Sonntag, 3. März 2019

Sangster's, Coruba, Baker & Co.: historische Jamaicaner

Liebe Rum Gemeinde,

heute möchte ich euch vier alte Abfüllungen aus Jamaica vorstellen, die bis heute immer ein wenig im Schatten einiger anderer historischer Abfüllungen stehen. Wenn wir über dieses Thema reden, dann sind wir meist schnell bei alten Bottlings bekannter unabhängiger Abfüller, bei Navy Rums aus Bast-Flagons oder bei alten Rums von Appleton. Doch heute möchte ich den Fokus auf ein paar Rums legen, die dem interessierten Connaisseur zwar mit Sicherheit auch schon mal auf ebay oder anderen Plattformen begegnet sind, die aber im Allgemeinen nach meinem Dafürhalten doch eher etwas unbekannter sind und selten eine größere Aufmerksamkeit erfahren.




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Die heute verkosteten Jamaicaner:

- Sangster's Old Jamaica De Luxe Gold Rum -40% vol.
- Sangster's Old Jamaica De Luxe Gold Rum - 50% vol.
- A. A. Baker & Co. Battle Axe Jamaica Rum - 50% vol.
- Rum Coruba NPU (~frühe 1980er Jahre) - 74% vol.

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Sangster's Old Jamaica De Luxe Gold Rum - 40% vol.

Nase: zurückhaltende, wenig charakterstarke Nase. Die nur 40% vol. machen sich deutlich bemerkbar, denn da sticht erst einmal gar nichts. Jamaica kann ich in Anflügen erkennen, aber ob mir das blind auch noch gelänge? Da habe ich Zweifel. Im wirklich knapp bemessenen Bouquet habe ich am ehesten etwas von süßer, etwas künstlicher Orangenmarmelade, Banane und Ananas und etwas Holz, aber ansonsten kommt da leider nicht viel. Mal sehen, ob der Gaumen da mehr zum Vorschein bringt.

Gaumen: uuhh, leider kommt der Rum nicht nur sehr dünn daher, sondern auch sehr weiterhin künstlich. Der Geschmack von Orangen liegt über allem, fast ist es, als würde ich gerade eine süße Orangenmarmelade pur verspeisen. Das hat leider so gar nichts von Jamaica und erst recht nicht von Jamaica wie es mir gefällt. Schade!

Abgang: wie könnte es anders sein, wird der Abgang von künstlicher Orangenmarmelade bestimmt. Zum Glück nicht sonderlich lange... Trockener werdend.



Fazit: leider war dieser Rum für mich und in meinen Augen ein Reinfall. Während die Nase zunächst noch eine kleine Hoffnung auf mehr zuließ, hat es den Rum am Gaumen dann vollkommen zerlegt!  Dass das kein Spitzenrum ist war natürlich klar, aber einen solchen Total-Ausfall hatte ich ebenso wenig erwartet. Das ist also leider so gar nichts, was ich gerne nochmal trinken wollen würde. Ich bin nicht mal sicher, ob solch ein Rum in einem Drink einen Sinn ergäbe. Einzig positiv ist hervorzuheben, dass der Rum kein bisschen scharf ist.

-35/100-



Sangster's Old Jamaica De Luxe Gold Rum - 50% vol.

Nase: im Vergleich zur 40% vol.-Version habe ich hier eine klar kräftigere und intensivere Nase, wobei ich trotz der 10% vol. mehr kein unangenehmes Stechen oder ähnliches vom Alkohol ausmachen kann. Der höhere Alkoholgehalt wirkt sich also zunächst einmal ausschließlich positiv auf den Rum aus. Jamaica ist auch hier zu assoziieren, aber ebenso nicht in einer Weise stiltypisch, dass man das blind erkennen müsste. Das Bouquet mutet sehr viel natürlicher, reichhaltiger, intensiver an. Die Bananen kommen nun schon sehr reif daher und ich habe Pfirsische sehr präsent. Der Einfluss des Fasses scheint etwas stärker gewesen zu sein. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die wesentlich dunklere Farbe ausschließlich der geringeren Verdünnung geschuldet ist. Da passiert im Glas nämlich auch eindeutig mehr. Das ist zwar auch alles nicht unbedingt komplex, aber durchaus ansprechend.

