Dienstag, 26. März 2019

Velier Demerara Rum 32 YO Skeldon 1973

Liebe Rum Gemeinde,

ich bin frisch zurück aus Köln, wo ich zusammen mit vielen Rumfreunden und Gleichgesinnten die Cologne Spirits besucht habe, und möchte euch direkt eines der Highlights vorstellen, welches dort, allerdings im privaten Rahmen bei einem Tasting in der Hotellobby, auf den Tisch und ins Glas kam. Ein herzlicher Dank geht dabei an dieser Stelle direkt an den Sascha, der das Sample dabei gehabt hat! 



Und wie das so ist, wenn man nicht alleine und daheim in Ruhe verkostet, sondern in Gesellschaft und unterwegs, wird die Verkostung heute natürlich etwas kürzer ausfallen als gewohnt. Das nur vorab, nicht, dass sich jemand wundert. Dennoch denke ich, dass ich einen aussagekräftigen Einblick in die Spirituose erhaschen konnte, gerade im Vergleich zum neuen, von DDL abgefüllten Skeldon aus 2000, der daneben stand, und möchte euch meine Eindrücke dementsprechend natürlich auch nicht vorenthalten. 

Kurz zu Skeldon noch vorab: was die ehemalige Destillerie betrifft und den Werdegang des Stils nach der Schließung, so möchte ich wie gewohnt auf den Demerara Artikel von Marco verweisen. In meinem Review zum El Dorado Skeldon habe ich einige Infos daraus übernommen und was die Velier-Abfüllung im Speziellen betrifft, so muss man da glaube ich nicht mehr große Worte verlieren. Die beiden Abfüllungen aus 1973 und 1978 sind heute absolute Legenden und sie dürften als die wohl teuersten Demeraras von Velier gelten, etwa 5000,- Euro werden aufgerufen für eine Flasche. Und auch wenn sich Fragen danach inwieweit diese Preise inhaltlich gerechtfertigt sind natürlich per se erübrigen, so weckt das dennoch Erwartungen von außen. Nicht weniger als einen absoluten Überstoff erwartet man, wenn es Menschen gibt, die bereit sind derart viel Geld für nur eine einzige Flasche Rum auf den Tisch zu legen. Ob die Abfüllung aus 1973 dem gerecht werden kann? Wohl kaum, denn wie soll das auch gehen. Ich halte das eigentlich für unmöglich. Ob der Rum mich zumindest begeistern und nachvollziehen lassen kann, warum gerade dieser Stil preislich so steil gegangen ist? Ich bin gespannt!




Verkostung des Velier 32 YO Skeldon 1973:

Preis: der Ausgabepreis lag einmal bei geschätzten ca. 120,- Euro. Der heutige Wert einer Flasche liegt bei ca. 5000,- Euro. 

Alter: von August 1973 bis April 2005 reifte der Rum in Eichenfässern. Das Alter des Rums beträgt also biblische 32 Jahre.

Lagerung: der Rum reifte von 1973 bis 2005 in Guyana unter tropischem Klima. 

Fassnummern: es gab vier Fässer, deren Fassnummern aber unbekannt sind. Die Abfüllung ergab 544 Flaschen. 

Angel's Share: unbekannt. Er wird aber, gemessen daran, wie hoch er z.B. beim UF30E ausgefallen ist, bei über 95% gelegen haben. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Skeldon mit einer Fassstärke von 60,5% vol. daher.

Destillationsverfahren: der Rum wurde vermutlich mit der Metal Coffey Still von Blairs gebrannt, somit handelt es sich um einen Column Still Rum. 

Mark: SWR

Farbe: tiefes, dunkles braun, beinahe ins schwarze gehend. Ich habe glaube ich nur selten einen solch tief dunklen Rum im Glas gehabt. Der Skeldon 2000 daneben wirkte, im Vergleich, hell. 

Viskosität: fette, satte Schlieren laufen in weiten Bögen an der Glaswand herunter. Der Skeldon hat hier fast schon etwas sirupartiges, was durch die Farbe natürlich nochmal in seiner Wirkung verstärkt wird. 

Nase: selbst in der Nase ist meine erste Assoziation "dunkel", auch wenn das als Beschreibung eines Geruches natürlich merkwürdig anmutet und sicher durch die Augen beeinflusst wird. Tatsächlich empfinde ich die Nase aber als überaus tief, komplex und reichhaltig, geradezu opulent. Den doch recht hohen Alkoholgehalt nehme ich, selbst nach kurzer Zeit des Atmens schon, kaum noch wahr. Man möchte das Glas eigentlich kaum absetzen, mir gefällt das einfach sehr, sehr gut. Ich habe im Bouquet Eindrücke von Kaffee und Espresso, einer riesigen Ladung an Trockenfrüchten, von Pflaume, Tabak und Leder. Dazu etwas karamellisierten Rohrzucker. Wahnsinns Nase! Ganz groß! Im Vergleich dazu wirkt der El Dorado aus 2000 geradezu belanglos. Die wesentlich kürzere Reifung im Fass ist überdeutlich. 

Gaumen: am Gaumen verkehrt sich der positive Eindruck aus der Nase dann leider etwas in eine weniger schöne Richtung. Ich habe anfangs eine kurze aber nicht störende Schärfe, eine leichte, natürliche Süße, die dann umschlägt in die geballte Portion Holz, Tannine und Bitterkeit. Trockenfrüchte und frisch geschnittenes Holz nehme ich noch wahr. Der Rum ist unwahrscheinlich vollmundig und wird mit zunehmender Verweildauer im Mund sehr cremig. Jetzt hingegen kommt das große Aber, denn er ist auch ganz eindeutig schon deutlich über seinen Zenit. Der Skeldon 2000 daneben hingegen wirkt, als wäre er genau dort eben noch nicht angelangt. Somit fehlt dem einen Rum für mich ein klein wenig, während der andere schon zu viel hat.

