Sonntag, 13. Oktober 2019

Cadenhead's Guadeloupe Rhum 20 YO Gardel 1982

Liebe Rum Gemeinde,

auch wenn viele von euch diese Woche sicherlich mit einem der neuen Velier Caronis gerechnet haben, so möchte ich meinen Blick heute doch aber lieber nochmal zurückwerfen in die Vergangenheit, genauer gesagt sogar ziemlich weit zurück in die Vergangenheit, denn mit dem Cadenhead's Guadeloupe Rhum 20 YO Gardel 1982 habe ich eine echte Rum-Legende entdeckt, die ich euch keinesfalls länger vorenthalten möchte!



Meine ganz persönliche Geschichte mit dieser Abfüllung aus der lange schon ruhenden Brennerei Gardel von Guadeloupe beginnt schon im März 2018, zur Cologne Spirits, als ich die Möglichkeit hatte die Abfüllung mit Marius von SCR zusammen bei Rene van Hoven am Raritätenstand zu probieren. Wir waren beide ziemlich begeistert von dem guten Tropfen (klick für Marius' Review), auch wenn ich gestehen muss, dass ich ihn danach doch erst einmal für ziemlich genau ein Jahr aus den Augen verloren hatte. Genau ein Jahr später, zur nächsten Cologne Spirits, entdeckte ich die Flasche dann erneut bei Rene am Stand und gönnte mir erneut ein Glas.

Nun schaffte es Gardel endgültig auf meinen Zettel, woraus dann wiederum die Reviews zum Secret Treasures 1989 und zum Bristol 1992 von Gardel im Sommer diesen Jahres resultierten. Mir war klar, dass sie nicht an den Cadenhead heranreichten, zu sehr gereicht an der Stelle eine Verdünnung zum Nachteil, aber die Möglichkeit einer erneuten Verkostung des Cadenhead hatte ich eben erst einmal nicht. Das änderte sich schlagartig, als Rene sich entschloss Teile seiner Sammlung zu verkaufen und ich mir ohne zu zögern den Gardel bei ihm sicherte. Meine Freude war riesig und überglücklich holte ich die Flasche beim Rum Fest in Berlin dann schließlich bei ihm am Stand ab. Doch das ist noch nicht alles, denn, das möchte ich vorab verraten: es ist mir inzwischen ebenfalls gelungen, zwei weitere Gardel Abfüllungen von The Secret Treasures aufzutreiben, eine 14 Jahre alte Abfüllung aus 1989 und einen 11 Jahre alten Rum aus 1992! Beide probierte ich ebenfalls in Berlin im Lebensstern und beide werden hier selbstverständlich ebenfalls noch beizeiten vorgestellt. Doch jetzt soll es erst einmal ausschließlich um den Cadenhead gehen.



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Verkostung des Cadenhead's Guadeloupe Rhum 20 YO Gardel 1982:

Preis: den Ausgabepreis damals vermute ich anhand der Eckdaten zwischen 50,- und 100,- Euro. Rhum aus den französischen Departements hatte schon früher seinen Preis als andere Rhums. 

Alter: der Rum ist 20 Jahre alt, lag von 1982 bis Januar 2003 im Fass.

Lagerung: unklar. Da nicht selten auch gereifte Fässer von den französischen Antillen nach Europa gelangten, ist eine tropische Lagerung möglich, mindestens teilweise. Die Farbe des Rhums spricht klar dafür und ich unterstelle da auch einfach mal, dass nicht gefärbt wurde. Andere Gardel sind ja ebenso dunkel.

Fassnummer: unbekannt.

Angel's Share: keine Angabe

Alkoholstärke: 57,8% vol. - Fassstärke!

Destillationsverfahren: der Rhum wurde via Column Still gebrannt.

Mark: unbekannt.

Farbe: sehr dunkel, im Glas leuchtendes Mahagoni.

Viskosität: der Rum bildet satte, enge, regelmäßige Schlieren am Glas und läuft träge und langsam an der Glaswand herab. Man möchte fast meinen, er haftet am Glas.

