Montag, 17. April 2017

The Rum Cask Guadeloupe Rum 18 YO Bellevue 1998

Frohe Ostern, liebe Rum Gemeinde,

heute mache ich mal einen Ausflug nach Guadeloupe, einer 1628 qm² großen Insel der kleinen Antillen bzw. der Inseln über dem Winde und französisches Übersee-Departement. Somit verkoste ich heute ganz offiziell R(h)um aus der Europäischen Union!
Doch Moment, auf die Insel Guadeloupe selbst geht es eigentlich gar nicht, sondern wir befinden uns genauer gesagt auf Marie-Galante, einer sehr kleinen Insel (kleiner als z.B. die Ostseeinsel Fehmarn) in direkter Nachbarschaft zu Guadeloupe, südöstlich zu diesem gelegen, die aber zu Guadeloupe gehört. Daher liegt hier auch kein Fehler auf dem Label vor. 
Marie-Galante wurde, laut seines Wikipedia-Artikels, im Jahr 1493 von Christoph Kolumbus auf dessen zweiter Fahrt in die "Neue Welt" entdeckt und nach der Maria Galanda, einer seiner Karavellen, benannt. Zuckerrohr wurde auf Marie-Galante schon um 1650 herum kultiviert, nachdem sich die ersten französischen Siedler dort niederließen. Dementsprechend war die Zucker- und R(h)umproduktion schon seit jeher der größte wirtschaftliche Faktor der Insel, was letztlich aber auch dazu führte, dass im Zuge des Bedeutungsverlusts der Zuckerproduktion Marie-Galante während der letzten Jahrzehnte über die Hälfte seiner Einwohner durch Immigration verlor. 
Heute produzieren auf Marie-Galante noch drei Destillerien Rhum: Bielle und Poisson in der Gemeinde Grand-Bourg und Bellevue in der Gemeinde Capesterre. Die R(h)um-Abfüllung um die es heute geht, stammt aus der letztgenannten Destillerie, Bellevue, und wurde vom unabhängigen Abfüller The Rum Cask abgefüllt, der damit nach einem 14 YO, einem 16 YO und einem 17 YO bereits den vierten Rum dieses Batches anbietet. 
Bellevue (frz.: "schöne Aussicht") umfasst laut guadeloupe.net 140 Hektar Land, erzeugt jährlich 900.000 Liter Rhum in einer großen Column Still und kann täglich von 9.30 Uhr bis 13.00 Uhr besichtigt werden. Eine der Sehenswürdigkeiten der Destillerie, wenn nicht sogar die Hauptsehenswürdigkeit, ist eine alte Windmühle aus dem Jahr 1821, die inzwischen renoviert, aber in ihrem Look erhalten wurde. Diese war einst Antrieb für die Zucker- und Rumproduktion. Doch nun zum Rum selbst:

The Rum Cask Guadeloupe Rum from Bellevue Distillery 18 YO (1998 - 2016) - 56,6% vol.


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Verkostung des The Rum Cask Guadeloupe Rum 18 YO Bellevue 1998:

Preis: die 0,5 Liter Abfüllung dieses Rums kostet im Shop von The Rum Cask 65,90 Euro. Sie bieten dort aber auch 2, 4 und 10 cl Samples an. 

Alter: der Rum reifte von 1998 bis 2016 im Eichenholzfass und ist volle 18 Jahre alt. 

Lagerung: ich vermute eine kontinentale Reifung zu erheblichem Teil. 

Fassnummer: keine Angabe

Angel's Share: keine Angabe

Alkoholstärke: mit 56,6% vol. ist der Rum in Fassstärke abgefüllt worden. 

Destillationsverfahren: The Rum Cask geben auf dem Label eine Column Still als Urheber an. 

Mark: hier macht The Rum Cask keine Angaben. Bei Cadenhead hingegen wird bei Rums des selben Batches das Mark GMBV angegeben. Dieses steht vermutlich für Guadeloupe Main BelleVue. 

Farbe: dunkles, goldenes Bernstein im Glas. In der Flasche wirkt er noch deutlich dunkler. Da auch die ganz jungen Rums dieses Batches vor einigen Jahren schon dunkel waren, liegt eine Färbung durch die Destillerie Bellevue nahe. 

Viskosität: sehr weite, unregelmäßige Schlieren verlaufen sich langsam und gemächlich an der Glaswand. 

TRC Guadeloupe Rum 18YO Bellevue 1998 im Glas
Nase: nach ca. einer Stunde im Glas habe ich eine sehr dunkle, würzige, trockene und nach hinten heraus leicht süßliche Nase. Sehr verwoben, geballt und komplex. Sehr reifer Charakter! Ich nehme Teer, leicht rauchige Noten und Assoziationen von Tabak, Zigarren und > 90% Bitterschokolade wahr. Es gesellt sich auch Rosine dazu, ziemlich präsent sogar, und etwas Triple-Orangenmarmelade ist da auch. Ganz hinten, in der letzten Ecke, meine ich einen Hauch von Muffin mit Karamell auszumachen. Der Rum braucht sehr viel Zeit im Glas, bevor er auch voll da ist. Das ist nichts für Zwischendurch.

