Sonntag, 10. Januar 2021

The Whisky Jury 23 YO Jamaica Rum "Mden" 1997

Liebe Rum Gemeinde,

eigentlich dachte ich ja, dass wir das Jahr 2020 nun hinter uns gelassen und über alles gesprochen hätten, was dieses unglaubliche Jahr so mit sich gebracht hat. Doch einen hab ich noch... 


Es ist, als würde uns das letzte Jahr sagen wollen: "Falls ihr geglaubt habt, 2020 alles gesehen zu haben, dann schnallt euch lieber an!" Das gilt ganz offensichtlich und für jeden sichtbar natürlich im weltpolitischen Sinn, aber auch in unserer kleinen Rum-Blase passt der Satz dieser Tage ganz gut. Denn in meiner ersten Review in 2021 möchte ich mit euch über einen Rum sprechen, der noch im alten Jahr 2020 abgefüllt und vorgestellt wurde, der aber erst jetzt, im Januar, allmählich die europäischen Connaisseure erreicht hat: den 23 Jahre alten "Mden" Jamaica Rum aus dem Jahrgang 1997!

Und damit beginnt das Jahr 2021 gleichsam mit einer Fehleinschätzung meinerseits. Denn als der Rum im letzten Monat allmählich auf Facebook auftauchte und publik wurde, da tauchten natürlich auch die ersten Fragen dazu auf: "Mden"? Jamaica 1997? Was kann das sein? Nun, in meiner ersten Vermutung ignorierte ich sowohl den offensichtlichen phonetischen Verweis auf die Hampden Distillery als auch den durchaus selbstbewussten Hinweis "Jamaican Funk Alert" bewusst, da es aus 1997 bis dahin keinen bekannten Hampden Jahrgang gab und tippte auf Monymusk - die einzige Brennerei auf Jamaica, die bis zu diesem Zeitpunkt definitiv Monymusk Rums an europäische Broker verkauft hatte. Sollte es aus 1997 auch Hampden nach Großbritannien geschafft haben, so hielt ich es nach meiner bisherigen Erfahrung mit der Verkaufspolitik der Main Rum Company für äußerst unwahrscheinlich, dass da in 23 Jahren vorher noch nie etwas aufgetaucht wäre. Mir fällt da auch ad hoc kein weiteres, vergleichbares Beispiel ein. Wir sahen es bei REV und KFM, dass Jahrgänge auch mal extrem lange abtauchen können, aber es erschien doch jeder von ihnen in vergleichbar jungen Jahren doch schon mal irgendwann auf der Bildfläche. Im Falle des Hampden Jahrgangs 1997 war das anders und so erlebte ich hier eine handfeste Überraschung! Wo aber eine Überraschung lauert, ist die nächste manchmal nicht fern und so war die Verwunderung groß, als es aus Kreisen des Abfüllers "The Whisky Jury" schon bald hieß, dass es sich bei dem Hampden gar um einen C<>H handele, also mein persönliches Lieblingsmark und auch das Lieblingsmark vieler von euch da draußen, wenn ich mir teilweise so die Reaktionen auf bestimmte Releases anschaue. Plötzlich der erste Hampden aus 1997,... dann ein C<>H... bis zuletzt klang das für mich alles irgendwie doch viel zu schön und zu abenteuerlich um auch wahr zu sein und so blieb bis zum ersten Sip dieses Tropfens doch eine Menge Rest-Skepsis um die ganze Story. Ob der Rum diese ersticken konnte? Wir sehen es uns gleich an, wenn ich den "Mden" dem 22 YO Duncan Taylor Hampden 1990 mit 52,9% vol. gegenüber stelle, der ein dazu vergleichbares Alter und einen ähnlichen Alkoholgehalt aufweist. Ich bin gespannt!

Doch noch ein paar Worte zum Abüller: The Whisky Jury scheint mir ein noch sehr junger Abfüller zu sein, was sie auch auf ihrer Website so formulieren. Da die Chronik des Bottlers als erste Abfüllung einen 24 Jahre alten Ben Nevis aus 1995 nennt, ist man also offensichtlich auch erst seit 2019 aktiv. Der "Mden" ist allerdings die bereits 12. Abfüllung des Bottlers insgesamt und die erste Rum Abfüllung im Portfolio. Das erklärt wohl auch, warum ich von den Jungs (und Mädels?) bisher noch nie zuvor gehört habe. Seinen Sitz hat der IB in Mechelen, Belgien und man betont in der eigenen Vorstellung das Streben nach Qualität und kokettiert gleichzeitig mit einem Platzen der Whiskyblase. 

Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich weder ein Sample zur Verkostung dieses Rums, noch die 0,7 Liter Flasche gratis erhielt ;-) Beides ist, von Neugierde getrieben, aus eigener Tasche finanziert. :-)

The Whisky Jury 23 YO "Mden" 1997 vs. Duncan Taylor 22 YO Hampden 1990


Verkostung des The Whisky Jury 23 YO Jamaica Rum "Mden" 1997:

Preis: für meine Flasche habe ich 196,- Euro bezahlt. Ob das die UVP war, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall war der Preis eher niedrig, gemessen an dem was uns hier erwarten soll. 

Alter: von Februar 1997 bis November 2020 durfte der Rum insgesamt 23 Jahre im Fass reifen. 

Lagerung: ich gehe ganz stark von Continental Aging aus, also einer Reifung in Europa über die gesamte Zeit. 

Fassnummer: die Fassnummer ist eine Bottler-interne Fassnummer und lautet Twj-Ha-01, was wohl für "The Whisky Jury Hampden 01" stehen dürfte. Das Fass ergab 241 Flaschen a 0,7 Liter, die einzeln und handschriftlich durchnummeriert sind. 

Angel's Share: keine Angabe.

Alkoholstärke: der Rum kommt mit 55,6% vol. daher. Ein Verweis auf die Fassstärke fehlt, der Rum könnte also auch minimal verdünnt sein. 

Destillationsverfahren: der Rum entstammt einer Double Retort Pot Still. 

Mark: C<>H (Continental Diamond Hampden)

Farbe: kräftiges, goldenes Stroh. Der Duncan Taylor daneben wirkt deutlich blasser!

Viskosität: der Rum fließt relativ zügig und in engen, parallel zueinander verlaufenden Schlieren die Glaswand hinunter. 

Nase:
 nach ca. einer Stunde im Glas empfängt mich eine wirklich volle, kräftige und sehr ausbalancierte Hampden-Nase aus dem Lehrbuch. Jeder Zweifel darüber ob es sich bei dem Stoff wirklich um das handelt was kolportiert wurde, ist ab der ersten Sekunde passe - inklusive der Frage nach dem Mark! Ja, das hier ist sehr eindeutig C<>H! Der Duncan Taylor daneben bestätigt das ganze dann auch noch einmal, wenn gleich es das an dieser Stelle schon fast nicht mehr bedurft hat. Ganz stark! Der Alkohol ist hervorragend in die Nase eingebunden und ist weder zu dezent, so dass einem etwas fehlt, noch sticht er unangenehm - Drinking Strength! Der Duncan Taylor daneben wirkt da deutlich schwächer. Und anders als der Duncan Taylor mit seinen 22 Jahren kommt beim TWJ durchaus auch schon sehr gereift daher, da hat der Jahrgang 1990 einst noch ein eher jünger anmutendes Bild abgegeben. Dazu passt auch das optische Bild, was beide Rums abgeben (s. Farbe). Der "Mden" hat Power und schleudert einem die Ester nur so entgegen, aber es ist nicht ganz die Brachialität, die beispielsweise der 26 Jahre alte TRC damals noch hatte! Die Parallelen zum 30 jährigen sind stärker. In der Nase habe ich dementsprechend erst einmal ganz viel Klebstoffe und Lösungsmittel, die von einem tollen, C<>H-typischen Obstkorb mit gegrillter Ananas begleitet werden. Dazu gibt's jede Menge Marzipan, Vanille, Humus, Zitrusfrüchte und einen mediterranen Touch von Antipasti. Als wirklich ungewöhnlich präsent empfinde ich die Note vom Holz des Fasses, was ich bei Hampden sonst erst von noch älteren Kalibern, wie eben dem 30 YO TRC 1990, kenne. Well done!  

