Mittwoch, 31. Oktober 2018

Velier 15 YO TECA Long Pond 2003

Liebe Rum Gemeinde,

heute kommt dann selbstverständlich auch die letzte der vier neuen Jamaica Rum-Abfüllungen von Velier zur Verkostung, welche alle von National Rums of Jamaica Ltd. stammen und in der Long Pond Distillery gebrannt wurden: es ist der älteste der vier Rums, der 15 YO Long Pond TECA 2003!



All jene, die die bisherigen Reviews zu den anderen drei Long Ponds in den letzten Wochen verfolgt haben, also die des Cambridge 2005, die des Vale Royal 2006 und jene des Long Pond TECC 2007, für die sind die diversen neuen Begriffe, die die Long Ponds mit sich gebracht haben inzwischen bekannt und werden sich nun vermutlich etwas langweilen, beziehungsweise eventuell einfach direkt bis zur Verkostung runterscrollen. Wer aber heute neu einsteigt und noch keines der Reviews gelesen hat und für wen Begriffe, wie National Rums of Jamaica Ltd., Long Pond, Tilston Estate oder TECA noch echte Fremdwörter sind, für den beginne ich auch heute nochmals mit einem kurzen, komprimierten Ausflug nach Guyana zum Demerara Rum, um anhand dessen das Geflecht rund um National Rums of Jamaica Ltd. aufzuschlüsseln und dazu der Einfachheit halber, auch wenn das sonst nicht meine Art ist, die Absätze zu diesem Thema aus den bisherigen Reviews nahezu 1:1 übernehmen.


Zum Einstieg:

Im Grunde genommen muss man sich das ganze Konstrukt nämlich ähnlich vorstellen wie beim Demerara Rum, dessen Geschichte ebenfalls verworren, inzwischen allerdings weit fortgeschrittener dokumentiert ist und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, in erster Linie durch eine umfassende Arbeit von Marco Freyer. Zusammengefasst: beim Demerara Rum haben wir mit Demerara Distillers Ltd. (DDL) eine übergeordnete Firma und mit Diamond eine Destillerie, die dieser Firma gehört. Diese Destillerie stellt den Rum von Diamond her, allerdings auch viele andere Rum Stile von Brennereien aus Guyana, die ihre Tore längst geschlossen haben, teilweise schon seit Jahrzehnten. Dazu zählen z.B. Enmore, Port Mourant, Uitvlugt, Versailles, Albion, Skeldon oder La Bonne Intention. Dies tut Diamond, indem es, teilweise mit den alten und erhaltenen Destillierapparaten der geschlossenen Destillerien, deren Stile (genauer bezeichnet durch ein so genanntes Mark) weiter produziert. So gibt es auch heute noch beispielsweise Port Mourant Rum (Mark: PM), obwohl die Destillerie Port Mourant schon seit Jahrzehnten nicht mehr existiert. Aber die Double Wooden Pot Still aus Port Mourant, die ist noch immer erhalten und produziert in der Destillerie Diamond weiter u.a. das Mark PM. Die Destillierapparate vieler anderer ehemaliger Destillerien sind heute längst verschrottet, aber teilweise ist es möglich, auch deren alte Stile durch die noch existierenden Apparate anderer Destillerien quasi nachzuahmen. Dies gilt z.B. für Albion. Da war man bei jeder neuerlichen Schließung einer Brennerei und damit verbundener Umzüge in andere Brennereien leider sehr pragmatisch. 
Was bedeutet das nun für unseren heutigen Rum oder die vier neuen Rums von Velier im Allgemeinen? Nun, wir haben mit National Rums of Jamaica Ltd. (NRJ) erneut eine übergeordnete Holding, die nicht selbst Rum herstellt, sondern, unter deren Dach verschiedene Destillerien Rum herstellen. NRJ hat sich im Jahr 2006 gegründet und bildet einen Zusammenschluss der drei Destillerien Clarendon (Monymusk), Long Pond und Innswood, von denen Innswood aber schon seit 1996 nicht mehr aktiv ist und Long Pond zwischenzeitlich nicht mehr aktiv war, seit 2017 aber wieder ist. NRJ gehört zu je einem Drittel dem Staat Jamaica in Form der National Sugar Company, der West Indies Rum Distillery auf Barbados (gehört inzwischen wiederum Ferrand in Frankreich) und DDL in Guyana. 
Innswood und Clarendon sind jeweils vergleichbar junge Destillerien, die erst um die Mitte des 20. Jahrhundert herum ihren Betrieb aufnahmen. Die Geschichte Innswoods war eine recht kurze, denn man produzierte nur von 1959 bis 1992 Rum. Danach wurden hier nur noch die Räumlichkeiten genutzt, z.B. für die Lagerung und das Blending der Rums.[1] Die Geschichte Clarendons beginnt entweder im Jahr 1938 oder 1949. Hier wird bis heute Rum produziert, u.a. auch der Rum, den wir als Monymusk kennen und der auf das Monymusk Estate zurückgeht, dessen Historie wiederum schon über 200 Jahre zurückreicht. Clarendon gehört allerdings nur zu 73% zu NRJ. Die restlichen 27% gehören Diageo, dem weltgrößten Spirituosen-Konglomerat, was wiederum dazu führt, dass ca. 90% des gesamten Outputs von Clarendon an Diageo gehen.[2] Die dritte der Destillerien im Bunde ist die im Parish Trelawny gelegene Long Pond Distillery, und nun wird es spannend. Nicht nur, weil die Geschichte Long Ponds wesentlich länger und geschichtsträchtiger ist und bereits im Jahr 1753 beginnt, als die Familie Reid die Destillerie und ihr Anwesen begründeten[3], sondern vor allem deshalb, weil Long Pond quasi das jamaikanische Äquivalent zur Diamond Destillerie in Guyana ist. Wie Diamond in Guyana, so hat auch Long Pond auf Jamaica im Laufe der Jahrzehnte (und vielleicht sogar Jahrhunderte) immer wieder verschiedene Destillerien oder aber zumindest ihre Destillierapparate oder auch nur deren Stile übernommen und stellt deshalb heute sehr viele verschiedene Rums her, die auch bei Long Ponds durch die so genannten Marks unterschieden werden. Zwar kennt Jamaica Rum bereits im Grundsatz eine Einteilung seiner Rums in vier verschiedene Stile, die sich am Estergehalt der Rums richten, allerdings unterscheidet da auch jede Destillerie auch noch einmal für sich selbst. Die vier allgemeinen Jamaica Stile sind:

