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Freitag, 1. Mai 2026

The Virtues -Chastity- Hampden Jamaica Rum 1983

Liebe Rum Gemeinde,

Früher als ursprünglich geplant haben Distilia und Rob Bauer den neuesten Teil ihrer Virtues-Serie releast. Und da es sich dabei um nicht weniger als einen richtig alten, kontinental gereiften Old School Hampden handelt, war mein Interesse dementsprechend schnell geweckt!


Doch der Reihe nach: schon die gemeinsame "Sins"-Serie, deren Long Pond 1983 ich vor nicht ganz zwei Jahren als bislang letzten Rum überhaupt hier auf BAT auch besprochen habe, war für Distilia und Rob Bauer ein Riesenerfolg! Das Konzept war dabei klar: maximale Qualität ohne Kompromisse und bei jeder der gewählten Spirituosengattungen potenziellen Benchmark-Stoff in die Flasche zu bringen. Das ganze konzeptionell verknüpft mit den sieben Todsünden und einem dazu mehr als passenden Packaging, das Robs Leidenschaften für Spirituosen als auch Kunst zusammen brachte. Und so lag es nach den sieben Todsünden (von denen uns die Jungs eine aber noch schuldig sind ;-) nahe, sich nun den sieben Tugenden zu widmen: The Virtues!

Auch diese Serie umfasst inzwischen bereits vier Bottlings (den Hampden eingerechnet) und sie steht dem Vorgänger in nichts nach. Das wiederum liegt nicht zuletzt auch an einer exzellenten Arbeitsteilung: mit Rob Bauer ist einer der ganzheitlichsten Spirituosenkenner der Szene für die Fassauswahl verantwortlich. Ich kenne glaube ich keinen zweiten, der derart viele verschiedene Spirituosen auf diesem Level durchgespielt hat wie ihn. Dass der Pool an Spirits aus denen er dabei wählen kann wiederum absolut High End ist, dafür steht der polnische Abfüller Distilia, der sich neben Velier in den letzten Jahren zu einem der wahrscheinlich einflussreichsten Independent Bottlern überhaupt entwickelt hat. Kurz: für den Hampden, den ich heute besprechen möchte und der übrigens den Untertitel Chastity, also Keuschheit, trägt, ist ein absolutes Dreamteam verantwortlich! Dieser Umstand ließ im Vorfeld zum einen meine Vorfreude auf das Bottling extrem steigen, zum anderen aber auch nahm er mir einen gewissen Teil einer nicht unerheblichen Skepsis die damit einher ging, denn der Hampden kommt mit gerade einmal 48,7% vol. daher. Eigentlich ist das nicht gerade ein Wert der mich sonderlich zuversichtlich stimmt, denn es ist kein Geheimnis, dass ich Hampden brachial und gerne oberhalb der 60% vol. Marke bevorzuge. Aber wenn Rob das Ding ausgewählt hat, dann kann da eigentlich nichts schief gehen! 

Und noch etwas ließ mich aufhorchen. Denn auch wenn die 1983er Hampden des Marks HGML die bisher so gebottled wurden zweifelsohne von hoher Qualität waren, so kamen sie für mich mit ihren 35 Jahren und mehr im Fass nie an die jüngeren 1990er Hampden des Marks C<>H heran. In diesem 1983er Hampden jedoch steckt nicht nur HGML eben jenes Jahrgangs, sondern auch noch ein nicht unerheblicher Anteil an C<>H des Jahrgangs 1982, vermählt im Fass zu Beginn der Reifung Anfang der 1980er Jahre. Mit 1983 steht aber natürlich der jüngste Part auf dem Label. Inwiefern sich der C<>H Anteil im Rum bemerkbar machen wird, werden wir uns gleich anschauen. Um das ganze noch besser einordnen zu können habe ich mit dem RA Hampden 1983 die bisherige Jahrgangsreferenz und mit dem TRC 26 YO Hampden 1990 meine bisherige C<>H als auch Hampden Benchmark parallel verkostet. Und bevor wir damit dann jetzt auch starten, vorher noch ein kurzer Disclaimer:

Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich ein Sample zur Verkostung dieses Rums, sowie zu Fotozwecken, gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 











Verkostung des The Virtues -Chastity- Hampden Jamaica Rum 1983:

Preis: die unverbindliche Preisempfehlung für den Hampden liegt bei 1050€. Der offizielle Releasetermin war ursprünglich der 28. Mai 2026.  Da Leben aber das ist was passiert wenn du Pläne machst, ist der Rum bereits jetzt erhältlich.

Alter: der Rum reifte von offiziell Dezember 1983 bis März 2026 für insgesamt 42 Jahre im Fass. 

Lagerung: keine Angaben. Vermutlich reifte er aber über weite Teile, wenn nicht sogar die gesamte Zeit seiner Reifung in Europa. 

Fassnummer: #9 - es handelt sich demzufolge um ein Single Cask. Dieses ergab noch 210 Flaschen a 0,7 Liter.

Angel's Share: unbekannt. Auf Grund des, auch für das Alter des Rums, geringen Alkoholgehalts kann man aber darauf schließen, dass er ungewöhnlich hoch ausfiel.

Alkoholstärke: der Rum kommt noch mit sehr smoothen 48,7% vol. daher. 

Destillationsverfahren: der Rum wurde bei Hampden mit einer Double Retort Pot Still gebrannt.

Mark: HGML & C<>H

Farbe: wunderschönes, leuchtend goldenes Stroh! Für 42 Jahre im Fass ist der Rum ungewöhnlich hell, selbst für einen kontinental gereiften Rum.

Viskosität: der Rum beißt sich beim Schwenken im Blenders Glas geradezu fest und liegt wie ein fetter, öliger Film über dem Glas. Satte, fette Schlieren fließen zäh an der Glaswand herab und künden bereits von einem über die Maßen öligen Rum.

Nase:
 sehr Hampden! Sehr geil! Eine überaus reichhaltige, frische und schon beinahe jugendlich anmutende Nase holen mich direkt dort ab, wo ich mich bei Hampden am liebsten aufhalte: im Bereich der High Ester! Dass hier C<>H am Start ist, darüber besteht nicht der geringste Zweifel. Ich habe direkt ein Potpourri aus einem prall gefüllten Obstkorb mit sehr viel gegrillter Ananas, flambierten Bananen und Zitronen, sowie den typischen mediterranen Einschlägen von Antipasti und Chorizzo. Dazu kommen aber, destillerietypisch, natürlich auch noch Lacke, Lösungsmittel, Klebstoffe und feuchte Erde. Das Fass spielt vordergründig eine eher untergeordnete Rolle, denn Noten vom Eichenholz oder Vanille nehme ich eher dezent wahr. Der Rum wirkt nicht, wie man ihn nach 42 Jahren im Fass erwarten würde. Viele andere Rums sind nach einer derart langen Zeit im Fass längst verholzt. Und selbst bei den beiden Rums daneben, beim RA und beim TRC ist der Fasseinschlag spürbar ausgeprägter, und das obwohl insbesondere der TRC ja nochmal deutlich jünger ist. Dass man es hier aber nicht mit einem jugendlichen Rum zu tun hat merkt man wiederum dennoch sofort, denn sämtliches grobe und ungestüme, wie man es bei jungen Hampden findet, dieses wirklich brachiale, das hat das Fass über die vielen Jahre merklich geschliffen. Und das wirkt sich natürlich auch auf die Einbindung des Alkoholgehalts aus, denn diesen, in Form von alkoholischer Schärfe, nehme ich schlicht nicht wahr. Dieser Hampden ist der vermutlich smootheste und entspannteste den ich je im Glas hatte!

Gaumen: tja, und hier wird's jetzt natürlich richtig spannend! 48,7% vol. incoming und die Frage, die sich vermutlich einige an dieser Stelle stellen: kann das reichen? Und ja, am Gaumen bemerkt man den geringen Alkoholgehalt deutlich weniger als ich befürchtet hatte. Da ich bei Hampden einfach auch sehr auf dieses brachiale stehe, habe ich den geringen ABV im Vorfeld als möglichen Knackpunkt für mich und diesen Rum gesehen - als den Punkt, der mir vor der Verkostung die größten Falten auf der Stirn bereitet hat und von dem ich am meisten gespannt war, wie sich das letztlich im Destillat zeigen würde. Und ich bin angenehm überrascht, wie gut das gelungen ist. Der Rum hat immer noch jede Menge Power, schießt aus allen Lagen die geballte Ladung Ester ab und geht quasi direkt ins adstringierende über und zeigt sich am Gaumen dann überaus cremig. Das ist ganz großes Kino! Allerdings muss man dazu sagen, dass ich größere Schlücke genommen habe. Wirklich deutlich größere Schlücke als die, die ich bei einer Verkostung sonst nehme. Danach verlangt der Rum eindeutig! Denn bei kleineren Schlücken, wie ich sie sonst nehme, mutet der Rum deutlich wässriger an und kommt auch mit einem etwas unangenehmen Säureeinschlag daher, was bei größeren Schlücken einfach überhaupt nicht auftritt und dann dementsprechend Spaß macht.
Nachdem die Adstringenz nachlässt ist dann der Moment gekommen, an dem der Rum seine wohl größten Stärken auf ganzer Linie auszuspielen beginnt: denn die Eindrücke am Gaumen setzen sich einfach zu einer wirklich wunderbaren, großen Sinfonie zusammen, um da auch ein gern genutztes Bild vom Rob selbst zu bemühen. Ich habe deutliche Assoziationen zu Humus, zu Zitronen und natürlich gegrillter Ananas und flambierter Banane. Dazu kommt frisch geschnittenes Geäst und auch etwas nussiges, vegetales. Insgesamt also nichts, was man bei Hampden nicht auch erwarten würde, aber es wird eben überaus smooth und derart rund und balanciert dargeboten, dass es eine wahre Freude ist! Da ist nicht ein Fehlton, nichts was den Genuss irgendwie trüben könnte. Der Alkohol ist vermutlich so gut eingebunden wie selten zuvor bei einem Rum. Wahnsinn!

