Sonntag, 15. März 2020

RA Jamaica Rum 10 YO New Yarmouth 2009

Liebe Rum Gemeinde,

nachdem der letzte Woche hier vorgestellte RA Guyana Rum 25 YO Enmore REV 1994 wie eine Bombe eingeschlagen hat und am vergangenen Freitag blitzschnell ausverkauft war, möchte ich euch heute auch schon die nächste Abfüllung aus der Frühjahrs-Release-Welle von RA vorstellen, einen zehn Jahre alten Jamaica Rum aus der New Yarmouth Destillerie aus dem Jahr 2009!



Ihr Lieben, ich muss gestehen: ja, eigentlich wollte ich zu New Yarmouth längst schon mal etwas bringen hier auf BAT, denn es gab da ja schon ein paar sehr gute Vertreter des Jahrgangs 2005, beispielsweise von CDI und vor allem von 1423. Kommt auch noch! Versprochen! Nun hat Rum Artesanal aber als meines Wissens nach erster Abfüller einen New Yarmouth aus dem Jahr 2009 an den Start geschickt und dementsprechend werde ich diesen heute dann auch etwas gesondert behandeln und noch nicht allzu detailliert auf Vergleiche zum 2005er Batch eingehen. Leider habe ich, auf Grund dessen, dass Zeit bei mir zuletzt häufiger Mangelware war, zu New Yarmouth bisher noch nicht wirklich viel an Background Informationen recherchiert, was wohl auch mit ein Grund dafür war, dass die 2005er hier noch nicht besprochen wurden. Der andere Grund ist, dass mich der Rum um den es heute geht schon auch ziemlich überrascht hat, wenn gleich ich dazu an dieser Stelle noch nicht zu viel verraten möchte. Da ich euch aber auch nicht ganz "unbewaffnet" mit Wissen in das Review schicken mag, werde ich euch hier einen kurzen Abriss zu New Yarmouth darlegen:


New Yarmouth - ein kurzer Überblick:

New Yarmouth ; Source: thelastgreatgreathouseblog.wordpress.com
Wann genau New Yarmouth auf Jamaica gegründet wurde und wann es anfing Rum zu produzieren konnte ich bisher noch nicht gesichert in Erfahrung bringen. Fest steht aber, dass New Yarmouth schon sehr alt ist und seine Geschichte zurück bis ins 18. Jahrhundert reicht und auf die Familien Carver und Ward zurück geht. Somit hat auch diese Destillerie, wie auch z.B. Hampden oder Long Pond, ein schwarzes Kapitel namens "Sklaverei" in seiner Chronik, die erst in den 1830er Jahren abgeschafft wurde. Die Destillerie liegt im Süden Jamaicas, im Parish Clarendon. Im Gegensatz zu Hampden, Long Pond oder Appleton ist New Yarmouth relativ unbekannt und war bis ins Jahr 2017, als CDI als meines Wissens erster unabhängiger Abfüller einen reinen New Yarmouth Rum bottlete, außerhalb von Jamaica im Grunde nur  absoluten Nerds ein Begriff. New Yarmouth produziert Rums mit einem Estergehalt zwischen 95 und 1.600 gr/hlpa und besitzt damit nahezu die gleiche Spannweite an Stilen wie Hampden. Warum der Hampden-Vergleich? Nun, vor allem weil die Rums am Ende wohl am ehesten mit denen aus Hampden zu vergleichen sind.


Hier eine Übersicht über alle Marks von New Yarmouth:

Distillery Mark Explanation Ester (gr/hlpa)
Jamaican Ester Level
NYE / P. New Yarmouth Estate /
P.(lummer?)
95-150 Common Clean
NYE / W. New Yarmouth Estate /
W.(edderburn?)
150-250 Plummer/ Wedderburn
NYE / CR New Yarmouth Estate / CR 250-350 Wedderburn;
Out of Range
NYE / HM New Yarmouth Estate / HM 500-700 Out of Range
NYE / RR New Yarmouth Estate / RR 900-1000 Continental Flavoured
NYE / WM New Yarmouth Estate / WM 1300-1400 Continental Flavoured
NYE / WK New Yarmouth Estate / Winston Kennedy 1500-1600 Continental Flavoured



Anders als bei Hampden lassen sich die Marks bei New Yarmouth noch kaum bis gar nicht auflösen. Um dahinter zu kommen, ist es immer eine Idee sich berühmte Persönlichkeiten der Destillerie, ehemalige Destillerien, die vllt. übernommen wurden, oder Stile der Vergangenheit genauer anzusehen. Häufig finden sich dann Initialen in den Marks wieder. Bei New Yarmouth funktioniert das nicht so einfach. Es gibt in dessen Geschichte die Familien Carver und Ward, es gibt die Estates Rymesbury und Whitney und es finden sich dazu auch Buchstaben in den Marks wieder, aber eindeutig zu zu orten ist da leider bisher nur Winston Kennedy (ehemals Hampden). Dieser kann sicher dem Estergehalt von 1500 - 1600 gr/hlpa zugeordnet werden. Ansonsten ist allerdings nichts sicher bekannt. Aber das war bei anderen Destillerien früher auch nicht anders und inzwischen ist da vieles aufgelöst. Insofern: so geht es immer los mit der Jagd nach Informationen und insofern bin ich zuversichtlich, da auch noch mehr herauszubekommen. 

