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Sonntag, 20. Dezember 2020

Barrel Aged Thoughts' 2020 Top 10 Rums - Part II

Liebe Rum Gemeinde,

wir nähern uns mit riesigen Schritten den Weihnachtsfeiertagen und dem Jahreswechsel. Höchste Zeit also noch einmal zurückzublicken auf dieses in jeder Hinsicht beispiellose Jahr und damit Herzlich Willkommen zum zweiten Teil meines Jahresabschluss-Rankings der meines Erachtens zehn besten neuen Releases in 2020! 

Picture by D.M. / RA


Was liegt heute an?

Im ersten Teil letzte Woche hatte ich euch meine Plätze 10 bis 6 noch einmal vorgestellt und heute geht es dann ans eingemachte und an die Top 5, die fünf Rums, die mich in 2020 am meisten begeistert haben! Ihr habt die fünf Rums von letzter Woche schon wieder verdrängt? Hier geht's nochmal zum gesamten ersten Teil des Countdowns und hier kommt noch einmal alles im Schnellformat:


Platz 10: Habitation Velier C<>H Jamaica Rum 10 YO Hampden 2010
Platz 9: Flensburg Rum Company KFM Demerara Rum 29 YO Enmore 1991
Platz 8: Velier Heavy Trinidad Rum 21 YO Caroni 1998 (Employee "Buju")
Platz 7: The Rum Cask C<>H Jamaica Rum 30 YO Hampden 1990 (BAT-Abfüllung)
Platz 6: Velier Heavy Trinidad Rum 19 YO Caroni 2000 (Employee "Nitz")

Machen wir nun aber endlich weiter mit... 


Platz 5:

Velier Heavy Trinidad Rum 19 YO Caroni 2000 (Employee "Dicky")

Noch ein Caroni?! Ja, ich habe sie eigentlich auf zwei Abfüllungen in meiner Top 10 beschränken wollen, aber es ging nicht, so sehr ich es auch hin und her gedacht habe. Der 1996er "Vijay" blieb für seinen Jahrgang eher unter den Erwartungen und es fiel mir daher leicht, ihn trotz der immer noch sehr guten 94 Punkte nicht mit hinein zu nehmen. Aber der "Dicky" hat mich, genau wie die "Nitz" für einen Caroni 2000 so sehr überzeugt, dass ich nicht anders konnte als ihn auch mit reinzunehmen. Da war für mich einfach kein Qualitätsunterschied und ich fand ihn in der Tendenz sogar noch leicht besser als die Nitz. Insofern führte an ihm kein Weg vorbei! 94 Punkte bekam auch der "Dicky" von mir, und ich denke, da sind wir am absoluten Zenit für den Jahrgang 2000, auch unter Berücksichtigung dessen, dass da auch einiges an weniger guten Fässern im Umlauf war. Da haben die beiden 2000er aus diesem Jahr wirklich am Limit dessen performt, was ich 2000 insgesamt überhaupt zugetraut habe. Dass es der für mich beste Caroni in 2020 "nur" auf Platz 5 geschafft hat, trotz dessen, dass die geschlossene Destillerie zu meinen absoluten Lieblingen zählt, zeigt was da an Granaten alles eingeschlagen ist in diesem so verrückten Jahr!

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Platz 4:

Silver Seal PM Demerara Rum 30 YO Uitvlugt 1989

Ein Demerara Rum vor dem besten Caroni des Jahres?! Willkommen bei Barrel Aged Thoughts im Jahr 2020! Aber was für ein Demerara Rum das war! Im Gegensatz zu den jüngeren, ungefärbten PMs mag ich diesen richtig alten 30 YO+ und gefärbten PM Style inzwischen richtig gerne und fahre sehr auf die Granaten aus den 1970s von High Spirits oder Rendsburger total ab! Leider sind diese längst außer Reichweite und das Batch aus 1989 in diesem Alter ist so ziemlich das einzige, was da bisher für mich stilistisch zumindest einigermaßen dran kommt, auch wenn es diese einzigartige Qualität von damals natürlich nicht ganz erreicht. Und das ist letztlich auch der Grund, warum ich bei diesem Rum über die 92 Punkte nicht hinaus kam: es würde den PMs aus den 1970s einfach nicht gerecht werden. Gäbe es diese nicht oder würde ich sie nicht kennen, hätte ich hier vermutlich locker die 95 Punkte ausgepackt. Und darum musste der Silver Seal letztlich auch in meine Top 10, auch wenn einige andere in absoluten Zahlen auf den ersten Blick besser weg kamen. Der Rum ist einfach nur unfassbar lecker, intensiv, gesetzt und auf den Punkt. Für den Ausgabekurs ein Kracher! Dazu mein 250. Post auf BAT! Müssen wir noch über das sprechen, was Silver Seal uns da insgesamt präsentiert haben in diesem Jahr? Machen wir gleich! ;-) 

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Platz 3:

Rum Artesanal Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994

Auf Platz 3 steigt der für mich zweifelsfrei größte Gewinner des Jahres 2020 in meinen Countdown ein - Rum Artesanal! Was Dominik und Team da in diesem Jahr auf die Kette bekommen haben hat mich zumeist nur staunend zurück gelassen. Mit insgesamt mindestens sechs Releases die aus meiner Sicht wirklich Spitze waren und noch dazu ein fast unwirkliches Preis-Leistungs-Verhältnis aufwiesen hat man den Vogel komplett abgeschossen. Mit dem New Yarmouth 1994 im Speziellen hat man noch dazu einen echten Coup gelandet, da noch nie zuvor ein Abfüller einen derart alten New Yarmouth gebracht hatte und noch dazu in diesem bis dahin vollkommen unbekannten Stil. Der hatte es nämlich wirklich in sich, erinnerte er doch gleichermaßen an alte Appleton (nur eben in Fassstärke) als auch an tropisch gereifte Demerara Rums. Und wenn man bedenkt, dass New Yarmouth für Wray und Nephew produziert, dann liegt durchaus nahe, dass der Inhalt dieses Fasses ursprünglich mal dazu gedacht war in den Appleton Standard Blends zu landen. Glücklicherweise ist ihm dieses Schicksal erspart geblieben und der Rum landete stattdessen bei einem Jamaicanischen Broker. Als dieser seine Stocks an Velier als auch die Main Rum Company verkaufte, gehörten dazu auch ein paar Fässer New Yarmouth 1994 und so kamen letztlich wir Connaisseure in den Genuss, sowas mal im Glas haben zu können. Auch dieser Rum war mir 94 Punkte wert und auch hier wäre mit nur etwas besserer Einbindung des Alkoholgehalts noch mehr gegangen - ja, der New Yarmouth zwiebelt mit seinen ca. 68% vol. ganz schön! ;-) 

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Platz 2:

Rum Artesanal REV Demerara Rum 25 YO Enmore 1994

Und wenn für irgendwen noch irgendwelche Zweifel an der Ausnahme-Stellung von RA im ablaufenden Jahr bestanden haben, dann müssen (!) diese spätestens mit meinem Platz 2 restlos ausgeräumt sein! Diese Abfüllung markierte das Ende von RA als graue Maus auf dem viel bearbeiteten UA Markt, als auch den Anfang von RA als gleichsam national wie international führender UA, wenn es um kontinental gereifte Rums geht. Mögen einige andere durch bunte Label oder schwarze Flaschen vielleicht noch etwas mehr collectable und damit gesucht sein, aber an die Qualitäten der RA Abfüllungen insgesamt reicht da niemand heran! Kein Wunder also, dass dieses Bottling super schnell vergriffen und in der Folge auch schnell in ganz Europa gesucht wurde - meist erfolglos. Denn, und das ist bei RA schon ein wenig besonders, die Flaschen werden zu ganz, ganz großen Teilen von Genießern gekauft, die diese dann natürlich in der Regel nicht wieder hergeben. Was aber machte den REV so besonders? Nun, vor allem natürlich das: es ist ein REV! Der erste seit vielen, vielen Jahren, abgetaucht einst als elfjähriges Biest von Cadenhead mit 70% vol. und wieder aufgetaucht mit nun 25 Jahren als zahmer Gaumenschmeichler. Was das Mark wirklich bedeutet und ob es überhaupt eines ist, oder ob Cadenhead seinerzeit auch nur eine interne Bezeichnung (vergleichbar mit den Main-Kürzeln) nutzte, ist unklar. Damals wie heute ist das Teil aber eine absolute Pflaumen-Bombe und das macht diesen Rum letztlich auch aus, zumindest für mich. Ich finde das einfach wahnsinnig lecker, gediegen und nicht ohne Grund habe ich da auch schon eineinhalb Flaschen geleert in diesem Jahr. In Punkten hat es noch ein Rum in 2020 darüber geschafft, aber emotional ist der REV 1994 wohl definitiv meine Nummer 1.

