Sonntag, 7. Februar 2021

Nobilis Jamaica Rum 27 YO Hampden 1993

Liebe Rum Gemeinde,

nach all der Aufregung um den neuen König von Barbados, den 34 jährigen RA im Rockley-Style aus dem legendären Jahrgang 1986, der am Markt nur äußerst schwer zu finden war, geht es heute auch schon direkt zum nächsten Bottling bei welchem es kaum ein Drankommen gab. Denn von ihm wurden kaum mehr Flaschen abgefüllt als es beim Rockley der Fall war: die Rede ist vom Nobilis Jamaica Rum 27 YO Hampden 1993! 



Und wenn es darum geht euch die Umstände um diesen Rum näher zu bringen, dann komme ich nicht umhin festzustellen, dass es auch heute wieder historisch wird und ich ein wenig weiter ausholen muss. Denn dieser Hampden ist mit seinen 27 Jahren tatsächlich der allererste seines Batches überhaupt! Und ich sage deshalb seines Batches, weil nun einige berechtigt einwenden würden, dass es aus Hampden 1993 bisher ja nun schon die eine oder andere Abfüllung gegeben hat. Es waren nicht gerade viele, aber es gab sie und mit dem 21 Jahre alten Samaroli 1993 Full Proof zählt sogar der für einige beste Hampden aller Zeiten dazu. Doch all diese Rums gehörten zu einem anderen Hampden-Batch, einem Batch, dessen Estergehalt bei der Destillation dem des Marks <>H entsprochen hat. Das Batch um das es heute geht und dem der Nobilis entstammt, trägt das Mark C<>H und hat damit einen ungleich höheren Estergehalt! Wer mehr zu Hampden, den Marks und seinen Bedeutungen erfahren möchte, der kann dies in meiner Übersicht zu Hampden gern nachlesen. 

Doch wie um alles in der Welt kann es sein, dass auch heute noch und nach 27 Jahren plötzlich neue Batches auftauchen? Und ja, in der Tat, das kommt äußerst selten vor! Oft sehen wir Batches schon mit  unter zehn Jahren Reife das erste mal am Markt. Teilweise passiert es, dass wir einige Premieren mit 15 Jahren Reife erleben, aber das war dann bisher auch schon äußerst spät. Nun erleben wir das bei 27 Jahren. Das ist auch insofern kurios, als dass wir etwas ähnliches erst vor einigen Wochen hier hatten, nämlich als wir den 23 Jahre alten The Whisky Jury "Mden" 1997 auf dem Tisch hatten. Auch dieses Batch feierte mit diesem Bottling sein Debüt. Moment, werden mir einige nun abermals entgegnen, aber wer sagt denn, dass es sich nicht doch um nur ein einziges 1993er Batch handeln kann, vielleicht wurde sich beim Mark <>H für 1993 ja geirrt? Doch diesen Einwand werde ich mir für das Fazit aufheben. Spoiler: es sind defintiv zwei verschiedene Batches unterschiedlicher Marks ;-)  Indessen, das alles beantwortet bisher nicht die Eingangsfrage, wie so etwas noch passieren kann, wo man doch schon glaubte, alles gesehen zu haben. Eine eindeutige und definitive Antwort wird es darauf allerdings leider nicht geben. Alles was sicher gesagt werden kann ist, dass der Output der Main Rum Company zu 98% einem mal mehr und mal weniger nachvollziehbaren Schema folgt, auf dessen Grundlage Menschen, die das ganze schon seit langem verfolgen in der Regel sehr zuverlässige Aussagen über den Stoff treffen können, der in Flaschen abgefüllt so eintrifft am Markt  und wir uns hier aber im Bereich der 2% befinden. Das empfinde ich zwar einerseits, weil ich wahnsinnig wissbegierig bin, als frustrierend, aber andererseits, gerade weil ich in diesem nerdigen Bereich eigentlich schon alles gesehen habe was es bisher so gab, aber auch als ungemein spannend! Eine der Theorien wie es zu solchen Rums kommen kann zielt so ein wenig in die Richtung, der wir auch die inzwischen doch recht zahlreichen tropisch gereiften Abfüllungen von Main zu verdanken haben: Zukäufe von anderen Brokern. Wenn Main den Stoff bis vor kurzem gar nicht gehabt hätte, dann würde das erklären, warum es da bisher keinen Output, innerhalb kürzester Zeit aber bereits zwei neue Jahrgänge gab. Andere denkbare Möglichkeiten wären, dass die Fässer bewusst lange zurückgehalten oder aber in einer Ecke des gigantischen Lagers "vergessen" wurden. Doch wie man es dreht und wendet, man wird da wohl aktuell keine gesicherten Erkenntnisse bekommen, weswegen mir an dieser Stelle nichts bleibt, als mich einfach um den Stoff zu kümmern und diesen nun endlich zu probieren. Dies werde ich im Crosstasting mit dem bisherigen König aus 1993 tun, dem oben bereits erwähnten Samaroli, sowie meinem König des Marks C<>H und dem König von Hampden insgesamt, dem 26 jährigen The Rum Cask 1990 mit 61,9% vol.!

Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich ein Sample zur Verkostung dieses Rums gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 

Hampden-Benchmarks unter sich: TRC 1990, Samaroli 1993 FP, Nobilis 1993


Verkostung des Nobilis Jamaica Rum 27 YO Hampden 1993:

Preis: der Ausgabepreis für eine Flasche a 0,7 Liter betrug 2395,- DKK im Shop von Nobilis, also umgerechnet ca. 320,- Euro. 

Alter: der Rum reifte von 1993 bis Ende 2020 im Fass und ist somit 27 Jahre alt. 

Lagerung: die Reifung erfolgte mutmaßlich komplett in Europa. 

Fassnummer: keine Angabe. Das Fass ergab jedoch einen Output von nur 168 Flaschen a 0,7 Liter. 

Angel's Share: keine Angabe. Sollte es sich dabei aber um ein Standard 190 Liter Fass gehandelt haben, läge der Angel's Share bei ca. 38%. 

Alkoholstärke: der Rum kommt noch mit starken 65,8% vol. daher, das entspricht hier der Fassstärke!

