Sonntag, 8. März 2020

RA Demerara Rum 25 YO Enmore REV 1994

Liebe Rum Gemeinde,

heute habe ich einmal mehr eines dieser Reviews für euch, wo ich schon wieder gar nicht weiß, wo ich überhaupt anfangen soll, weil ich mich am liebsten direkt in Superlativen übertreffen möchte, wenn ich allein nur höre, über was wir hier heute sprechen werden. Daher ohne weitere Umwege: es geht um nicht weniger als um einen 25 Jahre alten Enmore/Versailles Demerara Rum des Marks REV aus dem Jahr 1994, abgefüllt vom deutschen unabhängigen Abfüller Rum Artesanal!


Und für alle, bei denen es beim Lesen dieses Marks nun noch nicht unmittelbar geklingelt hat, denen möchte ich den Cadenhead Cask Strength REV Demerara Rum 11 YO Enmore 1994 in Erinnerung rufen, der bereits im Jahr 2006 abgefüllt wurde. Wofür genau das Mark REV steht, ist nicht ganz bekannt. Es ist wohl davon auszugehen, dass EV für Enmore/Versailles steht, denn Cadenhead verriet uns seinerzeit, dass der Rum aus Enmore, sowie aus einer Pot Still stammt, was nur bedeuten kann, dass er mit der VSG Still hergestellt wurde, denn eine andere Pot Still gab es bei Enmore nicht. Da der Rum aus Mai 1994 stammt, zählte er mit zum allerletzten, was überhaupt noch am Standort Enmore gebrannt wurde. Kurze Zeit später wurde die Destillerie Enmore geschlossen, bzw. deren Stills an Diamond überführt. Ob REV zu den offiziellen Marks von DDL zählt, ist nicht hinreichend bekannt. Vermutet wird, dass auch dieses bereits in Europa entstanden ist. Heute kürzt die Main Rum Company dieses Mark mit MER ab, was letzten Endes natürlich leider dazu führt, dass das Wissen über die Ursprünge der Rums immer weiter zurück geht, denn kaum ein unabhängiger Abfüller kann dieses Kürzel (MER) noch mit dem Mark (REV) in Verbindung bringen, wenn er sich nicht sehr gut mit Rum auskennt. Das wiederum kann bei vielen IB leider nicht vorausgesetzt werden und so werden viele Demerara Rums von außen immer gleicher und können letztlich fast nur noch durch Nerds geschmacklich entschlüsselt und zugeordnet werden. Für Demerara Rums aus der Zeit nach 2000 gilt das natürlich noch einmal mehr als für die älteren.
Der Cadenhead REV gilt vielen Connaisseuren heute als eine echte Legende, die auch auf Auktionen oder bei Facebook nur äußerst selten angeboten wird. Dieser Umstand führt leider auch dazu, dass die allermeisten von euch da draußen diesen Rum vermutlich noch niemals im Glas gehabt haben werden. Da ich in meiner Review zum neu erscheinenden RA allerdings auch in Teilen auf den Cadenhead als Vergleich eingehen werde, kann ich an dieser Stelle nur auf Marcos Review aus dem Jahr 2013 (s. Link) verweisen, bzw. werde euch jetzt natürlich auch selbst kurz von diesem Rum berichten.



Dürfte ich den Cadenhead in nur einem einzigen Wort beschreiben, so würde ich dafür vermutlich das Wort "extrem" wählen, denn extrem ist dieser Rum in jeder Hinsicht gewesen. Mit genau 70% vol. (!) kam er im jungen Alter von nur 11 Jahren (kontinentale Reifung) in die Flasche und war ein Melasse-Monster, wie man es selten zuvor gesehen hat, wenn überhaupt. Marco glaubte zu jener Zeit noch an mit Melasse ausgestrichene Fässer aus Guyana, was er allerdings in seinem großen Guyana Artikel einige Zeit später selbst revidiert hat und ins Reich der Legenden verweisen konnte. Nichts desto weniger wirkte die Legende, auch wenn sie letztlich unwahr war, dennoch glaubhaft, was natürlich viel über den Geschmack dieses Rums aussagte. In der Konsequenz hieß das wiederum auch: der gefiel nicht jedem, und mir z.B. gefiel er unter'm Strich auch nicht. Klar, das ganze hatte etwas wirklich faszinierendes und grundsätzlich war da schon auch einiges was ich mochte, aber in Summe war mir das einfach zu krass und für meinen Geschmack nicht schön zu trinken. Andere wiederum waren von dieser Extremität vollkommen geflasht und nennen den REV von damals bis heute als einen ihrer All Time Favorites.

So wird der Rum in der Flasche aussehen. Source: Rum Artesanal
Daher war ich umso gespannter als ich von Dominik erfuhr, dass da von RA in Kürze ein Nachfolger in den Startlöchern stehen würde, der nun mit 25 Jahre Reife daher käme und auch nur noch 51,4% vol. aufweisen wird. Das, so mein Gedanke, der mir in den Kopf schoss, könnte verdammt gut passen! Und nun ja, ihr könnt euch beim Lesen dieser Zeilen vermutlich schon denken, dass der Rum bei mir am Ende wohl nicht durchfallen wird, wenn ich hier so einen Spannungsbogen aufbaue, aber ich möchte, bevor ich zum Tasting komme, doch noch kurz etwas auf die Randdaten eingehen, um deutlich zu machen, warum dieses Bottling in meinen Augen tatsächlich einer Sensation gleichkommt. Da ist zunächst einmal das absolute Alleinstellungsmerkmal. Dieser REV ist der meines Wissens erste überhaupt seit den Bottlings von Cadenhead und Samaroli im Jahr 2006, also seit 14 (!) Jahren. Das ist eine enorme Zeitspanne, lang genug um zu suggerieren, dass wir uns auf weitere Bottlings dieses Marks eigentlich wohl eher nicht mehr einstellen durften. Zum anderen müssen wir aber auch unbedingt über den Preis reden, der für eine Abfüllung wie diese einfach nur phänomenal ist, vor allem in der heutigen Zeit. Denn die aufgerufenen 109,- Euro zahlt man heute leider oft schon für viele Rums, die qualitativ gerade mal dem Durchschnitt entsprechen. Zu diesen, wieder spoilere ich, zählt der heutige Rum definitiv nicht, weswegen der Preis ein echter Hammer ist! Hier werden normal wesentlich heftigere Preise aufgerufen, weshalb man RA wirklich nur gratulieren und danken gleichzeitig kann, dafür, dass sie sowas noch machen und auch in der heutigen Zeit die Ruhe bewahren und ein echtes Interesse an qualitativ hochwertigem Rum zu fairen Preisen zeigen! Das verdient allerhöchsten Respekt!

