Posts mit dem Label Antigua Distillery Limited werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Antigua Distillery Limited werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Barrel Aged Thoughts 2018 - Ein Rückblick

Liebe Rum Gemeinde,

das Jahr 2018 neigt sich dem Ende entgegen und hinterlässt uns glücklicherweise auch einige Rum-Abfüllungen, über die es sich glaube ich durchaus lohnt, noch einmal zu sprechen. Um eines dabei aber vorweg zu nehmen: anders als 2017 war 2018 aus meiner Sicht nicht das Jahr der absoluten und unbedingten Highlights. Keiner der Rums dieses Jahr wäre aus meiner Sicht z.B. ein echter Kandidat für eine Top 10 Liste des gesamten Jahrzehnts, während sich dort 2017 schon mindestens zwei Rums fanden, die für mich ganz sicher in einer solchen Rangliste vertreten wären. Was nun aber vielleicht für den einen oder anderen nach Enttäuschung klingt, ist in Wahrheit einfach eine (leider nur semi-elegant gelungene) Überleitung dahin, dass das Jahr 2018 für mich zwar nicht unbedingt eines ist, welches zu großen und lauten Rankings einlädt, wohl aber ein überaus spannendes Jahr gewesen ist, mit vielen Premieren, einem Messebesuch in Köln, neuen Wegen, weiter beschrittenen Wegen und vielen vielleicht nicht überragenden, aber sehr soliden Rums - und natürlich einem gigantischen Sommer mit unzähligen Mai Tais! Ein Rückblick.




Prolog:

Meine Reise durch 2018 beginnen möchte ich im Epilog von 2017, als ich meine Hoffnungen und Erwartungen auf das nun demnächst hinter uns liegende Jahr wagte. Mein Fokus lag dabei auf New Yarmouth, St. Lucia Distillers, der South Pacific Distillery und auch auf Sancti Spiritus als ewiger Geheimfavorit. Kurz und schmerzlos kann man denke ich konstatieren, dass sich da, bis auf New Yarmouth, leider nicht viel getan hat. Das ist zwar einerseits schade, ganz persönlich hatte ich gerade bei St. Lucia wirklich stark gehofft, aber auf der anderen Seite bin ich doch sehr erfreut darüber, dass New Yarmouth keine Eintagsfliege geblieben ist, sondern sich innerhalb eines Jahres einen festen Platz innerhalb der Szene gesichert hat. Und das vollkommen zurecht, wie ich finde!


Cologne Spirits: 

Im März stand dann die Cologne Spirits in Köln an, und damit die erste Premiere in diesem Jahr, auf die ich gerne eingehen möchte. Marcus Stock und Christoph Schreiber organisierten mit großem Erfolg eine weitere große Rum- und Spirituosenmesse in Deutschland neben dem German Rum Fest in Berlin, die in 2019 auch seine Fortsetzung erfahren wird. Neben erstklassigen, interessanten und spannenden Ausstellern zu aktuellen Abfüllungen konnte mich vor allem der Raritäten-Stand von Rene van Hoven begeistern, an dem auch Bottlings aus längst vergangenen Tagen probiert werden konnten. Viele davon sogar zu mehr als fairen Kursen - ich sag' nur Albion 1986 *hust* :-) Vielen Dank dafür noch einmal, Rene und ich hoffe, dass man dich dort 2019 auch wieder findet! 
Darüber hinaus bot die Messe aber auch den Rahmen und die Möglichkeit für einige von uns Bloggern und anderen Rum-Nerds, sich in privater Runde zusammenzufinden und vieles zu probieren und sich auszutauschen. So entstand ein unvergesslicher Abend bei Marius von SCR, bei dem ich während der drei Tage in Köln auch unterkommen konnte. Vielen Dank noch einmal für alles!



