Sonntag, 26. Juli 2020

Velier HTR 19 YO Caroni 2000 - Nita "Nitz" Hogan

Liebe Rum Gemeinde,

die neuen Employees von Velier sind da! Wie in den beiden vergangenen Jahren, so stelle ich euch auch in diesem Jahr die aktuelle Range vor und würde sagen, ich beginne am besten mit derjenigen der drei Abfüllungen, auf die ich am meisten gespannt war, nämlich auf den Jahrgang 2000. Und so sage ich dann gleichsam: Ladies first!


Denn ganz recht, erstmals hat es mit Nita „Nitz“ Hogan eine weibliche Ex-Employee Caronis auf das Frontlabel und damit in die Serie geschafft! Eine willkommene Abwechslung, wie ich finde - und noch dazu hoch verdient! Denn auf dem Backlabel der Flasche befindet sich der Hinweis, dass die Frau ganze 30(!!) Jahre bei Caroni gearbeitet hat und somit noch vor 1975, also zu einer Zeit dort angestellt wurde, als Caroni noch teilweise zu Tate & Lyle gehört hat. Meine Hochachtung! Allerdings kann das ihr gewidmete Bottling auch in anderer Hinsicht mit einer Premiere aufwarten, denn die Abfüllung ist tatsächlich die allererste des Jahrgangs 2000 von Velier, der in Full Proof abgefüllt wurde ohne gleichzeitig ein Single Cask zu sein. Sämtliche bisherige 2000er waren entweder verdünnt oder eben Single Casks. In die insgesamt 39 Abfüllung umfassenden Regular Releases hat es nie ein Caroni 2000 geschafft!




















Somit habe ich dieser Abfüllung gerade deshalb so entgegengefiebert, weil ich mir neue Erkenntnisse davon verspreche und sicher bin, nicht etwas zu probieren, was man so oder so ähnlich nun doch schon das eine oder andere mal probieren konnte. Versteht mich nicht falsch, ich schätze insbesondere den Jahrgang 1996 wirklich außerordentlich, aber man weiß eben grob was man bekommt. Das ist bei diesem 2000er nun anders! Klar, wir kennen grob das Jahrgangs-Profil, aber die Qualität dieses Jahrgangs gab sich bisher leider oft auch schwankend und wechselhaft. Von grundsolide (12er, EU-Bottling), über eher enttäuschend (EATALY, 100th Anniversary-Bottling, Millennium Magnum) bis hin zu herausragend (Nectar, Ullrich, Juuls) war quasi alles dabei. Dabei zeigte sich, dass die Rums zwar nicht per se über die Maßen unter der Verdünnung litten, aber bemerkbar machte sie sich eben doch. Die Single Casks in Full Proof wiederum waren echte Monster! Hier suchte man Easy Sippin' vergebens, was bei über 70% vol. allerdings auch nicht unbedingt verwunderlich ist. Nun hat die Nita allerdings knapp 5% vol. weniger im Tank, kommt mit vergleichsweise leichten 65,2% vol. daher, und ist auch nochmal deutlich älter als die meisten bisherigen Single Casks. Ich gehe davon aus, dass sich das bemerkbar macht und insofern bin ich gespannt, was für einen Rum ich da heute ins Glas bekomme! Parallel vergleichen werde ich den Employee heute allerdings nicht mit einem der herausragenden Single Casks, sondern mit dem EU-Caroni. Das hat zwei Gründe. Zum einen kennen den EU-Caroni vermutlich die meisten Leser und können mit dem Vergleich etwas anfangen und zum anderen ist der EU-Caroni für mich unter jenen 2000er Abfüllungen, die zum trinken auch ganz realistisch noch in Frage kommen, die beste. Da sind die Single Casks einfach raus, da ich sie zu den inzwischen aufgerufenen Kursen wohl nicht mehr kaufen, geschweige denn öffnen würde. Insofern muss sich der Employee gegen den EU-Caroni beweisen, denn auch diesen gilt es ja erst einmal zu schlagen.