Abschließend an dieser Stelle sei na klar um der Transparenz wegen erwähnt, dass ich ein Sample dieses Rums vorab kostenlos zum probieren erhalten habe (vielen Dank dafür!) und den Rum hier ausschließlich deshalb vorstelle, weil ich das frei jeder externer Interessen gerne möchte.




Verkostung des RA Demerara Rum 25 YO Enmore REV 1994:

Preis: der Ausgabepreis wird bei 109,- Euro für eine 0,5 Liter Flasche liegen. Releasetermin ist der 13.03.20 in den bekannten Shops die RA Rums führen, sowie auf der Cologne Spirits. 

Alter: von Mai 1994 bis März 2020 reifte der REV volle 25 Jahre und 10 Monate im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand mutmaßlich gänzlich in Europa statt. Das trifft üblicherweise auf alle alten und bei der Main Rum Company gelagerten Guyana Rums zu.

Fassnummer: #187. Insgessamt wurden 249 Flaschen abgefüllt. 

Angel's Share: ~31%

Alkoholstärke: der Rum kommt mit 51,4% vol. daher - Fassstärke!

Destillationsverfahren: zum Einsatz kam die Single Wooden Pot Still von Versailles (VSG), die 1994 noch bei Enmore stand. 

Mark: REV (hergestellt mit der VSG-Still)

Farbe: der erste Wow-Moment! Schwarz wie die Nacht gibt sich der Rum in der Flasche, im Glas kommt er dementsprechend in einem tiefen, edlen Braun daher, ebenfalls schon fast ins schwarze gehend. 

Viskosität: der Rum bildet wunderschöne Kronen am Glasrand und hat dabei noch immer diesen Style von Motoröl, den schon der 11er Cadenhead REV im Glas hatte. Das ist optisch wirklich abartig wie faszinierend zugleich, wie sich der Rum im Glas gibt.

Nase: Wuhuhuhuuuuu... was für ein Rum!! Richtig schön voll und reichhaltig kommt dieser alte Demerara Rum daher und bringt im Bouquet eine wahre Fülle an heftiger Melasse, dunklem Obst, karamellisiertem Zucker und Pflaumenmus mit. Die Tiefe und vor allem die Intensität die ich hier vorfinde sind schon bemerkenswert! Keine Frage, gerade im Vergleich zum Cadenhead damals muss man sagen: der REV ist erwachsen geworden! Stand mit dem 11 YO damals noch eine richtige Drecksau von ca. 70% vol. vor mir, präsentiert sich das ganze nun sehr gereift und deutlich entspannter, mit ordentlich Tanninen, dabei aber immer noch REV-typisch. Peripher habe ich noch Cola und Menthol, auch Leder ist deutlich wahrnehmbar. Das ist richtig geiler, komplexer Old Demerera Rum wie wir ihn lange nicht mehr zu Gesicht bekommen haben! Ich finde keine Fehlnote, alles passt hier zusammen, sehr außergewöhnlich. Na klar, der Rum braucht einiges an Zeit um sich wirklich zu entfalten, keine Frage, aber er ist dennoch vom Start weg sehr zugänglich. Auch alkoholische Schärfe beispielsweise spielt hier keinerlei Rolle. Einfach nur richtig guter Stoff!

Gaumen: auch am Gaumen brauchen wir über das Thema alkoholische Schärfe keine Worte verlieren, die gibt es hier schlicht nicht. Der Rum ist herrlich weich, legt sich angenehm auf die Zunge und ist dabei schön konsistent, ölig und vollmundig. Große Klasse! An Assoziationen sind da zunächst eine schöne, natürliche Süße, die viel an Pflaumen erinnert, dazu viel Dörrobst, dominante (aber nicht überwältigende!) Melasse, Kräuter, Holz, sehr viel Nuss, Toffee, Gewürze, Anis,... ich könnte ewig weiter suchen! Es will einfach nicht enden, was da an Eindrücken auf den Gaumen einprasselt, so viel gibt dieser Rum her! Das ganze stellt sich wunderbar ausgewogen dar, ist, so banal das klingt, einfach unfassbar lecker! War die Nase schon richtig gut, dreht der Rum am Gaumen dann aber erst so richtig auf! Hier legt er die für mich stärkste Performance insgesamt hin! Was man allerdings vermeiden sollte ist den Rum zu lange im Mund zu behalten, da er sonst zu bitter wird. Das kann man aber für sich selbst sehr gut abstimmen und geht ein wenig über's ausprobieren.

Abgang: es bleibt etwas sehr nussig-melassiges, dazu frisch geschnittenes Geäst, Anis, Tannine, dann ins nussig-bittere gehend. Sehr lang anhaltend und der krönende Abschluss eines herausragenden Destillats!