Abgang: im Abgang habe ich frisch geschnittenes Holz, Trockenfrüchte und Tannine satt. Der Rum verweilt mittellang am Gaumen. 

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Fazit: eine wahnsinns Geschichte, einer der großen Rums unserer Zeit und ein toller Moment, einen solchen Rum einmal vor mir im Glas stehen zu haben. In der Nase holt mich der Velier Skeldon 1973 tatsächlich auch komplett ab, das gefällt mir richtig gut, was sich da abspielt! Ich mag ja so schwere, sehr lange gereifte Rums richtig gerne, wenn der grundsätzliche Stil stimmt und die Fässer keinen Mist gebaut haben. Die Nase versprach dann auch einen genau solchen Rum, für mich war das auf einer Stufe mit den alten Albions, allerdings kann das Niveau dann am Gaumen für meinen Geschmack nicht gehalten werden, nicht einmal ansatzweise. Da ziehen die Albions dann einfach davon, gefallen mir um Klassen besser! Das ist zwar alles nicht schlecht, was der Skeldon am Gaumen anbietet, aber eben auch nicht wirklich gut und vor allem schon klar über den Zenit. Es wird für mich daher ganz deutlich, dass der mit ein paar Jahren weniger Reife vermutlich noch sehr viel besser gekommen wäre, denn der grundsätzliche Stil spricht mich schon an. Ich war deshalb zwar auch nicht ganz so abgetan wie einige andere in der Runde, die den Skeldon ebenfalls verkostet hatten (ja, es gab noch deutlich enttäuschtere Stimmen!), aber woher ausgerechnet hier die Bereitschaft rührt, fünf (!) Riesen auf den Tisch zu legen war am Ende auch mir ein Rätsel! Allerdings, das muss ich ihm lassen, hat mich der Rum durchaus neugierig auf den Skeldon 1978 gemacht, der ja nochmal fünf Jahre jünger ist. Das könnten genau die fünf Jahre sein, die dieser hier meines Erachtens mindestens zu viel in den Fässern hatte. Das wäre also sicher spannend einmal zu sehen, wie sich das ausgewirkt hat, denn der El Dorado war mir persönlich da noch ein wenig zu jung, auch wenn sich das bei 18 Jahren tropischer Reifung natürlich etwas merkwürdig liest. Die wirklich hervorragende Nase schafft es, den 1973er ganz knapp über die 84 Punkte-Grenze zu bringen. Hätte er am Gaumen ähnlich eingeschlagen, wäre ich aber sicher noch 10 Punkte weiter oben gewesen. So aber sind es für mich knapp 85 Punkte.

-85/100-

Ein paar abschließende Worte zum Ausgang noch: auch wenn der Rum am Ende vielleicht nicht die ganz große Offenbarung war, so war es dennoch eine Freude und ein echtes Erlebnis, den alten Skeldon überhaupt mal probiert haben zu können. Ein herzliches Dankeschön für diese tolle und seltene Gelegenheit geht an dieser Stelle also natürlich noch einmal an Sascha! Vielen lieben Dank, dass du uns das in dieser Runde ermöglicht hast! 

Bis demnächst,
Flo

Donnerstag, 21. März 2019

Mai Tai mit RA Jamaica Rum 35 YO Hampden 1983

Liebe Rum Gemeinde,

ich weiß, am Sonntag hielten einige von euch meine Ankündigung, Mitte der Woche mit dem neuen Hampden 1983 von RA einen Mai Tai mixen zu wollen, für Selbstironie.😅 Und obwohl ich in Bezug darauf ja tatsächlich sehr schmerzfrei bin, ich erinnere nur an den Mai Tai mit dem Caroni 23 YO, wäre ich aber selbst wohl nicht auf die Idee gekommen das zu wagen. Allerdings hatte mir der Dominik von RA ein Sample-Fläschchen mit der Aufschrift "Mai Tai Sample" mit ins Päckchen gelegt und dementsprechend kommt dieses heute seiner Bestimmung nach! 😃


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Und wie es der Zufall so möchte, bekam ich am Dienstag einen Sonnentag geschenkt (ja, die sind rar hier oben im Norden!) und so konnte ich meinen Mai Tai also stilecht bei Sonne auf dem Balkon genießen!


Das Rezept meiner Wahl (nach Trader Vic):

  • 4,0 cl RA Jamaica Rum 35 YO Hampden 1983
  • 1,0 cl Ferrand Dry Curacao 
  • 0,75 cl Meneau Orgeat
  • 0,25 cl Zucker
  • 2,5 cl Limettensaft (frisch gepresst!)



Mai Tai mit RA Jamaica Rum 35 YO Hampden 1983:

Ein milchig anmutender und farblich fast an Limettensaft erinnernder Mai Tai steht vor mir. Soweit, so gewohnt. Doch wie macht sich ein derart gereifter Hampden im Drink selbst bemerkbar?

Geschmacklich habe ich einen wirklich überaus ausdrucksstarken, komplexen Hampden Mai Tai vor mir. Sehr, sehr geil! Der hohe Alkohol- als auch vor allem der hohe Estergehalt bringen alles mit, was es für diese spezielle Interpretation des Drinks braucht: Power und wahnsinnig viel Flavour! Der Drink wird klar vom Hampden angeführt, als auch von seinen Mitstreitern richtig gut in Szene gesetzt. Auf diese Weise entsteht eine nahezu perfekte Ballance aller Zutaten, die wirklich Lust auf mehr macht. Ich muss mich richtig zügeln, das Glas nicht zu schnell zu leeren, um auch noch ein paar Worte an dieser Stelle überhaupt zum Drink sagen zu können. Ich sagte, der Drink habe Power. Absolut, das hat er, aber nicht auf diese unangenehme, alkoholisch stechende Art und Weise, wie das manchmal bei Mai Tais mit Rums um 60% vol. schon mal vorkommen kann, sondern auf eine sehr elegante Art. Moah, ich bin richtig angetan! Mehr noch als bei der puren Verkostung kommt beim RA Hampden 1983 hier im Mai Tai auch noch eine gelagerte Note vom Holz mit durch, die das wirklich abrundet. Wahnsinn!


