Long Pond

Die Long Pond (zu dt.: langer/ weiter Teich) Destillerie ist eine sehr alte und traditionsreiche Rum Destillerie auf Jamaica. Sie gehört, neben Hampden, Appleton oder Clarendon, zu den bekanntesten Destillerien Jamaicas.









Standort:

Long Pond, die Destillerie, ihr Estate (Anwesen) und die dazugehörige Zuckerrohrplantage, liegt im Nordwesten Jamaicas, im Parish (Landkreis) Trelawny, unweit des Hampden Estate mit seiner gleichnamigen Destillerie. Tatsächlich sind die Rum- und Zuckerproduktion, neben dem Tourismus und dem Fischfang, auch der bedeutendste Wirtschaftsfaktor des dünnbesiedelten Parish. Die Hauptstadt des Trelawnys ist Falmouth. 


Geschichte von 1753 bis 2006:

Die Geschichte Long Ponds reicht zurück bis ins Jahr 1753, als das Anwesen durch die Familie Reid gegründet und die Zuckerproduktion nach dem Anbau von Zuckerrohr aufgenommen wurde. Ein John Reid Senior ist bis zu seinem Tod im Jahr 1777[5] vom UCL als Besitzer von Long Pond vermerkt. Bis ins Jahr 1803 scheint die Destillerie dann von einer Erbengemeinschaft geführt worden zu sein, bevor ein Sir Simon Haughton Clarke 9th Bart. das Estate bis zu seinem Tod 1832 übernahm[6][7]. Zu dieser Zeit, im 18. Jahrhundert, gab es auf Jamaica noch sehr viele Destillerien und Plantagen, die vor allem durch hunderttausende von Sklaven bewirtschaftet wurden. Für die Jahre zwischen 1809 und 1832 ist auf Long Pond die Haltung von Sklaven dokumentiert. Jährlich waren es zwischen 209 und 368 Sklaven[8]. Das änderte sich zwischen 1834 und 1838, als mit dem Slavery Abolition Act die Sklaverei in den britischen Territorien abgeschafft wurde. Spätestens im Jahr 1838 war die Sklaverei auf Jamaica also vollständig abgeschafft und anders als viele andere Zuckerfabriken der Insel überlebte Long Pond die sich daraus ergebende Krise in Form eines massiven Rückgangs der Produktion und damit der existierenden Sugar Estates. Für das Jahr 1878 ist dann erstmals der Besitz durch J.B. Sheriff dokumentiert[9]. Dessen Firma, die J.B. Sheriff & Company Limited, führte Long Pond bis ins Jahr 1953 und übernahm in dieser Zeit einige andere Sugar Estates und Destillerien auf Jamaica. Darunter befinden sich bis 1921, laut Cyril, Parnassus, Hyde Hall, Steelfield und Etingdon, sowie um 1945 Cambridge, Linton Park, Belmont, Lottery und Water Valley und 1949 schließlich Kinloss[10]. Schaut man sich die Besitzverhältnisse der einzelnen Estates auf Jamaican Family Search an, z.B. für die Jahre 18781891 oder 1910, so lässt sich erkennen, dass die Estates im Laufe der Jahrzehnte immer wieder die Besitzer wechseln und vor allem, dass die Estates zunehmend im Besitz der selben Menschen sind. So erkennt man beispielsweise immer wieder Parallelen zwischen Cambridge und Steelfield.
Im Jahr 1953 kaufte das kanadische multinationale Konglomerat Seagram Ltd. Long Pond von der J.B. Sheriff & Company Limited[11]. Seagrams hatte bereits seit 1944 mit Captain Morgan eine eigene Rum Marke am Start und brauchte für diesen nun dringend Kapazitäten. Im Jahr 1955 kaufte Long Pond das benachbarte Vale Royal, welches wiederum vier Jahre später seine Tore schloss und in Long Pond weiterlebte. Mit Vale Royal gemeinsam wurde aus Long Pond Estates dann Trelawny Estates[12]. Der nächste einschneidende Schritt erfolgte im November 1977, als Trelawny Estates von der jamaicanischen Regierung, der Inselstaat war seit 1962 von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen worden, verstaatlicht wurde. Es folgte mit dem neuen Namen "The National Sugar Company of Long Pond Limited" wiederum eine Umbenennung[13]. Im Jahr 1993 verkaufte die Regierung Jamaicas Long Pond dann an mehrere Finanzgruppen[14], bevor es 2006 in National Rums of Jamaica Ltd. (NRJ) eingegliedert wurde, an der die National Sugar Company wiederum zu einem Drittel beteiligt ist[15].


