Sonntag, 2. August 2020

Velier HTR 21 YO Caroni 1998 - Ganesh "Buju" Ramgobie

Liebe Rum Gemeinde,

nachdem Nita "Nitz" Hogan als erste weibliche Employee der bisherigen Velier-Caroni Serie letzte Woche den Anfang gemacht hat, geht es heute mit Ganesh "Buju" Ramgobie weiter, dem der neue 1998er Employee gewidmet ist.



Und genau wie beim 2000er Bottling dürfen wir auch heute una World Premiere😉 feiern, wir sehen nämlich den ersten Velier Caroni in himmelblauer Optik! Nein, das ist sicher nicht so aufregend wie die erste Frau auf dem Label oder der erste 2000er Full Proof mit stärkerer Auflage, aber hey: World Premiere ist World Premiere! Es wundert mich eigentlich nur, dass das nicht auf dem Label vermerkt war.😆 So, aber nun ist gut.😎




















Tatsächlich gibt es über die 1998er Abfüllung des 3rd Employee Release erst einmal wenig aufregendes zu sagen. Wir erfahren auf dem Backlabel, dass Ganesh "Buju" Ramgobie insgesamt zehn Jahre bei Caroni gearbeitet hat, womit er zumindest schon mal unmittelbar in die Fußstapfen seines Jahrgangs-Vorgängers Kevon "Slippery" Moreno tritt, der ebenfalls zehn Jahre bei Caroni gearbeitet hat.

Nun sind die 1998er Caronis ja nicht gerade als meine Lieblinge bekannt - im Gegenteil, es handelt sich bei diesem Jahrgang vermutlich sogar um den meines Erachtens schwächsten der gesamten 1990er Jahre von Velier, wenn man jetzt nur mal auf die Auflagen-starken Jahrgänge (1992, 1994, 1996, 1998, 2000) schaut. Anders als letzte Woche beim 2000er, als ich dem Tasting richtig entgegen fieberte, gehe ich das ganze heute also deutlich nüchterner an. Ich erwarte weder viel, noch spekuliere ich auf große Überraschungen. Was dennoch wichtig ist, ist die korrekte Einordnung dieser Worte in mein Geschmacksbild. Denn was nun ziemlich despektierlich klingt, ist in Wahrheit noch immer Kritik auf ganz hohem Niveau! Denn auch wenn ich die 1998er im internen Caroni-Ranking als eher schwach ansehe, so schlagen diese Rums im Gesamtvergleich aller Destillerien die meisten derer noch immer mit links. Und so gingen Dennis "X" Gopaul und Kevon "Slippery" Moreno denn auch beide mit stolzen 93 Punkten aus ihren Verkostungen. Nun allerdings muss man das wiederum zu lesen wissen: was bei vielen Reviewern jetzt schon eine absolute Top-Wertung wäre, weil bei den meisten schon bei 95 Punkten das Ende erreicht ist, ist bei mir eben noch die Vorstufe zum wirklich letzten, absoluten Spitzenbereich. Ich nutze die 100er Skala also bis ganz nach oben aus.

Was können wir über den Ganesh Caroni noch sagen? Nun, er besteht aus dem Inhalt von insgesamt sieben Fässern des Jahrgangs 1998 und ergab am Ende noch 1.295 Flaschen. Ich sprach es letzte Woche schon an, in diese Rechnung sind die Mini-Bottlings noch nicht mit einbezogen. Insofern haben die sieben Fässer wohl schon noch etwas mehr hergegeben, als es hier auf den ersten Blick scheint. Preislich lagen wir bei 395,- Euro zu Ausgabe - ja, waren, denn der Rum war innerhalb weniger Minuten sofort vergriffen und generiert daher nur noch Secondary-Preise von ca. 600,- Euro. Inwiefern das alles gerechtfertigt ist, sei einmal dahin gestellt. Fakt ist: so lange tropisch gereifter Stoff in dieser Qualität ist, gemessen an der Nachfrage, extrem rar. Und Stoff dieses Geschmacksprofils gar wird wohl nie wieder kommen. Insofern finde ich es nachvollziehbar, dass Menschen, die das realisiert haben, bereit sind extreme Summen für derlei Rum auf den Tisch zu legen. Kurios ist, um auf das Bottling selbst zurückzukommen, und auch bei der Nita fand sich dieser Hinweis schon, dass es sich laut Backlabel um Fässer des Guyana Stocks halten soll, wobei es meines Wissens nach keine Fässer aus 1998 nach Guyana geschafft haben. Dies war lediglich einigen Fässern aus 1992, 1994 und 1996 vorbehalten - wie gesagt: so weit ich weiß. Aber die Info ist eigentlich schon ziemlich safe. Daher kommen wir nun direkt zur Verkostung und hier sei angemerkt, dass ich den Ganesh heute mit einem seiner Vorgänger vergleichen möchte, nämlich mit Dennis X Gopaul. Diesen sah ich relativ gleich auf mit dem Kevon, allerdings erfreut er sich in der Rum Welt insgesamt deutlich größerer Beliebtheit als dieser. Daher heute das Duell Ganesh vs. Dennis!


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Verkostung des Velier FP HTR 21 YO Caroni 1998 - Ganesh "Buju" Ramgobie:

Preis: mit einem Ausgabepreis von 395,- Euro blieb der 1998er Employee des 3rd Release noch einmal (und vermutlich ein letztes mal) ganz knapp unter der 400,- Euro Marke.

Alter: vom Jahr 1998 an bis April 2019 reifte der Rum 21 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand laut Label bis 2008 auf Trinidad statt, bevor die Fässer dann weiter zu DDL nach Guyana kamen. Sehr viel wahrscheinlicher ist es aber, dass sie zu 100% auf Trinidad statt fand. Das traf bisher auf alle 1998er zu und auch ein wenig Recherche ergab, dass hier eher ein Labelfehler vorliegt.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden insgesamt 7 Fässer zu 1.295 Flaschen abgefüllt. Damit ist der Ganesh die auflagestärkste Abfüllung der 3. Employee-Serie.

Angel's Share: >80% gingen an glückliche Engel. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum hat noch eine Stärke von genau 67% vol..

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: dunkles, goldbraunes Mahagoni. 

Viskosität: der Caroni bildet parallele, relativ eng zueinander verlaufende Schlieren, die recht zügig an der Glaswand hinablaufen.

Nase: ouhh, Überraschung! Mein erster Eindruck ist extrem positiv, so hatte ich 1998 eher weniger in Erinnerung. Da bin ich ja mal gespannt, was der Ganesh uns heute noch bereit hält! In der Nase wird allerdings zunächst erst einmal deutlich, dass die Reife-Entwicklung bei den Caronis auch vor diesem Bottling keineswegs halt gemacht hat. Insbesondere im direkten Vergleich zum Dennis "X" Gopaul wird das offenkundig. Das kann man mögen, ich selbst bin großer Fan dieser extremen tropischen Reifung, hingegen kenne ich auch viele Connaisseure, die diesem Prozess auch in entschlossener Abneigung gegenüber stehen. Ein klarer Kontrast zueinander besteht zwischen den beiden 1998ern auch in der Einbindung des Alkohols. Wo der Dennis noch immer ganz schön sticht, hat sich die alkoholische Schärfe beim Ganesh vergleichsweise schnell verzogen. Zwar braucht auch er einiges an Zeit zum Atmen, aber die 67% vol. kommen definitiv deutlich smother daher als die 69,5% vol. des Dennis. Hinter der Wand aus Alkohol erwartet mich dann beim Ganesh ein deutlich tanninigeres Bouquet als es der Dennis noch bot, finde aber auch gleichzeitig ein Mehr an natürlicher Süße vor, wo beim Dennis noch sehr viel dreckigere Eindrücke die Überhand hatten. Nach ca. 1,5 Stunden im Glas habe ich das Gefühl, dass der Rum wirklich angekommen ist. Zu den sehr schweren tanninigen Eindrücken mit zarter Süße, die mich nun sogar ein wenig an den Skeldon 1978 erinneren, gesellen sich Trockenfrüchte, leichte Lösungsmittel, Orangenzeste, Mangos, Papayas, Bourbon Vanille und Anis. Nach hinten heraus ist da auch noch ein bisschen sehr trockene Bitterschoki. Die für 1998er so typische Umami-Note ist nur schwach wahrnehmbar, aber vorhanden. Die dreckigeren Assoziationen, wie die zu verbranntem Gummi oder Teer muss man wirklich suchen. Blind könnte ich hier vielleicht wirklich eher auf einen Demerara Rum tippen. Der Dennis erscheint dagegen ausgewogener und etwas dreckiger als der Ganesh. Den tanninigen Einschlag hat er merklich schwächer. Nach ca. zwei Stunden geht der Rum ein wenig ins minzige. Die Veränderung, die der Rum im Glas durchlebt ist bemerkenswert und spricht für die doch gesteigerte Komplexität, die dieses Bouquet insgesamt zu bieten hat!