Fazit: natürlich war das extrem dekadent, na klar, aber Spaß hat's gemacht! Daher geht mein Dank hier auch direkt noch einmal an den Dominik, der mir das ermöglicht hat. Vielen, vielen Dank! Die Antwort auf die Frage, ob ich mir den Rum für den Mai Tai kaufen würde, spare ich mir heute glaube ich besser. 😉 Was ich sagen kann: unabhängig von allen Faktoren, die absolut dagegen sprechen einen solchen Rum im Mai Tai zu vermixen, funktioniert er dort hervorragend! Wer also eine Flasche ersteht und sich den Spaß einmal gönnen möchte, wird es vermutlich auch nicht bereuen. 😊


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Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 17. März 2019

RA Jamaica Rum 35 YO Hampden 1983

Liebe Rum Gemeinde,

unverhofft kommt oft, und so war dann die Nachricht aus Bad Bevensen, dass die Heinz Eggert Spirituosen Manufaktur im Rahmen ihrer RA/ Rum Artesanal Single Cask Serie einen 35 jährigen High Ester Rum aus dem Jahr 1983 bringen wird durchaus eine faustdicke Überraschung.



Zwar ist der Name der Destillerie auf dem Label nicht angegeben, aber der Zeitpunkt der Destillation (wir erinnern uns an den Compagnie Des Indes), die Farbe des Rums und schließlich auch eine Geruchsprobe aus dem Sample Fläschchen heraus lassen keinen Zweifel darüber, dass es sich eindeutig um einen Rum aus Hampden handelt, über den wir hier sprechen. Das überrascht mich insofern, als dass ich offen gestanden nicht damit gerechnet habe, dass aus diesen alten Beständen noch immer gefüllte Fässer existieren und mit dem eben bereits erwähnten Compagnie Des Indes gab es aus diesem Batch gesichert auch bisher nur einen einzigen Rum überhaupt mal zu kaufen.

Bereits vor einiger Zeit kündigte der Abfüller ein paar neue interessante Bottlings an, was ich mit Interesse verfolgt habe, aber auf einen derartigen Hammer war ich nicht gefasst. Als ich schließlich bei Dominik Marwede genauer nachfragte, was da eigentlich los sei, war ich dementsprechend sehr baff, als ich es erfuhr. Zu meiner großen Freude bot mir Dominik auch direkt Samples der neuen Rums an (vielen lieben Dank an dieser Stelle noch einmal dafür!), was um der Transparenz wegen an dieser Stelle auch gerne erwähnt sein soll. Auch ein 25 Jahre alter PM steht hier noch zur Verkostung bereit! Überhaupt muss ich an dieser Stelle einmal deutlich erwähnen, dass ich die Entwicklung bei Heinz Eggert/RA mit einer gewissen Begeisterung und großem Interesse verfolge. Denn wie einige sicher wissen, stammten auch die legendären LPS Long Pond Rums von vor einigen Jahren von dort und ich hatte seitdem stets darauf gehofft, dass sich in eine solche Richtung dort nochmal etwas tut in Bad Bevensen, gerade jetzt, wo Single Cask Rums in Fassstärke Konjunktur haben. In den vergangenen Jahren waren dementsprechend auch bereits einige Rums abgefüllt worden, die jeweils mit guter Qualität und zum Teil schon herausragend fairen Preisen geglänzt haben, aber nun scheint man dort noch einmal deutlich nachlegen zu wollen. Das begrüße ich natürlich sehr und so bin ich, vom heute vorgestellten Hampden einmal ganz abgesehen, auch gespannt auf die anderen Abfüllungen, u.a. eben aus Uitvlugt/PM (Guyana) 1993, aus Bellevue (Guadeloupe) 1998 und aus Westerhall (Grenada) 1993. Sie alle werden in Köln zur Cologne Spirits am nächsten Wochenende offiziell vorgestellt. Doch nun wollen wir erstmal sehen, was uns auf Jamaica erwartet! Zur besseren Einordnung habe ich mir mit dem TRC Hampden 1990 meine persönliche Hampden-Benchmark daneben gestellt. Los geht's!



Verkostung des RA Jamaica Rum 35 YO Hampden 1983:

Preis: der Ausgabepreis wird bei 399,- Euro für eine 0,5 Liter Flasche liegen. 

Alter: von Dezember 1983 bis März 2019 reifte dieser Hampden im Eichenfass. Damit ist er bereits über 35 Jahre alt.

Lagerung: die Reifung fand mutmaßlich gänzlich in Europa statt.

Fassnummer: keine Angabe. Die Abfüllung ist 322 Flaschen stark. 

Angel's Share: ca. 33% des Fasses verdunsteten in 35 Jahren der Reife.

Alkoholstärke: Fassstärke - der Rum kommt mit satten 58,9% vol. in die Flasche.

Destillationsverfahren: Double Retort Pot Still.

Mark: unbekannt. Mutmaßlich HGML (siehe weitere Verkostung).

Farbe: dunkles, kräftiges Stroh.

Viskosität: der Rum bildet kleine Tröpfchen an der Glaswand und fließt dann unregelmäßig ins Glas zurück.

