Sonntag, 3. Mai 2020

Velier Jamaica Rum EMB 22 YO Monymusk 1997

Liebe Rum Gemeinde,

nach sehr viel Hampden und Caroni in letzter Zeit wird es für mich höchste Zeit, einmal wieder auf Monymusk zu blicken! Jene Destillerie auf Jamaica, die noch immer verhältnismäßig unter dem Radar fliegt, die aber gerade im letzten Jahr einige wirklich beachtliche Ausrufezeichen setzen konnte und nun mit einer Abfüllung für Giuseppe Begnoni mit dem nächsten High End Rum am Start ist!



Monymusk hat ganz unzweifelhaft (wenn man einmal von den Scheer-Joint Bottlings absieht, die ich in ihrer Gesamtheit als seltenen Misserfolg Luca Garganos ansehen würde) mit den beiden Velier-EMB-Releases aus 2010 und 1995 im letzten Jahr einen gewaltigen Satz nach vorn hingelegt! Konnte man mit den Rums von dort bis dahin nur ein paar ganz wenige eingefleischte Fans wirklich abholen, so begeisterten und überraschten die tropisch gereiften Vertreter doch mehr oder weniger die gesamte Fachwelt.

Und das ist durchaus paradox! Denn während beispielsweise Hampden oder Long Pond Rums seit jeher in kontinental gereifter Form auf ganzer Linie überzeugten und schon seit mindestens zehn Jahren unter Connaisseuren die Anerkennung bekommen die sie verdienen, war das bei Monymusk anders. Es gab die alten Bristols aus den 1970s, die aber schon sehr subtil waren, und in den letzten Jahren auch kaum noch zu bekommen, aber ansonsten war da nicht viel. Doch mehr noch: ich sehe bei Hampden oder Long Pond die kontinentale Reife geschmacklich noch immer deutlich in Front gegenüber der tropischen Reifung, aller bisher veröffentlichter tropisch gereifter Bottlings in den letzten Jahren zum Trotz. Insofern überzeugte mich die tropische Reife bis dahin zwar ganz klar bei Guyana und bei Caroni, nicht aber bei Jamaica Rum! Die Monymusk EMB verkehrten diese Wahrnehmung erstmals und ich sehe hier die tropisch greiften Kandidaten ganz klar den kontinentalen überlegen. Daher freute ich mich auch direkt, als ich vor einigen Wochen erfuhr, dass noch ein weiterer alter Monymusk im Jahr 2019 abgefüllt wurde, auch wenn er erst jetzt in 2020 auch in den Onlineshops erschienen ist. Es handelt sich dabei um eine Sonderabfüllung für Giuseppe Begnoni, einen Partner Luca Garganos, der 2016 auch bereits das Glück hatte, eine eigene Caroni-Abfüllung zu bekommen. Der Begnoni Monymusk 1997, der mit EMB wieder das Mark der alten Bog Estate trägt, ist auf 442 Flaschen limitiert und besteht, wie der Khong 1995, aus nur zwei Fässern. Der Alkoholgehalt fällt mir stolzen 67,9% sehr ähnlich hoch aus und anders als beim Khong erfahren wir hier den genauen Estergehalt: 427,2 gr/hlpa! Das ist durchaus eine Ansage, vor allem im Vergleich zum Estergehalt des Habitation Velier EMB 2010 damals (275,5 gr/hlpa) und daran gemessen, wie hoch der Estergehalt beim Mark EMB laut National Rums of Jamaica eigentlich sein soll, nämlich maximal 250 gr/hlpa! Insofern haben wir hier schon richtig Ester-Power am Start heute und ich bin natürlich gespannt, inwieweit sich das im Rum selbst dann auch bemerkbar macht. 

Erwähnt habe ich sie eben beide schon aber, so wie ich den 1995er aus der Khong Serie schon gegen den EMB aus 2010 gestellt habe, so stelle ich natürlich auch heute den 1997er für Begnoni wieder neben diesen Rum, aber natürlich auch neben den Khong, so dass er sich gegen die beiden für mich bisher mit Abstand besten EMB gleichermaßen behaupten muss! Bühne frei!


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Verkostung des Velier Jamaica Rum EMB 22 YO Monymusk 1997:

Preis: ich habe den Rum in diversen Onlineshops für zwischen 305,- und 350,- Euro gesehen. Gegenüber der Khong Abfüllung letztes Jahr (Ausgabepreis waren ca. 200,- Euro) also eine deutliche Steigerung! Vielleicht ist der Rum auch deshalb aktuell noch gut zu beziehen.

Alter: von 1997 bis 2019 reifte der Monymusk insgesamt 22 Jahre in Fässern. 

Lagerung: die Fässer lagerten bei Monymusk auf Jamaica, der Rum reifte also komplett unter tropischer Sonne. 

Fassnummern: unbekannt. Es handelt sich allerdings laut Label um einen Blend aus zwei Fässern, die insgesamt auch nur 442 Flaschen ergaben.

Angel's Share: >82% des ursprünglichen Volumens gingen über die Jahre an die Engel.

Alkoholstärke: stolze 67,9% vol. bringt der Begnoni 1997 "auf die Waage" - Full Proof!

Destillationsverfahren: der Rum entstammt einer Single Retort Pot Still von Monymusk.

Mark: EMB, das Mark des alten Bog Estate. 

Farbe: gold-braun, fast ins rötliche und an Rosskastanie erinnernd. 

Viskosität: parallele, regelmäßige und eher enge Schlieren laufen von der Glaswand zügig ins Glas zurück. 

