Sonntag, 30. April 2017

Velier Caroni 17 YO Trinidad Rum Extra Strong

Liebe Rum Gemeinde,

heute mache ich auf Barrel Aged Thoughts meinen ersten Ausflug auf die Insel Trinidad und verkoste einen Rum aus der 1923 gegründeten und 2003 geschlossenen und (auch deshalb) inzwischen sehr begehrten Destillerie Caroni, abgefüllt vom nicht minder begehrten Abfüller Velier. Wenn ich hier schreibe "begehrt", so resultiert das zu einem großen Teil aus so etwas ähnlichem wie journalistischen Anspruch bei den Informationen zu den Rums meiner Reviews. Die Realitäten würden mit dem doch eher reißerischen Wort "Hype" meines Erachtens allerdings wesentlich treffender wiedergegeben werden. Und damit sind wir dann auch schon mitten im Thema. Denn beide, Caroni als auch Velier, polarisieren die Rum-Szene seit einigen Jahren ungemein!
Ich möchte es daher auch nicht versäumen, an dieser Stelle postwendend ebenso darauf hinzuweisen, dass dieser Hype durchaus auch auf tatsächlich vorhandener Qualität beruht. Unter einem Hype verstehen Menschen nicht selten auch den Zulauf auf etwas überbewertetes, was wiederum häufig damit gleichgesetzt wird, dass das was überbewertet wird, im Grunde kaum einen Wert überhaupt hat. Das ist hier so ganz klar nicht gegeben, aber dennoch finde ich den Begriff nicht unpassend. Warum? Mir wird zwar in den Augen einiger die Qualität von speziell Velier nicht zu hoch angesiedelt, das ist sie nämlich tatsächlich, aber mir wird jene der anderen Abfüller im Vergleich zu niedrig beziffert. Es gibt Connaisseure, die vermitteln den Eindruck, als gäbe es nichts anderes mehr, was letztlich auch mit dazu beigetragen hat, dass die Preise dieses unabhängigen Abfüllers explodiert sind. Und das finde ich letztlich übertrieben und falsch. Velier hat bei Guyana und Caroni Full Proof Rums Maßstäbe gesetzt und sich seinen guten Namen redlich verdient. Fakt. Aber es darf nicht vergessen werden, dass Velier hier auch Möglichkeiten hatte, die andere Unabhängige Abfüller nicht hatten und auch nicht haben konnten und die es trotzdem verstehen, Abfüllungen auf ähnlichem Niveau zu präsentieren. Und nicht zuletzt gab es auch bei Velier schon Nieten und Ausfälle. Ob der heutige Rum dazu zählt? Eher nicht. ;)
Zur Insel Trinidad und zu Caroni im speziellen werde ich während des Mais in einem Artikel über einen anderen Rum dieser Destillerie noch ein paar Worte verlieren, hier würde das den Rahmen nun hingegen sprengen, denn die Bühne darf jetzt gern geräumt werden für den heutigen Hauptdarsteller.

Velier Caroni 100% Trinidad Rum 17 YO Extra Strong  110 Proof Vintage 1998


Verkostung des Velier Caroni 17 YO Trinidad Rum Extra Strong:


Preis: ursprünglich wurden für den Rum um die 90-100 Euro aufgerufen. Inzwischen muss man aber mindestens 120 Euro auf den Tisch legen. Eher mehr. Es gibt noch Restbestände zu kaufen, aber eben weil es Restbestände sind, haben die Preise merklich angezogen. 

Alter: der Rum reifte von Februar 1998 bis zum 22. September 2015 17 Jahre lang auf Trinidad in diversen Fässern. 

Lagerung: seine Reifung erfuhr der Rum auf der Insel Trinidad. 

Fassnummer: die Nummern der Fässer hat Velier nicht angegeben.

Angel's Share: ca. 80% gingen an glückliche Engel. 

Alkoholstärke: der Rum wurde mit 55% vol. abgefüllt. Damit hat er eine minimale Verdünnung erfahren, die 55% vol. entsprechen nicht der Fassstärke. 

Destillationsverfahren: es existiert dazu keine Angabe auf dem Label. Marius von Single Cask Rum geht von einem Mix aus Pot- und Column Still Rum aus. 

Mark: keine Angabe. 

Farbe: sehr dunkler, vom goldene ins braune gehender Bernstein. Seine tropische Reifung sieht man ihm tatsächlich an!

Viskosität: der Rum beißt sich beinahe an der Glaswand fest! Vereinzelt laufen kleinere "Gruppen" von Schlieren langsam und träge an der Wand herunter. Mit einiger Zeit ziehen andere "Gruppen" nach. 

Nase: Oh ja, in der Tat ein "Heavy Rum", wie es das Rücketikett des Rums ankündigt! Ein sehr volles, reichhaltiges und komplexes Bouquet. Ich habe an vorderster Front eine schöne, angenehme Süße, eventuell von Rosinen stammend, sowie etwas Walnuss und 95% Bitterschokolade von Lindt, in die sich leichte Eindrücke vom Alkohol mischen. Dahinter allerdings tun sich, im positiven gesehen, auch einige Abgründe auf! Teer, brennende Autoreifen, Klebstoffe, eben die ganze Palette dessen, was man wohl als Stil-typisch für Caroni bezeichnen könnte, dessen, was viele von Caroni erwarten und wofür diese Destillerie von zahlreichen Connaisseuren geschätzt wird. Und dies sind auch die Noten, die beim peripheren Nosing an einem vorbeisausen. Anders als bei einigen richtigen Dreck-Monstern von Caroni, ist die Nase dieser Abfüllung im Gesamten allerdings auch sehr rund. Die Ecken und Kanten sind nicht in der Art und Weise vorhanden, wie beispielsweise bei der 12 YO Abfüllung von Velier, bei der jegliche Süße fehlt und bei der die Autoreifen und der Teer komplett dominieren. So ist dieser Rum nicht, die 5 Jahre längere Reife merkt man ihm stark an. 

