Sonntag, 5. April 2020

Velier FP Heavy Trinidad Rum 17 YO Caroni 1994

Liebe Rum Gemeinde,

heute möchte ich im Grunde nahtlos dort weitermachen, wo ich vor genau zwei Wochen aufgehört habe. Nach dem 17 jährigen Velier Caroni 1994 High Proof kommt nun also auch der dazu gehörige Full Proof ins Glas!



Und weil ich mich in der Introduction letzte Woche hauptsächlich mit dem ikonischen Label des Caroni auseinander gesetzt habe, möchte ich mich heute ergänzend dazu der historischen Einordnung dieses Rums widmen. Diese habe ich beim letzten Mal noch bewusst heraus gelassen, da ich sonst heute nicht mehr viel zu erzählen gehabt hätte ;-) Zum Label des Full Proof sei allerdings noch kurz angemerkt, dass auch dieses den Trinidadian mit dem Strohhut zeigt, der schon auf dem Label vom High Proof abgebildet war, allerdings von hinten und an der Zuckerrohr-Ernte arbeitend. Doch nun direkt zum historischen Kontext.




















Beide Rums, also sowohl der High- als auch der Full Proof erschienen im Jahr 2011 mit jeweils 17 Jahren tropischer Reife im Fass. Damit waren die beiden sowohl die bis dahin jüngsten von Velier abgefüllten Caroni überhaupt, als auch 1994 der bis zu diesem Zeitpunkt jüngste je gebottlete Caroni-Jahrgang innerhalb der Range von Velier. Damals gab es vom italienischen Abfüller weder Caronis aus 1996, 1998 oder 2000. Damit schließt sich heute gewissermaßen auch ein Kreis, denn es ist ausgerechnet der Jahrgang 1994, der heute der älteste ist, von dem Velier noch Fässer besitzt, wenn auch mit sechs Stück an der Zahl (ein siebtes lief leider aus) nur sehr wenige. Keine Premiere war hingegen die Doppelreifung bis 2008 auf Trinidad und danach, ab 2008, bei DDL in Guyana. Aus dem so genannten Guyana Stock waren nämlich genau ein Jahr zuvor, im Jahr 2010, auch schon zwei 1992er Caroni mit 18 Jahren abgefüllt worden, die viele auf Grund ihrer Label vermutlich nur als "Cow" kennen. Fairerweise muss man allerdings berücksichtigen, dass dieser Besonderheit damals kaum Beachtung geschenkt wurde. Aus Gründen die heute wohl kaum noch jemand nachvollziehen kann, wurde nämlich den Caroni im Allgemeinen damals noch kaum größere Bedeutung beigemessen. Nicht zuletzt deshalb erklärt sich, dass die Caroni zum damaligen Zeitpunkt noch für Preise zu beziehen waren, von denen man heute nur noch träumen kann. Ob allerdings die heutigen Kurse zurecht gezahlt werden, werden wir uns u.a. in der folgenden Verkostung ansehen. Denn ob es der eine oder andere Caroni-Kritiker wahrhaben möchte oder nicht: die Grundlage für die heutigen und zum Teil exorbitanten Kurse für die Velier Caroni ist deren Geschmack. Das heißt nicht, dass sie von allen auch zum trinken gekauft werden, natürlich sind sie leider auch zu Spekulationsobjekten geworden, aber würde uns ihr Inhalt nicht immer wieder vollkommen von den Socken hauen, wären die Verhältnisse wie wir sie heute haben nicht darstellbar.


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Verkostung des Velier 17 YO FP Caroni 1994:

Preis: der Ausgabepreis wird 2011 noch bei vielleicht 80,- Euro ca. gelegen haben. Inzwischen kostet eine Flasche deutlich über 1000,- Euro. 

Alter: von 1994 bis 2011 reifte der Rum 17 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand von 1994 bis 2008 auf Trinidad und von 2008 bis 2011 bei DDL in Guyana statt. Somit ist der Rum zu 100% tropisch gereift.

Fassnummern: unbekannt. Das Backlabel verrät aber, dass sieben Fässer verwendet wurden, die insgesamt 2293 Flaschen ergaben. Somit ist diese Abfüllung wesentlich limitierter gewesen als der High Proof.  

Angel's Share: ohne Angaben. Anhand anderer Abfüllungen muss aber von mindestens 70% und mehr ausgegangen werden. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum kommt mit starken 62,3% vol. daher!

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR - Heavy Trinidad Rum

Farbe: dunkles Mahagoni.

Viskosität: weite, gleichmäßige und parallele Schlieren laufen langsam und träge an der Glaswand herab, zurück ins Glas.

