Sonntag, 10. Februar 2019

Velier FP Heavy Trinidad Rum 20 YO Caroni 1996

Liebe Rum Gemeinde,

heute wartet ein kleines Caroni 1996 Finale auf uns, denn mit dem Velier Caroni 20 YO Full Proof "Trespassers" stelle ich den vorerst letzten Velier Caroni aus 1996 hier auf BAT vor, den ich in meiner Sample Bibliothek habe und gleichzeitig den vierten Rum einer Reihe von Caroni aus 1996, die ich vor einiger Zeit quer verkostet habe.



Der so genannte "Trespassers"-Caroni, der so heißt, weil auf seinem Label ein altes Schild vom Destilleriegelände zu sehen ist, auf dem "Trespassers", also Unbefugte oder Eindringlinge, vor strafrechtlicher Verfolgung bei Betreten des Geländes gewarnt werden, erschien als insgesamt 35th Release der regulären Caroni-Serie von Velier im Jahr 2016.
Laut Label reifte er 20 Jahre lang komplett auf Trinidad. Der Alkoholgehalt liegt bei enormen 70,1% vol., was natürlich der Fassstärke und einem der alkoholischsten Rums entspricht, die ich je im Glas hatte. Für diese Abfüllung wurde die stolze Anzahl von 11 Fässern miteinander vermählt, weswegen die Auflage mit insgesamt 3038 Flaschen auch recht üppig ausfiel, zumal für eine 20 Jahre in den Tropen gelagerte Spirituose. Der Angel Share lag dementsprechend auch bei >85%, was bedeutet, dass von ca. 73 ursprünglich vorhandenen Fässern ca. 62 Stück einfach verdunstet sind über die Jahre. Das ist enorm und zeigt, warum wir derlei Abfüllungen auch so extrem selten angeboten bekommen.





















Wer hier häufiger mal mitliest der weiß, dass 1996 zu meinen drei Lieblingsjahrgängen von Caroni zählt. Dementsprechend stark frequentiert war 1996 bislang bereits auch hier auf meinem Blog. Glücklicherweise scheint dieser Jahrgang aber auch einer von jenen zu sein, von dem Luca Gargano wohl mit die meisten Fässer hatte, wenn nicht gar die meisten, denn es hat hier ja auch schon sehr, sehr viele Releases mit zum Teil auch recht hoher Auflage gegeben. Und grob gerechnet, komme ich da tatsächlich auch auf insgesamt ca. 70 bis 80 Fässer, die wohl abgefüllt worden sein werden. Und wenn wir uns dann noch einmal den Angel Share ins Gedächtnis rufen, dann ist klar, dass dafür wiederum ca. 450 bis 480 volle Fässer verdunsten mussten. Wahnsinn!
Doch zurück zu meiner Vorliebe für den Jahrgang 1996. Zuletzt kamen aus diesem Jahr ja immer mal wieder ein paar Abfüllungen auf BAT zur Verkostung und ich werde dementsprechend, zum Ende des Reviews, im Fazit, nochmal auf die anderen 1996er Caroni kurz eingehen und Bilanz ziehen: welche 1996er Caroni lohnen sich in der Anschaffung, und wo passen Preis und Inhalt vielleicht auch weniger gut zusammen? 




Verkostung des Velier 20 YO FP Caroni 1996:

Preis: im Jahr 2016 erschienen, lag der Ausgabepreis bei ca. 130,- bis 150,- Euro. Im Jahr 2019 kostet eine Flasche ca. 280,- bis 350,- Euro. 

Alter: der Rum reifte von 1996 bis 2016 insgesamt 20 Jahre lang im Eichenfass.

Lagerung: die Fässer des Rums reiften von 1996 bis 2016 auf Trinidad.

Fassnummern: unbekannt. Es wurden insgesamt 11 Fässer in 3038 Flaschen abgefüllt.

Angel's Share: > 85%

Alkoholstärke: Full Proof - der Rum kommt mit opulenten 70,1% vol. daher.

Destillationsverfahren: unklar.

Mark: HTR

Farbe: dunkles, goldbraunes Mahagoni.

Viskosität: eher enge, parallele Schlieren laufen unregelmäßig die Glaswand herunter.