Gaumen: sehr Körperreich. wie schon in der Nase eine leichte Süße zu Beginn, an der sich dann der Alkohol vorbeischiebt. Einen Augenblick möchte dieser Rum gezügelt werden, bevor ich dann vieles wiederfinde, was ich in der Nase schon gehabt habe. Und hier am Gaumen sind es jetzt vor allem die dreckigen Aromen, die sich ihren Weg bahnen! Ganz viel Teer und brennende Autoreifen, die aber nach wie vor von einer dezenten Süße, dieses Mal von Orange, begleitet werden, und die dem Rum an dieser Stelle einen super funktionierenden Twist gibt. Gefällt mir ausgesprochen gut! Hinten rum kommen dann auch ein paar Einflüsse vom Fass durch, die aber auf den Punkt zu sein scheinen. 
Der Rum ist am Gaumen zwar nicht ganz so komplex wie er es in der Nase ist, aber dafür findet sich hier einfach mal nichts, was den Genuss in irgendeiner Weise stören könnte oder würde. 

Abgang: Teer und frisch geschnittene Äste! Der Abgang ist zwar nicht über die Maßen lang, verweilt aber doch wenigstens ein paar Minuten im Mundraum, bevor er langsam verfliegt. 

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Fazit: das ist genau der richtige Caroni für mich! Der richtige Caroni für einen Connaisseur, der auf schwere Rums in britischem Stil steht, den extreme Aromen nicht abschrecken, der auch mit Teer und brennenden Autoreifen klar kommt, der es aber auch gerne mal etwas runder mag und der es mag, wenn man es schafft, dass das beides auch so ein bisschen miteinander kombiniert werden kann. Genau das ist hier passiert, genau das hat Velier geschafft! Das beste aus zwei Welten kommt in dieser Abfüllung zusammen und mir gefällt das einfach richtig gut! 
Vielen Caroni-Fortgeschrittenen ist er vielleicht schon einen Ticken zu rund, aber ganz sicher ist diese Abfüllung daher auch Caroni-Einsteigern zu empfehlen um diesen Stil einmal von allen Seiten kennenzulernen. Nicht zu krass und nicht zu weichgespült. Für mich nach wie vor einer der besten Rums dieser Destillerie, die man für anständiges Geld kaufen konnte. Den aktuellen Preis finde ich schon wieder ziemlich heftig, aber bei Caroni und Velier gibt es für die Preise leider nur eine Richtung und die zeigt immer nach oben. 
Der nächste Caroni auf Barrel Aged Thoughts geht in eine ähnliche Richtung, wird allerdings etwas stärker in die dreckige Ecke gehen, wenn auch nicht viel stärker. Diesen werde ich dann auch, dem Monat entsprechend, in einem Mai Tai testen, einem Caroni-Mai Tai. Ich bin sehr gespannt und ihr dürft es auch sein. 

Und damit verabschiede ich mich bis morgen, dann geht es hier los mit dem MAI Tai Monat 2.0. 

Bis dahin!
Flo

Sonntag, 23. April 2017

Rum News - Blog-Landschaft im Wachstum

Liebe Rum-Gemeinde,

im März habe ich unter der Überschrift "Thoughts..." kein Review gebracht, sondern einige meiner Gedanken zu einem aktuellen Thema der Rum Szene dargelegt. Im konkreten Fall war das der Ausverkauf des The Rum Cask Hampden 1990 innerhalb von nur drei Tagen. Ähnliches, also mich zu aktuellen Themen aus der Rum Welt in einem eigenen Artikel zu äußern, werde ich nun wohl auch in Zukunft immer mal wieder machen, dann nämlich, wenn mir danach ist, mich dahingehend hier mitzuteilen. ;) Heute geht es um ein paar Neuigkeiten aus der Rum Welt.

Während der Anlass der "Thoughts" also ein eher weniger freudiger war, so ist mir das Verfassen der heutigen Zeilen ein echtes Vergnügen! Denn heute möchte ich die Gelegenheit nutzen, und zunächst auf die Rum-Blogger-Szene in Deutschland eingehen. Diese hat sich nämlich in der letzten Zeit nicht nur merklich vergrößert, sondern sie hat dabei auch enorm an Qualität dazu gewonnen, was ja letztlich entscheidend ist. Keine Blogger für die Industrie, sondern "Überzeugungstäter". Wunderbar! 
Ich möchte hier in erster Linie drei neue Blogs nennen, bei denen ich mich sehr freue, dass sie die Szene bereichern. Diese sind:




Ruminfo:

Ruminfo ist der Blog von Christian Düster und richtet sich im Moment noch in erster Linie an Rum-Einsteiger. Allerdings tut er das in einer Weise, die mir sehr imponiert und gut gefällt. Er stellt sehr übersichtlich dar, welche Rums eher zu empfehlen sind als andere und warum. Ich habe für Einsteiger selten einen schöneren Leitfaden gefunden. Es werden zwar auch Rums vorgestellt, die heute in "Nerd-Kreisen" in eher zweifelhaftem Ruf stehen, allerdings passiert dies nicht unreflektiert, sondern sehr kritisch und ohne jede Beschönigung. Ein El Dorado 12 beispielsweise ist gezuckert und das sagt er auch klar und deutlich. Allerdings: ein El Dorado 12 ist eben auch sehr gefällig und bietet Einsteigern die Möglichkeit den Stil von Demerara kennenzulernen, ohne sofort verschreckt zu werden. Aber deshalb einen gezuckerten Rum empfehlen? Dein Ernst, Flo? Jein! ;) Denn man darf nicht vergessen: die Szene wird nicht deshalb größer, weil die dazukommenden alle als erstes einen Fassstärke Diamond probieren, sondern weil sie durch Rums wie die von El Dorado herangeführt werden. Wem dann das Profil zusagt, der landet im Jahr 2017 inzwischen fast von ganz alleine irgendwann bei Single Casks in Fassstärke. Und tatsächlich ist mein Problem auch gar nicht, dass es diese Produkte gibt, sondern dass sie nicht als das was sie sind deklariert sind: Spirituosen auf Rum Basis. Und genau diese Auffassung vertritt eben auch Ruminfo. Das Thema Zusatzstoffe wird auf der Seite intensiv behandelt und bietet auch dem Fortgeschrittenen einen hervorragenden Überblick über die Materie.

