flaschen a 0,7 Liter, sowie einige wenige Magnum Flaschen.

Angel's Share: unbekannt. Er dürfte aber bei ca. 30 bis 40% liegen. 

Alkoholstärke: der Rum kommt mit einem Alkoholgehalt von 55,8% vol. um die Ecke. Diese dürften der Fassstärke nach 30 Jahren im Fass entsprochen haben. 

Destillationsverfahren: der Rum entstammt der Double Wooden Pot Still, die einst bei Port Mourant stand. Nach der Schließung Port Mourants im Jahr 1955 kam dessen Still zu Uitvlugt. Als auch Uitvlugt Ende 1999 geschlossen wurde und damit Diamond zur einzig verbliebenen Destillerie Guyanas machte, zog die Still neuerlich um und produziert bis heute Rum! 

Mark: PM (Port Mourant)

Farbe: sehr dunkles Rosé, klar ins bräunliche gehend, Kastanie. 

Viskosität: der Rum bildet lange, weite, zäh fließende, regelmäßige Schlieren, die langsam an der Glaswand hinab zurück ins Glas fließen.

Nase: direkt zu Beginn nach dem Einschenken habe ich sehr viele Lösungsmittel- und Klebstoff-Noten und auch der Alkohol ist zu diesem Zeitpunkt noch präsent. Port Mourant als Stil rieche ich direkt heraus, zeigt sich aber schon ordentlich gereift. Anders der Duncan Taylor, der sich quasi von Beginn an zugänglich gibt und noch einiges mehr an Brennerei-Charakter aufweist. Ich lasse den Silver Seal noch ca. eine halbe bis dreiviertel Stunde im Ballonglas atmen. Das macht direkt einiges aus, denn nun hat sich der Alkohol bereits komplett verflüchtigt und das Bouquet liegt wie ausgebreitet vor mir. Und was für ein Bouquet! Meine Zuneigung zu alten, lange gereiften Port Mourants währt ja noch nicht so lange wie die zu Jamaicanern oder Caronis, aber hier komme ich schon sehr ins Schwärmen. Die Klebstoff-Noten sind noch immer da, zeigen sich aber nicht mehr so einnehmend. Stattdessen kommen auch ein regelrechter Schrank voller Gewürze, Lakritze, Salzkaramell, Tannine, Trockenfrüchte und leichte Pflaume. Man möchte sich in diesen Rum förmlich reinknienen um auch alles aufzusaugen, was hier an Eindrücken auf einen einprasselt. Das hohe Alter merkt man dem Rum in jeder Sekunde an, jede Nuance zeugt davon. Ein wenig wie ein Senior, der keine Gelegenheit auslässt, sein ganzes Umfeld daran zu erinnern, was er schon alles gesehen und erlebt hat. Was einem bei Greisen hingegen auch mal über sein kann, kommt hier beim 89er Silver Seal einfach nur geil! Der Duncan Taylor im Vergleich hält da nicht ganz mit. Er weist weder die Intensität noch die Komplexität des Silver Seals auf, dafür aber, wie eingangs gesagt, ein bisschen mehr Brennerei-Charakter! Ich denke, hier kommt es auf die persönliche Vorliebe an, wozu man eher tendiert. Bei mir ist es ganz eindeutig der Silver Seal!

Gaumen: der erste Eindruck ist etwas dünn, trotz der immerhin 55,8% vol. und der Tatsache, dass hier nicht mit Wasser nachgeholfen wurde, allerdings habe ich mich auch erst einmal mit einem kleineren Schluck an den Rum herangetastet. Beim Duncan Taylor ist die Verdünnung hingegen noch ungleich stärker zu merken. Hier zeigt sich, dass man da 2012 schon ordentlich Wasser mit dazu gegeben hat, auch wenn das im direkten Quervergleich sehr viel stärker auffällt als solo. Der Vorteil ist aber natürlich, dass auch größere Schlücke problemlos möglich sind und mit denen ich im folgenden auch fortfahre. Das hat gleich mehrere Vorteile, denn nun erscheint der Rum gleich um einiges vollmundiger, körperreicher und intensiver! Direkt zu Beginn vermag der Silver Seal mich allerdings auch noch in einer weiteren Hinsicht zu überraschen! Wo nämlich in der Nase, die ganz ohne Süße auskam, wirklich eher Platz war für die lange gereiften Töne, kommen nun auch Eindrücke dazu, die bisher vollkommen abwesend waren. In erster Linie ist das eben genau die eben angesprochene Süße, die hier zu Beginn viel Spaß macht und diesem Rum auch einen ungemein fruchtigen Anstrich verpasst! Denn ich finde hier wahnsinnig viel Pflaume, aber auch einiges an Anis und Lakritze, Kaffee, ordentlich Melasse, die mich schon sehr an den ebenfalls gefärbten REV von RA erinnert, sowie feine Röstaromen. Diese verleihen dem Rum auch immer wieder eine zarte Bitterkeit, die ihm sehr gut steht! Dazu kommt natürlich ein starker Einfluss des Holzes vom Eichenfass. Wer sich nun aber möglicherweise Sorgen macht, dass der Rum verholzt ist, den kann ich direkt beruhigen. Das ist nicht der Fall, bzw. mehr noch, der Rum ist davon meines Erachtens sogar weit entfernt. Das ist einfach ein richtig guter, leckerer Rum! Der Duncan Taylor kommt im Vergleich etwas weniger fruchtig daher, dafür aber mit umso mehr Lakritze und Melasse. Der Rum ist auch am Gaumen, wie schon in der Nase, spürbar jünger und auch PM-typischer. Er ist vielleicht etwas eher etwas für diejenigen, welche auch auf die ungefärbten Vertreter dieses Stils stehen.

