Montag, 11. Juni 2018

Velier < H > 7 YO Hampden 2010

Liebe Rum Gemeinde,

heute widme ich mich, wenn man vom DOK im April einmal absieht, seit sehr langer Zeit einmal wieder meiner alten und langjährigen Liebe, der Hampden Distillery, und der Rum den ich mir einmal genauer ansehen werde ist der Velier <H> (sprich: Diamond H) 7 YO Hampden aus 2010 mit 62% vol.! 

Ich hatte diesen Rum hier auf BAT bereits schon einmal erwähnt und sogar ein kurzes Statement zu ihm da gelassen, nämlich als ich meinen Jahresrücklich 2017 vorgestellt hatte. Da er es in meine Top 10 2017 geschafft hat ist also klar, dass heute nicht unbedingt mit einem Verriss zu rechnen ist. Darüber hinaus hatte ich auch den Habitation Velier HLCF 6 YO Hampden 2010 hier schon im Glas. Dies war die meines Wissens nach erste Hampden Abfüllung von Velier überhaupt und mit nur einem Jahr Reife weniger (allerdings auch einem wesentlich geringeren Anteil Ester) drängt sich hier natürlich auch ein kleiner Vergleich auf. Nun ist bekannt, dass mir der HLCF noch deutlich zu unrund war, um in dieser Preisliga mitzuspielen und dementsprechend kritisch werde ich daher auch den <H> heute beäugen. 
Der heutige Rum entstammt einem riesigen Stock von 2700 Fässern aus Hampden, den Velier laut Luca Gargano dort gekauft hat. Dementsprechend ist davon auszugehen, dass hier in den nächsten Jahren immer wieder auch nachgelegt werden und die <H>-Abfüllung nur der Auftakt zu einer großen Serie aus Hampden Bottlings gewesen sein wird. Überhaupt scheint Luca Gargano ein großer Fan der Destillerie zu sein, was wiederum zum einen dazu beitragen dürfte, dass die Zukunft und der Nachschub ein Stück weit gesichert ist, zum anderen aber auch dazu, dass abzuwarten bleibt, welche Auswirkungen das auf die Preise der Bottlings hat. Denn schon jetzt werden Hampden Abfüllungen immer teurer und das wird in einer schwarzen Flasche erfahrungsgemäß schon gar nicht weniger werden. Ich bin also zuversichtlich und skeptisch zugleich.
Was kann ich speziell über die heutige Abfüllung sagen? Der <H> ist der fünfte von sechs Rums der sogenannten Khong-Serie, einer Serie von Rums zum 70. Geburtstag von Velier in 2017, deren Label von Warren Khong maßgeblich mitgestaltet wurden. Auch Rums der St. Lucia Distillers, von Bielle, von Mount Gilboa, von Chamarel und ein Nine Leaves wurden abgefüllt. Der <H> lagerte 7 Jahre, von 2010 bis 2017, auf Jamaica in den Tropen und wurde mit 62% vol. unverdünnt abgefüllt. Über den Angels Share machen die Label keine Angabe, dafür erfahren wir mit <H> das Mark des Hampden. Dieses verwendet die Destillerie für seine Rums mit einem Estergehalt von 900-1000 Estern (gr/hlpa). Nach der allgemeinen Deklaration von Jamaica Rums handelt es sich dabei also um einen Continental Flavoured Rum, sprich um einen Rum, der eigentlich mal zur Herstellung von Verschnitt gedacht war. Dafür ist er aber natürlich viel zu schade und zahlreiche Rum Nerds rund um den Erdball haben längst das außergewöhnliche Potenzial erkannt, welches diese Rums pur bieten. Und inwieweit auch der heutige Rum dieses Potenzial im Stande ist abzurufen, das sehen wir jetzt!



Verkostung des Velier <H> 7 YO Hampden 2010:

Preis: der Ausgabepreis lag bei ca. 100 Euro. Die Regel waren in den Shops dann aber eher 130 bis 150 und zum Teil auch bis 180 Euro. Heute liegt er auf dem 2. Markt noch einmal höher. 

Alter: der Rum reifte sieben Jahre, von 2010 bis 2017, lang im Fass. 

Lagerung: die Reifung fand komplett in tropischem Klima statt. Verwendet wurden Ex-Bourbon Fässer. 

Fassnummern: unbekannt. Die Abfüllung setzt sich aber aus dem Inhalt von fünf Fässern zusammen. 

Angel's Share: unbekannt. Beim nur ein Jahr jüngeren HLCF betrug er aber 40%, so dass man in diesem Fall von vielleicht 45% ca. ausgehen kann. 

Alkoholstärke: 62% vol. - das entspricht, laut Label, Barrel Proof, was bedeutet, dass keine Verdünnung stattgefunden hat. 

Destillationsverfahren: Multicolumn. Keep cool, just a little joke! ;-) Natürlich kam eine Double Retort Pot Still zum Einsatz. 

Mark: <H>

Farbe: tief golden. 

Viskosität: der <H> setzt sich fett an der Glaswand fest und verhaftet dort, ehe er dann hinabfließt. Sehr ölig!