Abgang: gegrillte Ananas, frisch geschnittenes Geäst, Antipasti, aber schon auch ein merklicher Einschlag vom Fass dominieren den -comme toujours, Hampden- ewig langen Abgang. 

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Fazit:
 mit einem Wort? Opulent! Ein wirklich außergewöhnlicher Rum, selbst für Hampden-Verhältnisse. Meine Hampden Benchmarks kamen bisher samt und sonders aus der brachialen Ecke: TRC 1990, RA 1989, Nobilis 1993. Sehr hoher Estergehalt und deutlich über 60% vol. Deutlich gereift, aber noch nicht rund. Der Chastity Hampden 1983 fällt da, bis auf den Estergehalt, erst einmal auffallend aus dem Rahmen und tatsächlich eignen sich die Rums deshalb auch nicht wirklich für einen Vergleich. Und doch sind eben diese Rums genau die Liga in der der neue Hampden spielt und weswegen ich den TRC z.B. auch crossgetasted habe: weil ich ein face to face mit meiner Benchmark wollte. Für mich bleibt er, der 26 jährige TRC Hampden 1990, letztlich ganz vorne, aber die Präferenz ist minimal. Beide ergänzen sich eher, als dass sie in Konkurrenz zueinander stehen. Denn so sehr ich auch auf dieses brachiale eines TRC z.B. stehe, aber es sorgt am Ende auch dafür, dass man sich einen solchen Rum unterm Strich eher selten mal einschenkt. Und da hat man das entspannte Easy Sippin' nun mal einfach mit dem Virtues, der noch dazu auch zu größeren Schlücken einlädt. Dem entgegen steht dann wiederum eigentlich nur noch der Preis, der wirklich happig ist! Nicht, dass dieser nicht gerechtfertigt wäre, insbesondere wenn man sich die Bestände an alten Rums bei Main anschaut, die immer mehr in Richtung nicht mehr vorhanden tendieren. Was wir hier gerade erleben sind also die letzten Reste aus einer Zeit, die so vermutlich nie wieder kommen wird, der letzte Akt alter, lange gereifter Old School Hampden, und die Broker wissen das. Und doch sind 1050,- Euro einfach eine richtig dicke Stange Geld, das auch erstmal in die Brieftasche kommen muss. Wenn das aber der Fall ist, darf man sich über einen wirklich herausragenden Tropfen freuen! So, und ganz kurz noch, bevor wir zur finalen Wertung kommen: ich habe die Bewertung des Virtues Hampden 1983 genutzt und endlich mal in weiten Teilen meine Wertungen zu den meisten auf BAT besprochenen Hampden angeglichen, da sie nach meinem heutigen Dafürhalten in der Vergangenheit fast durchgängig zu hoch ausfielen. Der von mir am höchsten bewertete Hampden, der 26 YO TRC 1990, liegt jetzt bei 95/100 Punkten. Der Nobilis 1993 liegt bei 93/100 Punkten und der heute parallel verkostete RA 1983 bei 90/100. Mit Blick auf die Wertung für den Virtues Hampden 1983 bleiben dann auch glaube ich keine Fragen mehr offen ;-)
 
-94/100-



PS: da ich in den letzten Monaten und Jahren immer mehr Texte lese die ganz offensichtlich von KI wie Chat GPT o.ä. geschrieben oder mindestens bearbeitet wurden und ich dessen mehr als überdrüssig bin, hatte ich selbst einfach mal wieder Bock drauf was zu schreiben - garantiert zu 100% mit natürlicher Intelligenz! :-)

Donnerstag, 29. August 2024

The Sins - Avarice- Long Pond Jamaica Rum 1983

Liebe Rum Gemeinde,

dieses sind die ersten Zeilen auf BAT seit fast zwei Jahren und nachdem meine letzte Review dementsprechend lange zurück liegt und ich -Stand heute- auch für die nächsten Monate, bzw. Jahre, nicht damit rechne, dass sich die Frequenz meiner Verkostungen wieder erhöht, muss ich im Vorfeld direkt festhalten, dass die heutige Review des The Sins -Avarice- Long Pond 1983 leider als Ausnahme zu meiner Inaktivität verstanden werden muss und nicht als Rückkehr zu regelmäßigen Beiträgen von mir. Ich weiß, dass ich eine Wiederaufnahme meiner schreiberischen Aktivität in der Vergangenheit durchaus angedeutet und mir auch vorgenommen hatte, aber die Realität wird auch weiterhin eine andere sein. Dies nur gleich zu Beginn, da sich die Frage ansonsten sicherlich schnell gestellt hätte. 



Wenn ich jetzt aber diese Ausnahme mache und aus völliger Inaktivität über einen Rum schreiben möchte, dann muss dieser Rum ja aber schon etwas sehr besonderes sein, oder? Normalerweise hätte ich es jetzt erstmal mit Franz Beckenbauer gehalten und gesagt: "Schaun mer mal!", aber einen Spannungsbogen künstlich aufzubauen ergibt hier glaube ich keinen Sinn. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern und viele in der Community da draußen haben den Rum auch schon mal u.a. im Rahmen von Festivals im Glas gehabt und auch der Plattform Rum X kann es entnommen werden, dass der Rum um den es heute geht keiner von der Stange ist und auch bisher durch die Bank überzeugt hat. Nun möchte ich mir gerne selbst ein Bild machen und lasse euch daran teilhaben. Allerdings: auch wenn ich selbstverständlich meinen guten Geschmack nicht verloren habe und auch weiterhin im privaten Rahmen Rum trinke, so ist mir aber die Routine an der Tastatur durchaus verloren gegangen. Für eine Review benötigte ich vor einigen Jahren mit Sicherheit etwa 10 Stunden im Schnitt, schließlich hing oft ja auch einiges an Recherche dran, die zu vielen Beiträgen im Vorfeld betrieben werden wollte. Würde ich heute eine Review in diesem Umfang schreiben, wäre ich vermutlich für Wochen eingebunden. Diese Zeit habe ich nicht mehr und so wird der heutige Beitrag um einiges kompakter werden als es Reviews in früheren Tagen waren. Und dementsprechend wird es hier ohne große Vorinformationen mehr oder weniger direkt ins Tasting gehen. Nur so viel: der Rum wurde von Distilia abgefüllt und für die Auswahl des Fasses aus dem Distilia Fasslager und die Gestaltung des Labels war der Rob verantwortlich. Den wiederum muss ich hier aber glaube ich ohnehin niemandem mehr vorstellen, oder? Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand meinen Blog kennt, aber noch nie etwas von Rob gehört hat. Und falls doch, dürft ihr gerne mal nach Whisky Digest, Grape of the Art oder dem Armagnac Festival in Stuttgart googlen ;-) 

Wer mehr über die Destillerie Long Pond erfahren möchte, der kann gerne in meinem Beitrag von 2018 ein wenig stöbern, auch wenn dieser an der einen oder anderen Stelle möglicherweise schon nicht mehr aktuell ist.

Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich ein Sample zur Verkostung dieses Rums, sowie zu Fotozwecken, gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 


Verkostung des The Sins -Avarice- Long Pond Jamaica Rum 1983:

Preis: die unverbindliche Preisempfehlung für den 1983er Long Pond wird bei 850€ liegen und Release ist am 29. August 2024.  

Alter: von 1983 bis Februar 2024 durfte der Rum 40 Jahre im Fass reifen. 

Lagerung: keine Angabe. Vermutlich reifte er aber über weite Teile, wenn nicht sogar die gesamte Zeit seiner Reifung in Europa. 

Fassnummer: #1134 - es handelt sich folglich um ein Single Cask. Dieses ergab noch 203 Flaschen a 0,7 Liter.

Angel's Share: unbekannt.  

Alkoholstärke: der Rum kommt mit entspannten 51,6% vol. daher. 