Jamaican Ester Mark:Ester (gr/hlpa)
Common Clean80-150
Plummer150-200
Wedderburn200-300
Continental Flavoured700-1600



Long Pond unterscheidet seine Stile nicht nur in vier verschiedene Stile, sondern in insgesamt zwölf! Diese wiederum können dann, meist, einem der vier übergeordneten Jamaica Stiele zugeordnet werden, wobei Long Pond auch Marks führt, die einen Estergehalt aufweisen sollen, welcher keinem der vier Stile zuzurechnen ist. Das trifft unter anderem auf CRV und CQV zu, aber auch auf LPS und  STC🖤E.
Der Rum über den wir heute sprechen trägt das Mark TECA, welches in seiner Bedeutung leider nicht sicher entschlüsselt ist.

Long Pond MarkEster Level (gr/hlpa)
CRV0-20
CQV20-50
LRM50-90
ITP/LSO90-120
HJC/LIB120-150
IRW/VRW150-250
HHHS/OCLP250-400
LPS400-550
STC🖤E550-700
TECA1200-1300
TECB1300-1400
TECC1500-1600


Long Pond / Tilston:

In den letzten Wochen habe ich mit dem  13 YO Cambridge bzw. dem 12 YO Vale Royal bereits zwei Rums vorgestellt, deren Stile definitiv jeweils aus einer verlorenen Destillerie stammen, sowie mit dem TECC auch einen Rum, welcher zwar nominell aus Long Pond stammt, also einer aktiven Brennerei, bei dem jedoch der Verdacht besteht, dass auch er im Stile einer geschlossenen Destillerie daherkommt. Denn Luca Gargano vermutet, dass TE jeweils für Tilston Estate steht, eine weitere ehemalige Brennerei Jamaicas, die schon bereits im 18. Jahrhundert existierte[4]. Für den Rum um den es heute geht, den TECA, gilt das selbe. Da sich die Historien der beiden Rums, TECA und TECC, auf Grund der Verwandtschaft der beiden Marks gleichen, übernehme ich den Part aus der TECC-Review an dieser Stelle und passe ihn lediglich dort wo es nötig ist an den heutigen Rum an. Das betrifft vor allem den letzten Abschnitt, bevor die Verkostung startet.