Nase: die Nase ist das vielleicht spannendste Überhaupt heute! Ich habe mich nämlich während der Verkostung dazu entschlossen, das Glas zu wechseln. Zunächst habe ich den Rum in einem konventionellen Nosingglas von Spiegelau gehabt. Hier machte der Rum, trotz des hohen Alkoholgehalts, nach ca. 30 Minuten merklich auf und ließ klare Parallelen zu seinem Pendant, dem High Proof erkennen. Nun füllte ich den Rum um in meine neuen 1920s Blenders Glass Ballon-Tastinggläser und stellte fest, dass der Rum hier nun erstmal wieder komplett dicht machte. Klebstoff ist, auch nach einer Stunde, peripher zu riechen, aber den Zinken ins Glas stecken? Noch immer unmöglich! Das geht erst nach über zwei Stunden, als ich es erstmals schaffe, meine Nase komplett ins Glas zu halten. Ich finde nun eine doch sehr typische 1996er Caroni Nase vor und erkenne auch jüngere Destillate dieses Jahrgangs darin wieder, die hier allerdings merklich an Reife dazu gewonnen haben. Der enorm hohe Alkoholgehalt macht sich nun zwar nicht mehr in Form eines Stechens bemerkbar, allerdings ist er dem Rum anzumerken, insofern, als dass seine Nase einfach sehr dicht und verwoben ist und sein Bouquet nur widerwillig preis zu geben scheint. Ich weiß, das ist meine Art normalerweise nicht, aber ich glaube, gerade neben dem 34th Release, das auf 57,18% vol. verdünnt ist, dass die Beigabe von Wasser sich bei diesem Rum nicht unbedingt negativ ausgewirkt hat, wenn ihr wisst, was ich meine. Ganz entfernt im Background nehme ich etwas an Menthol wahr, was ich sonst vor allem mit dem Jahrgang 2000 verbinde. Aber ansonsten kommt da, trotz des Glases, leider relativ wenig mehr rüber als im Nosingglas. Solide Nase ohne Fehltöne oder ähnliches, aber nicht das ganz großes Kino.

Gaumen: zunächst einmal habe ich ein doch recht ordentliches und starkes Brennen am Gaumen, auch bei kleineren Schlücken. Man muss sich den Rum am Anfang so ein wenig "frei-beißen". Einen größeren Schluck genehmige ich mir zum Ende des Glases hin und bereue es zunächst. Hohe Adstringenz. Dann kommt die 1996er Süße in Kombination mit dreckigen Tönen vom Holzlack und Teer durch. Da ist aber auch noch etwas anderes, ungewohntes. Ich tippe auf Birne. Die lange Reife merkt man dem Rum (meines Erachtens positiv) an, er ist klar holzlastiger als z.B. die 17 YO Abfüllungen aus diesem Jahrgang oder sogar als sein gleich altes Pendant, das 34th Release High Proof. Der Rum wird mit zunehmender Verweildauer am Gaumen auch immer cremiger. Bei größeren Schlücken gewinnt der Rum noch etwas an Intensität, aber das wird dann gleichzeitig schon auch sehr fordernd. Alles in allem ist das schon wirklich sehr lecker, aber wie schon in der Nase, bleibt die ganz große Show bei dieser Abfüllung leider aus. Möglicherweise habe ich hier einen der wenigen Full Proof Caroni vor mir, der nicht besser ist als seine High Proof Variante. 

Abgang: irgendetwas, was mich an den Abriss alter Häuser erinnert habe ich hier, kombiniert mit Geäst und Nuss. Langanhaltend. Der vielleicht sogar beste Teil dieses Rums.

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Fazit: nein, dieser Rum ist nicht mein neuer Favorit aus 1996! Gerade im Quervergleich zum John "D" Eversley oder auch zum 34th Release und sogar auch zum 30th Release, zumindest in Teilen, offenbarten sich doch auch einige, ich nenne sie mal Rückstände, zu anderen Rums. Ich möchte nicht von Schwächen sprechen, die hat das 35th Release aus meiner Sicht kaum, sondern eher von einem leichten Mangel an Stärken in den letzten 5-10 Prozent, die ein besseres abschneiden bei mir verhindern. Ist das gerade also Kritik auf sehr, sehr hohem Niveau? Absolut!