Nase: Hampden, ohne Frage! Zu Beginn im Ballonglas habe ich eine kräftige und durchaus auch noch aggressive High Ester Nase. Tags zuvor hatte ich den Rum bereits einmal im konventionellen Nosing Glas und dort kam er etwas gedämpfter daher. Ich gehe aber davon aus, dass er, wie alle hochester-Hampden, eine lange Zeit der Atmung im Ballonglas benötigen wird. Der TRC aus 1990, den ich parallel verkoste, zeigt sich da innerhalb des gleichen Zeitraums noch deutlich brachialer. Nach ca. 1,5 Stunden gibt sich der 1983er Hampden deutlich zahmer, dabei aber weiterhin herrlich intensiv! Alkoholische Schärfe nehme ich nun nicht mehr wahr, da brennt gar nichts mehr. Dass ich einen wirklich lange gereiften Hampden vor mir habe, ist unverkennbar. Überrascht bin ich über den offenbar wirklich hohen Estergehalt, der kam mir beim Compagnie Des Indes nicht ganz so stark durch. Gerade auch im Vergleich zum C<>H fehlt da wirklich nicht viel. Spontan wäre ich hier nun eher bei HGML als bei <>H. Die Ester bringen dann auch dementsprechend viel Nagellackentferner- und Klebstoffnoten mit, die sich mit Assoziationen von Pepperoni, Antipasti, gegrillter Ananas, Marzipan, Zitrusnoten, Humus, und einer Portion Bourbon Vanille zusammentun. Getragen wird dieses Potpourri von einer deutlichen Akzentuierung des Eichenfasses, das sich deutlich bemerkbar macht. Alles in allem also ein absolut stiltypisches Bouquet, der Hampden hat seinen Charakter nicht verloren, ist aber sehr reif!

Gaumen: am Gaumen wirkt der Rum, trotz der fast 60% vol. erst einmal kurz leicht dünn, was mich irritiert, aber nicht wässrig. Auf seinen tatsächlichen Alkoholgehalt hätte ich aber wohl nicht mehr getippt. Schnell wird der Hampden in der Folge zunächst adstringierend, nur um Augenblicke später dann kurz und leicht kräftig alkoholisch durchzuschlagen. Danach rauschen die Ester heran, etwas gedrosselt ob des hohen Alters, aber noch immer kräftig fluten sie die gesamte Mundhöhle mit Hampden Flavour. 35 Jahre im Fass? Das mag sein, aber um hier noch immer eine waschechte Ester-Show abzuziehen reicht es allemal noch. Beeindruckend! Auch am Gaumen bin ich mir neben dem TRC 90 sicher, dass der Estergehalt nicht wahnsinnig weit darunter liegen kann, was meinen Verdacht, dass es sich um einen HGML handelt erhärtet. Ich habe Anklänge von gegrillte Ananas, Humus, Zitrone und Anis am Gaumen. Hier fehlt mir vielleicht ein klein wenig die Komplexität, was mir aber auch erst im Crosstasting mit dem TRC 1990 so richtig auffällt, der für mich einfach bei Hampden nach wie vor die Benchmark ist. Ansonsten fällt auf, dass der 1983er Hampden weit weniger sauer erscheint als z.B. der 1990er Jahrgang, was für viele Connaisseure sicherlich eine gute Nachricht sein dürfte, die genau damit bei 1990 so ihre Schwierigkeiten haben. Ich könnte mir vorstellen, dass hier auch das Alter so ein wenig seine Trümpfe ausspielt. Nach hinten heraus kommen dann die Holznoten kräftiger durch, wenn auch weniger als z.B. beim Compagnie Des Indes und vielleicht sogar teilweise weniger als beim TRC. Nichts desto trotz macht sich die lange Lagerung anderweitig bemerkbar.

Abgang: der Rum geht mit einer Kombination aus Hampden-Ester-Flavour und dunkleren, trockeneren Eindrücken vom Holz. Lang anhaltender und gewohnt ewiger Abgang.

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Fazit: ein lange und gut gereifter aber meines Erachtens auch schon etwas überreifer Hampden Rum mit ganz viel Stil! Anders als beim Schwesterfass von Compagnie Des Indes ist hier noch um einiges mehr Kraft im Rum vorhanden, vor allem in der Nase, was mir gut gefällt! Die fast 10% vol. mehr machen sich häufiger positiv bemerkbar. Da war mir der CDI einfach auch schon einen Ticken zu sehr abgestumpft. Die einzige echte Schwäche des RA ist für mich gleichzeitig auch eine generelle Hampden-Schwäche, nämlich die meines Erachtens leicht zu dünn geratene Viskosität am Gaumen zu Beginn. Da bin ich persönlich einfach ein Freund von noch etwas mehr Substanz und einige Hampden neigen hier leider dazu, etwas dünn zu geraten. Nicht zuletzt deshalb komme ich nicht umhin klar und deutlich festzuhalten, dass dieser Rum schon auch eher etwas für Hampden Fans ist, die nicht immer die volle Breitseite brauchen und auch mal Bock auf einen schon sehr gesetzten Vertreter dieser so wunderbaren Destillerie haben. Die Holzaromen halten sich dazu zwar wirklich in Grenzen, zumal für das doch sehr hohe Alter des Rums, und auch im Vergleich zum TRC, wo ich fast noch mehr davon gefunden habe, aber die Power nimmt im Laufe der Jahre einfach merklich ab.
Eine klassische Kaufempfehlung auszusprechen ist bei einem Rum von fast 400,- Euro natürlich immer so eine Sache. Geht das überhaupt noch? Wenn es um rein geschmackliche Fragen geht, dann wird man da selbstverständlich niemals auf ein gesundes Preis-Leistungs-Verhältnis kommen. Hier sind wir meines Erachtens in preislichen Regionen, die nur noch einem kleinen Kreis an Connaisseuren überhaupt offen stehen und innerhalb dessen beim Kauf Emotionen eine große Rolle spielen. Die entscheidende Frage kann also nur lauten, ob es diesem Rum möglich ist, Emotionen zu wecken? Das zu beantworten ist wiederum schwierig! Zuvorderst natürlich deshalb, weil Emotionen sehr persönlich sind. Ich kann eigentlich nur bewerten, in welchem Maße der Rum Eigenschaften vorweist, die theoretisch dazu im Stande sind, und da hat er durchaus einiges zu bieten. Wir haben es hier mit dem ältesten derzeit bekannten Hampden aus dem ältesten mir bekannten Jahrgang der Destillerie zu tun, einem Jahrgang, aus dem es zuvor nur ein einziges Fass gab, welches auf dem asiatischen Markt angeboten wurde und Europa quasi nie gesehen hat und noch dazu mit ca. 10% vol. weniger daher kam. Weiter ist es absolut fraglich, ob ein derart alter Hampden Rum überhaupt noch einmal erhältlich sein wird, zumal zu diesem Preis und in dieser Qualität. Und ja, ich bin da skeptisch, denn nach nun zwei so alten Hampden aus 1983 bin ich klar der Ansicht, dass die Rums das zwar vertragen, die langen Jahre aber nicht zwingend brauchen. Soll also heißen, dass wer einen Hampden aus 1983 haben möchte und das nötige Kleingeld über hat, ich demjenigen einen Kauf durchaus nahelege.

