Sonntag, 25. November 2018

Some extinct Long Ponds

Liebe Rum Gemeinde,

das Aufräumen meines Archivs geht weiter! In meinen Verkostungs-Notizbüchern haben sich jede Menge Notes angefunden und nach einigen lange gereiften, dunklen Jamaicanern und diversen Hampden Abfüllungen geht es heute mit Long Pond weiter. Und wenn ich über Long Pond rede, dann gerade ich nahezu jedes Mal und zwangsläufig ins Schwärmen. Und wenn ich von Long Pond spreche, dann denke ich fast jedes Mal ganz unausweichlich an die ganzen alten, grandiosen Bottlings der unabhängigen Abfüller aus der Zeit, bevor der große Rum-Boom einsetzte. Das sind Rums, die bei Leuten wie mir, die schon damals dabei waren, unvergessen sind und bei Leuten, die erst in den letzten Jahren dazu gekommen sind, oft nahezu unbekannt sind. Long Pond aus 1986, 1982, 1977 u.a. ist inzwischen zu fast so etwas wie einem Mythos geworden. Und diesen Mythos möchte ich heute etwas stärker beleuchten und schaue mir mit euch gemeinsam einmal an, was eigentlich dahinter steckt. War da wirklich jeder Schuss ein Treffer?
Meine Notes stammen auch heute wieder aus 2011/2012 ca., als die Rums alle noch mehr oder weniger gut verfügbar waren und die dementsprechend noch vollkommen frei vom Mythos entstanden. Und gerade das finde ich, aus heutiger Sicht, besonders spannend. Im Fazit werde ich mich dann deutlich dazu äußern, wie ich den Rums im Jahr 2018 aus der Sicht eines Connaisseurs gegenüber stehe. Viel Spaß dabei!




Die verkosteten Jamaicaner:

- Berry's Own Selection Jamaican Rum 27 YO Long Pond 1977 - 46% vol.
- Bristol Director's Choice Jamaica Rum 22 YO Four Distilleries 1982 - 43% vol.
- Rum Nation Jamaica Rum 15 YO Long Pond 1986 - 45% vol.
- Berry's Own Selection Jamaica Rum 16 YO Long Pond 1986 - 46% vol.
- Cadenhead's Cask Strength IRW 18 YO Long Pond 1986 - 68,3% vol.

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Berry's Own Selection Jamaican Rum 27 YO Long Pond 1977 - 46% vol.

Source: S.J.; Cocktails Old Fashioned
Nase: sehr voll und reichhaltig und vor allem unglaublich warm! In einer Weise, die ich nicht erklären kann, hat der Rum für mich etwas weihnachtliches. Gefällt außerordentlich gut!

Gaumen: der Gaumen erdet diesen Rum wieder so ein wenig und ordnet ihn als stiltypischen 1977er Long Pond ein, was bedeutet, dass es sich um einen hervorragenden Long Pond handelt. Voller Geschmack, sehr nussig, sehr fruchtig und mit exzellenter Einbindung des Fasses. Sehr genial! Auch die Verdünnung macht sich nicht allzu negativ bemerkbar, ist aber zu spüren.

Abgang: ein langer, warmer Abgang. Der Rum bleibt noch lange präsent und hinterlässt Noten von Eichenholz, frisch geschnittenen Ästen und Anis.


Fazit: ein Rum, bei dem man sich glücklich schätzen kann, wenn man ihn noch haben sollte. Ursprünglich kostete er um die 100,- Euro. Heute mutet das fantastisch an, im wahrsten Sinne des Wortes, aber so waren die Zeiten damals. Leider habe ich es seinerzeit versäumt noch eine Flasche zu kaufen, heute bereue ich das ein wenig. Wer unbedingt noch eine haben möchte, der muss inzwischen bereits über 350,- Euro auf den Tisch legen. Mir persönlich ist das ein bisschen zu viel, da es sich um eine verdünnte Abfüllung handelt, aber die 1977er Long Ponds werden auf der anderen Seite auch sicher nicht mehr.



Bristol Director's Choice Jamaica Rum 22 YO Four Distilleries 1982 - 43% vol.

Nase: sehr dunkel, zumal für 22 Jahre Reife. Viel Holz. Dahinter dann aber die für Jamaica Rum so typischen nussigen und fruchtigen Assoziationen, sowie Anis und ein vegetaler Einschlag. Long Pond ist heraus zu riechen, aber man merkt, dass da auch noch Rums anderer Destillerien drin stecken. Alles in allem aber eine typische Jamaica-Wedderburn Nase.

