Sonntag, 10. März 2019

Velier 2000 Single Cask Caroni 15 YO for Paul Ullrich

Liebe Rum Gemeinde,

heute nehme ich mir einmal mehr etwas länger Zeit für die Verkostung, denn es wartet mit dem Velier Caroni für die Paul Ullrich AG ein echtes Brett von über 70% vol. auf mich! Das bedeutet vor allem eine lange Standzeit für den Rum zum Atmen, wie vergangene Verkostungen, z.B. beim Caroni für The Nectar, gezeigt haben. Eben diesen Nectar-Caroni, den ich im letzten Mai auch hier verkostet habe, gebe ich heute noch einmal ins Glas und ziehe ihn zum Vergleich heran!



Der Velier Caroni 15 YO aus dem Jahrgang 2000 wurde als Single Cask im Jahr 2015 für die Paul Ullrich AG aus der Schweiz releast. Zu dieser Vorgehensweise habe ich beim Kirsch- und beim Nectar Caroni bereits einige Worte verloren, weswegen ich das heute nicht noch einmal gesondert aufarbeiten werde. Für die heute besprochene Abfüllung wurde das Fass #3790 ausgewählt, welches nur insgesamt 214 Flaschen - das ist wahrlich nicht viel - mit einem Alkoholgehalt von 70,3% vol. ergab. Über 71% gingen an die Engel und verdampften demnach. Testen werde ich den Ullrich, wie eingangs gesagt, neben seinem Bruder, dem Nectar Caroni aus Belgien, und da bin ich auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten sehr gespannt, denn rein von den Randdaten her bestehen da ja keine großen Unterschiede. Mal schauen! 
Zur Paul Ullrich AG selbst ganz kurz:  das Unternehmen wurde nach meinen Informationen im Jahr 1910 als Wein- und Spirituosenhandlung von Paul Ullrich in Basel gegründet und scheint, laut einem Handelsregisterauszug aus der Schweiz, seit 1944 eine Aktiengesellschaft zu sein. Das Unternehmen wird heute in der dritten Generation von Urs Ullrich geführt und hat Filialen in Basel, in Zürich und in Bern.



Und last but not least: mein Sample erhielt ich dankenswerter Weise von einem netten Rumthusiast aus Berlin, wodurch die heutige Verkostung erst möglich wurde. Vielen Dank dafür!



Verkostung des Velier 15 YO FP Caroni 2000 for Paul Ullrich:

Preis: der Ausgabepreis im Jahr 2015 lag bei ca. 100,- Euro. Heute kostet eine Flasche ca. 450,- bis 600,- Euro, zum Teil werden sogar noch größere Summen aufgerufen.

Alter: von 2000 bis 2015 reifte der Rum 15 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand von 2000 bis 2015 auf Trinidad statt.

Fassnummer: das Fass trug die Nummer #3790. Es wurden 214 Flaschen abgefüllt.

Angel's Share: >71% gingen an glückliche Engel. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum hat eine Stärke von 70,3% vol.

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: dunkler, goldener Bernstein. 

Viskosität: kleine Tropfen bilden sich an der Glaswand. Diese bilden sich nur langsam zu Schlieren und laufen dann in unregelmäßigen Abständen träge am Glas herunter.

Nase: wie erwartet, gibt sich der Rum zu Beginn absolut verschlossen, konzentriert und stechend scharf in der Nase. So dauert es ca. eine Stunde, bis da überhaupt mal ein Durchkommen ist, ohne, dass es einem dabei die Nasenschleimhäute zerlegt. Krasser Rum, wirklich extrem! Nachdem ich einen Zugang gefunden habe, nach noch etwas länger als einer Stunde hat sich die Schärfe komplett verzogen, gibt sich der Rum dann zunächst einmal sehr Caroni-typisch. Und typisch, das ist klar, heißt in diesem Falle vor allem dreckig und rotzig. Im Vergleich zum Nectar fällt mir auf, dass diese typische 2000er Menthol-Note, die mir nicht so gefällt, hier sehr gering ausfällt und mir so auch erstmal gar nicht auffällt. Vielmehr stehen Leder, Teer, Phenole, Motoröl oder Trockenfrüchte im Vordergrund. Nach hinten heraus ist dann aber doch auch noch etwas Menthol da, aber keinesfalls deutlich. Der Gesamteindruck ist noch einmal wesentlich stimmiger als beim Nectar, das ist ein wirklich erstklassiger Rum bis hier hin! Und nach hinten heraus wird die Nase tatsächlich auch noch weiter stimmiger, so dass man an dieser Stelle wirklich noch einmal betonen muss: der braucht verdammt viel Zeit! Das ist ein abendfüllender Caroni für mehrere Stunden.