Destillationsverfahren: der Rum entstammt einer Pot Still von Long Pond.

Mark: keine Angaben.

Farbe: leuchtend goldenes Stroh! Eine wunderschöne Farbe und typisch für ein kontinental gereiftes Destillat. 

Viskosität: enge, aber wenig parallel fließende Schlieren ziehen sich an der Glaswand herunter. 

Nase:
 Stunning! Eine wirklich fantastische Nase begrüßt mich hier nach fast zwei Jahren auf dem Blog zurück. Jamaica, ich bin zuhause - aber sowas von! Für einen Long Pond kommt die Nase ungewöhnlich intensiv und beinahe schon extrem daher. Um nicht zu sagen: ich bin gedanklich erst einmal bei Hampden! Da steckt einiges an Estern drin, die den Rum mit Lösungsmitteln und Klebstoff bereichern, die dabei aber nicht nur die Herzen von Freunden von High Ester Rums höher schlagen lassen, sondern auch jene derer, denen der Schlag in die Fresse von Hampden deutlich zu plump ist. Denn dieser Rum ist einfach richtig gut! Man findet hier, nachdem der Rum einige Zeit im Glas atmen durfte, vieles, was man von einem guten, alten Old School Long Pond erwartet, denn neben seiner Kraft, bringt er auch die für alte Long Pond so typischen feinen und filigranen Noten mit. Wer alte Rum Nations, den Silver Seal 1986, den Isla del Ron 1982 oder vergleichbare Kandidaten im Glas hatte, der wird beim Sins -Avarice nicht umhin kommen in Nostalgie zu verfallen, denn Assoziationen in diese Richtungen muss man ebenso wenig lange suchen wie die Ester. Allerdings kommen diese hier ausgeprägter daher als bei anderen 80s Long Ponds. Gemeinsam haben sie hingegen wieder, dass man keinerlei alkoholische Schärfe in der Nase hat, die 51,6% kommen richtig smooth. Selbst wenn ich meine Nase ins Glas halte und tief einatme brennt da nichts! Allerdings ergibt ein peripheres Nosing natürlich deutlich mehr Sinn und den olfaktorischen Blick frei auf die vielen Noten und Assoziation die in diesem Rum stecken. Da sind neben den erwähnten Lösungsmitteln und Klebstoffen auch ein vegetaler Einschlag, der mich an Stroh und frisch geschnittenes Geäst denken lässt. Dazu gesellen sich gegrillte Ananas, Zitrusfrüchte, Apfel, Banane, Vanille und dunkle Erde. Eine sanfte Note vom Eichenholz des Fasses ist ebenfalls dabei, allerdings beeindruckt es mich sehr, wie wenig ausgeprägt diese nach 40 Jahren der Reife ist. Klar, kontinentale Reife ist ein komplett anderer Schnack als tropische Reife, aber auch nach vier Jahrzehnten in Europa sind Rums nicht selten auch schon mal verholzt. Davon ist der Long Pond sehr weit entfernt!

Gaumen: der Eindruck den ich in der Nase hatte setzt sich am Gaumen nahtlos fort! Geil! Unfassbar gut! Ein richtig schön schwerer, komplexer, öliger und mundfüllender Jamaicaner, der mich auch hier erst einmal wieder an Hampden erinnert, allerdings auch an die tropisch gereiften High Ester Long Ponds, nur eben durch die kontinentale Reife in eine vollkommen andere Richtung entwickelt! Auch das Profil vom Gordon & MacPhail Long Pond 1941 kommt mir in den Sinn. Ein sehr, sehr dichter Rum, total konzentriert und richtig schön ölig. Wo die Nase für ihre 40 Jahre noch fast jugendlich daher kam, verleugnet der Gaumen sein Alter sehr viel weniger. Hier kommt das Eichenholz richtig schön durch und geht mit Anklängen von Gewürzen, insbesondere Nelke und Anis stechen für mich heraus, frischer Erde und der Süße und Säure von tropischen Früchten ein sehr schönes Aromenspiel ein, bei dem keine eine andere Komponente erschlägt. Allerdings komme ich immer wieder nicht an dem Gedanken vorbei, dass das hier doch ein 1983er Hampden HGML ist, der durch die 40 Jahre im Fass zu bisher wenig gekannter Milde geführt hat. Allerdings hatte ich auch schon ewig keinen solchen Rum mehr im Glas, weswegen ich mir in der zweiten Tasting Session einen RA 1983er Hampden daneben gestellt habe und hier verflog mein anfänglicher Hampden-Gedanke doch recht schnell. Die Ester beim Avarice sind krass, aber bei den Hampden aus gleichem Jahr ist das doch alles nochmal ne andere Nummer. Im direkten Vergleich ist der Rum als Long Pond zweifelsfrei zu erkennen. 

Abgang: nach hinten heraus kommt die Eichenholznote vollends zum tragen, was man bei einem 40 Jahre alten Rum aber auch erwarten darf und möchte. Sie nimmt darüber hinaus noch einiges an Gewürzen mit, Anis ist da wieder dabei, aber auch immer noch diese leckere Süße von Früchten. Dazu ist der Abgang ewig lang. Ganz großes Kino! 

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Fazit:
 nach all der Zeit, die ich zwar nicht abstinent verbracht habe, in der ich aber sehr wohl deutlich weniger Rum getrunken habe als noch bis ins Jahr 2021, war es für mich deutlich schwieriger diesen grandiosen Rum zu besprechen als es das noch vor einigen Jahren war. Aber es hat sich mehr als gelohnt! Was für ein Brett! Benchmark Stoff? Mit Sicherheit! Mir fällt aus Long Pond so spontan wenig ein, was da mitgehen kann. Der Gordon & MacPhail 1941 natürlich und die ganz alten Vertreter aus den 1970s und 1980s, die auch alle nochmal ein Stück mehr Schmeichler waren, aber sie waren auch fast alle verdünnt und somit ging da für mich auch immer sehr viel Genuss flöten. Das ist hier anders! Der Rum kommt in seiner Fassstärke und ist aber durch die entspannten 51,6% vol. dennoch kein Alkohol-Hammer. Ich würde beim Avarice Long Pond 1983 sogar von einem wirklich perfekten Jamaicaner sprechen, der das beste aus allen Bereichen in sich vereint. Er ist richtig schön esterig, aber er ist auch filigran, gediegen und gesetzt. Am Ende müssen wir -na klar- noch über den Preis sprechen. 850,- Euro sind eine heftige Stange Geld, insbesondere in der aktuellen Zeit, in der der große Rush erst einmal ausgesetzt scheint und nicht mehr jeder Preis für jeden Rum blind bezahlt wird. Und dennoch glaube ich, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis bei diesem Rum am Ende stimmt und der Rum auch fair bepreist ist. Denn mit diesen Kern-Daten hat er natürlich auch einen USP, denn wo bekommt man sonst einen 40 (!) Jahre alten Long Pond in dieser Qualität? Und was kostet nochmal ein G&M 1941, der am Ende inzwischen auch "nur" noch 18 Jahre älter ist? ;-) Nuff said. 
-95/100-


Sonntag, 30. Oktober 2022

The Rum Cask Jamaica Rum 12 YO Hampden DOK 2009

Liebe Rum Gemeinde,

fast drei Monate sind seit meiner letzten Review vergangen und wiederum ca. zwei Jahre sind ins Land gegangen, seit es das letzte Mal eine "Recommended by Barrel Aged Thoughts" Abfüllung von The Rum Cask gab. Mit dem Release am Freitag und diesem Posting heute geht beides mehr oder weniger zeitgleich an den Start, was nicht zuletzt auch mit einem ganz persönlichen Jubiläum auf diesem Blog zu tun hatte...  



Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren, am 26. Oktober 2012 war es, da ging das allererste Review auf Barrel Aged Thoughts online! Ein Monymusk-Crosstasting zwischen dem Bristol 1976 und dem A.D. Rattray 1986 war das damals. Zehn Jahre, das sind, je nach Blickwinkel und Relation, ein Wimpernschlag in der Geschichte oder auch eine halbe Ewigkeit. Zumindest in Bezug auf die internationale Rum Community kann man bei zehn Jahren aber glaube ich schon von einem ganz ordentlichen Zeitumfang sprechen, bedenkt man nur, wie wenige derer die heute dabei sind es auch damals schon waren und in welchem Maße sich die Rum Landschaft seither verändert hat. In der Rum Welt liegen zwischen 2012 und 2022 meines Erachtens nicht weniger als Welten, was ich hier und vor allen Dingen hier auch einmal in zwei gesonderten Beiträgen zum Thema "A Decade of Rum: 2010 - 2019" dargestellt habe! Die Etablierung der Fassstärke, die Schaffung eines Bewusstseins für die Unterschiede zwischen kontinentaler und tropischer Reifung und eine teils komplette Umkehr des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage sind dafür die wohl augenscheinlichsten Beispiele. Diese zehn Jahre waren nicht zuletzt aber auch für mich persönlich wahnsinnig ereignisreiche Jahre. Als ich mit BAT startete, startete ich parallel auch in meine Ausbildung. Meine Tochter war damals gerade zwei Jahre alt, heute steckt sie schon in der Pubertät. Ich verlor das Hobby teils aus den Augen und fand aber auch jedes Mal dort hin zurück. 