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Source: Rum Artesanal
Fazit: ich habe schon als ich registrierte, dass es sich bei dem neuen RA Rum um einen REV handeln würde sehr leuchtende Augen bekommen. Gar nicht mal weil mir der Cadenhead damals so gut geschmeckt hätte, das hat er nämlich gar nicht unbedingt, da er mir viel zu krass und zu anstregend war. Aber es hat mich wahnsinnig interessiert, wie sich dieser Stil wohl über die vielen Jahe seit dem entwickelt hat und mein Gefühl sagte mir, dass ihm das unglaublich gut getan haben könnte. Und nun, was soll ich sagen? Mein Gefühl hat mich nicht getrügt! Dieser REV ist wirklich ein unglaublicher und wahnsinnig leckerer Rum. Er hat noch immer alles was den Stil REV ausmacht, kombiniert aber mit allen Vorteilen einer 25 jährigen Fassreifung! Selten hat mich ein Demerara Rum so abgeholt, so rund herum überzeugt. Vollkommen irre! Und vor allen Dingen hätte ich einfach niemals gedacht, dass es solch geile alte Demerara Rums da draußen überhaupt noch gibt bei den Brokern. Mega! Das macht dementsprechend natürlich auch Mut, dass da vielleicht noch mehr richtig guter alter "Scheiß" kommt! Achso, müssen wir nochmal über den Preis reden? Ich glaube nicht, bzw. dazu habe ich oben bereits alles gesagt. Für Rums wie diesen wurde das Wort PLV-Hammer erfunden! Das hier ist einfach nur ein riesen Pick von Dominik und von RA, dieses Fass an Land gezogen zu haben! Chapeau, meine Glückwünsche und vielen Dank!

-94/100-

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 1. März 2020

RA Australia Rum 12 YO Inner Circle 2007

Liebe Rum Gemeinde,

nach einem grippalen Infekt im Dezember und einer Magenschleimhaut-Entzündung im Januar und Februar hat sich bei mir einiges angestaut, was ich euch eigentlich schon längst vorstellen wollte, dann aber einfach nicht dazu kam. Einer dieser Rums ist der 12 jährige RA Australia Inner Circle Rum aus dem Jahr 2007, den Rum Artesanal im letzten Jahr zum German Rum Fest in Berlin releast hat und dessen Geschichte ich euch schon lange mal näher bringen wollte.



Aber apropos Release zur Messe noch ganz kurz vorher eingeschoben: auch zur diesjährigen Cologne Spirits wird RA mit neuen Tropfen am Start sein, wie man via Facebook bereits geteasert hat. Und da darf man sich einmal mehr richtig freuen, denn da werden wieder echte Granaten am Start sein, aber dazu nächsten Sonntag mehr ;-) Zur Einstimmung gibt es heute erst einmal einen Rum des letzten RA-Schubs, den ich aus ganz unterschiedlichen Gründen sehr interessant finde und daher hier besprechen möchte.
Denn mit dem Inner Circle ist hier heute tatsächlich etwas ganz besonderes am Start. Zunächst einmal natürlich, weil Rum aus dem Südpazifik/ Ozeanien grundsätzlich noch immer etwas sehr exotisches ist. Aus Fiji erscheinen häufiger mal Rums, klar, und aus Australien kennt man Bundaberg und Beenleigh, aber gerade letztere mit ihren Originalabfüllungen haben im Allgemeinen wohl die wenigsten auf dem Schirm, wenn es um wirklich guten Rum geht. Aber darauf ziele ich nicht in erster Linie ab. Mir geht es vor allen Dingen darum, dass Inner Circle sowohl geschichtlich, als auch in der Neuzeit ein Projekt ist, das einer echten Rum-Nerd-Lovestory gleicht, die erzählt gehört! ... und die am Ende sogar auch noch für sämtliche Träume um ein Re-opening von Caroni relevant ist... Seid gespannt! Doch beginnen wir von vorn:


Geschichte des Inner Circle Rums:

Möchte man die Geschichte vom Inner Circle Rum erzählen, dann muss man bei der Colonial Sugar Refinery Company Limited (CSR Ltd) anfangen. Die CSR wurde im Jahr 1855 als Zuckerraffinerie im Raum Ozeanien (Australien, Neuseeland, Fiji,...) gegründet und erwies sich als äußerst erfolgreich und lukrativ, da das dortige Klima den Anbau von Zuckerrohr sehr begünstigt. Achtzehn Jahre nach der Gründung, 1873, begann man bei CSR dann auch mit der Destillation von Alkohol, indem man auf Harwood Island am Clarance River in New South Wales in Süd-Ost-Australien eine Destillerie errichtete. Produziert wurde dort allerdings nicht nur Rum, der eher einen kleinen Teil des Produktionsvolumens ausmachte, sondern vor allem Industriealkohol. 1896, nach nur 23 Jahren, war in Harwood dann auch schon wieder Schluss mit der Produktion und man errichtete stattdessen im Jahr 1901 eine neue Destillerie in Pyrmont, im Hafen von Sydney. In der Zwischenzeit produzierte man in Nausori auf Fiji, wo man kurz vor der Schließung Harwoods, im Jahr 1890, noch eine zweite Destillerie gebaut hat. Wieder allerdings stand der Industriealkohol deutlich im Vordergrund des Unternehmens, während die Rum Produktion in dieser Zeit eher als eine Art Hobby der Mitarbeiter beschrieben wird.
Die Pyrmont Distillery produzierte über viele Jahrzehnte große Volumen an Industriealkohol und auch geringe Mengen Rum mit zwei Pot Stills, die in Betrieb waren, bis die Destillerie im Jahr 1986 geschlossen wurde. Die Qualität des Rums wurde über die Jahrzehnte immer weiter gezielt gesteigert. Wegweisend war das Jahr 1934, als der damalige Chef-Chemiker von Pyrmont, ein Dr. Harman, von einer Amerika-Reise zurückkehrte, und eine neue Hefekultur im Gepäck hatte. Diese wurde von diesem Zeitpunkt an für die Rums verwendet, was deren Qualität schlagartig enorm verbesserte. CSR allerdings war auch weiterhin nicht wirklich daran interessiert diese Rums groß zu vermarkten, sondern verkaufte sie lieber weiter an unabhängige Abfüller, die die Rums unter eigenem Label und eigenen Markennamen verkauften. Da waren beispielsweise "Old Kedge", "Red Mill" oder "Frigare", aber auch noch einige weitere. Diese Rums muss man sich als eine Art Äquivalent zu z.B. Lemon Hart bei Demerara Rums oder Coruba bei Jamaica Rum vorstellen.