Abgang: ein langer, warmer Abgang! Dörrobst und Melasse, sowie Tannine und viel Anis begleiten den Rum nach unten. Sehr stark!

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Fazit: vielen Dank nach Italien und an Silver Seal, dafür, dass ihr aus 1989 noch einen solchen PM ausgegraben habt! Dieser Jahrgang lag schon seit 2012 auf Eis, war überhaupt sehr selten und ich hatte schon nicht mehr wirklich damit gerechnet, dass da noch was nachkommt. Für mich ist das damit schon jetzt ein Highlight dieses Jahres, das vor Highlights ja nur so strotzt! Und trotz der enormen Konkurrenz in 2020 bin ich mir sicher, dass dieser Tropfen in meinen persönlichen Top 10 landen wird! Denn der Silver Seal Demerara Rum 30 YO Uitvlugt 1989 ist einfach ein verdammt guter Rum, den man sich zu jeder Gelegenheit gut einschenken kann, der einen nie überfordert, trotzdem nicht langweilig ist und der nicht zuletzt schon nach relativ kurzer Zeit im Glas nach dem Einschenken performt und bei dem es einem einfach ein gutes Gefühl gibt, wenn man eine Flasche davon zuhause hat. Die Parallelen zu den 1970s Port Mourants wiederum zieht er sehr eindeutig, auch wenn er an die besten Vertreter dieser Jahrgänge sicherlich nicht ganz heranreicht. So ehrlich muss man schon sein. Führt man sich dann aber wieder vor Augen, dass man an diese Rums heute nur noch zu horrenden (und teils auch überzogenen) Summen herankommt, dann war der Silver Seal für seine 320,- bis 350,- Euro ganz sicher und ohne jeden Zweifel ein verdammt guter Case! Ich bereue den Kauf definitiv nicht!

-92/100-


Nutzer der Rum Tasting Notes App finden den Rum hier:

Silver Seal Demerara Rum 30 YO Uitvlugt 1989

Ein Dank geht abschließend an Malte, der diese Abfüllung geteilt hat. Vielen Dank!

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 16. August 2020

Mai Tai mit RA 25 YO New Yarmouth 1994

Liebe Rum Gemeinde,

seit einigen Wochen ist der neue New Yarmouth von RA nun erhältlich und auch ich habe in der Zeit natürlich so ein wenige rum-experimentiert😏 und geschaut, was man damit alles machen kann. Zwangsläufig sprechen müssen wir dabei natürlich vor allem über den Cocktail-Klassiker für einen Jamaica Rum - den Mai Tai!



Man kann es drehen und wenden wie man will, aber wenn es um die Frage eines Signature Drinks für einen jeden Jamaica Rum geht der etwas auf sich hält, dann kann die erste Antwort eigentlich immer nur die immer gleiche sein: "Mai Tai!". Seit seiner Erfindung im Jahr 1944 durch Vic Bergeron durchlief dieser Drink seine Höhen und Tiefen, wobei die letzten Jahre wohl definitiv zu den absoluten Hochzeiten zählen dürften. Nie zuvor wurde sich weltweit so intensiv mit diesem Drink beschäftigt, wurde versucht seine Originalrezeptur zu entschlüsseln und seine Geschichte aufzuarbeiten, die reich an Mythen, Legenden und Unklarheiten ist. Oder anders gesagt: der Mai Tai bringt alles mit, was es braucht um zu einer echten Legende zu werden, die er heute längst ist.

Nicht ohne Grund gilt auch bei mir daher (mit wenigen Ausnahmen) bereits seit zehn Jahren: wenn ein Jamaica Rum wirklich etwas auf sich hält, dann besteht er im Mai Tai! Dabei hat sich der Charakter des Drinks ziemlich weit von dem entfernt, was Vic damals vorschwebte und was er selbst in seiner Bar gemixt hat. War der Originalrum für den Mai Tai, der J. Wray & Nephew 17 YO, aus heutiger Sicht eher ein Leichtgewicht, so wird der Mai Tai von vielen Liebhabern schon seit einigen Jahren eher mit sehr viel aromatischeren Ester-Bomben, z.B. aus Hampden, gemixt. Das ist zwar längst kein Mai Tai mehr im Sinne des Erfinders, aber für heutige Geschmäcker oft vielleicht sogar der bessere Drink. Der Rum mit dem ich heute arbeiten werde geht dagegen tendenziell eher wieder zurück zu Vics Wurzeln, wenn auch noch immer nicht vergleichbar zu jenem Drink von damals. Ich werde meinen Mai Tai mit dem neuen RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994 mixen, einem Rum, der Fässern entstammt, die in dieser Form sicher einst dazu bestimmt waren in einem der bekannten Appleton-Blends zu landen. Somit dröhnen zwar heute kaum Ester, aber mit seinen 67,7% vol. hat es der Rum trotzdem mehr als in sich! Nicht zuletzt deshalb werde ich die Rezeptur heute auch ein wenig anpassen und den Drink mit 5,5 cl statt wie üblich 6 cl Rum zubereiten. 


