Sonntag, 8. April 2018

Velier 1996 Single Cask Caroni 20 YO for Kirsch Whisky

Liebe Rum Gemeinde,

ich hoffe, ihr hattet schöne Ostertage und seid alle gesund und wohlauf! Anfang Februar kündigte ich an, dass bei mir einige Caroni in der Pipeline stehen und tatsächlich folgten dieser Ankündigung mit dem 18 YO Cadenhead aus 1998 und dem Krüger Whisky Caroni aus 1996 auch bereits die ersten zwei Reviews von dort, aber heute, nein, da kann und will ich keine künstliche Spannung aufbauen, heute geht es das erste Mal so richtig an's Eingemachte: verkostet wird die Velier Single Cask Abfüllung aus 1996 für Kirsch Whisky! 

Velier, da muss ich gerade einmal etwas weiter ausholen, begann bereits ab dem Jahr 2004 damit, eine große Menge an Caroni-Fässern zu kaufen und sie sowohl alsbald in Flaschen abzufüllen als auch in großem Stil auf Trinidad weiterreifen zu lassen. Während in den unmittelbar folgenden Jahren vor allem erst einmal Jahrgänge der 1980er Jahre und sogar eine Abfüllung aus 1974 erschienen, reiften jüngere Jahrgänge der 1990er Jahre und aus 2000 weiter im tropischen Klima. In dieser Zeit war die Nachfrage nach Caroni, egal ob von Velier oder von anderen unabhängigen Abfüllern, noch sehr überschaubar. Oder, um es noch deutlicher zu sagen: sie lagen wie Blei in den Regalen! Dementsprechend waren sie in diesen frühen Jahren auch noch erstaunlich günstig zu haben. Trotz einer teilweise über 20 jähriger tropischer Reifung kosteten sie weniger als 100 Euro pro Flasche. Heute ist das unvorstellbar! Im Jahr 2008 brachte Velier dann alle seine Caroni-Fässer von Trinidad nach Guyana, in die Warehouses von Demerara Distillers Ltd. (DDL). Dorthin unterhielt Luca Gargano gute Kontakte, insbesondere zu Yesu Persaud, und Velier besaß darüber hinaus seit 2004 auch Anteile an DDL. Das gab ihnen die einzigartige Möglichkeit, sowohl Demerara Abfüllungen direkt aus den Stocks von DDL vor Ort auszuwählen und abzufüllen, als auch ihre Caronifässer dort mit lagern zu lassen. Caroni und DDL liegen nur ca. 500 km voneinander entfernt, weswegen die klimatischen Voraussetzungen der Reife vergleichbar blieben (wobei die Niederschlagsrate in Guyana höher ist als die auf Trinidad).

Als sich Yesu Persaud bei DDL 2013/2014 in den Ruhestand verabschiedete, bedeutete dies für Velier leider auch, keinen Zugang mehr zu den Stocks an Demerara Rums zu haben (DDL fokussierte eine eigene Linie nach dem Vorbild Veliers), die sich zu diesem Zeitpunkt in Europa einer immer größer werdenden Beliebtheit erfreuten. Velier konnte zuvor Stile wie Albion, Skeldon oder La Bonne Intention, die bis dahin einzig in den Blends der El Dorado Abfüllungen verschwanden, einer breiteren Masse an Menschen zugänglich machen. Und gerade dann, als das Interesse an diesen Rums merklich wuchs, war Velier vom Nachschub auch schon wieder abgeschnitten. Das wiederum fiel zeitlich zusammen mit einer parallel dazu in ganz Europa wachsenden Fan-Gemeinde von reinen, unbehandelten Rums in Fassstärke aus der Karibik. Somit resultierte aus dem Nachschub-Stop zum einen eine exorbitante Nachfrage nach den verbleibenden, bisher abgefüllten Demerara Rums, die noch immer vielfach in den Shops lagen, zum anderen aber auch ein nun deutlich wachsendes Interesse an den Rums aus Caroni, die bis dahin im Schatten der Demeraras standen. Velier war nun in der Position, sich einen gewissen "Nimbus" erarbeitet zu haben und so wurden die verbleibenden Rums aus Caroni ebenfalls schnell rar. Außerdem machte sich die Entwicklung auch bei neu erscheinenden Releases bemerkbar, denn sie waren in der Folge immer schneller vergriffen und stiegen auch deutlich im Preis.
Im Laufe des Jahres 2015 beschritt Velier in seiner Caroni-Linie neue Wege, indem sie Single Cask Abüllungen aus dem Jahrgang 2000 verschiedenen europäischen Partnern und Freunden widmeten. Insgesamt sechs verschiedene Fässer wurden so abgefüllt. Geehrt wurden auf diese Weise unter anderem Juul's Vin & Spiritus in Dänemark, The Nectar in Belgien, die Paul Ullrich AG in der Schweiz und natürich LMDW in Frankreich. Von jeder Abfüllung gab es nur zwischen 150 und 250 Flaschen und so war es kaum verwunderlich, dass die Flaschen gerade unter Sammlern sehr gesucht waren und sie nur selten zum trinken geöffnet wurden.
Ein Jahr später, 2016, entschied man sich bei Velier erneut zu einer solchen Single Cask-Serie, allerdings wurden nun Fässer aus dem extrem starken Jahrgang 1996 ausgewählt. Dieses Mal wurden sie für Stefano Cremaschi, Guiseppe Begnoni und Old Whisky in Italien, sowie für Kirsch Whisky in Deutschland abgefüllt. Und mit letzterem Rum wären wir dann auch nach einem langen Bogen wieder bei der heute hier besprochenen Abfüllung angekommen.