Eine Destillerie und ein Mark welches mich in den vergangenen zehn Jahren stets begleitet hat, davon fünf Jahre als bis dahin noch vollkommen unbekanntes Mysterium, ist Hampden DOK. Vor zehn Jahren war es noch vollkommen utopisch, dass dieser Rum Style einmal in dieser Weise gefragt sein würde, wie es heute der Fall ist. Mehr noch, er wurde noch nicht einmal zum Verkauf für Endkunden an irgendeiner Stelle angeboten! DOK war ausschließlich Rum für die Industrie! Auch erinnere ich mich noch gut an das verächtliche Unverständnis von Richard Seale im Jahr 2018, als mit dem Letter of Marque das meines Wissens nach allererste DOK Release in Fassstärke und auch das allererste unter Verweis auf dieses Mark an den Start ging. Er konnte sich mit Blick auf die historische Rolle von High Ester Rums als reines Flavouring Material für Blends nicht vorstellen, dass es tatsächlich Menschen geben könnte, die das pur trinken wollen, eben weil es zu diesem Zweck nie hergestellt wurde. Für ihn war das, als käme jemand auf die Idee, den Cola Sirup bei McDonalds pur zu trinken. Aber eben dieses Bottling, der Letter of Marque, für das sich damals die Blogs Single Cask Rum, RUMBOOM und eben Barrel Aged Thoughts unter dem Dach von The Rum Cask verantwortlich zeigten, ist dann im Grunde auch schon das Stichwort, denn der Rum um den es heute geht stellt den Rest des Fasses von damals dar, der noch viereinhalb Jahre weiter im Lager von TRC und in eben jenem Fass reifen durfte. Diesen Rum füllten die Jungs aus Pirmasens nun ab und nach einer intensiven Verkostung vorab war klar, dass ich diesem Rum gerne meine Empfehlung gebe, erkennbar am goldenen Sticker, der erstmals 2013 zur Anwendung kam und am Gelbbrustara, der seit 2017 diese ausgewählten Bottlings ziert. Was hat es mit den Abfüllungen mit dem Sticker und dem Ara auf sich? Kurz gesagt war diese Kooperation eine simple Win-Win-Situation. The Rum Cask waren damals vor neun Jahren noch neu im Rum Business unterwegs und profitierten von unserem Know How (damals waren wir bei BAT noch zu dritt). Wir verkosteten Fassproben parallel zu den Jungs und teilten mit ihnen unsere Einschätzungen. Und wir wiederum konnten auf diesem Wege Einfluss darauf nehmen, was ein Independent Bottler abfüllt und waren nicht mehr ausschließlich darauf angewiesen, dass die IBs ein glückliches Händchen hatten. Damals lief da nämlich bei den meisten noch ganz viel nach dem Zufallsprinzip und auch unser Geschmack entsprach damals noch einer absoluten Nische, die leider selten bis gar nicht bedient wurde. Wer genaueres dazu erfahren möchte: hier habe ich die Geschichte der Recommended Bottlings detailliert dargelegt.


Für diejenigen, die vielleicht noch neu in der Materie sind, hier an dieser Stelle nochmal kurz ein paar Infos zum Mark DOK, entnommen aus meinem Artikel "Hampden Estate - ein Überblick":

"Der Stil mit dem höchsten Estergehalt überhaupt bei Hampden wird mit dem Mark DOK (Dermot Owen Kelly-Lawson) bezeichnet. Er weist nach der Destillation einen Estergehalt von 1500 bis 1600 gr/hlpa auf und ist laut allgemeiner Jamaica-Klassifizierung ein Continental Flavoured Rum. Von der Main Rum Company wird auch das Mark JMK verwendet, welches für Jamaica Main DOK steht. DOK galt unter Connaisseuren lange Zeit als das spannendste Geheimnis der Destillerie, aber auch, wegen des enorm hohen Estergehalts, als möglicherweise ungenießbar. Seinen Ursprung hat der Stil nämlich im Rumhandel mit Deutschland im 19. Jahrhundert, weswegen er quasi als Hampden-Essenz angesehen werden kann.
Aus der Zeit vor der Schließung Hampdens im Jahr 2003 ist mir kein einziges DOK-Bottling bekannt. Abgefüllt und auf den Markt gebracht wurde ein Hampden DOK meines Wissens nach erstmals im Herbst 2017 durch den niederländischen unabhängigen Abfüller Kintra. Die Angabe, dass es sich um einen DOK handelt befand sich allerdings nicht auf dem Label. Dies passierte erstmals im Frühjahr 2018, als deutsche Rumblogs (darunter auch BAT) in Zusammenarbeit mit dem Abfüller The Rum Cask unter dem Namen Letter of Marque einen solchen Rum der Öffentlichkeit zugänglich machten. Der Estergehalt dieser Rums ist zwar tatsächlich sehr hoch, aber ungenießbar sind die Rums dennoch ganz sicher nicht. Im Gegenteil."

Anders als im April 2018, als der Letter of Marque heraus kam, ist ein Hampden DOK heute natürlich keine absolute Sensation mehr. Viele weitere Bottlings in diese Richtung folgten und unterstrichen, dass DOK unter Freunden des gepflegten Ester-Bombardements durchaus gefragt und gesucht ist. Unverändert blieb hingegen, dass die Erfahrung eines Hampden DOK weiterhin eine wirklich extreme ist! Spannend ist nun also zu beobachten, inwieweit sich das mit zunehmendem Reifegrad ändert, wenn die ganz krassen Spitzen unter dem Einfluss des Fasses so ein wenig Rundungen entwickeln. Der TRC Hampden DOK 2009 kommt mit nun 13 Jahren (das Release war ursprünglich für das Frühjahr geplant und die Label schon gedruckt, daher wird der Rum auf dem Label als 12 YO geführt) schon deutlich reifer daher als er es mit damals acht Jahren tat und ich denke es ist Zeit, zur Verkostung zu schreiten!


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle aber noch erwähnt, dass ich ein Sample und eine Flasche zur Verkostung dieses Rums, sowie zu Fotozwecken, gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 



Verkostung des The Rum Cask Jamaica Rum 12 YO Hampden 2009:

Preis: die unverbindliche Preisempfehlung für den 2009er Hampden lag bei 119,90€ und Release war am 28. Oktober 2022.  

Alter: von Juni 2009 bis Oktober 2022 durfte der Rum insgesamt 13 Jahre im Fass reifen. Da der DOK ursprünglich schon für das Frühjahr 2022 geplant und die Etiketten gedruckt waren, wird das Alter auf der Flasche aber noch mit 12 Jahren angegeben. 

Lagerung: unbekannt. Vermutlich reifte er aber über die gesamte Zeit seiner Reifung in Europa. 

Fassnummer: #18 - es handelt sich folglich um den Rest des Fasses vom Letter of Marque DOK. Dieser entsprangen nun noch einmal ca. 120 Flaschen a 0,5 Liter + einiges an Samples.

Angel's Share: unbekannt.  

Alkoholstärke: der Rum kommt, wie bei TRC üblich, in Fassstärke daher und weist einen Alkoholgehalt von 64,5 % vol. auf. 

Destillationsverfahren: der Rum entstammt einer Double Retort Pot Still. 

Mark: DOK (Dermot Owen Kelly-Lawson)

Farbe: blass goldenes Stroh.

Viskosität: enge, dünne, parallele Schlieren fließen an der Glaswand herab und verweisen auf einen eher jungen Rum. 

Nase:
 die Erinnerungen und Parallelen zum Letter of Marque sind natürlich unübersehbar! Insbesondere im Crosstasting der beiden nebeneinander wird das deutlich, allerdings bringt der TRC natürlich schon einiges mehr an Reife und Holz mit, was ich als äußerst positiv empfinde. Er ist so gesehen runder, aber selbstverständlich noch immer so ungestüm, wie man es von einem Hampden DOK erwartet. Der Alkoholgehalt ist merklich hoch, aber nicht unangenehm störend. Nach ca. 20 Minuten kommt der Rum dann gar und gar smooth daher und von alkoholischer Schärfe bleibt gar nichts mehr übrig. Assoziationen zu flüssigem Klebstoff, Lösungsmitteln, Marzipan, gegrillter Ananas, gebackener Banane, nasser Erde, Zitrone, Antipasti und geräuchertem Schinken, wie ich sie beim LOM hatte finde ich auch im TRC wieder, aber eben in deutlich fortgeschrittenem Stadium. Ich meine, man darf man nicht vergessen, dass der Rum zwar schon viereinhalb Jahre älter, aber nun mal auch erst dreizehn Jahre alt ist.

