Sonntag, 21. Oktober 2018

Velier 12 YO VRW Vale Royal 2006

Liebe Rum Gemeinde,

und weiter geht es heute direkt mit der zweiten der vier neuen Jamaica Rum-Abfüllungen von Velier, welche alle von National Rums of Jamaica Ltd. stammen und in der Long Pond Distillery gebrannt wurden: verkostet wird der 12 YO Vale Royal VRW 2006!



Wer meine Review zum Cambridge 2005 neulich gelesen hat, der wird sich erinnern, dass plötzlich eine Reihe neuer Begriffe in unsere kleine Rum-Welt getreten sind, die ich mich wiederum bemüht habe, so gut es mir möglich war zu enträtseln. Für all jene, die die Review nicht gelesen haben und auch um hinter all die Begriffe, die heute wieder neu dazu kommen, wie National Rums of Jamaica Ltd., Vale Royal oder VRW, zu verstehen, werde ich die Verkostung, wie schon in meiner Review zum Cambridge, mit einem kurzen, komprimierten Ausflug nach Guyana zum Demerara Rum beginnen, um anhand dessen das Geflecht rund um National Rums of Jamaica Ltd. aufzuschlüsseln und dazu der Einfachheit halber, auch wenn das sonst nicht meine Art ist, die Absätze zu diesem Thema aus der Cambridge Review nahezu 1:1 übernehmen. Wer die Ausführungen der letzten Woche noch gut in Erinnerung weiß, der kann ab der Überschrift "Vale Royal", direkt im Anschluss an die Tabellen mit den Marks, einsteigen. Ab da geht es mit komplett neuen Infos los.


Zum Einstieg:

Im Grunde genommen muss man sich das ganze Konstrukt nämlich ähnlich vorstellen wie beim Demerara Rum, dessen Geschichte ebenfalls verworren, inzwischen allerdings weit fortgeschrittener dokumentiert ist und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, in erster Linie durch eine umfassende Arbeit von Marco Freyer. Zusammengefasst: beim Demerara Rum haben wir mit Demerara Distillers Ltd. (DDL) eine übergeordnete Firma und mit Diamond eine Destillerie, die dieser Firma gehört. Diese Destillerie stellt den Rum von Diamond her, allerdings auch viele andere Rum Stile von Brennereien aus Guyana, die ihre Tore längst geschlossen haben, teilweise schon seit Jahrzehnten. Dazu zählen z.B. Enmore, Port Mourant, Uitvlugt, Versailles, Albion, Skeldon oder La Bonne Intention. Dies tut Diamond, indem es, teilweise mit den alten und erhaltenen Destillierapparaten der geschlossenen Destillerien, deren Stile (genauer bezeichnet durch ein so genanntes Mark) weiter produziert. So gibt es auch heute noch beispielsweise Port Mourant Rum (Mark: PM), obwohl die Destillerie Port Mourant schon seit Jahrzehnten nicht mehr existiert. Aber die Double Wooden Pot Still aus Port Mourant, die ist noch immer erhalten und produziert in der Destillerie Diamond weiter u.a. das Mark PM. Die Destillierapparate vieler anderer ehemaliger Destillerien sind heute längst verschrottet, aber teilweise ist es möglich, auch deren alte Stile durch die noch existierenden Apparate anderer Destillerien quasi nachzuahmen. Dies gilt z.B. für Albion. Da war man bei jeder neuerlichen Schließung einer Brennerei und damit verbundener Umzüge in andere Brennereien leider sehr pragmatisch. 
Was bedeutet das nun für unseren heutigen Rum oder die vier neuen Rums von Velier im Allgemeinen? Nun, wir haben mit National Rums of Jamaica Ltd. (NRJ) erneut eine übergeordnete Holding, die nicht selbst Rum herstellt, sondern, unter deren Dach verschiedene Destillerien Rum herstellen. NRJ hat sich im Jahr 2006 gegründet und bildet einen Zusammenschluss der drei Destillerien Clarendon (Monymusk), Long Pond und Innswood, von denen Innswood aber schon seit 1996 nicht mehr aktiv ist und Long Pond zwischenzeitlich nicht mehr aktiv war, seit 2017 aber wieder ist. NRJ gehört zu je einem Drittel dem Staat Jamaica in Form der National Sugar Company, der West Indies Rum Distillery auf Barbados (gehört inzwischen wiederum Ferrand in Frankreich) und DDL in Guyana. 
Innswood und Clarendon sind jeweils vergleichbar junge Destillerien, die erst um die Mitte des 20. Jahrhundert herum ihren Betrieb aufnahmen. Die Geschichte Innswoods war eine recht kurze, denn man produzierte nur von 1959 bis 1992 Rum. Danach wurden hier nur noch die Räumlichkeiten genutzt, z.B. für die Lagerung und das Blending der Rums[1]. Die Geschichte Clarendons beginnt entweder im Jahr 1938 oder 1949. Hier wird bis heute Rum produziert, u.a. auch der Rum, den wir als Monymusk kennen und der auf das Monymusk Estate zurückgeht, dessen Historie wiederum schon über 200 Jahre zurückreicht. Clarendon gehört allerdings nur zu 73% zu NRJ. Die restlichen 27% gehören Diageo, dem weltgrößten Spirituosen-Konglomerat, was wiederum dazu führt, dass ca. 90% des gesamten Outputs von Clarendon an Diageo gehen[2]. Die dritte der Destillerien im Bunde ist die im Parish Trelawny gelegene Long Pond Distillery, und nun wird es spannend. Nicht nur, weil die Geschichte Long Ponds wesentlich länger und geschichtsträchtiger ist und bereits im Jahr 1753 beginnt, als die Familie Reid die Destillerie und ihr Anwesen begründeten[3], sondern vor allem deshalb, weil Long Pond quasi das jamaikanische Äquivalent zur Diamond Destillerie in Guyana ist. Wie Diamond in Guyana, so hat auch Long Pond auf Jamaica im Laufe der Jahrzehnte (und vielleicht sogar Jahrhunderte) immer wieder verschiedene Destillerien oder aber zumindest ihre Destillierapparate oder auch nur deren Stile übernommen und stellt deshalb heute sehr viele verschiedene Rums her, die auch bei Long Ponds durch die so genannten Marks unterschieden werden. Zwar kennt Jamaica Rum bereits im Grundsatz eine Einteilung seiner Rums in vier verschiedene Stile, die sich am Estergehalt der Rums richten, allerdings unterscheidet da auch jede Destillerie auch noch einmal für sich selbst. Die vier allgemeinen Jamaica Stile sind:

Jamaican Ester Mark:Ester (gr/hlpa)
Common Clean80-150
Plummer150-200
Wedderburn200-300
Continental Flavoured700-1600



Long Pond unterscheidet seine Stile nicht nur in vier verschiedene Stile, sondern in insgesamt zwölf! Diese wiederum können dann, meist, einem der vier übergeordneten Jamaica Stiele zugeordnet werden, wobei Long Pond auch Marks führt, die einen Estergehalt aufweisen sollen, welcher keinem der vier Stile zuzurechnen ist. Das trifft unter anderem auf CRV und CQV zu, aber auch auf LPS und auf das Mark um das es letzte Woche ganz besonders ging: STC🖤E! Der Rum über den wir heute sprechen trägt das Mark VRW, welches für Vale Royal Wedderburn steht, obwohl der für das Mark definierte Estergehalt (150 - 250 gr/hlpa) durchaus auch einem Plummer entsprechen könnte.

Long Pond MarkEster Level (gr/hlpa)
CRV0-20
CQV20-50
LRM50-90
ITP/LSO90-120
HJC/LIB120-150
IRW/VRW150-250
HHHS/OCLP250-400
LPS400-550
STC🖤E550-700
TECA1200-1300
TECB1300-1400
TECC1500-1600


Vale Royal:

Letzte Woche haben wir mit Cambridge bereits eine dieser verlorenen Destillerien kennengelernt. Heute werde ich euch hier noch eine weitere solche ehemalige Brennerei vorstellen, nämlich die Vale Royal Distillery, gelegen, wie Long Pond und Cambridge, im Parish Trelawny. Die Geschichte der Destillerie ist zum Teil sehr widersprüchlich. Sie wurde, laut Dr. Raul A. Mosley, im Jahr 1776 von Charles Graves gegründet und hieß zu Beginn noch Walky Walky[4]. Laut eben dieser Quelle erfolgte die Umbenennung in Vale Royal im Jahr 1828, sowie ein Verkauf an Thomas Pepper Thompson nach der Abschaffung der Sklaverei auf Jamaica, das heißt nach dem Slavery Abolition Act im Jahr 1834[5]. Laut den Daten des University College London, die die Geschichte der britischen Sklaverei umfassend dokumentiert haben, erwarb Thompson Vale Royal aber bereits spätestens im Jahr 1787[6]. Was allerdings noch viel widersprüchlicher ist: laut UCL starb Thomas Pepper Thompson schon bereits zwischen 1820 und 1823[7] und kann daher unmöglich über zehn Jahre nach seinem Tod die Destillerie erst erworben haben. Nach seinem Tod wurde Vale Royal laut UCL von Anwälten in einer Nachlassverwaltung geführt, u.a. von seinem Enkel Thomas James Thompson, bevor es im Jahr 1847 testamentarisch an einen Mann namens John Simpson of Fair Lawn Kent fiel[8]. Dieser wiederum war auch Eigentümer der Estates Bounty Hall, Chester, Lancaster, Maria Bueno und Tilston (oder Tillstone)[9]. Letzteres Estate, Tilston, wird nächste Woche noch eine Rolle spielen. Im Anschluss verliert sich die Spur leider etwas, da das UCL die Daten nur für die Zeit der Sklaverei destailliert aufführt und gesammelt hat. Erst für das Jahr 1878 lässt sich die Fährte wieder aufnehmen. In diesem Jahr führt Jamaican Family Search auch Vale Royal als aktives Sugar Estate und nennt hier einen Mann namens Henry Sewell als Besitzer. Diesem gehörten zu jener Zeit auch Arcadia und Lottery[10]. Die gleiche Quelle bestätigt diese Besitzverhältnisse auch noch für die folgenden Jahre, bis in das Jahr 1910[11]. Für die Zeit der darauf folgenen 49 Jahre, zwischen 1910 und 1959, hingegen finde ich leider keine wirklichen Belege mehr.

Vale Royal Estate um 1910 zu Zeiten von Henry Sewell.
Sourcehttp://myjamaicanfamily.blogspot.com/2007/10/month-in-country.html?m=1

Im Jahr 1959 schloss Vale Royal seine Tore für immer (s. Backlabel) und folgte damit einer Entwicklung, die die Plantagen und Destillerien Jamaicas ab Mitte des 19. Jahrhunderts, mit Abschaffung der Sklaverei und dem damit einhergehenden Einbruch der Zuckerproduktion, grundsätzlich und ganzheitlich erfasste. Waren es um 1830, also vier Jahre vor dem Slavery Abolition Act, noch ca. 600 Zuckerplantagen auf Jamaica, mit dazugehörigen Destillerien, so existierten nur 30 Jahre später, um 1860 also, schon nur noch 148 von ihnen. Im Jahr 1948 waren es kaum noch 25 Destillerien, während heute, im Jahr 2018, nur noch fünf von ihnen existieren[12]: Appleton, Clarendon, Hampden, Long Pond und Worthy Park. Dies zeigt auch, welche enorme Arbeitsleistung die fast 300.000 Sklaven auf Jamaica in all den Jahren bis zum Emanzipation Act zu verrichten hatten, ohne die die Kapazitäten der Produktion auf Jamaica ab 1838 etwa nicht einmal mehr im Ansatz zu halten waren. Alleine in Vale Royal waren es bis 1832 jährlich zwischen 332 und 257 versklavte Menschen[13]. Dieses Thema ist für sich gesehen allerdings so umfassend und auch geschichtlich bedeutend, dass ich plane, mich damit in einem gesonderten Beitrag noch einmal genauer auseinanderzusetzen. Deshalb nun zunächst zurück in die Mitte des 20. Jahrhunderts, nach Vale Royal, das im Jahr 1959 also an Long Pond verkauft wurde. Dort, in Long Pond, bewahrt man das Erbe der Destillerie bis heute und produziert noch immer auch Rum im alten Stile von Vale Royal. Ob das auch noch direkt und unmittelbar mit originalen Destillierapparaten der einstigen Brennerei passiert, oder nur noch indirekt, indem der Stil mit anderen Brennanlagen Long Ponds reproduziert wird, habe ich leider noch nicht in Erfahrung bringen können. Der Stil Vale Royals wird mit dem Mark VRW angegeben, welches für Vale Royal Wedderburn steht. Mit dem Mark definiert Long Pond Rums mit einem Estergehalt von 150-250 gr/hlpa, was streng genommen auch bedeuten könnte, dass die Rums nicht nur dem Stil Wedderburn, sondern auch dem des Plummer zugeordnet werden könnten. Velier geht für die heute besprochene Abfüllung aber von einem Wedderburn aus, auch wenn der genaue Estergehalt nicht exakt angegeben ist.