Gaumen: hier bestätigt sich der Eindruck aus der Nase. Der Rum hat viel von dem, was man auch von Long Pond kennt, aber das alles kommt hier wirklich schon sehr dunkel und mit deutlichem Holzeinschlag daher, wenn gleich ich nicht behaupten möchte, dass es bereits zu viel sei. Darüber hinaus macht sich die geringe Trinkstärke von 43% vol. leider bemerkbar. Der Rum ist zwar nicht im klassischen Sinne verwässert, aber deutlich weniger Wasser wäre sicher besser gewesen. Das klingt etwas ernüchtert, aber ich möchte dennoch alles in allem von einem leckeren Rum sprechen.

Abgang: der Rum verweilt eine Weile am Gaumen, allerdings nicht übermäßig lang. Dazu Holz und Anis.


Fazit: ein Spalter! Ich fand den Rum damals, für das was er gekostet hat, durchaus gut. Ca. 100,- Euro hatte ich im Jahr 2012 bezahlt und dafür wurde ich nicht enttäuscht. Dass es sich um eine Director's Choice Abfüllung gehandelt hat, also eine Abfüllung, die augenscheinlich unmittelbar von den Direktoren von Bristol Spirits Ltd., John Barrett, Dorothy Anne Cameron und Helen Susan Kent, ausgewählt wurde, und zudem Rums enthielt, die aus Destillerien kamen, die  man damals noch überhaupt nicht kannte (Innswood; New Yarmouth), übten natürlich noch einen zusätzlichen Reiz aus. Aus heutiger Sicht muss ich aber sagen, dass das zwar sehr viel Romantik ist, die auch mich nicht kalt gelassen hat, er für mehr Geld dann doch zu viele Punkte hat, an denen ich Kritik üben würde. Zu aller Vorderst ist das natürlich die erhebliche Verdünnung auf nur 43% vol.. Ich denke, dass ich heute evtl. noch bis zu 150,- Euro für den Rum ausgeben würde (wegen der Romantik), dann jedoch wäre Schluss. Denn ganz ehrlich? Es gibt Rums von damals, die mir heute sehr viel mehr fehlen als dieser.



Rum Nation Jamaica Rum 15 YO Long Pond 1986 - 45% vol.

Nase: für einen 1986er Long Pond erst einmal ungewöhnlich. Der Jahrgang ist zwar zu erkennen, aber dieser Rum scheint irgendwie noch "Bei-Noten" zu haben, die ich von dort sonst nicht kenne. Auch die Farbe ist wesentlich dunkler, als sie für einen auf 45% vol. verdünnten 1986er Long Pond erwartet werden kann. Auch etwas süßer als normal erscheint mir der Rum, wenn auch nicht auf Plantation-Niveau.

Gaumen: hier bestätigt sich das Bild im Grundsatz, allerdings tritt der Jahrgang hier doch noch etwas deutlicher heraus und ist nun klar zu identifizieren. Die Verdünnung leider ist deutlich zu spüren. Vielleicht sogar etwas zu deutlich. Dadurch wird das Trinkvergnügen doch leicht eingeschränkt.

Abgang: ein mittellanger Abgang, der den Rum nochmal aufleben lässt. Hier habe ich dann nochmals das Gefühl, dass der Rum etwas "Dosage" hatte.


Fazit: das war leider nicht mein Favorit aus 1986. Zwar ist der Rum nicht schlecht, aber er bleibt eben auch nicht bemerkenswert positiv in Erinnerung. Unter dem Strich heißt das für mich, dass ich die Flasche versiegelt lassen würde, wenn bei mir noch eine herum stünde. In Anbetracht der vielen Optionen, die das Jahr 1986 bietet, wäre das auch kein Rum, den ich heute noch kaufen würde. Da wird man für ähnliches Geld bei anderen Abfüllungen eher fündig. Allerdings muss ich gestehen, dass die Flasche für Rum Nation Sammler sicherlich reizvoll ist, denn ich könnte spontan nicht sagen, wann ich die Abfüllung zuletzt irgendwo angeboten gesehen hätte.



Berry's Own Selection Jamaica Rum 16 YO Long Pond 1986 - 46% vol.

Nase: volles Aroma! Der Rum macht, wohl durch die Verdünnung, etwas mehr auf als der Cadenhead IRW. Ich habe ganz viel Nuss, viel vegetales, grasiges, gegrillte Ananas und auch hier etwas Rauch. Der Alkohol sticht durch die Verdünnung fast gar nicht.