Gaumen: ... und da scheppert's auch direkt! Wumms! Wie ein Schnellzug gegen ein Fahrrad schlägt der Rum am Gaumen ein und verursacht ein absolutes Ester-Inferno! Denn auch hier kann man im Grunde alles an Eindrücken wiedergeben, was auch beim LOM schon Phase war, nur, dass das ganze nun eben deutlich harmonischer daherkommt, wenn man sich zu diesem Wort bei so etwas wie einem DOK denn durchringen kann. Der Rum ist dementsprechend unfassbar mundfüllend und wahnsinnig adstringierend. Es zieht einem regelrecht die Schleimhäute zusammen. Der Säure-Anteil ist Mark-bedingt hoch. Natürlich merkt man dem Rum auch die Fassstärke an, aber ich empfinde diese hier als passend und würde sie dementsprechend auch nicht missen wollen. Der Alkohol ist super eingebunden und britzelt nur zu Beginn etwas auf der Zunge (wobei man mit größeren Schlucken durchaus vorsichtig sein sollte). Danach kommt dann auch dementsprechend einfach nur noch Flavour! Ein Bombardement an Estern, gegrillter Ananas, reichlich Obst, Toffee, Antipasti und etwas erdig-muffigem finde ich am Gaumen ebenso wie deftige Chorizo. Die Komplexität die mir beim LOM noch etwas gefehlt hat finde ich hier schon sehr viel eher, auch wenn dieser Rum natürlich auch noch keine zwanzig Jahre oder älter ist. Beim LOM empfand ich den Reifegrad damals als schon beinahe ausreichend, allerdings bleibt insbesondere im Quervergleich kein Zweifel darüber, dass der TRC um einiges ausgewogener auftritt und ihm das mehr als gut zu Gesicht steht. Ein Brett! 

Abgang: Hampden typisch verweilt der Rum nun schon sehr viel deutlicher am Gaumen und begleitet mich bis zum nächsten Morgen. Gegrillte Ananas kommt immer wieder, dazu Toffee und Antipasti. Hier zeigt sich der Reife-Zugewinn beim TRC deutlich! 

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Fazit:
 ich muss ja gestehen, dass das Thema DOK für mich eigentlich schon sehr durch war. Man bekam dazu in den letzten Jahren einiges geboten und das mystische, das diesen Stil lange umgab, ging so ein wenig verloren. Jeder, der da im Thema steckt kennt inzwischen Hampden DOK. Und dennoch hatte der LOM Stoff von damals mit noch einmal viereinhalb Jahren Reife on top auf Grund der persönlichen Verbindung seinen Reiz für mich, war dieses Fass doch etwas sehr besonderes für mich. Daher traf es sich auch vorzüglich, dass dieses Release und das zehnjährige Jubiläum von BAT so zusammenfielen, schließlich war nicht nur dieser DOK ein wichtiger Wegbegleiter während all der Jahre, sondern auch die Zusammenarbeit mit Jens und TRC währt insgesamt nun schon neun dieser zehn Jahre. Daher repräsentierte diese Abfüllung in gewisser Weise alles, wofür der Blog aus meiner Sicht immer stand: Nerd-Stoff, Neugierde, der unermüdliche Antrieb euch da draußen für eben jenen Stoff zu begeistern und zu gewinnen und über diesen Weg meinen Teil dazu beizutragen, dass solche Bottlings (anders als zum Start von BAT, als wir sehr auf dem Trockenen saßen) überhaupt möglich sind.
Mit der steigenden Nachfrage stieg im Laufe der Jahre aber auch nicht nur das Angebot, sondern es stiegen auch kontinuierlich die Preise. Und das Preisleistungs-Verhältnis bei diesem DOK fällt mir offen gestanden auch schwer zu beurteilen. Ich weiß ja noch, zu welchem Kurs der LOM damals kam. Und da das Fass folglich bereits 2018 gekauft war, kamen seit dem im Grunde nur Lagerkosten und geringfügig Schwund an Liquid dazu, die einen Preis von über 100% mehr im Vergleich zu damals sicher nicht notwendig gemacht haben. Das schmeckt nicht jedem und ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass ich derlei Kritik nicht nachvollziehen könnte. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich jeden Händler verstehen kann, der keine Lust mehr hat dabei zuzusehen, wie Bottlings innerhalb von Minuten ausverkauft werden und wenig später auf Rum Auctioneer  etc. zu deutlich höheren Kursen weggehen. Die Kunst liegt meines Erachtens dementsprechend darin, einerseits diejenigen, die ihre Flaschen wirklich noch aufmachen und den Stoff lieben nicht zu verprellen und andererseits den Flippern die Taschen nicht vollkommen widerstandslos zum eigenen Nachteil voll zu machen. Ob da ein Gleichgewicht gelungen ist, muss jeder mit sich ausmachen und darauf basierend eine Kaufentscheidung fällen, aber ich finde, wie erläutert, für beide Seiten Argumente und glaube, dass es der Markt auch ein Stück weit richtet. Beispiele für Bottlings, die wie Blei in den Regalen liegen findet man schließlich zuhauf und der heute verkostete Rum gehört mit einer Verweildauer von ein paar Minuten im Shop am Freitag definitiv nicht dazu. 

-ohne Score-Wertung-


Der TRC - DOK im Mai Tai:

Und ja, wenn schon denn schon! Der Mai Tai war für mich und auch auf diesem Blog hier schon immer eine Herzensangelegenheit und so komme ich gar nicht daran vorbei, schon gar nicht zum zehn jährigen, auch diesen High Ester Rum in meinem Lieblingsdrink auszuprobieren. Ich gebe zu, mein persönlicher Geschmack hat sich da in den letzten Jahren etwas verschoben, dahingehend, dass mir gemäßigtere Jamaica Rums im Mai Tai etwas besser gefallen, aber der Versuchung eines Hampden DOK mit dreizehn Jahren Reifezeit in diesem Tiki Klassiker kann ich natürlich nicht widerstehen. 



Das Rezept meiner Wahl (nach Trader Vic):

  • 6,0 cl The Rum Cask Jamaica Rum 12 YO Hampden DOK 2009
  • 1,5 cl Ferrand Dry Curacao 
  • 1,0 cl Meneau Orgeat
  • 0,5 cl J.M. Zuckersirup
  • 3,8 cl Limettensaft (frisch gepresst!)


Die Anmutung im Glas ist gewohnt und vertraut, der Drink ist sehr hell und ein wenig ins milchige gehend, wie immer, wenn ich den Mai Tai mit eher jungen, kontinental gereiften Hampden zubereite. 

Geschmacklich dann, wie schon in der Pur-Verkostung, die absolute Explosion! Sehr, sehr geil! Ein absolut intensiver, dabei aber smoother, fruchtiger Mai Tai, eine absolute Aromenbombe! Während ich den Mai Tai mit dem Letter of Marque noch eher in einer Kombination gemixt habe, sprich diesem einen noch etwas reiferen Rum an die Seite gestellt habe um mehr Tiefgang und Komplexität in den Drink zu bringen hat das der TRC defintiv nicht nötig. Zwar merkt man auch hier, dass der Rum im Drink keine zwanzig Jahre alt ist, aber dieses etwas farblose (im wahrsten Sinne) hat er nicht mehr. Wer mal einen Mai Tai mit ungereiftem Rum probiert hat, der weiß was ich meine. Bei denen sieht man das natürlich am deutlichsten. Der hohe Alkoholgehalt des Mai Tai bereitet keinerlei Probleme, er lässt sich sehr entspannt trinken. Natürlich profitiert er auch nochmal etwas von der Verwässerung, was für mich aber ein eher positiver Aspekt ist, heißt dies doch vor allem, dass man sich mit dem Genuss auch länger Zeit lassen kann, ohne Sorge haben zu müssen, dass der Drink durch zu viel Schmelzwasser in seiner Qualität merklich einbüßt. Alle Zutaten harmonieren miteinander und machen, was sie im Mai Tai zu machen haben: der Rum steht im Vordergrund, die anderen Zutaten setzen ihn in Szene, ohne von ihm erschlagen zu werden. Wunderbar! 

Fazit: 

Kann man machen! Klar, den Diskurs darüber ob Rums mit einem solchen Preisschild in einen Drink gehören führe ich, seit ich Rums mit diesen Preisschildern in eben jenen Drinks vermixe. Aber ich stehe da absolut zu meiner Haltung, dass ein Drink wie der Mai Tai einen Mehrwert für einen Rum wie den DOK darstellt, weswegen es für mich keinen Grund gibt es nicht zu tun. Noch dazu kommen leider immer weniger Rums auf den Markt, deren Preisschild mir merklich besser gefällt und die aber eine vergleichbare Qualität wie die hier dargebotene zu bieten haben. Da haben sich die Zeiten einfach geändert, ein Nerd Stoff wie dieser fliegt eben nicht mehr unter dem Radar und man kann eben nicht alles haben. Gäbe es diesen Markt in der Form nicht, käme auch der Stoff nicht in den Handel. Insofern bin ich da mit allem fein! Wird wieder gemixt! 