Im großen Gegensatz zu Cambridge letzte Woche, welches selbst den meisten Liebhabern von Jamaica Rum bis dahin vollkommen unbekannt gewesen sein dürfte, war Vale Royal der Rum-Welt schon bereits vor dem Auftauchen der neuen Velier-Bottlings durchaus nicht unbekannt, da immer mal wieder, wenn auch sehr selten, Rums dieses Stils bei unabhängigen Abfüllern auftauchten. Zuletzt war das bei Bristol Spirits Ltd. der Fall, die ein Batch aus 2002 im Portfolio hatten, welches sie 2010 und 2011 zur Abfüllung brachten. Mutmaßlich hat auch Compagnie Des Indes einen Vale Royal abgefüllt, den ich hier auch besprochen hatte, allerdings ist das nicht offiziell bestätigt. Insgesamt also kann man die Vale Royal Bottlings wirklich an einer Hand abzählen, weswegen ich sie hier einmal kurz aufliste, soweit mir bekannt:

  • Averys Finest Jamaica Rum 9 YO Vale Royal ~1970 - 43,4% vol.
  • Bristol Classic Jamaica Rum 8 YO Vale Royal 2002 - 43% vol.
  • Bristol Classic Jamaica Rum 9 YO Vale Royal 2002 - 43% vol.
  • Bristol Classic Jamaica Rum 25 YO Vale Royal 1969 - 42% vol.


Sowie mutmaßlich:

  • Compagnie des Indes Jamaica Rum 12 YO Long Pond 2003 - 44% vol.

Den 25 Jahre alten Bristol Vale Royal aus 1969 und den Averys konnte ich leider nie probieren, aber die beiden jungen Bristol aus 2002, sowie den Compagnie Des Indes aus 2003, habe ich jeweils im Glas gehabt und war wegen deren geringen Alkoholgehälter, aber vor allem auch wegen des jeweils sehr jungen Alters, nicht unbedingt restlos überzeugt. Allen dreien gemeinsam war allerdings auch, dass ich sie im Grundsatz spannend fand und ich da durchaus großes Potenzial gesehen habe, bei fortgeschrittener Reife und einem höheren Alkoholgehalt eine echte Bereicherung für die Rum Welt darzustellen. Ich hatte immer gehofft, dass in die Richtung mal etwas auf den Markt kommt, und mit dem Velier VRW wurde diese Bitte nun glücklicherweise erfüllt: 12 Jahre tropische Reifung und 62,5% vol. versprechen eine deutliche Steigerung und ich bin schon sehr gespannt, inwieweit sich diese im Grundsatz schon vollkommen unterschiedlichen Voraussetzung im heute verkosteten Destillat hoffentlich positiv bemerkbar machen.



Verkostung des Velier 12 YO Vale Royal 2006:

Preis: ca. 130,- Euro werden für eine Flasche zu Release-Start aufgerufen. 

Alter: 12 Jahre lang, von 2006 bis 2018 nämlich, reifte der Rum im Fass.

Lagerung: der Rum reifte komplett in den Tropen auf Jamaica.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden 11 Fässer verwendet und 3412 Flaschen abgefüllt.

Angel's Share: >60%

Alkoholstärke: High Proof - der Rum hat eine Trinkstärke von 62,5% vol.

Destillationsverfahren: Double Retort John Dore Pot Still

Mark: VRW (Vale Royal Wedderburn)

Farbe: Kupfer, ins Mahagoni gehend. 

Viskosität: der Rum bildet weite Bögen, aus denen sich satte, fette, unregelmäßig und eilig fließende Schlieren herausbilden.

Nase: sehr verhaltene Nase in den ersten Minuten. Etwas Alkohol ist präsent, aber ansonsten riecht der Rum unerwartet neutral und wenig tief oder gar komplex. Nach etwa einer halben Stunde im abgedeckten Glas hat sich das zwar nicht grundsätzlich geändert, aber ich finde doch schon deutlich mehr vor. Klar, der Rum hat einen deutlich geringeren Estergehalt als der Cambridge, und das merkt man auch. Es steckt sehr viel weniger Wucht und Power hinter dem Vale Royal, das läuft alles sehr viel subtiler ab. Long Pond erkenne ich entfernt und in einzelnen Anklängen, weswegen ich vermute, dass doch einige als Long Pond gelabelte Rums aus der Vergangenheit in Wirklichkeit Vale Royals gewesen sein könnten, aber jene, auf denen auch tatsächlich Vale Royal drauf stand, wie z.B. die Bristol 2002, finde ich hier eher nicht. Insgesamt ist der Rum einfach sehr Jamaica-untypisch. Ob ich ihn blind dahin verorten würde, möchte ich deutlich in Zweifel ziehen. Der Rum hat im Bouquet etwas sehr vegetales, pflanzliches, gepaart mit etwas Cashewkernen, Nüssen, Leder, süß-säuerlicher Traube, ganz dezenter Ananas und einer schönen Note vom Fass. Nach hinten heraus tut sich dann noch ein Gewürzschrank auf und verströmt ein Potpourri an Anis, Pfeffer und noch einigem anderen an Gewürzen. Der Rum braucht lange bis er aufmacht, aber nach ca. einer Stunde gefällt mir die Nase durchaus sehr gut.