Gaumen: am Gaumen überrascht mich der Ganesh neuerlich! Denn der extrem leckere Eindruck, der mich schon in der Nase erst einmal unerwartet traf, setzt sich auch am Gaumen fort. Der Alkohol ist tatsächlich extrem gut eingebunden, hier wird der Unterschied zum Dennis erneut so richtig deutlich. Alkoholische Schärfe ist wirklich nur ganz minimal vorhanden und zeigt sich einzig durch ein angenehmes Prickeln auf der Zunge. Der Dennis hingegen brennt im Vergleich schon ganz ordentlich! Als nächstes fällt eine angenehme und für 1998 schon überaus ausgeprägte natürliche Süße auf, die mich, warum auch immer, jedes Mal an eine Art Holzlack erinnert. Ich bin sicher, die Assoziation ist eine andere, aber ich bekomme die wenn, dann seit Jahren nun schon nicht korrekt abgerufen. Da ist sensorisch also noch Luft nach oben. Es ist diese Süße, die ich eigentlich dem Guyana Stock zuordne, weswegen ich mich, wie schon bei der Nita, frage, ob die Info auf dem Backlabel nicht doch korrekt ist. Hier besteht dann gleichzeitig auch der größte Unterschied zum Dennis, der diese Süße fast gar nicht hat, dafür aber vor dreckigen Assoziationen nur so strotzt, die wiederum dem Ganesh fast gänzlich abgehen. Im Vergleich wirkt der Dennis hier schon fast eindimensional. Der Ganesh ist ungemein fruchtig, kommt von dieser Fruchtigkeit dann ins trockenere. Jetzt kommen auch die Tannine ordentlich raus und bringen feine, subtile Röstaromen mit sich. Ein wenig Platz ist dann auch noch für den 1998er Teer und den verbrannten Fahrradschlauch, aber das ist schon wirklich minimal. Zum Ende hin wird dann Anis immer mehr und zuletzt auch sehr dominant, was ich gern mag. Sehr starker Rum, der auch am Gaumen mit extremer Komplexität und Tiefe glänzt!

Abgang: lang anhaltend! Dreckiger Abgang, das ist jetzt typisch 1998! Erinnerungen an die Nita kommen hoch, als das jahrgangstypische auch erst im Abgang nochmal so richtig heraus kam. Der Rum wird dann aber schnell trockener und bitterer. Wobei das noch fast untertrieben ist, denn ich würde das schon als staubtrocken bezeichnen. Fast ist es, als würde der Rum nach dem letzten Schluck zu Pulver verfallen. Dann folgt noch ein krass medizinischer Einschlag, bevor er dann aber auch wirklich weg ist.

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Fazit: der Ganesh ist für einen 1998er Caroni schon sehr untypisch! Vor allem im Vergleich mit einem Arche-1998er, wie dem Dennis, zeigte sich das deutlich. Aber: eben gerade deshalb gefiel mir der Rum wirklich ausgesprochen gut! Mehr noch, das ist der allererste 1998er, bei dem ich, zumindest zum Ausgabekurs, sage: okay, der ist es mir wert! Das bedeutet aber natürlich auch: wer vielleicht ein "Die Hard 1998"-Fan ist, der könnte möglicherweise enttäuscht werden, auch wenn ich mir das ehrlicherweise nur schwer vorstellen kann. Deutlich eher als Ausschlusskriterium taugt da aus meiner Sicht die schon sehr fortgeschrittene Reife, zumindest für die Connaisseure, die sich auch bisher schon eher bei den Caronis mit bis zu 20 Jahren Reife gesehen haben. Versteht mich bitte nicht falsch, aus meiner Sicht ist der Ganesh keinesfalls overaged, im Gegenteil, ich finde diesen Reifeprozess bis in die Spitze hinein großartig und genau auf den Punkt, aber man muss darauf eben auch stehen. Und wer da partout nicht vermag, sich dafür zu begeistern, der könnte mit dem Ganesh am Ende dann auch falsch liegen. Wenn, dann allerdings nicht nur mit dem, ihr ahnt es, sondern ich fürchte, dann ist für diejenigen der Caroni-Zug tatsächlich abgefahren, bzw. es bliebe nur das teure Shopping früherer Bottlings auf dem Secondary. Aber in dem Punkt erzähle ich ja hier niemandem noch etwas neues. In diesem Sinne...

-94/100-


Nutzer der Rum Tasting Notes App finden den Rum hier:

Velier Heavy Trinidad Rum 21 YO Caroni 1998 - Ganesh "Buju" Ramgobie

Ein Dank geht abschließend noch an Goose Nova aus Frankreich, der diese Abfüllung geteilt hat. Merci!

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 26. Juli 2020

Velier HTR 19 YO Caroni 2000 - Nita "Nitz" Hogan

Liebe Rum Gemeinde,

die neuen Employees von Velier sind da! Wie in den beiden vergangenen Jahren, so stelle ich euch auch in diesem Jahr die aktuelle Range vor und würde sagen, ich beginne am besten mit derjenigen der drei Abfüllungen, auf die ich am meisten gespannt war, nämlich auf den Jahrgang 2000. Und so sage ich dann gleichsam: Ladies first!


Denn ganz recht, erstmals hat es mit Nita „Nitz“ Hogan eine weibliche Ex-Employee Caronis auf das Frontlabel und damit in die Serie geschafft! Eine willkommene Abwechslung, wie ich finde - und noch dazu hoch verdient! Denn auf dem Backlabel der Flasche befindet sich der Hinweis, dass die Frau ganze 30(!!) Jahre bei Caroni gearbeitet hat und somit noch vor 1975, also zu einer Zeit dort angestellt wurde, als Caroni noch teilweise zu Tate & Lyle gehört hat. Meine Hochachtung! Allerdings kann das ihr gewidmete Bottling auch in anderer Hinsicht mit einer Premiere aufwarten, denn die Abfüllung ist tatsächlich die allererste des Jahrgangs 2000 von Velier, der in Full Proof abgefüllt wurde ohne gleichzeitig ein Single Cask zu sein. Sämtliche bisherige 2000er waren entweder verdünnt oder eben Single Casks. In die insgesamt 39 Abfüllung umfassenden Regular Releases hat es nie ein Caroni 2000 geschafft!




















Somit habe ich dieser Abfüllung gerade deshalb so entgegengefiebert, weil ich mir neue Erkenntnisse davon verspreche und sicher bin, nicht etwas zu probieren, was man so oder so ähnlich nun doch schon das eine oder andere mal probieren konnte. Versteht mich nicht falsch, ich schätze insbesondere den Jahrgang 1996 wirklich außerordentlich, aber man weiß eben grob was man bekommt. Das ist bei diesem 2000er nun anders! Klar, wir kennen grob das Jahrgangs-Profil, aber die Qualität dieses Jahrgangs gab sich bisher leider oft auch schwankend und wechselhaft. Von grundsolide (12er, EU-Bottling), über eher enttäuschend (EATALY, 100th Anniversary-Bottling, Millennium Magnum) bis hin zu herausragend (Nectar, Ullrich, Juuls) war quasi alles dabei. Dabei zeigte sich, dass die Rums zwar nicht per se über die Maßen unter der Verdünnung litten, aber bemerkbar machte sie sich eben doch. Die Single Casks in Full Proof wiederum waren echte Monster! Hier suchte man Easy Sippin' vergebens, was bei über 70% vol. allerdings auch nicht unbedingt verwunderlich ist. Nun hat die Nita allerdings knapp 5% vol. weniger im Tank, kommt mit vergleichsweise leichten 65,2% vol. daher, und ist auch nochmal deutlich älter als die meisten bisherigen Single Casks. Ich gehe davon aus, dass sich das bemerkbar macht und insofern bin ich gespannt, was für einen Rum ich da heute ins Glas bekomme! Parallel vergleichen werde ich den Employee heute allerdings nicht mit einem der herausragenden Single Casks, sondern mit dem EU-Caroni. Das hat zwei Gründe. Zum einen kennen den EU-Caroni vermutlich die meisten Leser und können mit dem Vergleich etwas anfangen und zum anderen ist der EU-Caroni für mich unter jenen 2000er Abfüllungen, die zum trinken auch ganz realistisch noch in Frage kommen, die beste. Da sind die Single Casks einfach raus, da ich sie zu den inzwischen aufgerufenen Kursen wohl nicht mehr kaufen, geschweige denn öffnen würde. Insofern muss sich der Employee gegen den EU-Caroni beweisen, denn auch diesen gilt es ja erst einmal zu schlagen.



Aufgegangen sind in dieser Abfüllung insgesamt acht Fässer des Jahrgangs 2000, die eine Auflage von noch 1.247 Flaschen erreichten. Kurz nachgerechnet hieße das, dass jedes Fass noch ca. 150 Flaschen Rum ergeben hätten, bzw. dass sich pro Fass nur noch ca. 110 Liter Rum darin befunden hätten. Allerdings kommen ja auch noch die Mini-Employees. Insofern waren es dann also noch etwas mehr, aber man sieht, gerade im Vergleich zu dem, was Caroni-Fässer früher ergaben (durch das permanente Auf- und Umschütten), dass nicht nur die Fässer immer weniger werden, sondern dass auch deren Inhalt weniger ergiebig wird. Auf dem Backlabel erfährt man dementsprechend auch, dass der Angel's Share einmal mehr bei ca. 80% lag. Allerdings erfährt man dort auch, dass der Rum ab 2008 bei DDL in Guyana gelegen haben soll, was ich wiederum für sehr unwahrscheinlich halte. Denn bisher lagen alle 2000er komplett auf Trinidad. In Guyana reiften ab 2008 nach meiner Kenntnis nur Rums der Vintages 1992, 1994 und 1996 nach. Im April 2019 jedenfalls wanderte der gesamte Inhalt aller Caroni Fässer von Velier in Glasballons oder Stahltanks, so dass die Alterung ab diesem Zeitpunkt aussetzte. Darum ist der Rum auch, trotz Abfüllung in 2020, nur 19 Jahre alt.