Also der Reihe nach und zunächst zu Long Pond: dessen Geschichte beginnt, wie bereits oben kurz erwähnt, im Jahr 1753 mit der Familie Reid. Ein John Reid Senior ist bis zu seinem Tod im Jahr 1777[5] vom UCL als Besitzer von Long Pond vermerkt. Bis ins Jahr 1803 scheint die Destillerie dann von einer Erbengemeinschaft geführt worden zu sein, bevor ein Sir Simon Haughton Clarke 9th Bart. das Estate bis zu seinem Tod 1832 übernahm[6][7]. Für die Jahre zwischen 1809 und 1832 ist auf Long Pond die Haltung von Sklaven dokumentiert. Jährlich waren es zwischen 209 und 368 Sklaven[8]. Spätestens im Jahr 1838 war die Sklaverei auf Jamaica allerdings vollständig abgeschafft und anders als viele andere Zuckerfabriken der Insel überlebte Long Pond die sich daraus ergebende Krise in Form eines massiven Rückgangs der Produktion und damit der existierenden Sugar Estates. Für das Jahr 1878 ist dann erstmals der Besitz durch J.B. Sheriff dokumentiert[9]. Dessen Firma, die J.B. Sheriff & Company Limited, führte Long Pond bis ins Jahr 1953 und übernahm in dieser Zeit einige andere Sugar Estates und Destillerien auf Jamaica. Darunter befinden sich bis 1921, laut Cyril, Parnassus, Hyde Hall, Steelfield und Etingdon, sowie um 1945 Cambridge, Linton Park, Belmont, Lottery und Water Valley und 1949 schließlich Kinloss[10]. Schaut man sich die Besitzverhältnisse der einzelnen Estates auf Jamaican Family Search an, z.B. für die Jahre 18781891 oder 1910, so lässt sich erkennen, dass die Estates im Laufe der Jahrzehnte immer wieder die Besitzer wechseln und vor allem, dass die Estates zunehmend im Besitz der selben Menschen sind. So erkennt man beispielsweise immer wieder Parallelen zwischen Cambridge und Steelfield.
Im Jahr 1953 kaufte das kanadische multinationale Konglomerat Seagram Ltd. Long Pond von der J.B. Sheriff & Company Limited[11]. Seagrams hatte bereits seit 1944 mit Captain Morgan eine eigene Rum Marke am Start und brauchte für diesen nun dringend Kapazitäten. Im Jahr 1955 kaufte Long Pond das benachbarte Vale Royal, welches wiederum vier Jahre später seine Tore schloss und in Long Pond weiterlebte. Mit Vale Royal gemeinsam wurde aus Long Pond Estates dann Trelawny Estates[12]. Der nächste einschneidende Schritt erfolgte im November 1977, als Trelawny Estates von der jamaicanischen Regierung, der Inselstaat war seit 1962 von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen worden, verstaatlicht wurde. Es folgte mit dem neuen Namen "The National Sugar Company of Long Pond Limited" wiederum eine Umbenennung[13]. Im Jahr 1993 verkaufte die Regierung Jamaicas Long Pond dann an mehrere Finanzgruppen[14], bevor es 2006 in National Rums of Jamaica Ltd. (NRJ) eingegliedert wurde, an der die National Sugar Company wiederum zu einem Drittel beteiligt war[15]. 2009 kaufte die Familie Hussey (Everglade Farms), denen auch das nahegelegene Hampden Estate gehört, die Zuckerfabrik Long Pond, während die Destillerie Long Pond weiter unter dem Dach von NRJ firmiert. Zwischen 2012 und 2017 wurde in Long Pond wegen diverser Probleme kein Rum produziert, doch inzwischen ist die Produktion wieder aufgenommen[16].
In Long Pond existieren ganz sicher noch fünf John Dore bzw. Vendome Pot Stills, von denen vier 13.200 Liter fassen, und eine, die 5.600 Liter fasst[17], sowie mindestens eine Column Still[18]. Ob, und wenn ja, wieviele und welche von ihnen unter Umständen auch aus früheren Destillerien wie Cambridge oder Vale Royal stammen ist derzeit aber leider noch vollkommen unklar. Auf den Bildern von Cyril und Matt ist aber deutlich zu erkennen, dass einige der Stills schon sehr, sehr alt sein dürften. Hier erhoffe ich mir in den nächsten Jahren und mit zunehmender Aufmerksamkeit für die Destillerie Long Pond noch weitere Erkenntnisse.

