Freitag, 9. November 2012

Jamaica, Long Pond Estate: Bristol Classic Rum 1985 vs. Silver Seal 1986

Werte Rum-Gemeinde,

heute kommt meine zweite pure Verkostung. Wieder heißt die Insel Jamaica, wieder gibt es feinen, gereiften Rum, aber heute geht es nach Long Pond, gelegen in der Provinz Trelawny im Nordwesten Jamaicas. Ich habe mich für zwei Vertreter aus einer von Long Pond's Pot Stills, entschieden: den Bristol Classic Rum 13 YO (1985 - 1998) mit 46% vol. und den Seal Long Pond 21 YO (1986 - 2007) mit 50% vol. Ein Vergleich bietet sich geradezu an! Neben den geographischen Gemeinsamkeiten sind beide Rums fast zur selben Zeit, 1985 und 1986 destilliert worden. Beide sind verdünnt abgefüllt worden, einer etwas höher, der andere etwas niedriger verdünnt und beide sind, soviel sei vorweggenommen, wirklich klasse und sich in ihrem Profil auch ähnlich! Einzig im Alter unterscheiden sie sich doch etwas.


Bristol Classic Rum Long Pond 13 YO
Abfüllungen aus Long Pond in diesem Alter und aus dieser Still sind schwer zu finden. Aktuell auf dem Markt ist der Bristol nicht mehr erhältlich, und auch den Silver Seal muss man schon lange suchen. Derzeit gibt es ihn noch bei Cognac Paradise in Deutschland und bei Old Whisky in Italien. In der Vergangenheit gab es noch andere Abfüllungen aus dieser Still in lange gereiftem Zustand, z.B. von Berry Bros. & Rudd. und aktuell gibt es sogar eine von Plantation Rum, nämlich den Single Cask 1986. Neben dieser Pot Still betreibt Long Pond auch noch mindestens die Vale Royal Still, eine Double Retort Pot Still aus der ehemaligen, gleichnamigen Destillerie, eine weitere Pot Still, aus der unter anderem die LPS Rums aus 1993 stammen dürften, sowie eine Column Still, aus der vor allem der unabhängige Abfüller Cadenhead immer wieder verschiedene Rums angeboten hat. Ich kann allerdings nicht gänzlich ausschließen, dass auch der heute verkostete Rum aus der Vale Royal Still stammt. Die zwei einzigen, sicher aus dieser Still stammenden Rums am Markt haben gewisse Ähnlichkeiten, sind aber noch sehr viel jünger, als diese 13 jährige Abfüllung. In einiger Zeit wird man dazu eventuell genaueres sagen können. Diese drei oder vier Stills unterscheiden sich deutlich voneinander. Zwei weisen eher Ähnlichkeiten mit Rums aus der Hampden Estate auf, die beiden anderen (die Column und eine der Pot Stills) sind sich einander etwas ähnlicher.
Die Destillerie Long Pond, das schien nun vllt. schon leicht durch, füllt nicht unter eigenem Namen ab, sondern verkauft seinen gesamten Rum an Firmen wie Captain Morgan, die diesen dann in ihren Blends verarbeiten und an unabhängige Abfüller, die den Rum unter ihrem Logo meist als Single Cask Abfüllungen verkaufen. Ein Beispiel dafür sind auch unsere beiden Rums heute, die jeweils an den italienischen Abfüller Silver Seal, bzw. an Bristol Spirits aus England verkauft wurden und von ihnen gelagert und später abgefüllt wurden.
Long Pond ist eine von nur wenigen jamaicanischen Destillerien, die auch heute noch Rum produzieren. Neben ihr sind m.W. nur noch Wray & Nephew (Appleton, Coruba), wieder Hampden (war kurzzeitig geschlossen), Monymusk, wieder Worthy Park (produziert ebenfalls erst seit 2005 wieder Rum) und New Yarmouth aktiv.