Eine Besonderheit, die beim Betrachten des Labels des Kirsch Whisky Caronis auffällt ist, dass eine Reifung komplett in Guyana angegeben wird, also von 1996 an. Andere Caroni wiederum, z.B. alle 2000er und auch die anderen 1996er Single Cask von Cremaschi, Begnoni und Old Whisky sollen eine Reifung komplett in Trinidad erfahren haben. Doch wir erinnern uns: im Jahr 2008 kamen alle (!) Velier Caroni-Fässer von Trinidad nach Guyana. Keines war schon vorher dort und auch keines verblieb in Trinidad. Die Angaben verwirrten mich daher, weswegen ich etwas recherchierte und zu dem Ergebnis kam, dass die Label-Informationen an dieser Stelle einfach falsch sind. Fully matured in Guyana? Gibt es nicht! Fully matured in Trinidad? Gibt es seit 2008 auch nicht mehr! Aged in Trinidad until 2008 and then at DDL in Guyana? Ja! Das wäre die Angabe, die auf jedes Label seit 2008 gehört! Eine Diskussion auf Facebook zeigte sehr eindrucksvoll, dass die Angaben auch andernorts die Menschen verwirren, weswegen ich mich frage, warum Velier das nicht korrekt angegeben hat. Denn auch die korrekte Lagerstätte gehört für mich zu einer lückenlosen und vorbildlichen Deklarierung auf dem Label eines Rums.
Davon aber einmal abgesehen, ist der Informationsgehalt auf dem Label positiv zu bemerken, gerade für ein Single Cask. Man erfährt unter anderem die Fassnummer, die mit #5623 angegeben ist, die Flaschenanzahl (298 Flaschen sind es nur), den Angel's Share (sagenhafte >85%) und natürlich auch den exakten Alkoholgehalt von 62,4% vol.. In Deutschland erschien der Rum, obwohl schon 2016 abgefüllt, im Frühjahr 2017 und erfuhr einen sofortigen Ausverkauf. Der Run auf diese Abfüllung war riesig und groteske Ebaypreise untermauerten das enorme Interesse an dieser Abfüllung und an Caroni und Velier im Allgemeinen. Nun stellt sich eigentlich nur noch eine einzige Frage: kann der Rum am Ende des Tages auch abliefern, was all diese Randnotizen bisher von ihm versprechen lassen? Denn gerade eine Single Cask Abfüllung bietet ja das größtmögliche Spektrum an Individualität. Sie kann genialer sein, als es jede Small Batch Abfüllung je sein könnte, aber der Rum verzeiht nach 20 Jahren wiederum auch keinerlei Schwächen des Fasses, in dem er gelegen hat. Wo also steht der Caroni von Kirsch Whisky, gerade im Hinblick und im Vergleich zu der enormen Qualitätsdichte des Caroni-Jahrgangs 1996? Genau das möchte ich jetzt mit euch herausfinden!



Verkostung des Velier 20 YO Kirsch-Caroni 1996:

Preis: den Rum gab es zum Ausgabepreis von ca. 220 - 300 Euro - für wenige Stunden! Anschließend vervielfachte sich der Preis leider. 

Alter: 20 Jahre reifte der Rum im Fass, von 1996 bis 2016.

Lagerung: Tropical Aged. Auf dem Label ist eine Reife komplett in Guyana bei DDL angegeben, aber tatsächlich lag der Rum erst ab 2008 dort. Von 1996 bis 2008 reifte er in Trinidad.

Fassnummer: es handelt sich um eine 298 Flaschen starke Single Cask Abfüllung mit der Nummer #5623  

Angel's Share: >85%

Alkoholstärke: 62,4% vol. - Fassstärke!

Destillationsverfahren: hier streiten sich die Gelehrten. Gewissheit konnte noch nicht erlangt werden. Die derzeitige Tendenz geht aber dahin, dass eine Pot Still bei Caroni spätestens ab 1975 nicht mehr in Betrieb war. 

Mark: HTR (Heavy Trinidad Rum).

Farbe: Mahagoni, dunkelbraun. 

Viskosität: weite, eher unregelmäßige Schlieren verteilen sich in Tropfen am Glas und laufen langsam und zäh herunter.

