Sonntag, 3. November 2019

Velier Heavy Trinidad Rum 23 YO "Last Caroni" 1996

Liebe Rum Gemeinde,

viele von euch haben sicherlich lange darauf gewartet und heute soll er dann auch endlich kommen - der "Last Caroni" von Velier. Ob und inwiefern er diesen Namen zurecht trägt, werden wir im Folgenden ergründen und abschließend natürlich vor allem feststellen, was er im Glas kann. Viel Spaß!


Wer die Szenerie um Caroni in den vergangenen Jahren intensiver Beobachtet hat, dem ist vor allem eines immer wieder klar geworden: die Barrel Stocks waren immens groß, nähern sich aber auch mit nicht weniger großen Schritten langsam dem Ende entgegen. Dieses Ende nimmt mit der "Last Caroni" Abfüllung nun auch ganz konkrete Formen an und sorgte unter Enthusiasten natürlich direkt dafür, dass sich die Frage aller Fragen gestellt wurde: ist es das damit jetzt gewesen?
Die Antwort meinerseits darauf kann nur ein klares "Jain"* sein! Zunächst mal sei vorweg genommen, dass natürlich noch weitere Abfüllungen folgen werden. Es werden noch 10 weitere Employee Abfüllungen erscheinen, sowie insgesamt 23 Single Cask Abfüllung, die im Frühjahr in Cognac ausgewählt wurden. Wenn das geschehen ist, sind die Stocks dann tatsächlich nahezu erschöpft (bis auf ein paar ganz wenige Fässer). Dass die Abfüllung aber dennoch den Titel "The Last" trägt liegt daran, dass es a) nie wieder eine Caroni Abfüllung von Velier in auch nur annähernd großer Auflage geben wird, 5.522 Flaschen wurden abgefüllt, und b) daran, dass damit die Serie der offiziellen Releases mit Nummer 38 ("Tasting Gang") und Nummer 39 (eben "The Last") abgeschlossen ist. Das bedeutet letzten Endes, dass zwar grundsätzlich noch Caronis kommen, für den durchschnittlichen Caroni-Fan die Reise aber mehr oder weniger spätestens jetzt zu Ende ist. Alles darüber hinaus hängt jetzt in entscheidender Weise vom Glück ab und/oder aber in noch wesentlich höherem Maße als derzeit vom Gewicht der eigenen Brieftasche. Ich möchte an dieser Stelle noch nicht allzu sehr spoilern, aber ich kann bereits jetzt verraten: für den Abschluss hat Velier hier wirklich nochmal einen Knaller rausgehauen!




















Insgesamt 24 Fässer Heavy Trinidad Rum (HTR) aus dem Jahrgang 1996 des so genannten Guyana Stock von Caroni gingen in der Abfüllung "Last Caroni" auf. Das heißt, dass die Fässer zu jenen wenigen zählen, die ab 2008 bei DLL in Guyana lagerten und nicht, wie die meisten anderen, weiter auf Trinidad. Diese Fässer haben die Fassnummern #56xx. Eine derart große Anzahl an Fässern bedeutet natürlich, dass das Bottling größer ausfällt als viele Abfüllungen zuletzt und auch als alle Bottlings, die jetzt noch kommen werden: ganze 5.522 Flaschen wurden mit einem Alkoholgehalt von 61,9% vol. abgefüllt. Der Angel's Share beträgt, wie bei solch alten, tropisch gereiften Rums üblich, >85%. Zum Guyana Stock von Caroni, regelmäßigen Lesern erzähle ich damit nichts neues, habe ich persönlich ein ganz besonderes Verhältnis, denn weite Teile meiner Favoriten-Range stammen aus genau diesem Stock. Vorneweg seien natürlich der 20 YO Full Proof aus 1992 und das Single Cask für Kirsch Whisky genannt, aber auch der gesamte restliche Jahrgang aus 1992 und 1994 ist für mich einfach State of the Art. Und insofern schürt der "Last Caroni" da natürlich schon auch enorme Erwartungen, die er so auch hoffentlich erfüllen kann, auch wenn das sehr schwer werden wird. Das Label, auch das sei nicht unerwähnt, zeigt übrigens eine der Column Stills Caronis, fotografiert von Fredi Marcarini kurz vor der Verschrottung. Oft hört man, es handele sich bei dieser Still um die Esperanza Single Column Still, die Caroni in 1957 übernommen hat, aber insbesondere auf dem Originalfoto (das Label ist eine geschnittene Variante) erkennt man, dass es sich um Anlage mit mindestens zwei Säulen handelt.