Historisches Label des Inner Circle Green Dots
Source: rum.cz
Nichts desto weniger wusste man bei CSR um die enorme Qualität der Rums, weswegen man die Geheimnisse um sämtliche Prozesse, von Fermantation über Destillation, streng geheim hielt. Natürlich schwankte die Qualität auch mal über die Jahre, und so hielt man bei CSR gezielt immer wieder die besten Destillate zurück und verkaufte diese nicht an andere Firmen weiter. Stattdessen machte man daraus eigene Abfüllungen wie den "Director's Special" und den "General Manager's Reserve", die man wiederum ausschließlich an ausgewählte Kunden, sowie Führungskräfte der Firma ausgab. Dies änderte sich erst langsam ab den 1950er und 1960er Jahren, als die Mitarbeiter von CSR immer öfter darauf darauf drängten, ebenfalls an Abfüllungen wie dem "General Manager's Reserve" partizipieren zu dürfen, wenn gleich es weiterhin als äußerst schwierig galt, an diese besonderen Rums heranzukommen. Wer das Glück hatte, mal davon zu probieren oder eine Flasche zu bekommen, der hängte das nicht an die große Glocke, sondern man sprach darüber sehr diskret im kleinen Kreis. Als man diesen Rum dann ab 1968 in Pyrmont in geringer Auflage begann offiziell zu verkaufen, hätte man den Namen mit "Inner Circle" also nicht passender treffen können. Von diesem gab es zwei Versionen: den verdünnten Standard Green Dot und den Red Dot in Full Strength. Allen anderen Rum, der den Qualitätskriterien des Inner Circle Rums nicht entsprach, verkaufte CSR weiterhin an unabhängige Abfüller. Das alles klingt bis hier hin im Grunde wie eine einzige Erfolgsgeschichte, doch im Jahr 1986 verkaufte CSR seine Rum-Sparte komplett an Bundaberg und der Inner Circle Rum verschwand in der Konsequenz dadurch komplett vom Markt. Tja, und während derlei Geschichten an dieser Stelle normalerweise eigentlich enden, fängt die des Inner Circles quasi einfach nochmal von vorne an! 

Denn im Jahr 2000 wurde dem früheren australischen Olympiasegler Stuart Gilbert seiner Sehnsucht nach dem guten, alten Inner Circle Rum überdrüssig und entschloss sich, getrieben von seiner Leidenschaft für den Rum, in der Welt nach etwas vergleichbarem zu suchen. Da er dabei keinen Erfolg hatte, suchte er mit Malcom Campbell kurzentschlossen den Mann auf, der als letzter bei Pyrmont bis 1986 verantwortlich für die Rum Produktion war, in der Hoffnung, den Inner Circle Rum wieder aufleben zu lassen. Und trotz dessen, dass Campbell damals bereits seit einigen Jahren in den Ruhestand getreten war, erklärte er sich bereit, bei dem Projekt mitzumachen. Zunächst ging man dafür 2001 nach Fiji und stellte mit Hilfe der South Pacific Distillery einen Rum zusammen, der den alten CSR Rums aus Pyrmont möglichst nahe kommen sollte. Als zweiten Schritt kaufte Gilbert im Jahr 2002 von Bundaberg die Namens- und Markenrechte am Inner Circle Rum zurück, so dass man noch im gleichen Jahr einen auf Fiji geblendeten Rum unter diesem Namen auf dem australischen Markt relaunchen konnte. Das genügte Stuart und Campbell allerdings nicht und so kaufte man 2004 schließlich Beenleigh Distillery in Australien und begann damit, diese so umzustellen, dass man in der Lage war, den Geschmack des Inner Circle Rums hergestellt zu bekommen. Den wichtigsten Beitrag dazu lieferte Malcom Campbell, der tatsächlich weite Teile des Know Hows, vor allem aber noch die originalen Hefekulturen aus Pyrmont Distillery bei sich in der Gefriertruhe aufbewahrt hatte und die nun wieder zum Einsatz kamen! Diese werden bis heute bei Beenleigh für die Rumherstellung verwendet und das finde ich mal eine sensationelle Story, dass da ein ehemaliger Verantwortlicher so sehr an seinen Rum geglaubt hat, dass er alles über einen solch langen Zeitraum aufbewahrt hat, so dass eine Weiterproduktion zu späterem Zeitpunkt überhaupt erst möglich war. 
Im April 2006, nach Vollendung seines Traums, verkaufte Stuart Gilbert Inner Circle an den australischen Nahrungsmittel und Getränkekonzern Lion Nathan. Im Mai 2012 wiederum ging Beenleigh/Inner Circle dann an VOK Beverages, wozu sie bis heute gehören. Der Inner Circle Rum wird dort nach wie vor in der Tradition von Pyrmont Distillery und später Gilbert und Campbell hergestellt. 



Was das alles mit Caroni zu tun hat, ...

... liegt nun natürlich auf der Hand, denn die Geschichte Inner Circles, bzw. die Wiederbelebung in den 2000er Jahren, sagt ganz viel darüber aus, was es bräuchte, um einen liebgewordenen Rum zurück zu holen. Gehen viele davon aus, dass es die Destillieranlagen in der Hauptsache sind, die dem Rum den Geschmack verleihen, zeigt diese Geschichte einmal mehr sehr deutlich, dass das Geheimnis guten Rums viel eher in deren Hefekulturen und in der Fermentation liegen. Hampden, als aktive Destillerie, beweist das ja z.B. ebenfalls sehr deutlich. Ich unterhielt mich zu diesem Threma auch schon mehrfach mit Steffen Mayer, der an einem Buch über Caroni arbeitet und der ebenfalls in Fermentation und Hefekulturen ganz konkret den Schlüssel zum Rum sieht. Insofern kann man also nur hoffen, dass der letzte Verantwortliche bei Rum Distillers Ltd. (Caroni) seine Hefekulturen ebenfalls noch irgendwo sicher verwahrt hat. ;-) 