Das Rezept meiner Wahl (nach Trader Vic):

  • 5,5 cl RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994
  • 1,5 cl Ferrand Dry Curacao 
  • 0,9 cl Meneau Orgeat
  • 0,6 cl J.M. Zuckersirup
  • 3,1 cl Limettensaft (frisch gepresst!)






Mai Tai mit RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994:

Farblich erinnert mich der Mai Tai deutlich an jenen Drink, den ich anno 2010 als Mai Tai kennengelernt habe, als er von den meisten der erfahrenen Hobby-Bartender noch mit einer Rum-Kombination aus Appleton 12 YO und Saint James Royal Ambre von den empfohlen wurde. Die Mai Tais die ich später so sehr lieben gelernt und zu deren weiterer Verbreitung ich mit Überzeugung beigetragen habe waren heller, da ich meist kontinental gelagerte Rums aus Hampden verwendet habe. Heute geht es farblich also back to the roots!

Dabei bleibt es allerdings nicht, denn auch geschmacklich hat das hier ganz viel mit den Wurzeln zu tun, wie ich sie kennen gelernt habe, was natürlich am verwendeten Rum liegt, der eben zu Appleton tendiert. Diese Parallelen kann und möchte er einfach auch im Mai Tai nicht leugnen und so ist dieser Drink gewissermaßen ein Remix aus dem Flavour der einstigen Einstiegsdroge von damals und der Power des nerdigen Mai Tai, wie ich ihn mir heute meist zubereite! Und was soll ich sagen, ich find' das ziemlich geil! Es ist schon ein paar Jahre her, ich glaube es war während des MAI Tai 2013, da hatte ich den Drink mal mit Appleton 21 ausprobiert. Damals war das mit Blick auf dessen Preis (bereits 80,- Euro + x) dekadent, Rums für über 50,- Euro zu vermixen galt als unüblich, heute hingegen, wo ein richtig guter Hampden in Fassstärke oft über 100,- Euro kostet, würde man da wohl eher mit den Schultern zucken. Naja, jedenfalls hatte ich das ausprobiert und fand die Kombination recht gelungen, wenn auch etwas schwach auf der Brust. Dieser Mai Tai heute erinnert mich sehr an jenen von damals, korrigiert dabei allerdings dieses starke Defizit an Kraft, und so bin ich, gelinde gesagt, sehr angetan! Der Drink kommt wahnsinnig fruchtig und geht mit den Fasseinflüssen des Rums eine gelungene Verbindung ein. Trotz des hohen Alkoholgehalts des Rums (daher auf 0,5 cl in der Rezeptur verzichtet) ist der Mai Tai recht smooth zu trinken und erwartungsgemäß tut ihm das einsetzende Schmelzwasser nichts, vielleicht profitiert er davon sogar ein wenig. Die anderen Zutaten harmonieren super mit dem New Yarmouth, so dass ich auf jeden Fall von einer stimmigen Gesamt-Komposition sprechen möchte, die ich durchaus auch wieder mixen würde.

Fazit: leider geil! Ich gestehe, das war nicht mein erster Mai Tai mit dem neuen New Yarmouth von RA und es wird auch nicht mein letzter sein. Insofern unterstreicht das meinen letzten Satz im vorherigen Abschnitt. Außerdem bekenne ich mich ebenfalls schuldig dahingehend, dass meine Begeisterung über den Mai Tai mit diesem Rum Einfluss genommen hat auf meine Entscheidung darüber, wie viele Flaschen ich mir von dem guten Stoff am Ende insgesamt besorgt habe. Denn natürlich ist der Rum in seiner puren Form hervorragend zum sippen, der Stoff ist ein Gedicht, aber er funktioniert eben auch im Drink und mit einem Preis von 150,- Euro fiel er für mich noch gerade so in die preisliche Range mit hinein, in der man einen Rum auch problemlos mal vermixen kann, wenn sich daraus insgesamt ein Mehrwert ergibt und eben das ist hier der Fall! Insofern kann ich den New Yarmouth 1994 wirklich nur jedem ans Herz legen, der wie ich genauso auch mal auf einen tollen und ambitionierten Mai Tai steht und kein Problem damit hat, dafür auch etwas Geld in die Hand zu nehmen. Es lohnt sich!

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 9. August 2020

Velier HTR 23 YO Caroni 1996 - Vijay "Vijay" Ranmarine

Liebe Rum Gemeinde,

aller guten Dinge sind bekanntlich drei, und daher stelle ich euch heute die dritte Abfüllung des 3rd Release der Caroni Employee Serie von Velier vor: das 23 YO Bottling aus 1996, das Vijay "Vijay" Ranmarine gewidmet wurde!