-93/100-


Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass ich mich noch einmal bei Dominik Marwede für das Sample bedanken und allen Lesern wiederum den Tipp geben möchte, nächstes Wochenende auf der Cologne Spirits auch beim Stand von Heinz Eggert/RA vorbeizuschauen, wo es, neben den anderen neuen Abfüllungen, auch den Hampden 1983 erstmals zu verkosten geben wird! Wer da also für eine Kaufentscheidung möglicherweise noch einen Boost benötigt, ... 😉

Wir wiederum sehen uns hier Mitte der Woche bereits wieder, wenn ich euch dann den Mai Tai mit dem Hampden 1983 vorstelle. 😄


Bis dahin,
Flo

Sonntag, 10. März 2019

Velier 2000 Single Cask Caroni 15 YO for Paul Ullrich

Liebe Rum Gemeinde,

heute nehme ich mir einmal mehr etwas länger Zeit für die Verkostung, denn es wartet mit dem Velier Caroni für die Paul Ullrich AG ein echtes Brett von über 70% vol. auf mich! Das bedeutet vor allem eine lange Standzeit für den Rum zum Atmen, wie vergangene Verkostungen, z.B. beim Caroni für The Nectar, gezeigt haben. Eben diesen Nectar-Caroni, den ich im letzten Mai auch hier verkostet habe, gebe ich heute noch einmal ins Glas und ziehe ihn zum Vergleich heran!



Der Velier Caroni 15 YO aus dem Jahrgang 2000 wurde als Single Cask im Jahr 2015 für die Paul Ullrich AG aus der Schweiz releast. Zu dieser Vorgehensweise habe ich beim Kirsch- und beim Nectar Caroni bereits einige Worte verloren, weswegen ich das heute nicht noch einmal gesondert aufarbeiten werde. Für die heute besprochene Abfüllung wurde das Fass #3790 ausgewählt, welches nur insgesamt 214 Flaschen - das ist wahrlich nicht viel - mit einem Alkoholgehalt von 70,3% vol. ergab. Über 71% gingen an die Engel und verdampften demnach. Testen werde ich den Ullrich, wie eingangs gesagt, neben seinem Bruder, dem Nectar Caroni aus Belgien, und da bin ich auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten sehr gespannt, denn rein von den Randdaten her bestehen da ja keine großen Unterschiede. Mal schauen! 
Zur Paul Ullrich AG selbst ganz kurz:  das Unternehmen wurde nach meinen Informationen im Jahr 1910 als Wein- und Spirituosenhandlung von Paul Ullrich in Basel gegründet und scheint, laut einem Handelsregisterauszug aus der Schweiz, seit 1944 eine Aktiengesellschaft zu sein. Das Unternehmen wird heute in der dritten Generation von Urs Ullrich geführt und hat Filialen in Basel, in Zürich und in Bern.



Und last but not least: mein Sample erhielt ich dankenswerter Weise von einem netten Rumthusiast aus Berlin, wodurch die heutige Verkostung erst möglich wurde. Vielen Dank dafür!



Verkostung des Velier 15 YO FP Caroni 2000 for Paul Ullrich:

Preis: der Ausgabepreis im Jahr 2015 lag bei ca. 100,- Euro. Heute kostet eine Flasche ca. 450,- bis 600,- Euro, zum Teil werden sogar noch größere Summen aufgerufen.

Alter: von 2000 bis 2015 reifte der Rum 15 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand von 2000 bis 2015 auf Trinidad statt.

Fassnummer: das Fass trug die Nummer #3790. Es wurden 214 Flaschen abgefüllt.

Angel's Share: >71% gingen an glückliche Engel. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum hat eine Stärke von 70,3% vol.

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: dunkler, goldener Bernstein. 

Viskosität: kleine Tropfen bilden sich an der Glaswand. Diese bilden sich nur langsam zu Schlieren und laufen dann in unregelmäßigen Abständen träge am Glas herunter.