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Platz 1:

Silver Seal "Rockley Style" Barbados Rum 33 YO W.I.R.D. 1986:

Ich konnte nicht anders! Mag RA für mich unter'm Strich auch unumstritten DER Dreh- und Angelpunkt in 2020 gewesen sein, aber ich musste den Rockley von Silver Seal, die einzige Neuerscheinung in 2020, die die 95 Punkte Marke knacken konnte, auf die eins setzen, und das obwohl es bei mir, bedingt durch den doch sehr steilen Kurs von 600,- Euro, für keine ganze Flasche gereicht hat. Aber was Silver Seal mit dem Rockley dieses Jahr rausgehauen haben war nun mal einfach komplett unrealistisch! Niemals nie und never ever hätte ich gedacht, dass das 1986er Batch der West Indies Rum Distillery mit seinem legendären Rockley-Style nochmal ein Revival erlebt! Ich hatte mit meinem Rum Buddy gemeinsam vor etwa einem Jahr mal den "Sloth" Rockley 1986 aus Japan im Glas, der dort vor einiger Zeit erschienen ist, und dieser war bereits so weit weg von Honig, Rauch, Vanille und Leder, dass ich das Batch bereits für alle Zeit verloren geglaubt hatte. Doch Silver Seal hat ganz tief in den Beständen von Main gegraben und der Rum Welt in 2020 den, neben Gardel, vermutlich meist unterschätzten (weil kaum bekannten) Weltklasse-Rum Style zurück gebracht, den es auf dieser Erde gibt. Für viele von euch da draußen war der Silver Seal wahrscheinlich sogar die allererste Chance überhaupt, einmal Rockley auf absolutem Spitzen-Niveau zu erleben. Denn na klar gab und gibt es auch noch immer vereinzelt Rockleys aus dem 2000er Jahrgang oder den Bristol 1986 mit Sherry Finish, aber weder die einen noch der andere spielen auch nur annähernd in dieser Liga und der Silver Seal stellt hier mit dem Duncan Taylor zusammen die neue Benchmark dar. Wohl also dem, der hier etwas von diesem Traum-Stoff ergattern konnte! 

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Und wer das nicht konnte... 2021 ist auch noch ein Jahr und vielleicht decken sich ja an dessen Ende meine emotionale Nummer 1 mit meiner nominellen Nummer 1. In diesem Sinne:

Rum Artesanal 2021

(nein, nicht das neue Logo, nur "Fan Art" 😉)
 

Epilog:

Das waren sie also, die zehn Neuerscheinungen in 2020, die mich persönlich am meisten gecatcht haben. Genug Stoff, um mindestens zwei Jahre mit Highlights zu füllen. Und ich bin sicher, ich habe da zwar mit vielen von euch Überschneidungen, aber in gleichem Maße auch Abweichungen, denn die Masse an Rums in diesem Jahr, die es ebenfalls in diese Liste verdient gehabt hätte war brutal! 



Allein RA, und da wird dann auch deutlich, weshalb die für mich in diesem Jahr eine so überragende Stellung eingenommen haben, hätten vier (!!) weitere Rums in diese Liste entsenden können! Und zwar wäre da mal mindestens der T.D.L. 2001 aus Trinidad, der auch einige Parallelen zu Caroni aufweist und auf diese Weise für einen kurzen Augenblick leichte Konfusion verursachte. Ein Caroni war es dann meines Erachtens letztlich nicht, aber ein verdammt guter Heavy Type Rum! Aber auch die beiden New Yarmouth aus 2009, die für unter 50,- Euro zu haben waren und damit mit einem sensationellen PLV aufwarten konnten, verdienen hier mindestens eine Erwähnung, ebenso wie der 1998er HD (Hampden), den ich für einen HLCF (nicht mein Lieblingsmark) erstaunlich gut fand. Und über den Long Pond 2000 z.B. haben wir da noch gar nicht gesprochen, den ich persönlich weniger gut fand, der aber gleichermaßen seine Fans gefunden hat und hier daher nicht unerwähnt bleiben soll. Ich glaube, viel mehr muss ich da nicht sagen. Außer, dass ich mich so verflucht doll freue auf das nächste Jahr... der Spoiler ist ja längst draußen, ihr alle wisst, was kommt :)



Und was für mich RA in Bezug auf kontinental gereifte Rums sind, sind Velier für mich, wenn wir über tropisch gereifte Rums sprechen. Die beiden Caroni Employees "Vijay" und "Yunkoo" hätten nach Punkten in die Top 10 gemusst, beide liegen für mich bei 94 Punkten. Aber dann wären allein fünf Caroni Employees drin gewesen, was ich dann doch als etwas zu öde empfunden hätte. Daher habe ich mich dazu entschlossen, an der Stelle ein wenig zu selektieren. Ich denke, ihr seht es mir nach. Doch Velier hat nicht nur die Karte Caroni gespielt, sondern auch mit der Appleton Hearts Collection einmal mehr Maßstäbe gesetzt. Nicht unbedingt, weil sie jeden überwältigt hätten, der sie probiert hat (tatsächlich, waren da nicht wenige auch enttäuscht), aber vor allem deshalb, weil es Luca Gargano nach Jahren und als meines Wissens nach erstem überhaupt gelungen ist, in diese Richtung etwas mit Appleton gemeinsam und unter deren Logo aufzuziehen. Und nicht zuletzt haben diverse von ihm initiierte Zoom Meetings dazu beigetragen, dass die internationale Community auch in Zeiten dieser Pandemie ein wenig zusammen kam, auch ohne Messen und reisen. Grazie, Luca! Mir gefielen der 1994er und der 1995er Appleton jeweils sehr gut, diese hatten auch den höchsten Gehalt an Congeners, der 1999er war dagegen gar nicht meins. Und als kleinen Bonus möchte ich auch nochmal den Monymusk 1997 für Begnoni herausstellen. Der wurde zwar schon 2019 gebottled, tauchte aber erst in diesem Jahr wirklich auf dem Markt auf. Mit dem 1995er zusammen für mich definitiv die Benchmark für tropisch gereiften Monymusk! 



Und dann waren da auch noch zwei Rums von Old Man Spirits (Flensburg Rum Company), die mich beeindruckt haben. Auch der Hampden 2007 und der Monymusk 1999 wären in jedem nicht außerirdischen Jahr safe in meinen Top 10 gelandet. Insbesondere der Monymusk hat für mich historischen Charakter, denn ich erinnere mich an keinen besseren im kontinental gereiften Bereich! Grandioses Debüt-Jahr, das ihr da hingelegt habt, Jungs! Ich freue mich schon darauf, auch euren Weg im nächsten Jahr weiter mitzuverfolgen. 


Und damit verabschiede ich mich dann auch heute erstmal von euch, ich bin noch nicht sicher, wann der nächste Content hier aufläuft. Ich wünsche euch noch einen besinnlichen vierten Advent und bis dann!

Flo

Donnerstag, 19. November 2020

Velier feat. Appleton Estate 💙 Hearts Collection

Liebe Rum Gemeinde,

vor etwa einem Jahr schon wurden sie uns von Luca Gargano angekündigt, nun endlich stehen sie in Form der Hearts Collection kurz vor dem Release: drei 100% Pure Pot Still Rums aus drei verschiedenen Jahrgängen in Fassstärke von Appleton Estate in Kooperation mit Velier!


Was liegt heute an? 