Battle 2000: Nita "Nitz" Hogan Employee Full Proof Caroni 19 YO vs. EU-High Proof Caroni 17 YO

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Verkostung des Velier FP HTR 19 YO Caroni 2000 - Nita "Nitz" Hogan:

Preis: Nita "Nitz" Hogan war die günstigste der drei Abfüllungen des 3rd Employee Release. Der Ausgabekurs war 385,- Euro.

Alter: vom Jahr 2000 an bis April 2019 reifte der Rum 19 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand laut Label bis 2008 auf Trinidad statt, bevor die Fässer dann weiter zu DDL nach Guyana kamen. Sehr viel wahrscheinlicher ist es aber, dass sie zu 100% auf Trinidad statt fand. Das traf bisher auf alle 2000er zu und auch ein wenig Recherche ergab, dass hier eher ein Labelfehler vorliegt.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden insgesamt 8 Fässer zu 1.247 Flaschen abgefüllt.

Angel's Share: >79% gingen an die Engel. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum hat noch eine Stärke von 65,2% vol..

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: dunkles, goldbraunes Mahagoni. 

Viskosität: sehr ölig legt sich der Rum an die Glaswand und läuft in engen, parallelen Schlieren daran herab.

Nase: ohh ja, der Jahrgang 2000 ist erwachsen geworden! Gut, dass ich mir parallel auch nochmal den EU Caroni eingeschenkt habe, anhand dessen dass auch noch einmal deutlicher wird als ohnehin schon. Ich finde hier direkt alles, was ich mit Caroni verknüpfe und auch, was ich mit dem Jahrgang 2000 verknüpfe: der Rum ist dreckig! Ja, er ist reifer geworden und er kaschiert es so stark wie noch kein 2000er vor ihm, aber wir befinden uns noch immer zweifelsfrei auf einem Schrottplatz. Das bekommt insbesondere der Jahrgang 1996 gänzlich anders verborgen. Im Gegensatz zu früheren Full Proof 2000ern fällt auf, dass die Nase vom Start weg zugänglicher ist. Wo ich bei einigen der Single Casks erst einmal eine Stunde und länger warten musste, insbesondere bei den Blenders Gläsern fiel das auf, kann ich am Employee quasi vom Start weg schnuppern. Der Alkohol ist hier also wesentlich besser eingebunden als bei früheren Full Proofs mit über 70% vol. Da hat die Nita mit ihren 65,2% schon einiges an Power eingebüßt, was mir persönlich besser gefällt. Anstatt mir also die Nasenschleimhäute zu verätzen gibt sie quasi kampflos ihr Bouquet preis und das hat es durchaus in sich. Lösungsmittel, Klebstoffe, aber auch Süße und Fruchtigkeit kommen etwas weniger raus als bei anderen Jahrgängen, sind aber natürlich deutlich vorhanden. Was, neben Teer und verbranntem Gummi, sehr dominant rüber kommt, sind Trockenfrüchte, Nüsse und Tannine, was die fortgeschrittene Reife des Rums gut dokumentiert. Nach hinten heraus habe ich Menthol und Anis. Parallel rieche ich immer wieder auch am EU-Caroni, der im Vergleich zur Nita tatsächlich eher schwächlich anmutet. Da bietet der 19 Jahre alte Stoff also schon klar mehr.

Gaumen: der Gaumen überrascht mich direkt beim ersten Schluck! In der Premieren-Verkostung und da beim ersten Schluck empfand ich den Rum kurz als etwas zu dünn geraten. Im zweiten Schluck relativierte sich das dann aber direkt und bei der nachfolgenden Verkostung hatte ich diesen Eindruck dann auch im ersten Schluck nicht mehr. Ein schönes Beispiel dafür, warum es immer wieder Sinn ergibt mehrfach zu testen! Bei der zweiten Verkostung hatte ich auch mehr noch als in der ersten das Gefühl beim ersten Schluck, dass das schon ein ziemlicher Hammer-Caroni ist! Auffällig ist einerseits der wirklich ungemein gut eingebundene Alkohol, das ist bei 2000er Full Proof Caronis eine gänzlich neue Erfahrung. Im Anschluss daran habe ich aber auch andererseits diese eigenartige Mischung aus Holzlack und Süße, die ich so eigentlich nur von den Guyana Stocks kenne und die ich unfassbar lecker finde! Ob das Label am Ende doch die Wahrheit gesagt hat? Offenkundig scheint mir, dass der Rum aus meiner Sicht, auch im vergleich zu früheren Abfüllungen, sehr von der fortgeschrittenen Reife profitiert. Ansonsten finde ich eigentlich alles, was in einen  guten Caroni hineingehört. Er ist angenehm fruchtig, das hat er früheren 2000ern z.B. voraus, und bekommt den Spagat aus Stil-Spezifikation und Erwachsenheit sehr gut hin. Mir gefällt der Caroni am Gaumen sehr viel besser als die Nase! Im direkten Vergleich fällt beim EU-Caroni hingegen vor allem die nicht unerhebliche Verdünnung auf. Klar, das ist auch immer noch ein leckerer Rum, aber den Vergleich verliert er mehr als deutlich.

Abgang: nach hinten heraus gestaltet sich das ganze dann nochmal sehr dreckig, da grüßt der Brennerei-Charakter aber nochmal standesgemäß! Ansonsten geht der Rum alsbald ins trockene über, ich habe noch Tannine und Walnuss. Der Abgang hält wirklich lange an, ich hatte den Rum auch nach Stunden noch im Mund.

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Fazit: die Erwartungen waren hoch, zumindest bei mir, aber Velier hat dennoch einmal mehr geliefert! Ich war gespannt, ob der Rum noch immer dieses für 2000 bisher so typisch puristische hat, oder ob die Reife den Rum einfach nur einreiht in die vielen anderen Caronis aus anderen Jahrgängen im vergleichbaren Alter. Und herausgekommen ist: ein Hybrid! Na klar, der Rum gibt sich sehr viel erwachsener, insbesondere im Hinblick auf die erst 15 Jahre alten Single Casks von vor fünf Jahren, aber man könnte ihn dennoch eher weniger mit einem Caroni anderer Jahrgänge verwechseln. Klar, die dreckigen Komponenten erlauben auch Assoziationen zum Jahrgang 1998, aber für diesen ist er wieder zu fruchtig, hat zu viel von dieser natürlichen Süße. Für einen 1996er aber z.B. ist er wiederum klar zu ruppig und zu dreckig. Insofern eben der Hybrid. Das ist natürlich gewöhnungsbedürftig, insbesondere da viele Connaisseure eine bevorzugte Linie haben, aber mir gefällt das sehr gut. Besser als die bisher besten 1998er die ich hatte, aber nicht so gut wie die richtig geilen 1996er, 1994er oder 1992er. Das passt also schon so und ordnet sich dort ein, wo ich den Jahrgang 2000 bisher auch gesehen habe.

-94/100-


Nutzer der Rum Tasting Notes App finden den Rum hier:

Velier Heavy Trinidad Rum 19 YO Caroni 2000 - Nita "Nitz" Hogan


Ein Dank geht abschließend noch an den Mr. FT, der auch diese Abfüllung geteilt hat. Vielen Dank!

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 19. Juli 2020

Habitation Velier C<>H Jamaica 10 YO Hampden 2010

Liebe Rum Gemeinde!

Endlich! Lange angekündigt, hat Habitation Velier mit dem C<>H mein persönliches Lieblings-Mark von Hampden erstmals tropisch gereift auf die Flasche gebracht. Selten habe ich einem Release mit so viel Vorfreude entgegen gesehen. Ich bin gespannt! 


C<>H! Das ist meines Erachtens das Mark, welches den Ester-Wahnsinn perfekt auf die Spitze treibt, ohne dabei zu weit zu gehen. Denn das Mark DOK kommt meines Erachtens zu extrem daher, um wirklich noch genießbar zu sein. Man kann das trinken, klar, und ich bin wahnsinnig froh, dass es vor zwei Jahren endlich die Möglichkeit gab sowas mal probieren zu können und auch stolz darauf, da mit dem Letter of Marque so ein wenig Part of the Story gewesen zu sein, aber für mich ist DOK inzwischen auserzählt. Das war seinerzeit spannend, gewiss, aber mir persönlich macht DOK nicht mehr wirklich Spaß. Das merkte ich nochmal ganz deutlich, als ich diverse un-/kurz-gelagerte DOK parallel verkostet hatte.




