Sonntag, 27. Oktober 2019

Velier Blended Trinidad Rum 23 YO Caroni 1996 - "Tasting Gang"

Liebe Rum Gemeinde,

seit einigen Wochen hat Velier zwei neue Caroni am Start, die auch wieder einmal weite Teile der Rum Szene elektrisiert haben und so auch mich. Die Vorhang für die beiden letzten regulären Releases ist gefallen: das 38th und das 39th Release. Ersteres firmiert unter der Bezeichnung "Tasting Gang" und diesen sehen wir uns heute genauer an.



Der Tasting Gang ist der erste Blended Caroni der regulären Serie seit sehr langer Zeit. Genauer gesagt muss man bis ins Jahr 2010 zurück reisen, bis wir die letzte solche Abfüllung wiederfinden. Caronis aus 1991 und 1993 waren das damals. Aus 1996 gab es das vorher in diesem Rahmen noch nie, da hat es nur ein Magnum Release gegeben zum 70. Geburtstag von Velier und ein Teil der Trilogie zum 60. von LMDW war auch ein Blended Caroni 1996. Ansonsten sahen wir da bislang nichts. Bedenkt man, dass an diese Abfüllungen wiederum nur die wenigsten Connaisseure dran gekommen sein werden, selbst zum probieren, dann ist der Tasting Gang also für die allermeisten eine Premiere.

Der Rum entstammt dem so genannten Guyana Stock von Velier. Das bedeutet, dass die Fässer mit Blended Caroni 1996 allesamt ab 2008 in Guyana bei DDL reiften und nicht mehr auf Trinidad, wie zuvor und wie die allermeisten der anderen Caroni Fässer von Velier. Die Blended Caroni 1996 tragen alle Fassnummern, die mit #55xx beginnen. Der Alkoholgehalt bei dieser Abfüllung liegt bei 63,5% vol., was dem typischen Alkoholgehalt für die 1996er Caroni aus dem Guyana Stock entspricht. Die 1996er aus dem Trinidad Stock liegen alle bei fast 70% vol. oder gar mehr. Wie diese Differenz genau zustande kommt weiß ich nicht, aber es gibt sie. Reifen durfte der Tasting Gang stolze 23 Jahre lang, in welchen er ca. 85% seiner ursprünglichen Menge an die Engel eingebüßt hat. 100 Fässer Blended Caroni in 1996 haben also noch ca. 15 Fässer Blended Caroni in 2019 ergeben. Das ist übersichtlich. In die Abfüllung gelangten insgesamt 22 Fässer und die Auflage liegt dementsprechend bei 5.083 Flaschen. Damit ist dieses Release das offiziell vorletzte mit einer derart hohen Auflage, die auch weniger schnellen Connaisseuren ausreichende Chancen sicherte, daran zu partizipieren.

Und last but not least, bevor es dann auch direkt übergeht in die Verkostung, sei noch erwähnt, dass diese Abfüllung den 23 Connaisseuren gewidmet ist, die mit Luca Gargano im Frühjahr 2019 dessen restliche Fassbestände in Cognac getestet haben. Ein sicherlich tolles Event, bei dem ich gerne dabei gewesen wäre. Einer der Connaisseure hat vor kurzem eine Flasche Tasting Gang geteilt und insbesondere bei den Labeln einmal mehr hervorragende Arbeit geleistet! Vielen Dank für das Sample, die Teilung und die tolle optische Aufmachung!


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Verkostung des Velier BlendedTrinidad Rum 23 YO Caroni 1996 "Tasting Gang":

Preis: der Ausgabepreis der Abfüllung lag bei 350,- Euro in Frankreich und Italien. In Deutschland kostete er mitunter etwas mehr, in Belgien oder den Niederlanden aber zum Teil auch weniger. 

Alter: von 1996 bis 2019 reifte der Rum 23 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand bis 2008 auf Trinidad statt. Danach reiften sie bis ins Jahr 2019 bei DDL in den Warehouses in Guyana. Daher zählt der Rum zum sog. Guyana Stock.

Fassnummern: unbekannt. Man weiß aber, dass insgesamt 22 Fässer der Nummern #55xx in dieser Abfüllung aufgingen, die 5.083 Flaschen ergaben.

Angel's Share: >85% gingen an die Engel. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum kommt mit 63,5% vol. daher.

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: Blended (HTR & LTR)

Farbe: dunkles, goldbraunes Mahagoni. 

Viskosität: lange, dünne und sehr regelmäßige Schlieren laufen an der Glaswand herab, zurück ins Glas.