Was wurde nicht alles schon geschrieben, gesprochen und gemutmaßt, bevor sich sämtliche Gerüchte im Laufe dieses Jahres dann peu a peu erst konkretisierten und dann schließlich in einer definitiven Ankündigung mündeten. Sie kommen nun also definitiv, die Appletons! Seit jeher lag der Fokus dieser Mutmaßungen dabei vor allem auf zwei Komponenten, die die Rums deutlich von jenen Standard-Bottlings unterscheiden sollten, die wir auch hierzulande und beinahe auf der ganzen Welt in fast jedem gut sortierten Fachhandel beziehen können: darauf, dass sie zu 100% aus Pot Still Destillaten bestehen und auf einem Alkoholgehalt von deutlich mehr als den viel zu dünn geratenen immer gleichen 45% vol., die uns normalerweise offeriert werden. Seit Freitag nun werden die Rums in diversen Online-Live Tastings mit Joy Spence, Ian Burrell und Luca Gargano selbst der Welt vorgestellt und am vergangenen Montag hatte ich dabei sogar selbst das Glück, bei einem dieser Tastings dabei sein zu dürfen. 

Aus Gründen der Transparenz: zu diesem Zweck erhielt ich von La Maison du Whisky und Velier 3 x 20 cl Samples zur Verkostung gratis (was aber natürlich wie immer mit keinerlei Pflichten meinerseits einher geht). Das sei an dieser Stelle aus Gründen der Transparenz selbstverständlich erwähnt, ebenso wie natürlich ein riesiges Dankeschön an alle Beteiligten! Grazie Mille, Merci Beaucoup & Thank you very much!

A gift to the rum lovers

Meine persönliche Beziehung zu Appleton war daher seit jeher ambivalent. Auf der einen Seite habe ich damit meine Rumlaufbahn begonnen und auch zwischendurch immer mal wieder registriert, dass mir der Stil grundsätzlich eigentlich auch sehr zusagt, weshalb die Rums für mich schon auch eine wichtige Rolle spielen. Auf der anderen Seite fühlte ich mich als Nerd bisher von Appleton aber auch stets ein Stück weit ignoriert, was noch die positivste aller Interpretationen dieser Beharrlichkeit ist, mit der Appleton seit Jahren die Wünsche aus Sicht der High End Connaisseure unerfüllt ließ. Mir ist dabei vollkommen klar, dass wir in unserer kleinen Blase nicht der Nabel der Welt sind und das Geld mit eben jenen Standards verdient wird, denen wir längst entwachsen sind. Auch, dass man darüber jetzt die Produktion komplett umstellt habe ich daher natürlich nie erwartet. Dass man es aber niemals hinbekommen hat die Core Range zumindest einfach mal um z.B. einen 12 YO mit 50-60% vol. zu ergänzen, das habe ich tatsächlich nie verstehen können, denn das bekommen andere große Produzenten auch super hin. Das ist weder wahnsinnig anspruchsvoll noch wäre das aus meiner Sicht zu viel erwartet gewesen - dafür aber zeitgemäß! Und da bin ich dann durchaus bei einem meiner Hauptkritikpunkte überhaupt an die Produzenten in der Karibik: sie sind aus meiner Sicht nicht immer zeitgemäß aufgestellt. Spirituosen mit erhöhter Trinkstärke sind längst kein Geheimtipp mehr und eine relevante Nachfrage besteht durchaus. Nicht umsonst sehen es karibische Produzenten seit einigen Jahren oft plötzlich problematisch, dass europäische unabhängige Abfüller deren Stoff unter Nennung des Namens der Brennerei in Fassstärke verkaufen. Das hat aber aus meiner Sicht nichts mit "Colonialism" zu tun, sondern schlicht damit, dass die Produzenten fast sämtlich das Potenzial ihrer eigenen Produkte nicht hinreichend erkannt haben und zum Teil immer noch nicht erkennen, oder überhaupt keinen Plan davon haben, wie sie dieses wirklich ausschöpfen können. Somit wird das Problem aus meiner Sicht ganz simpel durch die Gesetze der Wirtschaft erfasst und ist nicht Kolonisierung oder ähnliches zurückzuführen. 

Zoom-Talk am Montag Abend mit Luca Gargano, Joy Spence, Ian Burrell 
und Rum-Lovern aus der ganzen Welt


Wo Appleton selbst also entweder geschlafen oder es aus anderen Gründen versäumt hat sein Produkt weiter zu denken, musste also erst wieder der große Zampano aus Italien kommen und das scheinbar unmögliche möglich machen. Luca, das ist bekannt, hegte schon lange den Wunsch einmal gemeinsam mit Appleton einen Rum nach seiner Vorstellung zu releasen. In der Live-Konferenz am Montag nannte er die Jamaicanische Destille seinen persönlichen Mount Everest, den er Reinhold Messner gleich nun bestiegen habe. Und das ist durchaus nachvollziehbar. Er hat Hampden gebracht, er hat Long Pond gebracht, hatte Worthy Park im Portfolio und hat mit den EMBs aus 1995 und 2010 auch Monymusk nochmal auf ein neues Level gehoben. Ignoriert man New Yarmouth, bzw. sieht sie als Teil von Wray & Nephew, hat Luca mit den Appletons nun also seinen ganz persönlichen jamaicanischen Zirkelschluss erreicht, alle Destillen durch und feilt damit selbstverständlich weiter an seinem Legendenstatus, der ihm aber auch schon nach den tropisch gereiften Demeraras und Caronis schon nicht mehr zu nehmen gewesen wäre. Und obwohl ich Lucas Ansichten nicht immer zu 100% teile und auch in einigen Punkten sogar energisch widerspreche, so komme ich angesichts dieser, seiner, Leistungen und Verdienste um die Rumwelt nicht umhin, mich an dieser Stelle wirklich einmal zu verneigen! Denn Guyana, Caroni und Jamaica gehören für mich wirklich zu dem allerbesten was die Rumwelt je gesehen hat, nur weniges von außerhalb dieser drei Größen reicht für mich daran heran, und Luca hat hier in vielen Bereichen (und in sämtlichen Belangen was Tropical Aging angeht!) die absoluten Benchmarks gesetzt! Was für eine Lebensleistung! Chapeau! 

So, und auch wenn das alles sicher schon Grund genug ist dem ganzen seine Aufmerksamkeit zu schenken, so hat man hier doch seitens der Verantwortlichen sogar noch ein Stück weiter in die Trickkiste gegriffen und jetzt nicht einfach irgendwelche Jahrgänge von Appleton abgefüllt, nur um ein Häkchen auf der Bucketlist machen zu können, sondern man hat sich auch für richtig alte und lange gereifte Vertreter mit sehr hohem Congeners-Gehalt entschieden. So kamen am Ende ein 26 YO Rum aus 1994 mit 1184 gr/hlpa, ein 25 YO aus 1995 mit 1440 gr/hlpa und ein 21 YO aus 1999 mit einem Congeners-Gehalt von 855 gr/hlpa in die Flasche. Geblendet wurden dafür jeweils 12 Fässer gleichen Marques miteinander. Welche Marques jeweils verwendet wurden (bei zwei Jahrgängen war es das gleiche Marque) wollte Joy Spence allerdings zu meinem Bedauern unter keinen Umständen verraten. Wir haben es am Montag mehr als einmal versucht ihr zu entlocken ;-) Der Alkoholgehalt schließlich liegt beim 1994er bei 60% vol., bzw. bei jeweils 63% vol. beim 1995er und 1999er. Und nun schauen wir uns die drei mal aus der Nähe an!