Alles in allem daher ein Blog-Projekt, dessen Name dem Vorhaben auch wirklich gerecht wird. Der Anfang ist gemacht und hat mich vollkommen überzeugt. Und ich freue mich bereits auf die ersten Reviews von Single Cask- und Fassstärke-Rums! 


Single Cask Rum:

Hier ist der Name Programm! Auf Single Cask Rum stellt der von mir sehr geschätzte Rum-Kollege Marius Lohschelder genau das vor: Einzelfassabfüllungen, gerne auch in Fassstärke, von unabhängigen Abfüllern. Auf spezielle Länder oder Destillerien ist er nicht festgelegt, was ich sehr positiv finde, da es noch immer sehr unterrepräsentierte Stile in der Rum Welt gibt. Dazu zähle ich u.a. auch die Destillerie Sancti Spiritus auf Kuba, aus der Marius bereits zwei Rums vorgestellt hat. Aber auch Rums aus St. Lucia z.B. werden sicher Platz auf SCR finden.
Anders als die anderen beiden heute empfohlenen Blogs schreibt Marius seine Reviews aber nicht auf Deutsch, sondern er verfasst sie in englischer Sprache und erreicht dadurch natürlich auch international eine große interessierte Leserschaft. 
Die vorgestellten Rums sprechen doch schon ein eher fortgeschrittenes Publikum an und haben damit prinzipiell die gleiche Zielgruppe wie auch mein eigener Blog. Das führte dazu, dass man sich inzwischen natürlich auch schon etwas kennt, sich schätzt, untereinander austauscht und in Zukunft auch gemeinsame, kleinere und größere blogübergreifende Projekte nicht unwahrscheinlich, um nicht zu sagen zu erwarten, sind. Großartig! Seid gespannt, wir haben da schon ein paar Sachen in der Pipeline! :) Darauf und auf noch viele weitere fundierte und schön in Szene gesetzte Reviews freue ich mich wirklich sehr! Ein unglaublich wertvoller Zugewinn für die gesamte Rum Szene! 


RUMBOOM:

Und als dritten der Runde möchte ich euch den Blog RUMBOOM vorstellen, der von Thomas Bossnack betrieben wird. Dessen extrem gut ausgeprägte olfaktorische und gustatorische Sinne sind innerhalb der Rum Szene längst bekannt und genau diese besondere und außergewöhnliche Qualität bringt er auch in sein Blog Projekt mit ein. Auf RUMBOOM werden euch nämlich vor allem auch Crosstastings, das heißt das unmittelbare Testen und Vergleichen mehrerer Rums direkt nebeneinander, sowie Blindtastings, also die Königsdisziplin der Verkostung, erwarten. Hier hat er eine echte Lücke im Portfolio der Rum Blogs entdeckt und wird diese, da bin ich mir sicher, in beeindruckender Weise schließen. Eine unschätzbar wertvolle Bereicherung, wie ich finde, zumal sich auch Thomas nicht zwingend auf wenige bestimmte Länder oder Inseln festlegt.
Die Zielgruppe ist mit der von Single Cask Rum vergleichbar und ebenso wie Marius, so schätze ich auch Thomas sehr und stehe auch mit ihm in regelmäßigem Kontakt und Austausch. Und ebenso sind auch hier gemeinsame Projekte geplant, auf die ich mich sehr freue!

Abschließend bleibt mir noch zu sagen, dass ich euer aller drei Wege mit Freude weiter mitverfolgen werde (und teilweise ja auch mit beschreiten darf) und ich euch natürlich ganz viel Fleiß, Kreativität, tolle Ideen und Durchhaltevermögen wünsche und natürlich viele Leser, denen es ebenso geht wie mir!


Zu guter Letzt...

Ich habe euch heute drei, wie ich finde, unglaublich spannende und hochwertige Rum Blogs vorgestellt, die alle in 2017 gestartet sind und, um da einen kleinen Bogen zu spannen, die letztlich alle mehr oder weniger dem Ende 2016 gestarteten Rum Forum "Der Rum Club" entstammen. 
Dieses habe ich zwar auch schon seit einiger Zeit hier auf dem Blog in der rechten Spalte prominent verlinkt, aber ich möchte diese Zeilen heute gerne dazu nutzen, auch auf eben dieses Forum nochmals aufmerksam zu machen. Der Rum Club ist das in meinen Augen erste deutsche Rum Forum, dass sich tatsächlich ganz der Passion verschrieben hat, dessen Administration tolle Arbeit leistet und dessen Mitglieder einen sehr freundlichen, kollegialen und respektvollen Umgang miteinander pflegen. Es macht wahnsinnig Spaß sich dort unter Gleichgesinnten zu bewegen und sich gegenseitig auszutauschen. Und ich bedanke mich sehr, bei allen, die das möglich gemacht haben und möglich machen! 

Das war es dann heute auch schon wieder von mir. Nächsten Sonntag gibt es wohl nochmal einen Rum, bevor wir dann auch schon in den MAI Tai starten (siehe Vorankündigung, rechte Spalte ganz oben). 

Ich werde mir jetzt einen kleinen Dram Velier Albion 1983 einschenken und wünsche euch allen noch ein schönes Rest-Wochenende.