Nase: etwa 45 Minuten durfte der Rum im Glas atmen, bevor ich das eigentliche Tasting beginne. Und der erste Eindruck ist dann doch erstmal sehr überraschend, denn die Nase, das kann man quasi sofort feststellen, wird schon klar vom HTR-Anteil im Blend dominiert. Das stellte sich bei meinen bisherigen Erfahrungen mit Blended Caroni noch durchaus anders dar. Die Nase präsentiert sich intensiv, reif, komplex und zunächst auch noch sehr konzentriert und verwoben, wobei sich das letztlich dann auch sehr zeitig auflöst. Ist die Nase dann freigegeben, habe ich zu Beginn viele stiltypische Lösungsmittel, Klebstoffe und weitere ätzende Substanzen in der Nase. Ebenso typische Elemente wie Teer oder Motorenöl findet man zu Beginn eher geringfügig, aber tendenziell mit zunehmender Verweildauer im Glas dann immer mehr. Ich habe dazu noch ordentlich was an Orangenzeste und englischer Bitterorangen-Marmelade, die für ein wenig Süße im Potpourri sorgt, sowie Menthol. Ganz schwach und auch eigentlich nur peripher ist zu merken, dass er nicht ganz die Tiefe eines HTR hat, aber ich denke, das würde ich blind nicht unbedingt erkennen. Über dem ganzen schwebt dann immer eine Art Tannine-Schleier, die dem Rum ihren Stempel aufgedrückt haben, durch die lange und intensive tropische Reife. Das ganze kommt hier allerdings beeindruckend gut eingebunden daher. Ich habe zu keiner Zeit das Gefühl, dass das ein besonders holziger Rum ist, obwohl die Komponenten zu jeder Zeit da sind. Aber sie überlagern das Gesamtpaket eben nicht. Mit der Zeit wird die Nase dann süßer und fruchtiger, so dass man da nach insgesamt ca. 3 Stunden schon eine sehr deutliche Entwicklung sieht. Well done!

Gaumen:  der Rum schmiegt sich direkt weich und angenehm an den Gaumen, weist keinerlei alkoholische Schärfe auf. Dafür glänzt er mit einer ausgeprägten natürlichen Süße und vielen stiltypischen Merkmalen von Caroni. Gleichzeitig verheimlicht er nun ganz eindeutig nicht länger, dass es sich um einen Blended Caroni handelt. Zwar ist der Anteil der Heavy Rums immer noch wesentlich ausgeprägter als das bei 1988, 1991 oder 1993 der Fall war, aber der Anteil der Light Trinidad Rums ist deutlich spürbar. Das macht ihn auf der einen Seite zwar zu einem wunderbar entspannten Easy Drinkin' Caroni, auf der anderen Seite aber fehlt Hardcore-Fans aber möglicherweise natürlich auch der gewisse Kick. Da kommt es sehr darauf an, worauf man Lust hat und was man erwartet. Statt der für Caroni typischen Elemente, wie Teer oder verbranntes Gummi, habe ich hier eher trockenes Holz und ganz viele Assoziationen zur vierquadratigen Brennerei aus Barbados. Leider mutet das alles dann auch wenig komplex an, so dass ich zwar finde, dass das generell nicht schlecht ist, aber für die aufgerufenen Preise reicht mir das einfach nicht. Zudem kann ich persönlich mit dieser spanischen/vierquadratigen Note leider eher wenig anfangen kann. Da trennt sich für mich dann in gewisser Hinsicht also auch die Spreu (Blended) vom Weizen (HTR).

Abgang: der Abgang gestaltet sich schon sehr spanisch, hält leider auch nicht besonders lange an. Doch eher enttäuschend.

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Fazit: im Grunde ist ja bereits alles gesagt worden. Der Rum ist nicht schlecht, bei weitem nicht, und in der Einbindung des Alkoholgehalts und in der Nase finde ich ihn sogar über weite Strecken noch sehr gut, aber spätestens am Gaumen ist das für mich dann Caroni auf Sparflamme und damit kann ich nur wenig anfangen. Ja, klar, er wird gerade vieler Orten als super toller Easy Sippin' Caroni gefeiert und ja, in meinen Augen ist das auch der beste Blended Caroni, den ich bisher im Glas hatte, denn er hat im Gegensatz zu den anderen eigentlich alles mit an Bord, was einen Caroni charakterisiert. Und ebenfalls ja, für das was er sein möchte ist er mehr als gelungen, aber selbst der beste Blended sieht bei mir persönlich einfach alt aus gegen einen soliden Heavy Caroni. Das bin einfach ich mit meinem subjektiven Geschmacksempfinden und da haben es die Blended leider sehr schwer. Hinzu kommt dann natürlich noch der Preis und spätestens da bin ich bei diesem Rum dann völlig raus. Nicht, dass der Preis ungerechtfertigt wäre, angesichts Angebot und Nachfrage, aber für 350,- Euro muss mich ein Rum schlicht zu 110% abholen und das ist hier für jeden klar ersichtlich nicht der Fall. Viele andere hat genau dieses Profil hingegen komplett angesprochen und gerade, wer auch hin und wieder einem Spanier sehr zugeneigt ist, aber auch gegen die heftigen Bretter nichts hat, der könnte hier wirklich fündig werden, das möchte ich nicht verschweigen. Die Qualität stimmt zu 100%. Und sucht man einen Hybrid aus anspruchslosem und gedankenverlorenem Genießen und intensivem, aber auch oft anstrengenden Aromen-Feuerwerk, dann ist das hier möglicherweise der Kandidat und dann sollte einen auch der Preis nicht abschrecken, denn günstiger wird es nicht mehr und ein solches Caroni Profil wird es in dieser Qualität möglicherweise, bzw. sehr wahrscheinlich, nie wieder geben.

-84/100-

Bis demnächst,
Flo

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