Anders als bei seinen beiden Kollegen aus dem 3rd Release, Nita "Nitz" Hogan (2000) und Ganesh "Buju" Ramgobie (1998), gibt es beim Vijay dieses mal allerdings keinerlei Premieren zu feiern (es sei denn, er wäre "divers"😏) - keine besondere Farbe beim Label oder beim Karton ansonsten, einfach 1996er Caroni, 23 Jahre alt, Trinidad Stock, Full Proof, alles schon mal da gewesen! No Worldpremiere!




















Und letztlich ist es das dann auch schon beinahe, was es zum Vijay zu sagen gibt, wenn es nur um die reinen, nüchternen Fakten geht. Wir erfahren natürlich noch, wie bei allen Employees, wie lange der jeweilige Mitarbeiter bei Caroni beschäftigt war, stolze 23 Jahre waren es bei Vijay "Vijay" Ranmarine, aber z.B. leider nichts darüber, welcher Tätigkeit er bei Caroni genau nachging. Das hätte ich jeweils sehr interessant gefunden.

Ansonsten besteht der Vijay aus nur gerade einmal 766 Flaschen - die geringste Auflage aller bisheriger Employees! Gerade einmal vier Fässer kamen hier zum Einsatz. Zum Vergleich: bei Nita Hogan waren es derer acht, bei Ganesh Ramgobie immerhin noch sieben. Das ist schon ein deutlicher Unterschied. Denn selbst wenn man die Menge aus der 20 cl Mini-Serie mit einrechnet, kommt man gerade einmal auf umgerechnet 900 x 0,7er Flaschen, was immer noch weniger wäre als beim Sarge letztes Jahr. Auf dem Backlabel ist eine Reifung ab 2008 in Guyana bei DDL vermerkt. Im Gegensatz zu den 1998er und 2000er Abfüllung, wo das auch drauf stand, ist das bei 1996 zumindest theoretisch auch möglich, allerdings sagen meine Quellen, dass auch beim 1996er Employee der Trinidad Stock zum Einsatz kam. Sprechen müssen wir ansonsten eventuell noch über den Ausgabe-Kurs von 435,- Euro, denn das müsste meines Wissens nach Rekord sein! Ich glaube, kein reguläres Velier-Bottling (Magnum ausgenommen) war bei Release teurer. Relativiert wird das allerdings durch den Fakt, dass der Vijay bei Release sofort ausverkauft war und nun auf dem Secondary Market noch weit höhere Preise erzielt.

Das Vintage 1996, das ist hinlänglich bekannt, zählt zu meinen absoluten Lieblings-Jahrgängen von Caroni! Ich war zwar auf die Nita "Nitz" Hogan 2000er Abfüllung noch mehr gespannt, weil sie neues, unbekanntes bot, aber am meisten Erwartungen hingen naturgemäß an der heute besprochenen Abfüllung. 1996 gilt bei Caroni als eine Art sichere Bank. Selbst die weniger guten Releases waren meist immer noch besser als jene einiger anderer Jahrgänge. Echte Ausfälle gab es nur ganz, ganz wenige. Und in diesem Jahr waren meine Erwartungen sogar nochmal höher, denn der David "Sarge" Charran letztes Jahr war meines Erachtens eine bombastisch gute Abfüllung! Hier gilt es für den Vijay anzuknüpfen oder gar diesen zu schlagen! Ob ihm das gelingt, werde ich mir nun im Direktvergleich ansehen!



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Verkostung des Velier FP HTR 23 YO Caroni 1996 - Vijay "Vijay" Ranmarine:

Preis: stolze 435,- Euro wurden für Vijay zur Ausgabe aufgerufen. Das macht ihn nicht nur zur teuersten Abfüllung der bisherigen Employee-Serie, sondern auch gleichzeitig zur teuersten regulären Caroni Abfüllung, die von Velier bisher releast wurde (Magnum Flaschen ausgenommen).

Alter: vom Jahr 1996 an bis April 2019 reifte der Rum 23 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand laut Label bis 2008 auf Trinidad statt, bevor die Fässer dann weiter zu DDL nach Guyana kamen. Sehr viel wahrscheinlicher ist es aber, dass sie zu 100% auf Trinidad statt fand. Das traf bisher auf alle 1996er Employees zu und auch hier ergaben die Recherchen, dass vermutlich eher ein Labelfehler vorliegt.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden insgesamt 4 Fässer zu 766 Flaschen abgefüllt. Damit entfallen auf Vijay die bisher wenigsten Flaschen aller Employees. 

Angel's Share: >85% gingen an die Engel. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum hat noch eine Stärke von 64,5% vol..

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: dunkles, goldbraunes Mahagoni. 

Viskosität: enge, parallel zueinander verlaufende Schlieren fließen zügig die Glaswand hinab und zurück ins Glas.