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Velier Jamaica Rum 26 YO Appleton Estate 1994: 

In der Nase habe ich direkt nach dem Einschenken ein schönes, dunkles und durchaus an Appleton erinnerndes Profil mit reichlich Tiefgang, Komplexität und Intensität, dafür aber nahezu ohne alkoholische Schärfe. Der Rum ist richtig Smooth! Joy Spence sprach hier im Live-Tasting von Orangen und Ingwer und ich würde ihr hier durchaus zustimmen. Ich habe außerdem einiges an Klebstoff und Lösungsmitteln, in denen sich definitiv der recht hohe Congeners-Gehalt widerspiegelt, sowie starke Bourbon Vanille und weitere Gewürze. Darüber hinaus ist aber natürlich auch der Einfluss des Fasses nach 26 Jahren tropischer Reifung enorm, so dass auch Eichenholz und Tannine nicht zu übersehen sind und diesem Rum durchaus ihren Stempel aufgedrückt haben. Einigen könnte das sogar schon zu viel sein, mir allerdings gefällt's! Mit zunehmener Zeit im Glas wird die Nase dann noch deutlich besser, noch komplexer und erreicht definitiv eine Qualität, wie wir sie nicht jeden Tag zu sehen bekommen! 
Am Gaumen kann ich zunächst nur sagen: Wow! Das ist mal richtig, richtig guter Stoff! Erinnerungen an andere Jamaicaner, wie den Monymusk 1995 von Velier kommen sofort auf, aber auch Assoziationen zu Worthy Parks sind bei mir vorhanden, bzw. so stelle ich mir einen WPM 2006 nach 26 Jahren tropischer Reifung in Zukunft vor! Der Rum ist stark, im Sinne von Potent, aber nicht übertrieben alkoholisch und dazu überaus vollmundig. Mit zunehmender Zeit am Gaumen wird er dann auch cremiger und zeigt sich mit Noten von Bananenchips, Orangen, vor allem aber Anis en masse (!!) und Tanninen sehr typisch für einen lange und intensiv gereiften Jamaicaner. Wenn man den Rum allerdings zu lange im Mund behält, gewinnen diese die Übermacht und der Rum gerät für mich ein wenig zu bitter, daher würde ich zu kleineren Schlücken tendieren, die man schneller heruntergebracht hat. Dann aber belohnt einen der Rum nach allen Regeln der Kunst!
Im Abgang zeigt sich der Rum dann nochmal warm und trocken und mit der Zeit bitterer werdend. Dann ein charakteristischer, medizinischer Touch. Geschnittenes Geäst. Nelke. Cola. Leicht an Gardel erinnernd. Sehr komplex, richtig gut und vor allem wirklich sehr langanhaltend! 

-92/100-

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Velier Jamaica Rum 25 YO Appleton Estate 1995:

Die Nase vom 1995er gefällt mir vom Start weg besser als die des 1994ers! Hier finde ich durchaus auch einige für Appleton vollkommen untypischen Esternoten, die hier aber leider nicht gesondert auf dem Label angegeben werden, sondern lediglich in der Gesamtmasse der Congeners mit erfasst sind, die hier von allen drei Rums der Collection am stärksten ausgeprägt ist. Das wiederum geht ein wenig zu Lasten der Komplexität und der Tiefe, die ich beim 1994er stärker sehe, allerdings macht die Nase das für mein persönliches Gefallen durch eine starke Intensität wett, die mir sehr gefällt. Auch beim 1995er ist der Alkohol gut in die Nase eingebunden. Im Bouquet finde ich weniger das Appleton-typische, da die Congeners vieles durch Lösungsmittel  und Flüssigklebstoff überlagern, aber etwas Bitterorangen und natürlich auch Eichenholz und Tannine habe ich hier auch. Nach hinten heraus und mit zunehmender Zeit im Glas gewinnt der Rum allerdings nicht in dieser Weise noch dazu, wie ich das beim 1994er sehe. Ich habe nun auch Sahne-Toffee, allerdings nimmt die Intensität und damit die große Stärke dieser Nase deutlich ab. Seine beste Zeit im Glas hat der Rum für mich in den ersten 30 Minuten. 
Der Wow-Gedanke schleicht sich auch hier beim 1995er Appleton am Gaumen ein! Hatte ich beim 1994er schon deutliche Assoziationen zum 1995er Monymusk, so werden diese hier nochmals klar gesteigert! Die Parallelen sind überdeutlich! Die Erinnerungen an Worthy Parks WPM fallen bei diesem Vertreter allerdings komplett weg, das geht dann schon in eine andere Richtung. Die 3% vol. mehr im Vergleich zum 1994er fallen nicht so sehr auf, dafür aber der höhere Anteil an Congeners. Das ist schon deutlich mehr Jamaican Funk als beim 1994er mit aber ebenfalls sehr viel Anis, roten Früchten, Orangen, medizinischen Tönen und unfassbarer Intensität! Richtig, richtig lecker! Die Tannine spielen dabei natürlich auch immer noch mit, aber es gilt im Grunde das gleiche wie beim 1994er: lieber etwas kleinere Schlücke, da der Rum mit zunehmender Zeit am Gaumen ins bittere tendiert. 
Im Abgang habe ich frisch geschnittenes Geäst, einen leichten medizinischen Touch (nicht ganz so arg wie beim 1994er), aber insgesamt bei weitem nicht die Komplexität, die der 1994er hier noch aufwies. Zwar zieht sich auch der 1995er noch lange nach dem letzten Schluck hin, aber insgesamt ist das zu 1994 kein Vergleich! 

-90/100-

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Velier Jamaica Rum 21 YO Appleton Estate 1999:

Der 1999er hingegen mag mir schon direkt in der Nase hingegen so gar nicht zusagen! Dieser hat irgendetwas Gin-artiges an sich, was mir so gar nicht gefällt und meinen Geschmack leider sehr verfehlt. Da andere Tasting Teilnehmer, deren Expertise ich sehr schätze vom 1999er allerdings sehr begeistert waren, muss das wirklich eine sehr persönliche Sache sein und ist keine Frage der Qualität! Der ganze Rum wird aus meiner Sicht durch eine frisch und süß-säuerlich anmutende und an Gin, Zitrusfrüchte oder Ananas erinnernde Note überlagert, die mir nicht gefällt. Normalerweise sind das zum Teil zumindest eher Assoziationen, die mir gut gefallen, daher mag das paradox klingen, aber hier kommt das anders daher und für mich irgendwie unpassend. Hinter dieser Note habe ich dann aber warme und wiederum an Orangen und Appleton erinnernde Töne, die das ganze für mich aber erstmal nicht mehr rausreißt. Mit längerer Verweildauer im Glas allerdings verändert der Rum sein Bouquet bemerkenswert deutlich, so dass diese mir unangenehme Note weniger wird, auch wenn sie nie ganz verschwindet und immer noch sehr präsent ist, wenn man das Glas längere Zeit nicht an der Nase hatte und dieses dann wieder dort hinführt. 
Leider habe ich genau diese Note mit der Erinnerung an Gin aus der Nase auch am Gaumen und sie ist dort noch stärker ausgeprägt. Nein, der 1999er möchte mir einfach nicht gefallen, da kann ich zu meinem Bedauern machen was ich möchte, das wird nicht besser. Dementsprechend schwer fällt mir daher aber auch die weitere Beschreibung des Rums, da ich mich hier wirklich dazu nötigen muss, den 1999er im Mund zu behalten. Erinnerungen zu einigen weniger tollen Long Ponds kann ich ihm noch abringen, etwas Anis und durchaus schon bemerkenswert ausgeprägte Tannine, dafür, dass der Rum ja immerhin ganze fünf, bzw. vier Jahre jünger ist als seine beiden Partner der Hearts Collection. Aber es bleibt am Ende immer der Muff. Für mich leider ein Reinfall, auch wenn die Parameter ansonsten stimmig erscheinen. Der Rum ist immerhin vollmundig, intensiiv und der Alkohol zeigt sich gut eingebunden. Leider nutzt mir das nur herzlich wenig. Sehr schade!
Im Abgang dann wieder etwas leicht muffiges mit geschnittenem Geäst. Dazu lang anhaltend, bzw. in diesem Fall sogar länger als mir lieb ist. Machen wir besser einen Haken darunter. 

