Sonntag, 19. April 2020

RA Jamaica Rum 21 YO Hampden 1998

Liebe Rum Gemeinde,

Oops, they did it again! Gerade erst hat uns Rum Artesanal im März mit neuen, zum Teil sogar herausragenden neuen Bottlings überrascht, da kommt jetzt schon der nächste Streich aus Bad Bevensen! Und auch dieses Mal dürften wieder einige Augen leuchten... es geht nach Jamaica!



Mit einem klasse Jamaica New Yarmouth aus 2009 und natürlich dem herausragenden Demerara Enmore/Versailles REV aus 1994 gelangen dem deutschen unabhängigen Abfüller Rum Artesanal im letzten Monat März zwei absolute Coups. Beide Rums waren extrem schnell vergriffen, was im Hinblick auf die enorme Qualität nur allzu verständlich war. Nun haben sie nochmal nachgelegt und schieben jetzt Mitte/Ende April noch einen Rum aus der Hampden-Distillery hinterher, die aktuell wohl eine der beliebtesten Destillerien unter Liebhabern authentischen Rums ist.
Und apropos authentischer Rum. Bereits letzte Woche hatte ich hier auf die neue deutsche Facebook-Gruppe "German Rum Association" hingewiesen und möchte die Gelegenheit heute erneut nutzen, euch dazu einzuladen dort beizutreten. Hier entsteht gerade das erste Mal überhaupt im deutschsprachigen Facebook eine Plattform, die sich rein dem Rum widmet und die alles an Spirituosen was den Namen Rum zu unrecht trägt klar und deutlich ausschließt. Es geht dort nur um Rum. Nicht um DP, Z.., D/B, etc.!

Doch zurück zur heutigen Abfüllung!




















Der heute vorgestellte Jamaica Rum 21 YO Hampden 1998 ist ein HLCF, also ein Light Continental Flavoured Rum, was RA erfreulicherweise auch auf ihrem Backlabel angeben. Rums aus diesem Jahrgang wurden bereits von The Rum Cask, aber auch von Rum Nation oder Kill Devil schon abgefüllt und erfreuten sich stets großer Beliebtheit. Denn das Mark HLCF (Estergehalt ca. 500 - 700 gr/hlpa) bringt auf der einen Seite bereits genug Funk mit, um quasi jedem zu demonstrieren, was Hampden ist und was Hampden kann, und auf der anderen Seite ist es noch Smooth genug, um nicht nur von Hardcore-Nerds und Ester-Fetischisten genossen werden zu können. Das kommt, verständlicher Weise, extrem gut an! Nun wären RA ja aber nicht RA, wenn sie nicht auch zu diesem Rum nicht wenigstens eine kleine Geschichte zu erzählen hätten. Und in diesem Fall ist das tatsächlich ziemlich witzig, denn der Rum hatte sozusagen ein "Mini-Finish", nämlich im Fass des im März abgefüllten REV, da man das Hampden-Fass für ein anderes Projekt zeitnah benötigte und das REV-Fass gerade "frei" war. So brachte der Hampden auch noch zwei Wochen in jenem Fass zu, der zuvor den Rum enthielt, der eben noch alle elektrisiert hatte. Ob man davon was merkt? Abwarten, es klingt alles doch eher nach einer Anekdote, aber wer weiß ;-) Abgefüllt wurden insgesamt 276 Flaschen des Fasses #45 aus dem Stock von Rum Artesanal und bei 65,9% vol. kommt der Rum natürlich in Fassstärke zu euch!

Im Sinne der Transparenz sei erwähnt, dass ich Ende März ein kostenloses Sample dieses Rums von Dominik (RA) zur Verkostung erhielt, sowie eine Flasche des Rums für ansprechende Bebilderung. Vielen lieben Dank dafür!



.
Verkostung des RA Jamaica Rum 21 YO Hampden 1998:

Preis: für 0,5 Liter Hampden 1998 müssen ca. 90,- Euro auf den Tisch gelegt werden. Das darf man durchaus preiswert nennen!

Alter: der Rum lag von Dezember 1998 bis April 2020 im Fass und ist somit 21 Jahre alt. 

Lagerung: da Hampden vor der Schließung 2003 keinen Rum selbst reifen ließ, lagerte der Rum die gesamten 21 Jahre über in kontinentalem Klima. 

Fassnummer: Cask #45 ergab insgesamt 276 Flaschen. 

Angel's Share: ca. 20% gingen an glückliche Engel.

Alkoholstärke: mit potenten 65,9% vol. kommt der Rum daher - Fassstärke!

Destillationsverfahren: der Rum stammt aus einer Double Retort Pot Still.

Mark: HLCF (Hampden Light Continental Flavoured)

Farbe: der Rum kommt in einem satten, dunklen, goldenen Stroh daher. 

Viskosität: an der Glaswand bilden sich eher enge, parallel aber unregelmäßig verlaufende Schlieren, die recht zügig am Glas hinab fließen. 