Geschichte ab 2006 - National Rums of Jamaica (NRJ):

Somit muss man sich das gesamte Konstrukt um NRJ so ein wenig vorstellen wie beim Demerara Rum aus Guyana, dessen Geschichte ebenfalls verworren, inzwischen allerdings weit fortgeschrittener dokumentiert ist und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, in erster Linie durch eine umfassende Arbeit von Marco Freyer. Zusammengefasst: beim Demerara Rum haben wir mit Demerara Distillers Ltd. (DDL) eine übergeordnete Firma und mit Diamond eine Destillerie, die dieser Firma gehört. Diese Destillerie stellt den Rum von Diamond her, allerdings auch viele andere Rum Stile von Brennereien aus Guyana, die ihre Tore längst geschlossen haben, teilweise schon seit Jahrzehnten. Dazu zählen z.B. Enmore, Port Mourant, Uitvlugt, Versailles, Albion, Skeldon oder La Bonne Intention. Dies tut Diamond, indem es, teilweise mit den alten und erhaltenen Destillierapparaten der geschlossenen Destillerien, deren Stile (genauer bezeichnet durch ein so genanntes Mark) weiter produziert. So gibt es auch heute noch beispielsweise Port Mourant Rum (Mark: PM), obwohl die Destillerie Port Mourant schon seit Jahrzehnten nicht mehr existiert. Aber die Double Wooden Pot Still aus Port Mourant, die ist noch immer erhalten und produziert in der Destillerie Diamond weiter u.a. das Mark PM. Die Destillierapparate vieler anderer ehemaliger Destillerien sind heute längst verschrottet, aber teilweise ist es möglich, auch deren alte Stile durch die noch existierenden Apparate anderer Destillerien quasi nachzuahmen. Dies gilt z.B. für Albion. Da war man bei jeder neuerlichen Schließung einer Brennerei und damit verbundener Umzüge in andere Brennereien leider sehr pragmatisch.
Mit National Rums of Jamaica Ltd. (NRJ) haben wir auch auf Jamaica eine übergeordnete Holding, die nicht selbst Rum herstellt, sondern, unter deren Dach verschiedene Destillerien Rum brennen. NRJ bildet einen Zusammenschluss der drei Destillerien Clarendon (Monymusk), Long Pond und Innswood, von denen Innswood aber schon seit 1996 nicht mehr aktiv ist und Long Pond zwischenzeitlich nicht mehr aktiv war, seit 2017 aber wieder ist. NRJ gehört zu je einem Drittel dem Staat Jamaica in Form der National Sugar Company, der West Indies Rum Distillery auf Barbados (gehört inzwischen wiederum Maison Ferrand in Frankreich) und DDL in Guyana. 
Innswood und Clarendon sind jeweils vergleichbar junge Destillerien, die erst um die Mitte des 20. Jahrhundert herum ihren Betrieb aufnahmen. Die Geschichte Innswoods war eine recht kurze, denn man produzierte nur von 1959 bis 1992 Rum. Danach wurden hier nur noch die Räumlichkeiten genutzt, z.B. für die Lagerung und das Blending der Rums.[1] Die Geschichte Clarendons beginnt entweder im Jahr 1938 oder 1949. Hier wird bis heute Rum produziert, u.a. auch der Rum, den wir als Monymusk kennen und der auf das Monymusk Estate zurückgeht, dessen Historie wiederum schon über 200 Jahre zurückreicht. Clarendon gehört allerdings nur zu 73% zu NRJ. Die restlichen 27% gehören Diageo, dem weltgrößten Spirituosen-Konglomerat, was wiederum dazu führt, dass ca. 90% des gesamten Outputs von Clarendon an Diageo gehen.[2] Und die dritte der Destillerien im Bunde ist eben die Long Pond Distillery. Diese wiederum produziert nicht nur den eigenen, ursprünglichen Stil der Destillerie, sondern auch Stile von Brennereien, die man im Laufe der Jahrzehnte oder vielleicht sogar Jahrhunderte übernommen hat. Dazu nutzt Long Pond entweder seine eigenen Destillationsanlagen und/oder unter Umständen auch Stills, die man aus diesen früheren Destillerien übernommen haben könnte. Zwei dieser so genannten Lost Distilleries, deren Stil man noch heute bei Long Pond findet sind Vale Royal und Cambridge (s. unten).
2009 kaufte die Familie Hussey (Everglade Farms), denen auch das nahegelegene Hampden Estate gehört, die Zuckerfabrik Long Pond, während die Destillerie Long Pond weiter unter dem Dach von NRJ firmiert. Zwischen 2012 und 2017 wurde in Long Pond wegen diverser Probleme kein Rum produziert, doch inzwischen ist die Produktion wieder aufgenommen[16].