Destillationsverfahren: der Rum entstammt einer Double Retort Pot Still. Vermutlich handelte es sich dabei um die John Dore Still, die seit 1960 bei Hampden aktiv ist. Alle anderen heute noch verhandenen Stills sind aus mindestens 1994 oder sogar noch jünger. Nicht ausschließen kann ich allerdings, dass 1993 noch weitere Stills aktiv waren, von denen heute nichts mehr bekannt ist. Aus einer solchen kann der Rum theoretisch natürlich auch kommen. 

Mark: C<>H (Continental Diamond Hampden)

Farbe: kräftiges, goldenes Stroh. 

Viskosität: der Rum verläuft recht zügig und in gleichmäßigen, fetten Schlieren an der Glaswand herab. 

Nase:
 What?! The?! Fuuuuck?! Seit dem 26 Jahre alten TRC 1990 vor vier Jahren hat mich keine Hampden Nase mehr spontan so sehr abgeholt und begeistert wie das bei dieser hier gerade der Fall ist. Mein erster Eindruck? Der hat alles - und zwar jeweils auf dem Zenit! Da sind Ester, da sind Power, Intensität, Komplexität, Fruchtigkeit und Reife und das alles in einem komplett stimmigen Gesamtgebilde. Irre! Der Samaroli im Glas dagegen krepiert förmlich (wer Zweifel daran hatte, ob es aus 1993 wirklich zwei Marks gibt - die sind hiermit ausgeräumt!) und auch meine heilige Kuh, der 26 jährige The Rum Cask 1990 ist dem Nobilis in diesem Moment nicht gewachsen! Puh! Denn der TRC hat 2017 alles bisherige geschlagen und bis heute kam auch nichts anderes nach, was dem wirklich gefährlich hätte werden können. Heute allerdings sieht die Sache anders aus! Das Mark C<>H springt mich, wie immer, wenn ich es im Glas habe, gerade zu an. Dieses Mark hat etwas so spezielles, dass es wirklich eine wahre Freude ist! Nun hat dieser hier noch immer einen Alkoholgehalt von 65,8% vol., der damit so hoch ist wie bei noch keinem anderen C<>H im vergleichbaren Alter. Das ist sehr stark, aber das ganze ist hier auch überragend eingebunden, so dass es dem Rum, bzw. seiner sensorischen Erfassung nur zugute kommt. Das Bouquet gehört dann aber natürlich erstmal den Estern und den Assoziationen, die sie mit sich bringen. Der Säureanteil ist C<>H-typisch sehr hoch! Wer damit Schwierigkeiten hat, der steigt hier aus: - und tschüss! Geil, geil, geil!! Klebstoffe und Lösungsmittel prasseln nur so auf die Rezeptoren ein und fordern diese ungemein. Die Belohnung ist aber eines der krassesten olfaktorischen Erlebnisse, die ich bisher in meinem Leben hatte! Gegrillte Ananas spielen natürlich ebenso eine Rolle wie die restlichen für dieses Mark typischen Assoziationen (Marzipan, Vanille, Humus, Zitrusnoten, mediterrane Einflüsse...). Diese sind insofern nicht das besondere, das spektakuläre ist tatsächlich die Intensität, mit der das hier einschlägt! Davon abgesehen kommt der Rum aber durchaus komplexer daher, als das z.B. beim TRC 1990 der Fall ist. Der Fasseinfluss ist merklich vorhanden, allerdings überhaupt nicht in der Weise, als dass hier eine Dominanz in diese Richtung stattfände. Auch ist der Rum noch weit davon entfernt "rundgelutscht" zu sein. Nach langer Standzeit kommt dann auch noch etwas karamellisierter Zucker zum Vorschein. Was mich beeindruckt ist, dass die Nase die Intensität auch über Stunden gehalten bekommt. Das ist ganz, ganz große Qualität und ich hoffe gerade inständig, dass der Rum diese am Gaumen auch so halten kann.

Gaumen: argh, und da zerschlägt sich dann auch direkt meine Hoffnung, denn am Gaumen kann der Rum das Niveau aus der Nase meines Erachtens leider nicht ganz halten. Das ist zu meinem Bedauern dann doch der erste Eindruck, auch wenn das selbstverständlich (und ich hoffe, das ist jedem klar!) Jammern auf unfassbar hohem Niveau ist! Denn nein, der Nobilis ist auch am Gaumen natürlich nicht schlecht, im Gegenteil, er ist sehr, sehr gut, aber eben nicht ganz so gut wie ich es nach der Nase letztlich gehofft hatte. Schließlich hätte das bedeutet, und na klar hatte ich nach dem bisher gesehenen letztlich auf nicht weniger spekuliert und gehofft, dass ich hier am Ende des Tages wirklich eine neue, unumstrittene Number 1 im Bereich High Ester Hampden gefunden hätte und das wird wohl in der Form heute dann doch nicht passieren. Denn am Gaumen kann er den TRC nicht schlagen, der an der Stelle eben jene Perfectness hat, die ich beim Nobilis wiederum in der Nase gesehen habe. Doch schauen wir, wie knapp es zwischen den beiden am Ende tatsächlich wird! Indessen gehe ich selbstverständlich an dieser Stelle jetzt auch spezifischer auf den Nobilis ein. Dieser brennt im ersten Eindruck am Gaumen unerwartet heftig. Nicht wirklich unangenehm oder zu krass, nein, aber zumindest stärker, als ich erwartet hatte. Unter'm Strich würde ich das aber auch gerade noch so als well integrated durchgehen lassen. Dabei ist der Rum natürlich sehr adstringierend und mundfüllend, aber hier kommt dann auch schon einer der ersten größeren Unterschiede zum TRC zum tragen, denn da konnte letzterer eindeutig mehr! Nach einigen Momenten macht das ganze Ding dann aber merklich auf und gibt sehr schön Gas im Mund! Was mir aber einfach auffällt ist, dass dem ganzen im Vergleich zum TRC etwas die Komplexität abgeht, also gerade das was in der Nase noch so viel besser funktionierte als beim TRC und den Nobilis an der Stelle auszeichnete, und dieses so unendlich geile Mundgefühl vom TRC feht. Der Nobilis wird aber wie der TRC auch immer cremiger und ist schon richtig, richtig lecker! Meine Beschreibung des Gaumens muss sich für jemanden der nicht so sehr im Thema ist wie ein Verriss lesen, doch muss ich abermals darauf hinweisen, dass es hier gerade um einen Direktvergleich der zwei bisher größten Giganten dieser Destillerie geht! Was sich hier vielleicht auf den ersten Blick schlecht liest, funktioniert besser als bei nahezu jeder anderen Hampden Abfüllung! Die mediterranen Assoziationen dominieren mit dem Humus schon fast den Gaumen, noch vor der gegrillten Ananas. Dazu kommt einiges an frisch geschnittenem Geäst und Chorizo. Der Rum zeigt hier eine leichte Tendenz ins bittere, was durchaus ungewöhnlich ist für einen Hampden. Hier zeigt sich die fortgeschrittene Reife des Nobilis dann nämlich letztlich doch sehr deutlich. Man kann nur erahnen, welch ein Monster dieser Rum vielleicht vor einigen wenigen Jahren noch gewesen wäre. Die lange Zeit im Fass hat ihm schon einiges seiner Brachialität geraubt, während der TRC den fortgeschrittenen Grad seiner Reifung dann doch einen Tick besser zu kaschieren vermochte. 

