Sonntag, 14. Juli 2019

1423 S.B.S. Trinidad Rum 25 YO Caroni 1993

Liebe Rum Gemeinde,

für mich vollkommen unerwartet, muss ich mich heute allerdings doch noch einmal umdrehen, zurückblicken und den Caroni Jahrgang 1993 noch einmal betrachten. Der aktuelle Caroni von 1423 S.B.S. lässt mir da keine echte Wahl...





Der Jahrgang 1993, ich hatte es im Review zum Velier aus gleichem Jahrgang erläutert, ist kein klassischer der Destillerie. Anders als aus 1994, 1996 oder 1998 gibt es hier nicht unzählige verschiedene Abfüllung von unabhängigen Abfüllern von A bis Z, sondern es gab nur einige wenige Bottlings. Von denen, auch das hatte ich erwähnt, hat mich bisher kein einziges abgeholt. Entweder erkannte man Caroni schon gar nicht mehr, oder aber der Stil war überhaupt nicht meines. Trauriger Höhepunkt für mich war eine Bristol Abfüllung für 1423 World Class Spirits vor ein paar Jahren, die ich einfach nur richtig schlecht fand! Der einzige Caroni aus 1993 der mir ad hoc einfiel, den ich noch nicht im Glas hatte war der neue von 1423, der ein Schwesterfass des unsäglichen Bristols sein soll und der den vieldeutigen Beinamen "The Beast" erhalten hat (an irgendwas erinnert mich das....😏). Da es Stimmen gab, sowohl positive als auch negative, die die Abfüllung in die gleiche Richtung verorteten wie den Bristol, wollte ich eigentlich nicht einmal mehr unbedingt probieren und so war dieser Jahrgang bei mir eigentlich durch.  Dann allerdings ergab sich durch Zufall an einem tollen Abend doch noch die Gelegenheit zu probieren und ich wurde überrascht. Der gefiel mir gar nicht schlecht. Weil ich zu diesem Zeitpunkt aber auch schon einige Rums im Glas hatte, vertagte ich ein umfangreicheres Tasting auf später. Heute bekommt ihr dementsprechend meine frischen Eindrücke dieses Rums und ich bin selbst gespannt, inwieweit ich an diesem Abend richtig lag, oder ich vielleicht doch schon ein paar Rums zu viel im Glas hatte.😉 Vielen lieben Dank nochmal an Chris für das Sample!😃



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Verkostung des 1423 S.B.S. Trinidad Rum 25 YO Caroni 1993:

Preis: der Ausgabepreis liegt bei ca. 300,- Euro. Etwa dort liegt auch aktuell noch der Marktwert, auch wenn er vielfach schon vergriffen ist. 

Alter: von 1993 bis 2019 reifte der Rum 25 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand von 1993 bis 2008 auf Trinidad statt und von 2008 bis 2019 in Europa. Somit lag der Rum 15 Jahre in tropischem Klima und weitere 10 Jahre unter kontinentalen Einflüssen.

Fassnummer: unbekannt. Es wurden 239 Flaschen abgefüllt 

Angel's Share: ohne Angaben. 

Alkoholstärke: Fassstärke! Der Rum kommt mit 50,1% vol. daher.

Destillationsverfahren: unklar. Laut Label eine Column Still, aber hier gibt es aus meiner Sicht weiterhin noch keine zu 100% gesicherten Angaben. 

Mark: unbekannt. Die bisherigen 1993 waren Light Rums oder Blended Rums. Beim heutigen Rum ist das nicht definiert. 

Farbe: seeeeehr dunkel! In der Flasche geht der Rum nahezu ins schwarze, im Glas ist er minimal heller. Hier schimmert er sehr dunkelbraun-rötlich.  

Viskosität: ...

Nase: "The Beast", hat 1423 seinen Caroni ganz offensiv getauft, und diesem Beinamen wird er in der Nase auch bereits in den ersten Augenblicken gerecht. Sehr, sehr intensiver Rum! Heftig! Find ich das gut? Weiß ich noch nicht! Aber langweilig wird es heute ganz sicher nicht! Bisher war 1993 überhaupt nicht mein Fall, aber dieser hier hat auf jeden Fall "was". Ja, Erinnerungen an den Bristol Caroni 1993 für 1423 kommen hoch und auch den Velier erkenne ich entfernt wieder, aber hier gefällt mir das viel besser. Ich tippe tatsächlich mal auf einen Heavy Type Caroni, womit er der erste aus 1993 seiner Art wäre, der mir bekannt ist. Die Nase ist, wie schon erwähnt, wahnsinnig intensiv! Hoch konzentriert, unglaublich tief, reichhaltig, dreckig und komplex erscheint die Nase nach einiger Zeit des Atmens im Ballonglas. Alkoholische Schärfe ist vorhanden, aber meines Erachtens nur unwesentlich. Daran, dass es sich hier um einen Caroni handelt besteht nicht für eine Sekunde irgendein Zweifel. Ich finde natürlich die üblichen Assoziationen wie Teer, verbranntes Gummi, scharfe Lösungsmittel, trockenes Holz und Tannine wieder, aber gerade letztere nehmen hier auf jeden Fall einen Sonderstatus ein. Der Rum hat richtig Holz abbekommen! Zu viel? Ich bin sicher, dass das einige oder gar viele wohl so sehen würden. Sehe ich das so? Erneut bin ich unsicher! Für den Moment fasziniert mich, glaube ich, vor allem diese Extremität. Gemeinsam mit einer feinen Süße ist das aber definitiv sehr spannend. 