Destillation und Stil:

Das besondere an Long Pond ist wiederum, dass es quasi ein jamaikanisches Äquivalent zur Diamond Destillerie in Guyana ist. Wie Diamond in Guyana, so hat auch Long Pond auf Jamaica im Laufe der Jahrzehnte (und vielleicht sogar Jahrhunderte) immer wieder verschiedene Destillerien oder aber zumindest ihre Destillierapparate oder auch nur deren Stile übernommen und stellt deshalb heute sehr viele verschiedene Rums her, die auch bei Long Ponds durch die so genannten Marks unterschieden werden (s. unten). Zwar kennt Jamaica Rum bereits im Grundsatz eine Einteilung seiner Rums in vier verschiedene Stile, die sich am Estergehalt der Rums richten, allerdings unterscheidet da auch jede Destillerie auch noch einmal für sich selbst. Long Pond destilliert sowohl im Pot-, als auch im Column Still Verfahren Rum und besitzt entsprechende Brennblasen, zum Teil möglicherweise auch von anderen, früheren Destillerien, die Long Pond im Laufe der Jahrzehnte und vielleicht sogar Jahrhunderten übernommen hat. Dazu zählen z.B. Cambridge oder Vale Royal. In Long Pond existieren heute ganz sicher noch fünf John Dore bzw. Vendome Pot Stills, von denen vier 13.200 Liter fassen, und eine, die 5.600 Liter fasst[17], sowie mindestens eine Column Still[18]. Ob, und wenn ja, wieviele und welche von ihnen unter Umständen auch aus früheren Destillerien wie Cambridge oder Vale Royal stammen ist derzeit aber leider noch vollkommen unklar. Auf den Bildern von Cyril und Matt ist aber deutlich zu erkennen, dass einige der Stills schon sehr, sehr alt sein dürften. Hier erhoffe ich mir in den nächsten Jahren und mit zunehmender Aufmerksamkeit für die Destillerie Long Pond noch weitere Erkenntnisse.


Marks / Estergehalt:

Stilistisch ist Rum aus Long Pond traditionell jamaicanisch im High Ester Bereich anzusiedeln, wobei die Ester-Range der Destillerie eine wahnsinnige Spannweite hat und sich ungleich differenzierter darstellt, als es die Klassifizierung der Jamaica Rums im Allgemeinen ist. Letztere ist den meisten Lesern vermutlich bekannt, soll hier aber noch einmal kurz aufgezeigt werden:


Allgemeine Klassifizierung:

Jamaican Ester Level: Ester (gr/hlpa)
Common Clean 80-150
Plummer 150-200
Wedderburn 200-300
Continental Flavoured 700-1600


Long Pond hingegen kategorisiert seine Stile, wie eben erwähnt, sehr viel differenzierter und stellt darüber hinaus sogar auch Stile mit einem Estergehalt unterhalb der allgemeinen Klassifizierung her. Die Destillerie-eigenen Marks von Long Pond sind: 