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Verkostung des Velier FP Heavy Trinidad Rum 23 YO "The Last Caroni" 1996:

Preis: der offizielle Ausgabepreis beträgt 390,- Euro. In einigen Shops kostet er aber schon bereits deutlich mehr, einige wenige Shops haben ihn allerdings auch deutlich günstiger, nämlich für 350,- Euro ca. angeboten. 

Alter: von 1996 bis 2019 reifte der Rum 23 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand von 1996 bis 2008 auf Trinidad statt. Anschließend war der Rum von 2008 bis 2019 bei DDL in Guyana eingelagert, so dass er zu 100% unter tropischen klimatischen Bedingungen reifte.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden aber insgesamt 24 Fässer zu 5.522 Flaschen abgefüllt.

Angel's Share: >85% gingen an die Engel. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum kommt mit 61,9% vol. daher.

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: dunkles, goldbraunes Mahagoni. 

Viskosität: der Rum läuft fett und in engen, gleichmäßigen Schlieren zügig die Glaswand herunter.

Nase: nach über einer Stunde des Atmens empfängt mich eine wunderbar warme, tiefe, reichhaltige, reife und komplexe Nase, bei der der Alkoholgehalt, wie schon beim "Tasting Gang", extrem gut eingebunden ist. Gleichzeitig wird sofort deutlich, dass ich es mit einem äußerst stiltypischen Vertreter des 1996er Caroni Guyana Stocks zu tun habe: das Kirsch Single Cask lässt ganz lieb grüßen! Mich empfangen zunächst einmal viele Klebstoffe und Lösungsmittel. Ebenfalls sehr präsent habe ich Gewürze wie Anis und einen hohen Anteil an Tanninen vom Fass. Diese sind sehr viel präsenter als z.B. im Tasting Gang, stehen dem Bouquet aber ausgezeichnet. Die für die Guyana Stock typische Süße von reifen bis überreifen Früchten ist vorhanden, fällt aber etwas dezenter aus, als ich es von anderen, vergleichbaren Caroni kenne, was sicherlich auch am fortgeschrittenen Alter liegt. Und natürlich, das darf nicht fehlen, ist auch ausreichend Platz für die schweren und dreckigen Komponenten im Potpourri, als da wären Teer, verbranntes Gummi oder Holzlack. Kurz: dieser Caroni hat in der Nase alles, was ich an Caroni und speziell am Guyana Stock liebe! Ganz dezent im Background kommt auch etwas Menthol heraus. Insgesamt steht der Rum auf einer etwas trockeneren Seite als ich das bisher von vergleichbaren Kandidaten kannte, aber er ist ja auch nochmal drei Jahre älter als z.B. der Kirsch.

Gaumen: ist der Rum im Mund, legt sich erst einmal eine wirklich herrliche Süße, kombiniert mit diesem für 1996 oft so typischen Holzlack und poliertem Holz auf den Gaumen. Es ist tatsächlich auch genau diese Note, die ich am Kirsch so absolut genial finde und umso mehr freue ich mich, sie auch hier so präsent vorzufinden. Der Alkoholgehalt ist gut eingebunden! Ich habe bei kleinen Schlücken nahezu keinerlei alkoholische Schärfe am Gaumen, nur zu Beginn bretzelt der Rum dann kurz auf der Zunge. Bei großen Schlücken sieht das freilich schon ein wenig anders aus, dann wird es auch sehr adstringierend, aber das ist insgesamt schon große Klasse! Dazu kommt der Rum auch sehr ölig daher, was ich sehr mag. Die typischen Caroni Assoziationen lassen dann natürlich ebenfalls nicht lange auf sich warten. Ich habe einiges an Teer, Lack, verbranntem Fahrradschlauch oder Motoröl, aber doch sehr viel weniger brachial anmutend, als z.B. bei den Jahrgängen 1998 oder 2000. Das hier ist eleganter, gediegener, leckerer und für mich wesentlich besser. Es gesellen sich Anis dazu und reichlich Tannine. Der Rum steht sehr auf der gereiften, trockenen Seite und hat auch immer wieder mal leichte Bitter-Kicks mit drin, die ich spannend finde. Die drei Jahre mehr zum Kirsch sind zu spüren. Sie gehen leicht zu Lasten der Fruchtigkeit, was den Kirsch für mich nochmal ein wenig kompletter erscheinen lies. Nichts desto trotz bleibt hier für einen Fan dieses Stils quasi kein Wunsch unerfüllt. Genialer Rum!