Nase: Volltreffer! Eine klare, stiltypische 1996er Caroni Nase, aber ganz groß heute! Der Alkohol ist zu Beginn kurz präsent und macht deutlich, dass wir hier mindestens 60% vol. im Glas haben, verflüchtigt sich aber schnell und fällt in der Folge nicht mehr in irgendeiner Weise negativ auf. Wooohhhuu! Ein traumhaftes, dunkles, intensives und sehr, sehr konzentriertes Bouquet! Der Rum benötigt und verdient sehr, sehr viel Zeit und die soll er natürlich auch bekommen. Zu Beginn habe ich eine Kombination von Caroni-typischen Komponenten wie Lack, Klebstoff, Phenolen und Teer als auch Eindrücken wie Walnuss, Bourbon Vanille, Marzipan und Rosine, sowie letztlich Tanninen und Eichenholz, die dem Fasseinfluss zu verdanken sind. Gerade Marzipan und Rosine bringen eine richtig schöne, natürliche Süße mit sich, die dem Caroni ausgesprochen gut steht! Nur ganz dezent im Hintergrund spielt auch der brennende Fahrradschlau mit. Seine große Stärke spielt der Rum aber auf die Distanz aus: denn nach hinten hin will er einfach nicht enden. Egal wie lange man am Glas riecht, die Nase findet keinen Ausgang. Da kommt immer noch irgendwo eine Komponente, an der sie sich aufhalten kann und sich festbeißt. Bedauerlich ist an dieser Stelle, dass ich nicht in Worte zu packen vermag, was da alles auf einen wartet, denn zu sehr werden meine Sinne immer wieder mit dem unfassbar geilen Bouqut dieses Caronis torpediert. Es kommen noch leichte Anflüge von Minze und irgendwo in einer Ecke ganz weit hinten meine ich dann sogar etwas Bacon noch entdeckt zu haben. Ein liquider Traum!

Gaumen: Sehr cremiges, öliges und volles Mundgefühl. Der Alkohol spielt zu Beginn kurz leicht scharf rein, macht dann aber Platz für alle Eindrücke, die mir doch etwas mehr Spaß machen! ;-) Der Rum legt sich nun richtig herrlich auf die Zunge und umschmeichelt den Gaumen. Da ist zum einen dieses typische Aroma von Caroni aus 1996, für das mir aber nach wie vor die passende Bezeichnung fehlt. Mich erinnert das irgendwie an einen Holzfußboden, wobei das natürlich, wie bei so vielen Assoziationen bei Caroni, keine real erfahrene Grundlage hat. Ich liebe diese spezielle Note! Es schwingen dann aber auch die vielen dreckigen Parts von Caroni mit, wie Teer, Lack oder Phenole, die wir auch schon in der Nase vorfanden. Hier allerdings finde ich sie noch etwas ausgeprägter. Der Rum wirkt für einen kurzen Moment wirklich überaus brennereitypisch für seine extrem lange und zudem tropische Reife. Aber genau diese tropische Reife ist es, die dann verstärkt im zweiten Anlauf durchkommt und die aus diesem Rum das Besondere macht, das er zweifellos ist. Im Hintergrund laufen jetzt immerzu diese kleinen Anis-Schübe nebenher, die typisch sind für lange gelagerte und charakterstarke Rums des englischen Stils. Und was sich durchzieht: das alles kommt wirklich unglaublich intensiv daher. High End Caroni!

Abgang: Sternanis, aber volles Rohr, der sich dazu wunderbar mit frisch geschnittenem Geäst, sowie dem Holz des Fasses verbindet. Dazu Dirty Caroni. Langanhaltend. Legendär!

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Fazit: kurz und bündig: der heute verkostete Rum ist einer der drei besten Caroni überhaupt, die ich bisher im Glas hatte! Dem Kirsch Whisky-Team ist an dieser Stelle also ein sehr glückliches Händchen bei der Auswahl des Fasses zu bescheinigen und an jenes geht an dieser Stelle daher auch mein Dank für diesen Rum! Und wie ich am Stand von Kirsch in Köln erfahren habe, so fiel die Entscheidung zugunsten des Fasses #5623 seinerzeit wohl auch sehr schnell und eindeutig.
1996, da erzähle ich Caroni-Fans kaum etwas neues, ist ohnehin ein wirklich exzellenter und herausragender Jahrgang dieser leider geschlossenen Destillerie. Man kann nahezu jede Abfüllung dieses Jahrgangs blind kaufen, ich hatte bisher nur ein einziges 1996er Bottling, welches mir nicht so gut gefiel (dazu in einem der nächsten Reviews mehr!). Aber diese Single Cask Abfüllung sticht da noch einmal unter all den anderen großartigen 1996er Caroni im Besonderen heraus! Outstanding! Chapeau! Momentan gibt es nur einen einzigen Caroni, allerdings keinen aus 1996, den ich noch über dem von Kirsch sehe. Und diesem ganz besonderen Rum werde ich mich hier auf BAT selbstverständlich ebenfalls noch widmen. Darauf könnt ihr euch schon jetzt freuen!

Und nun wünsche ich euch noch einen schönen Sonntag! Die Frühlingssonne erfasst Norddeutschland und ich hoffe, auch ihr, von wo auch immer ihr das lest, bekommt etwas davon ab. :-)

Bis demnächst,
Flo

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