Long Pond Marks:
 Long Pond MarkEster (gr/hlpa)Jamaican Ester Level
CRV0-20Out of Range
CQV20-50Out of Range
LRM50-90Out of Range/
Common Clean
ITP/LSO90-120Common Clean
HJC/LIB120-150Common Clean
IRW/VRW150-250Plummer/
Wedderburn
HHHS/OCLP250-400Wedderburn/
Out of Range
LPS400-550Out of Range
STC^E550-700Out of Range
TECA1200-1300Continental Flavoured
TECB1300-1400Continental Flavoured
TECC1500-1600Continental Flavoured

Mit insgesamt zwölf verschiedenen Marks bietet Long Pond die bislang breiteste und differenzierteste mir bekannte Ester Range aller jamaicanischer Destillerien. Long Pond produziert sowohl Rums mit sehr niedrigem Estergehalt, als auch Rums mit einem Estergehalt, genauso hoch wie der DOK von Hampden. Die internen Marks von Hampden sind vielen Connaisseuren inzwischen ein Begriff, zumindest die geläufigsten wie LROK oder HLCF, jene von Long Pond allerdings findet man noch weit seltener. 
Auffällig ist, dass es mit CRV, CQV und LRM nicht nur drei Marks gibt, die noch unter dem niedrigsten allgemeinen Jamaica Stil rangieren, sondern auch, dass  scheinbar kein Rum mit einem Estergehalt zwischen 700 und 1200 Estern (gr/hlpa) produziert wird und dabei eine enorme Spanne ausgelassen wird. Die Marks ITP/LSO und HJC/LIB decken sich in etwa mit dem allgemeinen Common Clean Stil, das Mark IRW/VRW hingegen deckt sich fast exakt mit dem definierten Estergehalt für einen Plummer. Trotz dessen steht das W in den beiden Marks für Wedderburn. Und der obere Bereich dieses Marks, sowie der untere Bereich des Marks HHHS/OCLP fallen dann auch in die Wedderburn-Kategorie. Die Marks LPS und STC🖤E liegen wieder außerhalb der allgemeinen Klassifizierung. TECA, TECB und TECC liegen im Bereich des Continental Flavoured Rum und scheinen nie für den Purgenuss produziert worden zu sein, worauf ich aber im Folgenden noch eingehen werde.  

Bis 2018 waren nur einige wenige dieser Long Pond-internen Marks schon mal vereinzelt auf Abfüllungen von unabhängigen Abfüllern zu sehen, weswegen sie im Allgemeinen nicht wirklich geläufig sein dürften. Das Mark CRV findet man beispielsweise auf alten Cadenhead Cask Strength Abfüllungen aus 1974 und 1987. Ich hatte sie jeweils bereits im Glas und kann bestätigen, dass sie an nichts erinnern, was man sich gemein hin unter einem Rum aus Long Pond vorstellt. Ester nahm ich bei beiden Jahrgängen nicht wahr. In eine ähnliche Richtung ging auch das Batch aus 1992, wenngleich auf diesem leider niemals ein Mark angegeben war. Stilistisch ähnelten sich die Jahrgänge jeweils.

Die Marks ITP und HJC wurden 2018 zum ersten Mal vom französischen Abfüller Maison Ferrand in seiner Plantation Extreme Serie namentlich abgefüllt. Ob es auch zuvor bereits Rums mit diesen Marks auf den Markt geschafft haben, ohne dass dies, bedingt durch die Nicht-Nennung des Marks, allgemein bekannt gewesen ist, kann ich leider nicht sicher sagen.

Das Mark IRW kann man wiederum von einigen Cadenhead Abfüllungen früherer aus 1986 kennen. Ich hatte bei diesem Mark immer einen Estergehalt im Wedderburn Rahmen vermutet, tatsächlich könnte es laut Klassifizierung aber ein Plummer sein. Das Mark liegt zwischen beiden Stilen. Anders als bei den CRV-Rums sind die IRW auch klar als Long Pond zu erkennen und die Ester deutlich wahrnehmbar. Nun wurde der IRW von Cadenhead laut Label mit einer Column Still hergestellt. Für andere Long Pond Rums aus 1986 kann hingegen eine Pot Still angenommen werden. Diese haben meines Erachtens einen noch leicht höheren Estergehalt und mich würde das Mark HHHS/OCLP daher bei diesen Rums nicht verwundern. Leider gab es hier niemals Gewissheit.