Gaumen: am Gaumen überkommt mich direkt ein vertrautes Gefühl, denn ich habe sehr klar Jamaica und auch sehr eindeutig Long Pond. Wirklich erstaunlich, nach dieser Nase! Der Alkohol ist unauffällig eingebunden, so dass ich auch größere Schlücke nehmen kann und direkt Platz und Raum ist für die volle Dröhung an Geschmack. Und was da kommt, das gefällt mir außerordentlich gut! Zwar ist das auch alles andere als brachial, aber es ist für mich eben lecker! Bei Hampden brauche ich die Brechstange, aber bei Long Pond stehe ich sehr drauf, wenn sie smoother daherkommen, weswegen der Vale Royal gerade durchaus bei mir landen kann. Der Rum ist zu Beginn angenehm adstringent und geht dann ins cremige über. Ich nehme Eindrücke von Nüssen, Macadamia, Stroh, gegrillter Ananas und viel Anis wahr, dazu eine präsente und gelungene Note vom Fass. Da sind Eichenholz, weitere Gewürze, Tannine und nach hinten heraus ist da auch noch etwas blumiges, florales, fast pafümiertes. Der Rum wird nun zunehmend trockener und verabschiedet sich damit in den Abgang. Klasse!

Abgang: Pfeffer und Anis, dazu Macadamia und viel Holz. So macht sich der Rum auf den Weg nach unten und hallt angenehm und lange nach.

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Fazit: nach anfänglichen Schwächen und Startschwierigkeiten in der Nase, geht der Rum dann nach ca. einer Stunde und spätestens aber am Gaumen so richtig steil! Insbesondere auch die super Einbindung des Alkohols fiel positiv auf. Der nächste Volltreffer also, wenngleich ich mir sicher bin, dass es der Vale Royal sehr viel schwerer haben wird ein breites Publikum zu begeistern als der Cambridge, schon alleine, weil er einfach sehr viel Zeit braucht. Dass der in Paris auf der Messe, wo oft einfach nur Rum an Rum im Minutentakt probiert wird, angeblich oft nicht so gut ankam wundert mich daher überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Der Vale Royal ist nichts für zwischendurch. Wer sich da zuhause also nochmal die Zeit nimmt und alle vier einmal ganz in Ruhe probiert, der wird vielleicht zu einem anderen Urteil gelangen. Ich persönlich fühle mich bei dieser Abfüllung erstaunlicherweise etwas an die Long Ponds aus 1985 erinnert, die ich schon damals sehr abgefeiert habe, nicht aber unbedingt an die 2002er von Bristol, die ja als Vale Royals deklariert waren! Aus meiner Sicht sind das nochmal zwei sehr unterschiedliche Stile. Die Bristols aus 2002, ich hatte es oben erwähnt, gefielen mir damals eher weniger, auch, weil sie mit nur 43% vol. aus meiner Sicht einen viel zu geringen Alkoholgehalt hatten. Der Vale Royal von Velier schmeckt mir dagegen sehr gut und daher gilt auch hier und heute für mich, wie beim Cambridge: gerne mehr davon! Toll, dass Velier uns diese seltenen Stile in dieser großartigen Qualität zugänglich macht!


Das Preis-Leistungs-Verhältnis, das finde ich noch besonders erwähnenswert, passt beim Vale Royal so gut, wie bei vielleicht keinem der anderen drei der Serie. Er war mit zum Teil unter 130,- Euro der günstigste der vier, was ich hier als sehr stimmig ansehe. Das ist der Rum meines Erachtens definitiv wert und dafür kann und möchte ich den Rum uneingeschränkt empfehlen!

-90/100-


Danken möchte ich an dieser Stelle auch dieses Mal noch dem Freddy, der den Rum geteilt und mir auf diese Weise zugänglich gemacht hat! Vielen lieben Dank!

Nächste Woche geht es dann mit einem der beiden nominellen Long Ponds weiter, wobei auch bei denen möglicherweise noch eine andere "Lost Distillery" Jamaicas im Raum steht. Es bleibt also spannend!


Bis demnächst,
Flo


Sources:
[12] LA MAISON DU WHISKY: The Whisky Chronicles. Creation 2019. Clichy 2018, P. 68
[13] https://www.ucl.ac.uk/lbs/estate/view/1523



Sonntag, 14. Oktober 2018

Velier 13 YO STC🖤E Cambridge 2005

Liebe Rum Gemeinde,

zur Verkostung kommt heute der erste der vier brandneuen Jamaica Rums von Velier, welche alle von National Rums of Jamaica Ltd. stammen und in der Long Pond Distillery gebrannt wurden: der 13 YO Cambridge STC🖤E 2005!



So, und vermutlich ging das bereits jetzt einigen schon zu schnell, die sich noch nicht so intensiv mit Jamaica Rum und seiner Geschichte befasst haben, weswegen ich hier gerne vorab einen kleineren Bogen schlagen möchte. National Rums of Jamaica Ltd.? Long Pond? Cambridge? STC🖤E? Ja, eines nach dem anderen!


Zur Einleitung:

Im Grunde genommen muss man sich das ganze Konstrukt ähnlich vorstellen wie beim Demerara Rum, dessen Geschichte ähnlich verworren, inzwischen allerdings weit fortgeschrittener dokumentiert ist und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, in erster Linie durch eine umfassende Arbeit von Marco Freyer. Zusammengefasst: beim Demerara Rum haben wir mit Demerara Distillers Ltd. (DDL) eine übergeordnete Firma und mit Diamond eine Destillerie, die dieser Firma gehört. Diese Destillerie stellt den Rum von Diamond her, allerdings auch viele andere Rum Stile von Brennereien aus Guyana, die ihre Tore längst geschlossen haben, teilweise schon seit Jahrzehnten. Dazu zählen z.B. Enmore, Port Mourant, Uitvlugt, Versailles, Albion, Skeldon oder La Bonne Intention. Dies tut Diamond, indem es, teilweise mit den alten und erhaltenen Destillierapparaten der geschlossenen Destillerien, deren Stile (genauer bezeichnet durch ein so genanntes Mark) weiter produziert. So gibt es auch heute noch beispielsweise Port Mourant Rum (Mark: PM), obwohl die Destillerie Port Mourant schon seit Jahrzehnten nicht mehr existiert. Aber die Double Wooden Pot Still aus Port Mourant, die ist noch immer erhalten und produziert in der Destillerie Diamond weiter u.a. das Mark PM. Die Destillierapparate vieler anderer ehemaliger Destillerien sind heute längst verschrottet, aber teilweise ist es möglich, auch deren alte Stile durch die noch existierenden Apparate anderer Destillerien quasi nachzuahmen. Dies gilt z.B. für Albion. Da war man bei jeder neuerlichen Schließung einer Brennerei und damit verbundener Umzüge in andere Brennereien leider sehr pragmatisch. 
Was bedeutet das nun für unseren heutigen Rum oder die vier neuen Rums von Velier im Allgemeinen? Nun, wir haben mit National Rums of Jamaica Ltd. (NRJ) erneut eine übergeordnete Holding, die nicht selbst Rum herstellt, sondern, unter deren Dach verschiedene Destillerien Rum herstellen. NRJ hat sich im Jahr 2006 gegründet und bildet einen Zusammenschluss der drei Destillerien Clarendon (Monymusk), Long Pond und Innswood, von denen Innswood aber schon seit 1996 nicht mehr aktiv ist und Long Pond zwischenzeitlich nicht mehr aktiv war, seit 2017 aber wieder ist. NRJ gehört zu je einem Drittel dem Staat Jamaica in Form der National Sugar Company, der West Indies Rum Distillery auf Barbados (gehört inzwischen wiederum Ferrand in Frankreich) und DDL in Guyana. 
Innswood und Clarendon sind jeweils vergleichbar junge Destillerien, die erst um die Mitte des 20. Jahrhundert herum ihren Betrieb aufnahmen. Die Geschichte Innswoods war eine recht kurze, denn man produzierte nur von 1959 bis 1992 Rum. Danach wurden hier nur noch die Räumlichkeiten genutzt, z.B. für die Lagerung und das Blending der Rums.[1] Die Geschichte Clarendons beginnt entweder im Jahr 1938 oder 1949. Hier wird bis heute Rum produziert, u.a. auch der Rum, den wir als Monymusk kennen und der auf das Monymusk Estate zurückgeht, dessen Historie wiederum schon über 200 Jahre zurückreicht. Clarendon gehört allerdings nur zu 73% zu NRJ. Die restlichen 27% gehören Diageo, dem weltgrößten Spirituosen-Konglomerat, was wiederum dazu führt, dass ca. 90% des gesamten Outputs von Clarendon an Diageo gehen.[2] Die dritte der Destillerien im Bunde ist die im Parish Trelawny gelegene Long Pond Distillery, und nun wird es spannend. Nicht nur, weil die Geschichte Long Ponds wesentlich länger und geschichtsträchtiger ist und bereits im Jahr 1753 beginnt, als die Familie Reid die Destillerie und ihr Anwesen begründeten[3], sondern vor allem deshalb, weil Long Pond quasi das jamaikanische Äquivalent zur Diamond Destillerie in Guyana ist. Wie Diamond in Guyana, so hat auch Long Pond auf Jamaica im Laufe der Jahrzehnte (und vielleicht sogar Jahrhunderte) immer wieder verschiedene Destillerien oder aber zumindest ihre Destillierapparate oder auch nur deren Stile übernommen und stellt deshalb heute sehr viele verschiedene Rums her, die auch bei Long Ponds durch die so genannten Marks unterschieden werden. Zwar kennt Jamaica Rum bereits im Grundsatz eine Einteilung seiner Rums in vier verschiedene Stile, die sich am Estergehalt der Rums richten, allerdings unterscheidet da auch jede Destillerie auch noch einmal für sich selbst. Die vier allgemeinen Jamaica Stile sind:

Jamaican Ester Mark: Ester (gr/hlpa)
Common Clean 80-150
Plummer 150-200
Wedderburn 200-300
Continental Flavoured 700-1600



Long Pond unterscheidet seine Stile nicht nur in vier verschiedene Stile, sondern in insgesamt zwölf! Diese wiederum können dann, meist, einem der vier übergeordneten Jamaica Stiele zugeordnet werden, wobei Long Pond auch Marks führt, die einen Estergehalt aufweisen sollen, welcher keinem der vier Stile zuzurechnen ist. Das trifft unter anderem auf CRV und CQV zu, aber auch auf LPS und auf das Mark um das es heute ganz besonders geht: STC🖤E!

Long Pond Mark Ester Level (gr/hlpa)
CRV 0-20
CQV 20-50
LRM 50-90
ITP/LSO 90-120
HJC/LIB 120-150
IRW/VRW 150-250
HHHS/OCLP 250-400
LPS 400-550
STC🖤E 550-700
TECA 1200-1300
TECB 1300-1400
TECC 1500-1600


Cambridge:

Und so kommen wir dann auch zu Cambridge, denn Cambridge ist, bzw. war genau eine solche Destillerie, die es heute schon seit Jahrzehnten nicht mehr gibt, deren Destillierapparat, vielleicht aber auch nur dessen Stil und Mark, aber in Long Pond weiterlebt. Wann genau Cambridge Estate gegründet wurde und wann dort damit begonnen wurde Rum herzustellen, ist mit Sicherheit nicht zu bestimmen. Nach allem, was ich in Erfahrung bringen konnte, geht Cambridge Estate, ebenfalls in Trelawny gelegen, auf die Familie Barrett zurück und wurde um das Jahr 1795 gegründet. Schon bereits damals wurde dort wohl auch schon Rum produziert.[4] Bittere Randnotiz ist, dass die genauesten Zeugnisse der Aktivität von Cambridge aus der Zeit von 1795 bis 1832 stammen, da in dieser Zeit Sklaven auf Cambridge gehalten wurden und das University College London die Geschichte der britischen Sklaverei in Übersee sehr umfangreich dokumentiert hat. Hier trifft unsere Lieblingsspirituose leider immer wieder auf das wohl dunkelste Kapitel seiner Geschichte, welches aber niemals unerwähnt bleiben sollte.
In einer Liste von jamaikanischen Estates im Jahr 1837 wird Cambridge dann ebenfalls nochmal aufgeführt. Eigentümer zu dieser Zeit war Edward Barrett.[5] Anschließend, nach der Zeit der Sklaverei, sind Informationen leider Mangelware. Bekannt ist lediglich, dass Cambridge sich lange im Besitz der Familie Thompson befand, bevor es im Jahr 1947 seine Pforten für immer schloss und sein Erbe anschließend in Long Pond weiterlebte. Dies geschah entweder unmittelbar, indem man eine oder mehrere Stills aus Cambridge nach Long Pond transferierte und mit denen dort weiterdestillierte, oder aber mittelbar, indem man den Stil von Cambridge mit in Long Pond bereits vorhandenen Brennapparaten nachahmen konnte. Was aber ist der Stil von Cambridge? Nun kommen wir zum schon mehrfach genannten Mark dieser verlorenen Destillerie, ST🖤E. Laut Luca Gargano steht dieses für Simon Thompson Cambridge Estate.[6] Das Mark wird von Long Pond heute noch verwendet und definiert intern Rums, die nach dem Brennen einen Estergehalt von 550 - 700 gr/hlpa aufweisen. Simon Thompson wiederum war ein früherer Besitzer von Cambridge Estate, welcher in einer Liste von Estates von 1878 aufgeführt ist.[7] Der Estergehalt des Marks entspricht nahezu dem des Marks HLCF bei Hampden, ist aber streng genommen keinem der vier Jamaica Stile zuzuordnen. Velier hat das Mark dennoch dem Coninental Flavoured Stil zugeordnet, da hier mit 700 gr/hlpa Estern zumindest noch eine theoretische Schnittmenge besteht.