Gaumen: wenig alkoholische Schärfe, auch zu Beginn kaum vorhanden. Auch größere Schlücke sind problemlos möglich. Ohne Umwege geht es also an all das, was er zu bieten hat. Und das ist vor allem erst einmal ein prall gefüllter Gewürzschrank, in dem es mir schwer fällt mich zurechtzufinden. Nelke, Kardamom und sehr eindeutig Anis meine ich zu erkennen. Daneben gesellen sich Trockenfrüchte und Lakritz. Sehr präsent ist darüber hinaus auch Leder, und zwar in einer Weise, dass mich der Rum schon sehr an das 1999er Batch aus der John Dore Pot Still aus St. Lucia erinnert! Der Rum hat nicht ganz die Öligkeit, die ich erwartet hatte, aber er ist angenehm cremig. Tannine schwingen im Hintergrund immer mit, aber leider auch schon knapp an der Grenze des für mich wünschenswerten. Der Rum hat definitiv eine klare Bitterkeit, aber ich empfinde sie als gerade noch angenehm. Heißt aber auch: mehr hätte wirklich nicht gedurft! Auffällig: die vollkommene Abwesenheit von süßen Noten am Gaumen.

Abgang: Mittellang, einige Minuten bleibt der Rum präsent. Tannine, würzig, sehr trocken und hinten raus mit einem angenehmen Touch Bitterorange und Anis.

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Fazit: Mal was anderes auf von mir! Auch wenn dies insgesamt natürlich nicht mein erster Rum aus der Bellevue Distillery war, ich hatte auch schon einen 15 YO von Rumdealers Selection, einen 16 YO von Cadenhead und mit dem 14 YO und dem 17 YO von The Rum Cask auch zwei der jüngeren Brüder dieser Abfüllung im Glas, so hat mich dieser 18 jährige doch aber in besonderer Weise überzeugt. Schon der Cadenhead und der 17er TRC gefielen mir besonders gut und ich kann sie im Grunde beide ebenfalls uneingeschränkt empfehlen, aber die heute verkostete 18 YO Abfüllung finde ich noch einmal einen Tick besser! Sie ist die reifeste der bisher verkosteten Abfüllungen dieses Batches. Der Preis geht mit knapp über 90,- Euro auf 0,7 Liter gerechnet in Ordnung. Da werden anderswo zwar teilweise weniger, sehr häufig aber auch mehr aufgerufen. Ich meine, der Rum ist sein Geld wert, denn das ist wirklich Guadeloupe, wie es mir gefällt. Das ist speziell in meinem Fall schon bemerkenswert, da ich den Rums der französischen Übersee-Departements normalerweise grundsätzlich eher weniger zugeneigt bin. Bei Bellevue hingegen kann ich mit größtem Vergnügen die von Leo damals hier besprochenen Rhum Agricoles um einen weiteren Vertreter würdig ergänzen, allerdings bin ich mir fast sicher, dass sich da kaum noch weitere Rums aus Bellevue dazu gesellen werden. Denn ich empfinde diesen Rhum wirklich sehr auf den Punkt und bin noch länger gereiften Vertretern des Batches daher erst einmal skeptisch gegenüber eingestellt. Aber das ist noch Zukunftsmusik und die Augen werde ich in jedem Fall offen halten.
Was mich letztlich noch interessieren würde ist, ob das hier ein Rhum Traditionnel auf der Basis von Melasse oder doch ein klassischer Agricole aus Zuckerrohrsaft ist. Verlässliche Angaben dazu habe ich keine gefunden, aber meine Geschmacksnerven würden sich beinahe auf Melasse festlegen. Bisher hatte jeder Zuckerrohrsaft-basierte Rhum eine ganz eigene Note inne, die ich einfach nicht mag und die mich dementsprechend im Destillat dann auch stört. In keinem der bisher von mir verkosteten Bellevues fand ich diese Note, was mich zu der Annahme verleitet, es hier mit einem Rhum Traditionnel zu tun zu haben. Das ist aber lediglich ein persönlicher Eindruck. Aber ein hinreichender Beweis fehlt, wie gesagt, leider.

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Und noch einmal: auch heute geht mein Dank an den guten RUMZ vom Rum Club, der auch diesen Rum dort geteilt hat und mir so erneut die Möglichkeit gab den Rum hier zu testen. Vielen Dank, abermals!

Ich wünsche euch noch ein schönes Rest-Osterwochenende!

Bis demnächst,
Flo

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