Bis demnächst
Flo

Sonntag, 28. Februar 2021

The Rum Cask Guyana Rum 12 YO Port Mourant 2008 (Ex-Hampden Cask)

Liebe Rum Gemeinde,

mit ein paar Puzzleteilen hatte uns Jens Owczarek seit ein paar Tagen vor Release bereits darauf vorbereitet, dass eine neue Abfüllung erscheinen wird und am vergangenen Mittwoch war es dann auch schon soweit. The Rum Cask veröffentlichten eine 12 Jahre alte PM-Abfüllung, die für etwas über einem Jahr in einem Hampden <>H 2001 Fass reifen durfte. 



Und tatsächlich gibt es viel mehr dazu dann auch eigentlich kaum zu sagen im Vorfeld des Tastings, denn der Rum spricht meines Erachtens in weiten Teilen einfach für sich selbst am besten. Kurz aus dem Nähkästchen hinter den Kulissen geplaudert kann ich aber verraten, dass ursprünglich weder Jens Owczarek noch ich selbst wirklich davon ausgingen, dass ich den Rum am Ende auf dem Blog bringen würde, denn die reinen Randdaten sprachen erstmal nicht für mein Beuteschema. Junger PM?! Dann auch noch nach 2000 gebrannt?! Geh mir weg!! Allerdings hat mich zumindest das Hampden Finish neugierig genug gemacht ihn zu probieren und wenn man dann schon eine kleine Probe in seiner TRC-Bestellung findet... Kurz: am Ende ist das Ding dann doch irgendwie auf BAT gelandet und dieses mal sogar erst nach Release ;-) 



Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich ein Mini-Sample zur Verkostung dieses Rums gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. Wie bei allen meinen bisherigen Reviews, ist auch bei diesem kein Geld geflossen. 


Verkostung des The Rum Cask Guyana Rum 12 YO Port Mourant 2008 (Ex-Hampden Cask):

Preis: der Ausgabepreis für eine Flasche a 0,5 Liter betrug 54,90 Euro.

Alter: der Rum reifte von 2008 bis Anfang 2021 im Fass und ist somit junge 12 Jahre alt. 

Lagerung: die Reifung erfolgte mutmaßlich komplett in Europa. Es wurde dazu ein Teil eines PM-Fasses in ein Ex-Hampden <>H 2001 Cask gegeben, in dem er dann 13 Monate separat reifen durfte. 

Fassnummer: keine Angabe. Es wurden 111 Flaschen abgefüllt. 

Angel's Share: keine Angabe. 

Alkoholstärke: der Rum kommt noch mit 60,3% vol. daher, das entspricht der Fassstärke!

Destillationsverfahren: der Rum entstammt der Double Wooden Pot Still der geschlossenen Port Mourant Distillery. Über Uitvlugt kam sie im Jahr 2000 zur Diamond Distillery, bei der dieser Rum auch gebrannt wurde. 

Mark: PM (Port Mourant)

Farbe: sehr helles, blasses Stroh.  

Viskosität: viele kleine Tröpfchen bilden sich oben an der Glaswand und laufen dann eher zügig, parallel und in engen Abständen zueinander am Glas herab. Das sehr junge Alter zeigt sich hier sehr deutlich. 

Nase:
 in der Nase bedarf es wahrlich etwas Geduld! Während ich zu Beginn und auch mal mindestens noch ca. eine halbe Stunde doch noch etwas skeptisch drein schaue und mich ein wenig Frage ob das gerade wirklich deren (TRC') Ernst ist mir sowas vorzusetzen, wird es dann besser😉. Zu Beginn gehen die Assoziationen arg in Richtung eines Obstschnapses und ich empfinde das ganze als nicht wirklich gelungen. Dann aber, nach ca. 30 bis 45 Minuten geht es in eine ausbalanciertere Richtung und Gedanken an einen jungen Monymusk kommen auf. Und für alle, die sich auch an dieser Stelle jetzt noch fragen, wie sehr das Finish in den Rum hinein gewirkt hat: es ist überall - und doch auch nirgends! Nein, dieser Rum ist kein Port Mourant mehr mit vielleicht ein paar Hampden Nuancen, das hier ist eher wie ein Blend. Und was sich bei einem Blend zwischen Hampden und Port Mourant durchsetzen würde, das kann sich ja jeder vorstellen. Doch wer nun denkt, dass man diesen Rum blind mit einem Hampden verwechseln könnte, der irrt eben neuerlich. Denn tatsächlich ist aus dieser vollkommen verrückten Kombination weder ein PM mit Hampden-Finish, noch ein Hampden mit PM-Assoziationen geworden, sondern etwas drittes, vollkommen neues und anderes. Was ich hier habe, das erinnert mich eher an einen kontinental gereiften Vale Royal Wedderburn von Long Pond, wie Bristol sie vor einigen Jahren mal gebottled hat! Doch während es den Bristols (2011 war wesentlich besser als 2010!) damals an Tiefgang fehlte, kann der TRC an der Stelle punkten. Auch der Alkohol ist super eingebunden! Nach ca. 1,5 Stunden habe ich eine richtig harmonische, smoothe, geil-fruchtige Wedderburn-Jamaica Nase mit gegrillter Ananas und leichter Rauchnote, die Spaß macht! Wer jetzt immer noch einen PM sucht, dem muss ich ein letztes Mal sagen, dass er ihn, zumindest in der Nase, wohl heute nicht mehr finden wird. Das macht aber gar nichts, denn das was ich stattdessen vorfinde gefällt mir. Klar, das ist kein Rum im Spitzenfeld, muss und möchte er auch gar nicht sein, aber ich wage bereits jetzt die These, dass das Finish deutlich mehr aus diesem Rum gemacht hat, als ohne Finish anhand der reinen Eckdaten drin gewesen wäre, denn für gewöhnlich reizen mich derart junge PMs die im neuen Jahrtausend destilliert wurden mal so überhaupt nicht. 

Gaumen: am Gaumen überrascht mich der Rum dann zunächst neuerlich und zwar, weil er für sein jugendliches Alter und die Stärke von immerhin 60,3% vol. wirklich sau entspannt zu trinken ist und auch größere Schlucke problemlos drin sind. Gleichzeitig knistert der Tropfen aber auch noch genug auf der Zunge, um nicht als kantenlos durchzugehen. Das ist stark! Aber es kommt noch besser. Denn um ehrlich zu sein hatte ich ein wenig befürchtet, dass das Finish zwar aus der Nase gut was herausgeholt hat, das ganze am Gaumen aber sehr instabil daherkommen und in sich zusammen fallen würde. Oder, deutlicher gesagt: noch bis hier hin ging ich tatsächlich davon aus, dass aus diesen Notes am Ende sicher kein Review werden würde, aber nichts da! Denn spielt der Rum auch definitiv nicht in der obersten Liga mit, nach wie vor nicht, aber er liefert mir Argumente über ihn zu sprechen! Am Gaumen tendiert der Rum nämlich zwar zunächst wieder zu Vale Royal, kippt dann aber doch auch zu Hampden und entscheidet sich, anders als noch in der Nase, letztlich allerdings auch deutliche Charakteristika von Port Mourant (Bleistift / Anspitzer-Spähne, Anis) zu zeigen. Hier finden beide Stile letztlich wirklich zusammen und erneut würde ich blind sehr viel eher auf einen Blend tippen als nur auf ein Finish. Das gefällt mir sehr gut, zumal der Rum auch richtig schön cremig wird. Aber auch hier, wie schon in der Nase, gilt das immer so ein wenig unter Vorbehalt und darauf verweisend, dass wir uns hier zwar auf qualitativ hohem Niveau, aber ganz eindeutig nicht im Spitzenbereich befinden. 

Abgang: im Finish habe ich dann zunächst eher etwas Anis vom PM. Die nächsten Eindrücke gehören dann aber klar dem Hampden und seinen estrigen-fruchtigen Tönen, bevor es wieder richtig PM geht. Ganz zuletzt ist aber Hampden Banane da, die wiederum nochmal von Bleistiften abgelöst wird. Ganz stark, da passiert richtig was, ein tolles Finish! 