Abgang: gegrillte Ananas, Humus, Macadamia und Toffee verweilen lange am Gaumen, dazu frisch geschnittenes Geäst, das in eine leichte Bitterkeit mündet. Der Abgang ist beinahe unendlich. Hier sind Hampden Rums einfach unerreicht. 

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Fazit:
 während ich letzte Woche beim Kampf der Rockley-Giganten noch einen neuen König präsentieren konnte und durfte, bleibt mir diese Freude heute leider verwehrt. Zwar mag ich den grundsätzlichen Gedanken, dass das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen TRC und mir von 2017 für mich auch immer noch das Maß aller Dinge ist, allerdings hätte ich mich nach den vielen Jahren seitdem auch sehr gefreut, wenn da endlich mal ein Hampden drüber gekommen wäre. Nach der Nase lag diese Sensation im wahrsten Sinne des Wortes fast greifbar in der Luft, aber am Gaumen ist der TRC eine unfassbare Macht! Schade! Nichts desto weniger ist der Nobilis ohne Zweifel der zweitbeste Hampden der mir bisher ins Glas gekommen ist und darf daher zur absoluten Spitze der Destillerie zählen. Was für ein Debüt dieses Batches und was für ein Coup durch Nobilis! Denn während ich zunächst nicht so wirklich an ein zweites Batch und das Mark C<>H für 1993 glauben wollte, so bestätigte sich dieses im Tasting ohne jeden Zweifel. Zwischen dem Samaroli und dem Nobilis liegen ganze Ester-Welten! Insofern handelte es sich weder um einen bisherigen Irrtum zum Mark <>H der bisherigen 1993er, noch handelt es sich um eine Fehlinfo in Bezug auf das Mark C<>H zum neuen 1993er, genauso wie sich das auch schon beim 1997er "Mden" bestätigt hat. Main weiß uns also ab und zu noch wirklich zu überraschen bis überrumpeln. Gleichzeitig hätte ich einen solchen Hammer allerdings auch von Nobilis nicht erwartet, denn deren Auftakt, den Guyana 1988, fand ich mal so überhaupt nicht gelungen - milde formuliert! Umso erstaunter war ich, dass der Hampden den enormen Vorschusslorbeeren (die es eben auch beim Guyana und dort absolut zu unrecht!) doch serh gerecht wurde. Ein Wort noch zum Samaroli: dieser ist ein wahnsinnig guter Hampden, der aber in einem Crosstasting mit zwei solchen C<>H-Hochkarätern seine Stärken, vor allem ist das seine Ausgewogenheit, nicht ausspielen kann. Ein direkter Vergleich ergibt daher wenig Sinn, weswegen ich ihn im weiteren Verlauf des Tastings mehr oder weniger aus dem ganzen herausgenommen habe. 

-93/100-

Bis demnächst
Flo

Sonntag, 31. Januar 2021

RA Barbados Rum 34 YO W.I.R.D. "Rockley Style" 1986

Liebe Rum Gemeinde,

heute ist mal wieder so ein Tag, an dem ich an einer dieser Reviews sitze, bei denen ich vor lauter freudiger Erwartung schon gar nicht mehr weiß, wo genau ich eigentlich anfangen soll. Eine Vorfreude, die schon seit Monaten darauf wartet, sich endlich Bahn brechen zu dürfen und nun ist es endlich so weit: Rockley-Festtagsstimmung auf Barrel Aged Thoughts! 


Der so genannte "Rockley Style" ist ein Rum Stil, der mich schon sehr, sehr lange auf meiner Reise durch die flüssige Kulinarik der Karibik begleitet. Seit einem kalten, ungemütlichen Abend im November 2011, um genau zu sein. In meiner Review zu den beiden 1986er Duncan Taylor und Silver Seal vom letzten Jahr habe ich diese Geschichte um meinen ersten Besuch bei Herrn Andreas Schwarz in Preetz ausführlicher dargelegt. Wer da Zeit und Lust hat, kann sich dieser Lektüre gern noch einmal annehmen. Das würde ich allerdings auch davon ganz abgesehen jedem empfehlen noch einmal zu tun, denn die beiden dort begutachteten Rums sind auch für meinen heutigen Rum die Benchmark, die es zu schlagen gilt. 