Bis nächste Woche,
Flo

Montag, 17. April 2017

The Rum Cask Guadeloupe Rum 18 YO Bellevue 1998

Frohe Ostern, liebe Rum Gemeinde,

heute mache ich mal einen Ausflug nach Guadeloupe, einer 1628 qm² großen Insel der kleinen Antillen bzw. der Inseln über dem Winde und französisches Übersee-Departement. Somit verkoste ich heute ganz offiziell R(h)um aus der Europäischen Union!
Doch Moment, auf die Insel Guadeloupe selbst geht es eigentlich gar nicht, sondern wir befinden uns genauer gesagt auf Marie-Galante, einer sehr kleinen Insel (kleiner als z.B. die Ostseeinsel Fehmarn) in direkter Nachbarschaft zu Guadeloupe, südöstlich zu diesem gelegen, die aber zu Guadeloupe gehört. Daher liegt hier auch kein Fehler auf dem Label vor. 
Marie-Galante wurde, laut seines Wikipedia-Artikels, im Jahr 1493 von Christoph Kolumbus auf dessen zweiter Fahrt in die "Neue Welt" entdeckt und nach der Maria Galanda, einer seiner Karavellen, benannt. Zuckerrohr wurde auf Marie-Galante schon um 1650 herum kultiviert, nachdem sich die ersten französischen Siedler dort niederließen. Dementsprechend war die Zucker- und R(h)umproduktion schon seit jeher der größte wirtschaftliche Faktor der Insel, was letztlich aber auch dazu führte, dass im Zuge des Bedeutungsverlusts der Zuckerproduktion Marie-Galante während der letzten Jahrzehnte über die Hälfte seiner Einwohner durch Immigration verlor. 
Heute produzieren auf Marie-Galante noch drei Destillerien Rhum: Bielle und Poisson in der Gemeinde Grand-Bourg und Bellevue in der Gemeinde Capesterre. Die R(h)um-Abfüllung um die es heute geht, stammt aus der letztgenannten Destillerie, Bellevue, und wurde vom unabhängigen Abfüller The Rum Cask abgefüllt, der damit nach einem 14 YO, einem 16 YO und einem 17 YO bereits den vierten Rum dieses Batches anbietet. 
Bellevue (frz.: "schöne Aussicht") umfasst laut guadeloupe.net 140 Hektar Land, erzeugt jährlich 900.000 Liter Rhum in einer großen Column Still und kann täglich von 9.30 Uhr bis 13.00 Uhr besichtigt werden. Eine der Sehenswürdigkeiten der Destillerie, wenn nicht sogar die Hauptsehenswürdigkeit, ist eine alte Windmühle aus dem Jahr 1821, die inzwischen renoviert, aber in ihrem Look erhalten wurde. Diese war einst Antrieb für die Zucker- und Rumproduktion. Doch nun zum Rum selbst:

The Rum Cask Guadeloupe Rum from Bellevue Distillery 18 YO (1998 - 2016) - 56,6% vol.


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Verkostung des The Rum Cask Guadeloupe Rum 18 YO Bellevue 1998:

Preis: die 0,5 Liter Abfüllung dieses Rums kostet im Shop von The Rum Cask 65,90 Euro. Sie bieten dort aber auch 2, 4 und 10 cl Samples an. 

Alter: der Rum reifte von 1998 bis 2016 im Eichenholzfass und ist volle 18 Jahre alt. 

Lagerung: ich vermute eine kontinentale Reifung zu erheblichem Teil. 

Fassnummer: keine Angabe

Angel's Share: keine Angabe

Alkoholstärke: mit 56,6% vol. ist der Rum in Fassstärke abgefüllt worden. 

Destillationsverfahren: The Rum Cask geben auf dem Label eine Column Still als Urheber an. 

Mark: hier macht The Rum Cask keine Angaben. Bei Cadenhead hingegen wird bei Rums des selben Batches das Mark GMBV angegeben. Dieses steht vermutlich für Guadeloupe Main BelleVue. 

Farbe: dunkles, goldenes Bernstein im Glas. In der Flasche wirkt er noch deutlich dunkler. Da auch die ganz jungen Rums dieses Batches vor einigen Jahren schon dunkel waren, liegt eine Färbung durch die Destillerie Bellevue nahe. 

Viskosität: sehr weite, unregelmäßige Schlieren verlaufen sich langsam und gemächlich an der Glaswand. 

TRC Guadeloupe Rum 18YO Bellevue 1998 im Glas
Nase: nach ca. einer Stunde im Glas habe ich eine sehr dunkle, würzige, trockene und nach hinten heraus leicht süßliche Nase. Sehr verwoben, geballt und komplex. Sehr reifer Charakter! Ich nehme Teer, leicht rauchige Noten und Assoziationen von Tabak, Zigarren und > 90% Bitterschokolade wahr. Es gesellt sich auch Rosine dazu, ziemlich präsent sogar, und etwas Triple-Orangenmarmelade ist da auch. Ganz hinten, in der letzten Ecke, meine ich einen Hauch von Muffin mit Karamell auszumachen. Der Rum braucht sehr viel Zeit im Glas, bevor er auch voll da ist. Das ist nichts für Zwischendurch.

Gaumen: wenig alkoholische Schärfe, auch zu Beginn kaum vorhanden. Auch größere Schlücke sind problemlos möglich. Ohne Umwege geht es also an all das, was er zu bieten hat. Und das ist vor allem erst einmal ein prall gefüllter Gewürzschrank, in dem es mir schwer fällt mich zurechtzufinden. Nelke, Kardamom und sehr eindeutig Anis meine ich zu erkennen. Daneben gesellen sich Trockenfrüchte und Lakritz. Sehr präsent ist darüber hinaus auch Leder, und zwar in einer Weise, dass mich der Rum schon sehr an das 1999er Batch aus der John Dore Pot Still aus St. Lucia erinnert! Der Rum hat nicht ganz die Öligkeit, die ich erwartet hatte, aber er ist angenehm cremig. Tannine schwingen im Hintergrund immer mit, aber leider auch schon knapp an der Grenze des für mich wünschenswerten. Der Rum hat definitiv eine klare Bitterkeit, aber ich empfinde sie als gerade noch angenehm. Heißt aber auch: mehr hätte wirklich nicht gedurft! Auffällig: die vollkommene Abwesenheit von süßen Noten am Gaumen.