Zur Abfüllung:

So, nun habe ich euch hier ganz viel mit der Theorie zugespamt, weswegen ich mich zur Abfüllung möglichst kurz halten und quasi direkt zur Verkostung übergehen möchte.  Ganz kurz sei zur Einordnung erwähnt: der Rum um den es geht wurde im August 2007 destilliert, also zu einem Zeitpunkt, nachdem Stuart Gilbert das Unternehmen bereits an Lion Nathan verkauft hat. Der Name Inner Circle befindet sich nicht auf dem Label, aber das Mark MAIC verrät es uns zum Glück, wenn man die Codes der Main Rum Company ein wenig zu entschlüsseln weiß. Über die fantastische Geschichte des Inner Circle hinaus erleben wir mit diesem Bottling tatsächlich auch noch eine Besonderheit, denn meines Wissens nach wurde Inner Circle noch nie zuvor von unabhängigen Abfüllern angeboten. Es scheint da nur dieses eine Batch aus 2007 zu geben, von dem Main einige Fässer zu haben scheint. In die Flasche kam der gute mit 50,4% vol., was bedeutet, dass er verdünnt wurde, denn die ursprüngliche Fassstärke lag bei ca. 70% vol. Doch bevor nun der große Aufschrei kommt: wenn eines ganz klar ist, dann das die Jungs und Mädels bei RA wissen was sie tun! Das heißt, dass man davon ausgehen kann, dass hier keinesfalls ein Rum tot verdünnt wurde, sondern im Gegenteil, dass man festgestellt haben wird, dass der mit Trinkstärke einfach besser kommt. Und auch wenn wir Nerds das in unserer Nerdigkeit manchmal schon fast vergessen, aber es gibt tatsächlich Rums, denen 50-55% vol. wesentlich besser stehen als 70% vol. Insofern bin ich hier guter Dinge und gehe dann auch mal direkt über zum Glas...

PS: Als kleinen Bonus gab es von Dominik dann sogar noch die Info, dass der Stoff ganze zehn Jahre seiner Reifezeit in Australien lagern durfte, bevor der Rum im Jahr 2017 nach Europa kam und dort noch einmal zwei Jahre weiter reifen durfte. 



Verkostung des RA Australia Rum 12 YO Inner Circle 2007:

Preis: gerade einmal 39,90 Euro muss man für eine Flasche (0,5 Liter) bezahlen und der Rum ist derzeit noch erhältlich.  

Alter: 12 Jahre, von August 2007 bis August 2019 reifte der Inner Circle im Eichenfass.

Lagerung: keine Angaben. Ich halte eine Teilreifung in Ozeanien aber für denkbar (s. Farbe). EDIT: eine zehn jährige Reife in Australien wurde mir durch Dominik von RA inzw. bestätigt.

Fassnummer: #45

Angel's Share: keine Angaben

Alkoholstärke: leicht verdünnt, kommt der Rum immer noch auf 50,4% vol. - die originale Fassstärke dagegen lag bei ca. 70% vol.!

Destillationsverfahren: der Rum stammt aus einer Pot Still von Beenleigh und wurde im Stil des Inner Circle Rums hergestellt, so wie er früher, bis 1986, bei Pyrmont gebrannt wurde.

Mark: MAIC (Main Australia Inner Circle)

Farbe: leuchtendes, goldenes Stroh, wie ich es von kontinental gereiften Rums in diesem Alter eigentlich nicht kenne, zumal nicht wenn sie verdünnt sind. 

Viskosität: satt und fett klebt sich der Rum an die Glaswand. Enge, unregelmäßige Schlieren laufen anschließend zügig am Glas herab.

Nase: intensive, kräftige Nase, die nicht darauf schließen lässt, dass da eine Verdünnung stattgefunden hat. Zumal auch der Alkohol nach wie vor echte Präsenz hat. Ich stelle mich dementsprechend nicht unbedingt auf Easy Drinking ein, der Rum hat Dampf! Und vor allem hat der Rum für mich etwas wirklich alleinstehendes, im Marketing Sprech würde man wohl USP sagen. Ein Stil, den ich so noch nirgendwo anders gesehen habe, außer eben bei den Inner Circle Rums. Nach gut 45 Minuten ist der Rum dann auch zugänglich und gibt sein Profil frei. Dieses würde ich als kräuterig-fruchtig-medizinisch beschreiben, mit einem guten Schlag Menthol und vor allem eingelegter Birne. Im Hintergrund sind wiederum auch bereits einige Einflüsse vom Fass deutlich wahrnehmbar. Er ist nicht der komplexeste Rum, den ich bisher im Glas hatte, aber seine Intensität ist, gerade ob der (noch immer nicht präsenten) Verdünnung, schon bemerkenswert. Man kann sich nur zu gut vorstellen, warum RA hier, entgegen der grundsätzlichen Philosophie, zum Einsatz von Wasser gegriffen hat. Ein Rum, der bis hier hin wirklich spannend ist, ja, der, zugegeben, aber auch sehr speziell ist. Das muss man wirklich mögen.

Gaumen: am Gaumen bemerke ich erstmals bewusst die Verdünnung. Ja, der hat etwas Wasser bekommen, aber hier dürfte es ihm wirklich gut getan haben. Denn auf diese Weise wird der Rum sofort zugänglich, was er bei ca. 70% vol. wohl kaum gewesen wäre, so dass wir hier ein seltenes Beispiel dafür erleben dürfen, dass der Einsatz von Wasser nicht per se schlecht ist, sondern durchaus auch einen Mehrwert generieren kann, wenn das denn sinnvoll und in Maßen passiert. Was mir direkt auffällt, ist der enorme Einschlag der Birne, aber auch eine Art Verwandtschaft zu Worthy Park und sogar Single Malt Whisky. Der Rum ist, vielleicht trifft es das ganz gut, so ein wenig wie ein Worthy Park, der anstatt der Banane aber die Birne als Kopfnote hat.