Vale Royal:

Das Mark VRW, für den der gleiche Estergehalt definiert ist wie für das Mark IRW, steht für Vale Royal Wedderburn und ist damit das Mark der früheren, 1959 geschlossenen und von Long Pond übernommenen Destillerie Vale Royal. Solche Rums wurden in der Vergangenheit von Bristol Spirits Ltd. abgefüllt, sowie im Jahr 2018 erstmals auch von Velier.
Die Geschichte der Destillerie ist zum Teil sehr widersprüchlich. Sie wurde, laut Dr. Raul A. Mosley, im Jahr 1776 von Charles Graves gegründet und hieß zu Beginn noch Walky Walky. Laut eben dieser Quelle erfolgte die Umbenennung in Vale Royal im Jahr 1828, sowie ein Verkauf an Thomas Pepper Thompson nach der Abschaffung der Sklaverei auf Jamaica, das heißt nach dem Slavery Abolition Act im Jahr 1834. Laut den Daten des University College London, die die Geschichte der britischen Sklaverei umfassend dokumentiert haben, erwarb Thompson Vale Royal aber bereits spätestens im Jahr 1787. Was allerdings noch viel widersprüchlicher ist: laut UCL starb Thomas Pepper Thompson schon bereits zwischen 1820 und 1823 und kann daher unmöglich über zehn Jahre nach seinem Tod die Destillerie erst erworben haben. Nach seinem Tod wurde Vale Royal laut UCL von Anwälten in einer Nachlassverwaltung geführt, u.a. von seinem Enkel Thomas James Thompson, bevor es im Jahr 1847 testamentarisch an einen Mann namens John Simpson of Fair Lawn Kent fiel. Dieser wiederum war auch Eigentümer der Estates Bounty Hall, Chester, Lancaster, Maria Bueno und Tilston (oder Tillstone). Im Anschluss verliert sich die Spur leider etwas, da das UCL die Daten nur für die Zeit der Sklaverei destailliert aufführt und gesammelt hat. Erst für das Jahr 1878 lässt sich die Fährte wieder aufnehmen. In diesem Jahr führt Jamaican Family Search auch Vale Royal als aktives Sugar Estate und nennt hier einen Mann namens Henry Sewell als Besitzer. Diesem gehörten zu jener Zeit auch Arcadia und Lottery. Die gleiche Quelle bestätigt diese Besitzverhältnisse auch noch für die folgenden Jahre, bis in das Jahr 1910. Für die Zeit der darauf folgenen 49 Jahre, zwischen 1910 und 1959, hingegen finde ich leider keine wirklichen Belege mehr.

Vale Royal Estate um 1910 zu Zeiten von Henry Sewell.
Sourcehttp://myjamaicanfamily.blogspot.com/2007/10/month-in-country.html?m=1