Nase: mein allererster Gedanke ist erst einmal ein verhaltener, bzw. ja, schon beinahe enttäuschter. Selbstverständlich ist es für ein präzises Fazit noch viel zu früh, die Verkostung startet ja gerade erst, aber der Eindruck, dass da schon einige 1996er auf Anhieb sehr viel steiler in der Nase gingen als dieser hier, der ist da - beispielsweise war das beim Sarge der Fall, der passender Weise direkt daneben steht und mein Empfinden bestätigt! Nun ja, dann wollen wir mal sehen! Positiv, um da einmal anzusetzen, fällt mir der wenig bis gar nicht stechende Alkohol in der Nase auf, da hat die Einbindung der vielen Umdrehungen erneut richtig gut geklappt. Ansonsten wird auf jeden Fall deutlich, dass es sich um einen Caroni handelt, soviel ist klar. Ob ich den Jahrgang 1996 blind sofort erkennen würde, da bin ich allerdings unsicher. Beim Sarge fiele es mir leichter. Ich habe schon sehr viel Tannine und auch Caroni-typischen Schrottplatz dabei, der für 1996 typische recht üppige Anteil an Süße fällt hier allerdings merklich geringer aus, wenngleich er natürlich nicht gänzlich fehlt. Alles in allem habe ich aber vor allem eine schwere Glocke aus Lösungsmitteln und vor allem Menthol, die über dieser ganzen Nase hängt und den Blick auf den Rest des Bouquets zu versperren scheint. Das ist schade. Mit weiterer Standzeit, insgesamt 1,5 Stunden sind es jetzt mindestens, wird der Eindruck positiver. Die Glocke ist weg und der Caroni jetzt durchaus auch als 1996er zu erkennen! Die tropischen Früchte kommen nun zum Vorschein, wie Mango und Papaya, auch Anis habe ich einiges da. Die Mentholnote hat sich hingegen nahezu zurückgezogen. Na, das ist ja mal eine Entwicklung im Glas! Hier ist wirklich wahnsinnig viel Zeit nötig, ähnlich wie letztes Jahr beim Kevon.

Gaumen: der erste Eindruck am Gaumen gestaltet sich wesentlich positiver als jener in der Nase. Hier versteckt der Rum sein 1996er Jahrgangsprofil nicht. Der Alkohol ist sehr gut eingebunden und nur wenig präsent. Es bedarf schon größerer Schlucke, um dass der Rum etwas bissiger wird. Stattdessen präsentiert sich der Vijay sehr mundfüllend und adstringierend, die Mundschleimhäute ziehen sich stark zusammen und ein richtig schöner 1996-Geschmack flutet den gesamten Mundraum! Dementsprechend ja, auch der neue 1996er Employee hat ein klares, schönes 1996er Profil, garniert mit dem für mich so typischen Holzlack in Kombination mit einer tollen Süße, die mich auch beim dritten Caroni der neuen Employee-Serie an den Guyana Stock denken lassen. Der Rum bringt eine gute Fruchtigkeit von Mangos, Banenen oder Papayas an den Start, wird in der Folge dann aber auch trockener und die Tannine übernehmen das Feld! Diese bringen recht ordentliche Röstaromen mit sich, aber auch die geballte Ladung Anis, sowie leichte Anklänge von Minze. Dem Eindruck, dass der Fasseinfluss an dieser Stelle schon leicht too much ist, kann ich mich hingegen nicht ganz erwehren. Der David "Sarge" Charran im Vergleich daneben stört das bis dahin sehr positive Bild am Gaumen dann allerdings dahingehend, als dass er dem Vijay meines Erachtens doch klar überlegen ist. Er hat einfach das freakigere Profil, noch mehr von diesem 1996er Funk, noch klarere Tendenzen zum Guyana Stock, den ich über alles schätze! Der Sarge ist einfach richtig geil und ist in seiner Charakteristik unter den Trinidad Stock 1996er Caronis meines Wissens nach einzigartig. Absolut kann ich das nicht sagen, da es glaube ich ein paar ganz wenige 1996er Caronis gibt, die ich noch nicht im Glas hatte, aber ich vermute, da gibt es keinen vergleichbaren.

Abgang: der Abgang ist gewohnt langanhaltend, geht sehr schnell ins tanninig-holzige, wird immer trockener und bitterer und bringt zum Schluss auch nochmal was leicht medizinisches mit sich.

