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Sonntag, 13. Dezember 2020

Barrel Aged Thoughts' 2020 Top 10 Rums - Part I

Liebe Rum Gemeinde,

das Jahr 2020 neigt sich nach all diesen Knaller-Abfüllungen nun tatsächlich dem Ende zu und darum denke ich, ist es nun an der Zeit ein kleines Fazit zu ziehen. Wie schon häufiger in der Vergangenheit, möchte ich euch abschließend zusammengefasst noch einmal meine Highlights des Jahres in Form einer Top 10 in zwei Teilen präsentieren. 



Prolog:

Ihr Lieben, was war das bitte für ein Jahr?! Ich weiß da, um ehrlich zu sein, gar nicht wo ich anfangen und wo ich aufhören soll. Hätte man mich vor einem Jahr gefragt, worauf ich mich in 2020 ganz besonders freue, dann hätte ich vermutlich geantwortet: auf die Messe in Köln, das Rum Fest in Berlin, die Whisky Live in Paris und auf den TRC 90 II als Knaller zum Jahresende! Ich habe zum damaligen Zeitpunkt weder geahnt, was RA das ganze Jahr über mit uns abziehen würden, was Silver Seal im Sommer 2020 fabrizieren, dass Velier es noch schaffen würde richtig gute 1998er Caronis zu bringen, dass unsere "ewige" Waschmaschine tatsächlich kaputt gehen würde können und schon gar nicht hatte ich auf dem Zettel, was ab spätestens März insgesamt weltweit abging. Ich habe letzteres, vielleicht ist euch das aufgefallen, auf Barrel Aged Thoughts nahezu gar nicht thematisiert, da ich der Meinung war und bin, dass wir von allen Seiten mit diesem Thema erschlagen wurden, ob wir wollten oder nicht, dass es an Covid 19 ohnehin kein Vorbeikommen gab, und so wollte ich mit BAT zumindest einen Platz schaffen, an dem für euch und natürlich auch für mich einfach alles weitestgehend so ist wie immer. Zumindest irgendwas wo man draufklicken kann, ohne, dass man sofort dran erinnert wird, dass gerade nichts so ist wie gewohnt. Rum-Blogging als Eskapismus, wenigstens für einen Dram der oft unschönen Realität da draußen entfliehen. Warum ich das jetzt plötzlich anspreche? Weil Covid 19 unser Jahr so unfassbar unterschiedlich geprägt hat, dass ich das nicht einfach übergehen möchte. Es war, rein auf Rum und die Vielzahl an geilen Abfüllungen bezogen, ein richtig geiles Jahr, was ich hier auch festhalten und würdigen möchte. Aber ich kann an dieser Stelle insgesamt nicht von einem Super-Jahr sprechen (auch wenn es das für mich persönlich und ganz subjektiv wohl wirklich war), wo gleichzeitig viele von euch da draußen möglicherweise aktuell ihrem Beruf und damit vielfach auch ihrer Berufung nicht nachgehen dürfen, die vielleicht um ihre Existenz bangen, möglicherweise sogar gesundheitlich betroffen oder gar Angehörige verloren haben und deshalb möchte ich das zumindest dahingehend einordnen und einmal festhalten: ja, natürlich ich bin mir der Tatsache bewusst, dass einige von euch gerade ihr beschissenstes Jahr ever hinter sich haben und sich derzeit noch nicht einmal wirklich auf ein besseres 2021 freuen können, weil auch dessen Verlauf noch vollkommen ungewiss ist. Das ist furchtbar und ich kann nur das beste für euch hoffen. Ich persönlich arbeite im sozialen Sektor. Plötzlich war ich "systemrelevant" (was für mich damals tatsächlich die Haupt-Motivation war, einen solchen Job dem Studium der Geschichte und der Archäologie nach zwei Semestern vorzuziehen). Die Belastungen bei uns auf der Arbeit waren ungleich größer als in jedem anderen Jahr, deshalb blicke auch ich nicht nicht gerade auf ein entspanntes Jahr zurück, aber ich musste, anders als viele andere, nicht eine Sekunde um meinen Job fürchten und konnte auch deshalb viele der Abfüllungen in diesem Jahr genießen. Und dafür wiederum bin ich sehr dankbar! Ebenfalls sehr dankbar bin ich über einige Entwicklungen im Rum Bereich im abgelaufenen Jahr. So hat sich der Kontakt zu Dominik und zu RA in diesem Jahr z.B. noch weiter verfestigt, was mir eine ungemeine Freude ist! 

Dominik, ich glaube, ich muss das an dieser Stelle nicht weiter ausführen, außer: vielen lieben Dank dir für das geile gemeinsame Jahr und den unfassbar guten Job den du und ihr macht! Es macht auf allen Ebenen so unglaublich viel Spaß und ich liebe unseren regen gemeinsamen Austausch! Der ist ein absoluter Hochgenuss, den ich nicht mehr missen wollen würde! Danke für alles!

Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben darf natürlich auch der Jens von TRC! Die Schlagzahl ist geringer geworden, aber wenn wir miteinander schnacken ist das, als würden wir das jede Woche tun. Es sind nun schon siebeneinhalb Jahre, seit ich euch bei der Worthy Park Abfüllung unterstützen durfte, die dann die erste BAT-Abfüllung wurde. Und es tut mir natürlich Leid, dass immer sobald wir etwas mehr miteinander zu tun haben, ihr anschließend so viel Arbeit mit Pakete packen habt ;-) Ich würde ja Besserung geloben, aber... :-) 

Steffen... auch wir sitzen inzwischen nun schon seit bald zwei Jahren gemeinsam über deinem Buch, das ohne jede Frage mit Erscheinen die neue Benchmark in diesem Bereich darstellen wird! Die gesamte Rumwelt darf sich auf diesen, deinen, Meilenstein der Rum Literatur freuen und ich persönlich fiebere dem schon wahnsinnig entgegen! Wenn immer wieder Zwei-Stunden-Telefonate mit "Hast du mal 'ne Minute?" beginnen, dann läuft irgendwas richtig ;-) 

Ich bedanke mich natürlich auch bei dir, Klaus, für das erste gemeinsame Jahr, in dem ich euch nun bei den Flensburg Rum Company Bottlings ein wenig unterstützen durfte. Klasse, dass immer mehr unabhängige Abfüller genauer hinschauen und mit der Frage an die Sache herangehen: "Was ist denn nun eigentlich der wirklich geile Shice den die Nerds auch sehen wollen?". Die nicht einfach nur irgendwie mitmischen wollen, bloß, weil das jetzt irgendwie jeder macht, sondern die das auch richtig machen wollen und richtig machen! 


Picture by E.H.

Wahnsinnig toll finde ich, dass wir es im abgelaufenen Jahr geschafft haben, mit der German Rum Association eine reine Rum Gruppe im deutschsprachigen Raum auf Facebook zu etablieren! Das war bitternötig und ich danke allen, die maßgeblich dazu beigetragen haben diese aufzubauen! Das qualitative Niveau ist hoch und auch immer noch mal gestiegen und ich freue mich, dass auch die Gruppe immer weiter wächst und inzwischen schon fast 750 Mitglieder zählt. Ihr seid super!

Und last but not least... geht natürlich ein riesiges Dankeschön an alle raus, die ich auch in diesem Jahr und trotz widriger Bedingungen zu einigen Zeitpunkten live, echt, mit Ton, in Farbe und bunt treffen konnte in diesem Jahr und ein paar unbeschwerte Tage und Stunden verbringen durfte! Ihr wisst, dass ihr gemeint seid, wenn ihr gemeint seid! :-*


Was liegt heute an?

Meine zehn besten Rums des Jahres "kühren"... das klingt total simpel, war es in diesem Jahr tatsächlich aber mal so überhaupt nicht! Es gab schon Jahre, da habe ich kaum eine wirklich vorzeigbare Top 10 zusammenbekommen weil einfach kaum richtig gute Rums released wurden und in diesem Jahr war es genau das Gegenteil - ich hätte locker und bequem eine Top 20 schreiben können! Da ich eine Top 10 hingegen wesentlich griffiger finde, habe ich davon natürlich abgesehen. Allerdings fühlte ich mich dennoch so ein wenig gezwungen nicht streng nach Punkten zu gehen und einfach die zehn am höchsten bewerteten Abfüllungen zu nehmen. Denn eine solche Liste wäre dann nicht sehr repräsentativ. Wir hätten, angesichts der Release-Flut 2020, allein fünf Caroni von Velier mit je 94 Punkten drin. Wer möchte eine solche Top 10 lesen? Auch wollte ich einen Rum unbedingt drin haben, der mit 92 Punkten zwar nicht zu den zehn am höchsten bewerteten Neuerscheinungen bei mir zählt, der diese "geringe" Punktzahl aber auch nur rein auf Grund sehr populärer Vorfahren bekam, die heute aber kaum noch jemandem etwas nützen. Ohne dieses Erbe, hätte ich den Rum vermutlich sehr viel besser bewertet und ich bin sicher, er zählt auch für viele von euch zu den absoluten Highlights in diesem Jahr. Doch dazu mehr, wenn es soweit ist. Nun, würde ich sagen, starten wir einfach mal den Countdown!


Platz 10: 

Habitation Velier C<>H Jamaica Rum 10 YO Hampden 2010

Direkt auf Platz 10 empfängt uns ein Brett, dass es bei einigen von euch sicher auch noch ein paar Plätze höher geschafft hätte. Gleichsam muss man fairerweise aber auch anmerken, dass der Rum das Lager deutlich stärker gespalten hat, als das beim HGML z.B. der Fall war, der gefühlt wirklich durchweg gut ankam. Das war beim C<>H anders, der war einigen auch zu extrem. Vor allem aber war er extrem schnell vergriffen und sorgte damit durchaus auch für Unmut. Für mich war und ist er dagegen ganz kurz und bündig der beste tropisch gereifte Hampden, den wir bisher bestaunen konnten - besser als der HGML und auch besser als das <>H Single Cask für die Whisky Live 2019! Damit hat er sich 93 Punkte redlich verdient. Dass er es bei mir "nur" auf Rang 10 geschafft hat (in normalen Jahren hätte er sicher besser abgeschnitten) liegt einzig an der enormen Konkurrenz. Es ist erst wenige Jahre her, da hätte ich für einen Rum mit dieser Qualität noch alles gegeben! Auch das zeigt, wie krass die Entwicklung im Rum Bereich in den letzten Jahren voran geschritten ist, dass solche Hammer Releases inzwischen schon beinahe zu einer kleinen Gewohnheit werden. 