Mein Bericht zur Cologne Spirits: Messebericht


BAT on facebook:

Nur einen Monat später, im April, folgte dann für mich ganz persönlich ein Sprung über den eigenen Schatten, indem ich eine Facebook-Präsenz für BAT einrichtete. Ja, hab ich wirklich gemacht. Ich, der immer dagegen war. Aber wie war das? Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit? Die Erkenntnis, dass ich mich nicht jedem ungeliebten Wandel auch immer verschließen kann, war an dieser Stelle größer, als meine persönliche Abneigung, die deshalb ja keineswegs vollständig gewichen ist. Und ohne jeden Zweifel hat diese Entscheidung BAT genutzt, größer gemacht und vor allen Dingen auch internationaler gemacht. Zwar schreibe ich auch weiterhin auf Deutsch, da das die einzige Sprache ist, in der ich mich meinen eigenen Ansprüchen gegenüber gerecht ausdrücken kann, aber die Reichweite hat dennoch stark zugenommen. Somit kann ich inzwischen, nach acht Monaten, sagen, dass das der absolut richtige Schritt war.

facebook.com/mybarrelagedthoughts/


Hampden DOK:

Noch im gleichen Monat stand dann bereits das nächste Highlight 2018 und eine weitere Premiere an, nämlich der Release des Letters of Marque Hampden DOK 8 YO Jamaica Rum in voller Fassstärke! Wir als Blogger von SCR, RUMBOOM und BAT hatten uns mit Sascha zusammengetan und bei der Main Rum Company auf der Insel einen Hampden DOK aufgespürt. Diesen holten wir dann mit der Hilfe des unabhängigen Abfüllers The Rum Cask ins Land, die letztlich dann auch das Bottling übernahmen. Der LoM war zwar nicht der erste DOK am Markt, das war meines Wissens nach der Kintra aus dem gleichen Jahrgang, aber er war der erste, der in voller Fassstärke abgefüllt wurde und der auf dem Label auch als DOK ausgewiesen war. Der gesamte Prozess zog sich über ein dreiviertel Jahr hin und wir bekamen in der langen Zeit, in der immer wieder einiges an Geduld gefragt war, viele Einblicke in die Arbeit eines UA (IB) und ich möchte auch diesen Moment nicht ungenutzt lassen und Jens und dem gesamten Team bei TRC sehr herzlich für die Zusammenarbeit danken! 
Geschmacklich war der DOK meines Erachtens ein guter Rum, den ich auch pur nach wie vor gerne trinke, aber in Konkurrenz zu lange gereiften Hampden aus den 1990ern und frühen 2000ern steht er für mich noch nicht. Da besteht bislang schon nochmal ein Qualitätssprung in meinen Augen, aber das ist bei gerade einmal acht Jahren Reife auch nicht verwunderlich. Es ging hier darum, diese Extremität einmal erlebt zu haben und zu sehen, wo Hampden sein eigenes Maximum hat und in dieser Hinsicht war der DOK sehr aufschlussreich, denn anders als ich erwartet hatte, bot auch der DOK ein Ester-Level, welches ich noch als angenehm zu trinken empfinde. Wo der Rum dann mit 15 bis 20 Jahren steht, da bin ich schon sehr gespannt!
Ein Gewinn war der DOK auf jeden Fall aber auch für den Mai Tai und fast wirkte es schon ein wenig so, als ob man ihn extra für diesen extrem trockenen Sommer und damit für die bitter benötigten kühlen Drinks bestellt hätte.



