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Sonntag, 28. Februar 2021

The Rum Cask Guyana Rum 12 YO Port Mourant 2008 (Ex-Hampden Cask)

Liebe Rum Gemeinde,

mit ein paar Puzzleteilen hatte uns Jens Owczarek seit ein paar Tagen vor Release bereits darauf vorbereitet, dass eine neue Abfüllung erscheinen wird und am vergangenen Mittwoch war es dann auch schon soweit. The Rum Cask veröffentlichten eine 12 Jahre alte PM-Abfüllung, die für etwas über einem Jahr in einem Hampden <>H 2001 Fass reifen durfte. 



Und tatsächlich gibt es viel mehr dazu dann auch eigentlich kaum zu sagen im Vorfeld des Tastings, denn der Rum spricht meines Erachtens in weiten Teilen einfach für sich selbst am besten. Kurz aus dem Nähkästchen hinter den Kulissen geplaudert kann ich aber verraten, dass ursprünglich weder Jens Owczarek noch ich selbst wirklich davon ausgingen, dass ich den Rum am Ende auf dem Blog bringen würde, denn die reinen Randdaten sprachen erstmal nicht für mein Beuteschema. Junger PM?! Dann auch noch nach 2000 gebrannt?! Geh mir weg!! Allerdings hat mich zumindest das Hampden Finish neugierig genug gemacht ihn zu probieren und wenn man dann schon eine kleine Probe in seiner TRC-Bestellung findet... Kurz: am Ende ist das Ding dann doch irgendwie auf BAT gelandet und dieses mal sogar erst nach Release ;-) 



Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich ein Mini-Sample zur Verkostung dieses Rums gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. Wie bei allen meinen bisherigen Reviews, ist auch bei diesem kein Geld geflossen. 


Verkostung des The Rum Cask Guyana Rum 12 YO Port Mourant 2008 (Ex-Hampden Cask):

Preis: der Ausgabepreis für eine Flasche a 0,5 Liter betrug 54,90 Euro.

Alter: der Rum reifte von 2008 bis Anfang 2021 im Fass und ist somit junge 12 Jahre alt. 

Lagerung: die Reifung erfolgte mutmaßlich komplett in Europa. Es wurde dazu ein Teil eines PM-Fasses in ein Ex-Hampden <>H 2001 Cask gegeben, in dem er dann 13 Monate separat reifen durfte. 

Fassnummer: keine Angabe. Es wurden 111 Flaschen abgefüllt. 

Angel's Share: keine Angabe. 

Alkoholstärke: der Rum kommt noch mit 60,3% vol. daher, das entspricht der Fassstärke!

Destillationsverfahren: der Rum entstammt der Double Wooden Pot Still der geschlossenen Port Mourant Distillery. Über Uitvlugt kam sie im Jahr 2000 zur Diamond Distillery, bei der dieser Rum auch gebrannt wurde. 

Mark: PM (Port Mourant)

Farbe: sehr helles, blasses Stroh.  

Viskosität: viele kleine Tröpfchen bilden sich oben an der Glaswand und laufen dann eher zügig, parallel und in engen Abständen zueinander am Glas herab. Das sehr junge Alter zeigt sich hier sehr deutlich. 

Nase:
 in der Nase bedarf es wahrlich etwas Geduld! Während ich zu Beginn und auch mal mindestens noch ca. eine halbe Stunde doch noch etwas skeptisch drein schaue und mich ein wenig Frage ob das gerade wirklich deren (TRC') Ernst ist mir sowas vorzusetzen, wird es dann besser😉. Zu Beginn gehen die Assoziationen arg in Richtung eines Obstschnapses und ich empfinde das ganze als nicht wirklich gelungen. Dann aber, nach ca. 30 bis 45 Minuten geht es in eine ausbalanciertere Richtung und Gedanken an einen jungen Monymusk kommen auf. Und für alle, die sich auch an dieser Stelle jetzt noch fragen, wie sehr das Finish in den Rum hinein gewirkt hat: es ist überall - und doch auch nirgends! Nein, dieser Rum ist kein Port Mourant mehr mit vielleicht ein paar Hampden Nuancen, das hier ist eher wie ein Blend. Und was sich bei einem Blend zwischen Hampden und Port Mourant durchsetzen würde, das kann sich ja jeder vorstellen. Doch wer nun denkt, dass man diesen Rum blind mit einem Hampden verwechseln könnte, der irrt eben neuerlich. Denn tatsächlich ist aus dieser vollkommen verrückten Kombination weder ein PM mit Hampden-Finish, noch ein Hampden mit PM-Assoziationen geworden, sondern etwas drittes, vollkommen neues und anderes. Was ich hier habe, das erinnert mich eher an einen kontinental gereiften Vale Royal Wedderburn von Long Pond, wie Bristol sie vor einigen Jahren mal gebottled hat! Doch während es den Bristols (2011 war wesentlich besser als 2010!) damals an Tiefgang fehlte, kann der TRC an der Stelle punkten. Auch der Alkohol ist super eingebunden! Nach ca. 1,5 Stunden habe ich eine richtig harmonische, smoothe, geil-fruchtige Wedderburn-Jamaica Nase mit gegrillter Ananas und leichter Rauchnote, die Spaß macht! Wer jetzt immer noch einen PM sucht, dem muss ich ein letztes Mal sagen, dass er ihn, zumindest in der Nase, wohl heute nicht mehr finden wird. Das macht aber gar nichts, denn das was ich stattdessen vorfinde gefällt mir. Klar, das ist kein Rum im Spitzenfeld, muss und möchte er auch gar nicht sein, aber ich wage bereits jetzt die These, dass das Finish deutlich mehr aus diesem Rum gemacht hat, als ohne Finish anhand der reinen Eckdaten drin gewesen wäre, denn für gewöhnlich reizen mich derart junge PMs die im neuen Jahrtausend destilliert wurden mal so überhaupt nicht. 

Gaumen: am Gaumen überrascht mich der Rum dann zunächst neuerlich und zwar, weil er für sein jugendliches Alter und die Stärke von immerhin 60,3% vol. wirklich sau entspannt zu trinken ist und auch größere Schlucke problemlos drin sind. Gleichzeitig knistert der Tropfen aber auch noch genug auf der Zunge, um nicht als kantenlos durchzugehen. Das ist stark! Aber es kommt noch besser. Denn um ehrlich zu sein hatte ich ein wenig befürchtet, dass das Finish zwar aus der Nase gut was herausgeholt hat, das ganze am Gaumen aber sehr instabil daherkommen und in sich zusammen fallen würde. Oder, deutlicher gesagt: noch bis hier hin ging ich tatsächlich davon aus, dass aus diesen Notes am Ende sicher kein Review werden würde, aber nichts da! Denn spielt der Rum auch definitiv nicht in der obersten Liga mit, nach wie vor nicht, aber er liefert mir Argumente über ihn zu sprechen! Am Gaumen tendiert der Rum nämlich zwar zunächst wieder zu Vale Royal, kippt dann aber doch auch zu Hampden und entscheidet sich, anders als noch in der Nase, letztlich allerdings auch deutliche Charakteristika von Port Mourant (Bleistift / Anspitzer-Spähne, Anis) zu zeigen. Hier finden beide Stile letztlich wirklich zusammen und erneut würde ich blind sehr viel eher auf einen Blend tippen als nur auf ein Finish. Das gefällt mir sehr gut, zumal der Rum auch richtig schön cremig wird. Aber auch hier, wie schon in der Nase, gilt das immer so ein wenig unter Vorbehalt und darauf verweisend, dass wir uns hier zwar auf qualitativ hohem Niveau, aber ganz eindeutig nicht im Spitzenbereich befinden. 

Abgang: im Finish habe ich dann zunächst eher etwas Anis vom PM. Die nächsten Eindrücke gehören dann aber klar dem Hampden und seinen estrigen-fruchtigen Tönen, bevor es wieder richtig PM geht. Ganz zuletzt ist aber Hampden Banane da, die wiederum nochmal von Bleistiften abgelöst wird. Ganz stark, da passiert richtig was, ein tolles Finish! 