Der Duncan Taylor behauptet diese Position im Grunde seit 2012 schon durchgängig für sich. Damals kam dieser mit 25 Jahren in die Flasche und war einer der eher wenigen Rockley, der mit mehr als nur 46% vol. in die Flasche kam. In der Folge hingegen wurde es dann ruhig um den Rockley Style aus 1986 - um nicht zu sagen: mucksmäuschenstill! Denn leider kam da die Jahre danach nämlich nichts mehr wirklich nach (den Jahrgang 2000 sehe ich als qualitativ nicht vergleichbar an), weswegen ich den Stil auch bereits verloren geglaubt hatte. Der Silver Seal hat uns im Sommer 2020 dann wiederum alle überrascht und auch verzaubert. Denn es zeigte sich bei der Verkostung, dass er definitiv dazu in der Lage war den Duncan Taylor herauszufordern. Im Ergebnis schaffte er es zwar nicht ihn zu übertrumpfen, meines Erachtens, aber er hat sich ergänzend und auf Augenhöhe an dessen Seite gestellt, was ich schon sehr beachtlich finde, angesichts der enormen Qualität des Duncan Taylor! Und nun schließlich kommt mit dem Rum Artesanal zu Beginn des Jahres 2021 dann direkt der nächste Rockley, der es sich zutrauen darf, es mit den beiden aufzunehmen! Inwieweit es ihm gelingen wird? Das schauen wir uns gleich an! 


Zum Rockley-Style:

Zuvor allerdings möchte ich noch ein paar Einwürfe zu "Rockley" selbst machen, bzw. eben zum "Rockley"-Style. Denn die Geschichte darum gehört zu den geheimnisvollsten, die die moderne Rumszene zu bieten hat (zumindest, wenn wir das ganze einmal auf die Geheimnisse positiver Konnotation reduzieren). Um diese in ihrer Gesamtheit darzulegen müsste ich nun vermutlich zu weit ausholen und plane das an anderer Stelle auch noch zu tun, daher schaue ich, dass ich heute erst einmal nur die wesentlichsten Punkte herausstelle. 

Zunächst einmal muss ich mit der Annahme aufräumen, es könne sich bei dem Rum um Rum aus einer Rockley Destillerie handeln. Es gab zwar früher eine Rockley Destillerie auf Barbados, aber diese existiert schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Was hingegen noch existiert, ist deren mutmaßliche alte Pot Still, die Rockley Still, die auf einigen Flaschenlabeln auch immer mal wieder angegeben wurde. Diese steht heute bei der West Indies Rum Distillery (W.I.R.D.) auf Barbados - wurde tatsächlich aber seit wiederum vielen Jahrzehnten auch schon nicht mehr genutzt, und zwar auch schon weit vor 1986 nicht mehr. Auch sie scheidet als Urheber für diesen Rum aus. Was also erstmal klingt wie eine dieser Stories aus Guyana, wo oft heute noch mit uralten Brennblasen längst vergangene Stile noch produziert werden, entpuppt sich hier als Trugschluss. Die Frage an dieser Stelle lautet also: wie kam der Name Rockley zum 1986er Batch der W.I.R.D.? Ist es wie bei einigen anderen Guyana Rums z.B., wo heute ebenfalls keine Brennblase mehr existiert und der gesamte Stil durch vollkommen anderes Material hergestellt wird? Oder handelt es sich bei der Namensgebung um reine Willkür, immerhin taucht der Name Rockley erst seit Mitte-Ende der 1990er Jahre überhaupt im Zusammenhang mit Rum der W.I.R.D. auf. Das kann leider noch immer niemand hinreichend beantworten. Zwar wird, was auf die zweite Möglichkeit der modernen Namensfindung zielt, immer wieder John Barrett als Urheber dieses Mythos genannt, aber inwieweit das stimmt, darf doch bezweifelt werden, immerhin stammt die älteste mir bekannte 1986er Abfüllung die den Namen Rockley auf dem Label trägt nicht von Bristol, sondern von Velier. Sie wurde bereits 1997 abgefüllt (sollte laut Label sogar aus der Rockley Distillery stammen) und damit ein Jahr bevor John Barrett unter dem Bristol Logo seinen ersten 1986er abfüllte. 

Weiter muss man sich aber vor allem auch die Frage stellen: um was für Rum handelt es sich bei diesen "Rockleys" eigentlich? Denn wer schon einmal einen "Rockley" und einen herkömmlichen Rum aus der Gregg's Farm Pot Still der W.I.R.D. im Glas hatte der wird sehen: das sind Rums wie Tag und Nacht, gar nicht miteinander vergleichbar! Was also lief bei diesem "Rockley" Style anders? Auch hier müssen wir bedauerlicherweise noch zu großen Teilen im Trüben fischen. Zwar gibt es einige Erklärungsansätze und Theorien, aber bisher leider keinen einzigen hinreichenden Beweis. Das ist zwar einerseits schade, habe ich doch irgendwie immer den Drang so etwas bis ins Detail entschlüsseln zu wollen, aber auf der anderen Seite macht das den Mythos Rockley auch irgendwo aus. Die geläufigen Erklärungsansätze reichen von der Fermentation mit Meerwasser, über die Nutzung eines weiteren Brennapperats (der Vulcan Chamber Still) bis hin zu der Frage, zu welchem Zweck dieser Stil eigentlich hergestellt wurde. Hier wiederum würde ich auf eine ähnliche Nutzung wie bei Hampden oder Caroni tippen, das heißt, dass dieser Stil vielleicht lediglich das Flavouring Material von W.I.R.D. war oder ist und nur aus 1986 und 2000 (sowie vereinzelter noch früherer Jahrgänge) ein eventueller Überschuss einfach nach Europa verkauft wurde. Somit könnte der sog. "Rockley" Style am Ende auch einfach nur die Essenz von W.I.R.D. sein, vergleichbar mit eben den Heavy Rums von Caroni oder Hampden DOK. Und das wiederum hieße, dass vielleicht auch "Rockley" ursprünglich nie zum trinken gedacht war, sondern von Scheer eher für eine Nutzung in der Lebensmittelindustrie eingekauft wurde. Allerdings zeigt es sich gerade im High-End-Bereich von Rum immer wieder, dass vor allem diese Rums, die nie dazu bestimmt waren pur im Glas eines Endverbrauchers zu landen, bei jenen am Ende die Augen stärker zum Leuchten bringen, als es die allermeisten anderen Rums je zu vermögen wissen. 