Abgang: Mittellang, einige Minuten bleibt der Rum präsent. Tannine, würzig, sehr trocken und hinten raus mit einem angenehmen Touch Bitterorange und Anis.

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Fazit: Mal was anderes auf von mir! Auch wenn dies insgesamt natürlich nicht mein erster Rum aus der Bellevue Distillery war, ich hatte auch schon einen 15 YO von Rumdealers Selection, einen 16 YO von Cadenhead und mit dem 14 YO und dem 17 YO von The Rum Cask auch zwei der jüngeren Brüder dieser Abfüllung im Glas, so hat mich dieser 18 jährige doch aber in besonderer Weise überzeugt. Schon der Cadenhead und der 17er TRC gefielen mir besonders gut und ich kann sie im Grunde beide ebenfalls uneingeschränkt empfehlen, aber die heute verkostete 18 YO Abfüllung finde ich noch einmal einen Tick besser! Sie ist die reifeste der bisher verkosteten Abfüllungen dieses Batches. Der Preis geht mit knapp über 90,- Euro auf 0,7 Liter gerechnet in Ordnung. Da werden anderswo zwar teilweise weniger, sehr häufig aber auch mehr aufgerufen. Ich meine, der Rum ist sein Geld wert, denn das ist wirklich Guadeloupe, wie es mir gefällt. Das ist speziell in meinem Fall schon bemerkenswert, da ich den Rums der französischen Übersee-Departements normalerweise grundsätzlich eher weniger zugeneigt bin. Bei Bellevue hingegen kann ich mit größtem Vergnügen die von Leo damals hier besprochenen Rhum Agricoles um einen weiteren Vertreter würdig ergänzen, allerdings bin ich mir fast sicher, dass sich da kaum noch weitere Rums aus Bellevue dazu gesellen werden. Denn ich empfinde diesen Rhum wirklich sehr auf den Punkt und bin noch länger gereiften Vertretern des Batches daher erst einmal skeptisch gegenüber eingestellt. Aber das ist noch Zukunftsmusik und die Augen werde ich in jedem Fall offen halten.
Was mich letztlich noch interessieren würde ist, ob das hier ein Rhum Traditionnel auf der Basis von Melasse oder doch ein klassischer Agricole aus Zuckerrohrsaft ist. Verlässliche Angaben dazu habe ich keine gefunden, aber meine Geschmacksnerven würden sich beinahe auf Melasse festlegen. Bisher hatte jeder Zuckerrohrsaft-basierte Rhum eine ganz eigene Note inne, die ich einfach nicht mag und die mich dementsprechend im Destillat dann auch stört. In keinem der bisher von mir verkosteten Bellevues fand ich diese Note, was mich zu der Annahme verleitet, es hier mit einem Rhum Traditionnel zu tun zu haben. Das ist aber lediglich ein persönlicher Eindruck. Aber ein hinreichender Beweis fehlt, wie gesagt, leider.

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Und noch einmal: auch heute geht mein Dank an den guten RUMZ vom Rum Club, der auch diesen Rum dort geteilt hat und mir so erneut die Möglichkeit gab den Rum hier zu testen. Vielen Dank, abermals!

Ich wünsche euch noch ein schönes Rest-Osterwochenende!

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 9. April 2017

Cadenhead's CS Jamaica Rum Worthy Park 11 YO (05/17)

Liebe Rum Gemeinde,

heute folgt mit dem Review zum Cadenhead's Cask Strength Jamaica Rum Worthy Park 11 YO aus dem Jahr 2005 die Fortsetzung zum Review von letzter Woche, als es um den Habitation Velier WP 2005 ging, der wiederum mit dem The Rum Cask Worthy Park 9 YO, ebenfalls aus dem Jahr 2005, verglichen wurde. Heute werde ich den Cadenhead des mutmaßlich gleichen Batches mit diesen beiden vergleichen. Bevor man sich also an das heutige Review macht, sollte man die beiden vorherigen gelesen und vor Augen haben! Im Fazit wird dann spätestens klar, warum das so ist. 

Der Rum heute ist 11 Jahre gereift und wurde im Januar 2017 von Cadenhead's in Schottland abgefüllt. Damit ist er im Vergleich der drei Rums der älteste. Wie schon seine beiden jüngeren Brüder, so wurde auch dieser in Fassstärke abgefüllt: 57,9% vol. hat er laut Label noch. Über die Lagerung kann man nur mutmaßen, Cadenhead macht hier keine Angaben. Man kann aber von einer Teilreifung in den Tropen zu großem Teil ausgehen. Destilliert wurde der Rum in einer Pot Still. Es wird sich dabei vermutlich um die Double Retort Pot Still aus Worthy Park handeln, aus der auch die beiden anderen Rums stammen. Der Rum trägt das Mark JMWP und ist Teil der traditionsreichen Cadenhead Cask Strength Serie. 