Für uns Connaisseure heute aber ist Cambridge vor allem auch deshalb hoch spannend, weil es sich dabei nicht nur um eine lange geschlossene Destillerie Jamaicas handelt, sondern weil es deren Stil meines Wissens nach bis heute niemals abgefüllt zu kaufen gab, geschweige denn in länger gelagerter Form. Velier hat nun elf Fässer eines 13 Jahre tropisch gelagerten Cambridge STC🖤E aus dem Jahrgang 2005 mit 62,5% vol. abgefüllt, der in Long Pond in einer Double Retort John Dore Pot Still für NRJ gebrannt wurde. Und ja, das ist zwar alles auf den ersten Blick vielleicht ziemlich kompliziert und undurchsichtig, aber ich hoffe, dass ich euch dieses Gesamtgefüge etwas entwirren und auf diese Weise ein wenig Licht ins Dunkel bringen konnte. 


Verkostung des Velier 13 YO Cambridge 2005:

Preis: der Ausgabepreis des Rums beträgt ca. 150,- Euro. 

Alter: von 2005 bis 2018 reifte der Rum 13 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Reifung fand zwischen 2005 und 2018 in den Tropen auf Jamaica statt.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden 11 Fässer verwendet und 3648 Flaschen abgefüllt 

Angel's Share: >63%

Alkoholstärke: High Proof - der Rum hat eine Trinkstärke von 62,5% vol.

Destillationsverfahren: Double Retort Pot Still.

Mark: STC🖤E (Simon Thompson Cambridge Estate)

Farbe: Kupfer, dunkler Bernstein. Optisch kommt die tropische Reife klar durch.  

Viskosität: der Rum zeichnet lange, dünne, regelmäßige Schlieren und perlt optisch durchaus ansprechend anschließend an der Glaswand.

Nase: deutlich Jamaica und auch klare und eindeutige Ester. Ich war ja gespannt, was mich hier erwartet und mein erster Gedanke und Eindruck ist erst einmal ein positiver. Mir gefällt, was da vor mir im Glas steht. Die Ester kommen anders als bei Hampden z.B.. Sie sind subtiler, weniger brachial. Das mag ich hier gerade echt gerne, zumal der Rum dadurch tatsächlich auch eine echte Ergänzung zu bisherigen Stilen darstellt. Dem Mark nach ist STC🖤E zwar das Äquivalent zu HLCF, der Cambridge kommt aber vollkommen anders als dieser daher. Ausgewogener und reifer natürlich, durch das deutlich höhere Alter, aber auch insgesamt geht das einfach in eine smoothere Ecke. Alkoholische Schärfe nehme ich wahr, allerdings nur dezent.
Im Bouquet habe ich, neben der Ester, zunächst einmal eine starke Note von Nagellackentferner und Klebstoff, die in Marzipan und gegrillte Ananas in eine feine Süße übergehen. Hier sind die Ester wirklich sehr präsent. Dahinter empfängt mich dann aber auch schon eine deutliche, dunkle Holznote vom Fass, die mich hier in diesem Maße durchaus überrascht nach 13 Jahren. Nach längerer Zeit im Glas erinnert mich der Cambridge dann doch etwas mehr an Hampden und es kommen auch die für Hampden so typischen Anklänge von Zitrone und Humus durch. Wer weiß, vielleicht riecht HLCF nach 13 tropischen Jahren ja sehr ähnlich. Noch allerdings sind da deutliche Unterschiede. Vor allem ist der Cambridge wesentlich weniger fruchtig als ein Hampden HLCF.

Gaumen: ich habe eine kurze Süße zu Beginn und erkenne dann auch sehr schnell klar und deutlich Jamaica. Das ist mir, trotz des neuen Stils, im Grundsatz durchaus alles wohlbekannt. Alkoholische Schärfe habe ich zu Beginn, allerdings bekomme ich diese auch sehr fix gezügelt. Das passt so. Der Rum ist zunächst adstringent, wird dann angenehm cremig. Vor allem aber hat er wirklich Kraft! Von allen Aromen kommen gegrillte Ananas, Nuss und Stroh, sowie das Holz vom Fass und eine damit einhergehende leichte Bitterkeit mit am deutlichsten heraus. Das ist im letzten Punkt allerdings nicht negativ zu verstehen, sondern positiv. Ich empfinde den Cambridge als extrem gut und auch den Punkt gereift. Dahinter habe ich auch Toffee und Gewürze, die ich allerdings nicht eindeutig und im Einzelnen zuordnen kann und wieder das medizinische. Interessant finde ich, dass ich auch starke Erinnerungen an alte Long Pond aus den 1980er Jahren habe, vor allem durch Stroh und Nuss. Spannend! Als kleinen Sitekick habe ich dann immer wieder leichte Erinnerungen an Erdbeerkaugummi und damit zwangsläufig an den den im letzten Jahr erschienenen Savanna HERR. Sehr faszinierend! Der kann was!