Gaumen: nach dem Reinfall mit der 40%-Version war ich nun natürlich sehr gespannt, denn die Nase war bei diesem hier mit 50% immerhin deutlich anders und besser gewesen. Positiv fällt auch bei diesem Rum zunächst die Einbindung des Alkoholgehalts auf, denn der Rum ist auch am Gaumen kein bisschen scharf. Dahinter dann zeigt sich die 50% Version ebenfalls deutlich verbessert im Vergleich zum kleinen Bruder, wenn gleich auch er meinen Geschmack nicht wirklich trifft. Im Vordergrund habe ich Karamellpudding und auch der etwas künstlich, und nach hinten heraus kommt mir dann tatsächlich wieder die Orangenmarmelade entgegen. Ja, gibt's das denn?!

Abgang: Im Abgang habe ich eine Kombination aus Karamellpudding und Orangenmarmelade. Der Rum wirkt etwas künstlich.



Fazit: die Verwandtschaft der beiden Sangster's wird am Gaumen sehr offensichtlich und beide treffen sie meinen Geschmack nicht. Die Version mit 50% zeigt sich klar verbessert zur 40% Version, das muss man fairerweise bemerken, aber eben auch nur bedingt. Ich würde den Rum auf gar keinen Fall kaufen und auch hier stellt sich für mich wieder die Frage nach der Mixability, die ich ihm eher absprechen würde. Warum für diese Abfüllung bei Ebay zum Teil dann noch horrende Summen im Raum stehen entzieht sich, zumindest geschmacklich, meinem Verständnis. Vielleicht wird sowas heutzutage tatsächlich zu selten aufgemacht, um dass ein breiteres Wissen über die geringe Qualität vorliegen könnte.

-47/100-



A. A. Baker & Co. Battle Axe Jamaica Rum - 50% vol.

Nase: So Freunde, und nun sind wir definitiv auf Jamaica gelandet! No Doubt! Kein Zweifel kann darüber bestehen, was sich vor mir in meinem Glas befindet, dieser Rum würde jedem Blind-Test standhalten! Der Rum erinnert mich stark auch an heutige Jamaica Rums aus Long Pond, Hampden oder auch Monymusk, so dass ich spontan also gar nicht mal unbedingt benennen kann, aus welcher der Brennereien dieser Rum wohl stammen könnte. Die Grund-Charakteristik sehe ich bei Monymusk, allerdings hat er für einen solchen (zumindest die, die wir heute kennen) einen zu hohen Estergehalt. Ich wäre daher wohl bei Long Pond, denn an den LPS 1st Release erinnert mich dieser Rum nämlich in deutlicher Weise. Der Alkoholgehalt macht sich wenig bemerkbar, ein unangenehmes Stechen habe ich nicht. Stattdessen kommt da einfach ganz viel Jamaica Rum Flavour rüber, etwa von Bananen, gegrillter Ananas, Zitrusfrüchten oder nussig-grasigem Anteil. Gefällt mir bis hier hin klar am besten!

Gaumen: am Gaumen fällt mir zunächst auf, dass der Rum wohl auf jeden Fall auch noch gut verdünnt wurde. Ich habe Hochester-Töne in Bestform! Hui, hier geht die Post ab! Müsste ich auf eine Destillerie tippen, so wären es nun am ehesten Hampden oder Long Pond. Schwierig, möglicherweise handelt es sich ja auch um einen Blend verschiedener Destillerien. Banane und Ananas sind sehr präsent, ebenso Humus und Zitruseinflüsse. Der Estergehalt liegt in meinen Augen definitiv über 500 gr/hlpa. Toller, mundfüllender, leicht adstringierender Rum mit perfekter Ballance. Richtig, richtig lecker!

Abgang: Fruchtige Töne gehen in Anis über. Das ist Jamaica, wie ich es mag!