Review zum Letter of Marque 8 YO Hampden DOK 2009
➜ Review zum Mai Tai mit Letter of Marque 8 YO DOK 2009


Caroni:

Die erste Jahreshälfte und auch die Jahresmitte waren bei mir aber auch geprägt von Tropfen, die schon vor 2018 erschienen sind und die vermutlich im Jahr 2000 das letzte Mal destilliert wurden: die Rede ist natürlich von Caroni! Ich habe mir damit zunächst viel Zeit gelassen, um erst einmal einen breiteren Überblick über Caroni insgesamt zu bekommen und dann damit begonnen viele dieser Rums, vor allem von Velier, hier zu verkosten und vorzustellen, da sich Caroni bei mir in 2018 definitiv als eine neue Liebe, zwischen Jamaica und dem so genannten "Rockley"-Style von Barbados verfestigt und etabliert hat. Schade, dass es die Preisentwicklung einem immer schwerer macht, an noch weitere Flaschen zu gelangen. Nichts desto weniger bin ich aber natürlich weiterhin motiviert, so viele Abfüllungen wie möglich noch zu probieren, bevor man letztlich wohl nie wieder dran kommen wird.

Hier eine Auswahl an Caroni-Reviews aus diesem Jahr:


Neuheiten und Premieren:

Natürlich wurden in 2018, und insbesondere in der zweiten Jahreshälfte, auch einige Neuheiten veröffentlicht, von denen einige auch durchaus Aufsehen erregen konnten. Von Hunter Laing (Kill Devil) beispielsweise wurden für The Whisky Barrel je zwei Rums aus Hampden der Jahrgänge 2007 und aus 2001 veröffentlicht, wobei insbesondere der Jahrgang 2007 für Konfusion sorgte, da Hampden zu dieser Zeit geschlossen war. Es kam dann heraus, dass es durch National Rums of Jamaica (NRJ) zu dieser Zeit eine Art Probe-Destillationsdurchlauf gegeben haben soll, aus dem dann diese Rums resultiert seien. Beide Rums schmeckten hervorragend und hatten einen sehr hohen Estergehalt. Eine unerwartete Entdeckung in 2018!

➜ Review zum Kill Devil Jamaica Rum 10 YO Hampden 2007


Bereits recht früh in 2018 wurde bekannt, dass auch Velier wieder einiges vorhaben würde in diesem Jahr. Zu Beginn erschienen bereits zwei Caroni aus dem Jahr 2000, jeweils für den US-, bzw. den EU-Markt gedacht und einige Zeit später kam dann auch noch ein Caroni 100th Anniversary Bottling, in einer Flasche, die komplett einer Abfüllung aus den 1940er Jahren nachempfunden war. Es machten aber auch Gerüchte um einen Heavy Type Antigua Rum und um vier Rums aus Long Pond schnell die Runde, sowie um eine so genannte Employee-Serie, mit welcher man ein Tribute für die ehemaligen Arbeiter von Caroni setzen wollte. Diese erschienen dann in der zweiten Jahreshälfte und waren, wie zu erwarten, von großem Interesse begleitet. Mein heimliches Highlight war tatsächlich auch der Antigua, der sehr fair bepreist daher kam und im Grunde für mich all jene Kriterien erfüllte, die ich an einen Rum habe, wenn es mal nicht das ganz große Kino sein soll. Stichwort: Barbeque! Seitdem ist bei mir auch eine barbadische Destillerie komplett aus allen Regalen ausgezogen, deren Namen ich bereits vergessen habe. Sowas kommt vor, war wohl nicht so wichtig. 😄
Für mich als Jamaica-Head in besonderem Maße spannend waren aber natürlich die vier Long Ponds, der Cambridge, der Vale Royal, der TECA und der TECC, deren jeweilige Geschichte ich euch im Zuge der Releases mit großer Freude dargelegt habe. Bis auf den Vale Royal waren das auch alles Stile, die es so bisher nie abgefüllt zu kaufen gab, und die uns Connaisseuren somit erstmals zugänglich gemacht wurden. Mein persönlicher Favorit, zum Zeitpunkt der Reviews wollte ich mich da noch nicht festlegen, ist aber inzwischen der Vale Royal, der darüber hinaus auch das klar beste Preis-Leistungs-Verhältnis aufweist. Ein wirklich starker Rum, den ich sehr empfehlen möchte. Eine Blindverkostung vor kurzem unterstrich allerdings auch meinen Eindruck, dass der Rum tatsächlich sehr lange im Glas braucht, bis er wirklich einschlägt. Er braucht Geduld und ich empfehle daher ebenso sehr, ihm diese zuteil werden zu lassen.
Darüber hinaus veröffentlichte Velier auch noch einige Rums unter dem Label Habitation Velier, wobei hier einige ungelagerte Rums besonders hervor stachen, darunter ein Long Pond STC❤E, ein Hampden <>H und ein Savanna HERR. Alle drei Rums werden im neuen Jahr auch noch ihren Weg auf BAT finden!