Abgang: im Abgang wird das ganze eher unspektakulär. Ich habe etwas frisch geschnittenes Geäst und trockenes Holz im Hintergrund. Er verweilt auch nicht sonderlich lange am Gaumen. Hier kann der Rum das bisherige Niveau leider nicht halten.

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Fazit: ein Rum, der in jeder Hinsicht anders ist als andere! Rein geschmacklich, aber auch mit Blick auf die Historie natürlich. Vor mir steht ein Rum den es nur gibt, weil seine Liebhaber voller Leidenschaft danach strebten ihn wieder zu beleben! Mir ist da kein anderer, vergleichbarer Fall bekannt, wo es so etwas im Rum Bereich und auf diesem qualitativen Niveau schon einmal gegeben hat. Zwar ist der Rum sicher nicht in der absoluten Spitzenklasse angesiedelt, wenn man sich das gesamte Spektrum dieser Spirituose anschaut und dann auch mal auf die Benchmarks schielt, aber er nötigt einem im Hinblick auf seine Geschichte einfach wahnsinnig viel Respekt ab! Mehr Historie im Glas geht ja kaum. Und doch, das sollte hier nicht geschmälert werden, ist der Rum auch sehr viel mehr als nur seine Geschichte. Der kann auch ne ganze Menge im Glas, selbst wenn das ob dieser enormen Story leicht droht daneben etwas zu verlassen. Noch darüber hinaus ist er mit seinen 39,90 Euro ein echter Kracher was das Preis-Leistungs-Verhältnis betrifft! Da kann man wirklich wenig falsch machen und gerade wer möglicherweise glaubt, schon alles gesehen zu haben und dennoch gern nochmal so richtig positiv überrascht werden möchte, der sollte auf diesen Rum vielleicht einmal einen Blick werfen, auch wenn er sicher nicht jedem gefallen wird. Allerdings möchte dieser Rum das auch gar nicht und auch das macht ihn über weite Strecken aus! Mir hat er in jedem Fall wirklich sehr gefallen!

-86/100-

Bis demnächst,
Flo

PS: bedanken möchte ich mich noch bei Dominik und RA für die zu Foto- und Verkostungszwecken erhaltene Mini-Flasche, dies sei auch zum Zwecke der Transparenz an dieser Stelle gerne erwähnt. Auf meine sensorische Wahrnehmung hat dieser Prozess selbstverständlich keinerlei Auswirkungen.


Quellenhinweise:

https://pyrmonthistory.net.au/wp-content/uploads/2016/12/Inner-Circle-Rum-History-with-pics.pdf
https://en.wikipedia.org/wiki/Beenleigh_Rum
https://en.wikipedia.org/wiki/Lion_(Australasian_company)
https://www.vok.com.au/our-brands
https://www.couriermail.com.au/business/inner-circle-rum-sold/news-story/6cd2c29900bbc8a67780e29aff896278?sv=bc5b4af3e4c650102a98deaeec6547cd

Sonntag, 23. Februar 2020

New FAQ - or: interviewing myself🎤

Liebe Rum Gemeinde,

bereits seit ein oder zwei Jahren habe ich einige FAQs hier online gestellt, und mich dabei am Format vom Thomas (RUMBOOM) orientiert, welches mir damals wie heute sehr, sehr gut gefällt! Aber natürlich kommen im Laufe der Zeit auch immer mal wieder Fragen dazu, die mich meist via Mail oder Facebook erreichen und weshalb ich meine FAQs zuletzt etwas überarbeitet habe. Gleichzeitig gebe ich euch damit auch kleine Einblicke über das, was euch in Zukunft hier auf BAT noch erwarten wird. Viel Spaß beim Lesen!

Picture by E.H.


Flo, wer bist du?

Ich bin Flo und wohne direkt an der Schleswig-Holsteinischen Ostseeküste im schönen Eckernförde. Dort unterstütze, begleite und verselbstständige ich beeinträchtigte Menschen in einer Wohngruppe. Rum und Spirituosen sind für mich daher zu 100% Hobby und Passion und damit frei von finanziellen Interessen oder gar Verpflichtungen aller Art. 



Seit wann und warum interessierst du dich für Rum?

Zum Rum gekommen bin ich mit Anfang 20 über die Cocktailszene. Das war so im Laufe des Jahres 2010 und dann sehr intensiv ab 2011. Beim Mixen der Drinks fiel mir immer wieder auf, dass es mir die Cocktails mit Rum, etwa mit Appleton Estate Jamaica Rum z.B., mit Abstand am meisten angetan haben. Ohne es da schon zu wissen, zeigte sich hier also eigentlich schon, auf welche Insel es letztendlich hinauslaufen würde. ;) Und so probierte ich dann auch meine ersten Rums pur. 



Was war deine erste große "Rum-Liebe"?

Das war, auch wenn ich das heute selbst kaum glauben kann und mag, noch kein Jamaicaner, sondern der Diplomatico (damals hieß er noch so, heute Botucal) Reserva Exclusiva. Bei dem merkte ich zum ersten Mal, dass es auch Alkohol gibt, der einem pur wirklich schmeckt. 



Auf Barrel Aged Thoughts geht es aber viel eher um brachiale Jamaicaner als um gesüßte Rums. Wie kamst du von dort auf die unbehandelten Rums der Unabhängigen Abfüller? 

Das kam mit der Zeit. Ich lernte damals Leo kennen, der früher auch hier geschrieben hat und der schon einen Schritt weiter war als ich. Er brachte mir diese Rums nahe. Der Rest kam dann von alleine. Probiert, probiert und immer mehr und immer weiter probiert. Wir erschlossen uns diese riesige und zu der Zeit noch fast unbekannte Welt gemeinsam und autodidaktisch, denn auf vorhandenes Wissen konnten wir damals kaum zurückgreifen. Das war eine tolle Zeit! Jamaica, und hier vor allem die Destillerien Hampden und Long Pond, kristallisierte sich ab da sehr klar als meine Lieblingsinsel heraus. Aber auch einige Rums aus Barbados oder Guyana gefallen mir sehr. 