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Platz 9:

Flensburg Rum Company KFM Demerara Rum 29 YO Enmore 1991

DER (!) Spalter 2020! Als sich im Februar abzeichnete, dass tatsächlich nach all den Jahren mal wieder ein neuer KFM kommen und dieser auch noch absolut mega werden würde, war ich richtiggehend elektrisiert! Eigentlich war der Stil früher gar nicht so sehr meins, weder der Demerara Style im allgemeinen noch der KFM Style im speziellen, aber wie die KFMs im Fass, so habe auch ich mich, bzw. mein Geschack sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt und so gehören die Demeraras heute inzwischen zu meinen Favoriten. Und als ich den Rum dann also Vor-Verkosten konnte, während ich in die Fass-Auswahl eingebunden war, war ich vor allem von der Nase dieses Demerara Monsters wirklich komplett überwältigt! Vielleicht auch deshalb habe ich das enorme Spalt-Potenzial dieses Rums tatsächlich in keiner Weise kommen sehen. Klar, der Rum hat den Großteil derer die ihn probiert haben letztlich doch eher überzeugt (wenn gleich er mit seinen 45,4% vol. einigen wohl auch zu dünn war), aber von der mitunter doch sehr leidenschaftlichen Ablehnung einiger war ich definitiv überrascht. Doch wie dem auch sei, ich fand ihn herausragend und mit 94 Punkten hat es der KFM aus nur dem Grund nicht bis in die allerhöchste Ebene geschafft, da er für meinen Geschmack tatsächlich noch etwas mehr Power haben könnte. Aber wenn es ein Rum, trotz dessen, dass er nicht alles ausgeschöpft hat was ginge, auf 94 Punkte bringt, dann ist das wohl der letzte Beweis für Kritik auf sagenhaft hohem Niveau. 

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Platz 8:

Velier Heavy Trinidad Rum 21 YO Caroni 1998 (Employee "Buju"):

Es war selbstverständlich nur eine Frage der Zeit, bis diese Top 10 von der ersten Caroni Abfüllung heimgesucht werden würde! Keine Destillerie hat mich in den letzten Jahren vermutlich mehr beschäftigt und stärker in meinen Bann gezogen als Caroni. Mag Hampden so etwas wie meine Rum Heimat sein, so war Caroni doch seit einiger Zeit zumindest so etwas wie eine Wahlheimat. Dass es mit dem "Buju" aber ausgerechnet ein 1998er am Ende des Jahres in diese Liste schaffen würde (und es mit dem "Yunkoo" sogar noch ein weiterer 1998er verdient gehabt hätte!), das hätte ich nie gedacht, bevor ich ihn probiert habe, zu wenig sagten mir diese bisher eigentlich zu. Der "Buju" stellte in dieser Hinsicht eine Zäsur dar, der dazu auch noch mit einem total geilen Layout punkten konnte. Dieses Spiel mit den hellblauen Farben, die ich sehr mit den Tropen assoziiere, fand ich so wunderbar passend für einen Rum, dass ich da wirklich angetan war. Ich weiß, eigentlich ist sowas zweitrangig, aber stören tut's mich eben auch nicht, wenn mir ein Rum über seinen Inhalt hinaus auch optisch noch gefällt ;-) Mit 94 Punkten verfehlt der "Buju" die Kategorie 95+ im Grunde nur, weil es eben Caroni-Styles und Demeraras gibt, die mir noch besser gefallen und ich diese Differenz noch irgendwie abbilden können muss! Aber die hier gebotene Qualität war und ist definitiv überragend!

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Platz 7:

The Rum Cask C<>H Jamaica Rum 30 YO Hampden 1990 (BAT-Abfüllung):

Mein Platz Nr. 7 ist kaum eine Woche alt, hat es mit seiner wirklich extrem seltenen Qualität aber natürlich straight in meine Top 10 geschafft. Allerdings: fällt euch etwas auf? Ein 1990er Hampden mit überragender Qualität, der es bei mir "nur" auf Platz 7 schafft? Flo, was ist da los? In wohl keinem anderen Punkt zeigt sich die Veränderung meiner Präferenzen wohl stärker als in dieser Abfüllung. Früher wäre über diesen Rum vermutlich nichts mehr drüber gegangen, aber inzwischen ist Hampden eben nicht mehr meine Nr. 1. Und, Spoiler: es wird nicht nur kein weiterer Hampden, sondern auch nur noch ein einziger weiterer Jamaicaner in meine Top 10 schaffen - der Rest stammt aus anderen Ländern und/oder von anderen Inseln! Zeitenwende auf BAT. Was aber den TRC 90 II angeht, so zeichnet sich bereits ab, dass der auch bei vielen von euch da draußen sehr gut anzukommen scheint, was mich natürlich umso mehr freut! Mehr als einmal las ich in den letzten Tagen vom besten Hampden so far oder zumindest in der absoluten Spitzengruppe. Ich für mich ganz persönlich hatte bei diesem 1990er nicht mehr ganz dieses Feuer wie beim 26 YO damals, den ich bis heute als einen meiner Grail Rums bezeichnen würde, aber das liegt eben doch mehr an mir als am Rum. Mit ebenfalls 94 Punkten verfehlt auch er die Spitzenkategorie nur, weil er für meinen Geschmack noch ein wenig mehr Biss und etwas mehr Bumms haben können. Aber, wie beim KFM: wenn wir trotz 94 Punkten noch über Schwächen sprechen, dann ist klar, wo solche Rums ohne Schwächen bei mir landen würden... 

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Platz 6:

Velier Heavy Trinidad Rum 19 YO Caroni 2000 (Employee "Nitz"):

Und zack, der nächste Caroni! Und wieder kommt er aus der dritten Employee Serie von Velier, die meines Erachtens die bisher beste der Reihe war. Jeder der Rums erreichte bei mir 94 Punkte, was für den 1996er zwar leicht unterdurchschnittlich war, beim 1998er und beim 2000er allerdings über Soll lag. Bei keiner anderen Employee Serie war das persönliche Gefallen bei mir auf so konstant hohem Niveau. Weder bei einer der vorherigen beiden, noch bei der vierten. Auf die "Nita" war ich dabei allerdings ganz besonders gespannt, da man 2000 in Fassstärke ja sonst nur in den wenigen Single Cask Releases zu Gesicht bekam, was sich nun bei den Employees erstmals änderte. Und was für ein 2000er das war! Der Jahrgang ist für mich ja ganz eindeutig die Wundertüte unter den Caroni Vintages und so war ich durchaus sehr erfreut als ich feststellen durfte, dass der Rum meinen Geschmack ziemlich präzise getroffen hat. Anders als einige anderen Rums in dieser Liste bisher spielt die "Nita" mit ihren 94 Punkten allerdings absolut am Limit aus meiner Sicht. Wirklich (in Punkten) besser kann ein 2000er mutmaßlich nicht werden und ich sehe da keinen die 95er Marke knacken. Neben der "Nita" hat die 94 allerdings noch ein weiterer 2000er geknackt und unter anderem diesen sehen wir dann beim nächsten Mal, wenn es in meine Top 5 hinein geht... 

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Bis dahin, bleibt gesund und habt einen schönen und besinnlichen 3. Advent!

Flo


To be continued...

Sonntag, 23. Februar 2020

New FAQ - or: interviewing myself🎤

Liebe Rum Gemeinde,

bereits seit ein oder zwei Jahren habe ich einige FAQs hier online gestellt, und mich dabei am Format vom Thomas (RUMBOOM) orientiert, welches mir damals wie heute sehr, sehr gut gefällt! Aber natürlich kommen im Laufe der Zeit auch immer mal wieder Fragen dazu, die mich meist via Mail oder Facebook erreichen und weshalb ich meine FAQs zuletzt etwas überarbeitet habe. Gleichzeitig gebe ich euch damit auch kleine Einblicke über das, was euch in Zukunft hier auf BAT noch erwarten wird. Viel Spaß beim Lesen!

Picture by E.H.


Flo, wer bist du?

Ich bin Flo und wohne direkt an der Schleswig-Holsteinischen Ostseeküste im schönen Eckernförde. Dort unterstütze, begleite und verselbstständige ich beeinträchtigte Menschen in einer Wohngruppe. Rum und Spirituosen sind für mich daher zu 100% Hobby und Passion und damit frei von finanziellen Interessen oder gar Verpflichtungen aller Art. 



Seit wann und warum interessierst du dich für Rum?

Zum Rum gekommen bin ich mit Anfang 20 über die Cocktailszene. Das war so im Laufe des Jahres 2010 und dann sehr intensiv ab 2011. Beim Mixen der Drinks fiel mir immer wieder auf, dass es mir die Cocktails mit Rum, etwa mit Appleton Estate Jamaica Rum z.B., mit Abstand am meisten angetan haben. Ohne es da schon zu wissen, zeigte sich hier also eigentlich schon, auf welche Insel es letztendlich hinauslaufen würde. ;) Und so probierte ich dann auch meine ersten Rums pur. 



Was war deine erste große "Rum-Liebe"?

Das war, auch wenn ich das heute selbst kaum glauben kann und mag, noch kein Jamaicaner, sondern der Diplomatico (damals hieß er noch so, heute Botucal) Reserva Exclusiva. Bei dem merkte ich zum ersten Mal, dass es auch Alkohol gibt, der einem pur wirklich schmeckt. 



Auf Barrel Aged Thoughts geht es aber viel eher um brachiale Jamaicaner als um gesüßte Rums. Wie kamst du von dort auf die unbehandelten Rums der Unabhängigen Abfüller? 

Das kam mit der Zeit. Ich lernte damals Leo kennen, der früher auch hier geschrieben hat und der schon einen Schritt weiter war als ich. Er brachte mir diese Rums nahe. Der Rest kam dann von alleine. Probiert, probiert und immer mehr und immer weiter probiert. Wir erschlossen uns diese riesige und zu der Zeit noch fast unbekannte Welt gemeinsam und autodidaktisch, denn auf vorhandenes Wissen konnten wir damals kaum zurückgreifen. Das war eine tolle Zeit! Jamaica, und hier vor allem die Destillerien Hampden und Long Pond, kristallisierte sich ab da sehr klar als meine Lieblingsinsel heraus. Aber auch einige Rums aus Barbados oder Guyana gefallen mir sehr. 



Wie bist du auf die Idee gekommen zu bloggen?

Express Yourself! Im Sommer 2011 ging ich mit Mai Tai Roa Ae! zum ersten Mal online. Das war noch ein Cocktailblog, auf dem der Mai Tai Cocktail, bis heute mein uneingeschränkter Lieblingsdrink, im Mittelpunkt stand. 



Wie wurde aus Mai Tai Roa Ae!  dann Barrel Aged Thoughts

Im Herbst 2012 löste ich diesen Blog auf und an seiner statt kam Barrel Aged Thoughts. Dafür holte ich mir Marco und Leo ins Boot. Zu dritt steckten wir die Themen Demerara Rum, Barbados Rum, Jamaica Rum, Rhum Agricole und American Whisky ab! Es gab damals keinen einzigen Rum Blog weltweit (!) der uns wirklich komplett gefiel. Viele Blogger schrieben für die Spirituosen-Industrie und es störte uns, dass wenn man nach Rum Abfüllungen gesucht hat, man kaum etwas gefunden hat. Kaum echte Geschmacksbeschreibungen, kaum echte Erfahrungsberichte. Und zu seltenen Abfüllungen schon gar nicht. Wir wollten das ändern und den Menschen und Connaisseuren da draußen den richtig guten Stoff Nahe bringen. 



Du führst den Blog heute alleine. Was ist passiert?