➜ Hier die bisherigen Reviews:


Und die anderen unabhängigen Abfüller? Waren die untätig? Selbstverständlich nicht, ganz im Gegenteil! Auch dort sind einige wirklich tolle Rums erschienen, von denen hier auch noch Samples stehen, bei denen ich es aber auch noch nicht geschafft habe, sie auf BAT zu besprechen und vorzustellen. Da wären u.a. von 1423 World Class Spirits noch ein New Yarmouth 2005 und junger Hampden DOK aus 2018 mit Sherryfinish oder von Plantation die beiden Long Ponds ITP und HJC. Auch die Transcontinental Rum Line hat mit 2012 einen bisher noch unbekannten Hampden Jahrgang veröffentlicht. Von Compagnie des Indes stehen hier noch ein Hampden DOK 2009, ein Multi Distillery Blend oder ein New Yarmouth 2005. RA (Rum Artesanal) haben dieses Jahr meines Erachtens einen ebenso tollen Job gemacht, einiges an spannenden Abfüllungen im Portfolio gehabt. Deren Caroni 1998, der Long Pond 2000 und der Clarendon 2007 warten auf nochmalige Verkostung. Und ganz frisch eingetroffen sind da auch noch ein Mount Gay 2000 und ein Monymusk 2004 von Kintra und ein Sample eines Navy Rums aus den 1940er Jahren von Nicolas Kröger.
Außerdem sind da auch noch zwei Proben, die nochmal eine gesonderte Aufmerksamkeit verdienen, nämlich ein ungelagerter DOK mit über 85% vol. und ein ebenfalls ungelagerter Rum aus der reaktivierten Vulcain Still von WIRD mit 60,7% vol., der hoffentlich noch etwas mehr Licht ins Dunkel rund um den so genannten "Rockley"-Style bringen kann! Da ist also auch immer noch genug zu tun im neuen Jahr und ich freue mich sehr darauf!


Aufräumarbeiten:

Beim großen Herbstputz bin ich über viele meiner alten Verkostungsnotizen gestolpert, die ich von den probierten Rums damals angefertigt hatte. Da die meisten dieser Rums heute antik und längst vom Markt verschwunden sind, habe ich sie hier online gestellt, um zumindest allen, die diese Rums damals nicht probieren konnten, weil sie erst später zur Szene dazu gestoßen sind, die Möglichkeit zu geben, über diese Rums ein wenig zu erfahren. Dazu habe ich sie auch in den gegenwärtigen Konsens eingeordnet und mir nicht zuletzt auch zu den aufgerufenen Preisen, damals und heute, ein paar Gedanken gemacht.



➜ Hier die einzelnen Sessions:


Noch nicht veröffentlicht habe ich hingegen ein paar Verkostungsnotizen zu einigen alten Cadenhead Cask Strength Abfüllungen, u.a. aus Guyana, Barbados und St. Lucia. Diese folgen im neuen Jahr 2019. 