New Yarmouth produziert seinen Rum normalerweise ausschließlich für J. Wray & Nephew oder Rum Marken, die von J. Wray & Nephew beliefert werden. So wird z.B. der White Overproof bei New Yarmouth hergestellt und angeblich stammen auch die Coruba Rums von dort. Aber es haben nun auch New Yarmouth der Jahrgänge 2005 und 2009 zu den unabhängigen Abfüllern geschafft und vielleicht kommen da ja sogar noch mehr. Wer weiß. Der Jahrgang 2009, so wird es für den RA angegeben, hat einen Estergehalt von ca. 750 gr/hlpa. Insofern dürfte er entweder das Mark HM oder RR tragen. Genau lässt sich das derzeit leider nicht bestimmen.

Im Sinne der Transparenz sei erwähnt, dass ich ein kostenloses Sample dieses Rums von Dominik (RA) zur Verkostung erhielt. 

Source: Rum Artesanal


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Verkostung des RA Jamaica Rum 10 YO New Yarmouth 2009:

Preis: für 43,95 Euro UVP bekommt man eine 0,5 Liter Flasche dieses Jamaicaners. 

Alter: von Dezember 2009 bis März 2020 durfte der Rum im Eichenfass reifen.

Lagerung: der Rum kam als frischer Bulk nach Großbritannien und lagerte dementsprechend die gesamte Zeit der Reifung über in kontinentalem Klima.

Fassnummer: #190 ergab insgesamt 289 Flaschen zu je 0,5 Liter.

Angel's Share: ca. 11% gingen an glückliche Engel! 

Alkoholstärke: mit 66,9% vol. haben wir hier ein echtes Fassstärke-Brett vor uns!

Destillationsverfahren: der Rum stammt aus einer Pot Still.

Mark: das Main Mark lautet JNY, allerdings zählt dieses nicht zu den offiziellen Marks von New Yarmouth. Laut des angegebenen Ester-Gehalts müsste das Original-Mark entweder NYE / HM lauten, oder aber NYE / RR.

Farbe: kräftiges, dunkles, goldenes Stroh.

Viskosität: der Rum bildet unregelmäßige, fette Schlieren an der Glaswand.

Nase: leicht stechender Alkohol zu Beginn, aber nicht unangenehm, zumal nicht bei einem Rum mit fast 67% vol.! Ich habe sofort sehr kräftige Ester in der Nase, die mit ihrem ganzen Klebstoff und Desinfektionsmittel direkt und unweigerlich an Hampden erinnert. Blind würde ich vielleicht wohl auch auf Hampden tippen, denn ich empfinde beide Stile als sehr, sehr ähnlich. Bewusst verkostet zeigen sich nach einiger Zeit allerdings auch Assoziationen, z.B. welche zu Keksteig, die ich mit Hampden nicht in Verbindung bringe und die somit verraten, dass es sich um keinen Rum von dort handelt. Zudem hat der Rum nicht ganz diese Intensität, mit der Hampden immer wieder ums Eck biegt und welche sie durch ihren einzigartigen Fermentationsprozess erreichen. Dennoch: ich glaube nicht, dass ich das Blind erkennen würde, was unterstreicht, dass wir hier allenfalls über Nuancen sprechen, die auch bewusst nur über einen großen Erfahrungsschatz in diesem Bereich auseinander gehalten werden können. Im Bouquet finde ich ein Potpourri an vielen Zitrusnoten, Marzipan, Vanille, Humus, Banane und etwas parfümiertem. Ihr merkt auch hier: das klingt alles nicht weit weg von Hampden und gefällt mir wirklich gut! Zumal mit zunehmender Zeit im Glas die doch noch recht jugendliche und frische Anmutung, die der Rum zu Beginn noch hat, einem eher vollen, reichhaltigen und ausgewogenen Eindruck weicht. Für "nur" zehn Jahre auf dem Kontinent finde ich das schon extrem stark! Der Rum ist in der Nase nicht der komplexeste, aber auch das hat er mit vielen Hampden gemein!