Kurz zu den beiden Abfüllern:

Silver Seal Long Pond 21 YO
Bristol Spirits Ltd. wurde im Jahr 1993 durch John Barrett gegründet und hat seinen Sitz in England. Bristol Spirits kauft sowohl länger gelagerte Qualitäten aus der Karibik, als auch jungen, ungelagerten Rum, der dann in den eigenen Kellern in England gereift wird.
Bristol verdünnt all seine Rums in der Regel auf 40, 43 oder 46% vol., bringt sehr selten aber auch Rums in Fassstärke auf den Markt. In seiner Rumauswahl ist Bristol sehr vielseitig. Es existieren Abfüllungen aus sehr vielen karibischen Inseln und Regionen, wobei der Schwerpunkt sicherlich auf Guyana, Jamaica und Trinidad liegt. In Deutschland sind die aktuellen Bristol Classic Rums sehr gut erhältlich. Bristol wechselte in der Vergangenheit des Öfteren das Etikett, weswegen die heute verkostete Abfüllung noch mit einem alten Label ausgestattet ist.

Silver Seal W.C. ist, soweit ich die Infos aus dem www richtig zusammengesetzt habe, ein italienischer Abfüller, der sowohl im Whisky- als auch im Rumgeschäft tätig ist. Allerdings lagert Silver Seal, wie so viele Abfüller, seine Tropfen in Schottland, weswegen auf der Flasche des Rums auch Glasgow als Ort des Abfüllens genannt wird. Als einer der wenigen hat Silver Seal den Mut, Rum auch mal mit mehr Volumenprozenten als den üblichen 46% vol. abzufüllen. Häufig sind es 50% vol., so auch bei unserem heutigen Rum, 55% vol. oder gar Fassstärken, mit denen der Rum in die Flaschen kommt. Respekt dafür! Bei seinen Rumabfüllungen konzentriert sich Silver Seal hauptsächlich auf Guyana, Jamaica, Barbados, Guadeloupe und Trinidad. Leider sind die Rums dieses Abfüllers in Deutschland nur schwer erhältlich und wenn, dann häufig nur zu sehr hohen oder gar zu hohen Preisen.

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Nun zu den beiden Rums:

Preis: der Bristol ist meines Wissens nach nicht mehr erhältlich. Zuvor kostete er zwischen 30 und 40 Euro. Den Silver Seal bekommt man bei Old Whisky für ca. 70 Euro, allerdings kommt da noch ein deutlicher Versandzuschlag drauf. Eine Sammelbestellung empfiehlt sich hier, dann geht es.

Alter: der Bristol wurde 1985 destilliert, der Silver Seal ein Jahr später, 1986. Der Bristol reifte bis ins Jahr 1998 13 Jahre lang und ist, rein vom Alter her gesehen, noch verhältnismäßig jung. Der Silver Seal reifte 21 Jahre lang und wurde 2007 abgefüllt.

Alkoholstärke: der Bristol kommt mit 46% vol. daher, der Silver Seal hat leicht stärkere 50% vol.

Destillationsverfahren: beide Rums wurden in einer Pot Still von Long Pond destilliert. Zwar macht der Silver Seal auf seiner Flasche keine Angabe dazu, jedoch sind die Verwandtschaften zu Rums, welche diese Angaben machen sehr deutlich, nicht zuletzt zum heutigen Tasting-Partner von Bristol, weswegen man hier davon ausgehen kann, dass es sich um die selbe Still handelt.

Farbe: der Bristol präsentiert sich im Glas strohig golden, wie ein heller Bernstein. Der Silver Seal ist etwas dunkler, leuchtend golden.

Viskosität: enge, schlanke Schlieren beim Bristol. Beim Silver Seal sieht es sehr ähnlich aus, allerdings sind dessen Schlieren etwas satter und weiter. Die Glaswand ist dicht benetzt.

Nase: Beim Bristol rieche ich zunächst sehr intensive Nuss und eine Spur Mandel, ein wirklich voller Geruch, der die Nase gänzlich erfüllt. Ich erwarte anfangs sogar mehr als die 46% vol. Der Rum hat leicht grasige Noten und offenbart bald kandierte Ananas und Banane. Die Frucht und das vegetale bilden hier einen schönen Kontrast. Nach einiger Zeit wird der Rum trockener in der Nase.