Ganz anders sieht es da bei C<>H (steht für Continental Diamond Hampden) aus! Dieses Mark, welches Hampden verwendet um seine Rums mit einem Estergehalt von 1300 - 1400 gr/hlpa zu kennzeichnen, begleitete mich auf meiner Rum-Reise schon lange bevor ich von dessen Existenz überhaupt erfuhr. Denn wir dürfen schließlich nicht vergessen, dass die genaue Zuordnung von Jahrgängen zu Marks erst seit wenigen Jahren möglich ist. Dass es sich bei dem Jahrgang 1990 um eben dieses Mark handelt, ist erst seit 2017 bekannt, als TRC einen solchen Rum auf den Markt brachten und das Kürzel JMC hier mehr verriet, als es einem auf den ersten Blick scheinen könnte. Und der Jahrgang 1990, um auf meine Reise zurück zu kommen, war Anno 2011 meine erste richtig große Rum-Liebe! Als ich den Berry's Hampden 1990 das erste Mal im Glas hatte, war das nicht weniger als eine Offenbarung! Trotz des geringen Alkoholgehalts von nur 46% vol. besaß dieser Rum eine Power, die seinesgleichen suchte, aber lange nicht fand. Erst Folge-Abfüllungen von Duncan Taylor und eben 2017 The Rum Cask sollte das gelingen. Insofern bin ich also bereits seit neun Jahren großer Fan des Marks C<>H. Es ist mein persönliches Lieblings-Mark, im wahrsten Sinne des Wortes meine Benchmark, und dementsprechend gespannt war ich darauf, wie ein solcher Rum wohl tropisch gereift schmecken würde. Hier haben mir die bisher veröffentlichten Marks wie HLCF, <>H oder HGML zwar durchaus gefallen, aber meinen 1990ern konnte davon bisher nichts gefährlich werden, insbesondere da mir nach hinten heraus einiges an Abgang fehlt. Das verrät die doch vergleichsweise kurzen Reifezeiten am Ende, Tropical Aging hin oder her. Allerdings sind es nichts desto weniger der <>H und der HGML, die es für den C<>H auf der Seite der tropisch gereiften Hampdens auch erst einmal zu schlagen gilt, weswegen ich sie im heutigen Tasting quer vergleiche, ebenso wie zwei der bisherigen Benchmarks auf Seiten des C<>H. So muss sich der Habitation Velier also einerseits gegen die niedrigeren Marks bei ansonsten vergleichbarem Alter beweisen, als auch gegen die kontinental gereiften Brüder gleichen Marks aus dem Jahrgang 1990!

Vintage 2010 Mark-Battle: <>H vs. HGML vs. C<>H

C<>H-Battle: BBR 17 YO 1990 vs. TRC 26 YO 1990 vs. HV 10 YO 2010


Als ganz besonderen Bonus bekam ich darüber hinaus die Möglichkeit, die Verkostung mit dem Original Sample von Luca Gargano selbst durchzuführen, welches mir ein guter Freund von einem Besuch dort mitgebracht hat. Vielen lieben Dank dafür an dich und natürlich an Luca!


Fasssample von Luca © E.H.

Trivia:

Zu einer guten Tradition bei den Velier Bottlings sind missverständliche Angaben auf deren Labeln geworden. So ist auf dem Frontlabel zu lesen, dass der Rum 2.615,2 gr/hlpa Congeners (also Begleitstoffe bei der Destillation, zu denen auch die Ester zählen) enthält, während man auf dem Backlabel  auf den Estergehalt von zwischen 1300 und 1400 gr/hlpa hinweist. Beide Angaben sind (richtige Messung vorausgesetzt) korrekt, doch verwirren sie vor allem Connaisseure, die nicht so tief im Thema stecken, was ich schade finde. Eine einheitliche, Bottling-übergreifende Angabe fänd ich deutlich transparenter. Aber das nur am Rande. Super finde ich hingegen, dass man sich dazu entschlossen hat, den Rum in Barrel Proof (68,5% vol.) statt nur in High Proof (62%) zu releasen!



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Verkostung des Habitation Velier C<>H Jamaica Rum 10 YO Hampden 2010:


Preis: mit 159,- Euro Ausgabepreis ist der C<>H der bisher teuerste Hampden der Habitation Velier Reihe. 

Alter: von 2010 bis 2020 lag der Rum insgesamt 10 Jahre im Fass. 

Lagerung: die Fässer wurden während der gesamten Dauer ihrer Reifung bei Hampden auf Jamaica in tropischem Klima gelagert. 

Fassnummern: unbekannt. Auch, wie viele Fässer und wie viele Flaschen es am Ende genau waren ist nicht sicher bekannt. Gerüchte sprechen von 600 Flaschen, was für Abfüllung zweier Fässer spräche.

Angel's Share: >64% gingen an sicher glückliche Engel. 

Alkoholstärke: mit starken 68,5% vol. wartet der Rum auf - anders als früheren Habitation Velier Abfüllungen, die "nur" in High Proof kamen, liefert uns Luca den C<>H in Barrel Proof!

Destillationsverfahren: Double Retort Pot Still.

Mark: C<>H (Continental <Diamond> Hampden)

Farbe: tiefes, kräftiges Gold. Von den jeweils neunjährigen <>H und HGML aus 2010 unterscheidet er sich optisch nicht, zu den kontinental gereiften C<>H dagegen deutlich. Diese sind wesentlich heller, insbesondere der Berry's. 

Viskosität: ein fetter Film wabert über das Glas, der Rum läuft in eher engen, parallel zueinander verlaufenden Schlieren ins Glas zurück. 

Nase: eskalierendes Programm heute! Nachdem die Rums ca. 1,5 bis 2 Stunden geatmet haben, kommt der C<>H 2010 sehr zugänglich und rund daher. Rund in dem Sinne, dass mir beim Bouquet zunächst einmal nichts auffällt, was mich stört oder, dass ich das Gefühl hätte, dass mir da irgendetwas fehlt. Der Alkohol ist natürlich präsent, aber das überrascht bei 68,5% vol. natürlich auch wenig. Vor allem aber hat der Rum Kraft! Eine wirklich berauschende Intensität voller saurer Ester, Nagellackentferner und flüssigem Klebstoff strömt mir entgegen und macht unmissverständlich deutlich, um welches Mark es sich handelt. Ich finde den für C<>H so typischen Korb voller tropischer Früchte, ich habe Säure von Zitronen und Limetten, gegrillte Ananas, Marzipan, Vanille, Humus, Antipasti, aber auch schon viel Holz. Seine 10 Jahre der tropischen Reifung verbirgt er nicht, allerdings habe ich dieses Gefühl beim HGML stärker gehabt. Hier, beim C<>H, kommt das schon sehr perfekt daher. Es bestätigt sich insgesamt, warum ich C<>H schon seit vielen Jahren als mein absolutes Lieblings-Mark bezeichne! Richtig tolle Ester, die hier meines Erachtens auch direkt besser und wesentlich intensiver kommen als beim <>H und beim HGML. Und, leider muss ich das zugeben, sie kommen auch fast auf Augenhöhe zum TRC 1990! Die Art und Weise ist dabei nicht vergleichbar, da merkt man sehr schön den Unterschied zwischen kontinentaler und tropischer Reifung, aber hier holen die tropischen Hampden merklich auf! Dennoch liegt der TRC für mich noch in Front. Der Berry's 1990 spielt leicht dahinter, da macht sich die Verdünnung und der geringere Reifegrad bemerkbar, kann das Niveau aber ansonsten problemlos mitgehen!  

Gaumen: am Gaumen machen sich zunächst einmal die sauren Ester-Verbindungen bemerkbar, die sich zu denen vom HGML oder zum <>H auch merklich unterscheiden. Sehr adstringierend, so dass sich die Schleimhäute erst einmal zusammenziehen. Richtig hart überrascht bin ich davon, wie gut der schon enorm hohe Alkoholgehalt eingebunden ist. Ich habe nahezu keine alkoholische Schärfe in der Mundhöhle, das ist schon extrem paradox! Nicht einmal der Rendsburger Caroni 1996 mit 69% vol. kommt so weich daher! Stattdessen macht es sich der Rum eigentlich direkt auf der Zunge bequem und verströmt einen fast unglaublichen Geschmack intensivsten High Ester Jamaica Rums. Der C<>H ist unfassbar mundfüllend! Das adstringierende geht dann ins cremige über und kommt sehr angenehm. Der Rum zeigt am Gaumen die gleiche Säuerlichkeit wie in der Nase, das gehört zu diesem Mark einfach dazu und gefällt mir sehr. Viele mögen das nicht, die werden mit dem C<>H dann also vielleicht auch ihre Probleme haben und eher leichtere Marks favorisieren. Mir aber gefällt genau das! Letztlich ist die Säure allerdings auch schon die größte Hürde, die hier genommen werden muss. Der Rum kommt ansonsten nämlich sehr, sehr ausgewogen daher und macht einfach Spaß! Kein zu krasser Einfluss des Holzes, kein zu präsenter Alkohol. Es mag verrückt anmuten, aber dieser Hampden ist für mich schon beinahe Easy Sippin! Einzig: an die enorme Komplexität des TRC 1990 kommt der HV nicht heran. Da ist der Abstand der beiden zueinander auch noch etwas größer als in der Nase, das ist beim TRC am Gaumen nochmal eine andere, stärkere Liga! 