Leider hielt unser Dreiergespann nicht lange durch, da Leo kaum Zeit hatte zu Schreiben und bei mir das Interesse zwischen 2013 und 2015 aus persönlichen Gründen deutlich nachließ und erst 2016 wieder zurück kam. Dadurch stand ich Marco im Wege, der deshalb verständlicher Weise erfolgreich eigene Wege ging. Heute habe ich meine Leidenschaft für Rum wieder neu entdeckt, weswegen es hier auch weiter geht. 



Warum erscheinen deine Reviews nicht auch in englischer Sprache?

Ich bin der englischen Sprache zwar mächtig, aber Sprache an sich ist in meinen Augen mehr als nur Mittel zum Zweck sich mitzuteilen. Sie ist auch ein tolles Spielzeug. Es macht mir Spaß Reviews zu schreiben und ein Minimum an Eloquenz ist dabei mein Anspruch an mich selbst. Und diesem kann ich aus meiner Sicht nur in meiner Muttersprache gerecht werden. 



Welcher Grundgedanke leitet dich beim Schreiben deiner Reviews?

Ich schreibe meine Reviews seit jeher genau so, wie ich sie selbst gern bekäme. Die Frage "Was brauche ich, um den Rum mittels des Reviews gut einschätzen zu können?" leitet mich dabei. Und hier lege ich den Fokus tatsächlich weniger auf subjektiv wahrgenommene Assoziationen (diese sind einfach bei jedem anders und von Popel bis explodierende Airbags schmecken einige ja quasi alles mögliche heraus) als viel mehr auf den Körper und Charakter eines Rums und auf Vergleiche zu ähnlichem und bekannten. Das ist zwar auch niemals völlig objektiv, geht aber sehr viel mehr in diese Richtung.



Von dir liest man quasi niemals einen Verriss zu einem Rum. Bist du zu unkritisch? 

Ich empfinde mich sogar außerordentlich kritisch und habe einen enorm hohen Anspruch an den Rum! Die Tatsache, dass man von mir nahezu ausschließlich positives zu den Rums liest rührt daher, dass ich ganz grundsätzlich vorstellen möchte, was mir gefällt und wovon ich der Meinung bin, dass es eine Erwähnung verdient hat. Darauf lenke ich meinen Fokus und diese Rums kommen dann natürlich auch fast durchgehend gut weg bei mir. Was mir nicht gefällt, und das ist im Rum Bereich leider noch immer das Gros der Masse, bekommt von mir keine Bühne. Diese Haltung resultiert möglicherweise noch aus meiner Anfangszeit, als mich der Trinklaune-Blog, der mir damals gefiel, sehr beeinflusst hat. Die haben das ähnlich gehandhabt.



Es erscheinen von dir nahezu ausschließlich Reviews zu Rums aus Jamaica und Caroni. Warum so eintönig?

Ich verkoste und schreibe über das was mir schmeckt und wozu ich mir eine wirklich fundierte Meinung bilden kann. Mir ist wichtig, zu wissen wovon man spricht! Ich ärgere mich immer wieder über Reviews anderer Blogger, wenn aus diesen klar hervorgeht, dass der Autor meines Erachtens über nicht ausreichend Kenntnisse in diesem Bereich verfügte und daher für meine Begriffe, bzw. meinen Anspruch, der zugegebener Maßen sehr hoch ist, nicht hinreichend fähig war, sich eine wirklich fundierte Meinung zu einem Rum zu bilden. Insbesondere bei Connaisseuren, die eigentlich im Whiskybereich zuhause sind (aber glauben sich auch mit Rum auszukennen), fällt mir das immer wieder und sehr häufig negativ auf. Da möchte ich mir manchmal regelrecht in die Faust beißen, um nicht laut loszuschreien. Derartiges möchte ich für mich unbedingt vermeiden und daher liegt mein Fokus eben vor allem auf Jamaica und Caroni, da ich in diesem Bereich bisher das mit Abstand meiste probiert und ich ein Gefühl für diese Rums entwickelt habe, so dass ich mir zutrauen darf, sie hinreichend beurteilen zu können. Naja, und nicht zuletzt schmecken mir diese Rums auch am besten. ;-)



Werden wir von dir also auch in Zukunft kaum Rums aus anderen Ländern und Destillerien vorgestellt bekommen?

Doch, denn auch hinter den Kulissen bin ich ja nicht untätig und es gibt immer wieder auch andere Rums, die mich zu begeistern wissen. Als Beispiel seien hier die Rums aus Rockley/WIRD (Barbados), St. Lucia Distillers (St. Lucia), Gardel (Guadeloupe) oder die alten Demeraras von Cadenhead oder Velier genannt. Aus diesen Bereichen kenne ich auch schon sehr, sehr viel, möchte aber teilweise meinen Horizont noch stärker erweitern, noch einige Benchmarks unbedingt probieren, bevor ich mich wirklich fundiert dazu äußern kann und möchte. Dann hat das alles auch Hand und Fuß. Einiges aus diesen Bereichen ist aber schon weit fortgeschritten und wartet quasi nur noch auf die Veröffentlichung. Da wird 2020 ganz sicher noch das eine oder andere kommen!


Kommen wir nochmal zu Caroni zurück: du hast nahezu ausschließlich -abgesehen von wenigen Ausnahmen- Rums von Velier vorgestellt. Warum diese Fixierung auf nur einen einzigen Abfüller? 

Das ist kurz und einfach erklärt: weil die Qualität der Caronis von Velier unerreicht ist und am Ende für mich einzig und allein das zählt: Qualität! Man bekommt, trotz der enormen Kurse, nach wie vor bei Velier das meiste für sein Geld! Das Preis-Leistungs-Verhältnis harmoniert stärker als bei jedem anderen Abfüller, da diese mit ihren Kursen versuchen am Caroni-Kuchen möglichst zu partizipieren und preislich mit Velier Schritt zu halten, aber das passt eben von der Qualität her überhaupt nicht. Es gibt nur wenige, vereinzelte Abfüllungen, z.B. von Bristol und von Thomas Krüger, die an die Velier heran reichen und die haben hier dementsprechend auch Erwähnung gefunden. Aber die aller, aller meisten Caroni der anderen unabhängigen Abfüller sehe ich in ihrer Qualität weit abgeschlagen dahinter. Dafür gibt es einige Gründe, die ich in meinem Artikel zu Caroni dargelegt habe.



Apropos Caroni-Artikel: dürfen wir noch weitere solcher Artikel zu anderen Destillerien erwarten und wenn ja, zu welchen?

Ja, ich habe noch einige weitere Artikel in Planung, bzw. zum Teil auch schon in Arbeit. Konkret seien hier der Rockley-Style von Barbados und die Lost Distillery Gardel auf Guadeloupe genannt. Aber auch zu Monymusk möchte ich in einiger Zeit noch etwas schreiben, was aber länger dauern wird als bei den beiden zuerst genannten.



Wirst du in Zukunft auch mal ein paar Standard-Rums für Einsteiger besprechen und empfehlen?

Direkt geplant ist so etwas bislang nicht. BAT richtet sich klar an den fortgeschrittenen Genuss. Das war die Nische die 2012 weltweit noch unbesetzt war, während sich andere Blogs bereits umfassend mit Standard-Rums befassten. Das ist auch heute im Wesentlichen noch so. Zwar sprechen inzwischen auch andere Blogger über High End Rum, klar, aber innerhalb dieses Bereichs ist ja auch BAT gewachsen und für Einstieger-Produkte gibt es, denke ich, damals wie heute, ausreichend andere Plattformen. Darüber hinaus muss ich ehrlich zugeben, dass es mir wohl auch schwer fiele, mich darauf wirklich noch mit ganzer Leidenschaft einzulassen, da mir die wirklich allermeisten Rums in diesem Segment schon seit vielen Jahren zu langweilig erscheinen. Einzig: ein Vergleich der Appleton 12 YO durch die vergangenen Jahrzehnte ist in Planung. Aber auch da wird der Fokus nicht auf dem Thema Einstieg liegen, sondern auf dem historischen Wandel. 



Verfolgst du mit Barrel Aged Thoughts  irgendwelche kommerziellen Interessen?

Nein, der Blog war immer und ist bis heute ein reines privates Hobby. Als Rezensent bewahre ich mir damit meine Unabhängigkeit. Diese ist mein kostbarstes Gut. Würde ich sie verlieren, wäre dieser Blog nichts mehr wert. Bis auf sehr wenige Ausnahmen finanziere ich auch sämtliche Samples und Flaschen aus eigener Tasche. Gibt es Ausnahmen, dann kennzeichne ich diese. Einfluss auf meine Bewertung haben diese Ausnahmen hingegen niemals. 



Was hat es mit dem "Recommended by Barrel Aged Thoughts"-Sticker auf einigen Abfüllungen von The Rum Cask auf sich?

Dazu muss ich etwas weiter ausholen, weswegen ich das hier noch genauer ausgeführt habe.



Bist du über dein Wirken für BAT und TRC hinaus auch noch anderweitig in der Szene aktiv?

Ja, es schätzt beispielsweise auch der unabhängige Abfüller Rum Artesanal meine Meinung und holt sie sich gelegentlich ein. Das macht mir z.B. sehr viel Spaß, da das stets ein sehr reger gegenseitiger Informationsaustausch ist, bei dem ich auch immer wieder noch weiter dazu lernen kann und darf.  Des Weiteren habe ich vor kurzem damit begonnen, auch einen anderen unabhängigen Abfüller bei der möglichen Fassauswahl zu unterstützen und werde als Autor auf noch einer weiteren Plattform aktiv werden. Mehr wird dazu sicher in Kürze zu erfahren sein. Darüber hinaus unterstütze ich mit viel Freude ein Buch-Projekt, zu dem ich an dieser Stelle aber ebenfalls noch nicht mehr sagen möchte. Was mir aber wichtig ist auch bei diesen Engagements festzuhalten ist, dass das alles auf unentgeltlicher Basis stattfindet. Ich war, bin und bleibe in meinem gesamten Wirken unabhängig und frei von kommerziellen Interessen! 



Soooo... Ich hoffe, ich konnte damit viele eurer Fragen, die mich über die vergangenen Monate via Mail oder Facebook erreicht haben, beantworten. Falls ihr weitere Fragen habt... nur zu! Nun aber wünsche ich euch erst einmal einen schönen Sonntag!

Bis demnächst,
Flo

Mittwoch, 25. Dezember 2019

A Decade of Rum: 2010 - 2019

Liebe Rum Gemeinde,

ich wünsche euch ein frohes Fest und möchte euch zu diesem Anlass gerne mitnehmen auf eine kleine Zeitreise! Denn dieser Tage neigt sich nicht nur einmal mehr ein Jahr dem Ende entgegen, sondern ein ganzes Jahrzehnt. Der Übergang von den 2010er Jahren in die 2020er Jahre wird kalendarisch vollzogen und ich möchte diesen Anlass dazu nutzen, einmal auf die Rum-Szene innerhalb der letzten zehn Jahre und damit der ausgehenden Dekade zurückzublicken. Denn zu behaupten, dass sich hier viel getan hätte, wäre noch eine massive Untertreibung! 



Die Rum-Szene wächst!