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Fazit:
 ein Rum, auf den die Welt ganz sicher nicht gewartet hat. Aber ich glaube, genau das gefällt mir daran! Denn dieser Rum bricht die Regeln, er bricht aus dem bestehenden System der in gewissem Maße erwartbaren Rums aus. Denn seien wir mal ehrlich: zumindest im High End Bereich dreht sich das Broker-Karussell seit vielen Jahren im Kreis und hält kaum echte Überraschungen bereit. Klar, es gibt häufigere und seltenere Batches, solche, die wir ein paar mal im Jahr sehen und dann wieder jene, die wir nur alle Jubeljahre mal zu Gesicht bekommen. Aber sie befinden sich letzten Endes alle auf dem Karussell und wir wissen das und stellen uns ein Stück weit darauf ein, dass wir sie dann und wann in die Flasche bekommen. Die tropisch gereiften Stocks, die Main im Vorfeld des vergangenen Jahres erwerben konnte, bilden da eine willkommene Ausnahme, sie waren nicht erwartbar... und eben unser heutiger Rum! Ihn wähnten wir nicht auf dem Karussell und er befindet sich auch jetzt nicht (mehr) darauf. The Rum Cask haben damit etwas eigenes geschaffen und das finde ich super, zumal ich nicht damit gerechnet hatte, dass das so gut funktioniert. Sicher, dabei ist kein Über-Rum herausgekommen, um Gottes Willen, aber das kann, muss und sollte man bei einem Rum dieser Preisklasse auch niemals erwarten! Wenn ich aber für knapp über 50,- Euro mal was anderes sehe als sonst und die Qualität dabei immer noch sehr hoch liegt, dann gibt es nicht viele Argumente die dagegen sprechen bei sowas auch einfach mal zuzuschlagen. Gleichzeitig muss sich aber auch niemand wirklich ärgern, wenn er diesen Rum verpasst hat. Es gab nur etwas zu gewinnen, aber nichts zu verlieren. Und das wiederum macht ihn eigentlich zu einer ziemlich perfekten Abfüllung, finde ich.

-82/100-


Bis demnächst
Flo

Sonntag, 17. Januar 2021

Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore 1962

Liebe Rum Gemeinde,

Legenden-Zeit auf Barrel Aged Thoughts! Und das bedeutet heute nicht weniger, als dass ich mir den ältesten Jahrgang ansehen werde, den ich innerhalb der Cadenhead's Cask Strength Serie kenne. Gleichzeitig ist das entsprechende Bottling auch nach dem Abfülldatum eines der ältesten aus dieser Serie, das mir bekannt ist: wir sprechen über den Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore aus dem Jahr 1962 (!), abgefüllt im Dezember 1998 mit 62,9% vol.! 



Legende! Ein einziges Wort nur, mit dem aber doch automatisch so viele weitere Worte gleichzeitig mitschwingen: Mythos. Ehrfurcht. Seltenheit. Historie. Das Besondere. Qualität! Man könnte hier nahtlos mit weiteren Begriffen anschließen und sie alle könnten letzten Endes aber doch nur anreißen, was alles im Raum steht, wenn wir über diese einzigartige Abfüllung sprechen. Bis vor wenigen Monaten kam "Mythos" dem ganzen wohl am nächsten. Denn bis zu dem Moment in dem ich die Flasche im Schweizer Rum Rarities Shop fand, hatte niemand den ich kenne diesen Rum je in flüssiger Form zu Gesicht bekommen. Der einzige Beweis für die Existenz eines solchen Bottlings mit dem Mark VNL fand sich seit vielen Jahren auf der Seite "Peter's Rumlabel" eines tschechischen Liebhabers. Daraus ergaben sich auch sämtliche bekannte Daten für diesen Rum. Einen weiteren, mit nur 30 Jahren Reife noch jüngeren, VNL kannte man darüber hinaus aus Dave Brooms Rum Buch von 2003, sofern dieser denn überhaupt existiert. Denn ich glaube, dass es sich dabei eher um einen Schreibfehler im Buch handelt und es auch hier ebenfalls um die 36 jährige Version geht. Warum? Nun, ganz einfach, für den 30 YO VNL wird im Broom ein Alkoholgehalt von 62,9% vol. angegeben, also exakt der gleiche den nachweislich auch der 36 YO hat. Zwar schließt es sich natürlich nicht aus, dass es bei beiden einfach der gleiche Wert ist, aber es ist, insbesondere durch die sechs Jahre längere Reifezeit, schon extrem unwahrscheinlich. Dazu kommt, dass es (vom ominösen 30 YO VNL abgesehen, der schon 1992/93 abgefüllt worden sein müsste) bisher keine mir bekannte Cadenhead Cask Strength Abfüllungen aus der Zeit von vor 1995 gibt (da gab es definitiv einen 1964er PM), und das, obwohl ich seit ca. zehn Jahren sämtliche Bottlings von Cadenhead zusammentrage. Klar, das sind sämtlichst Hinweise, keine Beweise, aber sie wiegen für mich schon sehr stark. Alles in allem gehe ich stark davon aus, dass die Cask Strength Linie erst 1995 gestartet wurde und es das 30 YO VNL Bottling niemals gab und Broom den 36 YO meinte. Somit wäre dies dann letztlich auch das erste und einzige weltweit mir bekannte Bottling, das je das Mark VNL getragen hat. Und niemand den ich kenne, da schlage ich dann wieder den Bogen zu meiner Ausgangslage und dem Begriff des Mythos, hatte davon jemals etwas probiert. 

Im Frühjahr 2020 allerdings fand ich diese Flasche dann bei Rum Rarities und konnte meinen Augen kaum trauen. Ein Freund kaufte die Flasche direkt und sie wurde unter Rum Liebhabern im Freundeskreis geteilt. Somit entstand erstmals überhaupt die Chance das Mark VNL kennenzulernen, was schon auch insofern spannend war, als dass es von Cadenhead keinen anderen vergleichbar alten Demerara Rum gibt, der via Column Still gebrannt worden sein soll. Ansonsten schafften es immer nur die Pot Still Demeraras aus wahlweise der Versailles oder der Port Mourant Still nach Europa. Dieser hier soll nun aber aus einer Column Still von Enmore kommen. Das klingt nun erstmal wieder nach munterem Demerara-Rätselraten, allerdings müsste es sich dabei dann tatsächlich auch um die EHP Still von Enmore handeln, denn die weiteren noch existierenden Brenn-Apparate von denen wir heute noch wissen, dass sie zu dieser Zeit existierten, standen zum entsprechenden Zeitpunkt entweder bei Uitvlugt oder bei Diamond. Albion und Blairmont waren 1962 ebenfalls noch aktiv und könnten Column Stills betrieben haben, allerdings würde dann wiederum die Angabe Enmore nicht passen. Enmore hingegen übernahm meines Wissens nach keine weitere Column Still (lediglich im Jahr 1978 die Versailles Still), wobei mir noch nicht ganz klar ist, wie das nach der Schließung von Albion lief. Marco schreibt in seinem Demerara Artikel, dass auch Albion durch Uitvlugt übernommen wurde, allerdings frage ich mich, mit welcher Wooden Column Still (die einzige solche Still die ich kenne ist die EHP bei Enmore, bzw. inzw. Diamond) sie in den Jahren 1983, 1986, 1989 und 1994 bei Uitvlugt gebrannt haben sollen. Doch das ist ein ganz anderes Thema und ich schweife ab. Sollten also die Angaben Enmore und Column Still stimmen, so sollte es eines der ganz, ganz wenigen und seltenen EHP-Destillate sein, die kontinental reifen durften. Da gibt es ansonsten nämlich nahezu nichts! Geschätzte 99,9% aller kontinental gereiften Bottlings auf denen Enmore steht, entstammen der Versailles Still. Einzige andere Möglichkeit: eine weitere, unbekannte Column Still, die es 1962 noch gab, von der wir heute aber nichts mehr wissen. Das wird wohl aber niemals mehr vollständig zu ergründen sein, weswegen ich mich nun auch wieder zurück ins Hier und Jetzt begebe ;-) 

Und das heißt für mich, dass ich nun quasi direkt an den Rum übergebe, für den die eingangs erwähnten Schagworte so sehr zutreffen, wie auf nur wenige andere Rums: Mythos. Ehrfurcht. Seltenheit. Historie. Das Besondere. Und Qualität? Gerade letzteres werde ich mir nun genau anschauen und mir dabei alle Mühe geben, durch die erstgenannten Begriffe nicht allzu sehr die Objektivität zu verlieren. Viel Spaß euch beim Lesen!



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Verkostung des Cadenhead's VNL Demerara Rum 36 YO Enmore 1962:

Preis: unbezahlbar.

Alter: von 1962 bis Dezember 1998 reifte der Rum stolze 36 (!) Jahre lang im Fass.

Lagerung: unbekannt. Wahrscheinlich ist, dass er aus den alten Cadenhead Beständen stammte, die noch direkt in Guyana erworben und dann in Europa kontinental gereift wurden. Sehr wahrscheinlich ist er auch gefärbt.

Fassnummer: unbekannt.

Angel's Share: keine Angabe.

Alkoholstärke: 62,9% vol. Alkohol weist der Rum auch nach 36 Jahren im Fass noch immer auf. Dies entspricht, wie es bei der Cadenhead's Cask Strength Serie der Name schon inkludiert, der Fassstärke. 

Destillationsverfahren: angegeben ist eine Column Still der Enmore Distillery. Dies könnte natürlich die bekannte Wooden Coffey Still (EHP) sein. Möglich wäre aber auch eine fehlerhafte Angabe, da es überaus untypisch war, dass im Column Still Verfahren gebrannte Batches nach Europa kamen. 

Mark: VNL - die Bedeutung dieses Marks liegt leider komplett im dunkeln. 

Farbe: sehr dunkel, im Glas leuchtendes Mahagoni.

Viskosität: der Rum beißt sich regelrecht am Glas fest, mutet zähflüssig und schon beinahe wie Grafschafter Zuckerrüben-Sirup oder Balsamico Essig an. Eine phänomenale Optik!

