Sonntag, 30. Juni 2019

Rhum Barbancourt Three Stars Haiti (Vintage 1955)

Liebe Rum Gemeinde,

hoch spannendes aus schon längst vergangenen Tagen habe ich heute für euch aus Haiti am Start! Durch einen glücklichen Zufall bin ich nämlich an eine alte Abfüllung vom Barbancourt Three Stars aus 1955 gekommen und ich bin sehr gespannt, wie er mir mundet!



Haiti... Barbancourt... Agricole... ! ... das ist normalerweise mal so überhaupt nicht meine Rum-Gegend. Die Berührungspunkte bisher waren marginal und wenn, dann auch stets eher wenig aufregend. Die Fläschchen habe ich bei einer günstigen Gelegenheit vor allem deshalb mitgenommen, weil sie ganz offensichtlich sehr alt waren und so mein Interesse weckten. Von daher hatte ich mich bislang aber auch nicht so sehr damit befasst, wie ich es beispielsweise mit Jamaica getan habe. Das führte folglich dazu, dass ich mir erst einmal die Geschichte der Destillerie angesehen und mit doch einiger Freude festgestellt habe, dass es sich bei Barbancourt noch um ein waschechtes Familienunternehmen handelt, dessen Geschichte bis ins Jahr 1862 zurückzuverfolgen ist und inzwischen bereits in der fünften, bzw. sechsten, Generation geführt wird! Damit ist Barbancourt eines der ältesten Unternehmen Haitis und dessen Rhum ein echter Exportschlager.


Zu Rhum Barbancourt:

Gründer dieses traditionsreichen Rhum Maison ist Dupré Barbancourt. Er führte die Firma von seiner Gründung, Ende 1862, bis zu seinem Tod im Jahr 1907 und damit über die ersten 45 Jahre. Er stammte ursprünglich aus der Cognac-Region Charente in Frankreich, bevor er nach Haiti kam, und begann damit, aus frischem Zuckerrohrsaft Rhum zu destillieren. Dabei brachte er sein Know How aus der Produktion von Cognac mit ein, in dem er Produktionsweisen übernahm und damit sehr gute Qualitäten herzustellen im Stande war. Nach seinem Tod im Jahr 1907 übernahm die Frau Dupré Barbancourts das Unternehmen, Nathalie Gardère. Sie führte Barbancourt insgesamt 21 Jahre lang bis zu ihrem Tod 1928 und wiederum ihr Neffe übernahm, Paul Gardère. Paul half seiner Tante zuvor schon im Unternehmen, stand dann für 18 Jahre an der Spitze der Destillerie und übergab im Jahr 1946, mit seinem Tod, an seinen Sohn Jean Gardère. Dieser wiederum sollte bei Barbancourt eine Ära prägen, denn er führte die Firma stolze 44 Jahre lang und damit aus der Nachkriegszeit bis ins ausgehende 20. Jahrhundert! In diese Zeit fiel eine Umsiedlung der Zuckerrohrfelder innerhalb Haitis ins Plain of the Cul-de-Sac, was dazu führte, dass man zwar zwischen 1949 und 1952 keinen Rhum produzieren, die Kapazitäten aber insgesamt vergrößern konnte. Das machte den Schritt von einer kleinen, regionalen Destillerie zu einer großen weltweit erfolgreichen Rhum-Marke möglich. 1990 übernahm dann Jeans Sohn Thierry Gardère das Steuer. Damit einher ging, soweit ich es richtig verstanden habe an diversen Stellen, auch eine Veränderung bei der Produktion, nämlich die Umstellung von traditionellen, schweren Pot- auf moderne und effektivere aber auch leichtere Column Stills. Thierry führte Barbancourt bis zu seinem Tod 2017, also auch insgesamt 27 Jahre lang, und hatte während seiner Ägide unter anderem mit den Konsequenzen des schweren Erdbebens vom Januar 2010 zu kämpfen, bei dem nicht nur Teile des Lagerbestands zerstört wurden, sondern vor allem auch Mitarbeiter der Destillerie starben oder ihre Häuser verloren. Erst im Mai des selben Jahres, also fünf Monate später, nahm man die Produktion wieder auf. Mit Delphine Nathalie Gardère steht seit 2017 erstmals seit 1928 wieder eine Frau an der Spitze der Firma. Sie ist die Tochter Thierry Gardères, was bedeutet, dass die Firma ununterbrochen, seit 157 Jahren, ausschließlich in Familienhand ist. Davor ziehe ich ehrlich den Hut!