Nase: in der Nase präsentiert sich der Rum erstmal wesentlich verhaltener als sein kleiner Bruder, der High Proof. Zwar findet man das Caroni-typische Profil auch hier direkt mehr als deutlich vor, aber das alles kommt bei voller Stärke doch wesentlich verwobener und konzentrierter daher als in verdünntem Zustand und auch der Alkohol feuert und sticht zu Beginn ganz ordentlich. Dann aber, nach etwa einer Stunde des Atmens im Glas, wandelt sich das merklich. Der Alkohol wirkt jetzt plötzlich perfekt eingebunden und der Rum macht richtig schön auf! Wow! Nun habe ich auch hier alles, was ich beim High Proof schon so richtig, richtig gut fand! Tief, voll, komplex und reichhaltig zeigt sich der Full Proof. Auch hier treten nun die dreckigen Assoziationen zu Schrottplatz, Lösungsmitteln, Holzlack, Öl, Teer, verbranntem Gummi auf, gepaart mit fruchtigen Mango und Papaya, aber auch reifen Tanninen, die hier auch schon ein wenig deutlicher ausfallen als beim High Proof. Nach hinten heraus habe ich ganz viel Anis und auch etwas Menthol. Letzteres wird stärker, je länger der Rum im Glas verweilt. Gerade zum Ende hin, auch eine wirklich schöne Nase!

Gaumen: in einem Wort? Perfektion! Ich muss lange überlegen, wann mich das letzte Mal ein Rum am Gaumen so sehr abgeholt und sogar seine Nase noch getoppt hat (anders herum kommt das dagegen häufiger vor)! Der Rum ist tatsächlich ALLES, was man sich von einem Caroni nur vorstellen und wünschen kann! Vom Start weg geht es hier wirklich brachial, im positivsten Sinne, zur Sache. Der Rum ist unglaublich stark, wirklich sehr, sehr kräftig, was aber nicht bedeuten soll, dass sich der hohe Alkoholgehalt in irgendeiner Weise negativ bemerkbar machen würde. Im Gegenteil, der Alkohol ist super eingebunden! Bedingt durch den Verzicht auf die Zugabe von Wasser zeigt sich der Full Proof am Gaumen dementsprechend natürlich auch wesentlich konsistenter und damit für mich besser als sein kleiner Bruder der High Proof. Der Rum kommt wahnsinnig mundfüllend daher und zeigt sich auch adstringierend zu Beginn. Große Schlücke sind also durchaus eine kleine Herausforderung, wobei das sehr auf den individuellen Geschmack ankommt. Im Folgenden zeigt sich dann erstmal der volle Caroni-Einschlag und diese geile und für die ab 2008 in Guyana gereiften Caroni so typische natürliche Süße am Gaumen. Und diese zeigt sich hier, wie ich finde, wirklich sehr, sehr deutlich und macht ganz viel Spaß! DAS ist für mich Caroni in Perfektion! Der Rum hat na klar die dreckigen Komponenten, ihr kennt meine Assoziationen dazu, die sind hier alle vorhanden. Es ist noch einiges an Brennerei-Charakter da, was man vor allem bei den späteren und zumeist länger gereiften Caroni immer seltener noch sieht, allerdings sind durchaus auch bereits sehr ausgeprägte Tannine am Start, was mich nahe an den Verdacht bringt, dass wenn es wirklich den einen Zenit bei der Reifung gibt, dass dieser dann in diesem Rum ziemlich gut getroffen worden sein könnte. Ebenfalls nicht unerwähnt lassen möchte ich, wie gut mir der Rum peripher und nach hinten heraus gefällt. Da findet man wirklich immer nochmal was neues und es setzt sich einfach nur ein unglaublich geiler Caroni-Geschmack im Mund fest. Irre gut!

Abgang: im Abgang zeigt sich der Rum würzig-warm und dann trockener werdend. Es gibt noch einmal den kompletten Caroni-Einschlag, inklusive einem wirklich langen Nachhall. Großes Kino!

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Fazit: dieser Rum ist ohne jeden Zweifel einer der besten Caroni aller Zeiten, der zugleich zeigt, wie unterschätzt der Jahrgang 1994 bei vielen noch immer ist! Denn wenn nach den Top Jahrgängen von Caroni gefragt wird, dann fallen sofort die Jahrgänge 1992 und 1996 und bei vielen auch das Jahr 2000, aber 1994 steht da immer so ein wenig hinten an, so mein Gefühl. Tatsächlich rangiert dieser Jahrgang für mich aber mindestens gleichauf mit 1992 und 1996 und ich finde ihn mit großem Abstand besser als den Jahrgang 2000! Mit Schuld an der vermeintlichen Stiefmütterlichkeit 1994' ist mit einiger Sicherheit auch der bei vielen noch immer schlecht gelittene 23 YO mit gelbem Label und 100° Proof, der im Allgemeinen Boom der Velier Caroni bis heute noch immer eine kleine Ausnahme darstellt. Doch dazu hier in Kürze nochmal mehr. Zum heute besprochenen 17 YO Full Proof kann ich nur sagen, dass ich ihn zu jenen Caroni zählen muss, die man als Liebhaber dieser Lost Distillery meines Erachtens mindestens einmal in seinem Leben im Glas gehabt haben sollte, so wie jeden Caroni, der die magischen 95 Punkte geknackt hat. In meine ewigen Top 5 habe ich ihn bereits auf Platz 4 stehend eingepflegt, gleichauf mit dem 20 jährigen 1992 Full Proof aus der Hangar Serie. Das allein spricht glaube ich für sich, wo und wie ich diesen Rum auch geschichtlich einordne. Outstanding Stuff!

-97/100-

Bis demnächst,
Flo

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