Und zu guter Letzt ist es möglicherweise noch wichtig zu erwähnen, dass der 1986er Rum aus der W.I.R.D. unter noch weiteren Namen auf dem Label bei diversen IB erschien. Zum Teil wurde die Destillerie auch unter den Namen West Indies Rum Refinery (W.I.R.R.) oder Blackrock Distillery geführt. Solltet ihr also Bajan Rums aus 1986 finden, die einen dieser Namen tragen: nein, das ist nichts anderes, das ist das gleiche Batch! ;-)


Aus Gründen der Transparenz sei, bevor wir nun zur Verkostung selbst kommen, an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich ein Sample zur Verkostung dieses Rums, sowie eine ganze Flasche des Rums zu Fotozwecken gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 

Picture by Dominik Marwede


Verkostung des RA Barbados Rum 34 YO W.I.R.D. "Rockley Style" 1986:

Preis: die unverbindliche Preisempfehlung des Rockley liegt bei 329,90€ / 0,5 Liter.

Alter: von Dezember 1986 bis Januar 2021 durfte der Rum insgesamt ziemlich genau 34 Jahre im Fass reifen. 

Lagerung: Continental Aging - der Rum lagerte während der gesamten Zeit seiner Reifung in Europa. 

Fassnummer: die interne Fassnummer lautet #210. Dieses Fass ergab nur noch 162 Flaschen a 0,5 Liter. 

Angel's Share: etwa 58% des Fassinhaltes gingen an die Engel. 

Alkoholstärke: der Rum kommt in Fassstärke daher und weist einen Alkoholgehalt von 53,7 % vol. auf. 

Destillationsverfahren: die offizielle Angabe lautet, dass der Rum im Pot Still Verfahren destilliert wurde. Über die genaue Verfahrensweise herrscht aber große Unklarheit, verschiedene Theorien dazu kursieren (s.o.). 

Mark: BBR (former BRS and WIRR) "Rockley Style"

Farbe: kräftiges, goldenes Stroh.

Viskosität: der Rum verläuft langsam und zähflüssig in eher weiten, regelmäßigen und parallelen Schieren an der Glaswand hinab.

Nase:
 Breathtaking! Absolutely breathtaking! Ca. eine Stunde habe ich das ganze jetzt atmen lassen und kann nur positiv geschockt vor meinem Glas sitzen: denn in diesem finde ich Rockley-Essenz vor! Der Rum hat, verglichen mit dem Duncan Taylor, deutlich an Kraft, Intensität und auch an Reife gewonnen. Trotz dessen, dass beide einen sehr ähnlichen Alkoholgehalt aufweisen, beim Duncan Taylor sind es 52,7, beim RA noch 53,7% vol., kommt der RA deutlich stärker daher, wenn gleich ich größten Wert drauf lege, dass das an dieser Stelle ausschließlich positiv ausgelegt wird (der Alkohol ist hier wirklich fantastisch eingebunden!). Oder mit anderen Worten: die Verdünnung des Duncan Taylor anno 2012 ist deutlich wahrzunehmen, genau wie schon beim Crosstasting gegen den Silver Seal im Sommer! Im Bouquet dominieren beim RA natürlich der Waldhonig in toller Kombination mit einer ordentlichen Portion Rauch, viel Vanille und tatsächlich auch deutlicher Mango. Hier hat der Dominik in seinem Promo-Video also mal voll ins Schwarze getroffen. Chapeau! Über all dem liegt dann auch immer wieder so eine richtig schöne, schwere Süße, etwas, was dem Duncan Taylor imho so ein wenig fehlte, so dass man wirklich schon beinahe das Gefühl bekommt, an einem Glas Honig zu sitzen, in dem ein wenig Anis und andere Gewürze schwimmen, Schiefer, sowie auch etwas an Tanninen. Letztere fallen hier allerdings wesentlich gemäßigter aus als beim Silver Seal, so dass der RA noch einmal mehr klassischer Rockley Style ist, als es der Italiener aus 2020 ist. Das Fass scheint mir hier, in der Nase zumindest, auf den Punkt gereift zu sein! Je länger die Gläser nebeneinander stehen, desto deutlicher manifestiert sich dieser Eindruck. Der Duncan Taylor fällt gegen den RA gar richtig gehend ab, das ist total krass! 

Gaumen:
 am Gaumen macht sich zunächst einmal positiv bemerkbar, dass der Rum schon einiges an Volumenprozenten verloren hat, denn der ist echt smooth! Da brennt wirklich nichts, da zwickt auch nichts, das ist einfach nur richtig entspannt und auch große Schlucke sind problemlos möglich. Das erlebe ich so und in dieser Harmonie nur ganz, ganz selten! Gleichzeitig geht das ja aber nicht mit Verwässerung einher, das stört mich beim Duncan Taylor inzwischen merklich, sondern wirkt komplett natürlich, denn der Rum kommt noch in seiner vollen Stärke daher und das merkt man dementsprechend. Der Silver Seal mit seinen fast 59% vol. hat im direkten Vergleich zwar sogar noch etwas mehr PS unter der Haube, aber die benötigt es hier gar nicht! Der Rum macht unglaublich Spaß, er ist komplex und vor allem sehr mundfüllend. In Windeseile breitet sich dieser geniale Rockley-Geschmack in der gesamten Mundhöhle aus und benetzt alles damit. Ich habe eine tolle Süße am Gaumen, Milch und Honig fließen, alles wirkt wie eine perfekte Liason und der Rum kommt dabei so cremig daher wie ein Sahnebonbon. Es setzt dann eine Menge an Anis und frisch geschnittenem Geäst ein, die mich immer wieder bei kontinental gereiften Pot Still Rums begleitet und die hier durchaus auch sehr schön und eindrucksvoll von der enormen Reife dieses Rums zeugt, ohne, dass es dazu einen ganzen Stapel Holz bedarf. Dazu kommen Stroh, eine leicht feuchte, grasige Note und tolle Mango und Papaya! Die Tannine dagegen sind zwar auch da, halten sich aber verhältnismäßig zurück und ermöglichen auf diese Weise noch einmal ein Rockley-Erlebnis, wie ich es schon seit Jahren nicht mehr für möglich gehalten hatte! Outstanding!