Abgang: sehr langanhaltend. Ich habe Tannine, Anis und etwas Holzlack während der Rum geht. Danach klingt der Rum dann ewig aus, bekommt nochmal kurz etwas Menthol mit rein, wird dabei immer trockener und tendiert dann in eine schon sehr ausgeprägte Bitterkeit.

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Fazit: ich fange einmal mit dem negativen an, denn das ist schnell erledigt: der Rum, das lässt sich nicht verheimlichen, ist sicherlich schon minimal über den Zenit. Mir gefiel das Kirsch Single Cask, gerade im direkten Vergleich, noch einmal besser. Das ist so! Letzten Endes sind das dann aber auch nur Nuancen. Die Unterschiede sind minimal und der Rum befindet sich noch immer auf einem vergleichbaren, also absolutem Spitzen-Niveau. Und so nah heran wie der "Last Caroni" kommt dem Kirsch keine andere offizielle Abfüllung, mit Ausnahme vielleicht vom Mittelstück der LMDW-Trilogie. Insofern muss es wirklich als größtes Glück bezeichnet werden, dass uns Velier hier noch ein letztes mal etwas vergleichbares zum Kirsch in großer Auflage an die Hand gegeben hat und ich kann nur für jeden von euch hoffen, dass ihr euch dementsprechend eingedeckt habt. Etwas vergleichbares wird wohl nicht mehr kommen - und wenn, dann auf keinen Fall in dieser Auflage und vermutlich auch nicht mehr zu diesen Kursen. Diese werden nur noch nach oben gehen! Ich lasse mich daher zu der Aussage hinreißen, dass wer auch noch in Jahrzehnten Caroni auf höchstem Niveau trinken möchte, dafür aber noch nicht ausreichend vorgesorgt hat und jetzt aktuell hingegen auf ungenutztem Kapital sitzt,  alles falsch gemacht hat. Hier ist Weichenstellen für die Zukunft angesagt und es ist nicht unwahrscheinlich, dass es dafür bereits in Kürze schon zu spät sein könnte. Wer in drei Jahren feststellt, dass der Vorrat doch zu klein ist, der wird seinen Fehler ziemlich sicher nicht mehr preislich vergleichbar korrigieren können. Natürlich, das ist mir bewusst, ist so etwas auch immer eine Frage der individuellen Möglichkeiten, und mit 390,- Euro war der "Last Caroni" sicher kein Schnäppchen im herkömmlichen Sinne. Ich bin allerdings sicher, dass er sich perspektivisch noch als eines erweisen wird. Mein abschließender Dank geht heute an den Freddy (bester Mann!), für alles! :-)

-96/100-

Bis demnächst,
Flo


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*for international readers: "Jain" is a non-official german word and means "yes and no"

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Luca sagt über das Foto auf Abfüllung, dass es die Anlage zeigt, mit der die heavy Caronis destilliert wurden.
https://www.youtube.com/watch?v=itjE72iUPYs
Grüße franky

Flo hat gesagt…

Das ist meines Wissens nach nicht gesichert. Er geht ja auch davon aus, dass das auf dem Bild die Esperanza Still ist, und das ist sie definitiv nicht, denn die Esperanza war, wie im Review gesagt, eine Single Column Still, das Bild zeigt aber eine Two Column Still und da gab es bei Caroni nur die von Blairs. Insofern ist das noch immer ganz viel Fischen im Trüben. Ich bin nicht einmal restlos davon überzeugt, dass die Heavys alle aus einer Column Still stammen. Nach aktueller Quellenlage hatte Caroni bis zuletzt auch eine Pot Still, die als Urheber der Rums dementsprechend in Frage kommt.

Flo hat gesagt…

PS: Beste Grüße, Flo :-)

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