Der Rhum um den es heute im Speziellen geht ist einer, der, laut Eric Witz, aus dem Jahr 1955 stammt. Auf dem Etikett ist zwar noch der Name Paul Gardères zu lesen, der ja bis 1946 am Ruder war, aber eine Prägung am Boden der Flasche verweist wohl auf das Jahr 1955. Wie gut, dass es Menschen gibt, die sich mit der Historie von Flaschen so gut auskennen, dass sie einem dabei helfen können sie zu datieren, denn da war ich am Ende dann doch leicht überfragt. Vielen lieben Dank dafür! Das heißt für den Rhum wiederum, dass er entweder aus der Produktion kurz nach der Umsiedlung stammen und noch recht jung sein müsste, oder aber schon einige Zeit länger gereift war und noch aus Beständen von vor der Umsiedlung stammt.  Vielleicht komme ich in dieser Frage ja wiederum geschmacklich etwas weiter. Ansonsten ist nur bekannt, dass es sich um die so genannte Three Stars Abfüllung Barbancourts handelt, die laut neueren Angaben eine Reife von vier Jahren ausdrücken, aber da weiß ich nicht, wie lange das schon fest so gehandhabt ist. Ansonsten bietet das Label nicht viele Anhaltspunkte, mit Ausnahme vielleicht noch der vielen Medaillen, die der Rhum damals gewonnen hat. Das kennen wir so oder ähnlich ja auch von anderen traditionsreichen Marken. So. Und nun bin ich gespannt, wie das Teil schmeckt!





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Verkostung des Rhum Barbancourt Three Stars Haiti aus 1955:


Preis: ich denke, der Rum war einst nicht sehr teuer. Ob Sammler heute große Summen für diese Rums legen, weiß ich nicht. 

Alter: NAS - neuere Three Stars werden mit einer Reifezeit von vier Jahren angegeben, aber ob das auch 1955 schon so war, weiß ich nicht. 

Lagerung: die Fässer werden bei Barbancourt tropisch gereift worden sein. 

Fassnummern: unbekannt - es hat sich um eine massenhaft produzierte Standardabfüllung gehandelt. 

Angel's Share: unbekannt, aber im Rahmen der tropischen Verhältnisse. 

Alkoholstärke: der Alkoholgehalt wird mit 86° Proof angegeben, also 43% vol.

Destillationsverfahren: damals wurde noch mit Pot Stills destilliert. 

Mark: unbekannt.

Farbe: braun, dunkler Bernstein. 

Viskosität: es bilden sich eng aneinander liegende kleine Tröpfchen an der Glaswand, die dann in schnellen, engen und regelmäßigen Schlieren zurücklaufen.

Nase: der Rum muss im Blender's Glass erst noch ein wenig atmen, bevor sich mir die Nase in Gänze offenbart und der Alkohol verflogen ist. Dann allerdings habe ich einen Rhum vor mir, der mich vor allem erst einmal zu überraschen vermag. Das scheint richtig guter Stoff zu sein! Nicht furchtbar schwer, aber auch kein Leichtgewicht. Die Nase kommt tief, voll und reichhaltig daher, wenn auch nicht zwingend komplex. An die Barbancourt von heute, die ich vor einigen Jahren mal im Glas hatte, erinnert mich da wenig. Klar, der Stil ist kein brachialer, wie bei Jamaica oder den Heavy Type Caroni, aber er hat Charakter und erinnert spontan an Blended Caroni. Dass es sich um einen Agricole handelt, hätte ich dagegen nicht vermutet. Da sich Agricole bislang allerdings immer sehr eindeutig als solcher zu erkennen gegeben hat im Glas, frage ich mich gerade, ob es sich bei dieser Abfüllung nicht eventuell um einen Melasse Rhum handeln könnte. Ansonsten erinnert mich das Bouquet eben wirklich sehr an Blended Caronis, also dem Mix aus Heavy und Light Types. Da sind viele grasige Eindrücke und Zuckerrohr, dazu auch schon eine schöne Holznote, aber eben auch die dreckigeren Komponenten aus Teer und verbranntem Gummi. In einem Blindtasting würde ich den Rum wohl dort verorten... In der Nase legt der Rum für mich einen starken Auftritt hin!