Wie bist du auf die Idee gekommen zu bloggen?

Express Yourself! Im Sommer 2011 ging ich mit Mai Tai Roa Ae! zum ersten Mal online. Das war noch ein Cocktailblog, auf dem der Mai Tai Cocktail, bis heute mein uneingeschränkter Lieblingsdrink, im Mittelpunkt stand. 



Wie wurde aus Mai Tai Roa Ae!  dann Barrel Aged Thoughts

Im Herbst 2012 löste ich diesen Blog auf und an seiner statt kam Barrel Aged Thoughts. Dafür holte ich mir Marco und Leo ins Boot. Zu dritt steckten wir die Themen Demerara Rum, Barbados Rum, Jamaica Rum, Rhum Agricole und American Whisky ab! Es gab damals keinen einzigen Rum Blog weltweit (!) der uns wirklich komplett gefiel. Viele Blogger schrieben für die Spirituosen-Industrie und es störte uns, dass wenn man nach Rum Abfüllungen gesucht hat, man kaum etwas gefunden hat. Kaum echte Geschmacksbeschreibungen, kaum echte Erfahrungsberichte. Und zu seltenen Abfüllungen schon gar nicht. Wir wollten das ändern und den Menschen und Connaisseuren da draußen den richtig guten Stoff Nahe bringen. 



Du führst den Blog heute alleine. Was ist passiert?

Leider hielt unser Dreiergespann nicht lange durch, da Leo kaum Zeit hatte zu Schreiben und bei mir das Interesse zwischen 2013 und 2015 aus persönlichen Gründen deutlich nachließ und erst 2016 wieder zurück kam. Dadurch stand ich Marco im Wege, der deshalb verständlicher Weise erfolgreich eigene Wege ging. Heute habe ich meine Leidenschaft für Rum wieder neu entdeckt, weswegen es hier auch weiter geht. 



Warum erscheinen deine Reviews nicht auch in englischer Sprache?

Ich bin der englischen Sprache zwar mächtig, aber Sprache an sich ist in meinen Augen mehr als nur Mittel zum Zweck sich mitzuteilen. Sie ist auch ein tolles Spielzeug. Es macht mir Spaß Reviews zu schreiben und ein Minimum an Eloquenz ist dabei mein Anspruch an mich selbst. Und diesem kann ich aus meiner Sicht nur in meiner Muttersprache gerecht werden. 



Welcher Grundgedanke leitet dich beim Schreiben deiner Reviews?

Ich schreibe meine Reviews seit jeher genau so, wie ich sie selbst gern bekäme. Die Frage "Was brauche ich, um den Rum mittels des Reviews gut einschätzen zu können?" leitet mich dabei. Und hier lege ich den Fokus tatsächlich weniger auf subjektiv wahrgenommene Assoziationen (diese sind einfach bei jedem anders und von Popel bis explodierende Airbags schmecken einige ja quasi alles mögliche heraus) als viel mehr auf den Körper und Charakter eines Rums und auf Vergleiche zu ähnlichem und bekannten. Das ist zwar auch niemals völlig objektiv, geht aber sehr viel mehr in diese Richtung.



Von dir liest man quasi niemals einen Verriss zu einem Rum. Bist du zu unkritisch? 

Ich empfinde mich sogar außerordentlich kritisch und habe einen enorm hohen Anspruch an den Rum! Die Tatsache, dass man von mir nahezu ausschließlich positives zu den Rums liest rührt daher, dass ich ganz grundsätzlich vorstellen möchte, was mir gefällt und wovon ich der Meinung bin, dass es eine Erwähnung verdient hat. Darauf lenke ich meinen Fokus und diese Rums kommen dann natürlich auch fast durchgehend gut weg bei mir. Was mir nicht gefällt, und das ist im Rum Bereich leider noch immer das Gros der Masse, bekommt von mir keine Bühne. Diese Haltung resultiert möglicherweise noch aus meiner Anfangszeit, als mich der Trinklaune-Blog, der mir damals gefiel, sehr beeinflusst hat. Die haben das ähnlich gehandhabt.



Es erscheinen von dir nahezu ausschließlich Reviews zu Rums aus Jamaica und Caroni. Warum so eintönig?

Ich verkoste und schreibe über das was mir schmeckt und wozu ich mir eine wirklich fundierte Meinung bilden kann. Mir ist wichtig, zu wissen wovon man spricht! Ich ärgere mich immer wieder über Reviews anderer Blogger, wenn aus diesen klar hervorgeht, dass der Autor meines Erachtens über nicht ausreichend Kenntnisse in diesem Bereich verfügte und daher für meine Begriffe, bzw. meinen Anspruch, der zugegebener Maßen sehr hoch ist, nicht hinreichend fähig war, sich eine wirklich fundierte Meinung zu einem Rum zu bilden. Insbesondere bei Connaisseuren, die eigentlich im Whiskybereich zuhause sind (aber glauben sich auch mit Rum auszukennen), fällt mir das immer wieder und sehr häufig negativ auf. Da möchte ich mir manchmal regelrecht in die Faust beißen, um nicht laut loszuschreien. Derartiges möchte ich für mich unbedingt vermeiden und daher liegt mein Fokus eben vor allem auf Jamaica und Caroni, da ich in diesem Bereich bisher das mit Abstand meiste probiert und ich ein Gefühl für diese Rums entwickelt habe, so dass ich mir zutrauen darf, sie hinreichend beurteilen zu können. Naja, und nicht zuletzt schmecken mir diese Rums auch am besten. ;-)



Werden wir von dir also auch in Zukunft kaum Rums aus anderen Ländern und Destillerien vorgestellt bekommen?