Zunächst muss ich an dieser Stelle sagen, dass ich das ausgesprochen große Glück hatte, diese Zeit nahezu vollständig aktiv miterlebt haben zu dürfen, da ich bereits entsprechend früh den Einstieg ins Thema gefunden habe. Und tatsächlich sind wir genau damit dann auch schon beim ersten Aspekt, auf den ich unbedingt eingehen muss, denn schon diese Tatsache macht mich innerhalb der Rum Szene, zumindest im Kreise der Connaisseure, zu einem echten Exoten. Warum? Ganz einfach, weil die aller, aller wenigsten, die sich heute mit Single Cask- und Cask Strength Rum auseinandersetzen und sich zu eben jenem Kreise von Connaisseuren zählen, von sich behaupten können zu Beginn des Jahrzehnts schon dabei gewesen zu sein. Ich erinnere mich, dass, als ich 2011 so richtig auf den Geschmack gekommen bin, es hier in Deutschland gerade mal eine kleine Hand voll Menschen gab, die öffentlich Gefallen an den richtig guten Tropfen, abseits der oft flachen, verwechselbaren und gesüßten (ja, kommen wir auch noch zu) Rums fanden. Die allermeisten derer entsprangen der Cocktailszene und so blieb unsere Gruppe damals erst einmal eine ziemliche Randerscheinung, die sich in einem Chatroom eines schon damals vollkommen aus der Zeit gefallenen und nicht mehr gepflegten Cocktail-Forums regelmäßig traf und zusammen Rums verkostete oder über eben jenen Rum philosophierten, den wir noch heute so sehr lieben. Wenn man nach den damals in unserer kleinen Clique gefragten Rums googlete, wie beispielsweise den Cadenheads Cask Strength Abfüllungen oder den Rums von Bristol Spirits, dann fand man in den allermeisten Fällen: nichts. Keine Blogs, die sich umfassend mit dem Thema auseinander setzten, kein breit gefächertes Angebot, eine nur begrenzte Auswahl an Shops mit einer noch stärker begrenzten Auswahl an Rums. Die guten Tropfen der unabhängigen Abfüller waren nur selten darunter. Und auch wenn man über den Tellerrand blickte, nach Europa und in die Welt, so fand man eher keine Mitstreiter, die den eigenen Geschmack zu teilen schienen. Und überhaupt schien Deutschland noch so ziemlich das einzige Land zu sein, in dem man die ganzen guten Rums überhaupt irgendwie bekommen konnte. Wenn ich ebay Frankreich, Italien oder Großbritannien durchsuchte nach Jamaica Rum, dann fand ich Appleton, manchmal noch Coruba oder Sangster's - das war's!



Bei so geringen Möglichkeiten und Chancen mit der Materie in Berührung zu kommen, war es also gewissermaßen pures Glück, dass ich eine der wenigen Gelegenheiten erfassen konnte, in diese Szene reinzurutschen und dafür bin ich bis heute sehr dankbar. Damals allerdings war es auch immer wieder frustrierend, denn in mir war ein immenser Drang das eigene Wissen immer mehr zu erweitern und das war, gelinge gesagt, schwierig. Es zeichnete sich bei Hampden beispielsweise ab, dass sich die einzelnen Abfüllungen im Estergehalt voneinander unterschieden, aber in welcher Weise, wie das definiert war, woran man das erkennen konnte... zu all dem gab es damals noch keinerlei Informationen. Es gab die Mark-Angaben auf den Cadenhead-Labeln, die das damals als einzige gemacht haben. Das wars! Das aber weiterzuverfolgen, Informationen zu sammeln, zu sortieren, daraus Schlüsse zu ziehen, das Wissen zu erweitern... eine unfassbar aufwendige Arbeit damals! Heute bin ich dafür dankbar, denn ich glaube, ich hätte vieles niemals so sehr verinnerlicht, wenn ich es einfach irgendwo mit ein paar Klicks hätte nachschlagen können, aber damals habe ich das oft verflucht. Nichts desto weniger, wir leisteten damals echte Pionier-Arbeit und auch deshalb haben Leo, Marco und ich damals auch Barrel Aged Thoughts ins Leben gerufen, um all diesen Informationen eine Plattform zu geben, Wissen zu speichern und weitergeben zu können und das macht mich heute definitiv auch stolz.
Ergattert 2012 in München beim Whiskyshop tara:
Bristol Jamaica Blend für 125,- Euro
Die Saat war also in der Erde, aber ehe die Früchte unserer Arbeit damals geerntet wurden verging noch einiges an Zeit. Die Gruppe an Conaisseuren wuchs langsam aber sicher und mit der Zeit wuchs auch die Bereitschaft, mehr Geld für Rum auszugeben (auch dazu gleich noch mehr). Auf diesem Wege gewann der Abfüller Velier ab 2012 sehr schnell an Bedeutung, der danach das Jahrzehnt prägen sollte wie kein anderer sonst, nicht einmal annähernd. Bis dahin kauften wir in der Mehrzahl alte Bottlings längst vergangener Tage, zum Teil noch abgefüllt in den 1990er Jahren, etwa von Cadenhead und Bristol, die man mit etwas geschickter Suche zu diesem Zeitpunkt auch noch häufig finden und ergattern konnte. So genannte Shopleichen gab es reichlich und wir kauften diese noch ganz bequem und zu Preisen, die heute wie ein Witz anmuten. Das war dann ab 2013 ca. vorbei. Die Rum Szene wuchs plötzlich immer schneller, auch Europaweit und Weltweit. Plötzlich kamen z.B. auch die Menschen in Frankreich auf den Geschmack, die sich bis dahin sehr auf den Agricole konzentriert hatten, dessen Originalabfüllungen in ihrer Qualität denen aus anderen Ländern um Längen voraus waren! Velier wurde immer bedeutender, und als die Demerara Bottlings nicht mehr zu bekommen waren und im Preis massiv stiegen, wurde sich auch über Caroni hergemacht, welches bis dahin ein doch eher stiefmütterliches Dasein fristete. Auch hier stiegen die Preise dann horrend und die Zeitspannen, innerhalb derer neue Bottlings ausverkauft waren wurden immer kürzer bis hin zu wenigen Minuten oder Sekunden. Heute ist also vieles anders. In die Szene hineinrutschen? Alles gar kein Problem mehr! Via facebook landet man da inzwischen direkt in den einschlägigen Gruppen und kommt dann, wenn man persönlich denn möchte, auch mit dem guten Stoff in Kontakt. Dabei ist es heute auch egal, aus welchem Land man kommt. Die Szene ist international aufgestellt. Häufig treffen sich Menschen rund um den Erdball zum Thema Rum auf inzwischen unzähligen Messen. 2010 gab es das UK Rumfest und dann ganz neu das Rum Fest in Berlin. Heute dürften die Messen in Paris, London, Rom und Spa zu den wichtigsten zählen, auf denen regelmäßig Rums präsentiert werden, die es z.B. noch gar nicht im Handel gibt. Die Masse an Connaisseuren ist riesig, größer, als ich es mir noch vor 10 Jahren hätte vorstellen können, und ich bin stolz sagen zu können, dass ich mit BAT definitiv auch einen eigenen, begünstigenden Anteil daran hatte, der diese Entwicklung mit ermöglicht hat.


Angebot und Preise steigen!

Nachdem ich aufgezeigt habe, in welch kaum zu überblickenden Ausmaß die Nachfrage an qualitativ hochwertigem Rum in den letzten zehn Jahren gestiegen ist, weil nämlich die Anzahl an Connaisseuren immer größer wurde und noch immer wird, liegt es nahe, dass sich das auch auf das Angebot an Rum ausgewirkt hat und letztlich dann auch auf die Preise des angebotenen Rums. Und auch hier müssen letztendlich dann schon beinahe Superlative bemüht werden, um die Entwicklung einigermaßen darzustellen. Wenn ich an meine Anfangszeit in der Szene zurückdenke, dann habe ich bei einigen Rums direkt noch immer die Preise vor Augen, die, das ist vielleicht unumgänglich, teils bis heute auch noch immer eine Art Kompass für mich darstellen, anhand dessen ich für mich abwäge, als wie günstig oder wie teuer ich einen Rum empfinde. Die Cadenhead's Cask Strength Bottlings z.B., die damals, zumindest unter Nerds, sehr gefragt waren, weil es ansonsten kaum etwas anderes in Fassstärke auf dem Markt zu kaufen gab, kosteten meist so um die 50,- Euro, außer die älteren Rums mit ca. 20 Jahren Reife und mehr. Die Rums von Bristol Spirits, die zwar verdünnt, qualitativ aber meist auch immer in der Top Liga spielten, waren dagegen schon etwas teurer, aber auch hier kosteten sehr alte Rums meist nicht wesentlich mehr als hundert Euro. Zum Vergleich: da fangen die guten Rums heute inzwischen oft erst an!
Kostete 2012 noch 25,- Euro: PM aus 1988
Wenn ich heute Menschen die erst später zur Rum-Szene dazu stießen erzähle, dass wir vor einigen Jahren noch viele alte Bristol Abfüllungen für Preise zwischen 25,- und 40,- Euro gekauft haben, können die das häufig gar nicht glauben. Doch wie immer, wenn etwas beinahe zu schön erscheint um wahr zu sein, gibt es ja häufig noch einen Haken und den gibt es auch hier. Das Angebot nämlich bestand damals nicht selten aus Altbeständen von vor fünfzehn bis zwanzig Jahren abgefüllten Bottlings, die noch immer erhältlich waren, weil Bristol und Cadenheads z.B. einen Markt belieferten, den es so damals noch gar nicht gab. Sie waren ihrer Zeit voraus. Das führte dazu, dass z.B. diese beiden Abfüller zu jener Zeit schon gar nicht mehr so produktiv waren, wie sie das noch viele Jahre zuvor waren. Wir kauften damals vielfach Reste. Aktuelle Bottlings waren seltener. Und wenn etwas kam, dann meist verdünnte Rums mit ca. 46% vol.. Und an der Stelle muss ich dann aber mal eindeutig eine Lanze für jene Bottler von einst brechen, zu denen Cadenhead und Bristol damals auch beispielsweise Samaroli oder Velier/Luca Gargano zählten. Sie alle sahen die Qualität und das unglaubliche Potenzial das Rum hatte, Jahre bevor es dazu überhaupt eine breite Käuferschicht gab. Das ist wirklich sehr außergewöhnlich. Angebot ohne Nachfrage. Dementsprechend waren damals aber natürlich auch die Preise im Keller. Und obwohl auch die Velier Abfüllungen damals aus heutiger Sicht überhaupt nicht teuer waren, so wurden sie lange Zeit dennoch eher wenig beachtet unter den Connaisseuren, da es Fassstärke Demerara auch von Cadenhead gab und diese viel günstiger waren und sich für Caroni überhaupt niemand interessierte (ich habe Skeldon noch für ca. 100-150,- Euro bei Old Whisky gesehen! - aber nicht gekauft...). Hierbei ist zu beachten, dass es zu diesem Zeitpunkt für das Alleinstellungsmerkmal Veliers, die tropische Reifung, noch keinerlei Gefühl und Bewusstsein gab. Das waren nichts weiter als Randnotizen und so wurden diese damals häufig noch wenig beachtet und das Geld eher in günstigere Bottlings gesteckt. Erst mit der Zeit wurden die alten Demeraras von Velier und die geschmackliche Besonderheit der tropischen Reifung entdeckt. Hier ist vor allem das Jahr 2013 zu nennen, als Velier durch DDL vom Nachschub abschnitten wurde. Nun ging es relativ schnell und der italienische Abfüller startete seinen beispiellosen Siegeszug, hin zum zweifellos bedeutendsten und einflussreichsten Bottler der 2010er Jahre, im Zuge dessen dann auch die geschlossene Destillerie Caroni noch zu ihrem späten Ruhm kam.