Abgang: das Finale ist dann letztlich auch genauso grandios wie der gesamte Rum bisher! Es verbleiben merkliche Süße und Honig, sogar etwas Mango und einige Tannine am Gaumen. Die Süße schlägt dann um ins trockene und sogar leicht bittere. Aber für 34 Jahre ist das noch fast jugendlich! Dem Silver Seal ist sein enormes Alter da schon deutlicher anzumerken. Ganz großes Kino! 

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Fazit:
 schon lange vor Erscheinen des Rums war natürlich klar, dass es um diese Abfüllung ein Hauen und Stechen geben wird, denn der Rum ist mit seinen 162 Flaschen einfach verdammt rar und RA ist inzwischen in einer Weise gefragt, wie ich es mir vor einem Jahr noch kaum hätte vorstellen können. Dazu kommt er mit einer UVP von ca. 330,- Euro auf 0,5 Liter auch noch eine ganze Ecke günstiger daher als der Silver Seal mit seinen ca. 600,- Euro auf 0,7 Liter im Sommer. Inzwischen liegt dieser allerdings auch schon bei 900,- bis 1000,- Euro und dementsprechend ist klar, warum es einen solchen Run auf diesen Rum geben wird. Jeder weiß, dass ein solcher Rum in dieser Qualität eher nicht noch einmal wiederkommt und wenn, dann vermutlich kaum zu diesen Preisen. Sollte die Jagd am Ende also nicht von Erfolg gekrönt sein, so kann ich zwar die Enttäuschung am Ende verstehen, aber ich denke, angesichts der Rahmenbedingungen sollte auch klar sein, dass das oft nicht zu vermeiden ist. Und seien wir mal ehrlich, letztlich macht meines Erachtens doch aber gerade dieser Part wiederum auch einen Teil des Reizes solcher Flaschen aus. Zwei Seiten einer Medaille. 

Doch kommen wir endlich zum Rum: der König ist tot, es lebe der König! Das erste Mal seit 2012 führt mich definitiv kein Weg daran vorbei einen neuen König des Rockley-Styles auszurufen und es freut mich natürlich sehr, dass diese Ehre ausgerechnet einem RA zuteil wird und damit einem der sympatischsten Bottler-Label, das derzeit am Markt agiert! Einfach nur Extra-Klasse, was dieser Rum bietet und ich kann und möchte mich an dieser Stelle dann im Grunde auch einfach nur noch bei dir, Dominik, und deinem Team dafür bedanken, dass ihr das möglich gemacht und dieses in jeder Hinsicht außergewöhnliche Fass nach Deutschland gebracht habt! Dieser Rockley macht schlicht und ergreifend alles richtig und vereint sämtliche positiven Eigenschaften der bisherigen Referenzen. Der 18 YO Rendsburger hatte ein richtig geiles Profil, kam in Fassstärke daher, war aber alles andere als entspannt! Der Duncan Taylor hatte eine tolle Balance, hatte mehr als die damals üblichen 46% vol., aber es fehlte ihm minimal an Süße und letzten Endes hat ihm die Verdünnung auch nicht gut getan. Der Silver Seal wiederum kam zwar ohne Verdünnung aus und hatte ein recht komplettes Profil, aber die Tannine haben da auch schon ganz schön reingeschlagen. Ihm fehlte so ein wenig das Rockley der alten Tage. Der RA hingegen zieht überall das beste raus und gönnt sich keines der kleinen Makel der anderen Rums, so dass da am Ende natürlich eine Wertung herauskommt, die -zurecht- sehr nahe an der Topwertung ist:

-97/100-

Darüber hinaus musste ich nach dem heutigen Crosstasting auch das Verhältnis zwischen dem Duncan Taylor und dem Silver Seal noch einmal korrigieren und neu bewerten und habe mich dazu entschlossen, den Duncan Taylor leicht abzuwerten, auf dann 93 Punkte. Der Silver Seal verbleibt bei sehr starken 95 Punkten. 


Bis demnächst
Flo





Sonntag, 24. Januar 2021

RA Belize Rum 13 YO Travellers 2007

Liebe Rum Gemeinde,

es geht schon wieder los, die nächste RA-Welle rollt auf uns zu und sie bringt heute eine Abfüllung aus Belize für uns mit, auf die ich mich schon sehr gefreut habe. Denn sie versöhnt mich doch ein wenig und zumindest mal für den Augenblick ein ganzes Stück weit mit dem spanischen Rumstil! Wie das funktionieren soll... Wir werden sehen!



Doch der Reihe nach. Zunächst einmal: nein, das neue Jahr 2021 gönnt uns definitiv keine Verschnaufpause, so viel steht bereits fest! Hätte man meinen können, dass es Dominik Marwede nach dem unglaublichen Jahr 2020 jetzt vielleicht erstmal etwas ruhiger um RA werden lässt, so schob der sympathische Bottler aus Bad Bevensen derlei Gedanken bereits selbst einen Riegel vor. Denn schon seit einiger Zeit ist es längst kein Geheimnis mehr, dass die RA Linie direkt zu Beginn des neuen Jahres um gleich drei weitere Abfüllung erweitert wird: einen Guyana VSG 2004, einen Barbados Rockley 1986 und einen Belize 2007. Vor allem der Rockley ist natürlich ein absoluter Kracher und brachte direkt viele Augen zum Leuchten und Herzen dazu höher zu schlagen, doch Geduld, heute wird es erstmal um den Belize gehen. 

Belize? Spanischer Stil? Auf Barrel Aged Thoughts? Klar, da gab es da vor Christi Geburt irgendwann einmal eine Review von Leo zum TRC Belize 2005, wer erinnert sich nicht, aber in neuerer Zeit? Nein, in der Tat, Belize entspricht tatsächlich nicht gerade meinem Beuteschema, da lässt sich auch nichts relativieren! Okay, einer der Cadenhead damals war ganz gut und auch einige der Compagnie Des Indes waren echt okay, aber wirklich abgeholt hatte mich das nicht. Und auch dieser Belize hätte mich vermutlich -trotz RA-Label- eher nicht gepackt, doch wie es der Zufall manchmal so will, als ich ihn vor ein paar Wochen das erste Mal im Glas hatte und ihn probierte war ich direkt ziemlich angetan und mir war klar: diesen Belize werde ich wohl auf BAT bringen müssen. Warum? Weil ich Elemente in ihm fand, die ich bei einem Belize Rum eher nicht erwarten würde und mich diese schon ziemlich abgeholt haben. Doch ich möchte nicht zu viel verraten. 