Tilston: über Tilston Estate (vereinzelt auch Tilestone oder Tileston) ist leider nur sehr wenig bekannt. Sicher wissen wir, dass Tilston schon bereits im 18. Jahrhundert existierte und in dieser Zeit, bis ins 19. Jahrhundert hinein, von der Familie Simpson geführt wurde: zunächst von John Simpson of Bounty Hall (Senior; ✝1785) und später von John Simpson of Fair Lawn Kent (Junior; ✝1847)[19]. Letzterer erbte auch Vale Royal von Thomas Pepper Thompson[20]. Später war Tilston dann im Besitz einer gewissen Miss A. M. Jarrett[21][22], bevor als Besitzer im Jahr 1910 schließlich ein uns wohl bekannter Mann genannt wird, nämlich Dermot Owen Kelly-Lawson[23], dem auch Hampden gehörte. Anschließend verliert sich die Spur leider und auch eine Angabe über eine Schließung konnte ich nicht finden. Somit wäre aus meiner Sicht naheliegender, dass Tilston vielleicht ein Teil der Geschichte Hampdens ist, allerdings weist die Geschichte der beiden Destillerien Hampden und Long Pond auch immer wieder Parallelen auf, so dass nicht auszuschließen ist, dass Tilston auch irgendwann noch an Long Pond ging. Wer weiß, vielleicht erfahren wir ja auch hier in den nächsten Jahren noch mehr.



Anders als bei Cambridge und Vale Royal kann ich also auf die Bedeutung der Marks TECA und TECC, nicht wirklich näher eingehen, mit Ausnahme des für das Mark definierten Estergehalts von 1200 - 1300 gr/hlpa. TE könnte, wie gesagt, für Tilston Estate stehen, aber das ist eben mehr als unklar. Für mich ist das Mark insofern etwas besonders, als dass wir zwar schon unzählige Long Ponds aus diversen Jahrgängen, bis zurück in die 1940er Jahre, probieren durften, jedoch mit dem TECC erst einen Rum aus Long Pond bekamen, der einen Estergehalt im Bereich 1000 gr/hlpa und mehr hatte. Bis zum Erscheinen der vier Veliers war der LPS (Long Pond Special) von Rum Albrecht mit 400 - 550 gr/hlpa in dieser Hinsicht das Maximum. Der jetzt erschienene Cambridge lag mit 550 - 700 gr/hlpa erstmals knapp darüber und der TECC knackte diese Marke sogar deutlich.  Nun kommt zum Abschluss der vier also der TECA und auch damit sind bei mir neuerlich Erwartungen verbunden. Beim TECC war es der DOK als Referenz, beim TECA ist es nun eher das Mark C<>H von Hampden, welches man da im Hinterkopf hat - mein Lieblings-Mark von Hampden! Bisher sahen wir, dass die Ester bei Long Pond in eine gänzlich andere Richtung gehen als bei Hampden. Letztere sind mit seinem Style da schon sehr, sehr unique, genau wie eben auch Long Pond. Wie also kommt der TECA? Ich bin gespannt und daher geht es nun auch direkt an die Verkostung! Viel Spaß!


Verkostung des Velier 15 YO Long Pond 2003:

Preis: für eine Flasche TECA werden in Italien ca. 165,- Euro aufgerufen. Dementsprechend ist er der teuerste der vier Long Ponds. 

Alter: der Rum reifte 15 Jahre lang, von Dezember 2003 bis April 2018, in Eichenholzfässern.

Lagerung: die Fässer lagen während der gesamten Reifezeit über in tropischem Klima auf Jamaica.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden 9 Fässer verwendet und 2484 Flaschen abgefüllt. Damit hat dieser Long Pond auch die geringste Auflage aller vier Bottlings.

Angel's Share: >67% gingen an glückliche Engel. 