Gaumen: den ersten Schluck nehme ich nach etwas über einer Stunde, nachdem ich den Rum ins Glas gegeben habe. Ich habe zunächst eine kurze alkoholische Schärfe mit deutlichem Brennen auf der Zunge. Er ist nicht so extrem, wie man das bei über 70% vol. erwarten würde, allerdings auch nicht so weich, wie z.B. der 1996er Caroni von Whisky Krüger mit 69% vol.. Einzig bei größeren Schlücken geht es dann doch ordentlich zur Sache, daher würde ich eher kleinere Schlücke empfehlen.  Der Ullrich ist eindeutig adstringent und sehr mundfüllend. Mit zunehmender Speichelbildung im Mund bekommt er dann aber eine leichte Cremigkeit. Die dominanten Aromen sind sehr bestimmend Anis, dabei auch frisch geschnittene Äste, Menthol, Teer und Holzlack. Der Rum wird zunehmend trocken und hat darüber hinaus auch etwas leicht parfümiertes, florales. Am meisten beeindruckt mich, wie schon beim Nectar Caroni, wie jung der Rum ganz offensichtlich geblieben ist. Er ist noch so richtig ungehobelt und schroff, anders als viele länger gelagerte Vertreter, die schon etwas deutlich gesetzteres haben. Lecker! 

Abgang: trockener, leicht bitterer Abgang. Frisch geschnittene Äste, Anis, Teer. Eiche. Langer Nachhall.

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Fazit: der König ist tot, es lebe der König! Nein, der Ullrich überflügelt den Nectar nicht wesentlich, aber ich finde, dass er in kleinen Nuancen und Sequenzen immer wieder den noch etwas besseren Gesamteindruck macht, so dass am Ende ein sehr guter Caroni von einem noch etwas besseren Caroni geschlagen wird. Daher fürchte ich, habe ich also einen neuen König des so ambivalenten Caroni-Jahrgangs 2000 gefunden!
Ich bleibe dabei, dass es kaum einen Jahrgang von Caroni gibt, bei dem der Brennerei-Charakter noch so sehr durchkommt wie bei den jüngeren Caroni 2000, einfach, weil sie eben als nahezu einziger Jahrgang schon so zeitig zur Abfüllung kamen. Insofern genießen die beiden 15 YO Single Casks, die ich bisher hatte, bei mir auch eine kleine Sonderstellung. Die bereits zwei Jahre älteren 2000er, von EATALY und die US- bzw. EU-Abfüllung, haben bereits deutlich mehr Fasseinfluss. Gerade dem EU-Caroni stand das meines Erachtens sehr gut, aber das ist eben dann auch schon etwas vollkommen anderes. Es bleibt allerdings gleichermaßen die Erkenntnis, dass ich auf Kaliber wie diese hier nur selten so wirklich Lust habe. Rums wie der Ullrich oder der Nectar sind spannend, das ist Thrill, das reizt mich auch sehr, wenn es dann an die Verkostung geht. Aber gemütliche Situationen, in denen man sich spontan einen Rum einschenkt, die lässt der Ullrich eigentlich nicht zu, da er eben diese enorme Zeit im Glas und die volle und geballte Aufmerksamkeit benötigt. Und da kommen dann doch wieder Rums wie der EU-Caroni ins Spiel. Wie schön daher also, dass es beide gibt...

-95/100-

... und damit wünsche ich euch noch einen schönen Sonntag und sage: bis demnächst!

Flo

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