Nase: wie erwartet, gibt sich der Rum zu Beginn absolut verschlossen, konzentriert und stechend scharf in der Nase. So dauert es ca. eine Stunde, bis da überhaupt mal ein Durchkommen ist, ohne, dass es einem dabei die Nasenschleimhäute zerlegt. Krasser Rum, wirklich extrem! Nachdem ich einen Zugang gefunden habe, nach noch etwas länger als einer Stunde hat sich die Schärfe komplett verzogen, gibt sich der Rum dann zunächst einmal sehr Caroni-typisch. Und typisch, das ist klar, heißt in diesem Falle vor allem dreckig und rotzig. Im Vergleich zum Nectar fällt mir auf, dass diese typische 2000er Menthol-Note, die mir nicht so gefällt, hier sehr gering ausfällt und mir so auch erstmal gar nicht auffällt. Vielmehr stehen Leder, Teer, Phenole, Motoröl oder Trockenfrüchte im Vordergrund. Nach hinten heraus ist dann aber doch auch noch etwas Menthol da, aber keinesfalls deutlich. Der Gesamteindruck ist noch einmal wesentlich stimmiger als beim Nectar, das ist ein wirklich erstklassiger Rum bis hier hin! Und nach hinten heraus wird die Nase tatsächlich auch noch weiter stimmiger, so dass man an dieser Stelle wirklich noch einmal betonen muss: der braucht verdammt viel Zeit! Das ist ein abendfüllender Caroni für mehrere Stunden.

Gaumen: den ersten Schluck nehme ich nach etwas über einer Stunde, nachdem ich den Rum ins Glas gegeben habe. Ich habe zunächst eine kurze alkoholische Schärfe mit deutlichem Brennen auf der Zunge. Er ist nicht so extrem, wie man das bei über 70% vol. erwarten würde, allerdings auch nicht so weich, wie z.B. der 1996er Caroni von Whisky Krüger mit 69% vol.. Einzig bei größeren Schlücken geht es dann doch ordentlich zur Sache, daher würde ich eher kleinere Schlücke empfehlen.  Der Ullrich ist eindeutig adstringent und sehr mundfüllend. Mit zunehmender Speichelbildung im Mund bekommt er dann aber eine leichte Cremigkeit. Die dominanten Aromen sind sehr bestimmend Anis, dabei auch frisch geschnittene Äste, Menthol, Teer und Holzlack. Der Rum wird zunehmend trocken und hat darüber hinaus auch etwas leicht parfümiertes, florales. Am meisten beeindruckt mich, wie schon beim Nectar Caroni, wie jung der Rum ganz offensichtlich geblieben ist. Er ist noch so richtig ungehobelt und schroff, anders als viele länger gelagerte Vertreter, die schon etwas deutlich gesetzteres haben. Lecker! 

Abgang: trockener, leicht bitterer Abgang. Frisch geschnittene Äste, Anis, Teer. Eiche. Langer Nachhall.

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Fazit: der König ist tot, es lebe der König! Nein, der Ullrich überflügelt den Nectar nicht wesentlich, aber ich finde, dass er in kleinen Nuancen und Sequenzen immer wieder den noch etwas besseren Gesamteindruck macht, so dass am Ende ein sehr guter Caroni von einem noch etwas besseren Caroni geschlagen wird. Daher fürchte ich, habe ich also einen neuen König des so ambivalenten Caroni-Jahrgangs 2000 gefunden!
Ich bleibe dabei, dass es kaum einen Jahrgang von Caroni gibt, bei dem der Brennerei-Charakter noch so sehr durchkommt wie bei den jüngeren Caroni 2000, einfach, weil sie eben als nahezu einziger Jahrgang schon so zeitig zur Abfüllung kamen. Insofern genießen die beiden 15 YO Single Casks, die ich bisher hatte, bei mir auch eine kleine Sonderstellung. Die bereits zwei Jahre älteren 2000er, von EATALY und die US- bzw. EU-Abfüllung, haben bereits deutlich mehr Fasseinfluss. Gerade dem EU-Caroni stand das meines Erachtens sehr gut, aber das ist eben dann auch schon etwas vollkommen anderes. Es bleibt allerdings gleichermaßen die Erkenntnis, dass ich auf Kaliber wie diese hier nur selten so wirklich Lust habe. Rums wie der Ullrich oder der Nectar sind spannend, das ist Thrill, das reizt mich auch sehr, wenn es dann an die Verkostung geht. Aber gemütliche Situationen, in denen man sich spontan einen Rum einschenkt, die lässt der Ullrich eigentlich nicht zu, da er eben diese enorme Zeit im Glas und die volle und geballte Aufmerksamkeit benötigt. Und da kommen dann doch wieder Rums wie der EU-Caroni ins Spiel. Wie schön daher also, dass es beide gibt...

-95/100-

... und damit wünsche ich euch noch einen schönen Sonntag und sage: bis demnächst!

Flo

Sonntag, 3. März 2019

Sangster's, Coruba, Baker & Co.: historische Jamaicaner

Liebe Rum Gemeinde,

heute möchte ich euch vier alte Abfüllungen aus Jamaica vorstellen, die bis heute immer ein wenig im Schatten einiger anderer historischer Abfüllungen stehen. Wenn wir über dieses Thema reden, dann sind wir meist schnell bei alten Bottlings bekannter unabhängiger Abfüller, bei Navy Rums aus Bast-Flagons oder bei alten Rums von Appleton. Doch heute möchte ich den Fokus auf ein paar Rums legen, die dem interessierten Connaisseur zwar mit Sicherheit auch schon mal auf ebay oder anderen Plattformen begegnet sind, die aber im Allgemeinen nach meinem Dafürhalten doch eher etwas unbekannter sind und selten eine größere Aufmerksamkeit erfahren.




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Die heute verkosteten Jamaicaner:

- Sangster's Old Jamaica De Luxe Gold Rum -40% vol.
- Sangster's Old Jamaica De Luxe Gold Rum - 50% vol.
- A. A. Baker & Co. Battle Axe Jamaica Rum - 50% vol.
- Rum Coruba NPU (~frühe 1980er Jahre) - 74% vol.