Alkoholstärke: der Rum hat einen Alkoholgehalt von 63% vol.

Destillationsverfahren: Double Retort Pot Still.

Mark: TECA (maybe Tilston Estate CA)

Farbe: Kupfer, leuchtendes Mahagony.  

Viskosität: ein eher dünner Film setzt sich an der Glaswand ab und hinterlässt dann größere Tropfen, die sich zu zäh fließenden, wiederum eher dünnen Schlieren entwickeln.

Nase: Wuuhh?! Was ist das denn?! Den Rum erkenne ich im ersten Moment weder als Long Pond, noch überhaupt als einen Jamaicaner. Die Ester stechen natürlich deutlich heraus und auch ein hoher Alkoholgehalt macht sich bemerkbar, aber das läuft hier mal so ganz anders, als ich das sonst von Hampden, New Yarmouth oder auch aus Long Pond selbst so gewohnt bin.
Die Nase ist weniger voll und reichhaltig, als ich das bei einem 15 Jahre alten tropisch gereiften Rum mit solch exorbitant hohem Estergehalt erwarten würde. Im Bouquet finde ich eine sehr dominante Kombination aus Nagellackentferner, Klebstoff, Rauch, Holz, Pistazie, Schweiß und Zitrusfrüchten, die nach hinten heraus noch eine gute Portion Marzipan mitnimmt. Das ist schon sehr einzigartig und ich hätte fast sogar gesagt eigenartig oder gar abartig, denn das habe ich so zuvor noch nirgends in einem Rum gefunden. Ganz abgefahren. Ich bin mir an dieser Stelle auch noch alles andere als sicher, ob ich das gut finde. Eines aber kann ich schon mal sagen: ich glaube, den würde ich wiedererkennen! Darüber hinaus finde ich auch noch Nüsse, ganz weit hinten auch noch etwas gegrillte Ananas und eine leichte, trockene Holznote. Das Mark TECA entspricht in seinem Estergehalt in etwa dem Mark C<>H bei Hampden, aber die Ester kommen hier vollkommen anders. Viel trockener, viel weniger fruchtig und auch weniger sauer.

Gaumen: am Gaumen zeigt sich der Rum ähnlich wie in der Nase: vollkommen untypisch! Zunächst einmal habe ich eine kurze aber deutliche alkoholische Schärfe auf der Zunge, die mit einer feinen Süße einher geht. Dahinter folgt dann aber auch schon die bereits in der Nase so auffällige Kombination aus Nagellackentferner, Klebstoff, Holz, Rauch, Pistazie, Schweiß, Zitrusfrüchten und Marzipan. Für einen Rum mit derart hohem Estergehalt ist er erstaunlich wenig adstringent. Jamaica im Allgemeinen ist am Gaumen dann um einiges präsenter als noch in der Nase. Long Pond im Speziellen hingegen suche ich auch hier vergebens. Nach hinten hinaus zeigt sich dann die verhältnismäßig lange tropische Lagerzeit, denn nun kommen deutliche und dominante, bittere Holzaromen vom Fass vollends durch, sowie etwas Zimt. Der TECA mag zwar so ein wenig das Gegenstück zu C<>H bei Hampden sein, aber die Ester funktionieren hier vollkommen anders. 

Abgang: die Holzaromen setzen sich im Abgang fort. Bitter und trocken werdend. Anis. Pistazie. Sehr, sehr lange anhaltend. Auch nach zwei Stunden ist der Rum am Gaumen noch präsent!

