Sonntag, 2. Juni 2013

Marie Galante - Velier Rhum Vieux Bielle 7 vs. 9 Ans

Einen wunderschönen guten Tag,

Velier MG 2003 7 Ans
heute begeben wir uns auf eine winzige karibische Insel: Marie Galante. Sie gehört zu Guadeloupe und ist damit ein französisches Überseedepartement. Sie ist nahezu kreisrund, mit einem Durchmesser von gerade einmal 15 Kilomentern und hat eine Population von unter 15.000 Einwohnern. Umso erstaunlicher, dass es heute immernoch 3 aktive Destillerien gibt: Domaine de Bellevue, Poisson und Bielle. Domaine de Bellevue ist nicht zu verwechseln mit der Bellevue Destillierie auf Guadeloupe, welche Produzent der bekannten Marke Damoiseau ist. Poisson stellt die Marke Pére Labat her, deren weißer Rhum Agricole mit 59% Kultstatus hat. Heute werden jedoch 2 gereifte Qualitäten, der im Herzen der Insel gelegenen Destillerie Bielle, verkostet, welche vom unabhängigen italienischen Abfüller Velier angeboten werden. Merkmal der Rhums aus Marie Galante ist, dass sie aus frischen Zuckerrohrsaft hergestellt und auf 59% destilliert werden. Die Destillation betreffend unterscheiden sie sich damit von Rhums aus Martinique, welche deutlich höherprozentig destilliert werden. Eine weitere Besonderheit für Rhum Agricole ist es, dass bei Bielle nicht nur in Column-Stills sondern auch in kupfernen Pot-Stills Rhum hergestellt wird. Der Rhum Bielle Premium 59% z.B. wird im ersten Durchgang in einer 2-Säulen-Anlage und im zweiten Durchgang in einer Pot-Still gebrannt.


Der Abfüller:

9 Ans vs 7 Ans (von links nach rechts)
Velier stammt, wie einige andere (z.B. Samaroli und Rum Nation), aus Italien, genauer Genua, und wurde 1947 von Casimiro Chaix gegründet. Sie vermarkten bzw importieren allerdings nicht nur Whisky und R(h)um sondern auch diverse weitere Spirituosensorten/marken sowie unter anderem Zigarren. 1992 fing man an Einzelfassabfüllungen von Single Malts sowie R(h)um als unabhängiger Abfüller unter eigenem Label anzubieten. 2006 lag ihr Umsatz bereits bei über 19 Mio € und sie vertreiben seit 2008, in Kooperation mit der Distillerie Bielle, die Marke "RhumRhum PMG". Das Augenmerk von Velier scheint allerdings auf Demerara Rum sowie Rums aus der bereits geschlossenen Distillerie Caroni aus Trinidad zu liegen. Hiervon gibt es jeweils sehr viele Abfüllungen, welche fast ausschließlich in Fassstärke angeboten werden: Daumen hoch dafür!


Die Rhums:

Beide heute zu testenden Rhums sind Jahrgangs-Agricole aus 2003. Der Unterschied besteht darin, dass der eine mit einer Faßreife von 7, und der andere 2012 mit 9 Jahren abgefüllt wurde. Insgesamt wurden 2006 von Velier, genauer von Luca und Paolo Gargano, 6000 Liter des 2003er Jahrganges bei Bielle erworben. Für den 9 Ans waren dies nun im übrigen die letzten Fässer dieses Jahrgangs, dh. weitere, ältere Abfüllungen wird es nicht geben. Da der Rhum direkt von Velier vor Ort gekauft wurde, ist davon auszugehen, dass diese Agricole auf Marie Galante reifen durften und damit eine karibische Fasslagerung erfahren haben. Dies wird sich im Geschmack bestätigen.


Preis: In Deutschland führt Manufactum den MG 2003. Gelistet ist im Onlineshop zwar die 7 jährige Variante, geliefert bekommen habe ich zuletzt jedoch den 9 Jahre alten Rhum. Ich gehe davon aus, dass der jüngere Agricole bereits vergriffen ist und bislang keine aktualisierung im Shop vorgenommen wurde. Beide Rhums habe ich zum Preis von 31€ bezogen. Für einen Vintage Agricole ein absolutes Schnäppchen. Ob sich dies allerdings auch bezüglich der Qualität sagen lässt, wird interessant.

Velier MG 2003 9 Ans
Alter: Wie bereits angemerkt, verbachte der eine Rhum 7, und der andere 9 Jahre im Faß. Wo die Fässer gelagert wurden, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, es ist jedoch sehr gut vorstellbar, dass aufgrund der Kooperation mit Bielle eine Lagerung in der Karibik stattfand. 

Alkoholstärke: Beide Abfüllungen kamen mit 49% in die Flasche und versprechen damit eine gute Trinkstärke.

Destillationsverfahren: Hierzu lassen sich leider keine Angaben finden. Da Bielle sowohl Pot- als auch Column-Stills betreibt, kann es wir im Fall ihres Premium 59% eine gemischte Destillation gewesen sein, oder ein reiner Column- bzw Pot-Still Rhum.