Nase: Ohh jahh! :-) Volltreffer! Das Profil, was wir vor allem beim The Secret Treasures 1989 gefunden haben, erkenne ich hier auch direkt wieder und bin, anders kann man es kaum beschrieben, geflasht! Ich bin von Gardel aller spätestens seit eben jenem The Secret Treasures ja wirklich begeistert, aber der hier toppt das direkt noch einmal! Wunderbar warm, kräftig, schwer, tief, dabei aber überhaupt nicht alkoholisch empfängt mich der Rum in der Nase. Ein solch komplexes Aromen-Feuerwerk findet man nicht alle Tage vor und schon jetzt bin ich gespannt, ob es mir auch nur annähernd gelingen wird, in Worten wiederzugeben was mich hier im Glas gerade übermannt! Wie schon beim 1989er ist mein Gefühl schon deutlich, dass das hier in die französische Richtung geht, auch wenn der Rhum sicherlich nicht die klassischen Komponenten eines Agricoles aufweist. Er ist weder so trocken und erdig, noch so "muffig" wie ich den klassischen Agricole empfinde. Stattdessen hat der Gardel etwas unglaublich pafümiertes, was ich so noch bei keiner anderen Destille wahrgenommen habe. Darüber hinaus fällt die fortgeschrittene Reife definitiv auf. Der Rum hat einen tollen, intensiven, aber nicht zu starken Fasseinfluss erhalten, der diesen Rhum schon zu etwas ganz besonderem macht. Ansonsten geht das alles sehr in eine trocken, würzige, aber auch fruchtige Ecke mit überreifen Bananen und Aprikosen, aber auch Eukalyptus und karamellisiertem Zucker. Ein Mega Rum!

Gaumen: der Rum muss kurz gezügelt werden, kommt dann aber sehr mild und wenig scharf daher. Der Alkohol ist hervorragend eingebunden! Der erste Eindruck ist dann erst einmal ganz simpel, nämlich dass dieser Rum unglaublich lecker ist! Die pafümierte Komponente zeigt sich auch am Gaumen stark ausgeprägt und scheint einfach die Signature-Note von Gardel zu sein. Ganz, ganz eigen! Dahinter wird es dann mannigfach. Ich muss gestehen, dass ich hier nur sehr unzureichend wiedergeben und beschrieben kann was ich wahrnehme, zu ungeübt sind meine Sinne auf diesem, für mich ungewohnten, Gebiet! Es gesellen sich auf jeden Fall Tannine vom Holz, etwas nussiges, pflanzliche Assoziationen, sowie eine großzügige Ladung Anis dazu, auch etwas muffiges nehme ich wahr, kann das aber nicht zuordnen. Das ganze kommt auf jeden Fall in einer trocken, würzigen, aber durchaus auch leicht süßen Charakteristik daher und mutet auf mich wahnsinnig komplett an. Es fehlt dem Rum an nichts und es gibt gleichzeitig auch nichts, was mich irgendwie stören würde. Am Gaumen möchte ich, anders als in der Nase, dann doch beinahe wieder an ein Destillat aus frischem Zuckerrohrsaft glauben, aber mir wurde mehrfach berichtet, dass es sich bei den Rhums aus Gardel um Rhums aus Melasse handelt. An anderer Stelle ist das in dieser Form meines Erachtens wiederum auch ebenso wahrzunehmen. Ein Hybrid läge also nahe. Zum Schluss wird der Rum dann immer cremiger und, das hatte ich selten, schon beinahe zu cremig, so dass sich ein Gefühl einstellen kann, als würde der Rum auf der Zunge zerfallen. Da muss man für sich den Absprung schaffen und den Rum rechtzeitig in den Abgang entlassen. Dann aber, ist das hier wirklich perfekter Genuss!

Abgang: im Finish finden sich dann noch einmal, vereinfacht gesagt, alle wesentlichen Merkmale, die den Rum bis hier hin ausgezeichnet haben, an vorderster Front natürlich die pafümierte Signature-Note. Dazu halten die Eindrücke ungewöhnlich lange an. Klasse!

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Fazit: ihr Lieben, auch wenn ich meine Assoziationen zum Rum heute ungewohnt wenig benennen konnte und der Fokus daher auf der reinen Charakterisierung lag, so dürfen keine Missverständnisse darüber aufkommen, dass dieses für mich ohne Wenn und Aber einer der allerbesten Rums ist, die ich je im Glas hatte! Schon beim Secret Treasures 1989 habe ich mich zu der Einschätzung hinreißen lassen, dass dieser Stil in unverdünnter Form das Potenzial für ganz, ganz großes hat und ich fühle mich darin heute mehr als bestätigt! Überrascht hat mich vor allem, dass das Fass trotz der erheblich längeren Lagerung im Vergleich zum Secret Treasures keine Überhand genommen und den Rum nicht verholzt hat, sondern zur Perfektion geschliffen. An diesem Rum gibt es nichts(!), was man hätte besser machen können! Extra-Klasse! Überragend! Der Stil Gardels wird dementsprechend in Intensität, Komplexität und Einzigartigkeit meines Erachtens nur von tropisch gereiften Caroni, Demerara und St. Lucia Rums, sowie von Rockley, Long Pond und Hampden Rums erreicht. Outstanding unique Stuff! Das Bedauern darüber, dass wir solche Rums durch die Demontage der Brennapparate bei Gardel in den 1990er Jahren nie wieder sehen werden, kann ich ebenso wenig gänzlich in Worte fassen, wie meine geschmacklichen Wahrnehmungen und Assoziationen zum Rum.

-96/100-

Bis demnächst,
Flo

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