Im Jahr 1959 schloss Vale Royal seine Tore für immer und folgte damit einer Entwicklung, die die Plantagen und Destillerien Jamaicas ab Mitte des 19. Jahrhunderts, mit Abschaffung der Sklaverei und dem damit einhergehenden Einbruch der Zuckerproduktion, grundsätzlich und ganzheitlich erfasste. Waren es um 1830, also vier Jahre vor dem Slavery Abolition Act, noch ca. 600 Zuckerplantagen auf Jamaica, mit dazugehörigen Destillerien, so existierten nur 30 Jahre später, um 1860 also, schon nur noch 148 von ihnen. Im Jahr 1948 waren es kaum noch 25 Destillerien, während heute, im Jahr 2018, nur noch fünf von ihnen existieren: Appleton, Clarendon, Hampden, Long Pond und Worthy Park. Dies zeigt auch, welche enorme Arbeitsleistung die fast 300.000 Sklaven auf Jamaica in all den Jahren bis zum Emanzipation Act zu verrichten hatten, ohne die die Kapazitäten der Produktion auf Jamaica ab 1838 etwa nicht einmal mehr im Ansatz zu halten waren. Alleine in Vale Royal waren es bis 1832 jährlich zwischen 332 und 257 versklavte Menschen. Dieses Thema ist für sich gesehen allerdings so umfassend und auch geschichtlich bedeutend, dass ich plane, mich damit in einem gesonderten Beitrag noch einmal genauer auseinanderzusetzen. Deshalb nun zunächst zurück in die Mitte des 20. Jahrhunderts, nach Vale Royal, das im Jahr 1959 also an Long Pond verkauft wurde. Dort, in Long Pond, bewahrt man das Erbe der Destillerie bis heute und produziert noch immer auch Rum im alten Stile von Vale Royal. Ob das auch noch direkt und unmittelbar mit originalen Destillierapparaten der einstigen Brennerei passiert, oder nur noch indirekt, indem der Stil mit anderen Brennanlagen Long Ponds reproduziert wird, habe ich leider noch nicht in Erfahrung bringen können. Der Stil Vale Royals wird mit dem Mark VRW angegeben, welches für Vale Royal Wedderburn steht. Mit dem Mark definiert Long Pond Rums mit einem Estergehalt von 150-250 gr/hlpa, was streng genommen auch bedeuten könnte, dass die Rums nicht nur dem Stil Wedderburn, sondern auch dem des Plummer zugeordnet werden könnten.

Ein weiteres mir bekanntes Mark der Tabelle ist schließlich LPS (mutmaßlich Long Pond Special). Dieses fand ich auf verschiedenen Abfüllungen aus 1993, die Rum Albrecht vor vielen Jahren abgefüllt hat. Hier war klar zu erkennen, dass es langsam in den absoluten High Ester Bereich geht. Einen Rum mit mehr Estern habe ich aus Long Pond bis ins Jahr 2018 tatsächlich auch nicht im Glas gehabt, weswegen ich vermute, dass die höheren Kategorien bei Long Pond eher für die Industrie bestimmt gewesen zu sein scheinen. Vom Estergehalt her ist das Mark LPS ein Zwischending aus den Marks LROK und HLCF aus Hampden, allerdings gingen von Hampden auch Rums mit noch mehr Estern an Bulkhändler. Warum das bei Long Pond scheinbar nicht der Fall war, darüber kann mit Gewissheit nichts gesagt werden.


Cambridge:

Im Jahr 2018 füllte Velier erstmals einen Rum mit dem Mark STC🖤E ab. Dieses steht für Simon Thompson Cambridge Estate und ist dementsprechend das Mark der ehemaligen, 1947 geschlossenen und an Long Pond verkauften Destillerie Cambridge. Der Estergehalt des Marks liegt quasi außerhalb der vier Jamaica Stile, wird von Velier aber dennoch als Continental Flavoured klassifiziert. Cambridge Estate, wie Long Pond in Trelawny gelegen, geht auf die Familie Barrett zurück und wurde um das Jahr 1795 gegründet. Schon bereits damals wurde dort wohl auch schon Rum produziert. Bittere Randnotiz ist, dass die genauesten Zeugnisse der Aktivität von Cambridge aus der Zeit von 1795 bis 1832 stammen, da in dieser Zeit Sklaven auf Cambridge gehalten wurden und das University College London die Geschichte der britischen Sklaverei in Übersee sehr umfangreich dokumentiert hat. Hier trifft unsere Lieblingsspirituose leider immer wieder auf das wohl dunkelste Kapitel seiner Geschichte, welches aber niemals unerwähnt bleiben sollte.
In einer Liste von jamaikanischen Estates im Jahr 1837 wird Cambridge dann ebenfalls nochmal aufgeführt. Eigentümer zu dieser Zeit war Edward Barrett. Anschließend, nach der Zeit der Sklaverei, sind Informationen leider Mangelware. Bekannt ist lediglich, dass Cambridge sich lange im Besitz der Familie Thompson befand, bevor es im Jahr 1947 seine Pforten für immer schloss und sein Erbe anschließend in Long Pond weiterlebte. Dies geschah entweder unmittelbar, indem man eine oder mehrere Stills aus Cambridge nach Long Pond transferierte und mit denen dort weiterdestillierte, oder aber mittelbar, indem man den Stil von Cambridge mit in Long Pond bereits vorhandenen Brennapparaten nachahmen konnte.