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Sangster's Old Jamaica De Luxe Gold Rum - 40% vol.

Nase: zurückhaltende, wenig charakterstarke Nase. Die nur 40% vol. machen sich deutlich bemerkbar, denn da sticht erst einmal gar nichts. Jamaica kann ich in Anflügen erkennen, aber ob mir das blind auch noch gelänge? Da habe ich Zweifel. Im wirklich knapp bemessenen Bouquet habe ich am ehesten etwas von süßer, etwas künstlicher Orangenmarmelade, Banane und Ananas und etwas Holz, aber ansonsten kommt da leider nicht viel. Mal sehen, ob der Gaumen da mehr zum Vorschein bringt.

Gaumen: uuhh, leider kommt der Rum nicht nur sehr dünn daher, sondern auch sehr weiterhin künstlich. Der Geschmack von Orangen liegt über allem, fast ist es, als würde ich gerade eine süße Orangenmarmelade pur verspeisen. Das hat leider so gar nichts von Jamaica und erst recht nicht von Jamaica wie es mir gefällt. Schade!

Abgang: wie könnte es anders sein, wird der Abgang von künstlicher Orangenmarmelade bestimmt. Zum Glück nicht sonderlich lange... Trockener werdend.



Fazit: leider war dieser Rum für mich und in meinen Augen ein Reinfall. Während die Nase zunächst noch eine kleine Hoffnung auf mehr zuließ, hat es den Rum am Gaumen dann vollkommen zerlegt!  Dass das kein Spitzenrum ist war natürlich klar, aber einen solchen Total-Ausfall hatte ich ebenso wenig erwartet. Das ist also leider so gar nichts, was ich gerne nochmal trinken wollen würde. Ich bin nicht mal sicher, ob solch ein Rum in einem Drink einen Sinn ergäbe. Einzig positiv ist hervorzuheben, dass der Rum kein bisschen scharf ist.

-35/100-



Sangster's Old Jamaica De Luxe Gold Rum - 50% vol.

Nase: im Vergleich zur 40% vol.-Version habe ich hier eine klar kräftigere und intensivere Nase, wobei ich trotz der 10% vol. mehr kein unangenehmes Stechen oder ähnliches vom Alkohol ausmachen kann. Der höhere Alkoholgehalt wirkt sich also zunächst einmal ausschließlich positiv auf den Rum aus. Jamaica ist auch hier zu assoziieren, aber ebenso nicht in einer Weise stiltypisch, dass man das blind erkennen müsste. Das Bouquet mutet sehr viel natürlicher, reichhaltiger, intensiver an. Die Bananen kommen nun schon sehr reif daher und ich habe Pfirsische sehr präsent. Der Einfluss des Fasses scheint etwas stärker gewesen zu sein. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die wesentlich dunklere Farbe ausschließlich der geringeren Verdünnung geschuldet ist. Da passiert im Glas nämlich auch eindeutig mehr. Das ist zwar auch alles nicht unbedingt komplex, aber durchaus ansprechend.

Gaumen: nach dem Reinfall mit der 40%-Version war ich nun natürlich sehr gespannt, denn die Nase war bei diesem hier mit 50% immerhin deutlich anders und besser gewesen. Positiv fällt auch bei diesem Rum zunächst die Einbindung des Alkoholgehalts auf, denn der Rum ist auch am Gaumen kein bisschen scharf. Dahinter dann zeigt sich die 50% Version ebenfalls deutlich verbessert im Vergleich zum kleinen Bruder, wenn gleich auch er meinen Geschmack nicht wirklich trifft. Im Vordergrund habe ich Karamellpudding und auch der etwas künstlich, und nach hinten heraus kommt mir dann tatsächlich wieder die Orangenmarmelade entgegen. Ja, gibt's das denn?!

Abgang: Im Abgang habe ich eine Kombination aus Karamellpudding und Orangenmarmelade. Der Rum wirkt etwas künstlich.



Fazit: die Verwandtschaft der beiden Sangster's wird am Gaumen sehr offensichtlich und beide treffen sie meinen Geschmack nicht. Die Version mit 50% zeigt sich klar verbessert zur 40% Version, das muss man fairerweise bemerken, aber eben auch nur bedingt. Ich würde den Rum auf gar keinen Fall kaufen und auch hier stellt sich für mich wieder die Frage nach der Mixability, die ich ihm eher absprechen würde. Warum für diese Abfüllung bei Ebay zum Teil dann noch horrende Summen im Raum stehen entzieht sich, zumindest geschmacklich, meinem Verständnis. Vielleicht wird sowas heutzutage tatsächlich zu selten aufgemacht, um dass ein breiteres Wissen über die geringe Qualität vorliegen könnte.

-47/100-



A. A. Baker & Co. Battle Axe Jamaica Rum - 50% vol.

Nase: So Freunde, und nun sind wir definitiv auf Jamaica gelandet! No Doubt! Kein Zweifel kann darüber bestehen, was sich vor mir in meinem Glas befindet, dieser Rum würde jedem Blind-Test standhalten! Der Rum erinnert mich stark auch an heutige Jamaica Rums aus Long Pond, Hampden oder auch Monymusk, so dass ich spontan also gar nicht mal unbedingt benennen kann, aus welcher der Brennereien dieser Rum wohl stammen könnte. Die Grund-Charakteristik sehe ich bei Monymusk, allerdings hat er für einen solchen (zumindest die, die wir heute kennen) einen zu hohen Estergehalt. Ich wäre daher wohl bei Long Pond, denn an den LPS 1st Release erinnert mich dieser Rum nämlich in deutlicher Weise. Der Alkoholgehalt macht sich wenig bemerkbar, ein unangenehmes Stechen habe ich nicht. Stattdessen kommt da einfach ganz viel Jamaica Rum Flavour rüber, etwa von Bananen, gegrillter Ananas, Zitrusfrüchten oder nussig-grasigem Anteil. Gefällt mir bis hier hin klar am besten!