Doch, denn auch hinter den Kulissen bin ich ja nicht untätig und es gibt immer wieder auch andere Rums, die mich zu begeistern wissen. Als Beispiel seien hier die Rums aus Rockley/WIRD (Barbados), St. Lucia Distillers (St. Lucia), Gardel (Guadeloupe) oder die alten Demeraras von Cadenhead oder Velier genannt. Aus diesen Bereichen kenne ich auch schon sehr, sehr viel, möchte aber teilweise meinen Horizont noch stärker erweitern, noch einige Benchmarks unbedingt probieren, bevor ich mich wirklich fundiert dazu äußern kann und möchte. Dann hat das alles auch Hand und Fuß. Einiges aus diesen Bereichen ist aber schon weit fortgeschritten und wartet quasi nur noch auf die Veröffentlichung. Da wird 2020 ganz sicher noch das eine oder andere kommen!


Kommen wir nochmal zu Caroni zurück: du hast nahezu ausschließlich -abgesehen von wenigen Ausnahmen- Rums von Velier vorgestellt. Warum diese Fixierung auf nur einen einzigen Abfüller? 

Das ist kurz und einfach erklärt: weil die Qualität der Caronis von Velier unerreicht ist und am Ende für mich einzig und allein das zählt: Qualität! Man bekommt, trotz der enormen Kurse, nach wie vor bei Velier das meiste für sein Geld! Das Preis-Leistungs-Verhältnis harmoniert stärker als bei jedem anderen Abfüller, da diese mit ihren Kursen versuchen am Caroni-Kuchen möglichst zu partizipieren und preislich mit Velier Schritt zu halten, aber das passt eben von der Qualität her überhaupt nicht. Es gibt nur wenige, vereinzelte Abfüllungen, z.B. von Bristol und von Thomas Krüger, die an die Velier heran reichen und die haben hier dementsprechend auch Erwähnung gefunden. Aber die aller, aller meisten Caroni der anderen unabhängigen Abfüller sehe ich in ihrer Qualität weit abgeschlagen dahinter. Dafür gibt es einige Gründe, die ich in meinem Artikel zu Caroni dargelegt habe.



Apropos Caroni-Artikel: dürfen wir noch weitere solcher Artikel zu anderen Destillerien erwarten und wenn ja, zu welchen?

Ja, ich habe noch einige weitere Artikel in Planung, bzw. zum Teil auch schon in Arbeit. Konkret seien hier der Rockley-Style von Barbados und die Lost Distillery Gardel auf Guadeloupe genannt. Aber auch zu Monymusk möchte ich in einiger Zeit noch etwas schreiben, was aber länger dauern wird als bei den beiden zuerst genannten.



Wirst du in Zukunft auch mal ein paar Standard-Rums für Einsteiger besprechen und empfehlen?

Direkt geplant ist so etwas bislang nicht. BAT richtet sich klar an den fortgeschrittenen Genuss. Das war die Nische die 2012 weltweit noch unbesetzt war, während sich andere Blogs bereits umfassend mit Standard-Rums befassten. Das ist auch heute im Wesentlichen noch so. Zwar sprechen inzwischen auch andere Blogger über High End Rum, klar, aber innerhalb dieses Bereichs ist ja auch BAT gewachsen und für Einstieger-Produkte gibt es, denke ich, damals wie heute, ausreichend andere Plattformen. Darüber hinaus muss ich ehrlich zugeben, dass es mir wohl auch schwer fiele, mich darauf wirklich noch mit ganzer Leidenschaft einzulassen, da mir die wirklich allermeisten Rums in diesem Segment schon seit vielen Jahren zu langweilig erscheinen. Einzig: ein Vergleich der Appleton 12 YO durch die vergangenen Jahrzehnte ist in Planung. Aber auch da wird der Fokus nicht auf dem Thema Einstieg liegen, sondern auf dem historischen Wandel. 



Verfolgst du mit Barrel Aged Thoughts  irgendwelche kommerziellen Interessen?

Nein, der Blog war immer und ist bis heute ein reines privates Hobby. Als Rezensent bewahre ich mir damit meine Unabhängigkeit. Diese ist mein kostbarstes Gut. Würde ich sie verlieren, wäre dieser Blog nichts mehr wert. Bis auf sehr wenige Ausnahmen finanziere ich auch sämtliche Samples und Flaschen aus eigener Tasche. Gibt es Ausnahmen, dann kennzeichne ich diese. Einfluss auf meine Bewertung haben diese Ausnahmen hingegen niemals. 



Was hat es mit dem "Recommended by Barrel Aged Thoughts"-Sticker auf einigen Abfüllungen von The Rum Cask auf sich?

Dazu muss ich etwas weiter ausholen, weswegen ich das hier noch genauer ausgeführt habe.



Bist du über dein Wirken für BAT und TRC hinaus auch noch anderweitig in der Szene aktiv?

Ja, es schätzt beispielsweise auch der unabhängige Abfüller Rum Artesanal meine Meinung und holt sie sich gelegentlich ein. Das macht mir z.B. sehr viel Spaß, da das stets ein sehr reger gegenseitiger Informationsaustausch ist, bei dem ich auch immer wieder noch weiter dazu lernen kann und darf.  Des Weiteren habe ich vor kurzem damit begonnen, auch einen anderen unabhängigen Abfüller bei der möglichen Fassauswahl zu unterstützen und werde als Autor auf noch einer weiteren Plattform aktiv werden. Mehr wird dazu sicher in Kürze zu erfahren sein. Darüber hinaus unterstütze ich mit viel Freude ein Buch-Projekt, zu dem ich an dieser Stelle aber ebenfalls noch nicht mehr sagen möchte. Was mir aber wichtig ist auch bei diesen Engagements festzuhalten ist, dass das alles auf unentgeltlicher Basis stattfindet. Ich war, bin und bleibe in meinem gesamten Wirken unabhängig und frei von kommerziellen Interessen! 



Soooo... Ich hoffe, ich konnte damit viele eurer Fragen, die mich über die vergangenen Monate via Mail oder Facebook erreicht haben, beantworten. Falls ihr weitere Fragen habt... nur zu! Nun aber wünsche ich euch erst einmal einen schönen Sonntag!

Bis demnächst,
Flo