Gaumen: Mhhmm! :-) Angenehm weich kommt der Rum daher. Die Verdünnung schadet dem Rum kaum. Ich habe reichlich Nuss, grasige Noten, gegrillte Ananas, Banane, angenehmen Fasseinfluss, Vanille und nach hinten heraus ordentlich Anis. Geniale Abfüllung!

Abgang: Anis bleibt, dazu grasige und nussige Komponenten. Trocken, frisch geschnittenes Geäst. Langer Nachhall, klasse! 


Fazit: Long Pond 1986 war wirklich ein herausragender Jahrgang! Ich hatte bisher noch kaum einen Rum aus diesem Batch den ich richtig schlecht fand. Es gab einige, die waren meines Erachtens etwas zu sehr herunterverdünnt, aber dafür kann ja der Rum nichts. Bei allen Abfüllungen mit 46% vol. oder mehr war das aber nicht mehr gegeben und die waren alle durch die Bank weg spitze! Die besten unter ihnen waren meines Erachtens die helle Version vom Silver Seal 21 YO aus 1986 mit 50% vol. und der Cadenhead IRW 18 YO (s. unten). Diese Rums würde ich immer wieder auch noch aufmachen!



Cadenhead's Cask Strength IRW 18 YO Long Pond 1986 - 68,3% vol.

Nase: sehr volle Nase! Nuss, Stroh, Fruchtigkeit, gegrillte Ananas, Melasse und leichte Ester empfangen mich - und eine eher geringe alkoholische Schärfe, bedenkt man den enormen Alkoholgehalt von fast 70(!)% vol.. Der IRW erscheint mir leicht würzig und er hat auch eine sehr dezente Rauchigkeit am Ende.

Gaumen: nach kurzer alkoholischer Schärfe, die aber, trotz des enormen Alkoholgehalts, nicht unangenehm ist, habe ich im Vordergrund überreife Bananen, gegrillte Ananas, Gras, Nuss, Anis, einen floralen, vegetalen Touch und anschließend dezente Holznoten und Würze. Lecker!

Abgang: langer Nachhall! Eher trocken, viel Jamaica, etwas nussig, eine leichte Bitternote. Toll!


Fazit: neben dem HLCF sicherlich der Rum, den ich zu meiner Anfangszeit am meisten geliebt habe! Aber im Gegensatz zum HLCF hat es hier in der Zeit danach nicht noch Nachfolger en masse gegeben, weswegen mir der IRW schon sehr fehlt! Durch eine Flaschenteilung bin ich zumindest nochmal an 10 cl davon gekommen, worüber ich mich sehr gefreut habe. Wer den noch zu Hause im Keller stehen hat, dem kann ich nur nahelegen den IRW auch aufzumachen. Er ist es wert, ein ganz toller Rum! Ein Wedderburn-Long Pond par excellence!

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Gesamt-Fazit:

Die eindeutigen Gewinner für mich waren ganz klar der Berry Bros. 27 YO aus 1977 und der IRW von Cadenhead in Fassstärke! Das sind zwei absolute Klasse-Bottlings. Allerdings liegt auch der Rest im Feld fast durchgängig auf hohem bis sehr hohem Niveau, mit Ausnahme vielleicht des Rum Nation.
Früher war also mehr Long Pond? Ja, leider eindeutig ja! Wir alle neigen ja stets und ständig dazu, die Vergangenheit positiv zu verklären, aber bei den alten Long Ponds kann man das, im Gegensatz zu der Situation bei Hampden, aus meiner Sicht definitiv so annehmen. Die alten Jahrgänge sind aus meiner Sicht größtenteils unerreicht und ich mag mir gar nicht ausmalen, wie genial viele von denen wohl in Fassstärke gekommen wären. Leider setzte das Umdenken bei den unabhängigen Abfüllern, weg von den 46% vol. und hin zur Fassstärke, erst ein, als es für die alten Long Pond schon beinahe zu spät war. Glücklicherweise hat die Verdünnung diesen Rums nicht in diesem Maße geschadet, wie das bei Hampden der Fall war und so würde ich auch heute noch viele Long Ponds, auch in Trinkstärke, mit Vergnügen öffnen. Dieses Bild wird sich beim nächsten Mal dann auch noch verfestigen, wenn der zweite Schwung der längst ausgestorbenen Long Ponds hier vorgestellt wird.

Bis dahin,
Flo

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