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Fazit: ein Rum, von dem ich noch immer nicht so richtig weiß, was ich von ihm halten soll. Da ist schon Potenzial, auf der einen Seite, aber auf der anderen ist mir das vermutlich doch fast schon ein wenig zu speziell. Ich könnte mir vorstellen, dass die Abartigkeit, die der Rum hat, sich nach einer Zeit ins Gegenteil verkehrt und man den Rum unerwartet zu schätzen lernt. Das habe ich schon ein paar Mal bei derart speziellen Rums erlebt. Aber momentan sieht es danach bei mir noch nicht aus. Die größte Stärke des TECA besteht ganz sicher in seinem Finish. Das gefällt mir definitiv, und zwar umso besser, je länger es anhält. In der Nase und am Gaumen hingegen hat der Rum eine Eigennote, die mir nicht gefällt. Der Rum hat mich auf diese Weise leider schon fast verloren, noch bevor er mit seinem Finish trumpfen und damit zumindest ein klein wenig Boden wieder gut machen konnte. Das ist schade. Letztlich, und da muss ich ehrlich sein, scheitert der Rum bei mir aber auch ein Stück weit an den hohen Erwartungen, die ich als Fan von C<>H an ihn hatte, was wiederum ungerecht ist, da er diesen Anspruch an sich selbst niemals gestellt hat. Insofern ist das einfach ein persönliches Ding von mir. Ob die dominante und von mir als unangenehm empfundene Eigennote von einer zu langen Lagerung kommt oder tatsächlich im Stil TECA begründet liegt, kann ich bisher noch schwer nachvollziehen, da mir auf Grund der Einzigartigkeit der Abfüllung jeder Vergleich fehlt. Ich halte beides für denkbar, vermute allerdings eher den Stil als Ursache. Die Vermutung Luca Garganos, wonach die Marks TECA, TECB und TECC durchaus auch für das ehemalige Tilston Estate stehen könnten, erhält für mich durch das absolut Long Pond untypische und eigene dieses Rums hingegen weitere Nahrung! Der TECC ging ja letztlich in eine ähnliche Richtung, hatte allerdings einen wesentlich geringeren Anteil dieser Note. Das ist schon sehr weit weg von allem, was man bis dahin aus Long Pond kannte. Daher: möglich ist das auf jeden Fall!



Eine Empfehlung freilich kann ich heute nur schwer bis gar nicht aussprechen, da mir der Rum über weite Strecken persönlich nicht unbedingt zugesagt hat, unabhängig davon, wie viel er gekostet hat. Was ich aber jedem empfehlen würde ist, diesen Rum zu probieren! Denn auch wenn sich nach meinem Eindruck beim TECA schon eine Tendenz dazu abgezeichnet hat, dass der Rum eher nicht so gut ankommt, so habe ich doch auch vereinzelt Stimmen aufgenommen, denen der Rum zugesagt hat. Von einem handwerklich schlechten Produkt kann also keine Rede sein. Man muss nur die sehr dominante Eigennote mögen, allerdings halte ich diese, gerade im Vergleich zu den drei anderen Bottlings, für kaum konsensfähig. Es hilft also, wie so oft, nur, sich selbst einen Eindruck zu verschaffen und dazu möchte ich jeden meiner Leser auch grundsätzlich animieren.

Ein umfassendes, abschließendes Fazit aller vier Abfüllungen ist zu einem späteren Zeitpunkt geplant. Darin einbezogen werden dann auch die zwei neuen 22 YO Plantation Extreme Abfüllungen, ITP und HJC, die hier noch gesondert vorgestellt werden, sowie der bereits vor vielen Jahren besprochene 17 YO LPS von Rum Albrecht, die alle drei jeweils ebenfalls tropisch gereift wurden. Somit ist ein echter Vergleich vieler verschiedener Long Pond Marks erstmals möglich und das möchte ich gerne nutzen. Vielleicht in aller Kürze kann ich vorab aber schon mal verraten, dass ich alle vier Abfüllungen sehr spannend und drei von ihnen, nämlich den Cambridge, den Vale Royal und den TECC, auch sehr empfehlenswert finde. Sie überzeugen jeweils sehr individuell in ihrer Eigenheit und ich empfinde es als sehr schwierig, unter den dreien einen echten Favoriten zu nennen. Müsste ich mich festlegen, wäre es wohl der Vale Royal. Oder doch der Cambridge? An manchen Tagen wohl aber auch sicher der TECC... ihr seht... ;-) Die sind alle drei Top, aus meiner Sicht!
An Luca Gargano geht an dieser Stelle natürlich sowohl der Dank dafür, das möglich gemacht zu haben, als auch die Bitte am Ball zu bleiben und Rums aus Long Pond weiter zu verfolgen. Ich wäre sehr gespannt darauf, welche unbekannten Stile diese altehrwürdige Destillerie noch zu bieten hat!

Und ein weiteres großes Dankeschön geht auch heute noch einmal an den Freddy, durch dessen Teilung und Einsatz ich vorab alle Rums probieren konnte. Vielen Dank!


Bis demnächst,
Flo

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