Nase:
 ich lasse den Rum per se erst einmal über eine Stunde im abgedeckten Ballonglas atmen, da er aus einer erst vor kurzem geöffneten Flasche stammt und somit noch nahezu keine Chance hatte, in der Flasche zu oxidieren (der Rum wurde direkt nach dem Öffnen in kleine Sampleflaschen umgefüllt). Bei der zweiten Verkostung lasse ich ihn wiederum ca. 30 Minuten unabgedeckt im Freien stehend atmen, was ich in diesem Fall als beinahe noch intensiver empfand. Dann bekomme ich dafür aber jeweils auch einen Rum, der mich zunächst einmal vollkommen überwältigt! Der Rum ist alt und, auch wenn das immer so abgedroschen klingt, das merkt man auch! Ein überaus reifes, komplexes, dichtes Konzentrat von Bouquet strömt mir in die Nase und verhindert erstmal, dass ich dazu überhaupt irgendwas notieren kann, denn der Rum fordert mich ungemein und man möchte von ihm auch gefordert werden. Dementsprechend bin ich hier zunächst vor allem ganz viel am Riechen und dabei, dieses Gewitter an Eindrücken das da auf mich einprasselt zu erfassen und versuche es irgendwie einzuordnen. Das ist gar nicht so einfach, weil ich einfach noch nichts wirkliches vergleichbares im Glas hatte, auch wenn ich mich durchaus stark an alte Lemon Harts aus den 1960s z.B. erinnert fühle (Tak Gregers!). Am deutlichsten habe ich wohl Assoziationen zu Melasse und karamellisierten Rohrzucker, was wohl eindeutig für eine Färbung des Rums spricht. Dahinter habe ich aber auch reichlich Gewürze (Pfeffer!), frisches Zuckerrohr, Möbelpolitur, Eichenholz und Tannine. Teilweise habe ich auch Assoziationen zu Rums wie dem REV, allerdings dürfte das wohl tatsächlich von der Gemeinsamkeit der Färbung her rühren, was zeigt, dass diese doch deutlich geschmacksgebender war und ist, als oft vermutet wird. Nach ca. drei bis vier Stunden im Glas (abgedeckt) legt der Rum nach nochmals an Intensität zu und gibt weitere Facetten preis, so dass sich eine lange und intensive Beschäftigung mit ihm schon wirklich sehr lohnt. Wenig bis gar nicht präsent zeigt sich übrigens der mit 62,9% vol. doch schon recht ordentliche Alkoholgehalt. Das ist schon beachtlich! 

Gaumen:
 auch am Gaumen empfinde ich den Alkohol als extrem gut eingebunden. Hier brennt nichts fies oder fällt anderweitig negativ auf. Bei einem Rum mit über 60% vol. habe ich das wahrlich nicht alle Tage! Frisch am Gaumen fällt mir zunächst vor allem das ungewöhnliche Mundgefühl auf, welches mich -passend zur Optik- tatsächlich eher an einen Balsamico Essig als an Rum erinnert. Er ist nicht so körperreich und dickflüssig, wie er im Glas noch anmutet. Es folgt der Eindruck einer wunderschönen, sehr feinen natürlichen Süße wie ich sie an dieser Stelle bei Rums sehr gerne mag! Dazu habe ich zu Beginn heftige Melasse, gepaart mit einer enormen Fruchtigkeit, die in der Folge ins trockenere übergeht und mich dann an eine Holzpolitur und trockenes Holz denken lässt, wie ich es häufiger bei tropisch gereiften Rums mit starkem Column Still Anteil vorfinde und mich deshalb an einen solchen erinnert. Je länger man den Rum allerdings am Gaumen verweilen lässt, desto bitterer und tanniniger mutet er auch an. Hier muss man für sich selbst die Balance finden, da sie dem Rum hier meines Erachtens ein wenig abgeht, bzw. ich glaube, dass ein paar Jahre weniger Reife diesem Fass Rum sicher besser getan hätten, als es die gesamten 36 Jahre taten. Das geht letzten Endes dann natürlich auch zu Lasten der Komplexität, da vieles was vielleicht mal da war nun von Tanninen überlagert wird. Dennoch ist das ein sehr, sehr guter Rum!

Abgang: sehr, sehr trocken, aber nicht bitter. Für einen Demerara Rum verschwindet der Rum hingegen verhältnismäßig schnell.

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Fazit:
 ein Rum, der klar auf der dunklen Seite steht und seine Jugend lange hinter sich hat! Das Attribut mag sich langsam abnutzen heute, aber der Stoff ist nicht weniger als legendär! Bis wir ihn gefunden haben hielt ich ihn schon fast für eine Art Einhorn, das nur in unser aller Fantasie besteht, weil er, anders als nahezu jedes andere bekannte Bottlings auf dieser Welt, in all den Jahren niemals irgendwo zu erspähen war. Nun ist der Vorhang zu einem der letzten unbekannten Akte der modernen Rum Geschichte gefallen und ich gehöre zu den wenigen, die einen freien Blick auf die Bühne bekommen konnte - pure Magie! Dementsprechend war es auch ein toller und besonderer Anlass, diese Flasche überhaupt zu öffnen und ich erinnere mich an nur wenige Bottle-Openings, bei denen eine größere Spannung in der Luft lag, während die Flasche gleichzeitig auch versampled und verteilt wurde. Eine der tollsten Erinnerungen aus 2020, die nun, unter den aktuell leider wieder nötigen Vorgaben und Geboten, auch schon wieder sehr weit weg anmutet. Dass ich bisher im Fazit allerdings noch kaum etwas über den Rum selbst gesagt habe wird Bände sprechen, mag jetzt vielleicht der eine oder andere glauben, aber ich denke das liegt tatsächlich in erster Linie daran, dass das Event um die Flasche und die ganze Historie mal mindestens auf einer Ebene mit dem reinen, nüchternen sensorischen Erlebnis stehen und es ist mir wichtig, auch dieses zu würdigen. Denn meines Erachtens kommt es oft und in ganz, ganz hohem Maße mehr darauf an, wann und mit wem man genießt als darauf was man genießt (vorausgesetzt, dass ein gewisses, gehobeneres Niveau gegeben ist). Nichts desto weniger darf daneben selbstverständlich nicht untergehen, dass wir hier und heute auch über einen sehr guten Rum sprechen, wenn auch meiner Meinung nach nicht über einen, den ich als überragend bezeichnen würde! Denn meines Erachtens kann der Rum in der Nase deutlich mehr als am Gaumen und wie aus der Review bereits deutlich hervorging, empfinde ich ihn nicht als auf den Punkt gereift und behaupte, dass weniger Jahre im Fass beim VNL mehr gewesen wären. Klar, bei so viel Nebengeräuschen habe ich mich natürlich auch ganz besonders darum bemüht möglichst genau hinzusehen und mich nicht der reinen Magie eines solch besonderen Bottlings hinzugeben, aber ich denke schon, dass ich auch ohne all dies nicht unbedingt sensorisch geflasht gewesen wäre. Vielleicht liegt mir allerdings auch einfach die kontinentale Reifung bei den Column Still Demeraras nicht so sehr wie die tropische. Das war bei den Pot Still Demeraras bisher wiederum genau anders herum und auch sonst erinnere ich mich an nur wenige kontinental gereifte Column Still Rums, die mich sonderlich in ihren Bann gezogen hätten. Aber all das spielt am Ende doch nur eine untergeordnete Rolle, angesichts dessen überhaupt die Möglichkeit zur Verkostung gehabt zu haben! Living, liquid history! Und insofern vergebe ich zwar ganz nüchtern die Punkte für den Rum selbst, das Erlebnis insgesamt und die empfundene Demut zu den wenigen zu gehören, denen es vergönnt war einmal einen VNL im Glas zu haben, kann ich nur und muss ich auch davon losgelöst betrachten. 

-88/100-


Bis demnächst,
Flo



Sonntag, 13. Dezember 2020

Barrel Aged Thoughts' 2020 Top 10 Rums - Part I

Liebe Rum Gemeinde,

das Jahr 2020 neigt sich nach all diesen Knaller-Abfüllungen nun tatsächlich dem Ende zu und darum denke ich, ist es nun an der Zeit ein kleines Fazit zu ziehen. Wie schon häufiger in der Vergangenheit, möchte ich euch abschließend zusammengefasst noch einmal meine Highlights des Jahres in Form einer Top 10 in zwei Teilen präsentieren. 