Nase: zu Beginn empfängt der Rum meine Nase noch sehr verwoben und konzentriert. Der Alkohol sticht doch erstmal ordentlich und es braucht einige Zeit, bis das Bouquet des Rums wirklich durchkommt und ich meine Nase auch ein wenig näher zum und schließlich auch ins Glas halten kann. Nach ca. 45 Minuten macht er langsam auf und gibt Preis, was man von einem gereiften HLCF Hampden seines Alters und seines Estergehalts an dieser Stelle erwartet. Dann strömen die Ester aber nur so auf einen ein. Sehr, sehr kräftig und intensiv kommen die Klebstoff- und Lösungsmittel-Assoziationen und sie bringen einiges an Fruchtigkeit und Säure mit, wobei sich letztere zur Freude sicherlich vieler sehr in Grenzen hält. Gebackene Banane, gegrillte Ananas, Zitrusfrüchte, das ganze aber durchaus auch schon ergänzt mit sehr schönen gereiften Noten vom Fass, wie Vanille oder Toffee, die erkennen lassen, dass dieser Rum kein ganz junger mehr ist. Die Jugendlichkeit, die die TRC Bottlings z.B. immer noch ausgestrahlt haben, scheint vorüber zu sein. Dadurch vermittelt der Hampden bereits zu diesem Zeitpunkt eine Ausgeglichenheit, die vielen sehr, sehr gut gefallen dürfte! Die Nase, das kann man nicht anders sagen, macht wahnsinnig Spaß! 

Gaumen: der erste Schluck und direkt ist klar, dass ich hier einen der besseren Hampden vor mir habe. Toller erster Eindruck! Der Rum kommt dezent adstringierend, so dass es einem leicht die Schleimhäute zusammenzieht. Grundsätzlich gut eingebunden ist auch der Alkohol, allerdings zeigt er sich durchaus präsent, was aber bei fast 66% vol. nicht verwunderlich ist. Es braucht daher eine kleine Weile, bis die Zunge ihn gebändigt hat. Größere Schlücke machen aber aus Spaß tatsächlich schnell Ernst, da wird der Hampden dann garstig ;-). Geschmacklich würde ich sagen, dass der Rum schon sehr typisch Hampden HLCF ist. Wer da schon mal was kontinental gereiftes in dieser Richtung hatte, wird das hier wiedererkennen. Heißt: zunächst habe ich natürlich die Ester, die sich am Gaumen fruchtig auswirken und mir einen ganzen Obstkorb bringen, in dem Banenen, gegrillte Ananas und Zitrusfrüchte dominieren. Damit einher geht eine schöne, natürliche Süße, die wiederum übergeht in Assoziationen zu mediterranen Antipasti. Dahinter wird der Rum dann trockener. Nun kommen erdige Anklänge von Humus und Haselnuss hervor, dazu Anis und leichte Tannine. Gerade im Vergleich zu jüngeren 1998ern weist der Rum eine deutliche Fassreife auf, ohne deshalb allerdings rundgelutscht zu sein. Gefällt mir sehr gut bis hier hin!

Abgang: sehr nussiger Abgang, als wollte er uns alle nochmal daran erinnern, dass der Jahrgang 1998 inzwischen erwachsen geworden ist. Auch die Ester geben dann ihre Abschiedsvorstellung, der Rum ist dementsprechend äußerst langanhaltend. Spitze! Achso, und: erinnert ihr euch noch an den Gag mit dem REV-"Finish"? Das spielte für die Verkostung letztlich wirklich keine Rolle - bis jetzt! Denn ganz peripher ist nun Pflaume wahrzunehmen, da kommt tatsächlich das REV-"Finish" etwas heraus! Großartig, weil weder aufdringlich noch unpassend! Herrlicher Twist!

-------------------------------------------------------------------------------------------------

Fazit: Leider Geil! Letztlich, und im Hinblick auf schon so viele Hampden, die ich hier vorgestellt habe, kann ich sagen, dass man hier in erster Linie zunächst einmal das bekommt, was man sich erhofft und wohl auch erwartet hat, wenn einem die 1998er Hampden gefallen. Soll heißen: nein, die ganz großen Überraschungen bleiben für's erste aus, und eine Ester-Party wie bei 1990 oder 2001 ist das natürlich auch nicht, aber man bekommt, was man vom HLCF-Jahrgang 1998 erwartet. Unaufgeregte Weltklasse, noch dazu im für Hampden besten Alter mit 21 Jahren. Das ist für die allermeisten schon mehr als genug, bekommt man einen Top-Hampden ja nun auch nicht gerade alle Tage, und bis zum Abgang wäre es das mit meinem Fazit dann im großen und ganzen wohl auch schon gewesen, aber dann kam eben jener Abgang und hat das alles nochmal auf links gedreht. Plötzlich war da nämlich doch eben jenes REV-Finish, welches man über die Verkostung schon beinahe wieder vergessen hatte, weil es weder sonderlich ernst gemeint noch wahrnehmbar schien. Aber der REV hat es in den Hampden geschafft. Nicht sehr prominent, aber als Sidekick und damit in einer Weise, die vermutlich die einzige ist, in der das überhaupt funktionieren konnte, denn normalerweise eignen sich Hampden Rums für ein Finish meines Erachtens gar nicht. Hier kommt das aber nicht störend, sondern eher wie ein genialer Twist. Connaisseure, die den REV nicht kennen, nehmen vielleicht noch nicht einmal wahr, dass da noch was anderes mit drin steckt. Wie ein Ton-Schnipsel in einem Musikstück, das so geschickt in den Track eingewebt wurde, dass man fast ein Kenner sein muss, um die Hommage zu herauszuhören. So muss man sich das hier vorstellen. Mir gefällt das richtig gut und es hat den Rum in meiner Gesamtwertung sicher nochmal 2 Punkte nach oben gebracht und damit in Bereiche, die ich normalerweise nur an Hampdens mit noch höherem Estergehalt vergebe. Aber die haben kein REV-Finish. 8-)


-93/100-

Bis demnächst,
Flo

Keine Kommentare:

Kommentar posten