Tilston:

Die drei nach dem Estergehalt höchsten Marks von Long Pond sind TECA, TECB und TECC. Velier füllte im Jahr 2018 einen TECA und einen TECC ab. Luca Gargano vermutet, dass die ersten beiden Buchstaben des Marks, T und E, für Tilston Estate stehen, eine weitere ehemalige Brennerei Jamaicas, die schon bereits im 18. Jahrhundert existierte[4].
Über Tilston Estate (vereinzelt auch Tilestone oder Tileston) ist leider nur sehr wenig bekannt. Sicher wissen wir, dass Tilston schon bereits im 18. Jahrhundert existierte und in dieser Zeit, bis ins 19. Jahrhundert hinein, von der Familie Simpson geführt wurde: zunächst von John Simpson of Bounty Hall (Senior; ✝1785) und später von John Simpson of Fair Lawn Kent (Junior; ✝1847)[19]. Letzterer erbte auch Vale Royal von Thomas Pepper Thompson[20]. Später war Tilston dann im Besitz einer gewissen Miss A. M. Jarrett[21][22], bevor als Besitzer im Jahr 1910 schließlich ein uns wohl bekannter Mann genannt wird, nämlich Dermot Owen Kelly-Lawson[23], dem auch Hampden gehörte. Anschließend verliert sich die Spur leider und auch eine Angabe über eine Schließung konnte ich nicht finden. Somit wäre aus meiner Sicht naheliegender, dass Tilston vielleicht ein Teil der Geschichte Hampdens ist, allerdings weist die Geschichte der beiden Destillerien Hampden und Long Pond auch immer wieder Parallelen auf, so dass nicht auszuschließen ist, dass Tilston auch irgendwann noch an Long Pond ging. Wer weiß, vielleicht erfahren wir ja auch hier in den nächsten Jahren noch mehr.


Bekannte Jahrgänge:

Long Pond produzierte seinen Rum also traditionell für den Bulkhandel und für die Industrie, vor allem die Lebensmittel- und die Kosmetikindustrie. In der Vergangenheit sind u.a. große Mengen in Rummarken wie Captain Morgan und vergleichbarem gelandet. Unter eigenem Label hat man den Rum, anders als z.B. Appleton, meines Wissens nach niemals abgefüllt. Somit gibt es dementsprechend auch keine Originalabfüllungen (OA) aus Long Pond. Bei den unabhängigen Abfüllern (UA) findet man deren Rum dafür aber schon seit Jahrzehnten immer mal wieder, wenn gleich diese Rums nur einen Bruchteil der gesamten Produktion ausmachen. Für den anspruchsvollen Connaisseur ist aber genau dieser Bruchteil jener, auf den es bei Long Pond ankommt. Nahezu alle großen und populären UA haben oder hatten Long Pond im Portfolio und insbesondere die Jahrgänge 1977, 1982, 1986 und 2000 waren häufiger zu finden.

Hier eine Übersicht über alle mir bisher bekannten Jahrgänge, aus denen es sicher Rums aus Long Pond gibt oder gegeben hat, sowie deren Marks, soweit bekannt:

Long Pond Vintage Long Pond Mark Jamaican Ester Level
1941 ? Wedderburn
1969 VRW Wedderburn
1974 CRV Out of Range
1977 ? Wedderburn
1982 ? Wedderburn
1983 ? Wedderburn
1985 ? Wedderburn
1986 IRW Wedderburn
1987 CRV Out of Range
1992 CRV maybe? Out of Range, if CRV
1993 LPS Out of Range
1996
ITP;
HJC
Common Clean;
Common Clean
2000 ? Wedderburn
2002 VRW Wedderburn
2003
?;
TECA
Wedderburn
Continental Flavoured
2004 ? ?
2005 STC^E Out of Range
2006 VRW Wedderburn
2007 TECC Continental Flavoured
2010 ? ?