Prolog:

Ihr Lieben, was war das bitte für ein Jahr?! Ich weiß da, um ehrlich zu sein, gar nicht wo ich anfangen und wo ich aufhören soll. Hätte man mich vor einem Jahr gefragt, worauf ich mich in 2020 ganz besonders freue, dann hätte ich vermutlich geantwortet: auf die Messe in Köln, das Rum Fest in Berlin, die Whisky Live in Paris und auf den TRC 90 II als Knaller zum Jahresende! Ich habe zum damaligen Zeitpunkt weder geahnt, was RA das ganze Jahr über mit uns abziehen würden, was Silver Seal im Sommer 2020 fabrizieren, dass Velier es noch schaffen würde richtig gute 1998er Caronis zu bringen, dass unsere "ewige" Waschmaschine tatsächlich kaputt gehen würde können und schon gar nicht hatte ich auf dem Zettel, was ab spätestens März insgesamt weltweit abging. Ich habe letzteres, vielleicht ist euch das aufgefallen, auf Barrel Aged Thoughts nahezu gar nicht thematisiert, da ich der Meinung war und bin, dass wir von allen Seiten mit diesem Thema erschlagen wurden, ob wir wollten oder nicht, dass es an Covid 19 ohnehin kein Vorbeikommen gab, und so wollte ich mit BAT zumindest einen Platz schaffen, an dem für euch und natürlich auch für mich einfach alles weitestgehend so ist wie immer. Zumindest irgendwas wo man draufklicken kann, ohne, dass man sofort dran erinnert wird, dass gerade nichts so ist wie gewohnt. Rum-Blogging als Eskapismus, wenigstens für einen Dram der oft unschönen Realität da draußen entfliehen. Warum ich das jetzt plötzlich anspreche? Weil Covid 19 unser Jahr so unfassbar unterschiedlich geprägt hat, dass ich das nicht einfach übergehen möchte. Es war, rein auf Rum und die Vielzahl an geilen Abfüllungen bezogen, ein richtig geiles Jahr, was ich hier auch festhalten und würdigen möchte. Aber ich kann an dieser Stelle insgesamt nicht von einem Super-Jahr sprechen (auch wenn es das für mich persönlich und ganz subjektiv wohl wirklich war), wo gleichzeitig viele von euch da draußen möglicherweise aktuell ihrem Beruf und damit vielfach auch ihrer Berufung nicht nachgehen dürfen, die vielleicht um ihre Existenz bangen, möglicherweise sogar gesundheitlich betroffen oder gar Angehörige verloren haben und deshalb möchte ich das zumindest dahingehend einordnen und einmal festhalten: ja, natürlich ich bin mir der Tatsache bewusst, dass einige von euch gerade ihr beschissenstes Jahr ever hinter sich haben und sich derzeit noch nicht einmal wirklich auf ein besseres 2021 freuen können, weil auch dessen Verlauf noch vollkommen ungewiss ist. Das ist furchtbar und ich kann nur das beste für euch hoffen. Ich persönlich arbeite im sozialen Sektor. Plötzlich war ich "systemrelevant" (was für mich damals tatsächlich die Haupt-Motivation war, einen solchen Job dem Studium der Geschichte und der Archäologie nach zwei Semestern vorzuziehen). Die Belastungen bei uns auf der Arbeit waren ungleich größer als in jedem anderen Jahr, deshalb blicke auch ich nicht nicht gerade auf ein entspanntes Jahr zurück, aber ich musste, anders als viele andere, nicht eine Sekunde um meinen Job fürchten und konnte auch deshalb viele der Abfüllungen in diesem Jahr genießen. Und dafür wiederum bin ich sehr dankbar! Ebenfalls sehr dankbar bin ich über einige Entwicklungen im Rum Bereich im abgelaufenen Jahr. So hat sich der Kontakt zu Dominik und zu RA in diesem Jahr z.B. noch weiter verfestigt, was mir eine ungemeine Freude ist! 

Dominik, ich glaube, ich muss das an dieser Stelle nicht weiter ausführen, außer: vielen lieben Dank dir für das geile gemeinsame Jahr und den unfassbar guten Job den du und ihr macht! Es macht auf allen Ebenen so unglaublich viel Spaß und ich liebe unseren regen gemeinsamen Austausch! Der ist ein absoluter Hochgenuss, den ich nicht mehr missen wollen würde! Danke für alles!

Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben darf natürlich auch der Jens von TRC! Die Schlagzahl ist geringer geworden, aber wenn wir miteinander schnacken ist das, als würden wir das jede Woche tun. Es sind nun schon siebeneinhalb Jahre, seit ich euch bei der Worthy Park Abfüllung unterstützen durfte, die dann die erste BAT-Abfüllung wurde. Und es tut mir natürlich Leid, dass immer sobald wir etwas mehr miteinander zu tun haben, ihr anschließend so viel Arbeit mit Pakete packen habt ;-) Ich würde ja Besserung geloben, aber... :-) 

Steffen... auch wir sitzen inzwischen nun schon seit bald zwei Jahren gemeinsam über deinem Buch, das ohne jede Frage mit Erscheinen die neue Benchmark in diesem Bereich darstellen wird! Die gesamte Rumwelt darf sich auf diesen, deinen, Meilenstein der Rum Literatur freuen und ich persönlich fiebere dem schon wahnsinnig entgegen! Wenn immer wieder Zwei-Stunden-Telefonate mit "Hast du mal 'ne Minute?" beginnen, dann läuft irgendwas richtig ;-) 

Ich bedanke mich natürlich auch bei dir, Klaus, für das erste gemeinsame Jahr, in dem ich euch nun bei den Flensburg Rum Company Bottlings ein wenig unterstützen durfte. Klasse, dass immer mehr unabhängige Abfüller genauer hinschauen und mit der Frage an die Sache herangehen: "Was ist denn nun eigentlich der wirklich geile Shice den die Nerds auch sehen wollen?". Die nicht einfach nur irgendwie mitmischen wollen, bloß, weil das jetzt irgendwie jeder macht, sondern die das auch richtig machen wollen und richtig machen! 


Picture by E.H.

Wahnsinnig toll finde ich, dass wir es im abgelaufenen Jahr geschafft haben, mit der German Rum Association eine reine Rum Gruppe im deutschsprachigen Raum auf Facebook zu etablieren! Das war bitternötig und ich danke allen, die maßgeblich dazu beigetragen haben diese aufzubauen! Das qualitative Niveau ist hoch und auch immer noch mal gestiegen und ich freue mich, dass auch die Gruppe immer weiter wächst und inzwischen schon fast 750 Mitglieder zählt. Ihr seid super!

Und last but not least... geht natürlich ein riesiges Dankeschön an alle raus, die ich auch in diesem Jahr und trotz widriger Bedingungen zu einigen Zeitpunkten live, echt, mit Ton, in Farbe und bunt treffen konnte in diesem Jahr und ein paar unbeschwerte Tage und Stunden verbringen durfte! Ihr wisst, dass ihr gemeint seid, wenn ihr gemeint seid! :-*


Was liegt heute an?

Meine zehn besten Rums des Jahres "kühren"... das klingt total simpel, war es in diesem Jahr tatsächlich aber mal so überhaupt nicht! Es gab schon Jahre, da habe ich kaum eine wirklich vorzeigbare Top 10 zusammenbekommen weil einfach kaum richtig gute Rums released wurden und in diesem Jahr war es genau das Gegenteil - ich hätte locker und bequem eine Top 20 schreiben können! Da ich eine Top 10 hingegen wesentlich griffiger finde, habe ich davon natürlich abgesehen. Allerdings fühlte ich mich dennoch so ein wenig gezwungen nicht streng nach Punkten zu gehen und einfach die zehn am höchsten bewerteten Abfüllungen zu nehmen. Denn eine solche Liste wäre dann nicht sehr repräsentativ. Wir hätten, angesichts der Release-Flut 2020, allein fünf Caroni von Velier mit je 94 Punkten drin. Wer möchte eine solche Top 10 lesen? Auch wollte ich einen Rum unbedingt drin haben, der mit 92 Punkten zwar nicht zu den zehn am höchsten bewerteten Neuerscheinungen bei mir zählt, der diese "geringe" Punktzahl aber auch nur rein auf Grund sehr populärer Vorfahren bekam, die heute aber kaum noch jemandem etwas nützen. Ohne dieses Erbe, hätte ich den Rum vermutlich sehr viel besser bewertet und ich bin sicher, er zählt auch für viele von euch zu den absoluten Highlights in diesem Jahr. Doch dazu mehr, wenn es soweit ist. Nun, würde ich sagen, starten wir einfach mal den Countdown!


Platz 10: 

Habitation Velier C<>H Jamaica Rum 10 YO Hampden 2010

Direkt auf Platz 10 empfängt uns ein Brett, dass es bei einigen von euch sicher auch noch ein paar Plätze höher geschafft hätte. Gleichsam muss man fairerweise aber auch anmerken, dass der Rum das Lager deutlich stärker gespalten hat, als das beim HGML z.B. der Fall war, der gefühlt wirklich durchweg gut ankam. Das war beim C<>H anders, der war einigen auch zu extrem. Vor allem aber war er extrem schnell vergriffen und sorgte damit durchaus auch für Unmut. Für mich war und ist er dagegen ganz kurz und bündig der beste tropisch gereifte Hampden, den wir bisher bestaunen konnten - besser als der HGML und auch besser als das <>H Single Cask für die Whisky Live 2019! Damit hat er sich 93 Punkte redlich verdient. Dass er es bei mir "nur" auf Rang 10 geschafft hat (in normalen Jahren hätte er sicher besser abgeschnitten) liegt einzig an der enormen Konkurrenz. Es ist erst wenige Jahre her, da hätte ich für einen Rum mit dieser Qualität noch alles gegeben! Auch das zeigt, wie krass die Entwicklung im Rum Bereich in den letzten Jahren voran geschritten ist, dass solche Hammer Releases inzwischen schon beinahe zu einer kleinen Gewohnheit werden. 