Fazit: kein absoluter Spitzen-Jamaicaner aber ein hervorragendes Exemplar seiner Gattung. Einzig die Verdünnung stört hier leicht. Ich vermute, dass der Rum nicht besonders lange im Fass lag, dafür spricht auch die sehr helle Farbe. Und dafür ist das aber schon ganz großes Kino. Dieser Rum mit 15 bis 20 Jahren Reifung wäre wohl sehr, sehr geil gekommen!
Wenn man nun noch bedenkt, dass das vermutlich einst eine Standardabfüllung für (auf heutige Preise umgerechnete) 10,- bis 15,- Euro war, so kann ich eigentlich nur den Hut ziehen! Das ist heute leider nicht mehr denkbar.

-87/100-



Rum Coruba NPU (~frühe 1980er Jahre) - 74% vol.

Nase: überraschender Weise muss ich zunächst einmal konstatieren, dass dieser Rum in der Nase nicht stechend daher kommt, trotz des wirklich enormen Alkoholgehalts. Jamaica steigt mir sofort in die Nase, wenn auch nicht ganz so charakteristisch in den Hochester-Tönen wie beim Baker zuvor. Erst im zweiten Moment verrät sich der hohe Alkoholgehalt, da die Nase sehr komprimiert erscheint und durch den Alkohol gedämmt wird. Dadurch liegt über dem ganzen Rum eine deutliche Klebstoff-Note, gegen die es die fruchtigen Anteile sehr schwer haben. Der Rum erscheint darüber hinaus auch leicht gelagert. Zumindest habe ich einen Holzeinfluss ausmachen können.

Gaumen: erstmals heute macht sich der Alkoholgehalt nach oben hin klar bemerkbar. Ein Rum, der deutlich von innen heraus wärmt. Zunächst zieht es mir dabei auch die ganze Mundhöhle zusammen. Es braucht einige Momente, bis dieser Rum gezügelt ist. Auffällig dabei: trotz dessen, dass der Alkohol natürlich mächtig ist, ist das kein fieses Brennen. Hohe Qualität ist also angesagt! Ich habe Ananas, Humus und grasige Töne am Gaumen. Ein Einfluss vom Fass scheint gegeben, dafür spricht auch die goldene Farbe des Rums, aber ich glaube nicht, dass der Rum sonderlich lange reifen durfte. Dafür kommt er zu ungehobelt daher und der Einfluss vom Fass am Gaumen ist zwar präsent, aber auch nicht übermäßig präsent. Schafft man es den Rum im Mund zu behalten bis der Alkohol abgeklungen ist, wird er richtig cremig.

Abgang: Creme Brulee und etwas verkohltes Holz (Lagerfeuer-Assoziationen) leiten den Abgang ein. Der Rum ist dann allerdings auch recht fix weg. 



Fazit: wahrlich kein schlechter Rum! Und auch hier gilt wieder, wie beim Baker: dafür, dass das einst eine Standardabfüllung war, ist das schon sehr bemerkenswert. Ich kenne ja nun auch den Coruba NPU Overproof der Gegenwart und der ist schon deutlich schärfer als der heute verkostete aus den frühen 1980er Jahren. Pur trinken würde ich ihn dennoch nicht, da er auf Grund seines krassen Alkoholgehalts einfach zu fordernd ist, ohne gleichzeitig echte Spannung im Glas zu bieten, aber zum Vermixen bietet er sich geradezu an.

-78/100-


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Gesamt-Fazit:

Vier mal alter Jamaica Rum und viermal ganz unterschiedliche Qualität! Ich denke, damit spiegelt dieses kleine Tasting auch die Realität da draußen ganz passend wieder, wenn es um die Frage geht was einen erwartet für den Fall, dass man Flaschen alten Jamaica Rums ersteigert. Von gruselig bis unerwartet hohe Qualität ist da alles dabei. Aus diesem Grund bin ich da bei Flaschenteilungen, sofern der Kaufpreis sich einigermaßen im Rahmen hält, oft gern dabei, würde vom Kauf ganzer Flaschen inzwischen aber eher Abstand nehmen.
Der A. A. Baker & Co. Battle Axe Rum ist mein klarer Favorit heute und wohl auch der einzige, bei dem ich einen Kauf der Flasche nicht bereut hätte. Solche Treffer unterliegen aber wie gesagt dem Zufall und da braucht es deshalb schon ein Stück weit ein Faible für diese Sparte Rum, um diese Risiken auch einzugehen. Umso mehr freut es mich, dass ein befreundeter Connaisseur aus Berlin genau ein solches Faible hat und die Rum Gemeinde an diesen Erfahrungen auch immer wieder lebhaft und lehrreich teilhaben lässt. Vielen Dank dafür! 😊