Rums aus Long Pond, die ich u.a. schon im Glas hatte:

- Alambic Classique Long Pond Imperial 18 YO (1992 - 2010), 45% vol.
- Berry's Own Selection Jamaican Rum Long Pond 16 YO (1986 - 2002), 46% vol.
- Exceptional Casks 1982 Jamaican Rum 33 YO (1982 - 2015) - 57% vol. 
- Bristol Classic Jamaica Vale Royal Wedderburn 8 YO (2002 - 2010), 43% vol. 
- Bristol Classic Jamaica Vale Royal Wedderburn 9 YO (2002 - 2011), 43% vol. 
- Cadenhead's CRV Long Pond 13 YO (1987 - 2001), 70,4% vol.
- Cadenhead Green Label Jamaica 10 YO (Long Pond CRV 1987), 46% vol.
- Cadenhead Green Label Jamaica 12 YO (Long Pond CRV 1987), 46% vol.
- Cadenhead Green Label Jamaica 13 YO (Long Pond CRV 1987), 46% vol.
- Duncan Taylor Jamaica Rum Long Pond Estate 13 YO (2000 - 2014), 54,6% vol.
- Mac Y's Jamaica Rum Vintage Split Single Cask 14 YO (1992 - 2006), 63% vol.
- Plantation Extreme No. 3 Jamaica ITP Long Pond 22 YO (1996 - 2018), 54,8% vol.
- Rum Albrecht "RA" Long Pond 17 YO (2000 - 2017), 62,5% vol.
- Rum Dealers Selection Jamaica Rum Long Pond 14 YO (2000 - 2014), 63,8% vol.
- Rum Nation Jamaica Rum 15 YO (1986 - 2002), 45% vol. (Jade Robusto Blend)
- Rum Nation Jamaica Rum 30 YO (1977/1986 - 2017), 48,7% vol.
- Rum Nation Supreme Lord III Jamaica Rum 23 YO (1982 - 2005), 45% vol.
- Rum Nation Supreme Lord IV Jamaica Rum 21 YO (1986 - 2007), 45% vol.
- Rum Nation Supreme Lord V Jamaica Rum 25 YO (1985 - 2010), 43% vol.
- Rum Nation Supreme Lord VI Jamaica Rum 26 YO (1986 - 2012), 45% vol.
- Silver Seal Long Pond 21 YO (1986 - 2007), 50% vol. Version II
- The Rum Cask Jamaica Rum Long Pond 15 YO (2000 - 2016), 62% vol.
- The Warehouse Rum Long Pond 14 YO (2000 - 2014), 46% vol.


Meine Top 5 Rums aus Long Pond:

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hi,

was mir immer auffällt: Du schreibst beim Ester-Gehalt immer von gr/laa. Das ergibt aber nicht wirklich Sinn. Ein Liter Alkohol (rd. 800 gr) kann keine 1.600 gr Ester enhalten.
Also entweder sind es 'mg/laa' oder 'gr/hlaa' (habe da schon beides gelesen)

Flo hat gesagt…

Ich sehe was du meinst. Da ich aber kein Chemiker bin und an dieser Stelle komplett auf Fremdwissen vertrauen muss, halte ich mich derzeit an die Einheiten, die z.B. auf den Flaschen von Velier zu finden sind, die es eigentlich wissen müssten, wenn sie es drauf drucken.

Gibt es zu dem Thema gute Quellen?

Anonym hat gesagt…

gr meint nicht gramm sondern grains. Also zB 550gr/laa (Hampden HLCF) bedeutet laut Onlineberechnung 36 gramm Ester pro 789 gramm (1 liter) Alkohol. Klingt wenig, ist aber sehr viel...

Anonym hat gesagt…

Ich muss das wohl zurücknehmen. Hab mich etwas genauer informiert. GRAMM pro hektoliter reiner Alkohol (gr/hlaa oder gr/hlpa) ist realistisch. Der Aufdruck auf den Habitation Velier Hampdens und Port Mourants (gr/laa) ist falsch, der auf den Habitation Velier Forsyths (gr/hlpa) ist richtig.
Ein 600gr/hlpa hat dann immer noch drei mal so viele Ester wie Bourbon (der ja merkbar an der "Klebernote" zum Teil auch recht viele hat) und 12mal so viele wie Bier im Durchschnitt (pro Alkohol).

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