Nase: zunächst sehr alkoholisch, was bei diesem hohen Alkoholgehalt und noch dazu im Ballonglas nicht anders zu erwarten war, lasse ich den Rum erst einmal über eine Stunde atmen. Diese tut ihm merklich gut, denn im Anschluss daran finde ich in der Nase ein Bouquet vor, was es definitiv wert ist, dass man sich eingehend mit ihm auseinander setzt. Mich begrüßen direkt zu Beginn schon starke Ester und andere Congeners, die allerdings trotz der geweckten Assoziationen zu Klebstoffen und Lösungsmitteln in eine ganz andere, eigene Richtung gehen als beispielsweise Jamaicaner aus Hampden oder Long Pond. Die Verwandtschaft zum 1995er ist offenkundig und auch den 2010er kann er kaum leugnen, wenn gleich das hier freilich ein anderer Reifegrad ist. Der Rum hat einiges an Tanninen abbekommen. Ich habe Röstaromen, karamellisierten Zucker, leicht verkohltes Holz und hinten heraus auch Gewürze, wie z.B. Anis. Es gesellen sich dann aber auch Trockenfrüchte, Mango und Papaya dazu, die hier zur sehr gereiften Komponente des Rums auch einen fruchtigen Part mit einbringen, was im Zusammenspiel sehr gut funktioniert. In der Nase mutet der Rum all in all tatsächlich wie ein Verbindungsstück zwischen dem sehr extremen 1995 und dem im Vergleich geradezu jugendlich anmutenden 2010er EMB, wobei die Tendenz, seinem Alter entsprechend, natürlich zum 1995er geht. 

Gaumen: zunächst einmal möchte der Alkohol gebändigt werden, was durchaus schon einer kleinen Anstrengung bedarf. Da steht er dem 1995er in nichts nach und die fast 68% vol. erbringen ihren Anwesenheits-Nachweis. Dementsprechend empfehle ich, sich dem Rum erstmal eher mit kleineren Schlücken zu nähern. Hat sich das anfängliche Brennen am Gaumen gelegt, und ja, der zwirbelt trotz der nicht geringen Reife schon ganz schön, gibt er eine feine Süße, sehr viele Tannine, Röstaromen, Anis, Bananenchips und -kompott frei, sowie wieder diesen medizinischen Touch, den ich auch schon beim 1995er gefunden hatte. Insgesamt zeigt er sich in seiner Gesamt-Anmutung dem großen Bruder schon sehr ähnlich, wenn gleich dieser nochmal ein ganzes Stück mehr Reife aufweist. Den 1997er empfinde ich hier schon als etwas ausgeglichener/ausgewogener/stimmiger, obwohl auch er wirklich arg gereift daher kommt. Gingen meine Assoziationen beim 1995er noch eher zu Long Pond, bin ich hier eher bei Worthy Park. Da sind schon einige Parallelen. Wenn Worthy Parks mit vergleichbarer Reife irgendwann ähnlich schmecken, dann sollte man sie lieber noch etwas in den Fässern lassen statt sie aktuell massenhaft auf den Markt zu werfen, denn in dieser Form kämen sie doch sehr viel spektakulärer als derzeit. Doch ich schweife ab.

Abgang: wieder habe ich die Assoziationen zu Worthy Park, allerdings auch zu alten Demerara Rums. Ich finde viel Anis, dazu verbranntes Gummi und einen medizinischen Bitter-Ton! Mittel- bis langanhaltend! 

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Fazit: obwohl mir der Rum fast genauso gut gefällt wie der 1995er, bin ich nicht mehr ganz so begeistert, wohl auch, weil ich nicht mehr in dieser Form überrascht bin wie ich es noch im Herbst letzten Jahres war. Aber wie jetzt? Sind diese alten Monymusk etwa nur ein One Trick Pony? Nein, soweit würde ich definitiv nicht gehen, immerhin sind sie meines Erachtens noch immer absolut perfekt für Momente, in denen es schon ein sehr gediegener Rum sein darf, in denen man sich aber gleichzeitig nicht unbedingt einen Rum wünscht, den man dann noch für die nächsten zwei Tage am Gaumen präsent hat, wie das bei Hampden oder Caroni schnell mal der Fall ist. Insofern sprechen wir hier ohne jeden Zweifel noch immer von Top Qualität auf höchstem Niveau! Allerdings sprechen wir inzwischen eben auch über Top Preise auf ebenfalls sehr gehobenem Niveau und da muss oder sollte man dann doch schon auch etwas genauer hinsehen, gerade mit Blick auf den EMB 2010, den man noch immer für ca. 100,- Euro bekommt und damit für gerade einmal ein Drittel (!) dessen, was man für den 1997 hinlegen muss (beim 1995er ist die Spanne nochmal größer, durch die Preise auf dem Secondary). Klar, der Habitation Velier rangiert schon nochmal ein ganzes Stück hinter den älteren Brüdern, zumindest aus meiner subjektiven Warte, aber eben auch nicht soo weit dahinter, als dass man nicht doch heimlich im Kopf zu rechnen beginnt. Und an der Stelle ist es dann eigentlich auch schon zu spät, denn wenn ich in dieser Preisrange einen Rum kaufen möchte, dann sollte ich tendenziell nicht überlegen müssen. Wer es dennoch tut, bzw. hier zuschlägt macht nichts desto weniger aus meiner Sicht allerdings keinen Fehler, sondern erhält einen fantastischen Rum, an dem er viel Freude haben wird, nur eben zu einem als leicht zu hoch empfundenen Kurs. Das wiederum wäre ja aber bei vielen von uns ganz sicher nicht das erste mal... oder? ;-)

Ein ganz besonderer Dank geht abschließend nach Wilhelmshaven für das Sample vom EMB 1997, den ich ansonsten nicht hätte verkosten können!

-93/100-

Ich wünsche euch nun noch einen schönen Sonntag!

Bis demnächst,
Flo

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