Einer der besten der alten Velier Demeraras: Albion 1986! 
Neue Abfüller betraten ab 2012 den Markt... 


Parallel dazu wurde auch an anderer Stelle bemerkt, dass zu Rum plötzlich eine Nachfrage bestand und so begannen auch vermehrt andere unabhängige Abfüller damit, zumeist aus dem Whisky-Segment, Rum anzubieten. Zu nennen sind hier A.D. Rattray, Duncan Taylor, The Whisky Agency, The Rum Cask oder Isla Del Ron, die, im Gegensatz zu vielen der schon früher aktiven Bottler wie Berry Bros. & Rudd, Murray McDavid oder den hier schon mehrfach genannten (Bristol, ...) aber auch die Zeichen der Zeit bereits so weit erkannten, dass sie nicht nur ebenfalls Rum anboten, sondern noch weiter gingen und diesen in Fassstärke auf den Markt brachten. The Rum Cask gingen dabei sogar soweit, dass sie mich damals im Jahr 2013 mit an Bord holten, einerseits um selbst stärker in die Materie zu kommen (die Jungs kamen ebenfalls aus der Whisky Ecke) und andererseits, um sich bei der Fass-Auswahl helfen zu lassen, damit man den Geschmack und den gewachsenen Anspruch der Connaisseure möglichst genau treffen konnte. Daraus resultierten die "Recommended by Barrel Aged Thoughts" Bottlings. Mitwirken zu können bei Bottlings... nicht mehr allein hoffen zu müssen, dass was gutes kommt... Einfluss nehmen zu können, es ein Stück weit selbst in der Hand zu haben... Wunschlisten an den Abfüller weitergeben zu dürfen... Das war sehr außergewöhnlich und bei vielen Stilen kam das damals einer Sensation gleich, was heute so normal wirkt. Es kann sich im Jahr 2019 ja kaum noch einer die immer währende Ernüchterung vorstellen, die mich überkam, wenn wieder mal ein neuer Hampden erschien und dabei die immer gleichen verwässerten 46% vol. aufwies.
Heute hat sich das glücklicherweise radikal und zum guten gewandelt! Natürlich hat das aber alles seinen Preis. Die Nachfrage stieg immer mehr, das Angebot zog nach und kam den Wünschen der Connaisseuren dabei immer mehr entgegen. Das ließ auch die Preise stiegen, zumal Rum, äquivalent zum Whisky, von einigen als Spekulationsobjekt entdeckt wurde. Letzteres betraf und betrifft insbesondere die Demerara- und Caroni-Abfüllungen Veliers, die in dieser Form einzigartig und unerreicht sind und in der Form auch nicht mehr reproduzierbar. Aber natürlich strahlte das auf den gesamten Markt ab, weswegen die einst magische Grenze von hundert Euro, über die man nur für ganz besondere Sachen drüber ging, heute fast schon eher als die Grenze zum Einstieg in den guten Stoff bezeichnet werden muss, während für die sehr besonderen Sachen dann gerne auch mal 300-500,- Euro aufgerufen werden. Das wiederum sind Summen, die wurden vor zehn Jahren für genau drei Bottlings aufgerufen, die mir spontan einfallen: den Gordon & MacPhail Long Pond 1941 Jamaica Rum, den Black Tot und den El Dorado 25 YO. Zwei davon waren dieses Geld aus heutiger Sicht locker wert, aber gekauft habe ich damals leider keinen der beiden. Beim 1941er bereue ich das sehr!
Meine erste Flaschenteilung (2011)
Ein herrliches Zeugnis über die Veränderung legen auch Flaschenteilungen ab. Zu Beginn des Jahrzehnts nämlich, waren Flaschenteilungen noch eher selten. Das lag vor allem daran, dass für jeden mehr als genug ganze Flaschen da waren und auch daran, dass diese erschwinglich waren. Nicht zuletzt lag das aber auch in der verschwindend kleinen Zahl an Connaisseuren begründet, so dass Teilungen schwerer zustande kamen. Auch das wurde ab 2012/2013 erst mehr. Heute hingegen sind Flaschenteilungen oft der einzige Weg überhaupt dieses oder jenes überhaupt einmal probieren zu können, da man an eine ganze Flasche entweder nicht dran kommt oder sich diese auch nicht immer leisten kann. Längst reicht das Geld bei den allermeisten von uns nicht mehr dafür, sich jeden Rum kaufen zu können der rauskommt und manche Rums sind da auch ganz individuell einfach zu teuer, wenn sie mal eben ein paar hundert Euro kosten. Und so laufen heute täglich unzählige Teilungen auf verschiedenen Netzwerken. Wahnsinn!


Veränderter Anspruch... 

Anno 2010: Meine allererste Rum-Bestellung... 🙈 
Richtig guter Rum... vor ca. zehn Jahren konnte einem dazu auf der Straße nahezu niemand eine Antwort geben. Am ehesten wären wohl noch die Namen Bacardi oder Havana Club gefallen. Fragte man dann in Insider-Kreisen nach, so gab es da im Normalfall dann aber nur eine Antwort: Zacapa! Wer vor zehn Jahren meinte, sich wirklich mit Rum auszukennen, der landete bei den Bast-Flaschen aus Guatemala und wähnte sich angekommen im Rum-Olymp. Und auf dem Weg dahin, es soll ja Step by Step gehen, führte dann kein Weg an Diplomatico, Millonario, Centenario und Pyrat vorbei. Diese Marken sagten aber den meisten Menschen damals noch nichts und zu kaufen gab es diese zumeist auch nur im Netz. Wenn ich sehe, dass ich diese heute auch vielfach im Supermarkt bekomme, dann wird mir dann immer erst so richtig klar, wie sehr Rum heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wie Mainstream er geworden ist, im Vergleich zu damals. Angefangen habe auch ich mit diesen Rums, das kann und möchte ich nicht leugnen. Wahr ist aber auch, dass ich ziemlich schnell durch Rums wie Appleton V/X und dann einen Hampden von Cadenhead gemerkt habe, was wirklich gutes Zeug ist, und wo ich in Bezug auf Rum stehe. Ziemlich offensichtlich war schon damals, auch wenn das zu diesem Zeitpunkt noch nicht offiziell bekannt war, dass die Hersteller bei den ganzen so genannten Süßrum-Marken nachgeholfen haben, zumindest mal mit Zucker. Denn diese Rums waren derart süß, dass klar war, dass eine solche Menge Zucker kein Destillat nach dem Brennvorgang noch enthalten kann. Und ja, das habe ich auch damals durchaus schon offensiv angesprochen, beispielsweise in diversen Foren, allerdings ist das zu diesem Zeitpunkt noch auf ziemlich taube Ohren gestoßen. Viele wollten es nicht wissen, sahen ihre Lieblingsrums diffamiert und ja, ich gebe es zu, ich bin damals auch nicht gerade diplomatisch vorgegangen. Das lag daran, dass ich den guten und ehrlichen Rum durch diese Etikettenschwindelei beleidigt sah und ich nicht verstehen konnte, dass nicht noch mehr Menschen das offensichtliche zu sehen bereit waren, geschweige denn sich ebenfalls darüber aufregten. Ich wollte Aufklärungsarbeit leisten, Menschen den ehrlichen Rum näher bringen. Bis Mitte des Jahrzehnts etwa stieß ich damit mehrheitlich auf Ablehnung. Dann kamen die ersten offiziellen Messergebnisse aus Skandinavien und später der ganzen Welt, die endlich in Zahlen bewiesen, was längst klar war: die meisten der originalabgefüllten Rums sind gesüßt! Wie sehr gesüßt, hat dann aber zum Teil sogar mich anfangs noch überrascht. Derartige Mengen hielt ich eigentlich für undenkbar. Auch fand ich es krass, dass selbst Marken wie El Dorado hier keine Ausnahme darstellten. Von nun an galt Zucker im Rum als Tatsache, die nicht nur von ein paar Nerds proklamiert wurde, sondern die bewiesen war. Und mit einigen Jahren Verzögerung setzte nun auch, endlich, eine Welle der Empörung ein. Diese reichte so weit, dass ich heute Menschen kennenlerne, die sich zwar kaum mit Rum auskennen, aber dennoch im Wissen stehen, dass da nachgeholfen wird. Da hat sich also in nur wenigen Jahren wirklich wahnsinnig viel getan! Heute sehe ich selbst das Thema indes lockerer als andere und deutlich lockerer als damals. Das Wissen ist da. Es ist an breiter Basis vorhanden. Und das ist mir wichtig. Ich möchte niemandem vorschreiben, was er trinken soll. Erlaubt ist, was schmeckt. Einzig: ich bin, und an der Stelle rigoros wie eh und je, ganz klar für eine Pflicht zur lückenlosen und eindeutigen Deklarierung! Wenn Zucker oder andere Stoffe zugegeben wurden, dann gehört dies als zusätzliche Angabe auf's Label, ohne Wenn und Aber! Und es freut mich zu sehen, dass wir auch in dieser Hinsicht immer weiter Fortschritte beobachten dürfen. Da läuft bereits vieles in die richtige Richtung und das ist gut so!


Tropisch oder kontinental? Das ist hier die Frage!