Epilog:

Das war es also, mein Rum Jahr 2018. Was aber, sind meine Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen für 2019? Im Endeffekt ähnlich wie im letzten Jahr! Ich wünsche mir unbedingt, dass von St. Lucia mehr kommt! Das wäre großartig! Weiterhin wünsche ich mir aber auch, ab und zu mal überrascht zu werden, so wie das mit den Long Ponds oder dem Antigua bei Velier passiert ist, die ich letztes Jahr zu dieser Zeit noch überhaupt nicht auf dem Zettel hatte. Ich erwarte, noch einige weitere alte Caroni probieren und hier vorstellen zu können (und weiß gleichzeitig schon jetzt, dass ich da tatsächlich auch schon einiges in der Pipeline habe😎) und ich habe auch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir vielleicht noch das eine oder andere aus den ganz alten Batches noch einmal zu Gesicht bekommen. Ein 1986er WIRD mit dann schon 33 Jahren wäre doch mal was und man wird ja noch träumen dürfen.
Darüber hinaus möchte ich im nächsten Jahr auch mit einigen Langzeit-Projekten noch weiterkommen. Das betrifft insbesondere die Seiten zu Jamaica Rum, zu Hampden, zu Worthy Park, zu Clarendon, zu Trinidad Rum, zu Caroni, zu Barbados Rum und zu WIRD. Die Seiten zu Long Pond und Wray & Nephew hingegen sind nahezu fertig. Immerhin!
Und ansonsten? Marius von SCR hat nun ein Scoring-System für seine Rums auf seinem Blog eingeführt. Ein Gedanke, der auch mich im Sinne einer besseren internationalen Vergleichbarkeit schon mehrfach umgetrieben hat, zumal ein solches System im privaten Rahmen längst nebenher läuft. Ich habe da bekannte vorbehalte, allerdings hat sich meine Ansicht dazu schon auch ein Stück weit verändert. Die Frage ist da also letztlich wohl am ehesten, ob ich auch hier quasi den "facebook-Move" wage, oder nicht. Ich bin da noch nicht final entschlossen, aber am Ende könnte es durchaus so kommen.

Und zu guter Letzt möchte ich mich natürlich auch noch bei euch, also bei all meinen Leserinnen und Lesern bedanken, dafür, dass ihr genau das seid, also Menschen, die auch längere Beiträge wie diesen hier immer wieder, Woche für Woche auf's neue lesen. Denn das ist letztlich auch für mich häufig zusätzliche Motivation mich hinzusetzen und Beiträge zu verfassen. Ihr seid spitze und ihr seid dieses Jahr um einiges mehr geworden und das freut mich sehr! Und damit wünsche ich nun euch, liebe Leser, erst einmal einen guten Rutsch und ein erfolgreiches neues Jahr 2019! Wir sehen uns wieder!

Bis dahin,
Flo

Sonntag, 23. September 2018

Velier Antigua Distillery Limited 2012 - Blend vs. SC

Liebe Rum Gemeinde,

heute komme ich endlich dazu zwei Rums zu verkosten und miteinander zu vergleichen, auf die ich im Vorfeld, nachdem sie angekündigt waren, direkt gespannt war.




Was liegt heute an?