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Fazit: was lange währt, wird endlich gut! Ein Caroni, der Zeit braucht und eben auch noch mehr Zeit, als vergleichbare andere Abfüllungen. Das lief hier sehr ähnlich ab wie letztes Jahr beim Kevon "Slippery" Moreno, der auch erst nach ganz langer Verweildauer im Glas so richtig Spaß machte. Dadurch ist der Vijay dementsprechend gleichsam wenig geeignet für einen Dram nach spontanem Entschluss. Davon abgesehen ist der Vijay aber ein ordentlicher, grundsolider 1996er Trinidad Stock Caroni, wenn auch keiner, der herausragt (u.a. auch deshalb, weil er leicht über seinen Zenit ist). Die 94 Punkte, die ich ihm gebe, sind dementsprechend eine eher nüchterne Wertung für einen 1996er, demonstrieren auf der anderen Seite aber auch sehr schön die absolute Extra-Klasse dieses Vintages, bei dem eine eher durchschnittliche Abfüllung (im Vergleich innerhalb des Jahrgangs) immer noch so viele Punkte erreicht wie Top-Abfüllungen aus 1998 oder 2000, die jeweils auch 94 Punkte erhielten. Die nur 766 existierenden Flaschen werden natürlich dafür Sorge tragen, dass dieses Bottling zu den gejagten Caronis zählen wird, aber ich wage gleichsam die Prognose, dass der Rum, anders als der Sarge letztes Jahr, wenig von Trinkern und zum Öffnen gesucht werden wird. Und das wiederum hängt selbstverständlich auch damit zusammen, dass es inzwischen, anders als in den letzten Jahren, mit dem "Last Caroni" Guyana Stock einen 1996er Caroni gibt, der sich dafür sehr viel eher eignet, auf Grund von Stückzahl und Markt-Kursen, als eben die Employees. Darüber hinaus schmeckt er mir aber auch noch besser, als die allermeisten anderen Caronis. Wer mich also fragt, welchen Caroni er sich holen soll, bekommt von mir die immer gleiche Antwort: den "Last" (oder den Hangar 1992 Full Proof mit 60,21%, wenn es etwas besonderer sein soll)! Daran hat sich auch heute nichts verändert.

-94/100-


Nutzer der Rum Tasting Notes App finden den Rum hier:

Velier Heavy Trinidad Rum 23 YO Caroni 1996 - Vijay "Vijay" Ranmarine

Ein Dank geht abschließend noch an Goose Nova aus Frankreich, der auch diese Abfüllung geteilt hat. Merci beaucoup!

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 2. August 2020

Velier HTR 21 YO Caroni 1998 - Ganesh "Buju" Ramgobie

Liebe Rum Gemeinde,

nachdem Nita "Nitz" Hogan als erste weibliche Employee der bisherigen Velier-Caroni Serie letzte Woche den Anfang gemacht hat, geht es heute mit Ganesh "Buju" Ramgobie weiter, dem der neue 1998er Employee gewidmet ist.



Und genau wie beim 2000er Bottling dürfen wir auch heute una World Premiere😉 feiern, wir sehen nämlich den ersten Velier Caroni in himmelblauer Optik! Nein, das ist sicher nicht so aufregend wie die erste Frau auf dem Label oder der erste 2000er Full Proof mit stärkerer Auflage, aber hey: World Premiere ist World Premiere! Es wundert mich eigentlich nur, dass das nicht auf dem Label vermerkt war.😆 So, aber nun ist gut.😎




















Tatsächlich gibt es über die 1998er Abfüllung des 3rd Employee Release erst einmal wenig aufregendes zu sagen. Wir erfahren auf dem Backlabel, dass Ganesh "Buju" Ramgobie insgesamt zehn Jahre bei Caroni gearbeitet hat, womit er zumindest schon mal unmittelbar in die Fußstapfen seines Jahrgangs-Vorgängers Kevon "Slippery" Moreno tritt, der ebenfalls zehn Jahre bei Caroni gearbeitet hat.

Nun sind die 1998er Caronis ja nicht gerade als meine Lieblinge bekannt - im Gegenteil, es handelt sich bei diesem Jahrgang vermutlich sogar um den meines Erachtens schwächsten der gesamten 1990er Jahre von Velier, wenn man jetzt nur mal auf die Auflagen-starken Jahrgänge (1992, 1994, 1996, 1998, 2000) schaut. Anders als letzte Woche beim 2000er, als ich dem Tasting richtig entgegen fieberte, gehe ich das ganze heute also deutlich nüchterner an. Ich erwarte weder viel, noch spekuliere ich auf große Überraschungen. Was dennoch wichtig ist, ist die korrekte Einordnung dieser Worte in mein Geschmacksbild. Denn was nun ziemlich despektierlich klingt, ist in Wahrheit noch immer Kritik auf ganz hohem Niveau! Denn auch wenn ich die 1998er im internen Caroni-Ranking als eher schwach ansehe, so schlagen diese Rums im Gesamtvergleich aller Destillerien die meisten derer noch immer mit links. Und so gingen Dennis "X" Gopaul und Kevon "Slippery" Moreno denn auch beide mit stolzen 93 Punkten aus ihren Verkostungen. Nun allerdings muss man das wiederum zu lesen wissen: was bei vielen Reviewern jetzt schon eine absolute Top-Wertung wäre, weil bei den meisten schon bei 95 Punkten das Ende erreicht ist, ist bei mir eben noch die Vorstufe zum wirklich letzten, absoluten Spitzenbereich. Ich nutze die 100er Skala also bis ganz nach oben aus.