Gaumen: die 50,1% vol. erscheinen am Gaumen zunächst einmal erstaunlich dünn. Ich hätte auf eine Verdünnung mit Wasser getippt. Gleichzeitig hat der Rum aber auch gut Zug in Form von alkoholischer Schärfe. Das ist nicht so vollkommen aus dem Gleichgewicht gerissen wie beim Bristol, insbesondere, da der Alkohol sich nicht unangenehm gibt, aber andere Jahrgänge können das auf jeden Fall besser. Ist diese Phase durch und hat es sich der Rum im Mundraum erst einmal bequem gemacht, folgt eine schöne Süße in Kombination mit ganz viel 100% Caroni Flavour. Sehr extrem! Teer, Lösungsmittel, verbranntes Gummi... da ist alles dabei! Je länger der Caroni aber am Gaumen verweilt, desto stärker kommen auch die Tannine durch und machen deutlich, dass der Rum wirklich lange im Fass gelegen hat. Das geht hier dann bis ins Erlebnis von Bitterschokolade mit über 90% Kakao-Anteil, wenn man sich traut, ihn lange genug im Mund zu behalten. Der Rum wird dementsprechend immer bitterer und trockener, bis er irgendwann zu drohen scheint, wie Staub am Gaumen zu zerfallen.

Abgang: ein langer Abgang. Caroni-typische Noten und starke Tannine geleiten den Rum hinab.

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Fazit: vor mir steht tatsächlich der einzige Caroni aus 1993, der mir zusagt, was ihn wiederum gleichermaßen zu einem echten Exoten unter den Non-Velier-Caroni macht, denn da gibt es nicht viele, mit denen ich wirklich etwas anfangen kann. Er ist für Caroni durchaus stiltypisch, teilweise mutet er sogar so etwas wie über-typisch an, ohne dabei aber allzu sehr unter jenen Schwächen zu leiden, unter denen der Bristol für 1423 gelitten hat. Zwar schlägt sich ein höherer Alkoholgehalt auch hier nicht unbedingt in einem stabilen Körper nieder, aber er ist zumindest vorhanden, der Alkohol sticht nicht unangenehm und der Rum schmeckt über weite Strecken einfach gut. Das war beim Bristol leider noch ganz anders. Nichts desto trotz wird es gegen stärkere Konkurrenz auch für den S.B.S. schwierig sich zu behaupten, wenn ich dann an Spitzen-Caronis von Velier denke, weswegen er für mich am Ende dann auch nicht in die absoluten Spitzenplätze vordringen kann. Aber er schafft es zumindest mal, die Fahne für seinen Jahrgang hochzuhalten und, gemessen am heutigen Gesamt-Preisniveau, seinen Ausgabepreis wenigstens annähernd zu rechtfertigen, zumindest meiner Meinung nach. Denn die wirklich guten Caroni gibt es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, inzwischen ja auch kaum noch unter 300,- Euro und jene Ausnahmen hat man nicht selten bereits in ausreichender Menge im Schrank stehen. Persönlich habe ich dennoch vom Kauf einer ganzen Flasche abgesehen, auch wenn er mir gefallen hat, einzig: man kann einfach nicht mehr alles kaufen was man gut findet. Klingt also dennoch nach Kaufempfehlung? Jain! So sehr ich gut mit ihm klar komme, aber anderen könnte der Caroni deutlich zu extrem, zu holzlastig, zu bitter sein. Das muss man schon mögen, weswegen hier auch noch deutlicher als sonst also vielmehr die klare Empfehlung rausgeht, den S.B.S. unbedingt selbst zu probieren und ihn nicht rein auf Basis einer Empfehlung zu kaufen.

-89/100-


Bis demnächst,
Flo

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Flo,

wie siehst du den SBS im Vergleich zum Velier 23 yo von 1994 (gelbes Etikett)? Die scheinen vom Profil ja ziemlich ähnlich zu sein.
Würde mich über Einschätzung von dir freuen...

Gruss Markus

Flo hat gesagt…

Moin Markus,

die beiden müsste ich parallel mal verkosten. Gefühlt/erinnert ist der S.B.S. noch etwas extremer. Aber ohne ein Crosstasting komme ich da zu keiner seriösen Aussage.

Beste Grüße
Flo

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