Die Reise geht in den ostkaribischen Inselstaat Antigua & Barbuda und hier genauer auf die Insel Antigua, auf der sich die Antigua Distillery Limited (ADL) befindet, aus welcher auch der in der Rumwelt sehr bekannte English Harbour Rum stammt.
Antigua & Barbuda gehört, wie z.B. auch Guadeloupe, zu den Inseln über dem Winde im nördlichen Teil der kleinen Antillen und ist mit einer Gesamtfläche von insgesamt 442,6 km² Landmasse vergleichbar klein wie Barbados, welches aber im südlichen Teil dieser Inselgruppe liegt. Die Hauptinsel, mit einer Fläche von 280 km², ist Antigua, auf der sich, im Norden der Insel, auch die Hauptstadt Saint John's befindet. Dort wiederum, in Saint John's, befindet sich die ADL, aus welcher der English Harbour Rum stammt. Dieser ist nach einem wohl besonders sturmsicheren Hafen im Süden der Insel benannt, in welchem der berühmte Lord Admiral Nelson Ende des 18. Jahrhunderts einen Flottenstützpunkt errichtete.
3-column-copper-still
Source:
http://www.antiguadistillery.com/antigua-distillery-limited.html
Die ADL wurde laut deren eigener Homepage im Jahr 1932 von acht einheimischen Geschäftsmännern gegründet, von denen fast alle bereits zuvor schon mit Rum zu tun hatten. Bereits ab 1929 begannen die Männer damit, Melasse im Bulk einzukaufen und zu destillieren. Im Jahr 1933 schließlich nahm die eigentliche Destillerie ihre Arbeit auf. Den Rum destillierte man dort in einer kupfernen 4-Säulen French Savalle Still. Die Melasse kam aus Antigua selbst. ADL verkaufte seinen Rum anfangs noch ungereift an lokale Rumhändler, die ihn, gelagert oder ungelagert, alle jeweils unter eigenen Labeln abgfüllten. Erst 1947 entstand mit dem Cavalier Muscovado Rum die erste Abfüllung unter eigenem Namen. Im Jahr 1991, also nach 58 Jahren in Betrieb, ersetzte man die 4-Säulen French Savalle Still durch eine kupferne 3-Säulen John Dore Still, die um zwei weitere Säulen auf fünf Säulen erweitert wurde. Laut eigenen Angaben von ADL handelt es sich bei dieser Still um die einzige reine Kupfer-Column Still in der gesamten Karibik. Im Jahr 1994 rief man die noch heute existierende und sehr bekannte English Harbour Reihe ins Leben, von der ich u.a. den 5 YO, den seit einigen Jahren nicht mehr hergestellten Extra Old und den 1981er schon probiert habe, wobei festzuhalten ist, dass mindestens der 1981er, vermutlich aber auch Teile des Extra Old, noch aus Rums der alten French Savalle Still besteht.
Diese English Harbour Rums trafen meinen Geschmack nur sehr begrenzt, da sie mir doch deutlich zu leicht und eher dem spanischen als dem englischen Stil zuzuordnen waren. Die beiden von Velier abgefüllten Rums um die es heute geht, versprechen dagegen etwas mehr Spannung. Denn die hier verwendeten Fässer sind ADL Rums mit einem Congeners-Gehalt von 218 gr/hlpa. Auf dem Label werden sie dementsprechend auch als Heavy Traditional Rums (HTR) bezeichnet. Inwieweit sich das bemerkbar macht und sie sich von den gewohnten English Harbour Rums abgrenzen, werden wir im folgenden Quervergleich feststellen. Luca Gargano entdeckte und erwarb die insgesamt 27 Fässer am 20. Juni 2017 bei einem Besuch bei ADL auf Antigua und zeigte sich von der Außergewöhnlichkeit dieser Rums, bedingt durch den erhöhten Gehalt an Congeners, wohl sehr beeindruckt. Zu Veliers 70. Geburtstag wurde ein Fass, welches man als das beste der 27 ausmachte, das Fass #2598, als Single Cask in Fassstärke mit 68,5% vol. abgefüllt. Die übrigen 26 Fässer wurden als Blend in Full Proof mit 66% vol. abgefüllt.

Doch genug der Theorie, nun zu den beiden Rums!


Flasche + Sample der 26 Fass starken regulären Version. 
Das Foto erhielt ich dankenswerter Weise von Niki mit freundlicher 
Genehmigung es zu nutzen. Vielen Dank dafür! 