Abgang: schöner, langer, bleibender Nachhall! Die Holznote ist auch hier wieder da, dazu Gewürzanklänge, Weihnachtsgebäck, Anis. Zum Ende hin ist da auch noch etwas leicht medizinisches. Der Rum wird trocken.

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Fazit: der Rum gibt von der Nase, über den Gaumen bis hin zum Abgang ein sehr stimmiges Gesamtbild ab. Zwischendurch habe ich ein paar Mal gedacht, dass er mir an manchen Stellen vielleicht sogar schon fast etwas zu stimmig ist, aber gerade am Gaumen zeigte er sich dann doch auch immer wieder vielschichtig und komplex und bot dann auch Überraschungen. Den HERR-Twist beispielsweise empfand ich als wirklich gelungen. Was ein Auftakt also für die vier Long Ponds! So darf es gerne weitergehen und ich hoffe, wir werden davon noch mehr sehen! Für mich ist Cambridge ein echter und grundsätzlicher Zugewinn für die Rum Landschaft und ich freue mich, dass uns der Stil auf diese Weise zugänglich gemacht wird und wir darüber hinaus auch überhaupt erst einmal von der Existenz einer ehemaligen Destillerie namens Cambridge erfahren haben. So funktioniert lebendige Geschichte!



Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis mit ca. 150,- Euro für eine Flasche allerdings auch schon sehr ausgereizt ist. Ich empfinde den Rum nicht als zu teuer, zumal nicht, da das Mark STC🖤E momentan noch das Alleinstellungsmerkmal und auch eine Limitierung genießt, er wirklich Klasse hat und sich das Preisgefüge beim Rum darüber hinaus leider im Grundsatz bereits drastisch nach oben hin verändert hat, aber viel mehr hätte er aus meiner Sicht, trotz dieser Argumente und trotz der 13 Jahre tropischer Reifung, dennoch nicht kosten dürfen. Ich glaube letztlich, dass man da insgesamt schon ziemlich genau den Preis getroffen hat, der auf dem First Market noch bezahlt wird, ohne gleichzeitig einen Secondary Market zu schaffen, auf dem der Rum dann deutlich teurer zu haben wäre.

-89/100-


Ein großes Dankeschön geht heute einmal mehr an den Freddy fürs Sample zur Vorab-Verkostung! Klasse!

Was nun natürlich ebenfalls wirklich groß ist, ist die Vorfreude auf den nächsten der vier Long Ponds und diese ist, nach dem wirklich tollen Cambridge, auch nochmal gestiegen!


Bis dahin,
Flo


Sources:

[1] https://cocktailwonk.com/2016/03/innswood-the-jamaican-rum-distillery-that-time-forgot.html
[2] https://cocktailwonk.com/2016/03/inside-jamaicas-clarendon-distillery-home-to-monymusk-rum-and-a-certain-captain.html
[3] https://cocktailwonk.com/2016/04/an-exclusive-visit-to-jamaicas-historic-long-pond-rum-distillery.html
[4] https://www.ucl.ac.uk/lbs/estate/view/3321
[5] http://sites.rootsweb.com/~jamwgw/1837esta.htm
[6] https://cocktailwonk.com/rum-marques
[7] http://www.jamaicanfamilysearch.com/Members/dprop02.htm




Sonntag, 7. Oktober 2018

Samaroli 21 YO Hampden 1993 Full Proof

Liebe Rum Gemeinde,

heute geht es für mich einmal mehr nach Hampden und ich bringe eine Review, welche ich euch neulich nach der Verkostung des Compagnie Des Indes Hampden 1983 bereits versprochen habe, im Grunde aber schon seit Jahren schuldig bin: es geht um den Samaroli Jamaica Rum 21 YO Hampden 1993 Full Proof! 



Und um auch heute bei diesem Hampden vorweg gleich ein Superlativ zu bemühen: zur Verkostung kommt tatsächlich kein geringerer als der derzeit teuerste mir bekannte Rum der Destillerie überhaupt! Ebenso stolze wie gleichermaßen unglaubliche 2000,- Euro und mehr muss man inzwischen für eine Flasche dieser Abfüllung hinlegen, bei einem Ausgabepreis im Jahr 2014 von "gerade einmal" ca. 250,- Euro. Das war seinerzeit so viel Geld, dass ich alleine aus diesem Grund von einem Kauf einer Flasche abgesehen habe. Aus Investment-Sicht also definitiv schon mal ein klarer Fehler, aber viel wichtiger ist ja die Frage, ob ich den Nicht-Kauf auch geschmacklich bereue? Dazu am Ende mehr.

Der Samaroli Hampden 1993 Full Proof hatte lange Zeit ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal. Er war nämlich der einzige High Ester Hampden mit einem Ester-Mark über dem von HLCF (500 - 700 gr/hlpa), der in Fassstärke abgefüllt wurde. Zwar gab es mit dem Jahrgang 1990 auch Hampden Rums mit einem noch höheren Estergehalt (C<>H - 1300 - 1400 gr/hlpa), aber bis zum The Rum Cask 1990 mit 61,9% vol. wurde da nie einer in Fassstärke abgefüllt. Erst als diese Abfüllung im März 2017 veröffentlicht wurde und auch etwa zeitgleich der Cave Guildive aus 1993 aufkam, war der Samaroli in dieser Hinsicht nicht mehr alleine. Davon abgesehen waren Hampden in Fassstärke aber auch generell selten zu jener Zeit. Das ist zwar erst vier Jahre her, aber angesichts des heute so reichhaltigen und vielseitigen Angebots an fassstarken Hampdenabfüllungen wirkt das doch schon wie eine kleine Ewigkeit. 


Verkostung des Samaroli 21 YO Hampden 1993:

Preis: der ursprüngliche Ausgabepreis war mit über 200 Euro auch schon sehr heftig. Inzwischen sind einige Sammler sogar bereit, ein zehnfaches dessen zu bezahlen. Wirklich verrückt!

Alter: der Rum ist 21 Jahre alt und reifte von 1993 bis 2014 im Fass.