-79/100-

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Gesamt-Fazit: 

Meine Eindrücke zu den neuen Appletons waren tatsächlich sehr gemischt. Während ich nach der ersten Verkostung am Freitagabend ziemlich begeistert war, so war ich am Montag, während der Live-Verkostung mit Luca, Joy und Ian Burrell, im Verhältnis schon fast ernüchtert und empfand die Rums zwar natürlich als deutliche Steigerungen zu den normalen Appleton Blends, aber eben nicht als absolut herausragend. Heute allerdings, in meiner dritten Session und nachdem ich die Rums jetzt das erste mal wirklich in Ruhe und für mich alleine verkostet habe (so wie sonst auch, wenn ich Reviews verfasse) muss und möchte ich doch sehr deutlich festhalten, dass man hier meines Erachtens seitens Velier und Appleton schon ziemlich abgeliefert hat - zumindest, was die beiden Rums aus 1994 und 1995 betrifft! Über den 1999er möchte ich an dieser Stelle eher nicht weiter sprechen, da er mir einfach nicht gefiel. Dass er hier dennoch mit vorgestellt wurde lag schlicht daran, dass er eben auch Teil der Hearts Collection ist und einzig eine Vorstellung dieser Serie im Gesamten wirklich einen Sinn ergeben hat. 
1994 und 1995 aber sind zwei wirklich hervorragende Jamaica Rums, die man als Rum Liebhaber definitiv mal im Glas gehabt haben sollte, allein schon um zu realisieren was Appleton am Ende des Tages wirklich alles kann. Und das ist doch schon eine Menge, wie ich finde! Klar, es wird jetzt immer noch ein paar Leute geben die jetzt, angesichts einer doch sehr hohen Erwartungshaltung die da im Vorfeld entstanden ist, die absoluten Überrums erwartet haben und nun enttäuscht sind. Allerdings ist mir in dem Fall nicht klar, wohin genau die Erwartungen gingen. Hätte man sich mehr Appleton DNA gewünscht? Das war, im Hinblick darauf, dass 100% Pot Still Rums angekündigt waren, tatsächlich in der Tendenz nicht zu erwarten. Wer danach sucht, der wird verblüffender Weise eher bei den 1994er New Yarmouth Abfüllungen fündig, z.B. von Rum Artesanal, obgleich ich insbesondere heute in meiner Verkostung schon auch sehr viel Appletons in den Rums wiedergefunden habe. Hat man sich High Esters ausgerechnet? Auch hier hat Joy Spence schon mehrfach betont, dass dies nicht der Weg von Appleton ist. Was ich aber wirklich hoffe ist, dass sich ein Angebot einer Abfüllung mit über 50% vol. seitens Appleton in naher Zukunft wirklich mal etablieren könnte. 
Was ich in Bezug auf den 1994er und den 1995er auffällig fand: habe ich die Nasen in meinen beiden Erstverkostungen am Freitag und am Montag noch relativ ähnlich zueinander wahrgenommen, so gehen sie nun in meiner dritten Session schon klar auseinander und der höhere Anteil an Congeners beim 1995 macht sich doch sehr klar bemerkbar. Von Joy Spence gab es ja die Info, dass zwei der drei Rums das gleiche Mark haben und das können dementsprechend eigentlich nur diese beiden sein, aber wie gesagt, in meiner Wahrnehmung gehen auch diese nun schon ziemlich auseinander, so dass wir es all in all schon mit drei sehr unterschiedliche Rums zu tun haben, die, soweit mir das bislang aufgefallen ist, auch alle bereits jeweils ihre Liebhaber gefunden haben. Ich habe jeden der drei Jahrgänge schon mehrfach als Favoriten genannt gesehen. Was also, soll man noch sagen - außer natürlich noch ein letztes Mal "Vielen Dank!". Das kann man an dieser Stelle nicht oft genug sagen.

In diesem Sinne, bis demnächst!
Flo



Sonntag, 16. August 2020

Mai Tai mit RA 25 YO New Yarmouth 1994

Liebe Rum Gemeinde,

seit einigen Wochen ist der neue New Yarmouth von RA nun erhältlich und auch ich habe in der Zeit natürlich so ein wenige rum-experimentiert😏 und geschaut, was man damit alles machen kann. Zwangsläufig sprechen müssen wir dabei natürlich vor allem über den Cocktail-Klassiker für einen Jamaica Rum - den Mai Tai!



Man kann es drehen und wenden wie man will, aber wenn es um die Frage eines Signature Drinks für einen jeden Jamaica Rum geht der etwas auf sich hält, dann kann die erste Antwort eigentlich immer nur die immer gleiche sein: "Mai Tai!". Seit seiner Erfindung im Jahr 1944 durch Vic Bergeron durchlief dieser Drink seine Höhen und Tiefen, wobei die letzten Jahre wohl definitiv zu den absoluten Hochzeiten zählen dürften. Nie zuvor wurde sich weltweit so intensiv mit diesem Drink beschäftigt, wurde versucht seine Originalrezeptur zu entschlüsseln und seine Geschichte aufzuarbeiten, die reich an Mythen, Legenden und Unklarheiten ist. Oder anders gesagt: der Mai Tai bringt alles mit, was es braucht um zu einer echten Legende zu werden, die er heute längst ist.

Nicht ohne Grund gilt auch bei mir daher (mit wenigen Ausnahmen) bereits seit zehn Jahren: wenn ein Jamaica Rum wirklich etwas auf sich hält, dann besteht er im Mai Tai! Dabei hat sich der Charakter des Drinks ziemlich weit von dem entfernt, was Vic damals vorschwebte und was er selbst in seiner Bar gemixt hat. War der Originalrum für den Mai Tai, der J. Wray & Nephew 17 YO, aus heutiger Sicht eher ein Leichtgewicht, so wird der Mai Tai von vielen Liebhabern schon seit einigen Jahren eher mit sehr viel aromatischeren Ester-Bomben, z.B. aus Hampden, gemixt. Das ist zwar längst kein Mai Tai mehr im Sinne des Erfinders, aber für heutige Geschmäcker oft vielleicht sogar der bessere Drink. Der Rum mit dem ich heute arbeiten werde geht dagegen tendenziell eher wieder zurück zu Vics Wurzeln, wenn auch noch immer nicht vergleichbar zu jenem Drink von damals. Ich werde meinen Mai Tai mit dem neuen RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994 mixen, einem Rum, der Fässern entstammt, die in dieser Form sicher einst dazu bestimmt waren in einem der bekannten Appleton-Blends zu landen. Somit dröhnen zwar heute kaum Ester, aber mit seinen 67,7% vol. hat es der Rum trotzdem mehr als in sich! Nicht zuletzt deshalb werde ich die Rezeptur heute auch ein wenig anpassen und den Drink mit 5,5 cl statt wie üblich 6 cl Rum zubereiten. 


Das Rezept meiner Wahl (nach Trader Vic):

  • 5,5 cl RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994
  • 1,5 cl Ferrand Dry Curacao 
  • 0,9 cl Meneau Orgeat
  • 0,6 cl J.M. Zuckersirup
  • 3,1 cl Limettensaft (frisch gepresst!)






Mai Tai mit RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994:

Farblich erinnert mich der Mai Tai deutlich an jenen Drink, den ich anno 2010 als Mai Tai kennengelernt habe, als er von den meisten der erfahrenen Hobby-Bartender noch mit einer Rum-Kombination aus Appleton 12 YO und Saint James Royal Ambre von den empfohlen wurde. Die Mai Tais die ich später so sehr lieben gelernt und zu deren weiterer Verbreitung ich mit Überzeugung beigetragen habe waren heller, da ich meist kontinental gelagerte Rums aus Hampden verwendet habe. Heute geht es farblich also back to the roots!

Dabei bleibt es allerdings nicht, denn auch geschmacklich hat das hier ganz viel mit den Wurzeln zu tun, wie ich sie kennen gelernt habe, was natürlich am verwendeten Rum liegt, der eben zu Appleton tendiert. Diese Parallelen kann und möchte er einfach auch im Mai Tai nicht leugnen und so ist dieser Drink gewissermaßen ein Remix aus dem Flavour der einstigen Einstiegsdroge von damals und der Power des nerdigen Mai Tai, wie ich ihn mir heute meist zubereite! Und was soll ich sagen, ich find' das ziemlich geil! Es ist schon ein paar Jahre her, ich glaube es war während des MAI Tai 2013, da hatte ich den Drink mal mit Appleton 21 ausprobiert. Damals war das mit Blick auf dessen Preis (bereits 80,- Euro + x) dekadent, Rums für über 50,- Euro zu vermixen galt als unüblich, heute hingegen, wo ein richtig guter Hampden in Fassstärke oft über 100,- Euro kostet, würde man da wohl eher mit den Schultern zucken. Naja, jedenfalls hatte ich das ausprobiert und fand die Kombination recht gelungen, wenn auch etwas schwach auf der Brust. Dieser Mai Tai heute erinnert mich sehr an jenen von damals, korrigiert dabei allerdings dieses starke Defizit an Kraft, und so bin ich, gelinde gesagt, sehr angetan! Der Drink kommt wahnsinnig fruchtig und geht mit den Fasseinflüssen des Rums eine gelungene Verbindung ein. Trotz des hohen Alkoholgehalts des Rums (daher auf 0,5 cl in der Rezeptur verzichtet) ist der Mai Tai recht smooth zu trinken und erwartungsgemäß tut ihm das einsetzende Schmelzwasser nichts, vielleicht profitiert er davon sogar ein wenig. Die anderen Zutaten harmonieren super mit dem New Yarmouth, so dass ich auf jeden Fall von einer stimmigen Gesamt-Komposition sprechen möchte, die ich durchaus auch wieder mixen würde.