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Fazit:
 ein Rum, auf den die Welt ganz sicher nicht gewartet hat. Aber ich glaube, genau das gefällt mir daran! Denn dieser Rum bricht die Regeln, er bricht aus dem bestehenden System der in gewissem Maße erwartbaren Rums aus. Denn seien wir mal ehrlich: zumindest im High End Bereich dreht sich das Broker-Karussell seit vielen Jahren im Kreis und hält kaum echte Überraschungen bereit. Klar, es gibt häufigere und seltenere Batches, solche, die wir ein paar mal im Jahr sehen und dann wieder jene, die wir nur alle Jubeljahre mal zu Gesicht bekommen. Aber sie befinden sich letzten Endes alle auf dem Karussell und wir wissen das und stellen uns ein Stück weit darauf ein, dass wir sie dann und wann in die Flasche bekommen. Die tropisch gereiften Stocks, die Main im Vorfeld des vergangenen Jahres erwerben konnte, bilden da eine willkommene Ausnahme, sie waren nicht erwartbar... und eben unser heutiger Rum! Ihn wähnten wir nicht auf dem Karussell und er befindet sich auch jetzt nicht (mehr) darauf. The Rum Cask haben damit etwas eigenes geschaffen und das finde ich super, zumal ich nicht damit gerechnet hatte, dass das so gut funktioniert. Sicher, dabei ist kein Über-Rum herausgekommen, um Gottes Willen, aber das kann, muss und sollte man bei einem Rum dieser Preisklasse auch niemals erwarten! Wenn ich aber für knapp über 50,- Euro mal was anderes sehe als sonst und die Qualität dabei immer noch sehr hoch liegt, dann gibt es nicht viele Argumente die dagegen sprechen bei sowas auch einfach mal zuzuschlagen. Gleichzeitig muss sich aber auch niemand wirklich ärgern, wenn er diesen Rum verpasst hat. Es gab nur etwas zu gewinnen, aber nichts zu verlieren. Und das wiederum macht ihn eigentlich zu einer ziemlich perfekten Abfüllung, finde ich.

-82/100-


Bis demnächst
Flo

Sonntag, 7. Februar 2021

Nobilis Jamaica Rum 27 YO Hampden 1993

Liebe Rum Gemeinde,

nach all der Aufregung um den neuen König von Barbados, den 34 jährigen RA im Rockley-Style aus dem legendären Jahrgang 1986, der am Markt nur äußerst schwer zu finden war, geht es heute auch schon direkt zum nächsten Bottling bei welchem es kaum ein Drankommen gab. Denn von ihm wurden kaum mehr Flaschen abgefüllt als es beim Rockley der Fall war: die Rede ist vom Nobilis Jamaica Rum 27 YO Hampden 1993! 



Und wenn es darum geht euch die Umstände um diesen Rum näher zu bringen, dann komme ich nicht umhin festzustellen, dass es auch heute wieder historisch wird und ich ein wenig weiter ausholen muss. Denn dieser Hampden ist mit seinen 27 Jahren tatsächlich der allererste seines Batches überhaupt! Und ich sage deshalb seines Batches, weil nun einige berechtigt einwenden würden, dass es aus Hampden 1993 bisher ja nun schon die eine oder andere Abfüllung gegeben hat. Es waren nicht gerade viele, aber es gab sie und mit dem 21 Jahre alten Samaroli 1993 Full Proof zählt sogar der für einige beste Hampden aller Zeiten dazu. Doch all diese Rums gehörten zu einem anderen Hampden-Batch, einem Batch, dessen Estergehalt bei der Destillation dem des Marks <>H entsprochen hat. Das Batch um das es heute geht und dem der Nobilis entstammt, trägt das Mark C<>H und hat damit einen ungleich höheren Estergehalt! Wer mehr zu Hampden, den Marks und seinen Bedeutungen erfahren möchte, der kann dies in meiner Übersicht zu Hampden gern nachlesen. 

Doch wie um alles in der Welt kann es sein, dass auch heute noch und nach 27 Jahren plötzlich neue Batches auftauchen? Und ja, in der Tat, das kommt äußerst selten vor! Oft sehen wir Batches schon mit  unter zehn Jahren Reife das erste mal am Markt. Teilweise passiert es, dass wir einige Premieren mit 15 Jahren Reife erleben, aber das war dann bisher auch schon äußerst spät. Nun erleben wir das bei 27 Jahren. Das ist auch insofern kurios, als dass wir etwas ähnliches erst vor einigen Wochen hier hatten, nämlich als wir den 23 Jahre alten The Whisky Jury "Mden" 1997 auf dem Tisch hatten. Auch dieses Batch feierte mit diesem Bottling sein Debüt. Moment, werden mir einige nun abermals entgegnen, aber wer sagt denn, dass es sich nicht doch um nur ein einziges 1993er Batch handeln kann, vielleicht wurde sich beim Mark <>H für 1993 ja geirrt? Doch diesen Einwand werde ich mir für das Fazit aufheben. Spoiler: es sind defintiv zwei verschiedene Batches unterschiedlicher Marks ;-)  Indessen, das alles beantwortet bisher nicht die Eingangsfrage, wie so etwas noch passieren kann, wo man doch schon glaubte, alles gesehen zu haben. Eine eindeutige und definitive Antwort wird es darauf allerdings leider nicht geben. Alles was sicher gesagt werden kann ist, dass der Output der Main Rum Company zu 98% einem mal mehr und mal weniger nachvollziehbaren Schema folgt, auf dessen Grundlage Menschen, die das ganze schon seit langem verfolgen in der Regel sehr zuverlässige Aussagen über den Stoff treffen können, der in Flaschen abgefüllt so eintrifft am Markt  und wir uns hier aber im Bereich der 2% befinden. Das empfinde ich zwar einerseits, weil ich wahnsinnig wissbegierig bin, als frustrierend, aber andererseits, gerade weil ich in diesem nerdigen Bereich eigentlich schon alles gesehen habe was es bisher so gab, aber auch als ungemein spannend! Eine der Theorien wie es zu solchen Rums kommen kann zielt so ein wenig in die Richtung, der wir auch die inzwischen doch recht zahlreichen tropisch gereiften Abfüllungen von Main zu verdanken haben: Zukäufe von anderen Brokern. Wenn Main den Stoff bis vor kurzem gar nicht gehabt hätte, dann würde das erklären, warum es da bisher keinen Output, innerhalb kürzester Zeit aber bereits zwei neue Jahrgänge gab. Andere denkbare Möglichkeiten wären, dass die Fässer bewusst lange zurückgehalten oder aber in einer Ecke des gigantischen Lagers "vergessen" wurden. Doch wie man es dreht und wendet, man wird da wohl aktuell keine gesicherten Erkenntnisse bekommen, weswegen mir an dieser Stelle nichts bleibt, als mich einfach um den Stoff zu kümmern und diesen nun endlich zu probieren. Dies werde ich im Crosstasting mit dem bisherigen König aus 1993 tun, dem oben bereits erwähnten Samaroli, sowie meinem König des Marks C<>H und dem König von Hampden insgesamt, dem 26 jährigen The Rum Cask 1990 mit 61,9% vol.!

Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich ein Sample zur Verkostung dieses Rums gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 

Hampden-Benchmarks unter sich: TRC 1990, Samaroli 1993 FP, Nobilis 1993


Verkostung des Nobilis Jamaica Rum 27 YO Hampden 1993:

Preis: der Ausgabepreis für eine Flasche a 0,7 Liter betrug 2395,- DKK im Shop von Nobilis, also umgerechnet ca. 320,- Euro. 

Alter: der Rum reifte von 1993 bis Ende 2020 im Fass und ist somit 27 Jahre alt. 

Lagerung: die Reifung erfolgte mutmaßlich komplett in Europa. 

Fassnummer: keine Angabe. Das Fass ergab jedoch einen Output von nur 168 Flaschen a 0,7 Liter. 

Angel's Share: keine Angabe. Sollte es sich dabei aber um ein Standard 190 Liter Fass gehandelt haben, läge der Angel's Share bei ca. 38%. 

Alkoholstärke: der Rum kommt noch mit starken 65,8% vol. daher, das entspricht hier der Fassstärke!

Destillationsverfahren: der Rum entstammt einer Double Retort Pot Still. Vermutlich handelte es sich dabei um die John Dore Still, die seit 1960 bei Hampden aktiv ist. Alle anderen heute noch verhandenen Stills sind aus mindestens 1994 oder sogar noch jünger. Nicht ausschließen kann ich allerdings, dass 1993 noch weitere Stills aktiv waren, von denen heute nichts mehr bekannt ist. Aus einer solchen kann der Rum theoretisch natürlich auch kommen. 

Mark: C<>H (Continental Diamond Hampden)

Farbe: kräftiges, goldenes Stroh. 

Viskosität: der Rum verläuft recht zügig und in gleichmäßigen, fetten Schlieren an der Glaswand herab. 