Lagerung: die Reifung fand von 1993 bis 2014 mutmaßlich in Großbritannien statt.

Fassnummer: Fass #39 ergab 260 nummerierte Flaschen. 

Angel's Share: unbekannt. 

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum kommt mit stolzen 65,6% vol. daher.

Destillationsverfahren: Double Retort Pot Still.

Mark: mutmaßlich <>H (Diamond H)

Farbe: strohiges Gold, wie es typisch ist für lange kontinental gelagerte Hampden Rums. 

Viskosität: satt und fett klebt der Rum an der Glaswand, bevor er in regelmäßigen, engen Schlieren zurückläuft.

Nase: Huhhh! Hampden! Eine Nase, die innerhalb von Nanosekunden jeden Zweifel darüber zerstreut, was da gerade im Glas ist. Wunderbar esterige Hampden-Nase! Der alkoholische Einschlag ist, vor allem zu Beginn, leicht da, aber er verzieht sich rasch und ist dann überhaupt nicht mehr präsent. Sehr ausgewogen, überaus komplex. Allerhöchste Liga! Außergewöhnlich! Das Bouquet reicht hier von Hochester-Einflüssen wie Klebstoff, Nagellackentferner, Banane, Mango und gegrillter Ananas, über leichte Säure von Zitronen und Limetten über dunkle Anklänge von Humus und Rauchnoten. Dazu etwas Vanille und Marzipan. Fantastisch!

Gaumen: sehr geniale, stabile, adstringente Textur, wunderbar ölig, cremig, vollmundig und kräftig. Die Fassstärke spielt hier ihre komplette Stärke aus, weswegen der Rum zunächst auch noch sehr brachial und etwas scharf ist, aber kurze Zeit später ist dann nur noch Hampden Flavour pur da. Großartig!
Ich habe Hochester-Anklänge von Klebstoff, gegrillter Ananas, Banane, aber auch trockenere Noten von feuchter Erde und Eichenholz. Dahinter feine, dezente Säure mit Erinnerungen an diverse Zitrusfrüchte. Die Lagerung scheint mir bei diesem Rum auf den Punkt zu sein. Absolut herausragend!

Abgang: riesiger, unglaublich langer Abgang, wie man es von Hampden gewohnt ist! Gewohnt außergewöhnlich! ;-)

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The Best of Hampden!
Fazit: seltene Qualität! Vor mir steht nicht mehr und nicht weniger als einer der mit absoluter Sicherheit besten drei Hampden Rums, die ich je im Glas hatte! Die anderen beiden sind der The Rum Cask 1990 und der Duncan Taylor 1990. Das ist für mich die Hampden-Champions League! Der The Rum Cask ist in diesem Trio weiter meine Nummer 1, an ihm führt kein Weg vorbei, den liebe ich einfach, aber direkt danach, und ja, wohl noch vor dem Duncan Taylor, ordnet sich der Samaroli ein. Den Ausschlag gibt an dieser Stelle aber vor allem mein subjektiver Geschmack. Der Unterschied besteht nicht in der Qualität, sondern ausschließlich in der persönlichen Vorliebe! Der Samaroli, und der Jahrgang 1993 generell, ist etwas ausgeglichener als die beiden Rums aus 1990. Die Esterdröhnung ist nicht ganz so extrem und der Rum kommt sehr komplett daher. 1990 hat dafür noch etwas mehr Ecken und Kanten, mehr Säure und durch den nochmal deutlich höheren Estergehalt ist 1990 einfach nur, um es auf neudeutsch zu formulieren, "voll auf die Fresse" und darauf stehe ich bei Hampden total!
Apropos Estergehalt. Im Review zum Compagnie des Indes 1983 spekulierte ich auch über den Estergehalt des heute verkosteten Samaroli, bzw. dessen Mark. Gemeinhin wird für diesen das Mark <>H angenommen (900 - 1000 gr/hlpa), resultierend daraus, dass auf einem Foto des Fasses einmal das Mark JMH zu sehen gewesen sein soll und letztlich auch aus dem Geschmack selbst. Fest steht für mich auf jeden Fall, nach diversen Quervergleichen, dass der Estergehalt des Samaroli sowohl deutlich über dem der HLCF (500 - 700 gr/hlpa) aus z.B. 1992 liegt, als auch eindeutig unterhalb von dem der C<>H (1300 - 1400 gr/hlpa) aus 1990, was wiederum bedeutet, dass wir uns entweder im Bereich der <>H (900 - 1000 gr/hlpa) oder aber in dem von HGML (1000 - 1100 gr/hlpa) befinden müssen. Wie bereits früher dargelegt, geben die Bulk-Marks, wie "JM..." (Jamaica Main ...) zwar Hinweise auf das tatsächliche Mark, aber letztlich keine hinreichende, eindeutige Zuordnung. Vom Gefühl her, und auch im Vergleich zum <>H 2010 von Velier, würde ich auch auf <>H tippen, aber sicher ist das, aus meiner Sicht, nicht. Was sich jedoch sagen lässt ist, dass ein Estergehalt um 1000 gr/hlpa wohl als der optimale Kompromiss aus verhältnismäßig gemäßigter und gezügelter Kraft (LROK; HLCF) und der vollen Ladung Power (C<>H; DOK) gesehen werden kann und nicht wenige sehen den Samaroli daher auch als ihren unangefochtenen Favoriten und als die beste aller Hampdenabfüllungen.

Die Eingangsfrage, ob ich den Nicht-Kauf damals geschmacklich heute bereue, kann ich daher mit einem "Jein" beantworten. Ja, denn nach heutigen preislichen Maßstäben war der Rum das Geld auf jeden Fall wert. Und nein, weil ich für mich mit dem TRC 1990 noch einen größeren Favoriten gefunden habe und ich diesen preislich sogar noch leicht günstiger erwerben konnte. Und letztlich muss man auch einfach nicht immer jede Top-Abfüllung auch als ganze Flasche zuhause stehen haben, wenn gleich die Verlockung dazu häufig groß ist. Ich hatte zwei Samples dieses Rums (ein herzliches Dankeschön wie immer an die Sample-Dealer!) und werde sie weiter in Ehren genießen. Und in diesem Fall muss das reichen und wird das reichen.

-94/100-

Bis demnächst,
Flo