Fazit: leider geil! Ich gestehe, das war nicht mein erster Mai Tai mit dem neuen New Yarmouth von RA und es wird auch nicht mein letzter sein. Insofern unterstreicht das meinen letzten Satz im vorherigen Abschnitt. Außerdem bekenne ich mich ebenfalls schuldig dahingehend, dass meine Begeisterung über den Mai Tai mit diesem Rum Einfluss genommen hat auf meine Entscheidung darüber, wie viele Flaschen ich mir von dem guten Stoff am Ende insgesamt besorgt habe. Denn natürlich ist der Rum in seiner puren Form hervorragend zum sippen, der Stoff ist ein Gedicht, aber er funktioniert eben auch im Drink und mit einem Preis von 150,- Euro fiel er für mich noch gerade so in die preisliche Range mit hinein, in der man einen Rum auch problemlos mal vermixen kann, wenn sich daraus insgesamt ein Mehrwert ergibt und eben das ist hier der Fall! Insofern kann ich den New Yarmouth 1994 wirklich nur jedem ans Herz legen, der wie ich genauso auch mal auf einen tollen und ambitionierten Mai Tai steht und kein Problem damit hat, dafür auch etwas Geld in die Hand zu nehmen. Es lohnt sich!

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 5. Juli 2020

RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994

Liebe Rum Gemeinde,

in den letzten Wochen verdichteten sich bereits die Hinweise auf einige neue Releases lange tropisch gereifter Rums, die nicht von Velier kommen, doch nun wird es ganz konkret: als erster dieser unabhängigen Abfüller bringt die Heinz Eggert GmbH unter dem Label Rum Artesanal (RA) ein Small Batch Release eines 25 Jahre tropisch gereiften New Yarmouth Jamaica Rums aus 1994 an den Start!


Doch erst einmal der Reihe nach! Um zu verstehen inwieweit dies etwas besonderes ist, muss man sich die Marktlage der letzten Jahre vor Augen führen. Hier zeigt sich, dass zum einen tropisch gereifte Rums grundsätzlich erst einmal rar sind, zum anderen aber Velier unter den unabhängigen Abfüllern mehr oder weniger das Monopol auf tropisch gereifte Rums inne hat. Durch diese Tatsache schufen sie sich über Jahre eine Ausnahme-Stellung am Markt! Denn alle anderen unabhängigen Abfüller waren und sind mehr oder weniger auf Scheer ( und die dazugehörige Main Rum Company (MRC)) und andere Broker angewiesen, die Rum meist als frischen Bulk bekommen und dann in Europa kontinental reifen lassen, weshalb sich die IB im Wesentlichen aus dem gleichen Pool an Fässern bedienen. Diese Tatsache führt dazu, dass bei den Abfüllern normalerweise die immer gleichen Jahrgänge und Batches der selben Destillerien gebottled werden und Überraschungen eher selten sind. Velier hingegen kann seinen Kunden seit vielen Jahren Rum offerieren, den man in dieser Form sonst nirgendwo sonst bekommt. Denn weder werden bestimmte Marks bisher von europäischen Bulkhändlern geführt, noch ist das Angebot an tropisch gereiftem Rum in größerem Maßstab vorhanden. An der Stelle ist Velier der Konkurrenz in puncto direkte Kontakte in die Karibik etc. einfach voraus. Daraus ergibt sich die Situation, dass es zu deren Produkten niemals direkte und vergleichbare Konkurrenz-Bottlings gibt. Niemand sonst hat einen tropisch gereiften <>H Hampden oder 1996er HTR Caroni. Zu Bottlings der anderen IB hingegen gibt es fast immer vergleichbare Bottlings, denn einen kontinental gereiften Hampden 2000 oder einen Caroni 1997 hatte schon fast jeder im Portfolio. Man möge mich an der Stelle nicht falsch verstehen, ich möchte hier keine generelle Höher- oder Geringstellung einer Reifung vornehmen, es geht mir rein um die Situation am Markt und die Tatsache, dass die Konkurrenz jeweils nicht vergleichbar ist. Bei den meisten IB ist sie groß, bei Velier nicht vorhanden. Doch während das bisher als sehr zementiert galt, tut sich aktuell etwas, zumindest mal für einen kleinen Augenblick.



Denn wie es der Zufall so will, hat sich ein Jamaicanischer Broker vor einiger Zeit dazu entschlossen sich von seinem Stock oder zumindest einem Teil davon zu trennen und damit 100% tropisch gereiften Jamaica Rum verschiedener Destillerien in Umlauf gebracht, der bisher nicht abrufbar war. Dem Vernehmen nach verkaufte der Broker seinen Stock an J. Wray & Nephew, die diese Fässer ihrerseits wiederum an Velier als auch Scheer/MRC verkauften. Durch die Releases verschiedener IBs ergibt sich inzwischen auch langsam ein Bild, welche Fässer dieser Stock beinhaltete. So bringt Silver Seal z.B. in Kürze einen 1984er Monymusk auf den Markt und Hidden Spirits wird einen Monymusk 1995 bringen. Beide Jahrgänge waren auch schon bei Velier zu bestaunen (EMB 1995), bzw. werden es noch sein (MMW 1984). Wo man bisher demnach noch dachte, dass Velier einmal mehr Exklusiv-Anbieter ist, zeigt sich nun, dass dem nicht vollumfänglich so ist. Hier wird also eine direkte und unmittelbare Vergleichbarkeit gegeben sein, da die Rums aus der gleichen Quelle kommen! So richtig spannend wird es aber erst jetzt, denn verschiedene Abfüller haben auch einen New Yarmouth aus 1994 angekündigt, von denen RA in der kommenden Woche die ersten sein werden, die ein solches Bottling auf den Markt bringen!

Und dieses ist gleich in mehrerlei Hinsicht extrem interessant! Denn zum einen, und dazu muss ich leider spoilern, dass der Rum ein Appleton Profil hat, sind RA damit die allerersten, die einen lange gereiften Rum aus dem Hause J. Wray & Nephews anbieten, der aus Produktionen stammt, die ziemlich sicher für die Blendung der Appleton Rums vorgesehen war und zum anderen ist ja bereits bekannt, dass Velier auch u.a. einen 1994er Appleton am Start haben wird, weshalb sich natürlich auch hier die Frage aufdrängt, ob die Fässer vergleichbar sind. Momentan spricht noch vieles dagegen, da RA das Brennverfahren mit Column Still angibt, während Luca Gargano 100% Pot Still Appletons offerieren wird, die auch direkt von Appleton stammen und nicht den Umweg über New Yarmouth gegangen sein sollen. Aber letzten Endes wird die Frage freilich erst beantwortet werden können, wenn Luca seine Rums released hat, da zur abschließenden Klärung ein direkter Vergleich beider Rums nötig ist, der aktuell eben noch nicht vollzogen werden kann. So oder so, spannend finde ich diese Gesamt-Entwicklung allemal!


Insofern kann man Eggert/RA und auch Dominik an dieser Stelle nur zu diesem besonderen Coup gratulieren, und darum möchte ich auch gar nicht weiter drum herum reden, sondern dem 25 Jahre alten Rum Artesanal New Yarmouth 1994 die Bühne überlassen und direkt zur Verkostung übergehen. Bedanken möchte ich mich allerdings zuvor noch für die zu Foto- und Verkostungszwecken erhaltene Flasche, dies sei auch zum Zwecke der Transparenz an dieser Stelle gerne erwähnt. Auf meine sensorische Wahrnehmung hat dieser Prozess selbstverständlich keinerlei Auswirkungen. So, und nun: Action!


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Verkostung des RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994:

Preis: für 149,90 Euro kann eine Flasche 0,5 Liter bezogen werden. 