Abgang: fruchtiger Abgang! Gegrillte Ananas weist dem Hampden den Weg hinab. Spätestens jetzt verrät sich der C<>H allerdings auch als tropisch gereifter Rum, denn wie alle auf Jamaica gelagerten Hampden fehlt ihm dieses ewig anhaltende und nachhallende, was die lange kontinental gereiften Hampden haben. Das ist schade, aber der eben doch noch vergleichsweise kurzen Reifedauer von nur zehn Jahren geschuldet. Zum Schluss kommen noch ein paar trockene Tannine, aber dann ist er nach wenigen Minuten dann auch schon verschwunden. 

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Fazit: der C<>H ist wirklich extrem gelungen und genau das, worauf die Fans dieses Marks (wie ich) viele Jahre gewartet haben, seit Velier damit begann tropisch gereifte Hampdens auf den Markt zu bringen! Der Rum hat Kraft, Intensität, Flavour,... ist einfach lecker! ... und so müssen wir wirklich bis zum Abgang vorspulen, wenn wir bei diesem Rum irgendwie über Schwächen diskutieren möchten. Ja, mir fehlte zwar auch am Gaumen etwas an Komplexität, ich erwähnte es, allerdings fällt das nur im direkten Vergleich auf und ist auch Kritik auf unglaublich hohem Niveau. Daher fällt das für mich nicht so stark ins Gewicht wie die mangelhafte Kondition nach hinten heraus. Das wiederum geht einher damit, dass sich beim C<>H bei mir, wie schon beim HGML, das Gefühl einstellt, dass der Rum in puncto Reife ziemlich nah dran am Zenit ist. Man holt durch die Reifung auf Jamaica vieles was die Hampdens in Europa erst nach 20-25 Jahren im Fass bekommen schon innerhalb von zehn Jahren aus ihnen heraus, weswegen ich überzeugt bin, dass sie so sehr viel länger nicht im Fass liegen sollten, bevor sie schwächer (weil runder, holziger,...) werden und ihre Ecken und Kanten und damit ihr Profil verlieren. Sie müssten aber wiederum länger liegen, um im Abgang aufzuholen zu den kontinentalen Vertretern, denn um diese Abgänge so hinzubekommen benötigt man Zeit, die auch tropische Reifung nicht im Eiltempo hervorzaubern kann. Und das ist wohl der entscheidende Punkt, der Knackpunkt, weswegen ich bei Hampden die kontinentale Reifung favorisiere und für die zum Rum passendere halte. Deshalb liegt der The Rum Cask C<>H 1990 für mich noch immer auf Platz 1 aller Hampdens! Er hatte nach 26 Jahren in Europa alles was tropisch auch in zehn Jahren machbar ist, hat aber einen viiiiel krasseren Abgang, den man so eben erst nach 20 Jahren und mehr im Fass erreichen kann, egal wo man das Fass lagert. Nichts desto weniger ist der Habitation Velier C<>H ein mehr als hervorragender Vertreter seiner Gattung, der zurecht gerade auf der ganzen Welt gejagt wird! Und es lohnt sich, er schmeckt wirklich hervorragend und ich bin sicher, dass niemand den Kauf bereuen wird! Der Preis, um letztlich auch darüber noch zu sprechen, ist schon hoch, keine Frage, gerade auch im Vergleich zum deutlich günstigeren HGML letztes Jahr, aber letzten Endes ist das Mark C<>H eben auch extrem rar und so ist der Preis nicht zuletzt auch ein Resultat aus dem Gesetz des freien Marktes von Angebot und Nachfrage. Wenn man sich das vor Augen hält, dann kommt das alles schon hin.

-95/100-


PS: Nutzer der Rum Tasting Notes App finden diese Abfüllung auch hier:

Habitation Velier C<>H Jamaica Rum 10 YO Hampden 2010


Bis demnächst
Flo


Sonntag, 5. Juli 2020

RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994

Liebe Rum Gemeinde,

in den letzten Wochen verdichteten sich bereits die Hinweise auf einige neue Releases lange tropisch gereifter Rums, die nicht von Velier kommen, doch nun wird es ganz konkret: als erster dieser unabhängigen Abfüller bringt die Heinz Eggert GmbH unter dem Label Rum Artesanal (RA) ein Small Batch Release eines 25 Jahre tropisch gereiften New Yarmouth Jamaica Rums aus 1994 an den Start!


Doch erst einmal der Reihe nach! Um zu verstehen inwieweit dies etwas besonderes ist, muss man sich die Marktlage der letzten Jahre vor Augen führen. Hier zeigt sich, dass zum einen tropisch gereifte Rums grundsätzlich erst einmal rar sind, zum anderen aber Velier unter den unabhängigen Abfüllern mehr oder weniger das Monopol auf tropisch gereifte Rums inne hat. Durch diese Tatsache schufen sie sich über Jahre eine Ausnahme-Stellung am Markt! Denn alle anderen unabhängigen Abfüller waren und sind mehr oder weniger auf Scheer ( und die dazugehörige Main Rum Company (MRC)) und andere Broker angewiesen, die Rum meist als frischen Bulk bekommen und dann in Europa kontinental reifen lassen, weshalb sich die IB im Wesentlichen aus dem gleichen Pool an Fässern bedienen. Diese Tatsache führt dazu, dass bei den Abfüllern normalerweise die immer gleichen Jahrgänge und Batches der selben Destillerien gebottled werden und Überraschungen eher selten sind. Velier hingegen kann seinen Kunden seit vielen Jahren Rum offerieren, den man in dieser Form sonst nirgendwo sonst bekommt. Denn weder werden bestimmte Marks bisher von europäischen Bulkhändlern geführt, noch ist das Angebot an tropisch gereiftem Rum in größerem Maßstab vorhanden. An der Stelle ist Velier der Konkurrenz in puncto direkte Kontakte in die Karibik etc. einfach voraus. Daraus ergibt sich die Situation, dass es zu deren Produkten niemals direkte und vergleichbare Konkurrenz-Bottlings gibt. Niemand sonst hat einen tropisch gereiften <>H Hampden oder 1996er HTR Caroni. Zu Bottlings der anderen IB hingegen gibt es fast immer vergleichbare Bottlings, denn einen kontinental gereiften Hampden 2000 oder einen Caroni 1997 hatte schon fast jeder im Portfolio. Man möge mich an der Stelle nicht falsch verstehen, ich möchte hier keine generelle Höher- oder Geringstellung einer Reifung vornehmen, es geht mir rein um die Situation am Markt und die Tatsache, dass die Konkurrenz jeweils nicht vergleichbar ist. Bei den meisten IB ist sie groß, bei Velier nicht vorhanden. Doch während das bisher als sehr zementiert galt, tut sich aktuell etwas, zumindest mal für einen kleinen Augenblick.



Denn wie es der Zufall so will, hat sich ein Jamaicanischer Broker vor einiger Zeit dazu entschlossen sich von seinem Stock oder zumindest einem Teil davon zu trennen und damit 100% tropisch gereiften Jamaica Rum verschiedener Destillerien in Umlauf gebracht, der bisher nicht abrufbar war. Dem Vernehmen nach verkaufte der Broker seinen Stock an J. Wray & Nephew, die diese Fässer ihrerseits wiederum an Velier als auch Scheer/MRC verkauften. Durch die Releases verschiedener IBs ergibt sich inzwischen auch langsam ein Bild, welche Fässer dieser Stock beinhaltete. So bringt Silver Seal z.B. in Kürze einen 1984er Monymusk auf den Markt und Hidden Spirits wird einen Monymusk 1995 bringen. Beide Jahrgänge waren auch schon bei Velier zu bestaunen (EMB 1995), bzw. werden es noch sein (MMW 1984). Wo man bisher demnach noch dachte, dass Velier einmal mehr Exklusiv-Anbieter ist, zeigt sich nun, dass dem nicht vollumfänglich so ist. Hier wird also eine direkte und unmittelbare Vergleichbarkeit gegeben sein, da die Rums aus der gleichen Quelle kommen! So richtig spannend wird es aber erst jetzt, denn verschiedene Abfüller haben auch einen New Yarmouth aus 1994 angekündigt, von denen RA in der kommenden Woche die ersten sein werden, die ein solches Bottling auf den Markt bringen!

Und dieses ist gleich in mehrerlei Hinsicht extrem interessant! Denn zum einen, und dazu muss ich leider spoilern, dass der Rum ein Appleton Profil hat, sind RA damit die allerersten, die einen lange gereiften Rum aus dem Hause J. Wray & Nephews anbieten, der aus Produktionen stammt, die ziemlich sicher für die Blendung der Appleton Rums vorgesehen war und zum anderen ist ja bereits bekannt, dass Velier auch u.a. einen 1994er Appleton am Start haben wird, weshalb sich natürlich auch hier die Frage aufdrängt, ob die Fässer vergleichbar sind. Momentan spricht noch vieles dagegen, da RA das Brennverfahren mit Column Still angibt, während Luca Gargano 100% Pot Still Appletons offerieren wird, die auch direkt von Appleton stammen und nicht den Umweg über New Yarmouth gegangen sein sollen. Aber letzten Endes wird die Frage freilich erst beantwortet werden können, wenn Luca seine Rums released hat, da zur abschließenden Klärung ein direkter Vergleich beider Rums nötig ist, der aktuell eben noch nicht vollzogen werden kann. So oder so, spannend finde ich diese Gesamt-Entwicklung allemal!