Nase:
 What?! The?! Fuuuuck?! Seit dem 26 Jahre alten TRC 1990 vor vier Jahren hat mich keine Hampden Nase mehr spontan so sehr abgeholt und begeistert wie das bei dieser hier gerade der Fall ist. Mein erster Eindruck? Der hat alles - und zwar jeweils auf dem Zenit! Da sind Ester, da sind Power, Intensität, Komplexität, Fruchtigkeit und Reife und das alles in einem komplett stimmigen Gesamtgebilde. Irre! Der Samaroli im Glas dagegen krepiert förmlich (wer Zweifel daran hatte, ob es aus 1993 wirklich zwei Marks gibt - die sind hiermit ausgeräumt!) und auch meine heilige Kuh, der 26 jährige The Rum Cask 1990 ist dem Nobilis in diesem Moment nicht gewachsen! Puh! Denn der TRC hat 2017 alles bisherige geschlagen und bis heute kam auch nichts anderes nach, was dem wirklich gefährlich hätte werden können. Heute allerdings sieht die Sache anders aus! Das Mark C<>H springt mich, wie immer, wenn ich es im Glas habe, gerade zu an. Dieses Mark hat etwas so spezielles, dass es wirklich eine wahre Freude ist! Nun hat dieser hier noch immer einen Alkoholgehalt von 65,8% vol., der damit so hoch ist wie bei noch keinem anderen C<>H im vergleichbaren Alter. Das ist sehr stark, aber das ganze ist hier auch überragend eingebunden, so dass es dem Rum, bzw. seiner sensorischen Erfassung nur zugute kommt. Das Bouquet gehört dann aber natürlich erstmal den Estern und den Assoziationen, die sie mit sich bringen. Der Säureanteil ist C<>H-typisch sehr hoch! Wer damit Schwierigkeiten hat, der steigt hier aus: - und tschüss! Geil, geil, geil!! Klebstoffe und Lösungsmittel prasseln nur so auf die Rezeptoren ein und fordern diese ungemein. Die Belohnung ist aber eines der krassesten olfaktorischen Erlebnisse, die ich bisher in meinem Leben hatte! Gegrillte Ananas spielen natürlich ebenso eine Rolle wie die restlichen für dieses Mark typischen Assoziationen (Marzipan, Vanille, Humus, Zitrusnoten, mediterrane Einflüsse...). Diese sind insofern nicht das besondere, das spektakuläre ist tatsächlich die Intensität, mit der das hier einschlägt! Davon abgesehen kommt der Rum aber durchaus komplexer daher, als das z.B. beim TRC 1990 der Fall ist. Der Fasseinfluss ist merklich vorhanden, allerdings überhaupt nicht in der Weise, als dass hier eine Dominanz in diese Richtung stattfände. Auch ist der Rum noch weit davon entfernt "rundgelutscht" zu sein. Nach langer Standzeit kommt dann auch noch etwas karamellisierter Zucker zum Vorschein. Was mich beeindruckt ist, dass die Nase die Intensität auch über Stunden gehalten bekommt. Das ist ganz, ganz große Qualität und ich hoffe gerade inständig, dass der Rum diese am Gaumen auch so halten kann.

Gaumen: argh, und da zerschlägt sich dann auch direkt meine Hoffnung, denn am Gaumen kann der Rum das Niveau aus der Nase meines Erachtens leider nicht ganz halten. Das ist zu meinem Bedauern dann doch der erste Eindruck, auch wenn das selbstverständlich (und ich hoffe, das ist jedem klar!) Jammern auf unfassbar hohem Niveau ist! Denn nein, der Nobilis ist auch am Gaumen natürlich nicht schlecht, im Gegenteil, er ist sehr, sehr gut, aber eben nicht ganz so gut wie ich es nach der Nase letztlich gehofft hatte. Schließlich hätte das bedeutet, und na klar hatte ich nach dem bisher gesehenen letztlich auf nicht weniger spekuliert und gehofft, dass ich hier am Ende des Tages wirklich eine neue, unumstrittene Number 1 im Bereich High Ester Hampden gefunden hätte und das wird wohl in der Form heute dann doch nicht passieren. Denn am Gaumen kann er den TRC nicht schlagen, der an der Stelle eben jene Perfectness hat, die ich beim Nobilis wiederum in der Nase gesehen habe. Doch schauen wir, wie knapp es zwischen den beiden am Ende tatsächlich wird! Indessen gehe ich selbstverständlich an dieser Stelle jetzt auch spezifischer auf den Nobilis ein. Dieser brennt im ersten Eindruck am Gaumen unerwartet heftig. Nicht wirklich unangenehm oder zu krass, nein, aber zumindest stärker, als ich erwartet hatte. Unter'm Strich würde ich das aber auch gerade noch so als well integrated durchgehen lassen. Dabei ist der Rum natürlich sehr adstringierend und mundfüllend, aber hier kommt dann auch schon einer der ersten größeren Unterschiede zum TRC zum tragen, denn da konnte letzterer eindeutig mehr! Nach einigen Momenten macht das ganze Ding dann aber merklich auf und gibt sehr schön Gas im Mund! Was mir aber einfach auffällt ist, dass dem ganzen im Vergleich zum TRC etwas die Komplexität abgeht, also gerade das was in der Nase noch so viel besser funktionierte als beim TRC und den Nobilis an der Stelle auszeichnete, und dieses so unendlich geile Mundgefühl vom TRC feht. Der Nobilis wird aber wie der TRC auch immer cremiger und ist schon richtig, richtig lecker! Meine Beschreibung des Gaumens muss sich für jemanden der nicht so sehr im Thema ist wie ein Verriss lesen, doch muss ich abermals darauf hinweisen, dass es hier gerade um einen Direktvergleich der zwei bisher größten Giganten dieser Destillerie geht! Was sich hier vielleicht auf den ersten Blick schlecht liest, funktioniert besser als bei nahezu jeder anderen Hampden Abfüllung! Die mediterranen Assoziationen dominieren mit dem Humus schon fast den Gaumen, noch vor der gegrillten Ananas. Dazu kommt einiges an frisch geschnittenem Geäst und Chorizo. Der Rum zeigt hier eine leichte Tendenz ins bittere, was durchaus ungewöhnlich ist für einen Hampden. Hier zeigt sich die fortgeschrittene Reife des Nobilis dann nämlich letztlich doch sehr deutlich. Man kann nur erahnen, welch ein Monster dieser Rum vielleicht vor einigen wenigen Jahren noch gewesen wäre. Die lange Zeit im Fass hat ihm schon einiges seiner Brachialität geraubt, während der TRC den fortgeschrittenen Grad seiner Reifung dann doch einen Tick besser zu kaschieren vermochte. 

Abgang: gegrillte Ananas, Humus, Macadamia und Toffee verweilen lange am Gaumen, dazu frisch geschnittenes Geäst, das in eine leichte Bitterkeit mündet. Der Abgang ist beinahe unendlich. Hier sind Hampden Rums einfach unerreicht. 

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Fazit:
 während ich letzte Woche beim Kampf der Rockley-Giganten noch einen neuen König präsentieren konnte und durfte, bleibt mir diese Freude heute leider verwehrt. Zwar mag ich den grundsätzlichen Gedanken, dass das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen TRC und mir von 2017 für mich auch immer noch das Maß aller Dinge ist, allerdings hätte ich mich nach den vielen Jahren seitdem auch sehr gefreut, wenn da endlich mal ein Hampden drüber gekommen wäre. Nach der Nase lag diese Sensation im wahrsten Sinne des Wortes fast greifbar in der Luft, aber am Gaumen ist der TRC eine unfassbare Macht! Schade! Nichts desto weniger ist der Nobilis ohne Zweifel der zweitbeste Hampden der mir bisher ins Glas gekommen ist und darf daher zur absoluten Spitze der Destillerie zählen. Was für ein Debüt dieses Batches und was für ein Coup durch Nobilis! Denn während ich zunächst nicht so wirklich an ein zweites Batch und das Mark C<>H für 1993 glauben wollte, so bestätigte sich dieses im Tasting ohne jeden Zweifel. Zwischen dem Samaroli und dem Nobilis liegen ganze Ester-Welten! Insofern handelte es sich weder um einen bisherigen Irrtum zum Mark <>H der bisherigen 1993er, noch handelt es sich um eine Fehlinfo in Bezug auf das Mark C<>H zum neuen 1993er, genauso wie sich das auch schon beim 1997er "Mden" bestätigt hat. Main weiß uns also ab und zu noch wirklich zu überraschen bis überrumpeln. Gleichzeitig hätte ich einen solchen Hammer allerdings auch von Nobilis nicht erwartet, denn deren Auftakt, den Guyana 1988, fand ich mal so überhaupt nicht gelungen - milde formuliert! Umso erstaunter war ich, dass der Hampden den enormen Vorschusslorbeeren (die es eben auch beim Guyana und dort absolut zu unrecht!) doch serh gerecht wurde. Ein Wort noch zum Samaroli: dieser ist ein wahnsinnig guter Hampden, der aber in einem Crosstasting mit zwei solchen C<>H-Hochkarätern seine Stärken, vor allem ist das seine Ausgewogenheit, nicht ausspielen kann. Ein direkter Vergleich ergibt daher wenig Sinn, weswegen ich ihn im weiteren Verlauf des Tastings mehr oder weniger aus dem ganzen herausgenommen habe. 

-93/100-

Bis demnächst
Flo