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Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 24. Februar 2019

Kintra Barbados Rum 18 YO Mount Gay 2000

Liebe Rum Gemeinde,

heute geht es in eine Destillerie, von der ich ehrlich gesagt nicht zwingend gedacht hätte, dass ich dorthin noch einmal für ein Review zurückkehren würde: es geht in die nach eigenen Angaben älteste noch aktive Destillerie der Welt, in die Mount Gay Destillerie von 1703 auf Barbados nämlich!



Ihr Lieben, was soll ich sagen?! Nein, Mount Gay gehört wirklich nicht zu meinen Favoriten in der Rum Welt. Auf Barbados ist sie zwar immerhin meine #2 (meine #1 ist die WIRD mit deren sog. "Rockley"-Style Rum), aber auch fast eher aus einem Mangel an wirklichen Alternativen heraus, als durch eigene Stärke bedingt. Die Last Wards aus der Nebenlinie Mount Gilboa, die Velier abgefüllt hat, waren sehr solide und wussten durchaus auch zu überzeugen, aber sowohl der Mount Gay XO in Fassstärke aus 2016, als auch die unabhängig abgefüllten Mount Gay aus 2000 konnten mich bislang alle nie richtig überzeugen. Es gab da ja einige, ein 8 YO von Cadenhead, ein 12 YO von Duncan Taylor oder ein 12 YO und ein 16 YO von Isla Del Ron fallen mir zuvorderst ein, aber da war keiner dabei, von dem ich eine ganze Flasche gebraucht hätte. Vor allen Dingen empfand ich sie alle durchgehend als sehr scharf, der Alkohol war bei keiner der Abfüllungen in meinen Augen besonders gut eingebunden, was dem Genuss meiner Meinung nach grundsätzlich dann sehr im Wege steht. Das waren mehr oder weniger zusammengefasst die Gründe, weswegen ich mit Mount Gay eigentlich schon so gut wie abgeschlossen hatte. Und doch reizte mich irgendetwas, als Kintra vor einigen Wochen einen neuen Mount Gay ankündigten, nochmal zu probieren. 18 Jahre alt sollte er immerhin sein inzwischen und der Preis ging auch in Ordnung. So bestellte ich bei Freddy also ein Sample mit und wurde doch stark überrascht. Doch dazu mehr in der Verkostung.

Leider setzte sich bei dieser Mount Gay Abfüllung aber auch ein Trend fort, den ich eigentlich gar nicht so nennen mag, da der Begriff für mich positiv konnotiert ist, ganz im Gegensatz zur Entwicklung, die dieser gerade umschreiben sollte. Denn der Name "Mount Gay" durfte nicht auf dem Label der Abfüllung auftauchen, weswegen das Bottling ganz offiziell "Confidential Cask #36 Bunghole Delight Barbados Oldest" heißt. Das ist letzten Endes natürlich eine eindeutige Umschreibung für Mount Gay und Kintra macht auch kein Geheimnis daraus, dass es sich um einen Mount Gay Rum handelt, aber mich stört die Entwicklung, dass mehr und mehr versucht wird, die Namen der Destillerien von den Labeln der unabhängigen Abfüller zu tilgen. Immerhin, das muss ich hier ohne Widerworte anerkennen und mache das auch gerne, gehört Mount Gay zu den ganz, ganz wenigen Destillerien, die die unabhängigen Abfüller nie gebraucht haben um zu ihrem Ruhm zu gelangen, das haben sie ganz alleine geschafft. Insofern kann und möchte ich hier nicht mit meinem Hauptkritikpunkt ansetzen, wie ich es normalerweise tue, aber die grundsätzliche Entwicklung dahin kann mir als Connaisseur, der wissen möchte, woher mein Rum stammt, nicht gut finden. Transparenz bedeutet, zu wissen wo mein Rum gelagert wurde, nicht, mir zu verheimlichen wo er gebrannt wurde!