Insofern kann man Eggert/RA und auch Dominik an dieser Stelle nur zu diesem besonderen Coup gratulieren, und darum möchte ich auch gar nicht weiter drum herum reden, sondern dem 25 Jahre alten Rum Artesanal New Yarmouth 1994 die Bühne überlassen und direkt zur Verkostung übergehen. Bedanken möchte ich mich allerdings zuvor noch für die zu Foto- und Verkostungszwecken erhaltene Flasche, dies sei auch zum Zwecke der Transparenz an dieser Stelle gerne erwähnt. Auf meine sensorische Wahrnehmung hat dieser Prozess selbstverständlich keinerlei Auswirkungen. So, und nun: Action!


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Verkostung des RA Jamaica Rum 25 YO New Yarmouth 1994:

Preis: für 149,90 Euro kann eine Flasche 0,5 Liter bezogen werden. 

Alter: der Rum wurde im November 1994 destilliert und im Juni 2020 abgefüllt. Damit ist er mehr als 25 Jahre alt. 

Lagerung: die Fässer lagerten die gesamten >25 Jahre über auf Jamaica. 

Fassnummern: die Fässer #203 und #204 ergaben zusammen 709 Flaschen a 0,5 Liter. 

Angel's Share: keine gesicherten Angaben möglich, da Fässer gleicher Produktion in den Tropen immer wieder zusammen geschüttet werden, damit der Verlust nicht noch größer wird als ohnehin schon. Dadurch sind Single Casks tropisch gereifter Rums keine Single Casks im eigentlichen Sinne. Die Angabe eines Angel's Shares ist also nur möglich, wenn man die ursprünglich vorhandene Menge an Fässern kennt, die zum betreffenden Batch geführt haben. 

Alkoholstärke: stolze 67,7% vol. weist der Rum nach 25 Jahren tropischer Reifung noch auf - Barrel Proof! 

Destillationsverfahren: laut Backlabel wurde der Rum auf einer Column Still gebrannt. 

Mark: auf den Fässern befindet sich das Mark NYE / CS C.

Farbe: tiefes Mahagoni. 

Viskosität: leider ist das bei den Glencairn Gläsern nicht gut zu beobachten, da verläuft schon alles ziemlich ineinander. Im Ballonglas zeigt er aber weite, parallele Schlieren, die anfangs träge und dann doch recht zügig am Glas zurücklaufen. 

Nase: nach ca. einer Stunde des Atmens habe ich eine volle, reichhaltige, komplexe, warme und eindeutig zu Appleton Rums tendierende Nase! Der Alkohol ist hervorragend eingebunden, ich habe keinerlei Schärfe in der Nase. Im Gegenteil, selbst wenn ich die Nase direkt ins Glas halte kann ich problemlos tief einatmen. Wenn ich das mache, strömt mir ein unglaubliches Bouquet entgegen. Wow, in diesem Potpourri ist alles drin! Ich habe minimale Ester mit seinen Klebstoffen und Lösungsmitteln und dazu fruchtige Anklänge von z.B. grünem Apfel, Mango oder Papaya, aber auch einen stark würzigen Part mit Pfeffer und Muskatnuss. Darüber hinaus habe ich leicht nussige Assoziationen. Ich finde eine natürliche Süße, die mich an Rosinen und vor allem sehr dominant an Karamell erinnert, ebenso wie deutliche Einflüsse vom Holz in Form von Tanninen oder Bourbon Vanille. Die deutlichste Assoziation dazu ist, wie gesagt, Appleton, aber würde ich blind probieren, könnte ich sicher auch auf einen Demerara Rum tippen. Das ist ganz stark und großes Tennis! 

Gaumen: am Gaumen gibt sich der Rum zunächst noch etwas biestiger als in der Nase. Der bellt nicht nur, der beißt auch zu! Hier machen sich die nahezu 68% vol. schon bemerkbar und man muss den Tropfen im Mund erstmal bändigen. Erinnerungen an Velier Demerara Rums kommen hier auf, bei denen mir das auch häufig auffällt. Tropisch gereifte Rums sind selten die ganz weichen Vertreter. Ansonsten fällt sofort auf, wie sehr mundfüllend dieser Rum ist! Wahnsinn! Nicht in der Form, wie es eine Ester-Bombe a la Hampden ist, sondern ganz anders. Wärmer, weniger explosiv. Dazu gesellt sich etwas Holzlack und diese typische Note tropisch gereifter Rums, die ich bei diesen Vertretern häufig finde. Dazu kommt etwas Süße, Karamell, frisch geschnittenes Geäst und trockeneres Holz. Der Gaumen ist etwas weniger komplex als es die Nase war und deutlich auf der trockeneren Seite stehend. Nach hinten raus ist da sehr viel Anis, was für lange gereifte Rums ja sehr typisch ist. Erinnert hier teilweise auch an alte tropisch gereifte Demerara Rums. 

Abgang: frisch geschnittenes Geäst, Anis, trockener werdend, leichte Bitterkeit, die dann zunimmt. Tannine. Hier kommt das Alter doch zum tragen. Nach hinten heraus Kaffee und Röstaromen. Ansonsten typisch Appleton. Es sind vor allem die Eindrücke an die bekannten Rums dieses Estates, die verbleiben. 

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Small Batch vs. Ur-Sample
Fazit: sehr stark! Insbesondere Appleton Fans und Freunde tropisch gereifter Demerara Rums kommen heute natürlich voll und ganz auf ihre Kosten! Wenn ihr euch da angesprochen fühlt: das ist euer Tag heute! In der Filmbranche hätte man in diesem Zusammenhang wohl von Fan Service gesprochen - bloß, um sich zwischendurch dann doch noch immer mal wieder verwundert die Augen zu reiben, darüber, was da eigentlich gerade passiert. 100% tropisch gereifter Appleton, 25 Jahre alt und das ganze nicht mit 40, nicht mit 43, nicht mit 45% vol., nein, in Fassstärke mit 67,7% vol!! Und das ganze zu einem Preis, den man für einen Rum dieser Kategorie eigentlich schon kaum noch für realistisch gehalten hat. Insofern kommt hier schon genau der Rum um die Ecke geschnellt, auf den viele Connaisseure da draußen schon ziemlich lange gewartet und den sie sich viele Jahre erhofft hatten! Einzig für den doch sehr präsenten Alkoholgehalt gibt es leichte Abzüge. Wäre der Rum weicher, hätte er die 95er Marke geknackt! Aber ich möchte noch einmal herausstellen, dass wir es hier mit dem meines Wissens ersten unabhängig abgefüllten Rum aus dem Hause Appletons zu tun haben, bzw. einem Rum, der so in dieser Form dem Profil nach sicher großer Teil deren Blends ist. Daher noch einmal: Chapeau nach Bad Bevensen, wo man aktuell eine unfassbar gute Performance hinlegt! Freut mich tierisch, dass ihr so steil geht! So. Und nun habe ich Bock auf einen Mai Tai mit diesem Knaller-Rum und bin mal den Shaker holen... ;-) 

-94/100-

In diesem Sinne, bis dahin! 
Flo


Sonntag, 7. Juni 2020

Mai Tai mit Hampden "Great House" Jamaica Rum

Liebe Rum Gemeinde,

still und heimlich hat sich der Sommer nicht nur vor unsere Türen geschlichen, sondern er klopft auch schon in vollen Zügen an. Da Sommerzeit auch immer Cocktail-Zeit und bei mir insbesondere auch Mai Tai-Zeit ist, gibt es heute für euch den Überraschungs-Hit von der Hampden Estate aus Herbst 2019 für euch in meinem Lieblingsdrink: den "Great House" Jamaica Rum!



Mit dem Great House kam ich zum ersten Mal auf dem German Rum Festival im letzten Spätsommer in Kontakt, als Daniele Biondi diesen dort unter der Hand ausschenkte. Ich war, trotz des hohen Anteils am Mark OWH in diesem Blend, sofort begeistert, gefiel mir die Komposition dieses Blends doch wesentlich besser als bei der Hampden Standard-Ausführung. Leider hieß es zunächst, dass die Abfüllung wohl exklusiv für Destillerie-Besichtigungen und Messen sei, allerdings kam er dann glücklicherweise doch noch ganz regulär auf den Markt; limitiert zwar, aber bei 3.066 Flaschen musste man nicht von der schnellen Truppe sein, um etwas ab zu bekommen.