Gaumen: am Gaumen macht sich schon bemerkbar, dass der Rum mit 43% vol. doch eher vergleichsweise leicht daher kommt. Das ist schon ein ungewohntes Mundgefühl, wenn man sonst fast nur noch diese Fassstärke-Monster trinkt. Dafür sind größere Schlücke möglich. Von einer Verwässerung würde ich aber noch nicht sprechen. Was ihm etwas an Konsistenz fehlt, macht er an Fülle und Komplexität am Gaumen aber schnell wieder wett! Halleluja! Das ist ein richtig guter Rum! Ich nehme ihm den Agricole nun etwas eher ab, auch wenn das immer noch weit weg ist von dem, was ich da bisher so kannte. Blended Caroni könnte nach wie vor gut hinkommen! Der Rum hat hier viele vegetale Eindrücke, grasiges, Zuckerrohr, geschnittenes Geäst und auch eine ordentliche Holznote. Ich lege mich einfach mal fest und behaupte, dass das, wenn 1955 tatsächlich stimmt, dann auf jeden Fall Stoff von vor dem Umzug der Zuckerrohrfelder ist. Ich glaube nicht, dass es sich hier um nur drei Jahre junge Rums handelt. Nimmt man größere Schlücke wird der Rum auch ordentlich adstringierend. Das macht richtig Spaß! Zum Ende hin werden die pflanzlichen Eindrücke mehr und ich glaube wieder vermehrt an einen Agricole. 

Abgang: hier bleibt ein leicht medizinischer Touch und etwas sprittiges, wobei ich mir irgendwie fast sicher bin, dass das auch zum Teil Alterserscheinungen des Rums sind, denn dieser Eindruck passt erstens eher nicht zum bisherigen Auftritt des Rums und zweitens habe ich dahinter auch noch Rest-Anklänge, die sehr viel besser dazu passen.

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Fazit: richtig guter Stoff! Ich weiß ja, dass frühere Abfüllungen von heutigen teils erheblich abweichen, sei es in Stil als auch in Qualität, aber das hier ist heute schon eine Ansage gewesen! Ich bin schwer beeindruckt! Da hat Barbancourt ja mal richtig geilen Rum hergestellt, der in mir zusätzlich die Frage aufwirft, inwieweit Caroni nicht doch auch anderswo herzustellen wäre, denn die groben Ähnlichkeiten sind schon da! Davon ausgehend, dass die damals nicht unbedingt einen Heavy Barbancourt herstellen wollten, um 70 Jahre später irgendwelche Nerds zu beeindrucken, vermute ich, dass Kopf und Schwanz des Destillats großzügig abgeschnitten wurden, und hier vor allem das Herz zum Zuge kam. Wären sie hier damals also "großzügiger" beim Schneiden gewesen, wer weiß, was dabei am Ende rausgekommen wäre... Leider sind die heutigen Abfüllungen mit dieser Qualität nicht mehr zu vergleichen. Bei der Punktevergabe habe ich mich deshalb heute extrem schwer getan, weil auch Nostalgie mitschwingt. Ich versuche fair zu bleiben und denke aber, bei nur leicht höherem Alkoholgehalt und ohne die Alterserscheinungen im Finish wäre sicher noch mehr drin gewesen! Aber auch so sind es noch:

-89/100-



Ich hoffe, mein kleiner Ausflug in die Vergangenheit hat euch gefallen! Wir sehen uns dann hier demnächst wieder. 

Bis dahin,
Flo

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