Anno 2012: 17 YO tropisch gereifter Long Pond von RA, 
sechs Jahre bevor Velier im Jahr 2018 seine Long Pond-
Serie startete 
Das große Thema zum Ende des Jahrzehnts ist ganz sicher jenes der Reifung, genauer gesagt dem Ort der Reifung. Zu Beginn des Jahrzehnts hat dieses Thema noch im Grunde niemanden interessiert. Rum reifte, wenn er Original abgefüllt wurde, in der Karibik, und wenn er von unabhängigen Abfüllern kam, dann kontinental - bis auf wenige Ausnahmen, wie der LPS Long Pond Single Rum 1993 von RA bewies, was aber bei Release 2012 ebenfalls nicht wirklich interessierte. In meinem Review von einst habe ich den Ort der Reifung z.B. zwar erwähnt, das allerdings wie beiläufig, nicht um den Rum herauszuheben. Es war erst einmal ein simpler Fakt, an dem sich aber niemand gestoßen hat. Niemand fragte nach Angel's Share, niemand fragte nach geschmacklichen Unterschieden. Das änderte sich erst, je stärker der Abfüller Velier an Bedeutung gewann. Luca Gargano ist weniger klassischer Rum Nerd, denn italienischer Lebemann mit Hang zur Karibik und zum Rum. Soll heißen: für ihn ist Rum nicht nur Ware, sondern auch Lebensart und Lebensgefühl. Große Teile seines Lebens verbrachte er in der Karibik und baute sich Netzwerke auf, von denen er, auch wirtschaftlich natürlich, bis heute profitiert. Für ihn gibt es Rum nur und ausschließlich aus der Karibik und alles andere fühlt sich für ihn, vollkommen unabhängig von der Qualität, falsch an. Daher plädiert er seit vielen Jahren für eine ausschließlich tropische Reifung von Rums und argumentiert in dieser Frage bisweilen auch sehr radikal bis sogar dorthin, dass Rums, die an anderer Stelle gelagert wurden, gar keine Rums entsprechender Produktionsstätten mehr seien. Letzteres geht mir und anderen dann aber doch entschieden zu weit. Denn obwohl seine Demeraras und Caronis bewiesen, dass man mit tropischer Lagerung in geschmacklich vollkommen neue Dimensionen vorstoßen kann, so zeigt sich gerade bei Hampden z.B., dass die Ergebnisse nach kontinentaler Reifung bisweilen noch überzeugender sind als jene durch tropische Sonne. Nichts desto weniger ist abzusehen, dass genau dieses Thema auch die nächsten Jahre des neuen Jahrzehnts noch beschäftigen wird und auch sehr unter dem Einfluss neuer nationaler (und vielleicht auch internationaler?) Gesetzgebungen stehen wird. Wenn GI-Gesetze inkraft treten, dann wird das Auswirkungen auf die gesamte Rum-Szene haben, die in vollem Ausmaß jetzt noch gar nicht abzusehen sind. Auf der einen Seite ist dabei natürlich verständlich, dass die Destillerien gemerkt haben, auf was für Schätzen sie teilweise sitzen und nun natürlich möglichst viel vom Kuchen selbst abbekommen möchten. Aber auf der anderen Seite bleibt natürlich der fade Beigeschmack, dass man dort eben vor allem auch gemerkt hat, wie wenig Zeit, Geld und Mühe man letztlich selbst in sein teures Gut investiert hat, wodurch es erst möglich wurde, dass andere, sprich europäische Broker und Bottler, das Potenzial entdeckten und nutzten. Dabei sollte man genau jenen sehr dankbar sein, denn nicht selten haben sie den guten Ruf ganzer Destillerien erst errichtet, die man, ohne die unabhängigen Abfüller, heute gar nicht kennen würde. Dazu zählen beispielsweise Long Pond oder Hampden, aber auch andere Destillerien, die nie selbst Rum abgefüllt, sondern diesen immer nur als Bulk verkauft hatten. Ich kann verstehen, dass man seine Strategien da nun ändert, aber liebe Destillerien und auch lieber Luca, versucht da jetzt bitte keine Geschichte umzuschreiben. Kontinentale Reifung IST Teil der Geschichte von Rum, die sich in diesem Punkt nun einmal erheblich von Whisky oder Cognac unterscheidet, und alles andere wäre nichts als Revisionismus. Ich denke, dass beide Formen der Reifung ihre Vorzüge und Nachteile in sich tragen und dass es hier kein richtig und kein falsch gibt. Beide haben ihre Berechtigung und sollten friedlich nebeneinander co-existieren, ohne, dass eines über das andere gestellt werden sollte. Aber wie gesagt: diese Frage wird uns wohl noch einige Jahre beschäftigen...


Epilog:

Ihr seht... die gesamte Rum Szene hat sich in den vergangenen zehn Jahren so stark verändert wie zuvor noch nie. Sie ist, zumindest wenn wir den High Quality Bereich nehmen, im Grunde sogar erst in dieser Zeit wirklich entstanden. Wer diese Zeit in Gänze miterlebt hat, der kann sich eigentlich nur immer wieder verwundert die Augen reiben. Selbst dieser Text, ich hoffe, möglichst viele von euch haben ihn auch in Gänze lesen können, gibt all das nur sehr unzureichend wieder und sicher habe ich das eine oder andere auch vergessen. Gerne dürft ihr mir schreiben, wenn es etwas gibt, was eine Erwähnung noch auf jeden Fall verdient hätte.

Die Tage werden ich euch dann hier noch meine Top Rums des letzten Jahrzehnts präsentieren, denn meine Top Rums aus 2019 werdet ihr in Kürze an anderer Stelle noch zu lesen bekommen. Da werden ich aber noch nicht zu viel verraten.

Bis dahin und ein frohes Weihnachtsfest,
Flo

Sonntag, 9. Juni 2019

TRC Jamaica Rum 11YO WP 2007 - Ex-Laphroaig Cask

Liebe Rum Gemeinde,

es ist endlich einmal wieder soweit! Die erste "Recommended by Barrel Aged Thoughts"-Abfüllung von The Rum Cask seit eineinhalb Jahren steht vor der Tür und es geht gewisser Maßen ein Stück back to the roots - zurück zu den Wurzeln.



Wir erinnern uns: vor ziemlich genau sechs Jahren, im Sommer 2013, erschien mit dem 4 YO Worthy Park aus 2009 die erste solche Abfüllung mit dem goldenen Sticker und auch die jetzt insgesamt achte "Recommended"-Abfüllung wird wieder aus Worthy Park stammen - nicht offiziell, der Name darf das Label nicht zieren, aber das Kürzel WP führt in Zusammenhang mit Jamaica Rum wohl eher weniger zu irgendwelchen Unklarheiten. 😉

Damals, in 2013, war eine Abfüllung aus Worthy Park noch etwas sehr besonderes und spezielles. Es war seinerzeit der allererste Rum von dort den ich im Glas hatte und meines Wissens nach auch der erste unabhängig abgefüllte Worthy Park überhaupt. Es gab schon ein paar OBs, soweit ich mich erinnere, aber die wurden in Europa noch nicht vertrieben, zumindest nicht in einem größeren Stil, so dass sie den Connaisseuren zu dieser Zeit dementsprechend noch nicht bekannt waren. Kurz: die Abfüllung von TRC damals entsprang noch echtem Pioniergeist! Heute hat sich die Situation stark gewandelt. Rums aus Worthy Park diverser Jahrgänge zählen inzwischen  zum Portfolio zahlreicher unabhängiger Abfüller und auch die Destillerie selbst investiert viel in den Aufbau des eigenen Namens und seines Labels. Dies führte letztlich dann auch dazu, dass man damit begann, juristisch gegen die Verwendung des Namens Worthy Park auf den Labeln unabhängig abgefüllter Rums vorzugehen. Kein schöner Zug, wie ich finde, da die unabhängigen Abfüller sich in den letzten Jahren sehr um die Popularität Worthy Parks verdient gemacht haben. Ich plädiere im Zweifel immer für maximale Transparenz und finde, dass die Nennung des Erzeugers eines Produkts auch zu jenen Angaben zählt, auf die der Verbraucher am Ende auch ein Recht hat sie zu erfahren (und nicht nur, wenn er sich auskennt und Kürzel deuten kann). Nichts desto weniger kann ich den Schritt, rein aus Sicht von Worthy Park, natürlich ein Stück weit nachvollziehen und es ist ja auch deutlich zu erkennen, dass die Jungs dort noch einiges vorzuhaben scheinen und regelmäßig neue Releases am Start haben. Ich bin an dieser Stelle allerdings auch insbesondere gespannt, wie man die Destillerie langfristig spannend und im Gespräch halten möchte, denn ich sehe zwar die fast durchweg hohe Qualität bei Worthy Park, aber ich empfinde die Rums auch oft als ein wenig langweilig. Zu sagen, dass wenn man einen kennt, man irgendwie auch schon fast alle kennt wäre überspitzt, ist aber oft nicht weit weg vom ersten Gedanken. Höre ich inzwischen von einem neuen Worthy Park Release, dann stellt sich bei mir erstmal nicht direkt und unmittelbar ein Probieren-Wollen-Gefühl ein.

Dabei kann die traditionsreiche und in 2005 wieder in Betrieb genommene Destillerie durchaus einiges bieten! Eine Besonderheit bei Worthy Park ist nämlich, dass es da auch einige tropisch gereifte Rums zu den Bulkhändlern nach Großbritannien geschafft haben. Dies kommt bei den allermeisten anderen Destillerien eher nicht vor. Die unabhängig abgefüllten Rums aus Hampden beispielsweise sind alle kontinental gereift. Was dabei leider oft noch fehlt sind exakte Angaben aller Beteiligter zum Thema Reifung. So war zum Beispiel klar, dass der 4 YO aus 2009 oder der 9 YO aus 2005 lange Zeit tropisch gelegen haben müssen, rein auf der Grundlage ihres Geschmacksprofils, aber gesicherte Angaben hat es leider keine gegeben. Beim Bottling um das es heute geht war das erfreulicherweise anders und so wissen wir, dass der Rum, laut Broker, bis 2017 tropisch reifte und dann nach Europa kam. In Europa angekommen, wurde er dann in ein Ex-Laphroaig Single Malt Whisky Fass umgefüllt, welches The Rum Cask eigens dafür nach Schottland geschickt hatten. Anschließend wanderte das Fass wieder nach Deutschland zurück und reifte dort noch zwei Jahre, bis Anfang 2019, bis der Rum schließlich abgefüllt wurde. Was leider verloren ging, sind Angaben zum Fassungsvermögen des ursprünglichen Fasses und dementsprechend auch, wie hoch genau der Angel's Share war. Das einzige was gewiss ist, ist, dass während der zwei Jahre in Deutschland nochmal 10% des Fasses verdunsteten, was für kontinentale Verhältnisse doch enorm ist. Da 335 Flaschen (167,5 Liter) abgefüllt wurden ist zumindest klar, dass, die 10% Verlust drauf gerechnet, das ursprüngliche Fass ca. 186 Liter Rum enthielt. Wie groß dessen Fassungsvermögen war und wie häufig auf Jamaica während der ersten ca. 9 Jahre Umfüllungen verschiedener Fässer stattgefunden haben ist damit aber natürlich nicht zu rekonstruieren.

Vor der Abfüllung des Rums schickte mir Jens von TRC dann eine Fassprobe vom Rum zu und fragte mich zu meiner Einschätzung des Ganzen. Aus den oben genannten Gründen war ich aber zunächst erst einmal skeptisch. Ja, okay, ein neuer Worthy Park... okay, mit Finish, ja, mal schauen! Ich denke, viele von euch Lesern werden sich darin gerade wiedererkennen und sich ebenfalls fragen, was man jetzt vom x-ten Worthy Park halten soll und warum genau einen das jetzt interessieren sollte. Was, zumindest bei mir, dann aber folgte... lest selbst! 




Verkostung des The Rum Cask Jamaica Rum 11 YO Worthy Park 2007 - Ex-Laphroaig Cask:


Preis: der Worthy Park ist seit heute Nachmittag im Shop von The Rum Cask für 53,90 Euro für eine 0,5 Liter Flasche zu beziehen. 

Alter: von 2007 bis 2019 reifte der Rum insgesamt 11 Jahre im Fass. 

Lagerung: die Reifung erfolgte 9 Jahre, bis 2017, in tropischem Klima und im Ex-Bourbon Fass, sowie 2 Jahre im Ex-Laphroaig Single Malt Scotch Whiskyfass in Deutschland. 

Fassnummer: unbekannt. Abgefüllt wurden 335 Flaschen a 0,5 Liter. 