Alter: der Rum wurde im November 1994 destilliert und im Juni 2020 abgefüllt. Damit ist er mehr als 25 Jahre alt. 

Lagerung: die Fässer lagerten die gesamten >25 Jahre über auf Jamaica. 

Fassnummern: die Fässer #203 und #204 ergaben zusammen 709 Flaschen a 0,5 Liter. 

Angel's Share: keine gesicherten Angaben möglich, da Fässer gleicher Produktion in den Tropen immer wieder zusammen geschüttet werden, damit der Verlust nicht noch größer wird als ohnehin schon. Dadurch sind Single Casks tropisch gereifter Rums keine Single Casks im eigentlichen Sinne. Die Angabe eines Angel's Shares ist also nur möglich, wenn man die ursprünglich vorhandene Menge an Fässern kennt, die zum betreffenden Batch geführt haben. 

Alkoholstärke: stolze 67,7% vol. weist der Rum nach 25 Jahren tropischer Reifung noch auf - Barrel Proof! 

Destillationsverfahren: laut Backlabel wurde der Rum auf einer Column Still gebrannt. 

Mark: auf den Fässern befindet sich das Mark NYE / CS C.

Farbe: tiefes Mahagoni. 

Viskosität: leider ist das bei den Glencairn Gläsern nicht gut zu beobachten, da verläuft schon alles ziemlich ineinander. Im Ballonglas zeigt er aber weite, parallele Schlieren, die anfangs träge und dann doch recht zügig am Glas zurücklaufen. 

Nase: nach ca. einer Stunde des Atmens habe ich eine volle, reichhaltige, komplexe, warme und eindeutig zu Appleton Rums tendierende Nase! Der Alkohol ist hervorragend eingebunden, ich habe keinerlei Schärfe in der Nase. Im Gegenteil, selbst wenn ich die Nase direkt ins Glas halte kann ich problemlos tief einatmen. Wenn ich das mache, strömt mir ein unglaubliches Bouquet entgegen. Wow, in diesem Potpourri ist alles drin! Ich habe minimale Ester mit seinen Klebstoffen und Lösungsmitteln und dazu fruchtige Anklänge von z.B. grünem Apfel, Mango oder Papaya, aber auch einen stark würzigen Part mit Pfeffer und Muskatnuss. Darüber hinaus habe ich leicht nussige Assoziationen. Ich finde eine natürliche Süße, die mich an Rosinen und vor allem sehr dominant an Karamell erinnert, ebenso wie deutliche Einflüsse vom Holz in Form von Tanninen oder Bourbon Vanille. Die deutlichste Assoziation dazu ist, wie gesagt, Appleton, aber würde ich blind probieren, könnte ich sicher auch auf einen Demerara Rum tippen. Das ist ganz stark und großes Tennis! 

Gaumen: am Gaumen gibt sich der Rum zunächst noch etwas biestiger als in der Nase. Der bellt nicht nur, der beißt auch zu! Hier machen sich die nahezu 68% vol. schon bemerkbar und man muss den Tropfen im Mund erstmal bändigen. Erinnerungen an Velier Demerara Rums kommen hier auf, bei denen mir das auch häufig auffällt. Tropisch gereifte Rums sind selten die ganz weichen Vertreter. Ansonsten fällt sofort auf, wie sehr mundfüllend dieser Rum ist! Wahnsinn! Nicht in der Form, wie es eine Ester-Bombe a la Hampden ist, sondern ganz anders. Wärmer, weniger explosiv. Dazu gesellt sich etwas Holzlack und diese typische Note tropisch gereifter Rums, die ich bei diesen Vertretern häufig finde. Dazu kommt etwas Süße, Karamell, frisch geschnittenes Geäst und trockeneres Holz. Der Gaumen ist etwas weniger komplex als es die Nase war und deutlich auf der trockeneren Seite stehend. Nach hinten raus ist da sehr viel Anis, was für lange gereifte Rums ja sehr typisch ist. Erinnert hier teilweise auch an alte tropisch gereifte Demerara Rums. 

Abgang: frisch geschnittenes Geäst, Anis, trockener werdend, leichte Bitterkeit, die dann zunimmt. Tannine. Hier kommt das Alter doch zum tragen. Nach hinten heraus Kaffee und Röstaromen. Ansonsten typisch Appleton. Es sind vor allem die Eindrücke an die bekannten Rums dieses Estates, die verbleiben. 

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Small Batch vs. Ur-Sample
Fazit: sehr stark! Insbesondere Appleton Fans und Freunde tropisch gereifter Demerara Rums kommen heute natürlich voll und ganz auf ihre Kosten! Wenn ihr euch da angesprochen fühlt: das ist euer Tag heute! In der Filmbranche hätte man in diesem Zusammenhang wohl von Fan Service gesprochen - bloß, um sich zwischendurch dann doch noch immer mal wieder verwundert die Augen zu reiben, darüber, was da eigentlich gerade passiert. 100% tropisch gereifter Appleton, 25 Jahre alt und das ganze nicht mit 40, nicht mit 43, nicht mit 45% vol., nein, in Fassstärke mit 67,7% vol!! Und das ganze zu einem Preis, den man für einen Rum dieser Kategorie eigentlich schon kaum noch für realistisch gehalten hat. Insofern kommt hier schon genau der Rum um die Ecke geschnellt, auf den viele Connaisseure da draußen schon ziemlich lange gewartet und den sie sich viele Jahre erhofft hatten! Einzig für den doch sehr präsenten Alkoholgehalt gibt es leichte Abzüge. Wäre der Rum weicher, hätte er die 95er Marke geknackt! Aber ich möchte noch einmal herausstellen, dass wir es hier mit dem meines Wissens ersten unabhängig abgefüllten Rum aus dem Hause Appletons zu tun haben, bzw. einem Rum, der so in dieser Form dem Profil nach sicher großer Teil deren Blends ist. Daher noch einmal: Chapeau nach Bad Bevensen, wo man aktuell eine unfassbar gute Performance hinlegt! Freut mich tierisch, dass ihr so steil geht! So. Und nun habe ich Bock auf einen Mai Tai mit diesem Knaller-Rum und bin mal den Shaker holen... ;-) 

-93/100-

In diesem Sinne, bis dahin! 
Flo


Sonntag, 16. Februar 2020

Appleton Estate 30 YO Jamaica Rum

Liebe Rum Gemeinde,

für das heutige Review (und nach überstandener Magenschleimhaut-Entzündung) kehre ich einmal mehr in mein Kernland Jamaica zurück, auf die Insel und zu der Destillerie, die meine Leidenschaft für Rum vor jetzt ziemlich genau zehn Jahren entfacht haben: Appleton Estate!



Damals, am Anfang des letzten Jahrzehnts, als ich dank eines sehr kompetenten Cocktailforums auf unglaublich hohem Niveau meinen jugendlichen Blick auf den Cocktail als "Saftschubser" überwunden hatte, trank ich zum ersten Mal einen Rum Sour mit Appleton V/X und wusste: dieser Geschmack gefällt mir besser, als alles was ich bisher vom Whisky oder vom Gin oder sonst irgendwo her kannte! Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht vorstellen, jemals eine Spirituose pur genießen zu können, aber im Drink gefiel mir das und so fand ich den allerersten Zugang zu dem, was mich bis heute (zumeist in Fassstärke) so sehr begeistert. Ohne es zu Wissen, war mein Geschmack von diesem Augenblick an von Jamaica Rum geprägt worden. Und gerade als Rum-Einsteiger kann ich auch diesen Weg, also über einen sehr Basisspirituose-dominierten Drink, tatsächlich sehr empfehlen, um sich Spirituosen geschmacklich anzunähern. Dementsprechend gibt es heute, quasi als Tribute, einen Appleton für mich, wenn auch nicht irgendeinen Appleton, sondern den (nach dem 50 Years of Independence) zweitältesten, den die Destillerie aktuell im Portfolio hat: den Appleton Estate 30 YO Jamaica Rum!