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Verkostung des Kintra 18 YO Mount Gay 2000:

Preis: während die Preise für unabhängig abgefüllte Mount Gay Rums vor einigen Jahren noch eher über jenen von anderen Destillerien lagen, so hat sich das inzwischen deutlich relativiert. Klar ziehen auch hier die Preise an, aber mit den 90,- bis 100,- Euro, die für eine 0,7 Liter Flasche aufgerufen werden, liegt der Rum, gemessen an Alter und Alkoholgehalt, doch noch eher im preislichen Durchschnitt. Da sind andere Destillerien inzwischen vorbeigezogen.

Alter: der Rum reifte von Juni 2000 an bis zum 26. November 2018 im Fass und ist somit fast 18,5 Jahre alt.

Lagerung: unbekannt. Da jedoch auch schon junge Rums aus dem 2000er Batch von Mount Gay teilweise sehr dunkel waren, ich erinnere bloß an den 8 YO von Cadenhead, kann eine Teilreifung in den Tropen nicht ausgeschlossen werden. Ansonsten gehe ich aber von kontinentaler Reife ab spätestens 2008 aus, als die ersten unabhängigen Abfüllungen auf den Markt kamen.

Fassnummer: das Fass #36 ergab genau 132 Flaschen. Somit dürfte es sich hierbei entweder sogar um eine Single Cask Abfüllung im eigentlichen und ursprünglichen Sinne handeln, oder aber, was ich glatt vermuten würde, es ist die Hälfte eines Split-Casks mit The Rum Mercenary, die zeitgleich einen Mount Gay mit gleichen Parametern auf den Markt gebracht haben. 

Angel's Share: unbekannt. Anhand der üblichen Berechnungsgrundlage von 1-2% im Jahr, dürfte er aber zwischen 15 und 25% liegen. 

Alkoholstärke: der Rum kommt mit 55,6% vol. daher. Ob das die Fassstärke ist, weiß man bei Kintra nie so genau, aber anhand anderer Mount Gay Abfüllungen ist das nicht unwahrscheinlich. 

Destillationsverfahren: der Rum wurde zu 100% mit einer Pot Still gebrannt. 

Mark: unbekannt. Die Main Rum Company hat gemeinhin das hauseigene Mark BMMG (Barbados Main Mount Gay) verwendet. 

Farbe: schönes, dunkels Stroh, ins bräunliche gehend. Ein Hauch von Tropical Aging liegt in der Luft. 

Viskosität: es bilden sich in engen Abständen kleine Tröpfchen oben am Glas, die dann langsam, sich zu Schlieren entwickelnd, eng aneinander liegend und fast synchron die Glaswand herunterlaufen.

Nase: Große Freude! Der Rum macht fast aus dem Stand in der Nase auf und gibt bereits nach 15 bis 20 Minuten einen schönen, nur wenig bis gar nicht stechenden Mount Gay preis. Ohne große Schnörkel, langes Warten oder ähnliches habe ich also einen wirklich gut riechenden und perfekt ausballancierten Barbadier im Glas, der richtig Lust auf mehr macht! Leute, nochmal, ich bin echt kein Fan von Mount Gay, wirklich nicht, ihr wisst das inzwischen, aber ich komme hier absolut ins Schwärmen!
Insgesamt fehlt es der Nase ganz bestimmt etwas an Komplexität, aber das Bouquet gefällt mir dennoch einfach sehr, auch in seiner Entwicklung. Ich habe zunächst Mandeln und Zimt, dazu Salzkaramell. Später sehr präsent dann süße Pfirsiche und Toffee, Leder, Menthol und eine würzige Kombination aus Anis, Zimt und anderen Gewürzen. Fast ist es, als sei mir das Gewürzregal von der Wand auf den Boden gefallen und all diese Gerüche breiten sich nun im ganzen Haus aus. Dazu kommt dann ein schöner Einfluss der Eiche, der diesen Rum vermutlich auf den Punkt getroffen hat. Wirklich hervorragend, ein exzellentes Fass!