Angel's Share: unbekannt.

Alkoholstärke: der Rum kommt mit einem Alkoholgehalt von 57,9% vol. daher. Das entspricht der Fassstärke. 

Destillationsverfahren: Pot Still.

Mark: WP? - am ehesten tippe ich hier geschmacklich auf WPL oder WPM.

Farbe: sattes, kräftiges Gold. 

Viskosität: ein fetter Film beißt sich an der Glaswand fest. Es bilden sich kleine Tropfen und der Rum fließt in engen, unregelmäßigen Schlieren wieder an der Glaswand herab. 

Nase: nachdem der Rum doch einige Zeit im Blender's Glass atmen durfte, nehme ich nach wie vor eine doch recht präsente alkoholische Schärfe wahr. Dieses Phänomen beobachte ich häufig bei diesem Glastypen und es dauert häufig sehr viel länger als bei Standardgläsern, bis sich die Schärfe verflüchtigt. Hinter dem Alkohol finde ich dann allerdings auch sehr schnell ein tiefes und reichhaltiges Angebot. Da sind z.B. die für Worthy Park typischen Eindrücke von Bananen in allen erdenklichen Formen, seien es Bananenchips oder Bananenkompott, sowie Menthol, Anis und weitere Gewürze. Daneben habe ich dann auch noch vegetale Eindrücke von frischem Gras, sowie tatsächlich Teer. Habe ich vorher einen Caroni im Glas gehabt und nicht gespült? Nein, so extrem ist es nicht. Aber hier beginnt sich dann natürlich das Islay Finish zu zeigen, welches deutlich über dem Rum liegt und in Form von Rauch, Salz und Torf und in kleinen Schüben immer mal wieder durchschlägt. Diese Nachreifung in einem Ex-Laphroaig Fass fällt allerdings weit weniger extrem aus, als ich es bisher gewohnt war, wenn ich Rums mit einem solchen Finish im Glas hatte. Hier kommt das sehr ausgewogen daher. Es passt zum Profil von Worthy Park und gefällt mir außerordentlich gut!

Gaumen: der Rum kommt am Gaumen zunächst einmal ausgesprochen weich daher. Alkoholische Schärfe fällt mir nahezu keine auf, nur ein wenig britzelt der Rum auf der Zunge, was ich allerdings ausschließlich positiv empfinde. Mit der Zeit wird er dann cremiger. Das Profil von Worthy Park, wieder habe ich vor allem ganz viel Banane, geht mit dem Finish eine spannende Verbindung ein. Zunächst kommt dieses gar nicht so sehr heraus, Worthy Park-Banane, vegetale Aromen und etwas parfümiertes haben die Oberhand. Dann setzt aber das Finish ein, das hier jetzt auch präsenter ist als in der Nase, was mir gut gefällt. Immer wieder schlagen Rauch, Salz und Torf vom Laphroaig durch, als wäre das Jamaica Rumfass bei der Überfahrt aus der Karibik nach Europa vor der Westküste Schottlands in einen Sturm geraten, ohne dabei aber Schiffbruch zu erleiden. Denn, und das ist meines Erachtens eine gute Nachricht, der Rum ist noch immer klar und deutlich ein Worthy Park. Das Finish ist ein Twist, es überlagert den Rum nicht. Dieser wird nun trockener und adstringierend. Zum Abgang hin schlägt das Finish dann nochmal so richtig schön ein. Es ist ein wenig, als würde man den Worthy Park aus einem Aschenbecher trinken. Klingt widerlich, ist aber geil!

Abgang: im Abgang kommt das Finish dann noch einmal so richtig schön heraus, ohne aber insgesamt zu aufdringlich zu sein. Das passt super! 

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Fazit: Jamaica Rum feat. Islay Whisky! Was eine Kombination! Das macht richtig Spaß! Ich kann frei heraus gestehen, dass mich der Rum ohne das Finish vermutlich weder wirklich interessiert noch unbedingt abgeholt hätte, obwohl es auch dann mit Sicherheit noch ein qualitativ sehr guter Rum gewesen wäre. Aber: Worthy Park gibt es, wie oben beschrieben, am Markt seit einiger Zeit schon wie Sand am Meer und sie sind fast alle gleich - hoch in der Qualität, ja, allerdings ohne das Besondere; sie sind zumeist einfach langweilig. Möchte man hier aus der unübersichtlichen Masse, fast hätte ich Schwemme gesagt, herausstechen braucht es also schon das spezielle Element um (zumindest meine) Aufmerksamkeit zu generieren und das ist hier in ganz großartiger Art und Weise gelungen! Für mich ist diese Abfüllung daher auch ein klares Signal dahin, wie man Worthy Park in Zukunft interessant halten kann. Gesondert hervorheben möchte ich darüber hinaus das handwerkliche Geschick und auch den Mut der Jungs, denn einen Rum in einem Islayfass nachreifen zu lassen ist für mich der sprichwörtliche Ritt auf der Rasierklinge! Ich hatte schon ein paar solcher Rums im Glas und sie waren allesamt klar vom Fass überlagert. Einige waren trotzdem gut, aber das Fass hatte dem jeweiligen Rum jedes Mal den ganz eigenen Charakter über weite Strecken abgenommen. Das ist hier ausgeblieben, ohne, dass der gewünschte Effekt der Nachreifung deshalb aber verpufft wäre und und das gehört meines Erachtens einmal deutlich so herausgestellt! Große Klasse! Dazu kommt dann noch der sehr faire Preis, der das abrundet, denn auch bei Worthy Park sind die Preise zuletzt vielfach gestiegen. Wenn man mal was anderes im Glas haben möchte, man auf Jamaica Rum so ein wenig steht und gegen ein Islay Finish nichts einzuwenden hat, dann ist das hier definitiv der Rum der Wahl! Meines Erachtens zeigen The Rum Cask hier par excellence, wie man das gewöhnliche zu etwas besonderem machen kann, und das finde ich super! Das Finish hebt ihn für mich in die oberen Sphären, daher:

-88/100-



Bis demnächst!
Flo

Sonntag, 6. Januar 2019

BAT: Bewertungssytem / Scoring

Liebe Rum Gemeinde,

ich habe Gedanken in die Richtung eines Bewertungssystems in meinem Jahresrückblick bereits angesprochen und mich abschließend meiner Überlegungen nun ebenfalls dazu entschlossen, die hier vorgestellten Rums am Ende meiner Verkostung auch zu bewerten. Zwar sehe ich noch immer nicht alle Schwächen eines Scoring-Systems, allen voran des 100er-Scoring Systems, behoben, allerdings hat sich diese Art der Bewertung international inzwischen derart etabliert, dass es für Menschen aus vielen Ländern der Erde, die sich für Rum interessieren, nun mehr möglich ist, eine solche Wertung einzuordnen, ohne sich zuvor allzu intensiv mit den Individualitäten eines solchen Rankings zu beschäftigen. Diese Möglichkeit möchte daher auch ich meinen Lesern in Zukunft geben und deshalb die Rums anhand der bekannten Skala von 0-100 Punkten bewerten.


In meinen FAQ stand bis zum heutigen Tag:
"Ich kann einer Punktewertung vor allem aus zwei Gründen nicht viel abgewinnen:
Erstens, weil man kaum verhindern kann, dass Reviews dann von außen sehr gerne genau darauf reduziert werden. Das ist nicht nur schade, sondern auch unfair dem Rezensenten gegenüber. Das hat, ohne arrogant klingen zu wollen, auch etwas mit dem eigenen Anspruch zu tun. Verzichtet man auf die Punktevergabe, so bleibt dem Leser nichts anderes übrig als mehr oder weniger das ganze Review oder zumindest mal das gesamte Fazit zu lesen. Man verhindert, dass man unfreiwillig reduziert wird und geht sicher, dass man tatsächlich vermittelt, was man vermitteln wollte. Genau das ist mein Anspruch und ich möchte diesem gerecht werden. Ich vermeide bewusst die Möglichkeit, dass der Leser weniger bekommt als ihm zusteht.  
Und zweitens sind Punkte etwas extrem subjektives. Sie sagen einzig etwas darüber aus, wie gut oder schlecht ich als Rezensent den Rum empfand, nicht aber darüber, wie viel ihr Leser mit dem Rum anfangen könnt. Und darum, dass ihr als Leser etwas damit anfangen könnt geht es mir als Rezensenten doch letztendlich. Da kommt dann wieder mein eigener Anspruch ins Spiel. Und mein Anspruch ist, dass der Leser hinterher mehr über sich selbst in Bezug auf den Rum weiß als über mich und den Rum. Siehe dazu auch vorangegangene Frage."

Das möchte ich nicht nur einfach aus den FAQ entfernen, sondern darauf Bezug nehmen und die Änderung meiner Meinung gerne offen vertreten.
Dabei gilt es für mich festzuhalten, dass sich meine Meinung im Grundsatz nicht wesentlich verschoben hat. Ich sehe eine Benotung nach wie vor kritisch, allerdings hinterfrage ich auch permanent meine Positionen und habe ich mich dazu entschlossen, verstärkt an eure Eigenverantwortung als meine Leser zu appellieren, anstatt, dass ich euch in gewisser Hinsicht bevormunde. Ja, ich habe einen nicht unwesentlichen Anspruch beim Schreiben meiner Reviews und Texte und ja, ich befürchte, dass ein Teil meiner Arbeit am Ende nicht bei allen ankommen könnte, wenn eine Note darunter steht. Aber ich denke, dass ich besser damit beraten bin mich darauf zu verlassen, dass die, die meine Arbeit wertschätzen, sich auch weiterhin die Zeit nehmen und die Mühe machen werden meine Reviews von vorne bis hinten zu lesen, weil sie sonst nach wie vor das beste verpassen würden, als damit, mich einer einheitlichen und internationalen Vergleichbarkeit gänzlich zu entziehen. Dieser Blog ist ein Angebot an euch alle da draußen. Dieses Angebot war denke ich bisher nicht schlecht und ich sehe die zusätzliche Benotung daher auch als genau das: als ein zusätzliches, weiteres Angebot, nicht als einen Ersatz oder eine Alternative. Denn ich möchte doch betonen, dass die Review und nicht zuletzt das Fazit nach wie vor die Haupt-Aussagekraft in meiner Arbeit zukommen sollen und werden, von denen die Note nicht losgelöst betrachtet werden sollte. Denn nochmal: letztere dient ausschließlich dazu, die Beurteilung einfacher in Relation und Verhältnis zu sowohl anderen Bloggern als auch vor allen Dingen zu sich selbst setzen zu können und aus diesem Grund habe ich mich auch, trotz aller Schwächen, für die Skala von 0 bis 100 Punkte entschieden.