Um genau zu sein, müsste es eigentlich natürlich heißen: "den (...) zweitältesten, den die Destillerie aktuell wieder im Portfolio hat". Denn einige werden sich erinnert haben, einen 30 YO gab es von Appleton vor einigen Jahren ja bereits schon einmal, bevor man im Jahr 2018 die Neuauflage releaste. Leider habe ich den Rum damals nicht probiert, denn, da bin ich ehrlich, Appleton gehören gemein hin nicht mehr unbedingt zu meinen Lieblingsrums, aber die aktuelle Abfüllung wollte ich mir nicht entgehen lassen. Darum geht mein Dank heute auch nach Berlin an einen lieben Connaisseur meines Vertrauens, der mir ein Sample dieses Tropfens zukommen ließ, so dass ich euch den Rum heute vorstellen kann: vielen Dank dafür!

Über den Rum selbst lässt sich, da würde ich mir von Appleton gern noch mehr Transparenz wünschen, leider nicht wirklich viel sagen. Weder weiß man, in welchem Verhältnis Pot- und Column Still Rums zum Einsatz kamen, noch welche Marks verwendet wurden. Die wenigen verfügbaren Informationen lassen da eher indirekt auf einige Fakten schließen. Da der Rum 2018 abgefüllt wurde ist beispielsweise klar, dass die Verwendeten Fässer aus dem Jahrgang 1988 und älter stammen müssen. Jüngere Jahrgänge kommen nicht in Frage, da der jüngste Bestandteil des Blends mit 30 Jahren Reife angegeben ist. Bekannt ist hingegen, dass Appleton seine Rums seit jeher tropisch reift und dass kein Zucker oder andere Zusätze beigegeben werden. Das ist auf Jamaica glücklicherweise gesetzlich verboten. Davon dürften sich andere rum-produzierende Länder gern eine dicke Scheibe abschneiden!

Zu Appleton im Allgemeinen ist hingegen bereits viel gesagt und geschrieben worden, auch von mir in einem seperaten Artikel über J. Wray & Nephew und Appleton Estate. Zwar erreicht der Beitrag in Umfang und Tiefe noch nicht jene von Long Pond, Hampden oder Caroni, aber es sollte für einen kleinen Einstieg genügen. Wer da interessiert ist, der kann also gern mal einen Blick darauf werfen. 



Verkostung des Appleton Estate 30 YO Jamaica Rum:

Preis: der offizielle Ausgabepreis lag bei ca. 400,- Euro. Man bekam ihn zum Teil noch etwas günstiger, oft war er aber auch teurer. Aktuell bekommt man ihn noch für über 500,- Euro.

Alter: über die genauen Blend-Zusammensetzungen schweigt sich Appleton aus, aber der jüngste Bestandteil im Rum wurde dreißig Jahre lang im Fass gereift. 

Lagerung: die Fässer lagerten sämtlichst und über die gesamte Dauer der Reifung auf Jamaica in tropischem Klima, bevor 2018 abgefüllt wurde.  

Fassnummern: keine Angaben. Ebenso ist die genaue Anzahl an Fässern die zum Einsatz kamen unbekannt. Lediglich die Menge an abgefüllten Flaschen, genau 4.000 Stück sind es, wissen wir sicher.

Angel's Share: keine Angaben. 

Alkoholstärke: der Rum kam mit 45% vol. auf die Flasche - verdünnte Trinkstärke. 

Destillationsverfahren: Appleton destilliert sowohl im Pot- als auch im Column Still Verfahren. In welchem Verhältnis die enthaltenen Rums jeweils in welchem Verfahren gebrannt wurden ist nicht bekannt, aber da Appleton als Global Player in erster Linie wirtschaftlich denkt, dürften die Rums im Column Still Verfahren überwiegen, da deren Herstellung um ein vielfaches günstiger ist. 

Mark: unbekannt.

Farbe: tiefes Mahagoni. 

Viskosität: viele eng und parallel verlaufende Schlieren bilden sich an der Glaswand und laufen träge ins Glas zurück.

Nase: ich habe eine tiefe und intensive Appleton-stiltypische Nase, die mir sofort deutlich macht, dass sich um einen wirklich lange gereiften Rum handeln muss. Trocken, mit reichlich Tanninen, aber auch einer schweren, sirupartigen Süße, karamellisiertem Zucker, gepaart mit fruchtigen Mangos und Maracujas, trockenen Nüssen, sowie einem großzügigen Griff in den Gewürzschrank, bei dem Pfeffer, Anis und Nelke heruntergefallen sind empfängt mich die Nase. Ganz peripher kommt auch eine fleischige Note durch, wie ich sie beim Caroni-Jahrgang 1998 oft finde, aber nicht störend. Das gefällt mir bis hier hin ausgesprochen gut, muss ich gestehen! Alkoholische Schärfe habe ich keinerlei, da spielt die drastische Verdünnung auf gerade einmal noch 45% vol. natürlich enorm mit hinein. Die Nase erinnert mich, und ja, das darf durchaus Unterstreichung der von mir hier wahrgenommenen Qualität interpretiert werden, stellenweise auch immer wieder an andere lange gereiften Rums aus Jamaica. Zwar ist das Appleton-Profil noch unverkennbar, aber der Rum ist doch etwas weniger beliebig, als es viele seiner Brüder oft sind. Komplexität, bzw. dessen Abwesenheit, ist und bleibt zwar ein Appleton Thema, aber dieser Rum weiß das besser als andere Destillate der Brennerei zu kompensieren, u.a. über die Intensität.

Gaumen: die Verdünnung, bei einem Rum mit nur 45% vol. kann es am Gaumen erst einmal kein anderes Thema geben, hat dem Rum weniger geschadet als das bei den allermeisten anderen Appleton sonst der Fall ist, die allerdings auch oft gar nur 43% vol. aufweisen. Dafür funktioniert der Rum dann aber problemlos auch mit größeren Schlücken. Zunächst habe ich eine schöne natürliche Süße und Fruchtigkeit, die ich von Appleton so nicht immer unbedingt gewohnt bin und die mir sehr gut gefällt. Dann kommt einiges an Holz heraus, aber eher trockenes als feuchtes Holz, so dass insgesamt schon beinahe kurze Assoziationen zu einem Spanier entstehen. Ansonsten kommt da leider nicht so wirklich viel, so dass das Thema der fehlenden Komplexität für mich auch am Gaumen eines ist, dem sich der Rum stellen muss. Je länger der Rum im Mund verbleibt, desto trockener und holziger wird er, was ihm nicht wirklich gut tut. Beendet man den ganzen Spaß dagegen etwas zeitiger, ist der Gesamteindruck deutlich besser. 

Abgang: trocken, leicht nussig, etwas muffig und nicht wirklich lecker bleibt dieser Rum am Gaumen haften. Hier hatte ich mehr erwartet. Der schwächste Part des Rums. 

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Fazit: der Rum ist "ganz nett" und für mich auch definitiv einer der besseren von Appleton, aber zu diesen Kursen, ab 400,- Euro aufwärts, nichts, worüber ich ernsthaft nachdenken würde am Ende auch zu kaufen. Wer die Möglichkeit hat zu probieren, dem würde ich das immer nahelegen, denn Appleton zeigt hier doch mal sehr schön was sie können, aber andere, das zieht sich leider durch, zeigen eben mehr und da ist das bessere der ärgste Feind des guten. Und ja, ich sagte zeigen, denn was Appleton am Ende wirklich kann, das haben wir meines Erachtens noch nie wirklich gesehen. Ein reiner Pot Still von dort würde mich beispielsweise wirklich interessieren, dazu das ganze in Fassstärke... und dann mal schauen, wie ein solcher Rum sich machen würde. Soll heißen: meines Erachtens schöpft Appleton sein Potenzial nicht einmal im Ansatz voll und ganz aus und das finde ich schade! Wenn die Gerüchte stimmen, dann wird von Velier ja vielleicht etwas kommen, was meinen Wünschen sehr entgegen kommen würde, aber da versuche ich meine Vorfreude noch zu drücken, bis ich einen solchen Rum dann eines Tages vielleicht wirklich mal im Glas habe. Ein richtiges Signal wäre es aber allemal und so kann ich nur einmal mehr an Joy Spence appellieren, endlich den Fuß von der Bremse zu nehmen und Vollgas zu geben! Ich bin sicher, ihr könnt mehr! Der heutige Rum hat das zumindest mal angedeutet. Das ist ein Anfang. Aber noch nicht mehr.

-84/100-


Bis demnächst,
Flo