Gaumen: hätte es nach der Nase noch Zweifel ob des Inhalts im Glas gegeben haben, was natürlich nicht der Fall war, so wären diese spätestens jetzt am Gaumen definitiv und sämtlichst ausgeräumt gewesen - Hampden C<>H at its best! Der Rum kommt im ersten Moment wahnsinnig adstringierend daher, so dass es einem die Mundschleimhäute wirklich fies zusammenzieht. Der Rum füllt in Rekordzeit die gesamte Mundhöhle mit intensivem Hampden-Flavour. Der Alkohol zeigt sich an der Stelle durchaus präsent, aber nicht unangenehm oder stechend und ist hier wirklich grandios und außergewöhnlich gut eingebunden für einen High Ester Hampden Rum. Ich würde aber wohl sogar auf eine leichte Verdünnung tippen. Zwar fehlt hier jeder Touch einer wässrigen Note, aber ich würde den Rum in Fassstärke noch etwas konzentrierter erwarten als es hier der Fall ist. Ganz im Gegensatz dazu merkt man dem Duncan Taylor im Quervergleich die Beigabe von Wasser hingegen auf jeden Fall an. Das war für 2012 zwar ein deutlicher Sprung zu den bis dahin üblichen 46% vol., aber verglichen mit heutigen Fassstärken hat der Duncan Taylor da einfach das Nachsehen. Der "Mden" seinerseits kommt mit viel Kraft, aber wiederum nicht brachial daher, zumindest für jemanden wie mich, der schon viele Hampden im Glas hatte. Einen Einsteiger wiederum würde der Tropfen vielleicht umhauen. Möglicherweise fehlt mir zu einer Beurteilung dieses Punktes inzwischen die Distanz zu solchen Tropfen. Mir ist das alles einfach sehr vertraut und es bedarf wirklich einiges, um mich in dieser Hinsicht noch zu verblüffen. Mit zunehmender Verweildauer am Gaumen wird der Rum immer cremiger, öliger und geradezu schmeichelnd. Auch bietet er eine beeindruckende wie typische Aromen-Vielfalt. Ich assoziiere eine Menge gegrillte Ananas, sehr mediterrane Noten, dazu deutlich Humus, sowie Zitronen und Chorizo, als auch Tannine vom Fass. Der Duncan Taylor wiederum kann da meines Erachtens nicht mithalten und muss sich unerwartet deutlich geschlagen geben.  

Abgang: nicht ganz der ewige Hampden-Abgang wie man das von 1990 teilweise kennt, aber na klar sehr lang! Gegrillte Ananas, Toffee und frisch geschnittenes Geäst verweilen noch eine Zeit lang am Gaumen, werden dann schwächer und flammen dennoch immer wieder auf, auch Stunden später noch! 

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Fazit:
 es fällt mir immer schwerer, an dieser Stelle bei High Ester Hampdens mit über 20 Jahren Reifezeit und über 55% vol. Alkohol noch irgendetwas zu sagen, was ich nicht schon viele Male zu vergleichbaren Rums ebenfalls gesagt habe. Etwas besonderes war es heute natürlich sicher, da es sich um einen Rum gehandelt hat, den ich nicht kommen gesehen habe. 1997 habe ich nicht erwartet, aber dafür hat mich die Premiere dieses Jahrgangs durchaus angesprochen. Gewiss, die Abfüllung wird an der Vormachtstellung des 26 jährigen TRC 1990 und des Samaroli 1993 Full Proof nicht rütteln, aber sie kommt diesem Zirkel insgesamt doch sehr viel näher als vieles anderes, was in der Vergangenheit so veröffentlicht wurde und damit war nicht zwingend zu rechnen. Insofern kann ich dem Team von The Whisky Jury zu diesem Tropfen nur herzlich gratulieren - ein sehr gelungenes Debüt! Dementsprechend gespannt dürfen wir nun aber natürlich sein, was da noch alles nachkommt: sowohl von The Whisky Jury als auch aus dem Jahrgang 1997 von Hampden! Denn es würde mich wirklich sehr überraschen, wenn da nicht noch ein paar Fässer mehr liegen. Da gilt die alte Grundregel: Batches fallen nicht vom Himmel, was so viel heißt wie "Wo ein Fass ist, da sind auch mehrere". Und auch großartig finde ich, dass trotz dessen, dass man sich, wenn man schon lange dabei ist, normalerweise ziemlich genau ausrechnen kann was es alles so gibt und was noch möglich ist, man hier doch von Zeit zu Zeit noch überrascht werden kann! So kommt keine Langeweile auf und auch die "alten Hasen" haben ab und zu nochmal was zu entdecken! Vielen Dank dafür!

-93/100-


PS: Nutzer der Rum Tasting Notes App finden diese Abfüllung auch hier:



Bis demnächst
Flo

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Flo.
Wie kommt man an die Samples?

Flo hat gesagt…

Moin,
in dem niederländischen Shop, in dem ich die Flasche bestellt habe, konnte man sich optional auch ein 3 cl Sample mitbestellen. Der Rum ist dort inzwischen aber längst vergriffen.
Beste Grüße

Anonym hat gesagt…

Sehr schade :(
Hätte ich sehr gerne probiert

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