Gaumen: am Gaumen kommt der Mount Gay direkt angenehm cremig, kaum alkoholisch und mit einer feinen natürlichen Süße. Die Fassstärke, so sie es denn ist, ist hier auf jeden Fall auch gleichzusetzen mit einer angenehmen Trinkstärke. Komplett smooth, total entspanntes Easy Sippin', ich mag das! Darüber hinaus kann der Rum auch problemlos in größeren Schlücken getrunken werden, ohne, dass er unangenehm zu brennen beginnt. Klasse! Der Mount Gay kommt durchaus stiltypisch und intensiv daher, wird aber an keiner Stelle brachial. Eine deutliche Würze mit Anis und Nelke im Vordergrund kommt mir entgegen.  Daneben habe ich süßes Weihnachtsgebäck und Marzipan, nasses Gras und trockenes Holz. Insgesamt wird deutlich, dass Komplexität nicht die ganz große Stärke dieses Rums ist, verglichen mit absoluten High End Rums, aber das Fass hat hier schon sehr intensiv gewirkt und gut mit dem Rum interagiert. Dazu ist der Rum komplett ausgeglichen, Trockenheit und Süße wechseln sich immer wieder gegenseitig ab, und einfach lecker! 

Abgang: leicht adstringierend. Herbes Anis und frisches Geäst verweilen angenehm lange am Gaumen. Trocken werdend. Eichenholz. Klasse!

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Fazit: manchmal sind die unerwartetsten Volltreffer fast die schönsten! Meine 10 cl bestellte ich aus einer Intuition heraus und fast noch mehr aus Gruppenzwang innerhalb unserer kleinen Community, erwartete aber eigentlich nicht viel. Bekommen habe ich dann aber einen unglaublich leckeren Barbadier, der mich in der Nase, am Gaumen als auch im Nachgang überzeugen konnte. Kurz: für mich ist das der mit Abstand beste Mount Gay überhaupt bisher, weit vor den oft so hoch eingeschätzten Abfüllungen von Isla del Ron oder Duncan Taylor, denen diese Ausgeglichenheit und Ballance in meinen Augen leider vollkommen abgingen!
Bei allen bis zu diesem Punkt so begeisterten Tönen möchte ich aber auch deutlich machen, dass das schon auch im Zusammenhang zu meinen bisherigen (eher weniger positiven) Erfahrungen mit Mount Gay zu betrachten ist und es daher natürlich auch nicht übertreiben mit meinem Lob für diesen schönen Rum. Denn so lecker der Tropfen am Ende zwar ist, so kann man ihn nun, rein was die gestellten Ansprüche betrifft, auch nicht in die erste Garde an tropisch gereiften Caroni oder lange gereiften Hampden, Long Pond oder Rockley-Style Rums z.B. einordnen. Dazu fehlt es ihm dann doch noch ein Stück weit z.B. an Komplexität. Das soll nicht bedeuten, dass ich den Mount Gay nicht an vielen Tagen den eben genannten vielleicht sogar vorziehen würde (meine 10 cl vom Sample sind bereits fast leer!), eben weil der Rum so herrlich unangestrengt zu trinken ist, aber das steht wieder auf einem anderen Papier. Zu guter Letzt möchte ich dem Freddy einmal mehr danken, dafür, dass er die Teilung organisiert und mir anschließend auch noch eine ganze Flasche besorgt hat. Vielen Dank dir!

-89/100-

Bis demnächst,
Flo

Sonntag, 17. Februar 2019

Bristol Classic Trinidad Rum 1974 Caroni 34 YO

Liebe Rum Gemeinde,

auf den heutigen Rum habe ich mich schon lange gefreut, denn ich stelle euch mit dem Bristol Caroni 1974 das Gegenstück zum Velier Caroni von 1974 vor, dem wiederum besten Caroni, den ich für mich persönlich bis dato im Glas hatte!