Zum Review: klick


Platz 9:

Flensburg Rum Company KFM Demerara Rum 29 YO Enmore 1991

DER (!) Spalter 2020! Als sich im Februar abzeichnete, dass tatsächlich nach all den Jahren mal wieder ein neuer KFM kommen und dieser auch noch absolut mega werden würde, war ich richtiggehend elektrisiert! Eigentlich war der Stil früher gar nicht so sehr meins, weder der Demerara Style im allgemeinen noch der KFM Style im speziellen, aber wie die KFMs im Fass, so habe auch ich mich, bzw. mein Geschack sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt und so gehören die Demeraras heute inzwischen zu meinen Favoriten. Und als ich den Rum dann also Vor-Verkosten konnte, während ich in die Fass-Auswahl eingebunden war, war ich vor allem von der Nase dieses Demerara Monsters wirklich komplett überwältigt! Vielleicht auch deshalb habe ich das enorme Spalt-Potenzial dieses Rums tatsächlich in keiner Weise kommen sehen. Klar, der Rum hat den Großteil derer die ihn probiert haben letztlich doch eher überzeugt (wenn gleich er mit seinen 45,4% vol. einigen wohl auch zu dünn war), aber von der mitunter doch sehr leidenschaftlichen Ablehnung einiger war ich definitiv überrascht. Doch wie dem auch sei, ich fand ihn herausragend und mit 94 Punkten hat es der KFM aus nur dem Grund nicht bis in die allerhöchste Ebene geschafft, da er für meinen Geschmack tatsächlich noch etwas mehr Power haben könnte. Aber wenn es ein Rum, trotz dessen, dass er nicht alles ausgeschöpft hat was ginge, auf 94 Punkte bringt, dann ist das wohl der letzte Beweis für Kritik auf sagenhaft hohem Niveau. 

Zum Review: klick


Platz 8:

Velier Heavy Trinidad Rum 21 YO Caroni 1998 (Employee "Buju"):

Es war selbstverständlich nur eine Frage der Zeit, bis diese Top 10 von der ersten Caroni Abfüllung heimgesucht werden würde! Keine Destillerie hat mich in den letzten Jahren vermutlich mehr beschäftigt und stärker in meinen Bann gezogen als Caroni. Mag Hampden so etwas wie meine Rum Heimat sein, so war Caroni doch seit einiger Zeit zumindest so etwas wie eine Wahlheimat. Dass es mit dem "Buju" aber ausgerechnet ein 1998er am Ende des Jahres in diese Liste schaffen würde (und es mit dem "Yunkoo" sogar noch ein weiterer 1998er verdient gehabt hätte!), das hätte ich nie gedacht, bevor ich ihn probiert habe, zu wenig sagten mir diese bisher eigentlich zu. Der "Buju" stellte in dieser Hinsicht eine Zäsur dar, der dazu auch noch mit einem total geilen Layout punkten konnte. Dieses Spiel mit den hellblauen Farben, die ich sehr mit den Tropen assoziiere, fand ich so wunderbar passend für einen Rum, dass ich da wirklich angetan war. Ich weiß, eigentlich ist sowas zweitrangig, aber stören tut's mich eben auch nicht, wenn mir ein Rum über seinen Inhalt hinaus auch optisch noch gefällt ;-) Mit 94 Punkten verfehlt der "Buju" die Kategorie 95+ im Grunde nur, weil es eben Caroni-Styles und Demeraras gibt, die mir noch besser gefallen und ich diese Differenz noch irgendwie abbilden können muss! Aber die hier gebotene Qualität war und ist definitiv überragend!

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Platz 7:

The Rum Cask C<>H Jamaica Rum 30 YO Hampden 1990 (BAT-Abfüllung):

Mein Platz Nr. 7 ist kaum eine Woche alt, hat es mit seiner wirklich extrem seltenen Qualität aber natürlich straight in meine Top 10 geschafft. Allerdings: fällt euch etwas auf? Ein 1990er Hampden mit überragender Qualität, der es bei mir "nur" auf Platz 7 schafft? Flo, was ist da los? In wohl keinem anderen Punkt zeigt sich die Veränderung meiner Präferenzen wohl stärker als in dieser Abfüllung. Früher wäre über diesen Rum vermutlich nichts mehr drüber gegangen, aber inzwischen ist Hampden eben nicht mehr meine Nr. 1. Und, Spoiler: es wird nicht nur kein weiterer Hampden, sondern auch nur noch ein einziger weiterer Jamaicaner in meine Top 10 schaffen - der Rest stammt aus anderen Ländern und/oder von anderen Inseln! Zeitenwende auf BAT. Was aber den TRC 90 II angeht, so zeichnet sich bereits ab, dass der auch bei vielen von euch da draußen sehr gut anzukommen scheint, was mich natürlich umso mehr freut! Mehr als einmal las ich in den letzten Tagen vom besten Hampden so far oder zumindest in der absoluten Spitzengruppe. Ich für mich ganz persönlich hatte bei diesem 1990er nicht mehr ganz dieses Feuer wie beim 26 YO damals, den ich bis heute als einen meiner Grail Rums bezeichnen würde, aber das liegt eben doch mehr an mir als am Rum. Mit ebenfalls 94 Punkten verfehlt auch er die Spitzenkategorie nur, weil er für meinen Geschmack noch ein wenig mehr Biss und etwas mehr Bumms haben können. Aber, wie beim KFM: wenn wir trotz 94 Punkten noch über Schwächen sprechen, dann ist klar, wo solche Rums ohne Schwächen bei mir landen würden... 

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Platz 6:

Velier Heavy Trinidad Rum 19 YO Caroni 2000 (Employee "Nitz"):

Und zack, der nächste Caroni! Und wieder kommt er aus der dritten Employee Serie von Velier, die meines Erachtens die bisher beste der Reihe war. Jeder der Rums erreichte bei mir 94 Punkte, was für den 1996er zwar leicht unterdurchschnittlich war, beim 1998er und beim 2000er allerdings über Soll lag. Bei keiner anderen Employee Serie war das persönliche Gefallen bei mir auf so konstant hohem Niveau. Weder bei einer der vorherigen beiden, noch bei der vierten. Auf die "Nita" war ich dabei allerdings ganz besonders gespannt, da man 2000 in Fassstärke ja sonst nur in den wenigen Single Cask Releases zu Gesicht bekam, was sich nun bei den Employees erstmals änderte. Und was für ein 2000er das war! Der Jahrgang ist für mich ja ganz eindeutig die Wundertüte unter den Caroni Vintages und so war ich durchaus sehr erfreut als ich feststellen durfte, dass der Rum meinen Geschmack ziemlich präzise getroffen hat. Anders als einige anderen Rums in dieser Liste bisher spielt die "Nita" mit ihren 94 Punkten allerdings absolut am Limit aus meiner Sicht. Wirklich (in Punkten) besser kann ein 2000er mutmaßlich nicht werden und ich sehe da keinen die 95er Marke knacken. Neben der "Nita" hat die 94 allerdings noch ein weiterer 2000er geknackt und unter anderem diesen sehen wir dann beim nächsten Mal, wenn es in meine Top 5 hinein geht... 

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Bis dahin, bleibt gesund und habt einen schönen und besinnlichen 3. Advent!

Flo


To be continued...

Sonntag, 11. Oktober 2020

Velier & Cadenhead Diamond SVW - Tropical vs. Continental Aging

Liebe Rum Gemeinde,

nach der Demerara-Legende KFM in der letzten Woche möchte ich heute mit euch einen Quervergleich anstellen auf den ich mich schon lange gefreut habe! Nachdem ein glücklicher Zufall die Möglichkeit dazu eröffnet hat, teste ich zwei Demerara Rums aus der Diamond Destillerie gegeneinander, die sich in ihren Randdaten nahezu gleichen, nur dass einer in den Tropen und einer in Europa gereift wurde!


Was liegt heute an? 

Klar, über die Unterschiede zwischen tropischer und kontinentaler Reifung ist in den vergangenen Monaten und Jahren schon viel gesagt worden und den allermeisten sind diese inzwischen auch, mindestens im Groben, bekannt. Nicht zuletzt durfte das auch bereits die breite Öffentlichkeit bestaunen, nachdem Velier und E&A Scheer im letzten Jahr in Co-Produktion das Monymusk-Set auf den Markt gebracht haben. Allerdings, und da setze ich an, griff dieser Vergleich in meinen Augen in Teilen zu kurz, denn meines Erachtens profitiert Rum einfach in ganz grundverschiedener und unterschiedlicher Art und Weise von bestimmter Art der Reifung. So sahen nicht wenige sogar die kontinental gereiften Monymusks vorne und auch bei Hampden vertrete ich ja z.B. auch selbst bekannter Maßen die These, dass ihnen kontinentale Lagerung unterm Strich besser zu Gesicht stehen.