Gaumen: am Gaumen bemerke ich dann zunächst vor allem erst einmal zwei Faktoren, die die Nase noch sehr gut versteckt, bzw. eingebunden hat: einmal sein noch jugendliches Alter und zum anderen sein extrem hoher Alkoholgehalt. Ich habe zunächst einen größeren Schluck genommen und der ballert ganz schön rein! Hui, ja, da hat's richtig gescheppert kurz! Vor allem zeigt sich der Rum in der Folge mal adstringierend ohne Ende. Das habe ich in der Form schon länger nicht mehr erlebt! Es zieht mir regelrecht die Mundschleimhäute zusammen und legt den ganzen Mundraum trocken, so dass die Speichelproduktion natürlich in vollen Touren anläuft. Dementsprechend dauert es doch einige Zeit, bis der Rum gezügelt werden kann und dann sanft auf der Zunge liegt. Ich empfehle hier also eindeutig eher kleinere Schlücke, dann wird es nämlich recht entspannt, bei größeren dagegen sonst wirklich heftig. Der Alkoholgehalt, auch wenn man da gerade einen anderen Eindruck gewinnen konnte, ist meines Erachtens extrem gut ins Destillat eingebunden. Klar, 67% vol. sind kein Kindergeburtstag, aber ich kenne genug Rums, die im Vergleich auch bei kleinen Schlücken und diesem Alkoholgehalt noch gut brennen. Der New Yarmouth erinnert auch am Gaumen in allem sehr an Hampden, vielleicht sogar noch einen Ticken mehr als in der Nase. Das ist schon eine extrem nahe Verwandtschaft! Mit zunehmender Zeit am Gaumen wird der Rum dann trockener und bitterer und bekommt einen Macadamia-Touch. Auch hier finde ich das Ergebnis nicht zuletzt im Hinblick darauf sehr bemerkenswert, als dass der Rum eben "nur" zehn Jahre kontinental gereift wurde, man ihm dies aber nicht zwingend anmerkt. Im Gegenteil, für mich wirkt der Rum stellenweise sogar extrem ausgereift, gerade, weil ich bei diesen Highest Ester Vertretern auch wirklich keine Reifung bis zum im wahrsten Sinne des Wortes bitteren Ende brauche. Nein, der wirkt schon sehr auf den Punkt!

Abgang: der Abgang gestaltet sich trocken, bitter und weniger an Jamaica erinnernd, wie man das beispielsweise von Hampden kennt. Diese Endlos-Abgänge, kombiniert mit den immer wiederkehrenden nachhallenden Einschlägen am Gaumen bekommt in dieser Form so niemand anderes hin bisher. Hier zeigt der Rum vermutlich die größte Eigenständigkeit im Vergleich zu Hampden, dann nämlich, wenn mich der Abgang ein wenig an Weizenbier erinnert.

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Fazit: New Yarmouth ist für mich bisher der Stil, der Hampden mit Abstand am nächsten kommt! Dass das überhaupt möglich sein könnte hielt ich lange Zeit tatsächlich für unmöglich, aber der Beweis steht vor mir. Nun ist das mit Ähnlichkeiten ja allerdings auch immer so eine Sache, selbst bei Ähnlichkeiten zu Erstrebenswertem. Warum New Yarmouth, wenn die Ähnlichkeit so groß und die Versorgungslage mit Hampden bestens ist und in Zukunft sicher auch noch besser wird? Aktuell spricht, insbesondere für die heute besprochene RA Abfüllung gilt das in höchstem Maße, sicherlich noch der Preis für New Yarmouth, da diese eher unbekannte Destillerie noch nicht vollkommen überhyped ist, während die Preise für Hampden immer weiter nach oben schießen. Sollte sich das ändern, fürchte ich aber, könnte mir bei New Yarmouth so ein wenig das Alleinstellungsmerkmal fehlen. Schon bei den 2005ern hatte ich schnell dieses Empfinden eines One Trick Ponys. Die Rums sind hervorragend, fesseln mich aber unter Umständen nicht sehr lange! Dieser New Yarmouth aus 2009 kommt da ein wenig anders daher, auch, weil er noch etwas jünger ist. Hier kann ich mir, gerade ob des Preises, leckere Mai Tais sehr gut vorstellen und glaube, dass der Rum auch nicht selten dazu genutzt werden dürfte. In jedem Fall bieten RA hier wohl unbestritten einen, wenn nicht sogar schon DEN, PLV-High Ester-Jamaicaner des Jahres! Zu diesem Kurs kann man da mal so gar nichts falsch machen, so man ihn denn noch bekommt, denn mein Gefühl sagt mir, dass der ähnlich begehrt war und ist wie der REV - zurecht! Ich gehe nicht davon aus, dass man einen Rum dieses Profils in Zukunft noch einmal zu einem solch starken Preis bekommen wird! 

-90/100-

Bis demnächst,
Flo



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