Was können wir über den Ganesh Caroni noch sagen? Nun, er besteht aus dem Inhalt von insgesamt sieben Fässern des Jahrgangs 1998 und ergab am Ende noch 1.295 Flaschen. Ich sprach es letzte Woche schon an, in diese Rechnung sind die Mini-Bottlings noch nicht mit einbezogen. Insofern haben die sieben Fässer wohl schon noch etwas mehr hergegeben, als es hier auf den ersten Blick scheint. Preislich lagen wir bei 395,- Euro zu Ausgabe - ja, waren, denn der Rum war innerhalb weniger Minuten sofort vergriffen und generiert daher nur noch Secondary-Preise von ca. 600,- Euro. Inwiefern das alles gerechtfertigt ist, sei einmal dahin gestellt. Fakt ist: so lange tropisch gereifter Stoff in dieser Qualität ist, gemessen an der Nachfrage, extrem rar. Und Stoff dieses Geschmacksprofils gar wird wohl nie wieder kommen. Insofern finde ich es nachvollziehbar, dass Menschen, die das realisiert haben, bereit sind extreme Summen für derlei Rum auf den Tisch zu legen. Kurios ist, um auf das Bottling selbst zurückzukommen, und auch bei der Nita fand sich dieser Hinweis schon, dass es sich laut Backlabel um Fässer des Guyana Stocks halten soll, wobei es meines Wissens nach keine Fässer aus 1998 nach Guyana geschafft haben. Dies war lediglich einigen Fässern aus 1992, 1994 und 1996 vorbehalten - wie gesagt: so weit ich weiß. Aber die Info ist eigentlich schon ziemlich safe. Daher kommen wir nun direkt zur Verkostung und hier sei angemerkt, dass ich den Ganesh heute mit einem seiner Vorgänger vergleichen möchte, nämlich mit Dennis X Gopaul. Diesen sah ich relativ gleich auf mit dem Kevon, allerdings erfreut er sich in der Rum Welt insgesamt deutlich größerer Beliebtheit als dieser. Daher heute das Duell Ganesh vs. Dennis!


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Verkostung des Velier FP HTR 21 YO Caroni 1998 - Ganesh "Buju" Ramgobie:

Preis: mit einem Ausgabepreis von 395,- Euro blieb der 1998er Employee des 3rd Release noch einmal (und vermutlich ein letztes mal) ganz knapp unter der 400,- Euro Marke.

Alter: vom Jahr 1998 an bis April 2019 reifte der Rum 21 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand laut Label bis 2008 auf Trinidad statt, bevor die Fässer dann weiter zu DDL nach Guyana kamen. Sehr viel wahrscheinlicher ist es aber, dass sie zu 100% auf Trinidad statt fand. Das traf bisher auf alle 1998er zu und auch ein wenig Recherche ergab, dass hier eher ein Labelfehler vorliegt.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden insgesamt 7 Fässer zu 1.295 Flaschen abgefüllt. Damit ist der Ganesh die auflagestärkste Abfüllung der 3. Employee-Serie.

Angel's Share: >80% gingen an glückliche Engel. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum hat noch eine Stärke von genau 67% vol..

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: dunkles, goldbraunes Mahagoni. 

Viskosität: der Caroni bildet parallele, relativ eng zueinander verlaufende Schlieren, die recht zügig an der Glaswand hinablaufen.

Nase: ouhh, Überraschung! Mein erster Eindruck ist extrem positiv, so hatte ich 1998 eher weniger in Erinnerung. Da bin ich ja mal gespannt, was der Ganesh uns heute noch bereit hält! In der Nase wird allerdings zunächst erst einmal deutlich, dass die Reife-Entwicklung bei den Caronis auch vor diesem Bottling keineswegs halt gemacht hat. Insbesondere im direkten Vergleich zum Dennis "X" Gopaul wird das offenkundig. Das kann man mögen, ich selbst bin großer Fan dieser extremen tropischen Reifung, hingegen kenne ich auch viele Connaisseure, die diesem Prozess auch in entschlossener Abneigung gegenüber stehen. Ein klarer Kontrast zueinander besteht zwischen den beiden 1998ern auch in der Einbindung des Alkohols. Wo der Dennis noch immer ganz schön sticht, hat sich die alkoholische Schärfe beim Ganesh vergleichsweise schnell verzogen. Zwar braucht auch er einiges an Zeit zum Atmen, aber die 67% vol. kommen definitiv deutlich smother daher als die 69,5% vol. des Dennis. Hinter der Wand aus Alkohol erwartet mich dann beim Ganesh ein deutlich tanninigeres Bouquet als es der Dennis noch bot, finde aber auch gleichzeitig ein Mehr an natürlicher Süße vor, wo beim Dennis noch sehr viel dreckigere Eindrücke die Überhand hatten. Nach ca. 1,5 Stunden im Glas habe ich das Gefühl, dass der Rum wirklich angekommen ist. Zu den sehr schweren tanninigen Eindrücken mit zarter Süße, die mich nun sogar ein wenig an den Skeldon 1978 erinneren, gesellen sich Trockenfrüchte, leichte Lösungsmittel, Orangenzeste, Mangos, Papayas, Bourbon Vanille und Anis. Nach hinten heraus ist da auch noch ein bisschen sehr trockene Bitterschoki. Die für 1998er so typische Umami-Note ist nur schwach wahrnehmbar, aber vorhanden. Die dreckigeren Assoziationen, wie die zu verbranntem Gummi oder Teer muss man wirklich suchen. Blind könnte ich hier vielleicht wirklich eher auf einen Demerara Rum tippen. Der Dennis erscheint dagegen ausgewogener und etwas dreckiger als der Ganesh. Den tanninigen Einschlag hat er merklich schwächer. Nach ca. zwei Stunden geht der Rum ein wenig ins minzige. Die Veränderung, die der Rum im Glas durchlebt ist bemerkenswert und spricht für die doch gesteigerte Komplexität, die dieses Bouquet insgesamt zu bieten hat!