V.l.n.r.: Velier Caroni 17 YO FP, 20 YO 100° "Heavy", 20 YO FP "Trespassers", 22 YO FP "John "D" Eversley"




Der Employee ist insgesamt einfach eine Macht, dagegen haben es auch fast alle anderen Rums schwer. Mit 97 Punkten erreichte er bei mir auch eine ausgezeichnete Bewertung. In dieser Liga spielt für mich ansonsten auch nur noch der Kirsch Whisky Caroni. Dem 34th Release wiederum, er bekam 94 Punkte von mir, hat sicher die minimale Verdünnung etwas geholfen hat, die hier, für mich, etwas besser passt als die vollen 70,1% vol.. Der hohe Alkoholgehalt ist zwar spannend, aber auch sehr fordernd. Darauf muss man Bock haben und das hat man, erfahrungsgemäß, eher seltener und oft wird es dann doch ein schneller zugänglicher Rum. Denn man darf nicht vergessen, dass das Tasting eines Rums mit derart hohem Alkoholgehalt auch viel Zeit in Anspruch nimmt, zumindest wenn daraus ein Mehrwert generiert werden soll. Das 30th Release fand ich in der Nase klar schwächer als den heutigen Rum, dafür konnte dieser aber am Gaumen etwas mehr punkten. Diese beiden Caroni nehmen sich in meinen Augen nicht viel und liegen in meiner Gunst gleich auf. So fällt das 35th Release am Ende also natürlich nicht durch, ganz im Gegenteil, aber möglicherweise erwische ich mich gerade dabei, dass ich insgeheim vielleicht doch auch noch etwas mehr von dieser Abfüllung erwartet habe, zu groß ist da unter Umständen das generelle Versprechen des Jahrgangs 1996 von vorn herein gewesen.
Mit einer handfesten Kaufempfehlung tue ich mir schwer. Wenn man den Rum "günstig" bekommen kann, was in diesem Fall einen Preis von ca. 280,- bis 300,- Euro bedeutet, dann kann man das machen. Aber im Hinblick dessen, dass der Marktpreises doch meist eher bei 350,- Euro liegt und angesichts einer stärkeren und günstigeren Alternative, nämlich dem 34th Release, rate ich dann doch eher zu letzterem (oder aber zum John "D" Eversley, wenn Geld keine Rolle spielt), vor allem, wenn man vor hat, den Rum häufiger zu trinken. Wohl aber lege ich jedem Caroni-Liebhaber nahe, das 35th Release zumindest einmal zu probieren, wenn er es denn nicht schon getan hat, denn die Erfahrung von über 70% vol. ist schon eine, die sich durchaus auch lohnt und logischer Weise auch nicht von einer Abfüllung mit unter 60% vol. kompensiert werden kann.

-92/100-



... achso, und hier noch mein Caroni 1996 Ranking auf einen Blick:

97 Punkte: Velier Caroni 20 YO "Kirsch Whisky"
97 Punkte: Velier Caroni 22 YO "John "D" Eversley"
94 Punkte: Velier Caroni 20 YO 34th Release "Heavy"
94 Punkte: Krüger Caroni 12 YO "Rendsburger Bürgermeister"
92 Punkte: Velier Caroni 20 YO 35th Release "Trespassers"
92 Punkte: Velier Caroni 17 YO 30th Release "Musicans"
91 Punkte: Velier Caroni Extra Strong 21 YO
87 Punkte: Velier Caroni 17 YO 31st Release "Sugarcane Field"


Na klar gibt es da auch noch ein paar Abfüllungen mehr aus 1996, die mit Sicherheit ebenfalls hervorragend sind, aber leider setzen mir da die Preise, selbst für Samples, einfach Grenzen, die ich zum Teil nicht überschreiten möchte und zum Teil auch gar nicht mehr überschreiten kann. Da wird es einfach verrückt und ich sehe die Verhältnisse, gerade im Vergleich zu den acht oben gelisteten 1996ern, nicht mehr gegeben. Aber mal sehen, was vielleicht noch kommt! Ausschließen werde ich nichts. 😉


Bis demnächst,
Flo

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