Zum Abfüller Cadenhead muss an dieser Stelle glaube ich nicht mehr viel gesagt werden. Zahlreiche Rums dieses geschichtsträchtigen schottischen (vor allem Whisky-) Abfüllers sind hier bereits besprochen worden, seien es Rums aus der Cask Strength-, als auch der Green Label Serie. Einst zählte das Unternehmen zu den Giganten unter den Unabhängigen Abfüllern. Sie rühmten sich dafür, das größte Lager an Demerara Rums außerhalb von Guyana zu haben und brachten lange als so ziemlich einziger Abfüller die Rums auch in Fassstärke heraus. Bis Anfang des neuen Jahrtausends ging das so, allerdings wurde es danach doch eher ruhig um Cadenhead, zumindest im Rum Bereich. Zwar kamen immer mal wieder auch neue Rums, aber in der Anzahl war das schon sehr reduziert. Man merkte, dass das Lager erschöpft war und dass der Abfüller nun in gleicher Weise auf die Broker angewiesen ist, wie das bei anderen auch der Fall ist. Ihren Status als Gigant haben Cadenheads heute also leider eingebüßt. Abfüllungen wie die heutige erfahren nicht mehr diese Aufmerksamkeit bei der Neuerscheinung wie noch vor wenigen Jahren. Andere Abfüller haben diese Position eingenommen.

3 x  Jamaica Rum Worthy Park 2005 in Fassstärke: Cadenhead 11YO; Habitation Velier 10YO; The Rum Cask 9YO

Verkostung des Cadenhead's CS Jamaica Rum Worthy Park 11 YO (2005 - 2017):

Sample by RUMZ
Preis: Cadenhead ruft 57 Euro für die 0,7 Liter Flasche dieses Rums auf.

Alter: Der Rum wird als 11 jähriger verkauft, gelagert von 2005 bis 2017.  

Lagerung: keine Angabe, es kann aber auch hier, wie sich noch herausstellen wird, zu erheblichem Teil von Tropical Aging ausgegangen werden. 

Fassnummer: unbekannt.

Angel's Share: unbekannt.

Alkoholstärke: 57,9% vol., also eine Abfüllung in Fassstärke.

Destillationsverfahren: eine Pot Still ist angegeben. Vermutlich handelt es sich um die selbe Double Retort Pot Still, die auf dem Label des Habitation Velier zu sehen ist. 

Mark: JMWP

Farbe: dunkles, kräftiges, Stroh.

Der Cadenhead Worthy Park 11 YO 2005 - 2017 - 57,9% vol. im Glas
Viskosität: weite, unregelmäßige Schlieren, langsames Fließen an der Glaswand.

Nase: wie beim letzten Mal standen die Rums auch heute ca. 30 Minuten im Glas atmend bevor ich zum eigentlichen Tasting überging. Im ersten Eindruck, wenn man nur eben die Nase rein hält, hat der Cadenhead die klar fruchtigste Nase, allerdings verfliegt dieser Eindruck auch sehr bald wieder. Um dann wiederzukommen. Das ist wirklich heavy heute! Nicht, weil die drei die Rums, der TRC, der Habitation Velier und der Cadenhead an und für sich so unglaublich fordernd wären, sondern weil sie sich wirklich wahnsinnig ähnlich sind. Beim Verweilen der Nase im Glas, wenn man alle drei Rums von vorne bis hinten erlebt, wird das noch deutlicher. Hier Unterschiede festzustellen klappt eigentlich nur beim Habitation Velier, der eine noch etwas vollere, würzigere Nase hat als die beiden anderen Rums. Aber wie auch letzte Woche: für mich sind die Unterschiede hier marginal. Eine gesteigerte Reife zum Habitation Velier, der ein Jahr jünger ist, kann ich nicht feststellen, im Gegenteil, der Rum wirkt in der Nase jünger, vergleichbar mit dem TRC.

Gaumen: eine natürliche Süße zu Beginn, danach kommt erst einmal der Alkohol, der kurz gezügelt werden muss. Ist das passiert, zeigt sich der Rum angenehm cremig am Gaumen und erinnert auch hier an die beiden zuvor verkosteten Rums. Was auffällt ist, dass die Anis-Note die ich beim TRC und noch einmal mehr beim Habitation Velier hatte, hier sehr viel geringer ausfällt. Ansonsten gleichen sich auch hier die Eindrücke am Gaumen sehr. Nach Hinten heraus wird der Rum würzig-pfeffrig. 

Abgang: die pfeffrige Note zieht sich in den Abgang und verhallt dort auch recht schnell. Hier konnte der Rum weniger als seine beiden Vorgänger hier auf dem Blog.

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Der Sieger für mich im Gesamtvergleich: der Habitation Velier WP 2005
Fazit: Ich habe die drei Rums in zwei Sessions je nebeneinander gehabt und spätestens nach 45 bis 60 Minuten im Glas, der Velier braucht etwas länger im Glas als der TRC und der Cadenhead, fällt es wirklich unglaublich schwer noch markante Unterschiede zu finden. Sie sind da, fallen aber vergleichbar gering aus.
Heißt im Klartext: der Habitation Velier ist meines Erachtens der stärkste der drei, auch wenn er im Glas länger braucht, gefolgt vom The Rum Cask und mit nur wirklich geringem Unterschied vom Cadenhead. Selten hatte ich drei solch ähnliche Rums im Glas. Ein Batch so unmittelbar miteinander zu vergleichen ist nicht ganz einfach, aber sehr spannend. Erkenntnis für mich: im Vergleich aller drei Rums zeigt sich deutlich, dass der Habitation Velier wohl noch etwas länger in den Tropen gelegen haben dürfte als die beiden anderen und vermutlich auch als die anderen Worthy Parks, die von anderen unabhängigen Abfüllern noch so am Markt zu finden sind, wie z.B. der RA. Da ist einfach ein Vorsprung in der Reifung auszumachen, der eigentlich nur tropisch gereift zustande kommen kann. Ich vermute, dass um 2012/2013 herum, als die ersten Worthy Parks auftauchten, eine große Fuhre aus der Karibik nach Europa an die Bulkhändler verschickt wurde. Bis dahin werden sie wohl tropisch gereift sein, sonst wären die Unterschiede größer und auch der 2013 abgefüllte 4 YO von The Rum Cask spricht von seinem Reifegrad her im Vergleich klar dafür. Heißt: der Habitation Velier lag mutmaßlich ein bis zwei Jahre länger in den Tropen als die anderen aus dem Batch. Das merkt man im Glas und das merkt man, leider, auch im Portemonnaie. Der Habitation Velier ist mit 85 bis 90 Euro klar teurer als der The Rum Cask (ca. 56 Euro auf 0,7 Liter) und der Cadenhead (57 Euro). Ist er das wert? Objektiv: meines Erachtens ja! Wen dieser Stil kitzelt, wie mich beispielsweise Hampden kitzelt, dem sei der Habitation Velier ans Herz gelegt. Er ist sein Geld, objektiv, auf jeden Fall wert, finde ich. Mir persönlich, also streng subjektiv, ist er das Geld nicht wert. Warum? Ich finde, Worthy Park 2005 ist ein toller "All Day Rum Stil" (bitte auf keinen Fall zu wörtlich nehmen! :) ), den ich sehr gerne entspannt trinke! Da brauche ich für mich ganz persönlich nicht das höchste Level beim entsprechenden Aufpreis. Dafür sind die beiden anderen für deutlich weniger Geld nur unwesentlich hinten an und bieten mir bei dem, was für mich Worthy Park ausmacht, den gleichen Spaß.

