Sonntag, 29. Juli 2018

Appleton 151 Proof Jamaica Rum - 75,5% vol.

Liebe Rum Gemeinde,

heute habe ich, passend zu den Temperaturen draußen, eine Abfüllung aus Jamaica für euch, wie man sie sicher auch auf Jamaica kennen und getrunken haben dürfte: den Appleton 151 Proof Jamaica Rum mit 75,5% vol.!

Getrunken haben dürfte? Ganz recht, denn die Abfüllung zählt schon seit vielen Jahren nicht mehr zum Sortiment von Appleton/Wray & Nephew. Daher handelt es sich hierbei dementsprechend auch einmal mehr um eine kleine Rarität. Den Appleton 151 gab es in drei Ausführtungen: als White, als Gold und als Dark. Der Rum, um den es heute geht, ist der 151 Gold!
Wie alt die Flasche genau ist weiß ich nicht, allerdings sind weder ein deutscher Importeur, noch ein Anfang der 1990er Jahren eingeführter "Grüner Punkt" auf dem Label zu finden. Nach einigen Recherchen im Netz zu vergleichbaren Flaschen bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass die Abfüllung wohl am ehesten aus den 1980er Jahren stammt. Auf dem Label ist angegeben, dass der Rum auf Jamaica nicht nur abgefüllt, sondern auch gereift wurde. Wie lange genau die Reifezeit betrug oder wie genau die Zusammensetzung des Rums ist, wie alt ältester oder jüngster Bestandteil sind, darüber ist leider nichts vermerkt. Gemessen an den späteren und mit geringerem Alkoholgehalt abgefüllten Appleton Gold kann aber von höchstens 5 Jahren ausgegangen werden. 

Was macht für mich den Charme dieser Rarität aus? Zum einen natürlich eben genau das, dass es ein Rum ist, den es schon lange nicht mehr zu kaufen gibt, und der gleichzeitig von einer der renommiertesten Destillerien der Karibik stammt. Zum anderen, und das wiegt für mich noch mehr, aber auch, dass es ein Rum ist, der in dieser Form sicher auch von den einheimischen Jamaicanern vielfach getrunken worden ist. Die Flasche verrät mir also indirekt auch etwas über die Trinkkultur auf Jamaica selbst. Denn auch wenn ein guter Jamaica Rum für uns Freaks aus Europa zumeist von unabhängigen Abfüllern kommt, so darf nicht vergessen werden, dass diese Rums Jamaica selbst nie erreichen. Long Pond oder Hampden mit 20-30 Jahren Fassreife? Kennt man dort nicht! Aber die Standardrange von Wray & Nephew, die wird dort natürlich getrunken und gerade an Tagen wie diesen, an denen es auch hier in Deutschland oft tropisch anmutet, an denen es unglaublich warm ist und an denen die Luftfeuchtigkeit gerade Abends teils rasant steigt, kann man glaube ich zumindest in Ansätzen die Verhältnisse dort dahingehend nachempfinden.






Verkostung des Appleton 151 Proof Jamaica Rum:

Preis: als der Rum noch zum Standardsortiment von Appleton/Wray & Nephew zählte kostete er wohl höchstens um die 20 Euro. 

Alter: unbekannt.

Lagerung: der Rum lagerte komplett auf Jamaica.

Fassnummern: unbekannt. 

Angel's Share: unbekannt.

Alkoholstärke: 151 Proof, also 75,5% vol.

Destillationsverfahren: der Rum wurde in Copper Stills grbrannt. 

Mark: unbekannt.

Farbe: der Name ist Programm - Gold! 

Viskosität: es bilden sich vereinzelte, große Tropfen an der Glaswand, die dann sehr zügig wieder herunterlaufen. Der fetteste Rum wird das heute also nicht werden.

Nase: Puh, what the... !! Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl und die Sorge, dass dies der letzte Rum gewesen sein könnte, an dem ich zu riechen vermochte habe, bevor all meine Rezeptoren abgestorben sind. Ich nehme Alkohol, Alkohol und Alkohol wahr! Danach durfte der Rum dann erst einmal gut zwei Stunden im Glas atmen. Zwischendurch probierte ich immer mal wieder durch zu kommen, aber vergebens. Nach zwei Stunden dann kann ich zumindest mal mit dem peripheren Nosing beginnen. Jetzt nehme ich auch Lösungsmittel, frisch geschnittene Äste, Vanille und Tabak, sowie einen Anflug von Zitrus wahr, aber noch immer liegt der Alkohol sehr präsent über allem. Der Rum weckt sanfte Erinnerungen an Monymusk, sonderlich viel Körper hat er also nicht. Zwar weist ihn das Backlabel als Medium Bodied Rum aus, aber nach meinem Eindruck ist das schon beinahe Light Type.