Dementsprechend habe ich mich dazu entschlossen, das Rad nicht neu zu erfinden und orientiere mich bei der Bewertungsskala von 0-100, wie auch mein Kollege Marius, stark an der Skala, wie sie die Rumaniacs oder auch mein ehemaliger Blogpartner Marco von BAM in leicht abweichender Variante verwenden. Ich erlaube mir daher ebenfalls hier und da ein paar eigene Formulierungen, auch, weil ich möglichst klare, nachvollziehbare und, so weit wie möglich, auch überprüfbare Abstufungen vornehmen möchte. Ein Scoring-System ist für mein Empfinden mehr als nur ein reines Ranking, welches die Rums letztlich nur im Verhältnis betrachtet. Ein Rum sollte nicht deshalb 92 Punkte bekommen, weil er besser als einer mit 91 aber nicht ganz so gut wie einer mit 93 Punkten ist, sondern ein Rum sollte 92 Punkte bekommen, weil er exakt dieses oder jenes Kriterium dafür erfüllt. Eine universelle Lösung dazu habe ich bislang leider auch nicht gefunden, und aus genau diesem Grund ist es eben auch so wichtig, dass man das Review als ganzes sieht, damit bei einer etwaigen schlechteren Beurteilung vielleicht auch klar wird, wo genau der Rum möglicherweise an Punkten eingebüßt hat und warum. Nur auf so kann man für sich selbst am Ende dann auch brauchbare Schlüsse ziehen.


Die Bewertungs-Skala:

PunkteRumaniacsBarrel Aged Thoughts
100Exceptional Rums, MinorityPerfekter Rum.
95 - 99Exceptional Rums, MinorityAbsolute Legenden des Rums. Nahezu perfekt. Keine wahrzunehmenden Fehler.
90 - 94Exceptional Rums, MinorityExtrem hohe, seltene Qualität. Nahezu fehlerfrei.
85 - 89Highly recommended Rums, Special Ones, ExcellentSehr gute Rums mit kleinen Schwächen.
80 - 84Recommended Rums / Quite goodGute Rums, aber mit Schwächen.
75 - 79Better than AverageÜberdurchschnittliche Rums, aber mit deutlichen Schwächen.
70 - 74Below AverageUnterdurchnittliche Rums
50 - 69Not very goodZum Mixen Rum-betonter Drinks noch geeignet.
30 - 49Not very goodNur noch zum Mixen von Drinks ohne höheren Anspruch geeignet.
1 – 29Not very goodWürde ich weder kaufen noch verwenden. Ungenießbar.



Die bekannten Schwächen der Skala von 0-100:

Ich war, seit dem ich Rum genieße, immer ein Freund der 10er-Skala. Ein Rum mit 5-6 Punkten war nicht dolle, aber das war noch immer eine gute, durchschnittliche Bewertung und vor allem hieß das keinesfalls, dass der Rum untrinkbar war. Rums für 20-30,- Euro mit dieser Bewertung haben wir durchaus als Preis-Leistungs-Verhältnis-Knaller gesehen. Durchschnittlicher Genuss zu günstigen Konditionen. Adaptiert man diese Einordnung jedoch auf die 100er Skala, was mathematisch wenig komplex scheint, dann landet man bei 50-60 Punkten. Und hier wird es dann auch schon spannend, denn was bedeuten jetzt 50-60 Punkte? Laut des Scoring-Systems der Rumaniacs beispielsweise bedeutet alles unter 70 Punkten: "nicht sehr gut". Laut Marco, meinem ehemaligen Partner, von Barrel Aged Mind bedeutet das einen Rum "mit vielen Fehlern die den Genuss behindern". Im Alko-Blog heißt es dazu sogar: "Mittelmäßige Spirituose. Nicht unbedingt schlecht, aber viel kann man nicht erwarten.". Nicht, dass der Alko-Blog für mich unbedingt eine Referenz darstellt, aber es zeigt doch auf, wie deutlich unterschiedlich die Skala zum Teil ausgelegt wird und wie schwankend die Interpretation sein kann, zumindest auf dem Papier, von "nicht sehr gut" bis "mittelmäßig". Denn nun kommen wir zur eigentlichen Schwäche, nämlich der realen Interpretation. Und da erlebe ich es, dass de facto jede Bewertung eines Rums unter 80 Punkten eine quasi Vernichtung des Rums darstellt. Aus 5-6 Punkten werden plötzlich also eher 70-80 Punkte. Letzten Endes bedeutet das daher nicht weniger, als dass sich die Bewertung hochwertiger Rums eigentlich nur innerhalb einer 20er bis maximal einer 30er Skala abspielt. Alles darunter fällt nahezu weg. 


Mögliche Verbesserungen:

Der Gedanke dahinter ist für mich zwar nachvollziehbar, denn ganz offensichtlich möchte man auch schlechten, aber trinkbaren Rum von grauenhaftem anderweitigen Fusel abgrenzen, so dass schlechter Wodka mehr oder weniger im Bereich dessen liegt, was für hochwertige Rums gar nicht genutzt wird. Das finde ich gut und sinnvoll, um tatsächlich das gesamte Spektrum abbilden zu können, aber ich wäre da eher ein Befürworter dessen, dass man für derlei die Skala dann nach unten, also noch unter Null, in den negativen Bereich erweitert, so dass im oberen, im positiven Bereich auch nur Rums liegen, die positive Eigenschaften haben. Ein grausiger Wodka könnte dann bei -40  Punkten liegen, anstatt bei +10 Punkten. Klar, das wäre letztlich nur eine Verschiebung der Koordinaten, aber mir gefiele es dennoch einfach besser, positives im positiven Bereich zu bewerten und negatives im negativen Bereich. Derzeit liegt dann eben auch der negative noch im positiven Bereich.
Wäre ich motiviert, ein solches Wertungs-System zu konzipieren? Ja, ich denke, dass wäre ich auf jeden Fall, allerdings bin ich auch Realist genug um zu wissen, dass ich damit nicht ein absolut etabliertes System umstoßen werde. Klar, ich könnte dieses System nur für mich selbst ausarbeiten, eine Skala von -50 bis +50 bauen und anhand dieser Skala für mich bewerten. Aber dann fiele genau das wieder weg, worum es mir dabei doch eigentlich geht, nämlich die internationale Vergleichbarkeit. Dann bewerte ich einen Top Rum mit 48 Punkten, aber um zu erkennen, was das bedeutet, müsste man sich intensiv mit meinem Scoring-System auseinander gesetzt haben und genau das wäre dann nicht Sinn der Sache. 


Meine Intention:

Ein Leser soll, egal aus welchem Land er kommt und unabhängig davon, wie gut der Google-Übersetzer funktioniert wissen, wo ich den Rum in Zahlen ausgedrückt, sehe. Bewerte ich einen Rum mit 90 Punkten, dann weiß man inzwischen rund um den Globus, dass das guter Stoff zu sein scheint. Und hier wiederum kommt mir einer meiner Grundsätze entgegen, nämlich, dass ich fast ausschließlich über Rum schreibe, der mir gefällt, nicht über solchen, der mir nicht gefällt. Viele Blogger bilden eine breite Palette an verschiedener Qualität ab und verreißen schlechten Rum dann dementsprechend auch. Ich werde manchmal gefragt, warum ich fast alles positiv bewerte und kaum sage, wenn mir ein Rum nicht gefällt und antworte dann immer genau das. Ich spreche kaum über das was mir nicht gefällt. Ausnahmen tauchen eigentlich nur dann auf, wenn Rums in mein Beuteschema passen, wenn sie Talk of the Town sind, mich aber enttäuschen. Dann bilde ich das gelegentlich auch ab. Aber zumeist halte ich mich doch an den Rum der mir gefällt und daher werde ich mit dem Bewertungsbereich, ab dem ich die 100er Skala besonders kritisch sehe, tendenziell wenig in Kontakt und damit auch nicht in Konflikt kommen. Das ermöglicht es mir, diese Wertung auch guten Gewissens für Barrel Aged Thoughts einführen zu können und in Zukunft werdet ihr die Skala jederzeit abrufbar an einer Leiste oben am Header finden. 


Abschließende Gedanken:

Marco Freyer, mein ehemaliger Partner auf diesem Blog und Betreiber von Barrel Aged Mind, hat sich vor einigen Jahren ebenfalls mit der Frage nach der Benotung von Rums beschäftigt und in vielen seiner Fragen und Bedenken erkenne ich durchaus auch eigene Gedanken wieder, die ich mir mache. Insbesondere ein acht Punkte umfassender Schlüssel dazu, wie Bewertungen unter Berücksichtigung der eigenen Vorlieben zustande kommen hat mich sehr inspiriert, weswegen ich mir daran ein Beispiel nehmen und euch ebenfalls gerne kurz darlegen möchte, was mich bei der Bewertung meiner Rums maßgeblich beeinflussen wird.


  • Meine Bewertungen entsprechen meiner persönlichen Meinung und meinem Geschmack. Sie sind subjektiv zu betrachten.  
  • Ich habe eine Vorliebe für Rums des britischen Stils, vor allem für die Rums aus Jamaica, für die ehemalige Caroni Distillery auf Trinidad und für die Rums aus der barbadischen West Indies Rum Distillery, die unter dem Namen "Rockley" bekannt wurden.
  • Neben meiner Vorliebe für Rums des britischen Stils ist es meinen regelmäßigen Lesern ebenso bekannt, dass ich eine tendenzielle Abneigung gegenüber Rums des spanischen oder des französischen Stils hege. Dies wird sich in meinen Bewertungen möglicherweise widerspiegeln. Sollte ich das Gefühl haben, einen Rhum oder einen Ron aus diesen Gründen nicht fair bewerten zu können, halte ich mir die Option offen, auf eine Bewertung in Punkten auch gänzlich zu verzichten. 
  • Ich stehe auf den Mai Tai und andere tolle Drinks mit Rum und manchmal stelle ich Rums vor, die darin funktionieren, pur aber nicht. Hier sollte die Benotung also ganz besonders in Zusammenhang mit dem Fazit betrachtet werden. 
  • Rums, die künstlich nachgesüßt oder gar mit anderen Zusätzen versehen wurden, entsprechen nicht meinem Geschmack. Ihr werdet sie hier daher tendenziell auch nicht finden. Sollte das einmal doch so sein, so könnte die Note entsprechend ausfallen.
  • Und natürlich kann ich auch an dieser Stelle nur nochmal betonen, dass die Benotung nicht grundsätzlich vom Review gelöst werden kann und sollte. Das wäre nicht in meinem Sinne. 


Für die früher hier auf BAT verkosteten Rums bedeutet die Einführung des Bewertungssystems, dass ich sie nachträglich benoten werde, zumindest dort, wo mir das noch möglich ist. Das ist dann der Fall, wenn ich noch Samples habe oder, in Ausnahmefällen, wenn ich den Rum häufiger im Glas hatte und ihn gut kenne. Einige Rums aber, gerade solche, bei denen die Verkostung schon viele Jahre zurückliegt, werde ich nicht mehr fair bewerten können und das deshalb auch lassen.

In Kürze wird dann hier auch das erste Review in 2019 erscheinen, welches dann auch bereits eine Bewertung erhalten wird.

Bis dahin,
Flo

HINWEIS: in einer früheren Version dieses Artikels habe ich einen Schlüssel zur Berechnung der Gesamtpunktzahl am Ende verwendet, mit der Marke von 70 Punkten als Basis. In der Praxis hat sich das allerdings als wenig tauglich erwiesen, so dass ich diese Idee schnell wieder verworfen habe und es nunmehr nur noch eine Gesamtpunktzahl am Ende geben wird.