Gaumen: am Gaumen überrascht mich der Ganesh neuerlich! Denn der extrem leckere Eindruck, der mich schon in der Nase erst einmal unerwartet traf, setzt sich auch am Gaumen fort. Der Alkohol ist tatsächlich extrem gut eingebunden, hier wird der Unterschied zum Dennis erneut so richtig deutlich. Alkoholische Schärfe ist wirklich nur ganz minimal vorhanden und zeigt sich einzig durch ein angenehmes Prickeln auf der Zunge. Der Dennis hingegen brennt im Vergleich schon ganz ordentlich! Als nächstes fällt eine angenehme und für 1998 schon überaus ausgeprägte natürliche Süße auf, die mich, warum auch immer, jedes Mal an eine Art Holzlack erinnert. Ich bin sicher, die Assoziation ist eine andere, aber ich bekomme die wenn, dann seit Jahren nun schon nicht korrekt abgerufen. Da ist sensorisch also noch Luft nach oben. Es ist diese Süße, die ich eigentlich dem Guyana Stock zuordne, weswegen ich mich, wie schon bei der Nita, frage, ob die Info auf dem Backlabel nicht doch korrekt ist. Hier besteht dann gleichzeitig auch der größte Unterschied zum Dennis, der diese Süße fast gar nicht hat, dafür aber vor dreckigen Assoziationen nur so strotzt, die wiederum dem Ganesh fast gänzlich abgehen. Im Vergleich wirkt der Dennis hier schon fast eindimensional. Der Ganesh ist ungemein fruchtig, kommt von dieser Fruchtigkeit dann ins trockenere. Jetzt kommen auch die Tannine ordentlich raus und bringen feine, subtile Röstaromen mit sich. Ein wenig Platz ist dann auch noch für den 1998er Teer und den verbrannten Fahrradschlauch, aber das ist schon wirklich minimal. Zum Ende hin wird dann Anis immer mehr und zuletzt auch sehr dominant, was ich gern mag. Sehr starker Rum, der auch am Gaumen mit extremer Komplexität und Tiefe glänzt!

Abgang: lang anhaltend! Dreckiger Abgang, das ist jetzt typisch 1998! Erinnerungen an die Nita kommen hoch, als das jahrgangstypische auch erst im Abgang nochmal so richtig heraus kam. Der Rum wird dann aber schnell trockener und bitterer. Wobei das noch fast untertrieben ist, denn ich würde das schon als staubtrocken bezeichnen. Fast ist es, als würde der Rum nach dem letzten Schluck zu Pulver verfallen. Dann folgt noch ein krass medizinischer Einschlag, bevor er dann aber auch wirklich weg ist.

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Fazit: der Ganesh ist für einen 1998er Caroni schon sehr untypisch! Vor allem im Vergleich mit einem Arche-1998er, wie dem Dennis, zeigte sich das deutlich. Aber: eben gerade deshalb gefiel mir der Rum wirklich ausgesprochen gut! Mehr noch, das ist der allererste 1998er, bei dem ich, zumindest zum Ausgabekurs, sage: okay, der ist es mir wert! Das bedeutet aber natürlich auch: wer vielleicht ein "Die Hard 1998"-Fan ist, der könnte möglicherweise enttäuscht werden, auch wenn ich mir das ehrlicherweise nur schwer vorstellen kann. Deutlich eher als Ausschlusskriterium taugt da aus meiner Sicht die schon sehr fortgeschrittene Reife, zumindest für die Connaisseure, die sich auch bisher schon eher bei den Caronis mit bis zu 20 Jahren Reife gesehen haben. Versteht mich bitte nicht falsch, aus meiner Sicht ist der Ganesh keinesfalls overaged, im Gegenteil, ich finde diesen Reifeprozess bis in die Spitze hinein großartig und genau auf den Punkt, aber man muss darauf eben auch stehen. Und wer da partout nicht vermag, sich dafür zu begeistern, der könnte mit dem Ganesh am Ende dann auch falsch liegen. Wenn, dann allerdings nicht nur mit dem, ihr ahnt es, sondern ich fürchte, dann ist für diejenigen der Caroni-Zug tatsächlich abgefahren, bzw. es bliebe nur das teure Shopping früherer Bottlings auf dem Secondary. Aber in dem Punkt erzähle ich ja hier niemandem noch etwas neues. In diesem Sinne...

-94/100-


Nutzer der Rum Tasting Notes App finden den Rum hier:

Velier Heavy Trinidad Rum 21 YO Caroni 1998 - Ganesh "Buju" Ramgobie

Ein Dank geht abschließend noch an Goose Nova aus Frankreich, der diese Abfüllung geteilt hat. Merci!

Bis demnächst,
Flo