Apropos verraten: ein wenig über Travellers und Belize hat Leo euch damals ja bereits näher gebracht, aber das ist lange her und ich möchte die Erinnerung gerne auffrischen. Das schrieb Leo am 1. September 2013 auf BAT : 

                             "
                                                                                                                                                            "

Was man ergänzend heute vielleicht noch sagen kann ist, dass, anders als seinerzeit in 2013, als der TRC-Travellers noch ein absoluter Exot war, inzwischen wirklich sehr viele Rums aus Belize erschienen sind und diese auch aus den verschiedensten Jahrgängen stammen. Der Rum von RA reifte sieben Jahre in tropischem Klima und kam dann nach Europa, was wiederum den Schluss nahe legt, dass einerseits Travellers seine Rums in größerem Stil selbst zu lagern scheint und andererseits, dass diese in einem größeren Schwung gemeinsam ab der Zeit um 2013 ca. nach Europa zu Main kamen. Warum Travellers plötzlich mit dem Verkauf von gereiften Qualitäten begann, wo man dies zuvor offensichtlich nicht getan hatte, ist unklar. Fest steht nur, dass sie es getan haben und damit die Portfolios vieler unabhängiger Abfüller in den letzten Jahren bereichert haben. 

RA wiederum bleiben sich auch in 2021 treu und haben einmal mehr das Design ihrer Labels minimal verändert, gemäß dem Motto: langsame Evolution statt Revolution. Der qualitative Sprung des Drucks ist dabei allerdings gewaltiger, als man es auf den ersten Blick vielleicht erfassen mag. So ist der Druck insgesamt nun wesentlich schärfer und das goldene RA Logo zeigt sich auf dem Label erhaben. Dazu gibt es bei Rums mit über 25 Jahren Reife sogar auch noch eine neue Box. Doch dazu zu gegebener Zeit mehr. Jetzt würde ich sagen, schauen wir uns dann erstmal den guten Tropfen aus Belize einmal genauer an!

Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich eine Flasche dieses Rums zur Verkostung, sowie zu Fotozwecken gratis erhielt. Auf meinen Geschmack und die Bewertung hat dies selbstverständlich aber keinen Einfluss. 



Verkostung des RA Belize Rum 13 YO Travellers 2007:

Preis: die unverbindliche Preisempfehlung für den Belize liegt bei 64,95€ / 0,5 Liter.

Alter: von Juni 2007 bis Januar 2021 durfte der Rum insgesamt 13 Jahre im Fass reifen. 

Lagerung: der Rum lagerte während der ersten sieben Jahre seiner Reifung in tropischem Klima und während der letzten sechs Jahre in Europa. 

Fassnummer: die interne Fassnummer lautet #118. Dieses Fass ergab noch 389 Flaschen a 0,5 Liter. 

Angel's Share: unbekannt. 

Alkoholstärke: High Proof - der Rum kommt leicht verdünnt daher und weist einen Alkoholgehalt von 58,9 % vol. auf. 

Destillationsverfahren: der Rum wurde via Column Still gebrannt.

Mark: unbekannt

Farbe: schöne gold-braune Kastanie.  

Viskosität: der Rum bildet kleine Tropfen oben am Glasrand und verläuft dann in filigranen, relativ engen, parallel zueinander verlaufenden Schlieren am Glas herunter. 

Nase:
 ouh... in der Nase wartet dann auch direkt die erste große Überraschung! Das ist nicht das, was ich von den Belize-Bottlings früherer Jahre in Erinnerung behalten habe, das hier ist definitiv besser! Holy shit, was ist denn da passiert?! Selbst nach mehreren Ansätzen denke ich spontan immer wieder eher an einen tropisch gereiften Column Still Demerara aus z.B. Diamond oder Albion als an Belize. Aber fangen wir mal von vorne an. Alkoholische Schärfe ist natürlich ein Stück weit da, sie fällt aber für das verhältnismäßig junge Alter des Rums doch eher gering aus, zumal wir es ja mit einem Double Maturation Rum zu tun haben. Sieben Jahre in den Tropen sind da ein guter Grundstein, der durch sechs weitere in Europa nochmal ein wenig abgerundet wurde, aber der Rum ist eben nicht komplett tropisch gereift und das merkt man schon auch. Dennoch entsteht hier, gerade eben für das Alter, durchaus der Gesamteindruck eines schon sehr reifen Rums, der aber noch nicht komplett von seiner Reifung dominiert wird. Das Bouquet empfinde ich als nicht unbedingt besonders komplex, zugegeben, aber was mir dafür umso mehr gefällt ist die Intensität mit der der Belize um die Ecke kommt und da hat die tropische Reifung wiederum wunderbare Arbeit geleistet. Dazu ist das, was ich an Assoziationen habe auch sehr ansprechend. Diese hat Dominik in seinem Promo-Video zum Rum bereits sehr treffend zusammengefasst. Die Nase wird sehr dominiert von Kokosnuss, allerdings nicht von dieser künstlich-süßen Art von Kokosnuss wie man sie häufig bei Spirit Drinks findet, sondern von natürlichen Assoziationen. Damit einhergehend habe auch ich viel Leder und Trockenfrüchte. Dazu kommen leichte Lösungsmittel, Bourbon Vanille, Mangos, Papayas, Salzkaramell und Tannine. Und ja, letztere sind bereits überraschend deutlich ausgeprägt. Überhaupt ist der Holzeinfluss bei diesem Rum bemerkenswert. Und je länger der Rum im Glas verweilt, desto deutlicher werden tatsächlich auch die Demerara Anklänge - das ist ein absoluter Traum bis hierhin! Immer wieder führe ich das Glas zur Nase und ich nehme einen vollen Zug dieses Rums, der macht unglaublich viel Spaß!