In meiner Pur-Verkostung lautete das Fazit vor allem, dass dem Great House im Grunde genommen gelungen ist, was bei Hampden bisher für mich als undenkbar galt: eine perfekte Standard-Abfüllung zu liefern, die zwar an Individualität, nicht aber gleichzeitig auch an Qualität einbüßt. Die perfekte Standard-Abfüllung also, in einem Rum-Segment, in dem es perfekte Standard-Abfüllungen so gut wie noch gar nicht gibt! Insofern markierte der Great House für mich ganz persönlich tatsächlich eine Zäsur in der Entwicklung des High End Rums und ich hoffe auch, dass wir an genau dieser Stelle auch in den nächsten Jahren noch weitere Fortschritte sehen werden! Denn nein, ich mag die ewigen Vergleiche vom Rum zum Whisky auch nicht unbedingt, aber wenn es etwas gibt was letzterer dem Rum wirklich und ohne jeden Zweifel voraus hat, und da sprechen wir leider noch immer von einem Vorsprung von Lichtjahren, dann sind es Standard-Bottlings ohne Qualitätsverlust im bezahlbaren Rahmen für jedermann. Über die Preisexplosionen sobald es in die Individualität geht brauchen wir in diesem Zusammenhang nicht zu sprechen, aber wer einfach nur einen gescheiten Whisky möchte, der kann in den Supermarkt gehen und findet ihn. Das wünsche ich mir für Rum auch und der Great House war und ist für mich ein wichtiger Schritt, ein Meilenstein, dort hin!

Da die Rums von Hampden für mich seit jeher zu den besten für einen Mai Tai zählen, lag der Gedanke freilich nicht fern, dass es sich bei dem Great House auch um einen super Standard-Rum für den Mai Tai handeln könnte. Ob diese Rechnung aufgeht, werden wir uns gleich ansehen...


Das Rezept meiner Wahl (nach Trader Vic):

  • 6,0 cl Hampden "Great House" Jamaica Rum
  • 1,5 cl Ferrand Dry Curacao 
  • 0,9 cl Meneau Orgeat
  • 0,6 cl J.M. Zuckersirup
  • 3,0 cl Limettensaft (frisch gepresst!)






Mai Tai mit Hampden "Great House" Jamaica Rum:

Farblich tendiert der Drink ins gold-braune und damit zu einem etwas dunkleren Ton, als man es von vielen Mai Tais mit kontinental gereiften Jamaicanern gewohnt ist, da sowohl der verwendete (tropisch gereifte) Rum eine etwas kräftigere Farbe aufweist, als aber auch der Zuckersirup dunkler ist, als der normale (farblose) Zuckersirup. Damit kommt er dem Original von Trader Vic aber vermutlich sehr nahe. 

Geschmacklich finde ich das zunächst einmal fast schwer zu beschreiben. Auf der einen Seite besitzt der Drink definitiv große, gehobene Klasse, auf der anderen Seite hat er aber so erstmal gar nichts, was ihn unverkennbar auszeichnet oder von anderen Mai Tais mit hervorragenden Hampden Rums abhebt. Es wirkt, als sei der Mai Tai mit dem Great House wie der Querschnitt aller Mai Tais mit den großen Rums aus dem Hause Hampden. Das böse Wort "Durchschnitt" möchte mir beinahe über die Lippen rutschen, aber das würde der Qualität des Drinks nun wirklich nicht entsprechen, ganz im Gegenteil. Und doch liegt tatsächlich ein Hauch von Standard in der Luft, als riefe dieser Drink mir zu: "Du hast einen neuen Haus-Rum für den Mai Tai gefunden!". Und da gehe ich dann auch sehr viel eher mit d'accord als von einem Durchschnitts-Drink zu sprechen. Tatsächlich überrascht bin ich darüber natürlich nicht, zeigte sich der Great House doch damals in der Pur-Verkostung doch schon von quasi genau dieser Seite: High Class, aber ohne das besondere, das Alleinstellungsmerkmal. Aber gerade deshalb oft entspannter, als viele der großen Knaller a la The Rum Cask Hampden 1990. Und das transportiert der Rum in gewisser Weise auch in diesen Mai Tai. Es ist alles da: Kraft, Flavour, Intensität, Ausgewogenheit... aber weder erschlägt es einen, noch kommt irgendwie Langeweile auf. Und das finde ich geil! Fast schon überflüssig zu erwähnen ist es daher vermutlich, dass der Rum weder ein Problem damit hat, sich gegen die Partner im Drink durchzusetzen, noch dass die Partner irgendwie zu kurz kämen. Hier stimmt die Chemie! Mit Schmelzwasser gewinnt der Drink noch etwas dazu, aber der kommt auch schon vom Start weg sehr gut. 


Fazit: wäre der Rum keine limitierte Sonderabfüllung gewesen, bräuchten wir in den nächsten Jahren vermutlich nie wieder über einen Standard Rum für den Mai Tai sprechen! Denn dazu wäre er ansonsten nämlich geradezu perfekt geeignet, weitaus besser als die beiden Standard Hampden Bottlings mit 46, bzw. 60% vol., die für mich dem Wort Durchschnitt sehr viel eher entsprächen. Klar, der Preis von ca. 90,- Euro wäre für einen Mixrum noch immer eine Ansage, aber deutlich günstiger bekommt man Hampden auf hohem Niveau inzwischen auch nicht mehr, wenn überhaupt. Mir fällt da ad hoc gerade zumindest kein Bottling aus der letzten Zeit ein. Insofern bin ich froh, mir davon die eine oder andere Flasche gesichert zu haben, so dass dies sicher nicht mein letzter Mai Tai mit dem Great House war. Und wenn ihr den zuhause stehen und noch keinen Mai Tai damit probiert habt zu mixen, dann probiert das ruhig aus.


Bis demnächst,
Flo

Montag, 1. Juni 2020

Velier Demerara Rum 27 YO Skeldon 1978

Liebe Rum Gemeinde,

heute kommt nicht weniger als eine absolute Legende auf den Tisch, nicht wenige würden wohl sogar sagen die Legende: der Skeldon 1978 von Velier, ein 27 Jahre alter Demerara Rum! Auf die Besprechung genau dieses Tropfens habe ich mich dementsprechend auch schon lange gefreut!

© E.H.


Ich glaube, um es direkt frei heraus zu sagen, dass wir uns heute ganz viel drum herum reden sparen können. Wenn die Begriffe Skeldon und Velier in einem Atemzug fallen, dann weiß mutmaßlich jeder den ich zur unmittelbaren Zielgruppe dieses kleinen Blogs zählen würde, worum es geht. Erklärungen unnötig. Legenden-Zeit! Schon im Review zum Skeldon 2000 und zum Skeldon 1973 habe ich einige Worte über diese ehemalige Destillerie verloren, deren Stil allerdings bis heute erhalten werden konnte. Inwieweit dieser noch jenem originalen Skeldon-Style aus den aktiven Tagen der Destillerie entspricht kann heute freilich niemand mehr mit absoluter Gewissheit sagen, schließlich war bei Skeldon (gegründet zwischen 1802 und 1834) bereits im Jahr 1960 schon Schicht im Schacht. Beurteilen können wir lediglich noch das Erbe Skeldons, welches mich bisher, ihr werdet es in den Reviews nachlesen können, nicht restlos überzeugen konnte. Da es über den heute vorgestellten Rum hinaus keinerlei länger gereiften Stoff im Skeldon Style gibt, ist das dementsprechend sogar schon so etwas wie die letzte Chance für Skeldon, doch noch bei mir zu punkten ;-)

© E.H.
Ob er das schafft, werden wir gleich sehen. Ohne jeden Zweifel outstanding sind aber definitiv schon einmal die Randdaten! Da ist zum einen der Preis. Ca. 6.000,- Euro, eher mehr (!) müsste man für eine Flasche dieses Rums inzwischen auf den Tisch legen, das ist einfach nur krass! Denn von zwei Single Cask Demeraras abgesehen (von ihnen gab es zu Ausgabe kaum mehr als 50 Flaschen), die preislich im Bereich eines Mittelklasse-Neuwagens liegen dürften, zählen die Skeldons wohl zu den preisintensivsten Abfüllungen von Velier. Die preisliche Seite ist allerdings nur die eine, die der Qualität eine andere. Denn gerade dem Skeldon 1978 wird tatsächliche auch eine herausragende Qualität nachgesagt. Nicht wenige Demerara Freaks und auch Luca Gargano selbst geben diese Abfüllung als ihren Lieblingsrum an! Und schließlich, wie es sich für eine legendäre Abfüllung gehört, kommt auch der Skeldon 1978 mit einer interessanten Anekdote am Rande daher. Im 1978er Jahrgang steckt nämlich auch ein kleiner Anteil 1973er Rum, wohl, wie Luca von Yesu Persaud erfahren hat, weil die 1978er Fässer nicht mehr ganz voll waren. Da habe man sie einfach leicht aufgefüllt. Damals kein ganz ungewöhnlicher Vorgang und im Rahmen von Details, für die sich in dieser Zeit noch niemand wirklich interessierte. Heute sähe das vermutlich anders aus. Abgefüllt wurden am Ende jedenfalls noch 688 Flaschen Rum mit einem Alkoholgehalt von 60,4% vol., der mindestens 27 lange Jahre tropisch reifen durfte.