Was vielen hingegen wohl über Jahre nicht unbedingt bewusst war ist, dass nicht nur die Stocks von Velier, sondern dass auch jene von Bristol Spirits Ltd. aus den Trinidad Auktionen stammen, auf denen damals die Fässer mit Caroni Rum versteigert wurden. Hier schlug also nicht nur Luca Gargano zu, sondern auch John Barrett erwarb damals erhebliche Anteile aus den alten Beständen der Brennerei. Anders als Velier, das seine Anteile an den Caroni Stocks weiter in den Tropen lagerte, zunächst weiter in Trinidad, ab 2008 dann zum Teil auch bei DDL in Guyana, holte Bristol seine Fässer unmittelbar nachdem es sie erworben hatte nach Europa und lagerte sie in seinen kühlen Kellern in England ein. Einen Teil der Rums, darunter der heutige 34 YO aus 1974, aber auch ein 19 YO aus 1989, ein 10 YO aus 1998 und ein 12 YO aus 1996 füllte Bristol direkt im Jahr 2008 noch ab, so dass diese Abfüllungen eine ebenso hundertprozentige tropische Reifung erfahren haben wie die Veliers. Anders als jene von Velier wurden diese Rums von Bristol allerdings sämtlichst herunter verdünnt, so dass hier aus meiner Sicht leider viel Potenzial verschenkt wurde. Einige seiner Rums verkaufte Bristol in den kommenden Jahren an andere unabhängige Abfüller, darunter zwei Fässer Caroni aus 1996 im Jahr 2009. Für diese kann also z.B. ebenso eine nahezu komplett tropische Reifung angenommen werden. Die tropisch gereiften Caroni waren also nicht per se ein Alleinstellungsmerkmal Veliers. Dieses bestand lediglich darin, dass sie das in großem Stil getan haben und darin, dass sie als einzige auch nach 2008 noch vollständig dort gereifte Caronis anbieten konnten.
Für den heute verkosteten Bristol Classic Rum 34 YO Caroni 1974 bedeutet das somit vor allem, dass seine Geschichte also auch einmal mehr eine Geschichte von verpassten Chancen und Gelegenheiten darstellt. Denn wie zuvor schon bei einigen anderen Caroni, so erinnere ich mich auch beim Bristol Caroni 1974 nur zu gut noch daran, wie ewig auch er wie Blei in den Regalen lag, ohne, dass sich jemand nennenswert dafür interessiert hätte. Der Preis war zu dieser Zeit mit über 150,- Euro noch eher abschreckend, zumal für einen Rum mit 46% vol.. Für einen 34 Jahre lang tropisch gereiften Caroni hingegen war der Preis, aus heutiger Sicht, mehr als fair und heute würde ihn dafür wohl nahezu jeder ohne zu überlegen kaufen, denn er wird inzwischen für 400,- Euro und mehr gehandelt. Damals allerdings waren den allermeisten Connaisseuren die Umstände um die Rums aus Caroni noch vollkommen unbekannt, was den stark verspäteten Boom letztlich auch erklärt.





Verkostung des Bristol Classic Rum 1974 Caroni 34 YO:

Preis: der ursprüngliche Ausgabepreis lag mal bei 160,- bis 180,- Euro, wenn ich mich richtig erinnere. Heute kostet der Rum ca. 400,- bis 500,- Euro und mehr. 

Alter: der Rum lag von 1974 bis ins Jahr 2008 im Fass und ist somit volle 34 Jahre alt.

Lagerung: Bristol hat, genau wie Velier, zu Anfang des Jahrtausends Trinidad Stocks von Caroni in größerem Stil erworben. Diese lagen also bis 2008 ca. auf Trinidad. Da der 74er zu dieser Zeit abgefüllt wurde bedeutet dies, dass er komplett tropisch gelagert wurde.

Fassnummern: unbekannt. Laut Cyril ließ John Barrett verlautbaren, dass die Abfüllung aus vier Fässern bestand. Insgesamt 1500 Flaschen wurden abgefüllt. 

Angel's Share: keine Angaben, er muss aber sehr, sehr hoch gewesen sein. Selbst nach 20 tropischen Reifejahren liegt er schon bei ca. 80-85%. 

Alkoholstärke: der Rum wurde auf Trinkstärke verdünnt - 46% vol. 

Destillationsverfahren: unbekannt.

Mark: HTR

Farbe: ein schöner, dunkler Kupferton zeugt, trotz der erfolgten Verdünnung, von seiner langen, tropischen Reifung. 

Viskosität: enge, gleichmäßige Schlieren fließen eher zügig an der Glaswand herab. Hier wird die Verdünnung noch sichtbarer als in seiner Farbe.