ADL 2012 Blend - 66% vol.: 

Der 2012er ADL Blend reifte sechs Jahre von 2012 bis 2018 in 200 Liter Ex-Bourbon Fässern auf Antigua. Der Alkoholgehalt beträgt 66% vol., eine Verdünnung hat demnach nicht stattgefunden. Der Ausgabepreis des Rums beträgt ca. 50-60 Euro und er ist zum Zeitpunkt dieses Reviews auch noch verfügbar. Wieviele Flaschen die Abfüllung genau ergab weiß ich nicht, allerdings kamen laut Label ganze 27 Fässer zum Einsatz. Da aber auch der Gesamt-Stock des Antigua Stocks von Velier mit 27 Fässern angegeben wird und ein Fass als Single Cask abgefüllt wurde, handelt es sich demnach um wohl "nur" 26 Fässer. Das Sample bekam ich von einem Mitglieds des "Rum Clubs", bei welchem ich mich auch sehr herzlich bedanken möchte!

Der Rum gibt sich kräftig golden im Glas und ist klar dunkler, als man das bei einem nur sechs Jahre alten Rum erwarten würde, selbst nach tropisch gelagerten Maßstäben.
In der Nase bekomme ich zunächst einen Schrecken! Der ist doch noch sehr aggressiv und ich merke dem Rum sein junges Alter sofort an. Er benötigt schon eine gute Stunde des Atmens, bis er sich schließlich etwas zahmer gibt und ich sein ganzes Bouquet erfassen kann. Vor mir steht nun ganz deutlich ein Hybrid aus englischem und spanischem Stil. Ich würde den Rum pauschal erst einmal keinem der beiden Stile eindeutig zuordnen wollen. Da sind schon deutliche Anklänge von Estern und Klebstoff, die auch etwas ins dreckige ziehen und Erinnerungen an Caroni wecken, aber da sind auch klare Noten, die ich eher Rums des spanischen Stils zuschreiben würde, wie z.B. Tabak, sehr deutliche Vanille und dunkles Karamell. Dahinter dann habe ich auch etwas herbes, kräutriges sowie eine schöne, natürliche Süße, die mir hier gut gefällt und dem Rum eine interessante weitere Facette gibt. Am ehesten würde ich hier blind auf einen Barbadier oder einen leichten Caroni tippen. Das hat was!
Am Gaumen kommt der Rum nicht so brachial, wie ich das nach der anfänglichen Nase erwartet hätte. Im Gegenteil, man kann den doch recht entspannt trinken, wie ich finde. Allerdings fällt nicht nur die alkoholische Schärfe geringer aus als erwartet, sondern auch das Aromenspektrum. Ich habe viel trockenes und auch ein wenig frisch geschnittenes Holz, dazu etwas Tabak und trockene Würze, aber ansonsten irgendwie nicht viel. Keine Fruchtigkeit und auch die Ester nehme ich hier nicht mehr wirklich wahr. Das ist sicher nicht schlecht, aber auch nicht ganz das, was ich nach der wirklich ansprechenden Nase erwartet hatte.
Im Abgang dann etwas Vanille und Würze, aber auch das nicht lange. Unspektakulär.

-82/100-

ADL 2012 Single Cask - 68,5% vol.:

Auch das ADL 2012 Single Cask reifte insgesamt zu 100% in den Tropen, nämlich, wie auch der Blend, von 2012 bis 2018 in Antigua in 200 Liter Ex-Bourbon Fässern. Sein Alkoholgehalt beträgt 68,5% vol., was der Fassstärke entspricht. Im Gegensatz zum Blend ist der Rum als Single Cask natürlich längst ausverkauft und es werden auf dem Secondary Market zum Teil sogar weit über 150,- Euro für ihn aufgerufen. Abgefüllt wurde das Fass #2598 anlässlich des 70. Geburtstags von Velier im Vorjahr 2017, quasi als nachträgliches Geburtstagsgeschenk, allerdings ist mir die genaue Anzahl an Flaschen nicht bekannt. Mein Sample erhielt ich von einem ganz lieben Gast aus meinem nördlichen Nachbarland Dänemark! Mange tak!