Aufgegangen sind in dieser Abfüllung insgesamt acht Fässer des Jahrgangs 2000, die eine Auflage von noch 1.247 Flaschen erreichten. Kurz nachgerechnet hieße das, dass jedes Fass noch ca. 150 Flaschen Rum ergeben hätten, bzw. dass sich pro Fass nur noch ca. 110 Liter Rum darin befunden hätten. Allerdings kommen ja auch noch die Mini-Employees. Insofern waren es dann also noch etwas mehr, aber man sieht, gerade im Vergleich zu dem, was Caroni-Fässer früher ergaben (durch das permanente Auf- und Umschütten), dass nicht nur die Fässer immer weniger werden, sondern dass auch deren Inhalt weniger ergiebig wird. Auf dem Backlabel erfährt man dementsprechend auch, dass der Angel's Share einmal mehr bei ca. 80% lag. Allerdings erfährt man dort auch, dass der Rum ab 2008 bei DDL in Guyana gelegen haben soll, was ich wiederum für sehr unwahrscheinlich halte. Denn bisher lagen alle 2000er komplett auf Trinidad. In Guyana reiften ab 2008 nach meiner Kenntnis nur Rums der Vintages 1992, 1994 und 1996 nach. Im April 2019 jedenfalls wanderte der gesamte Inhalt aller Caroni Fässer von Velier in Glasballons oder Stahltanks, so dass die Alterung ab diesem Zeitpunkt aussetzte. Darum ist der Rum auch, trotz Abfüllung in 2020, nur 19 Jahre alt.

Battle 2000: Nita "Nitz" Hogan Employee Full Proof Caroni 19 YO vs. EU-High Proof Caroni 17 YO

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Verkostung des Velier FP HTR 19 YO Caroni 2000 - Nita "Nitz" Hogan:

Preis: Nita "Nitz" Hogan war die günstigste der drei Abfüllungen des 3rd Employee Release. Der Ausgabekurs war 385,- Euro.

Alter: vom Jahr 2000 an bis April 2019 reifte der Rum 19 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand laut Label bis 2008 auf Trinidad statt, bevor die Fässer dann weiter zu DDL nach Guyana kamen. Sehr viel wahrscheinlicher ist es aber, dass sie zu 100% auf Trinidad statt fand. Das traf bisher auf alle 2000er zu und auch ein wenig Recherche ergab, dass hier eher ein Labelfehler vorliegt.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden insgesamt 8 Fässer zu 1.247 Flaschen abgefüllt.

Angel's Share: >79% gingen an die Engel. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum hat noch eine Stärke von 65,2% vol..

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: dunkles, goldbraunes Mahagoni. 

Viskosität: sehr ölig legt sich der Rum an die Glaswand und läuft in engen, parallelen Schlieren daran herab.

Nase: ohh ja, der Jahrgang 2000 ist erwachsen geworden! Gut, dass ich mir parallel auch nochmal den EU Caroni eingeschenkt habe, anhand dessen dass auch noch einmal deutlicher wird als ohnehin schon. Ich finde hier direkt alles, was ich mit Caroni verknüpfe und auch, was ich mit dem Jahrgang 2000 verknüpfe: der Rum ist dreckig! Ja, er ist reifer geworden und er kaschiert es so stark wie noch kein 2000er vor ihm, aber wir befinden uns noch immer zweifelsfrei auf einem Schrottplatz. Das bekommt insbesondere der Jahrgang 1996 gänzlich anders verborgen. Im Gegensatz zu früheren Full Proof 2000ern fällt auf, dass die Nase vom Start weg zugänglicher ist. Wo ich bei einigen der Single Casks erst einmal eine Stunde und länger warten musste, insbesondere bei den Blenders Gläsern fiel das auf, kann ich am Employee quasi vom Start weg schnuppern. Der Alkohol ist hier also wesentlich besser eingebunden als bei früheren Full Proofs mit über 70% vol. Da hat die Nita mit ihren 65,2% schon einiges an Power eingebüßt, was mir persönlich besser gefällt. Anstatt mir also die Nasenschleimhäute zu verätzen gibt sie quasi kampflos ihr Bouquet preis und das hat es durchaus in sich. Lösungsmittel, Klebstoffe, aber auch Süße und Fruchtigkeit kommen etwas weniger raus als bei anderen Jahrgängen, sind aber natürlich deutlich vorhanden. Was, neben Teer und verbranntem Gummi, sehr dominant rüber kommt, sind Trockenfrüchte, Nüsse und Tannine, was die fortgeschrittene Reife des Rums gut dokumentiert. Nach hinten heraus habe ich Menthol und Anis. Parallel rieche ich immer wieder auch am EU-Caroni, der im Vergleich zur Nita tatsächlich eher schwächlich anmutet. Da bietet der 19 Jahre alte Stoff also schon klar mehr.