Doch wie sieht das ganze beim Demerara Rum aus? Ihr ahnt es, heute möchte ich insbesondere der tropischen Reifung eine Bühne bieten, und eine ungleich größere und imposantere, als sie sie durch die Monymusk erfahren hat! Denn es geht mit dem Demerara Rum an nicht weniger als an das Herz des Erfolgs von Velier! Die Pre-2000 Rums aus Guyana waren und sind bis heute -neben Caroni- das stärkste Plädoyer, das je für tropische Reifung gehalten wurde! Genauer gesagt geht es zum Auftakt dazu in die Diamond Distillery, ihres Zeichens die letzte verbliebene Destillerie in Guyana. Von hier möchte ich zwei Rums mit sehr ähnlichen Eckdaten miteinander vergleichen. Es geht dabei zum einen um den Velier Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1996 mit 64,6% vol. und zum anderen um den Cadenhead Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1987 mit 63% vol.. Ihr seht, die Rums gleichen sich in Destillerie, Mark (Stil), Alter und Alkoholgehalt nahezu gänzlich. Die Unterschiede bestehen lediglich im Jahrgang und in der Art der Reifung [Unterschiede in der Destillation, Coffey Still vs. Pot Still, die man den Labeln entnehmen könnte, beruhen allerdings auf einem Labelfehler von Cadenheads. Auch dieser Rum stammt aus der Coffey Still]. Möglich wurde dieser Vergleich, das soll nicht unerwähnt bleiben, da ein guter Freund an eine Flasche des Cadenhead gekommen ist, der wohl zu den seltensten Cadenhead Demeraras überhaupt zählen dürfte. Wir konnten uns zumindest beide nicht daran erinnern, ihn zuvor je irgendwo gesehen zu haben. Er tauchte, bis er ihn in einem Shop gefunden hat, nicht einmal in meiner sehr umfangreichen Liste von Cadenhead Rums auf. Und wie es der Zufall so wollte, hat eben dieser Rum vergleichbare Randdaten zu einem der Demeraras von Velier, der in den Tropen reifte. Tja, und wenn der Zufall schon an die Tür klopft, dann sollte man eben auch aufmachen und insofern lest ihr nun gleich diesen Quervergleich!


Zu den Abfüllungen selbst kann noch gesagt werden, dass es sich bei dem Velier um eine Abfüllung fünf tropisch gereifter Fässer Diamond 1996 SVW handelt, die in Full Proof und mit einem Alkoholgehalt von 64,6% vol. im Februar 2011 abgefüllt wurde. Die genaue Flaschenanzahl ist mir hier leider nicht bekannt, ebenso wenig wie der Angel's Share, den Velier erst bei späteren Bottlings immer angegeben hat. Der Cadenhead dagegen ist eine Single Cask Abfüllung eines kontinental gereiften Diamond SVW aus dem Jahr 1987, die 2003 in Fassstärke (63% vol.) auf die Flasche gebracht wurde. Auch hier ist weder eine genaue Flaschenanzahl noch der Angel's Share bekannt. 

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Velier Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1996: 

Optisch und im Glas wird ein Unterschied beider Rums schon einmal offenkundig. Der Velier kommt in einem schönen, ansprechenden Mahagoni daher und reiht sich damit nahtlos ein in all die tropisch gereiften Vertreter aus dem Hause Velier, seinen es Demerara oder auch Caroni Rums.
In der Nase setzt sich dieser Eindruck dann auch mehr oder weniger unvermindert fort, denn es ist vor allem diese Form der Alterung, dieses intensive, dunkle, tanninige, dabei aber auch süße, fruchtige und reife, das tropische Reifung grundsätzlich ausstrahlt und dabei immer auch an andere Demeraras oder auch Caronis erinnert. Und doch bin ich durchaus erstaunt an dieser Stelle, denn für 15 Jahre im Fass ist dieser Rum wirklich schon außerordentlich reif. Der Alkohol ist wenig präsent, die 64,6% vol. sind sehr gut ins Destillat eingebunden. Böses Stechen und ähnliches habe ich fast gar nicht. Ich habe dafür Klebstoffe und scharfe Lösungsmittel im Bouquet, karamellisierten Rohrzucker, dazu eine richtig schöne Süße und eine ganz ausgeprägte Fruchtigkeit, etwa von Banane, Mango und Papaya. Dazu immer wieder Melasse und holzige Noten mit Kokos, etwas Vanille und Anis. Das ganze ist dabei wahnsinnig komplex. Immer wieder geht die Nase zum Glas und immer wieder finde ich neue Komponenten, die ich zuvor so nicht wahrgenommen hatte oder nun verändert wahrnehme. Ich könnte da noch Stunden weiter erzählen. Ein Kunstwerk. Die Nase ist für mich auf den Punkt und durchaus eine der besten, die ich kenne.
Am Gaumen habe ich zu Beginn dann eine schöne natürliche Süße, aber auch ein leichtes Stechen und Brennen des Alkohols, der erst einmal gebändigte werden möchte. Dennoch ist das ganze super eingebunden und der Rum sehr schön adstringierend. Die Mundschleimhäute ziehen sich regelrecht zusammen, der Diamond wirkt dann kurz sehr trocken, bevor er letztlich ins cremige übergeht und mit einer sensationellen Mundfülle daherkommt. Wahnsinn! Der Blick ist nun frei auf einen tollen und reich gefüllten Obstkorb, der kombiniert wird mit Kokosflocken, einer schönen, kräftigen aber nie überlagernden Holznote, viel Holzlack, wie ich ihn auch bei Caroni häufiger finde, frisch geschnittenem Geäst,  einem medizinischen Touch, leichtem Tabak, schöner Würze und einer guten Portion Nelke. Sehr, sehr geil und ein mehr als stimmiges Gesamtbild! 
Im Abgang habe ich dann noch frisch geschnittenes Geäst, wieder ordentlich Nelke und dann einen deutlichen medizinschen Touch, der ins bittere geht. Sehr lang anhaltend. 

-96/100-

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Cadenhead Demerara Rum 15 YO Diamond SVW 1987:

Der Cadenhead kommt im Vergleich zum Velier wesentlich heller daher. Keine Frage, die kontinentale Reifung wird optisch sehr deutlich. Kam der Velier noch im Mahagoni-Gewand daher, ist es beim Cadenhead eher kräftig goldenes Stroh. Leichte Bräune deutet der Rum maximal an, aber auch nur, wenn man es denn sehen möchte.
Drängten sich die Unterschiede optisch bereits auf, so werden sie in der Nase mehr als nur offensichtlich. Wir sprechen hier über nicht weniger als über einen Unterschied wie den zwischen Tag und Nacht! Die 63% vol. sind präsenter als es die 64,6% vol. beim Velier waren, allerdings würde ich auch hier von einer guten Einbindung sprechen. Ansonsten geht es von nun aber aber in eine komplett andere Richtung. Ich habe beim Cadenhead deutlich weniger Intensität, der ganze Rum kommt weniger warm daher und, trotz des identischen Alters, auch deutlich jünger als der Velier. Parallelen zu anderen Rums sehe ich per se erst einmal nicht, am ehesten vielleicht zu den Providence Estate Rums aus Trinidad von Cadenhead. Das ganze wirkt, wohlwollend formuliert, subtil, oder, böse gesagt, flach. Ich habe auch hier leichte Lösungsmittel-Noten, aber nicht so schön stimmig, wie das beim Velier der Fall war. Ansonsten finde ich etwas frisch geschnittenes Geäst, schöne Vanille, grasige Noten, leichten Pfeffer, etwas Anis und peripher nach hinten heraus auch etwas Holz. Süße und Fruchtigkeit aber, also das womit der Velier eben trumpfen konnte, gehen dem Cadenhead z.B. vollkommen ab. Da wird der Unterschiede im Reifeverfahren sehr deutlich. 
Am Gaumen setzen sich die Unterschiede beider Rums nahtlos fort. Hier bietet der Cadenhead gefühlt sogar noch weniger als in der Nase, kann überhaupt nicht glänzen. Positiv fällt allenfalls die Einbindung des Alkoholgehalts auf, die gelungen ist, aber ansonsten offeriert der Cadenhead dem Genießer keinerlei Gründe sich den Rum ins Glas zu schenken. An Assoziationen habe ich etwas Vanille, eine sogar ziemlich präsente Note vom Holz, das ganze kommt trocken daher und aber eben auch sehr eindimensional. Mit einem großen Schluck hat man auch schon alles gesehen.
Im Abgang sieht es ähnlich aus. Trocken mit ein wenig Holz, dazu leichter Pfeffer und das ist es dann auch schon gewesen. Schade.