Äußerlich habe ich keinerlei Unterschiede zu seinem auflagestärkeren Bruder, dem Blend aus 26 Fässern, feststellen können. Ein schönes, sattes Gold!
In der Nase werden die Unterschiede dann jedoch schon deutlicher. Wie der Blend, so braucht aber auch der Single Cask zunächst noch eine gute Stunde Zeit, bevor man sich wirklich mit ihm auseinandersetzen mag. Dann fällt auf, dass er weniger spanischen Einschlag aufweist als sein Pendant. Er wirkt doch schon sehr viel deutlicher wie ein Rum des englischen Stils und die spanischen Einflüsse muss man etwas länger suchen. Sie fallen am ehesten in der Querverkostung auf. Der Rum ist etwas würziger, wo der Bruder auch noch etwas mehr an Süße hat. Dafür steigt der herbale, kräutrige Anteil, der hier in die Richtung Menthol geht und der mich entfernt an die 2000er Caroni erinnert. Insgesamt erscheint die Nase hier etwas komplexer und im Vergleich kann man hier sehr schön erkennen, inwiefern sich ein Single Cask ganz grundsätzlich von einer Small Batch Abfüllung abhebt.
Die Single Cask Abfüllung ist am Gaumen deutlich schärfer als der Blend. Die Ester kommen etwas besser durch und er steht noch mehr auf der trockenen Seite als sein Bruder. Auch hier ganz viel trockenes Holz, Tabak und Gewürzregal und wiederum wenig Gegenspieler. Schade, leider beeindruckt mich das nicht gerade, auch im Vergleich zum Blend.
Im Abgang dann das wiederum gleiche Spiel. Etwas Holz, etwas Tabak, deutliche Vanille und das war es dann nach ein bis zwei Minuten.

-81/100-


Fazit: 

Keiner der beiden Rums hat mich komplett umgehauen, aber vor allem in der Nase haben sie durchaus einiges zu bieten. Das nimmt am Gaumen dann leider merklich ab, aber die Rums sind ja auch erst sechs Jahre alt. Ich bin also nicht im klassischen Sinne enttäuscht, jedoch habe ich doch vielleicht noch etwas mehr erwartet! Ich hatte, nach all dem Wind der um diese Fässer gemacht wurde, und mit dem Wissen, Rums mit erhöhtem Congeners-Gehalt vor mir zu haben, sehr wohl auf einen Rum spekuliert, der meine bisherigen Vorlieben auf Augenhöhe ergänzen könnte und dahin kommt er leider noch nicht ganz, vielleicht auch bedingt durch das sehr junge Alter. Letzten Endes sind die Rums, gemessen an der Standardrange von ADL, sprich, den English Harbour Rums, sicherlich sehr viel höher anzusiedeln als diese, ganz klar und eindeutig, und beide Abfüllungen waren es ohne jeden Zweifel wert mal probiert zu werden, aber Rums vom Kaliber Caroni, Hampden, Long Pond oder WIRD/Rockley greifen sie nicht an. Was absolut positiv heraus sticht ist der Preis, gerade der des Blends! Ca. 50,- Euro in Italien sind wirklich fair und da mir persönlich der Blend sogar noch einen Ticken besser gefällt als der Single Cask (für den Blend spricht letztlich vor allem die eindeutig bessere Einbindung des Alkohols), kann man den tatsächlich auch mal mitnehmen, wenn man dort eh gerade bestellt. Ich jedenfalls überlege mir das sehr ernsthaft!
Des Weiteren ist die grundsätzliche Arbeit Luca Garganos herauszuheben, der zwar, wie in diesem Fall, nicht jedes Mal direkt die eierlegende Wollmilchsau entdeckt, der sich jedoch nach den Erfolgen mit den Demeraras und den Caronis nicht etwa gemütlich zurücklehnt, sondern der weiterhin unermüdlich auf der Suche nach dem neuen und außergewöhnlichen ist und dieses der Rumwelt zugänglich macht. Dafür gebührt ihm höchster Respekt!

Und damit schließe ich für heute und sage bis demnächst!
Flo