Und last but not least: Heute geht mein Dank an RUMZ vom Rum Club, der diesen Rum dort geteilt hat und mir so die Möglichkeit gab den Cadenhead hier zu testen. Danke!

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 2. April 2017

Habitation Velier Forsyths WP Jamaica Rum 2005

Liebe Rum Gemeinde,

nachdem sich die Wogen langsam wieder etwas glätten und sich die Aufregung um den The Rum Cask Hampden 1990 legt, soll hier nun auch wieder Raum für anderen Rum geschaffen werden, der momentan (noch?) weit weniger gehypt wird. Kurz: es geht um Jamaica Rum aus Worthy Park. 

Worthy Park, das war im Sommer 2013 noch der absolute Knaller. Da erschienen die ersten neuen Rums aus dieser seit 1670 bestehenden aber erst 2005 wiedereröffneten Destillerie und dementsprechend groß war die Neugierde unter den Connaisseuren. Den Startschuss gaben damals The Rum Cask mit dem 4 jährigen Worthy Park aus 2009. Seit dem sind fast vier Jahre vergangen und in der Zwischenzeit haben es viele Abfüllungen aus Worthy Park auf den Markt geschafft. Einen, den 9 jährigen The Rum Cask aus dem Jahr 2005, habe ich hier auf Barrel Aged Thoughts auch bereits vorgestellt, ziemlich genau zwei Jahre ist das her, aber es gab auch weitere, insbesondere aus eben diesem 2005er Batch, welches inzwischen recht häufig mal auftaucht. Zwei Abfüllungen, eine zehn, die andere elf Jahre gereift, die ich sehr spannend fand, möchte ich heute und beim nächsten Mal hier auf dem Blog besprechen und werde sie beide mit dem bekannten 9 jährigen TRC, den ich (zumal für seinen Preis) wirklich super fand und noch immer finde, und natürlich auch untereinander vergleichen. Haben sich die weiteren Jahre der Reife bemerkbar gemacht, und wenn ja, wie? Da alle drei Abfüllungen noch erhältlich sind und Worthy Park bei vielen Connaisseuren nicht ganz so sehr im Fadenkreuz steht wie Demerara Rum oder Jamaicaner aus Hampden oder Long Pond , genießt dieser Vergleich sogar den schon beinahe vergessenen Luxus der aktuellen Relevanz. Das ist selten geworden im Rum Single Cask Milieu! 


Zunächst etwas zum heutigen Rum: es wird um den 2005er Worthy Park von Habitation Velier gehen, der im Jahr 2015 mit 10 Jahren Fassreife abgefüllt wurde. Habitation Velier? Genau, da war kürzlich erst was! Vor ca. drei Wochen, Mitte März dieses Jahres, besprach ich hier auf BAT bereits den 6 jährigen Hampden 2010 HLCF dieses Abfüllers und habe an der Stelle auch ein paar Worte zu diesem verloren. 
Über den Rum selbst lässt sich sagen, dass er laut Label der erste der Destillerie überhaupt ist, seit 1962. Es handelt sich also um das erste Batch aus Worthy Parks Neuzeit. Darüber hinaus erfahren wir dort, dass der Angels Share bei über 64% gelegen hat, die Reifung komplett in den Tropen stattfand und dass zur Destillation ausschließlich Melasse der Worthy Park Destillerie verwendet wurde. Was selbstverständlich klingt, ist in Wahrheit zwar nicht gänzlich außergewöhnlich, aber dennoch einer Erwähnung wert, da es leider tatsächlich Destillerien gibt, die ihre Melasse aus anderen Ländern zukaufen. Velier legt viel wert auf die Feststellung dieser Qualitätsmerkmale und stellt sie dementsprechend heraus. Doch genug der blanken Theorie.

Habitation Velier Forsyths WP Jamaica Pure Single Rum 2005 (Worthy Park) - Sample by "Casa"


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Verkostung des Habitation Velier Forsyths WP Jamaica Pure Single Rum 2005


Preis: Für den Rum in 0,7 Liter Gebinde müssen ca. 85 bis 90 Euro auf den Tisch gelegt werden. 

Alter: Der Rum reifte von 2005 bis 2015 insgesamt zehn Jahre lang im Fass. 

Lagerung: Tropical Aging ist bei Velier bekanntlich das Zauberwort. 

Fassnummer: unbekannt.

Angel's Share: >64% gingen an die Engel.

Alkoholstärke: 57,8% vol. maß der Rum bei seiner Abfüllung noch. Fassstärke.

Destillationsverfahren: angegeben ist eine Double Retort Pot Still. Sie ist sogar auf dem Label zu sehen. 

Mark: unbekannt.

Habitation Velier Forsyths WP 2005 im Glas
Farbe: dunkles, kräftiges, Stroh.