Der Silver Seal riecht ähnlich wie der Bristol, die Verwandtschaft ist sofort offensichtlich! Fand ich beim Bristol noch, dass ich blind auch auf einen Rum mit mehr Volumenprozenten tippen hätte können, so fallen  hier die 4% vol. mehr doch schon sehr deutlich auf. Der Rum macht in der Nase einen reiferen Eindruck, dieser Rum lag definitiv länger im Fass. Die Nase wird erfüllt von einem geballten Aromenpaket, welches Nuss, Vanille, etwas leicht grasiges und auch etwas süße Frucht enthält, aber klar trockener als sein Gegenüber ist. Die Nase nimmt nach einigen Minuten auch noch an Intensität zu, das gefällt mir wirklich gut.

Gaumen: Lecker! Wieder habe ich die sehr intensive Nuss beim Bristol, am Gaumen stehen nasses Gras, Trockenfrucht und Anis im Vordergrund, die zusammen eine schönen Eindruck hinterlassen. Der Rum ist zudem etwas cremig, ölig und schön mundfüllend, hervorragend! Reife und jugendliche Frische, sowie Fruchtigkeit und Trockenheit sind toll ausballanciert, der Rum scheint mir auf den Punkt gelungen.

Der Silver Seal kommt wuchtiger daher, die 50% vol. machen sich klar bemerkbar. Dadurch wirkt der ganze Rum sofort etwas präsenter, etwas intensiver, Die Nuss, die den Bristol dominiert hat, ist hier auch, jedoch wesentlich weniger präsent, zu Gunsten anderer Eindrücke. Dieser Rum ist deutlich facettenreicher und komplexer als der Bristol und mit einer viel deutlicheren Anis-Note zum Ende hin. Erinnerungen an einen Demerara oder einen Agricole kommen auf, da steckt wirklich sehr viel drin. Der Rum ist zudem trockener als der Bristol.

Abgang: hier kommt der Bristol zunächst cremig, dann aber relativ trocken daher. Die Anis-Note, die ich am Gaumen schon zum Ende hin hatte, setzt sich hier fort und prägt den Abgang mit und erinnert etwas an einen Rum aus der Port Mourant Still in Guyana. Wieder habe ich frisch geschlagenes Holz, großartiger Abgang, der lange anhält.

Der Abgang beim Silver Seal ist deutlich trockener und gepaart mit schönem Holz. Nach einigen Minuten ist der Rum noch voll da, erst nach ca. einer Stunde ist der Rum weg. Klasse!

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Fazit: zwei hervorragende, außergewöhnliche Rums! Unter die Freude über den großartigen Bristol Classic Rum Long Pond 13 YO mischt sich auch der Wermutstropfen, dass dieser Rum absolut ausverkauft ist. Ich bin daher wirklich glücklich, dass ich diesen Rum verkosten durfte und vor einiger Zeit eine Flasche ergattern konnte. Dieser Rum ist jung, wild, intensiv und doch auch sehr reif! Große Klasse! Ich empfand den Rum beim zweiten Tasting zwar nicht mehr alles überragend wie beim ersten Mal, aber das lag sicher auch daran, dass ich beim zweiten mal dann schon erwartet hatte, umgehauen zu werden. Nichts desto trotz für mich einer der drei besten Rums, die ich je aus Long Pond probiert habe.
In genau diese Kategorie ordnet sich auch der Silver Seal Long Pond 21 YO ein. Ein sehr erwachsener, reifer Rum, der unglaublich viel vom Fass mitbekommen hat, ohne von diesem erschlagen worden zu sein. Das ist selten und daher wirklich Extra Klasse! Ich kann bei diesem Rum im Grunde keine Schwäche erkennen und daher gehört auch dieser Rum zu meinen Top 3 aus Long Pond und auch zu meinen Favoriten insgesamt.
Unter'm Strich wissen beide Rums voll auf zu überzeugen. Einen Sieger dieses Vergleichs kann und möchte ich nicht bestimmen, denn einen Verlierer gibt es heute definitiv nicht. Sie sind sich sehr ähnlich in ihrem Charakter und unterscheiden sich doch soweit voneinander, dass ich um nichts einen der beiden in meinem Regal missen möchte.

Das war nun mein zweites Review und hoffe, es hat gefallen.

Bis demnächst,
Flo

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