Gaumen: der erste Eindruck am Gaumen hat für mich schon etwas leicht ernüchterndes, insofern, als dass der Belize hier dann doch seine eigentliche Herkunft nach außen kehrt und, viel deutlicher als das noch in der Nase der Fall war, offenbart, dass er am Ende des Tages doch ein Rum ist, der eher dem spanischen als dem britischen Stil zuzuordnen ist. Und doch, kann der Rum auch hier einiges. Na klar, wie schon in der Nase abzusehen war ist der Rum nicht zwingend komplex, das möchte er auch gar nicht sein, aber er ist leicht zugänglich und er ist lecker! Die Zugänglichkeit rührt nicht zuletzt sehr wahrscheinlich auch von der Verdünnung her, die in einem Rum resultiert, dessen alkoholische Schärfe diese Bezeichnung nicht wirklich verdient. Der Rum ist trotz der immerhin noch 58,9% vol. ungemein mild und auch größere Schlücke sind problemlos möglich. Tatsächlich fiel es mir bereits mit dem ersten Schluck aber auf, dass der Rum eine leichte Verdünnung erfahren hat. Das ist zwar einerseits schade, also für mich ganz persönlich zumindest, denn ich glaube, der hätte auch in der vollen Fassstärke funktioniert. Allerdings muss man dazu ergänzen, dass Connaisseure wie ich wohl eher nicht die Hauptzielgruppe dieser Abfüllung waren, sondern dieses Bottling möchte vor allem auch (fortgeschrittene) Einsteiger erreichen, die von einem wesentlich höheren Alkoholgehalt vielleicht noch teilweise verschreckt worden wären. Insofern ist die Entscheidung komplett nachvollziehbar. Dahinter habe ich dann eine leichte Süße zu Beginn, die aber wesentlich weniger ausgeprägt ist als bei vielen anderen Rums. Hier kommen dann schnell ebenfalls Kokosnuss, dieses mal auch die Bitterschokolade, sowie eine sehr dominante Tabaknote zum tragen. Dazu ein Hauch Haselnuss. Der Rum wird mit jeder Sekunde am Gaumen merklich trockener und bekommt einen starken Einschlag von trockenem Eichenholz. Teilweise erinnert mich das an Foursquare, wobei hier mehr los ist als bei den Barbadiern. 

Abgang: es verbleibt ungemein viel Tabak am Gaumen. Immer noch an Foursquare erinnernd und auch sehr spanisch anmutend nun. Es kommen merkwürdige Assoziationen zu einer Art süßlichen Holzsuppe auf, das ganze sehr trocken werdend und mit verhältnismäßig wenig Nachhall.

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Fazit:
 hier ein faires Fazit zu ziehen fällt mir schwerer als bei anderen Rums! Denn wenn ich mich rein darauf konzentriere, was ich als Fan der Schwergewichte aus Guyana, Trinidad oder Jamaica von diesem Rum, einem Belize (!), erwartet habe [Spoiler: war nicht so wahnsinnig viel😉], dann hat der Rum absolut überperformt und alles übertroffen was da vorher an Gedanken gewesen ist! Vor allem in der Nase, der für mich uneingeschränkt stärkste Part dieses Rums, hat einen der RA Belize wirklich für einen kurzen Moment von Demerara für schmales Geld träumen lassen. Und genau da bin ich dann aber auch in die Falle getappt, denn ich hätte mich natürlich gefreut, wenn dieser Eindruck auch am Gaumen noch etwas mehr Bestand gehabt hätte. Einzig: der Rum ist und bleibt ein Belize und ein Rum des spanischen Stils und einem Demerara nachzueifern ist tendenziell also gar nicht sein Anspruch. Kann ich dem Rum dementsprechend überhaupt vorwerfen, dass ihm das zu irgendeinem Zeitpunkt weniger gelingt als zu einem anderen? Nein, selbstverständlich nicht, nicht im Geringsten, überhaupt nicht! Und doch ist es ein bisschen wie früher in der Schule, wenn man vor einer Klausur mit einer 4 zufrieden gewesen wäre, während der Klausur dann gemerkt hat, dass vielleicht doch richtig was geht und am Ende unzufrieden mit einer 3+ war. Was ich also sagen möchte: RA ist es (mal wieder) gelungen, ein Fass eines Stils zu finden, dem man als festgefahrener Nerd erstmal vielleicht nicht viel zugetraut hätte, und das einen dann unerwartet positiv überrascht! Das war 2019 schon beim Australier und letztes Jahr auch beim Trinidad 2001 der Fall, und der Belize reiht sich in diese Riege munter ein! Die Nase lies mich von 90 Punkten + x träumen, der Gaumen und der Abgang haben ihn dann aber bei 86 Punkten gehalten. Wer jetzt aber vielleicht denkt, Moment mal, 86 Punkte, das ist bei dem Flo aber nicht so viel: lasst euch an dieser Stelle auf keinen Fall von meinen oft noch viel höheren Scores auf BAT blenden, denn die geben immer nur die Spitze dessen wieder, was ich überhaupt verkoste und vorstelle. Das Gros der Masse landet natürlich weit darunter, auch wenn das von außen nicht immer transparent einsehbar ist, und auch die meisten Belizes die ich bisher im Glas hatte kamen nicht in diese Regionen (wenngleich ich mir da nun auch einige andere, die ich noch nicht kenne, sicher mal noch genauer ansehen werde). 86 Punkte, das ist an dieser Stelle ein kleines Erdbeben, ich erinnere mich nicht daran, dass ich einem anderen Spanier jemals auch nur annähernd so viele Punkte gegeben habe! Der ebenfalls sehr schöne Antigua von Velier beispielsweise landete bei mir bei 82 Punkten... Und dementsprechend bleibt mir nur, diesen Rum vor allem Einsteigern zu empfehlen, die gerne von Spirit Drinks wegkommen möchten, aber auch fortgeschrittenen, die nicht immer den absoluten Oberhammer brauchen, der einen komplett aus den Latschen haut! Ihr wolltet einen Rum, den ihr ohne nachzudenken einfach mal auf den Tisch stellen könnt, egal wer gerade (18+😉) dran sitzt, einschließlich euch selbst? Da ist er! Viel Vergnügen damit!

-86/100-


Bis demnächst
Flo