Viskosität: weite, unregelmäßig verlaufende Schlieren laufen zunächst langsam, dann aber schnell werdend an der Glaswand herunter. 

Nase: nach ca. 30 Minuten des Atmens im Glas habe ich zunächst leichte Anflüge von Klebstoff (wer mit Jamaica keine besonders lange Vorgeschichte hat, der könnte das hier u.U. als eine Untertreibung empfinden!) in der Nase. Das Ganze dabei im ersten Eindruck schon wesentlich reifer anmutend als beim 9 jährigen TRC, die Anis-Note im Bouquet ist bereits wesentlich ausgeprägter. Klare Verwandtschaft zu diesem und anderen Worthy Park erkennbar. 
Eine Nase, die ich als sehr angenehm empfinde, als überaus kräftig, aber auch als etwas eindimensional. Klar, da sind schon noch die ganzen Bananen, die Vollmilchschokolade, da ist tatsächlich auch immer noch die Jugendlichkeit von Worthy Park erkennbar, die vor allem im 4 jährigen damals zu finden war, das alles gepaart mit wunderbarem Anis, aber darüber hinaus geht es da einfach nicht weiter. Die Steigerung zum 9 jährigen ist aber ganz klar da, wenn auch nicht um Welten. Im peripheren Nosing ist da vor allem eine sehr angenehme rumig-bananige Note, die ich mit Rumkugeln assoziiere.

Gaumen: alkoholische Schärfe ist zunächst vorhanden, aber sie ist nicht unangenehm präsent. Hat es sich der Rum dann auf der Zunge bequem gemacht, was relativ schnell geht, so kann man diesen cremigen Tropfen in vollen Zügen genießen. Hier ist der Rum dann auch nicht mehr eindimensional, sondern stellt sich in mehreren Ebenen dar. Da ist die fruchtig-bananige und eher schokoladig-süße Ebene, die Ebene, in der vor allem der Einfluss vom Fass sehr schön durchkommt und auf weit mehr als zehn Jahre der Reifung schließen lässt (jedoch niemals überreift oder verholzt) und da ist diese richtig schön kräftige Anisnote auf der letzten Ebene. Das alles bildet zusammen eine sehr gelungene Einheit, die zu entdecken hier wirklich Spaß macht. 

Abgang: Ui, frisches Holz und Anis bilden hier eine sehr schöne Liaison mit einer Hand voll Cashew Kernen! Vor allem ersteres bleibt zunächst präsent, als letztes allerdings habe ich die Cashew Kerne. 

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TRC Worthy Park 9 YO  und Habitation Velier Worthy Park 10 YO 
Fazit: auch der 2005er Worthy Park von Habitation Velier ist absolut gelungen! Das eine Jahr mehr Reife im Vergleich zum TRC kommt vor allem in der Nase durch, aber die Unterschiede sind letztlich marginal. Am Gaumen hat der TRC noch etwas mehr vegetales als der Velier, dafür ist der Velier schon insgesamt etwas abgerundeter. Ich würde mich daher dazu hinreißen lassen zu sagen, dass der Velier leicht die Nase vorn hat, aber das wirkt in der reinen Aussage eigentlich schon größer, als es die Unterschiede wirklich hergeben. Qualitativ sind sie in meinen Augen ohnehin nicht vorhanden, das sind beides großartige Rums, die Frage welcher einem besser gefällt liegt also im Bereich der persönlichen Vorliebe. Bei mir ist es hauchdünn der Habitation Velier. Vergleicht man allerdings die preislichen Unterschiede, so stehen den knapp unter 40 Euro für 0,5 Liter vom TRC ca. 85-90 Euro für 0,7 Liter vom Habitation Velier gegenüber. Oder anders gesagt: für zwei Flaschen TRC (1 Liter) bekomme ich nicht einmal ganz eine Flasche (0,7 Liter) vom Velier. Das wiegt dann doch etwas schwerer als die geringfügigen Unterschiede, weswegen ich hier eher zwei Flaschen als eine kaufen würde.
Und das liegt auch an folgendem: beide Rums sind keine Lehrstücke in Komplexität, hingegen beiden gemein ist, dass das auch überhaupt nicht schlimm ist. Beide Rums sind leicht zugänglich, dabei aber aufregender als viele andere Rums aus z.B. Panama, Haiti oder Cuba. Sie bieten für ihr junges Alter schon vergleichsweise viel. Man kann sie entspannt trinken, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen natürlich geschmacklich, zum anderen aber auch, weil die Destillerie Worthy Park noch nicht so überlaufen ist wie vieles andere und extremere aus Jamaica und Guyana. Hier kann man derzeit noch entspannt probieren und sich dann bequem einen Vorrat schaffen. Und dass sich daran so schnell etwas ändert kann ich mir auch kaum vorstellen, da das breite Interesse klar in den Extremen liegt: und das bedient Worthy Park nun einmal einfach nicht. Im Gegenteil, sie haben eine bis dahin bestehende Lücke im Portfolio jamaicanischer Aromabomben logisch geschlossen. Denn das, was Worthy Park da macht gefällt mir allemal besser als die Low-Extreme-Sachen, die ich z.B. bisher aus Long Pond im Glas hatte. Da gibt es auch Stile abseits der bekannten und beliebten High Ester Bomben, die jedoch in meinen Augen sämtlichst durchfielen. Worthy Park macht das sehr viel besser und sehr viel konsequenter und ich hoffe, dass da auch weiterhin einiges kommt. Ich denke, dass diese Rums ihren Reifezenit noch lange nicht erreicht haben. 

PS: Danken möchte ich an dieser Stelle heute einmal mehr dem Casa vom Rum Club, der mir dieses Sample zukommen ließ und es mir somit ermöglichte, den Rum zu probieren. Danke! 

Bis demnächst (mit einem weiteren Worthy Park),
Flo