Gaumen: am Gaumen fällt mir zunächst auf, dass der Rum wohl auf jeden Fall auch noch gut verdünnt wurde. Ich habe Hochester-Töne in Bestform! Hui, hier geht die Post ab! Müsste ich auf eine Destillerie tippen, so wären es nun am ehesten Hampden oder Long Pond. Schwierig, möglicherweise handelt es sich ja auch um einen Blend verschiedener Destillerien. Banane und Ananas sind sehr präsent, ebenso Humus und Zitruseinflüsse. Der Estergehalt liegt in meinen Augen definitiv über 500 gr/hlpa. Toller, mundfüllender, leicht adstringierender Rum mit perfekter Ballance. Richtig, richtig lecker!

Abgang: Fruchtige Töne gehen in Anis über. Das ist Jamaica, wie ich es mag!



Fazit: kein absoluter Spitzen-Jamaicaner aber ein hervorragendes Exemplar seiner Gattung. Einzig die Verdünnung stört hier leicht. Ich vermute, dass der Rum nicht besonders lange im Fass lag, dafür spricht auch die sehr helle Farbe. Und dafür ist das aber schon ganz großes Kino. Dieser Rum mit 15 bis 20 Jahren Reifung wäre wohl sehr, sehr geil gekommen!
Wenn man nun noch bedenkt, dass das vermutlich einst eine Standardabfüllung für (auf heutige Preise umgerechnete) 10,- bis 15,- Euro war, so kann ich eigentlich nur den Hut ziehen! Das ist heute leider nicht mehr denkbar.

-87/100-



Rum Coruba NPU (~frühe 1980er Jahre) - 74% vol.

Nase: überraschender Weise muss ich zunächst einmal konstatieren, dass dieser Rum in der Nase nicht stechend daher kommt, trotz des wirklich enormen Alkoholgehalts. Jamaica steigt mir sofort in die Nase, wenn auch nicht ganz so charakteristisch in den Hochester-Tönen wie beim Baker zuvor. Erst im zweiten Moment verrät sich der hohe Alkoholgehalt, da die Nase sehr komprimiert erscheint und durch den Alkohol gedämmt wird. Dadurch liegt über dem ganzen Rum eine deutliche Klebstoff-Note, gegen die es die fruchtigen Anteile sehr schwer haben. Der Rum erscheint darüber hinaus auch leicht gelagert. Zumindest habe ich einen Holzeinfluss ausmachen können.

Gaumen: erstmals heute macht sich der Alkoholgehalt nach oben hin klar bemerkbar. Ein Rum, der deutlich von innen heraus wärmt. Zunächst zieht es mir dabei auch die ganze Mundhöhle zusammen. Es braucht einige Momente, bis dieser Rum gezügelt ist. Auffällig dabei: trotz dessen, dass der Alkohol natürlich mächtig ist, ist das kein fieses Brennen. Hohe Qualität ist also angesagt! Ich habe Ananas, Humus und grasige Töne am Gaumen. Ein Einfluss vom Fass scheint gegeben, dafür spricht auch die goldene Farbe des Rums, aber ich glaube nicht, dass der Rum sonderlich lange reifen durfte. Dafür kommt er zu ungehobelt daher und der Einfluss vom Fass am Gaumen ist zwar präsent, aber auch nicht übermäßig präsent. Schafft man es den Rum im Mund zu behalten bis der Alkohol abgeklungen ist, wird er richtig cremig.

Abgang: Creme Brulee und etwas verkohltes Holz (Lagerfeuer-Assoziationen) leiten den Abgang ein. Der Rum ist dann allerdings auch recht fix weg. 



Fazit: wahrlich kein schlechter Rum! Und auch hier gilt wieder, wie beim Baker: dafür, dass das einst eine Standardabfüllung war, ist das schon sehr bemerkenswert. Ich kenne ja nun auch den Coruba NPU Overproof der Gegenwart und der ist schon deutlich schärfer als der heute verkostete aus den frühen 1980er Jahren. Pur trinken würde ich ihn dennoch nicht, da er auf Grund seines krassen Alkoholgehalts einfach zu fordernd ist, ohne gleichzeitig echte Spannung im Glas zu bieten, aber zum Vermixen bietet er sich geradezu an.

-78/100-


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Gesamt-Fazit:

Vier mal alter Jamaica Rum und viermal ganz unterschiedliche Qualität! Ich denke, damit spiegelt dieses kleine Tasting auch die Realität da draußen ganz passend wieder, wenn es um die Frage geht was einen erwartet für den Fall, dass man Flaschen alten Jamaica Rums ersteigert. Von gruselig bis unerwartet hohe Qualität ist da alles dabei. Aus diesem Grund bin ich da bei Flaschenteilungen, sofern der Kaufpreis sich einigermaßen im Rahmen hält, oft gern dabei, würde vom Kauf ganzer Flaschen inzwischen aber eher Abstand nehmen.
Der A. A. Baker & Co. Battle Axe Rum ist mein klarer Favorit heute und wohl auch der einzige, bei dem ich einen Kauf der Flasche nicht bereut hätte. Solche Treffer unterliegen aber wie gesagt dem Zufall und da braucht es deshalb schon ein Stück weit ein Faible für diese Sparte Rum, um diese Risiken auch einzugehen. Umso mehr freut es mich, dass ein befreundeter Connaisseur aus Berlin genau ein solches Faible hat und die Rum Gemeinde an diesen Erfahrungen auch immer wieder lebhaft und lehrreich teilhaben lässt. Vielen Dank dafür! 😊


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Bis demnächst,
Flo