-79/100-

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Gesamt-Fazit: 

Ich habe den Vergleich weiter oben schon einmal heran gezogen, aber er passt auch zum abschließenden Fazit oder gar als Kurzfassung dieses Vergleichs wie die Faust auf's Auge: zwei Rums wie Tag und Nacht! 
Mir gefällt das bisweilen schon fast aggressive Verfechten von tropischer Lagerung als die einzig wahre Art und Weise einen Rum reifen zu lassen bekannter Maßen ganz und gar nicht und ich werde nicht müde zu betonen, dass es großartige Rumstile gibt, denen die kontinentale Reifung sogar besser zu Gesicht steht. Allerdings komme ich nicht umhin festzustellen, dass es eben tatsächlich auch die Rums gibt die von tropischer Sonne so sehr profitieren wie kaum andere Rums und, dass eben jene Rums dabei gleichzeitig in qualitative Sphären vorstoßen, die von kaum anderen Rums erreicht werden. Das sind die Heavy Rums aus Caroni, hier werden wir seit Jahren hinreichend mit Beispielen und Gegenüberstellungen (tropisch vs. kontinental) versorgt, die eindeutiger nicht ausfallen könnten, und das sind einige Column Still Rums aus Guyana! Ihr wisst um meine Begeisterung für Skeldon 1978 oder Albion 1986 und in dieser Liga spielt auch der heute verkostete Diamond 1996 SVW! Dass dieser dabei noch sehr viel günstiger zu haben ist als die beiden erstgenannten macht ihn dabei nur noch attraktiver! Dagegen muss ich festhalten, dass der sich dazu parallel im Glas befindliche Cadenhead nicht das geringste bisschen Land sieht. Er ist dabei nicht im klassischen Sinne schlecht, im Gegenteil, denn die Qualität stimmt grundsätzlich. Nein, er ist nur einfach nicht gut. Es ist dabei allerdings auch schwierig, überhaupt kontinental gereifte Column Still Demeraras zu finden, da es fast nur jene aus der Single Wooden Pot Still Versailles' oder der Double Wooden Pot Still Port Mourants in die europäischen Warehouses schaffen, aber alles was ich da bisher im Glas hatte, wusste nicht im geringsten zu überzeugen und hatte nicht annähernd die herausragende Qualität der Veliers! Zu schade also, dass DDL selbst keinerlei Interesse daran hat mehr aus diesen, seinen, Qualitäten herauszuholen und sich zwischen Blends für die Massen und unnötigen Rohrkrepierern mit bunten Labeln verliert! Denn auch und gerade dieser stiefmütterliche Umgang mit dem eigenen State of the Art führte und führt weiterhin dazu, dass die Preise für die alten Velier Bottlings immer weiter anziehen. Nicht zuletzt deshalb aber kann ich nur jedem der da wirklich mal Höhenluft schnuppern möchte empfehlen, sich eben den Diamond 1996 SVW mal genauer anzusehen. Meine Meinung: wenn heute noch einen der High End Velier Demeraras kaufen, dann den! Denn er ist mit seinen ca. 800,- Euro zwar auch schon unmoralisch teuer und wahnsinnig im Preis geklettert in den letzten Jahren, aber er ist auch der einzige der richtig, richtig guten Vertretern dieser Gattung, der aktuell noch unter der magischen Marke von 1k liegt, während alle anderen der ganz wenigen vergleichbar guten oder noch besseren Velier Demeraras (z.B. Skeldon 1978, Diamond 1988, Albion 1986, Uitvlugt 1988, La Bonne Intention 1998) schon sehr, sehr weit über dieser Marke liegen, sogar teils deutlich jenseits der zwei- und der dreitausender Marke! 

Und so geht mein Dank heute natürlich in die Heide und nach Berlin, von wo ich meine Samples bekommen habe, die diese Erfahrung möglich machten. Vielen lieben Dank! Denn ja, die ursprüngliche Verkostung ist schon einige Monate her und fand damals noch mit einem Diamond 1996 Sample statt, bevor ich auf meinen eigenen Rat gehört und mir auf Grund meiner Erfahrung mit dem Diamond 1996 eine ganze Flasche davon gegönnt habe. Es muss ja nicht immer ein Urlaub sein... 


In diesem Sinne: bis demnächst!
Flo



Sonntag, 4. Oktober 2020

Flensburg Rum Company KFM Demerara Rum 29 YO Enmore/Versailles 1991

Liebe Rum Gemeinde!

auf den heutigen Tag und den Rum, den ich euch vorstellen möchte habe ich mich schon lange gefreut, schon seit Februar diesen Jahres um genau zu sein, als ich ihn bei einer Fassverkostung erstmals im Glas hatte. Die Rede ist von KFM Demerara Rum aus dem legendären 1991er Batch!


Das Jahr 2020, ich glaube das kann man schon jetzt mehr als festhalten, ist für Fans von High End Rum ein historisches Jahr, das im Rückblick einmal als eines gelten wird, in welchem wahnsinnig viele legendäre Rum Batches zurückgekehrt sind auf die große Bühne, nachdem man sie bereits für immer verschwunden geglaubt hatte: das von RA zurückgebrachte Demerara Mark REV aus 1994 ist so ein Beispiel, aber natürlich auch das 1989er PM-Batch aus Uitvlugt oder das 1986er Rockley Batch der West Indies Rum Distillery (WIRD) von Barbados, beide herausgebracht von Silver Seal, sind hier bisher zu nennen.




In diese starke Serie reiht sich der heutige Rum ein, denn auch das KFM-Demerara Batch aus 1991 wähnten viele seit bereits fast 15 Jahren als ausgestorben! Damals brachte Cadenhead nochmal einen solchen Rum im Alter von 16 Jahren in die Flasche (und Samaroli etwa zur selben Zeit eine Version davon mit 45% vol.), nachdem sie zuvor auch schon einen 12 YO abgefüllt hatten, aber danach kam eben nichts mehr. So musste man annehmen, dass die Stocks einfach sehr gering und dementsprechend die Reserven schnell erschöpft waren, allerdings hat die Main Rum Company uns nun hier ebenso eines Besseren belehrt, wie schon bei den oben genannten Beispielen und Fässer dieses Batches. In diesem Fall ging ein Fass KFM an Old Man Spirits, die es unter dem Label Flensburg Rum Company nun auf die Flasche gebracht haben. Doch wie genau kam es dazu? Nun, so einfach wie das in der Theorie klingt, war es tatsächlich nicht. Seinen Anfang nimmt diese Geschichte im Februar 2020, als ich mit Falk Redlich gemeinsam bei mir zuhause ein paar Main Samples für Old Man Spirits probierte um mögliche neue Abfüllungen herauszufinden. Dabei stach mir ein Sample natürlich besonders ins Auge, das so eigentlich erstmal ganz unscheinbar wirkte. Denn wie bei Main üblich stand da natürlich nicht einfach KFM drauf, sondern der Rum besaß das Mark "MEK". Da allerdings angegeben war, dass er aus Enmore kommt und eben aus dem Jahr 1991 sein soll, lag der Fall ziemlich klar: MEK stand für Main Enmore KFM. Das anschließende Tasting bestätigte meine Vermutung in Sekundenbruchteilen! Um also bestimmte Rums bei Main finden zu können, muss man sich also einerseits mit deren internen Marks, als auch mit den Original Marks der Rums und mit den auf dem Markt befindlichen Rum Batches extrem gut auskennen. Auch deshalb ist Independent Bottling eben nicht so einfach, wie sich das viele oft vorstellen.

KFM-Fass #65


Aber was genau hat es mit dem Mark "KFM" auf sich? 

Rum Fans die schon lange dabei sind und die die Zeit noch mitgemacht haben als man alte Batches noch problemlos Jahre später kaufen konnte, haben nun freilich eine ungefähre Vorstellung davon was sie erwartet. Doch ich könnte mir vorstellen, dass großen Teilen da draußen die erst in den letzten Jahren dazu gekommen sind überhaupt nicht klar ist, was das Mark KFM eigentlich bedeutet. Nun, zunächst einmal steht KFM ganz simpel und wie bei den Rum Marks so häufig, für die Initialen eines Mannes, im konkreten Fall ist das Kenneth Francis McKenzie (1749 – 1831). Jener K.F. McKenzie war laut Marco Freyer, dessen Demerara Artikel die wesentlichen Informationen dieses Abschnitts entnommen sind, ein früher Besitzer der Lusignan Plantage und das Mark steht dementsprechend und ihm zu Ehren für den alten Rum Stil von Lusignan. Mitte des 20. Jahrhunderts verschmolz Lusignan mit Enmore, das zu diesem Zeitpunkt wiederum Teil der Bookers Gruppe war, und dessen kulturelles Erbe, sprich, der Rum mit dem Mark KFM, fand also bei Enmore seine Fortsetzung. Dies geschah mittels der Single Wooden Pot Still von Versailles, die nach der Schließung Versailles' ebenfalls nach Enmore kam und die anscheinend in der Lage war und ist, diesen Stil nachzuahmen. Ein ursprünglicher Brennapparat aus Lusignan jedenfalls kam dazu nicht mehr zum Einsatz. Seit alle Demerara Stile nur noch zentral bei DDL produziert werden, wird das Mark KFM dementsprechend heute in Diamond gebrannt, denn auch die Versailles Single Wooden Pot Still hat es bis dorthin geschafft. Geschmacklich allerdings gibt es krasse Unterschiede zwischen dem Batch aus 1991 und dem aus beispielsweise 2002. So wurde mindestens letzteres Batch z.B. auch nicht mehr gefärbt.