Gaumen: der Gaumen überrascht mich direkt beim ersten Schluck! In der Premieren-Verkostung und da beim ersten Schluck empfand ich den Rum kurz als etwas zu dünn geraten. Im zweiten Schluck relativierte sich das dann aber direkt und bei der nachfolgenden Verkostung hatte ich diesen Eindruck dann auch im ersten Schluck nicht mehr. Ein schönes Beispiel dafür, warum es immer wieder Sinn ergibt mehrfach zu testen! Bei der zweiten Verkostung hatte ich auch mehr noch als in der ersten das Gefühl beim ersten Schluck, dass das schon ein ziemlicher Hammer-Caroni ist! Auffällig ist einerseits der wirklich ungemein gut eingebundene Alkohol, das ist bei 2000er Full Proof Caronis eine gänzlich neue Erfahrung. Im Anschluss daran habe ich aber auch andererseits diese eigenartige Mischung aus Holzlack und Süße, die ich so eigentlich nur von den Guyana Stocks kenne und die ich unfassbar lecker finde! Ob das Label am Ende doch die Wahrheit gesagt hat? Offenkundig scheint mir, dass der Rum aus meiner Sicht, auch im vergleich zu früheren Abfüllungen, sehr von der fortgeschrittenen Reife profitiert. Ansonsten finde ich eigentlich alles, was in einen  guten Caroni hineingehört. Er ist angenehm fruchtig, das hat er früheren 2000ern z.B. voraus, und bekommt den Spagat aus Stil-Spezifikation und Erwachsenheit sehr gut hin. Mir gefällt der Caroni am Gaumen sehr viel besser als die Nase! Im direkten Vergleich fällt beim EU-Caroni hingegen vor allem die nicht unerhebliche Verdünnung auf. Klar, das ist auch immer noch ein leckerer Rum, aber den Vergleich verliert er mehr als deutlich.

Abgang: nach hinten heraus gestaltet sich das ganze dann nochmal sehr dreckig, da grüßt der Brennerei-Charakter aber nochmal standesgemäß! Ansonsten geht der Rum alsbald ins trockene über, ich habe noch Tannine und Walnuss. Der Abgang hält wirklich lange an, ich hatte den Rum auch nach Stunden noch im Mund.

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Fazit: die Erwartungen waren hoch, zumindest bei mir, aber Velier hat dennoch einmal mehr geliefert! Ich war gespannt, ob der Rum noch immer dieses für 2000 bisher so typisch puristische hat, oder ob die Reife den Rum einfach nur einreiht in die vielen anderen Caronis aus anderen Jahrgängen im vergleichbaren Alter. Und herausgekommen ist: ein Hybrid! Na klar, der Rum gibt sich sehr viel erwachsener, insbesondere im Hinblick auf die erst 15 Jahre alten Single Casks von vor fünf Jahren, aber man könnte ihn dennoch eher weniger mit einem Caroni anderer Jahrgänge verwechseln. Klar, die dreckigen Komponenten erlauben auch Assoziationen zum Jahrgang 1998, aber für diesen ist er wieder zu fruchtig, hat zu viel von dieser natürlichen Süße. Für einen 1996er aber z.B. ist er wiederum klar zu ruppig und zu dreckig. Insofern eben der Hybrid. Das ist natürlich gewöhnungsbedürftig, insbesondere da viele Connaisseure eine bevorzugte Linie haben, aber mir gefällt das sehr gut. Besser als die bisher besten 1998er die ich hatte, aber nicht so gut wie die richtig geilen 1996er, 1994er oder 1992er. Das passt also schon so und ordnet sich dort ein, wo ich den Jahrgang 2000 bisher auch gesehen habe.

-94/100-


Nutzer der Rum Tasting Notes App finden den Rum hier:

Velier Heavy Trinidad Rum 19 YO Caroni 2000 - Nita "Nitz" Hogan


Ein Dank geht abschließend noch an den Mr. FT, der auch diese Abfüllung geteilt hat. Vielen Dank!

Bis demnächst,
Flo

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