Gaumen: ich gebe zu, dass ich mich nach der Nase kaum traue, den Rum überhaupt zu probieren. Wer diesen Blog schon eine Weile verfolgt hat der weiß, dass ich bei Fassstärken und Full Proof Rum überhaupt nicht zimperlich bin, aber nach der überaus extrem alkoholischen Nase hatte ich hier wirklich schon fast Angst, mindestens aber große Bedenken.
Diese lösen sich nach dem ersten Schluck zwar nicht in Luft aus, aber so heftig wie erwartet ist der Rum nicht. Klar, er bruzzelt noch immer heftigst an der Zunge und schmeichelt zu keiner Zeit, aber er ist definitiv auch pur trinkbar! Dass sich bei diesem Kandidaten eher kleine Schlücke empfehlen versteht sich dann aber, glaube ich, von allein. Eine für Jamaica durchaus typische Süße erwartet mich gleich zu Beginn und auch einer Erinnerung an gegrillte Ananas und Buttersäure kann ich mich nicht erwehren. Monymusk als Assoziation tut sich erneut auf. Um ehrlich zu sein habe ich aber auch Vergleiche zu einem Vale Royal, wie ihn Bristol 2010 abgefüllt hat, also durchaus zu einem Rum mit schwach mittlerem Körper, denn der Appleton hat auch etwas florales. Dazu etwas Vanille. Was man ihm zu jeder Zeit anmerkt, ist sein doch sehr geringes Alter. Der Fasseinfluss hält sich in sehr engen Grenzen und ist gerade stark genug, um dass der Rum eindeutig nicht mehr als ungelagert durchgehen könnte. 

Abgang: was bleibt, ist eine Kombination aus Blumen und Vanille. Das ist aber insgesamt kein Nachhall, wie man ihn gerne am Gaumen behält. Er verweilt dort letztlich auch länger, als ich es bräuchte.

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Fazit: die Geschichte um den Rum ist am Ende etwas größer als der Rum selbst! ;-) Um es frei heraus zu sagen: dass diese Abfüllung vor vielen Jahren eingestellt wurde, war für die Rumwelt ganz sicher kein Verlust, schon gar nicht hier in Mitteleuropa, wo man vom Angebot an vielen hochklassigen Rums, auch und gerade aus Jamaica, doch sehr verwöhnt ist.
Und dennoch lieferte mir der Rum einige Erkenntnisse, die ich doch nicht missen möchte. Zum einen finde ich den Appleton 151 Proof spannend hinsichtlich der Ursprünglichkeit der gesamten Appleton-Range, bis hin zum 21 YO, also im Hinblick auf das Rum-Rohmaterial der Destillerie, von dem man durch diese Abfüllung eine doch recht genaue Vorstellung bekommen kann. Denn dadurch, dass es von Appleton nahezu keine Single Cask Abfüllungen gibt, empfinde ich es schwierig, den genauen Stil der Rums zu definieren, denn jede Abfüllung von Appleton ist letztlich ein Blend aus vielen verschiedenen Rums mit einer sehr weit gefassten Altersspanne und deren Fassreife macht sich in einer Dominanz von Holzaromen stets deutlich bemerkbar. Dazu kommt noch, dass sie, auch wenn das gewollt ist, über die Jahre gesehen ja immer sehr ähnlich schmecken. Der 151er hingegen versteckte seinen Charakter nicht, was mir zwar einerseits gut gefiel, andererseits aber auch offenbarte, weshalb Appleton Rums nicht unbedingt zu den großen Anwärtern zählen, wenn man hier in Europa nach den Favoriten aus Jamaica fragt. Denn das Material bringt meines Erachtens zu wenig eigenen Charakter mit und bietet damit auch wenig Potenzial für großes. Die nahezu einzigen Ecken und Kanten des Rums resultieren aus dem enorm hohen Alkoholgehalt. Wenn ich mir den Appleton 151 Proof für ein paar Jahre im Fass vorstelle, dann kommt da tatsächlich ein Rum heraus, der vom Fass geprägt ist, wie z.B. der Appleton 12 YO, der aber kaum Brennereicharakter erkennen lässt und das finde ich dann doch immer eher schade.



Und zu guter Letzt: auf dem Backlabel wird der Rum für einen Mai Tai empfohlen. Ich kann mir das zwar noch nicht so richtig vorstellen, aber ich werde das die Tage natürlich mal ausprobieren und euch am Ergebnis teilhaben! Und für einen positiven Abschluss: ich fand es angenehm überraschend, auf einer Massenabfüllung der 1980er oder 1990er Jahre, einer Zeit, die als die Blüte von Drinks wie dem "Swimming Pool" oder des "Sex on the Beach" gilt, ein klassisches Mai Tai Rezept nach Trader Vic auf dem Label gefunden zu haben. Das verdient Respekt!

Bis demnächst,
Flo

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