Blick ins noch gefüllte KFM-Fass - Was für ein geiler Duft! 

Fassreste aus dem entleerten KFM-Cask


Bier-Feature:

Wie schon der FRC 2007 Jamaica Rum aus Hampden wird auch der KFM 1991 mit zwei Bieren ausgeliefert! Man hat das, wie ich fand sehr erfolgreiche, Experiment mit der Südtondern Brauerei fortgesetzt und deren "Kiek An" Brown Ale für kurze Zeit im KFM-Fass reifen lassen. Allerdings, so sagte man mir, war diese Zeit kürzer als beim Vorgänger-Bier, was man geschmacklich leider auch deutlich merkt. In der Nase kommt KFM zwar sehr deutlich raus vor jedem Schluck, aber geschmacklich hat es der Rum da leider nahezu gar nicht hinein geschafft. Hier gefällt mir das Kiek An in seiner Urfassung vermutlich sogar einen Ticken besser. Nichts desto weniger gefällt mir der experimentelle Gedanke an sich, weswegen ich persönlich mich sehr freuen würde, wenn dieses Experiment nicht das letzte in diese Richtung gewesen ist. Denn das hat durchaus Potenzial, wie ich finde.



Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle erwähnt, dass ich sowohl eine Probe als auch eine Flasche des KFMs, sowie die beiden gezeigten Biere unentgeltlich zu Verkostungs- und Fotozwecken erhalten habe. Auf den Inhalt meiner Review hatte diese Geste allerdings selbstverständlich keinen Einfluss. 



Verkostung des Flensburg Rum Company KFM Demerara Rum 29 YO Enmore/Versailles 1991:

Preis: der Ausgabepreis wird, inklusive der beiden Biere, bei stolzen 289,90 Euro liegen. Das ist schon nicht wenig, gar keine Frage, allerdings sprechen wir hier eben auch über eine absolute Legende aus Guyana, die nächstes Jahr die Marke von 30 Jahren knackt. Der Vertrieb durch Kirsch erfolgt ab dem 8. Oktober 2020. 

Alter: von Juni 1991 bis Juli 2020 lag der Rum insgesamt 29 Jahre im Fass. 

Lagerung: der Rum reifte mutmaßlich während der gesamten Zeit über in kontinentalem Klima. 

Fassnummer: Fass #65 ergab noch insgesamt 131 Flaschen a 0,7 Liter.

Angel's Share: >50% gingen an die Engel. 

Alkoholstärke: der Rum kommt mit 45,4% vol. daher, was aber trotz des eher ungewöhnlich geringen Werts der vollen Fassstärke entspricht. 

Destillationsverfahren: bei diesem Rum kam Versailles' Single Wooden Pot Still zum Einsatz. 

Mark: KFM (Kenneth Francis McKenzie), das alte Mark der Lusignan Plantage.

Farbe: tiefes, dunkles, rötlich schimmerndes Mahagoni. 

Viskosität: ein fetter, satter Film, der schon beinahe wie Sirup anmutet, legt sich über die gesamte Glaswand und hinterlässt recht eng, parallel und zügig verlaufende Schlieren.

Nase: ich habe bereits direkt nach dem Einschenken eine unglaublich schöne, volle und vor allem intensive Nase! Fast schon wie Parfum mutet dieser KFM an, der, obgleich sofort als solcher erkennbar, sich in seinem Charakter doch auch sehr grundlegend von anderen KFM des gleichen Jahrgangs unterscheidet. Der Alkohol, auch das fällt sofort auf, ist sehr, sehr gut eingebunden, was in diesem Fall auch wenig überraschend ist. Da sind gerade ältere KFM wie der 16 YO von Cadenhead, der noch mit über 60% vol. daher kam, natürlich sehr viel rauer und ungehobelter gewesen, während dieser hier von der FRC sehr reif, gediegen und gesetzt erscheint. Ja, klar, er hat nur 45,4% vol., und auf den ersten Blick mag das den einen oder anderen der es gerne mit den Fassstärken hält vielleicht sogar abschrecken, aber obwohl ich mich dazu ebenfalls zählen würde bleibt für mich und für meinen Geschmack hier gerade kein Wunsch offen! In diesem blumig-pafümiert anmutenden Bouquet finde ich viel Anis, Rosinen, Melasse, Leder oder auch gebrannte Mandeln. Wuuuhuuu, also selbst nach einer knappen Stunde im Glas bin ich immer wieder auf's neue geflasht von dieser Nase! Die ist wirklich unfassbar gut! Es zeigen sich Schwefelstoffe und mit der Zeit wird der Rum dann auch tatsächlich dreckiger und geht in eine KFM-typischere Richtung, allerdings bleibt er im Vergleich zu anderen KFM schon auch noch immer außergewöhnlich. 

Gaumen: am Gaumen machen sich zunächst einmal die 45,4% bemerkbar, nämlich dahingehend, dass der Rum keinerlei alkoholische Schärfe aufweist, aber auch dahingehend, dass der Rum schon auch leicht dünn ist, wenn auch keinesfalls zu dünn. Denn da der geringe Alkoholgehalt der natürlichen Fassstärke entspricht und nicht aus einer nachträglichen Dreingabe von Wasser resultiert, spreche ich nämlich nicht von Wässrigkeit, da besteht ein Unterschied. Man muss sich das eher vorstellen wie beim Velier Albion 1983, der mit 46,7% vol. eine ähnliche Stärke aufweist. Wer den schon mal im Glas hatte weiß: das kann sehr viel Spaß machen! Im Zweiten Schluck fällt dieser Effekt dann auch schon deutlich geringer aus. Nach einigen Sekunden im Mund bricht der Rum dann komplett auf und flutet den gesamten Mundraum mit geilstem KFM-Geschmack! Ein wirklich heftiger Körper, der Demerera ist total mundfüllend und kommt mit einer schöne Süße von Pflaume und Dörrobst um die Ecke. Dahinter dann ganz viel Anis, deutliche Melasse, viel Holz, auch wenn ich das als extrem gut eingebunden empfinde, etwas nussiges und für mich nicht spezifischer benennbare Gewürze. Peripher habe ich noch Jod und Latex. Vor allem aber findet man mit jedem Schluck immer auch noch neue Aspekte und Eindrücke! Man kann sich wahnsinnig lange mit dem KFM beschäftigen, ohne dass es einem irgendwie langweilig wird. Das ist einfach wahnsinnig voller, intensiver Geschmack mit einem schon fast ewig anmutenden Tiefgang. 

Abgang: reichlich Anis, Tannine und Eichenholz begleiten den Rum auf seinem Weg nach unten. Ich habe fruchtige Nachklänge, die dann trockener, aber nicht bitter werden. Ein sehr langer Abgang für einen Demerara Rum! Auch sehr viel später am Tag habe ich ihn noch präsent!

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Fazit: unfassbar gut! Es ist ja so, dass wenn Legenden wie der KFM plötzlich und nach all den Jahren wie aus dem Nebel wieder auftauchen, dass die Erwartungen immens hoch sind, da gerade diese Legenden-Bildung immer auch dazu neigt, zweifelsohne sehr gute Rums von einst sogar nochmal zu überhöhen. Dass es dann gerade erst in diesem Jahr etliche Bottlings geschafft haben dem zu entsprechen, wirkt sich darauf dann auch noch eher potenzierend aus. Diesen dann schon fast ungerechten (wenn auch nicht ungerechtfertigten) Erwartungen ist ein solches Bottling dann -ob es will oder nicht- ausgesetzt und das ist schon auch eine enorme Bürde. Der heute verkostete KFM hat sich dieser allerdings angenommen und davon vollkommen unbeeindruckt als schon viertes Vintage Batch in 2020 ein grandioses Comeback gefeiert! An diesem dann auch noch ein Stück beteiligt gewesen zu sein, macht es für mich ganz persönlich dann natürlich auch nochmal besonders speziell! Insofern bedanke ich mich gerne an dieser Stelle auch noch einmal bei Old Man Spirits dafür, dass man mich bei der Verkostung der Main Proben dazu geholt hat und mir das so die Möglichkeit gab, dieses besondere Batch wiederzuentdecken.
Das war nun alles sehr positiv gesprochen und für alle, die sich da vielleicht noch ein wenig mehr Ausgewogenheit im Fazit wünschen, denen sei verraten: ja, der Rum könnte für meinen Geschmack wohl tatsächlich noch ein paar Volumen-Prozente mehr aufweisen und dadurch ein ganz klein wenig körniger sein, dann wäre er wahrlich perfekt, aber er ist auch so schon meines Erachtens verdammt nah dran!

-94/100-

Bis demnächst
Flo