Farbe: Beide strahlen in einem satten Gold im Glas., wobei der 9 Ans eine kaum merkbare Nuance dunkler erscheint. 

Viskosität: Ungewöhnlich für Agricole, bilden beide weite Bögen und der Rhum gleitet nur sehr langsam hinunter: Es verspricht ölig zu werden. 

Nase: Zu Beginn ist eine leichte Klebstoffnote, wie sie auch bei vielen American Whiskeys zu finden ist, wahrnehmbar. Diese verflüchtigt sich allerdings sehr schnell. Beim 7 Ans besteht kein Zweifel was hier im Glas ist: zunächst vegetal, nasses Gras, doch es gesellen sich unmittelbar Noten von der Fasslagerung hinzu und ich bin erstaunt. Ich nehme unter den ganzen Gewürzen die mir entgegenschlagen eindeutig Curry war. Dazu noch etwas Muskat sowie Zimt. Die zweite Welle besteht dann aus Vanille und frischer Eiche.
Der 9 Ans kann seine Verwandschaft zu seinem jüngeren Kollegen nicht verleugnen, dennoch sind deutliche Unterschiede zu erriechen. Zum einen ist er weniger grasig und die Vanille ist wesentlich stärker ausgeprägt und präsentiert sich direkt zum Anfang nebst den Gewürzen: ebenfalls Curry, Muskat und Zimt. Zudem wird die gesamte Nase von einer konzentrierte, schweren Honigsüße getragen, welche ich beim 7 Ans erst nach 10-15 Minuten im Glas in Anklängen finden konnte. (Anmerkung: diese Honigsüße ist allerdings nicht mit der typischen Honig-Vanille-Note eines Barbados Rockley zu vergleichen) Zum Ende ist auch die Eiche präsenter als zuvor. Insgesamt wirkt der ältere Bielle erwachsener und voller, der jüngere entsprechend frischer aber auch komplexer.
Beide Rhums fordern schon beim Nosing, belohnen den Genießer jedoch in eindrucksvoller Weise!
Gaumen: Zunächst habe ich die Gewürze sowie Vanille auf der Zunge und die vegetalen Grasnoten kommen danach mit voller Power. Diese sind hier noch dominierender als in der Nase. Sehr intensiv im Geschmack. Die Grasnoten haben auch zum Ende das Heft in der Hand, in Verbindung mit trockener Eiche; jedoch weit entfernt davon zuviel vom Fass abbekommen zu haben.
Der ältere der 2003er Jahrgangs-Rhums zeigt schon von Beginn an seine Reife: Trocken an der Zungenspitze. Das Curry, unterstützt von der Süße, prägt den Geschmack. Die frische und vegetalen Noten mussten den Gewürzen und der Vanille weichen. Sie sind zwar wahrnehmbar, bleiben allerdings eher im Hintergrund. Hier bestimmen Süße, trockene Eiche,Gewürze sowie eine leichte Nussigkeit gegen Ende. Er erscheint noch intensiver und vor allem öliger als der 7 Ans und hat hier meiner Meinung nach auch sein Maximum an Reifezeit erreicht. Er ist nicht verholzt, aber noch mehr Fassreife hätte ihn zu trocken und von der Eiche dominiert werden lassen.

Abgang: Sehr ausgewogener Abgang beim 7 Ans. Hier packt er alles hinein was erschnuppert und erschmeckt wurde: grasig, Gewürze, vanillig, etwas trocken und süß zugleich. Dazu für einen Agricole sehr intensiv und langanhaltend.
Beim 9 Ans dominiert die trockene Eiche, die Süße und das Curry. Hier zeigt sich, dass er es nicht ganz vermag die Komplexität seines Vorgängers zu erreichen, dafür ist er allerdings auch intensiver. Er ist zwar absolut nicht holzig, es ist jedoch zwingend einen trockenen Abgang zu mögen, sollte man sich an diesen Rhum wagen.

Fazit: Der Preis hält sogar noch mehr als er verspricht. Ich hatte 2 hervorragende Agricole, in einer für meine Begriffe perfekten Trinkstärke: kaum alkoholisch, nicht verwaschen, intensiv und angenehm. Einen Gewinner gibt es, was den Purgenuß angeht, dennoch: der MG 2003 7 Ans. Denn er versteht es alle Eindrücke in einem wunderbaren Gesamtbild in der Nase, an der Zunge und auch am Gaumen im Abgang zu präsentieren: komplex, intensiv, ausgewogen! Der 9 Ans ist, auch wenn nicht so ausbalanciert wie der 7 Ans, ohne Frage ein sehr guter Rhum. Sollte der jüngere Rhum nicht mehr zu bekommen sein, kann ich ohne schlechtes Gewissen eine Kaufempfehlung auch für diesen aussprechen. Zur Destillation: Ich vermute hinter den Destillaten einen Pot-Still Agricole: Die Intensität der Nase und des Geschmacks lassen mich zu diesem Schluß kommen.

Ich wünsche allen einen schönen und hoffentlich auch sonnigen Juni,
Euer Leo

Keine Kommentare:

Kommentar posten