Nase: gigantisch! Die Verdünnung sorgt dafür, dass dieser Rum auch kurz nach dem Einschenken schon wahnsinnig viel hergibt, ohne, dass er durch die Verdünnung in irgendeiner Weise geschwächt wirkt. Die Verwandtschaft zum Velier Caroni 1974 ist klar und deutlich zu erkennen. Wie auch schon sein Bruder in Full Proof, so kommt auch dieser 74er unglaublich tief, voll, schwer, komplex und vielschichtig daher. Auch er benötgt sehr, sehr viel Zeit, wenn auch nicht unbedingt um zu atmen, sondern einfach um das alles zu erfassen, was mir hier im Glas geboten wird. Und diese Zeit möchte man sich bei diesem Rum auch widerstandslos nehmen!
Das reichhaltige Bouquet wartet mit sowohl dreckigen Komponenten von Holzlack, Teer, Fahrradschlauch, Petroleum, Phenolen und Nagellackentferner, als auch mit süßen Anklängen von Orangenzesten, Rosinen, Trauben oder kandierter Banane auf, die sich mit den Einflüssen vom Fass, zu vorderst seien hier unaufdringliche Tannine, Cashewkerne, Bourbon Vanille und Nelken genannt, zu einem stimmigen Gesamteindruck zusammensetzen. Und nach hinten heraus kommt da auch noch eine Rauchnote. Allerdings nicht, wie beim Velier, vom Bacon, sondern hier erinnert das eher an ein Lagerfeuer. Wunderbar! Auch dieser Rum ist nach 34 Jahren kein bisschen overaged! 

Gaumen: der erste Eindruck gehört der erfolgten Verdünnung, denn diese macht sich unzweifelhaft beim ersten Schluck bemerkbar. Der Rum ist leider schon sehr dünn geraten und jeder weitere Tropfen Wasser würde ihn ganz sicher versenken. Hier konnte im Vergleich dazu der Velier natürlich enorm punkten. Der zweite Eindruck gehört einer süßen Komponente, die mich nun begrüßt, sowie einem leichten Kribbeln auf der Zunge. Echte alkoholische Schärfe besitzt dieser Rum aber nicht. Was dann folgt, mag ich eigentlich nur noch als Caroni-Essenz bezeichnen, denn da kommt einfach alles, was ich mir unter einem Caroni vorstelle und von einem guten Caroni auch erwarte: Verbranntes Gummi, Teer, Phenole, Holzlack, Petroleum, etwas Mango, reichlich Tannine und Holztöne verschiedener Art, Nelke und so viel mehr. Ich habe niemals das Gefühl, dass der Rum zu irgendeinem Zeitpunkt mal einen Punkt macht. Es geht einfach immer weiter...

Abgang: ... und ist der Rum dann erstmal heruntergeschluckt, geht die ganze Party einfach nur von unten her weiter und die Eindrücke vom Gaumen hallen scheinbar ewig nach. Nach hinten heraus wird er dann auch sehr dunkel und zeigt sein hohes Alter. Aber auch hier habe ich nie das Gefühl, eine auch nur ansatzweise verholzte Spirituose vor mir zu haben. Unglaublich beeindruckend!

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Fazit: den Velier Caroni 1974 habe ich nahezu gänzlich für sich selbst sprechen lassen und auch der heutige 74er von Bristol hat das denke ich über weite Strecken getan. Nein, der Rum reicht für mich nicht ganz an den Velier heran, dazu ist einfach zu viel Wasser eingesetzt worden, aber er ist mit momentan ca. 400,- bis 500,- Euro DIE Alternative für all jene, die auf den 74er Caroni Style stehen, aber keine 2000,- Euro und mehr für eine Flasche vom 74er Velier ausgeben können oder möchten! Natürlich ist auch das noch unglaublich viel Geld, aber wir reden hier auch andererseits über einen 34 Jahre lang tropisch gereiften Caroni! Und bedenkt man die momentane Preisentwicklung bei dieser Destillerie, so könnte ich mir gut vorstellen, dass man es in nochmal ein bis zwei Jahren durchaus bereuen könnte, nicht doch jetzt noch zugeschlagen zu haben, wenn man auf den 74er Style steht und das nötige Kleingeld besitzt.

-95/100-

Bis demnächst,
Flo