Nase: Hampden! Und nicht einfach nur Hampden, sondern es wird vom ersten Augenblick an klar, dass der Griff heute sehr weit nach oben ins Regal geht. Und das bezieht sich sowohl auf die Qualität des Rums als auch auf seinen Estergehalt, der, das merkt man sofort, sehr, sehr hoch ist! Ich erlebe die Nase als überaus voll, reichhaltig, komplex und intensiv! Die Ester sind sehr präsent, aber sie überrollen mich nicht. Der Rum präsentiert sich für Hampden, und noch dazu bei diesem Estergehalt, ungewöhnlich ausgeglichen. Der Säuregehalt ist geringer als bei einigen anderen Hampden. Das Potpourri hingegen ist so typisch Hampden wie man es sich nur vorstellen kann. Da sind natürlich vergorenes Obst, gegrillte Banane, ätzender Flüssigkleber, sehr süßes Marzipan und der mediterrane Pepperoni-Einschlag. Eingefasst wird das alles in eine schon sehr beachtliche Note vom Fass, bei denen hier nach sieben Jahren Reife schon wesentlich mehr rüberkommt, als man es von vergleichbar alten Hampden mit kontinentaler Reifung kennt und gewohnt ist. 

Gaumen: Puhh! Der ist zunächst schon erst einmal sehr scharf und brennt auch ordentlich auf der Zunge! Der kommt zunächst wirklich heftig! Ca. 10-20 Sekunden dauert es, bis der Hampden sich im Mund wohlfühlt und es schafft, sich bequem auf die Zunge zu legen. Der <H> ist unglaublich mundfüllend und heavy bodied und wartet mit der für Hampden so typischen Adstringens auf. Dann allerdings hält er, ähnlich wie in der Nase, ein ebenso stiltypisches Aroma-Spektrum bereit. Da sind Humus, etwas Limette, Chorizo, gegrillte Ananas und Banane. Aber auch wiederum mediterrane Anklänge von Pepperoni und Olive kommen durch. Zum Ende hin wird er dann immer trockener und erdiger. Was unerwartet fehlt, im Vergleich zu anderen Hampden, ist Anis. Habe ich bei Hampden eigentlich immer, suche ich hier aber vergebens. 

Abgang: Pepperoni, Olive, erdig, leichte Zitrone, frisch geschnittene Äste... ein etwas muffig-frischer-säuerlicher Abgang also. Sehr lang, natürlich. 

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Fazit: Chapeau! Mit nur einem Jahr Reife mehr als beim 6 YO HLCF hat Velier es geschafft, hier einen sehr viel runderen und insgesamt kompletteren Rum hinzulegen, dessen Verwendungszweck nicht einzig und allein in einem Einsatz im Mai Tai bestehen muss. Er kommt insgesamt schon deutlich smoother daher und macht mir auch pur im Glas Spaß. Das hatte ich so in dieser Form beim HLCF nicht! Ansonsten nähert sich mein Fazit doch sehr jenem an, welches ich schon Ende 2017 im oben erwähnten und verlinkten Jahresrückblick gezogen habe:

"[...]Es zeigt sich immer mehr, dass tropische Reifung Hampden in einigen Jahren in neue Sphären katapultieren könnte. Ich ziehe länger gelagerte Hampden mit deutlich stärkerem Fasseinfluss vor und noch werde ich da eher bei alten Stocks mit kontinentaler Reife fündig, aber die Zukunft ist eindeutig gesichert und in ca. 10 Jahren spätestens werden tropisch gereifte Hampden die alten Stocks in Sachen Fasseinfluss vermutlich abgelöst und überholt haben!"


Das kann man im Wesentlichen so stehen lassen. Ich sehe die kontinental gereiften Hampden nach wie vor noch ein Stück weit im Vorsprung. An ca. 20 Jahre oder noch länger gereifte Hampden kommen die Rums der neuen Stocks in meinen Augen noch nicht heran, auch der <H> nicht, aber das Potenzial ist auf längere Sicht eindeutig vorhanden und ich bin sicher, dass es auch genutzt werden wird. Was sich deutlich zeigt ist, dass die tropische Reifung zwar natürlich deutlich intensiver ist, im Vergleich zu kontinental gereiften Hampden, aber auch meines Erachtens Komponenten bei diesem beschleunigten Reifeprozess auf der Strecke bleiben. So werden in Europa gelagerte Hampden z.B. deutlich weicher und damit für mich grundsätzlich zugänglicher und leichter zu genießen. Das heißt, der sieben Jahre tropisch gereifte <H> hat zwar schon klare Charakteristika eines ca. 15 Jahre in Großbritannien gelagerten Hampden, aber man merkt ihm die erst sieben Jahre spätestens am Gaumen an, wo er wirklich noch sehr scharf ist und es ihm auch noch ordentlich an Tiefe fehlt. Daher kann ich mich Luca Gargano z.B. auch nicht anschließen wenn er sagt, dass ein sechs tropisch gereifte Jahre alter Rum quasi das Äquivalent zu einem 24 Jahre kontinental gelagerten Rums sei.
Tropical Aging besitzt meines Erachtens immer nur einen Vorsprung gegenüber vergleichbar lange erfolgter kontinentaler Reifung, nicht aber zu deutlich länger erfolgter kontinentaler Reifung, bzw. zu deutlich älteren Rums. So hat ein z.B. sieben Jahre tropisch gereifter Rum zwar einen Vorsprung gegenüber einem ebenfalls sieben Jahre kontinental gelagerten Rum, vielleicht auch noch gegenüber einem acht oder neun Jahre in Europa gereiften Rum, aber eben nicht mehr zu einem z.B. zwölf oder dreizehn Jahre kontinental gelagerten Rum oder gar noch länger gereiften Qualitäten, zumindest nicht in so jungen Jahren. Vielleicht relativiert sich das mit zunehmenden Jahren, aber das wäre an dieser Stelle noch pure Spekulation. Sicher ist heute nur, dass auch die Zukunft Hampden Rums bereit halten wird, sowohl tropisch als auch kontinental gelagert, und darum bin ich, als großer Fan der Destillerie, wirklich froh!

In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen entspannten Wochenstart und eine erfolgreiche Woche!

Bis dahin,
Flo

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