© E.H.
Und ich denke, um noch einmal den Bogen zum Preis zu spannen, so etwas (also 25 Jahre tropische Reife und mehr) werden wir in Zukunft nicht mehr allzu oft erleben dürfen. Bei Demerara Rum -Stand 2020- vermutlich gar nicht mehr, da DDL nicht das geringste Interesse daran hat, diese Qualitäten zugänglich zu machen. Dort regiert nach dem Abgang von Yesu Persaud ein Alleinherrscher namens Profit und einen Rum so lange und in dieser Intensität reifen zu lassen ist alles andere als profitabel. Bei Caroni werden wir es definitiv auch nicht mehr erleben, da Luca alles nach Europa geholt hat und auch kaum noch Fässer übrig sind. Was bleibt dann noch an Stoff, von dem man überhaupt etwas so altes tropisch gelagertes trinken möchte? Jamaica, na klar. Aber da fällt Hampden noch mindestens 20 Jahre raus, selbst wenn man davon absieht, dass Hampden von solch langer Reifung nicht profitiert. Es bleiben Long Pond, Monymusk, Worthy Park und Appleton. Aber was da an Bottlings zu erwarten ist, die hier qualitativ anknüpfen können, kann ich an einer Hand abzählen. Dazu kommt, dass auch hier die Preise noch explodieren werden. Der tropisch gereifte Monymusk 1984 von Velier wird mit einem Ausgabepreis von ca. 1.000,- Euro erwartet. Insofern, relativiert das nicht alles, aber doch einiges an preislichen Eskalationen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, für Stoff, der nie mehr wieder kommt. 


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Verkostung des Velier 27 YO Skeldon 1978:

Preis: der Ausgabepreis lag damals bei geschätzten ca. 120,- Euro. Der heutige Wert einer Flasche liegt bei ca. 6.000,- Euro und mehr. 

Alter: das offizielle Alter beträgt 27 Jahre, nachdem der Rum von April 1978 bis April 2005 in Eichenfässern lag. 

Lagerung: die Fässer lagen von 1978 bis 2005 in Guyana unter der tropischen Sonne. 

Fassnummern: keine Angaben, allerdings waren es insgesamt drei Fässer, die zusammen 688 Flaschen ergaben. 

Angel's Share: unbekannt. Er wird aber, gemessen daran, wie hoch er z.B. beim UF30E ausgefallen ist, bei über 90% gelegen haben. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Skeldon 1978 kommt mit starken 60,4% vol. daher.

Destillationsverfahren: der Rum wurde vermutlich mit der Metal Coffey Still von Blairs gebrannt, somit handelt es sich um einen Column Still Rum. 

Mark: SWR

Farbe: eine unfassbare, schon fast unwirkliche Farbe für einen Rum! Ganz, ganz dunkel, vom braune ins rötliche gehend. Das ganze mutet ein wenig wie Cola, Sirup oder Balsamico Essig an, vor allem, wenn man den Rum ein wenig im Glas schwenkt. Ich erinnere mich nur an einen Rum den ich je im Glas hatte, der das noch getoppt hat, aber diese Erinnerung ist keine positive, daher sei sie blitzschnell wieder vergessen. 

Viskosität: parallele, unregelmäßige Schlieren laufen von der Glaswand hinab, ins Glas zurück. 

Nase: BOAH! Ja, das geht sehr nahe an Perfektion! Oder ist diese hier bereits erreicht oder gar übertroffen? Insgesamt ist das keine Premiere, ich habe den Rum schon das dritte und vierte Mal im Glas, aber es ist im Rahmen der Verkostung für den Blog das erste Mal, dass ich ihn wirklich mal in Ruhe und nur für mich trinke, statt in Gesellschaft. Bei letzterem liegt der Fokus naturgemäß nicht rein auf dem Destillat, was ja auch gut und richtig so ist. Und heute, ich kann das nicht anders formulieren, haut er mich in der Nase gerade sprichwörtlich um! So etwas intensives, reichhaltiges und komplexes sieht man wahrlich nicht alle Tage! Zunächst ist da natürlich auch noch etwas Alkohol, der, wenn man die Nase bis ins Glas führt, auch noch leicht sticht, aber das geht schnell vorüber nach kurzer Zeit des Atmens. Nach schon 30 Minuten ca. ist der Rum voll da! Im Bouquet macht sich zunächst einmal eine herrliche Klebstoffnase bemerkbar, kombiniert mit einer sehr schweren, sirupartige Süße, die wie über dem ganzen Rum im Glas zu schweben scheint. Dazu gesellen sich dunkele Assoziationen zu Kaffee, Espresso und Melasse, aber auch Trockenfrüchten, Tabak, Nelke, dezent Anis, Leder und etwas, was ich medizinisch empfinde. Stets mit dabei ist natürlich die geballte Ladung Tannine vom Fass, die allerdings wirklich top eingebunden sind! Ich empfinde die Nase, trotz der enorm langen Reifezeit, nicht als verholzt. Immer und immer wieder führe ich das Glas zur Nase und kann mich an diesem sagenhaften Bouquet einfach nicht satt riechen. Immer wieder entdeckt man neue Facetten dieses schönen Tropfens. Das ist schon, wie der gesamte Rum bis hier hin, sehr außergewöhnlich und die Erwartungen an den Gaumen sind gerade ins grenzenlose geschossen. 

Gaumen: Wundervoll! Der Skeldon 1978 gibt sich am Gaumen wahnsinnig vollmundig, ins cremige gehend, sowie angenehm weich. Der Alkohol ist richtig gut eingebunden, sticht nur zu Beginn ganz kurz und zeigt sich im Folgenden dann quasi unsichtbar. Kleinere Schlücke bieten sich preislich an, geschmacklich allerdings sind auch größere Schlücke kein Problem. Alles startet mit einer schönen Mischung aus einer natürlichen Süße und etwas säuerlichem, was mich an kalten Kaffee und Espresso, sowie Salz-Karamell erinnert, die dann übergeht in etwas holziges und fruchtiges von tropischen Früchten, die ich allerdings nicht separieren konnte. Mango vielleicht? Dann wiederum rauscht eine medizinische Komponente heran, die auch einiges an Bitterkeit mitbringt. Zu viel? In einigen Momenten dachte ich ja, in anderen empfand ich es als angenehm. Insofern tendiere ich zu nein, allerdings bewegt sich das unzweifelhaft an der Grenze des Guten, gerade auch mit Blick auf den Skeldon 1973. Besser wird es mit mehr Reifejahren nach dieser Erfahrung definitiv nicht. Nach hinten heraus kommt dann eine geballte Ladung Anis. Die Performance am Gaumen kann mit jener in der Nase nicht ganz mithalten, was angesichts dieser olfaktorischen Sensation tatsächlich zu erwarten war, aber im Gegensatz zum Skeldon 1973 bricht dieser Rum hier nicht qualitativ ein. Ganz, ganz großes Kino! 

Abgang: nach hinten heraus wird das dann schon sehr trocken und bitter mit Anklängen von Anis und Kaffee, zunächst angenehm, aber wenn man ihn zu lange im Mund hatte, dann ist das eher wie Walnüsse, wenn sie bitter werden.  Etwas nussiges, bleibt aber in jedem Fall erhalten, was mir sehr gefällt. Insgesamt allerdings nur ein kurzer bis mittlerer Nachhall. 

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Fazit: mit einem Wort? Opulent! Nichts, aber auch rein gar nichts an diesem Rum steht auch nur entfernt in dem Verdacht in irgendeiner Weise durchschnittlich zu sein. Wiederum alles an diesem Rum ist außergewöhnlich! Ich kenne viele (wenn auch nicht alle) der alten Demerara Rums von Velier, und nach meiner bisherigen Erfahrung und aber auch nach intensivem Austausch mit Menschen, die bei Demerara Rums noch weitaus mehr im Thema sind als ich und auch seltene Tropfen wie den Diamond 1988 schon im Glas hatten, wage ich die Prognose: besser geht es nicht! Und leider wird es auch vergleichbar gut in Zukunft wohl nicht mehr geben. Das ist zwar einerseits schade, macht aber andererseits die seltenen Momente in der man solch legendären Stoff noch mal probieren kann umso besonderer. Der Preis liegt weit jenseits all dessen, worüber man noch in irgendeiner Weise über ein Preis-Leistungs-Verhältnis sprechen könnte und sollte, schon allein, weil im Falle des heutigen Rums selbst eine Sample-Empfehlung bereits dekadent anmutet. Wer die Möglichkeit hat, der wird das geschmacklich eher nicht bereuen und der Rum ist einer, den man am Ende seiner Reise aus meiner Sicht im Glas gehabt haben sollte, aber ich verstehe auch jeden, der da für sich komplett raus ist. Insofern wünsche ich euch nun noch einen schönen Pfingstmontag, unabhängig davon was ihr im Glas habt und verabschiede mich zum ersten (und vermutlich einzigen) Mal mit der Top-Bewertung! 

-100/100-

Ein Dank geht zum Schluss noch an den Urheber der Label-Bilder, von dem ich auch das Sample erhalten habe. Vielen lieben Dank für diese tolle Erfahrung!

Bis demnächst,
Flo